Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gestrält, adj.

gestrält, adj.
part. zu strälen (s. d.), gekämmt: gestrält oder gericht haar. Maaler 177ᵃ; in bildlicher anwendung, zierlich geordnet: gestrält, wol aufgebutzt. ebenda; es ist strefflich, da einer sich zwingt und tringt seine red hübsch zesetzen mit gestrelten zierlichen auszgestrichnen feinen worten. Keisersberg sünden d. munds 55ᵇ; so bruchtent die heiden (im gebet) vil hübscher gesträlter wort. postill 2, 7ᵃ; ungesträlet, incultus, inornatus Stieler 2187.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1895), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4247, Z. 69.

strahlen, verb.

strahlen, verb.
radiare, fulgere, fulminare.
1)
entspr. strahl 2 vom niederfahrèn des blitzes: es (hatte) einen gantzen mittag ... gewittert, gedonnert, gestralet, gehagelt Dannhawer catechismusmilch 5, 1299; man musz gleich auf den sehen, ders gegeben hat, der gestrahlt und einmal dahinein geblitzt hat Zinzendorf gemeinreden (1749) 11;
die ainod Kades drob erschrickt,
das halb Araberland erstickt,
wann es so stralt und wittert
Fischart gesangb. 160, 4 Kurz;
hierher auch: als zween seiner jünger auf die Samariter ... mit feuer strahlen wolten ... Zinzendorf Socrates (1726) 82. vergleichsweise: kein blitz stralt so schnell, als dieses edelmanns sinn sich verändert Harsdörfer Heraclitus (1661) 48; vgl.stralen oder einen plötzlichen stral von sich werfen, der gleich aufhöret wie der blitz Ludwig (1716) 1885; denn so geschwind der blitz von osten bis gen westen strahlet, so ... Zinzendorf Matth. 24, 27. übertragen:
auch in der wiegen strahlt der sinnen hoher blitz,
und jeder spricht: so musz ein held von helden stammen
Ziegler asiat. Banise (1689) II
2)
entspr. strahl 3 a: es strahlten die kerzen, es klangen die gespräche Stifter w. 2, 169; schon früher (bildlich): die fackel strahlt vgl. Dusch verm. w. (1754) 35; auch: mit tausend flammen str. vgl. Stieler geharn. Venus 19 ndr. (in allen farben G. Keller w. 3, 109):
a)
besonders entspr. strahl 3 b: str.-en, immerfort stralen von sich werfen, wie die sonne thut Ludwig (1716) 1885;
die güldene morgenröt schwunge die flügel,
sie strahlte, bemahlte die felder und hügel
S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 1 (Treuer Dädalus 1, 342);
wenn mir der sonne schimmer
vom meere strahlt
Göthe 1, 58 W.;
die sonne strahlt am ersten hier,
am längsten weilet sie bei mir,
ich bin der knab vom berge!
Uhland ged. 1, 17 krit. ausg. (Erlach volksl. 3, 111);
es strahlte der mond Heinse w. 3, 483 Sch.; auch: über ihm strahlet der himmel Schubart br. 1, 128 Strausz;
die ungezählten sternenscheiben,
in welchen sein (des schöpfers) unschätzbar nachtgewand,
das blaue firmament, so herrlich stralt
Triller poet. betrachtungen (1750) 1, 3;
da strahlt der morgen mit der lieben frische
Tieck schr. 2, 90.
einem str.:
um der edlern willen strahle
deine liebe sonn der welt
Schubart ged. (1825) 1, 24 (Wieland I 1, 275 [moral. br. 8, 89] ak. ausg.);
vgl.
ihr zu liebe strahlen lenz und sommer hie
Göthe 4, 237 W.
mit einer localen bestimmung, so aus: welten, die aus unbegreiflichen fernen durch blosse gläser zu uns strahlen J. G. Zimmermann v. d. nationalstolze (1758) 128;
der hohe stern des abends stralet
aus wolken, welche um ihn glühn
Schiller 1, 280 G.
(Herder 23, 19 S.; aus dem tiefblau des himmels Helmine v. Chezy erz. 1, 39). nieder:
lange strahlt die sonne nieder
Arnim w. 12, 17.
durch: die Venus, welche als abendstern einzeln durch die leichten wolken strahlte Nicolai reise 2, 475 (durch blütenzweige Salis ged. [1793] 40);
ihr wälder, wo kein licht durch finstre tannen strahlt, ...
seid mir ein bild der ewigkeit
A. v. Haller ged. 150 H.;
(durch die luft A. Gryphius trauersp. 152 Palm);
gebrochnes licht, das durch die dünste strahlet
A. G. Kästner verm. schr. (1755) 1, 69.
auf u. s. w.: diese zerschmelzen, ... sobald die sonne ... darauf strahlet Butschky Pathmos (1677) 700 (Ramler fabellese 1, 4);
und wie der mond auf teiche stralt
J. G. Jacobi w. 1, 11.
in: die aufgehende sonne strahlt beyden gerad in die fenster Bräker der arme mann im Tockenburg 1, 11; sonne, die auch nach ihrem niedergang noch mit erquickendem widerschein in des menschen gemüt strahlt Scheffel w. 1, 151; vgl.
ach! strale doch mit hellem lichte
auch Zions feinden ins gesichte
Gottsched ged. (1751) 1, 303.
b)
bildlich als cigenschaft des glaubens, der hoffnung, des menschlichen ruhmes u. s. w. oft in deutlicher anknüpfung an den vorigen gebrauch, so im vergleich: dann werden die gerechten strahlen wie die sonne Zinzendorf Matth. 13, 43 (Raupach dram. w. kom. gatt. 3, 325);
das kleinod eurer jugend
strahlt als ein grosser stern
Neukirch anfangsgründe (1724) 45;
wann, o lächelndes bild, welches wie morgenroth
durch die seele mir stralt, find ich auf erden dich?
Hölty ged. 102 Halm;
dasz ich wie eine sonne strahle
dem vaterland und meinem haus!
Mörike w. 1, 134 (Stägemann kriegsgesänge 53).
so mit entspr. bestimmung: (die meinung,) ihm werde die sonne des glücks nie wieder str. Treitschke deutsche gesch. 1, 326 (die sonne der verherrlichung Castelli w. 10, 51; ein hoffnungstern Deinhardstein dram. w. 1, 1 (14);
doch hat das licht der reinen lehre
erst schwach gestralt, dann hell geblitzt
Gottsched ged. (1750) 148
(der kenntnis licht Klopstock oden 2, 147 M.-P.);
ob der tag das recht verkehre,
ewig strahlt der stern der ehre,
kühn in heilger nacht enzündet
Eichendorf w. 1, 371
(der annerkennung sonnenschein Hoffmann v. Fallersleben schr. 5, 315). auch:
die tugend strahlt mit ihrem sonnenlichte
tyrannen mehrenteils so kräftig ins gesichte
Lohenstein Ibrahim sultan 37.
so menschliches wiedergespiegelt im bereich des makrokosmus:
eine schönere sonne
und ein milderer Hesperus
stralt im inneren ihm
Herder 27, 33 S.;
nacht musz es sein, wo Friedlands sterne strahlen
Schiller 12, 292 (Wallensteins tod 3, 10) G.
(die sonne des französischen hofes Herder 18, 152 S.). sogar:
aber seine (des todes) gefürchtete nacht
zeigt auch heller das himlische licht,
welches dicht hinter ihr strahlt!
Klopstock oden 1, 144 M.-P.
α)
richtungsmäszig bestimmt: ihre (der brüder Grimm) prunklose genialität strahlt mit einem sanften glanze durch die kommenden zeiten W. Scherer kl. schr. 1, 14;
mir wird der schöne tod zu einem hellen licht,
das als ein schimmernd stern wird durch die nachwelt stralen
A. Gryphius trauersp. 607 Palm;
seht den bejahrten fleisz erfahrner generalen
auch aus der dunkelheit der nebelwolken strahlen
Pietsch geb. schr. (1740) 24;
die fähler werden schön und tugend strahlt aus schwächen
A. v. Haller ged. 62 H.;
wenn einmal wieder ... das bild eines helden in die nacht meiner seele strahlte, dann ... Hölderlin dicht. 2, 47 L. (Novalis schr. 4, 123 M.): mir strahlte dein vater ... gleich ins herz Hippel lebensläufe (1778) 1, 249;
ach so strahlet trost und freude
auch in meinem gröszten leide
mir ins matte herz hinein
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustg. (1657) 57.
auch:
bald werden wir in jenen höhn,
o freund, ihn (Young) selber strahlen sehn
J. A. Ebert episteln (1789) 113.
vgl. auch: dort, dort strahlen die herrlichsten wahrheiten Adelung magazin 2, 2, 71;
wo strahlt ein trost der seele?
Arnim w. 22, 352 (über alle 15, 387);
nach Wien, von wo Hildebrands ruhm strahlte K. E. v. Bär reden 1, 6;
und keine friedenshoffnung strahlt von fern
Schiller 12, 8 (Ws. lager, prol.) G.
β)
mit angabe über wesen, wirkung u. s. w.: (hier,) wo ihm die göttlichkeit des geläuterten christenthums mit voller klarheit in die seele stralte Lavater verm. schr. (1774) 1, 155 (mit ungeborgtem glanz Eschenburg beispielsamml. 2, 406; im magischen lichte Gotter 3, lxxvi).
und heiter stralt die wissenschaft
J. H. Vosz ged. (1802) 5, 37
(Odyssee 127 Bernays; hoffnungsreich M. Beer w. 8 Klytemnestra 1, 2). vgl. noch:
mein freund, der stern ist im gehirne,
der dir so unglückselig straalt
Chr. Weise überfl. gedanken 18 ndr.
γ)
selten absolut: es sind wohl mehr als zweihundert gulden; ja, ja, das glück hat mir gestrahlt Kotzebue dram. w. 1, 249.
3)
entspr. strahl 4: das auge strahlt Ramler lyr. ged. (1772) 308 (Gottsched ged. [1751] 1, 106); in der fülle der jugendkraft strahlte sein auge Freytag 4, 13; auch: ein schwarzer schleier, durch den .. der unsichere feuerblick des mannes strahlte Holtei erz. schr. 2, 4; vgl.
auch durch der theologie schleier
strahlt neu ein licht, ein tugendfeuer
Brentano schr. 2, 14.
a)
mannigfach gewendet:
weil majestät bei huld aus seinen augen strahlt
Heräus ged. (1721) 43;
da nun auch unter andern dero tugenden die freigebige dankbarkeit aus ihren helsten äugelein stralet, so ... Petrasch lustp. 1, 135 (kein herrscherblick v. König ged. [1745] 118);
gerührt durch einen blick, in dem die tugend glühet,
aus dem die arbeit strahlt, aus dem die liebe lacht
Cronegk in samml. v. schausp. (1764ff.) 4; vgl. auch schr. 2, 116 (Grabbe w. 1, 179 Bl.);
auch:
aus ihrem schönen aug stralt reiz mit ernst vermählt
Wieland I 1, 123 ak. ausg.
(launiger scharfsinn H. P. Sturz schr. [1779] 1, 10; muth und ergebung Thümmel reise 8, 219; hohe andacht Bahrdt gesch. s. lebens [1790] 2, 147; friede des himmels Gotter 3, 124); wenn aus den groszen schönen, sonst matten augen die freudigkeit des himmels strahlte H. Steffens was ich erlebte 1, 155 (die freude Castelli w. 14, 36; zuversicht und friede und freudigkeit Aurbacher volksbüchlein [1835] 99; ein reines unverdorbenes gefühl Deinhardstein dram. w. 1, 29 [liebelei u. liebe 1, 8]); aus den blauen augen dieser krieger str.-t altpreussischer heldenmut H. Seidel Leberecht Hühnchen 80; das glück, sich endlich einmal aussprechen zu dürfen, strahlte aus seinen dunklen augen Polenz Grabenhäger 1, 109; nur vereinzelt daneben blick und offenbar als weniger anschaulich empfunden: welche überirdische grösze strahlte aus jedem blick der herrlichen frau E. Th. A. Hoffmann w. 2, 15 Gr.;
sie liest. ich seh ihr edles wesen,
das ihr aus blick und minen stralt
Gottsched ged. (1751) 1, 189;
da strahlet freud aus seinen blicken
Kretschmann w. (1784) 1, 64;
in barocker verschränkung:
welch ein heitres augenlicht
stralt mit unschuldvollen blicken
Gottsched ged. (1751) 1, 351;
vgl. auch
ach deines schöpffers huld
strahlt voller gnadenblicke
B. Schmolcke trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 88;
von: seine augen strahlten von einem lebhaften feuer v. Lön kl. schr. (1749) 1, 41 (von entzücken Immermann w. 1, 57 H.; von liebe und zärtlichkeit G. Freytag w. 11, 130; von unschuld Mörike 1, 97 G.);
sein sanftes auge stralt von einem heitern lichte
Gottsched ged. (1751) 1, 12;
auch: blaue und dunkle augen str.-en von einem und demselben feuer Holtei erz. schr. 5, 196 (von einer eigenen bläue Immermann w. 2, 136 H.) seltner in: (ein frauenbild,) dessen augen in sanftem und lieblichem feuer strahlten G. Keller w. 5, 235;
ihr antlitz strahlt in freude ganz
Brentano schr. 2, 16;
instrum. mit: ihre schwartzbraune augen strahleten ... mit liebreitzenden blicken Grimmelshausen 4, 590 Keller.
b)
begrifflich sich erweiternd, vom antlitz, der miene u. s. w.: ein antlitz, das vor wohlbehaglicher selbstgefälligkeit glänzte und strahlte Eichendorf w. 2, 151 (O. Jahn Mozart 3, 464); das feine gesichtchen strahlte ganz von stolz und anmuth Storm 1, 65 (vor freude Ebner-Eschenbach schr. 4, 64); (es) begann Thiels gesicht sich aufzuhellen, bis es förmlich strahlte von innerer glückseligkeit G. Hauptmann bahnwärter Thiel (1892) 14 (von lust Müllner dram. w. 2, 63 [schuld 2, 4]);
es strahlt unschuld und liebe dir
klar von allen gesichtern,
wie vorzeiten im vaterland
Novalis schr. 1, 255 M.;
aus jeder kindischen miene stralte die morgenröthe eines verstandes, einer leutseligkeit Lessing 2, 267 (S. Sampson 1, 1) M. (J. G. Forster schr. 1, 34); (ein) graf, aus dessen minen schon staatsklugheit, witz, verstand ... strahlet briefe die neueste litt. betr. (1761) 11, 66; (das) mädchengesicht, dessen züge von der lieblichsten freude strahlten O. Ludwig schr. 2, 448;
nicht eher, herr, als bis ihr eure züge,
die menschlichen, die euch vom antlitz strahlen,
wahr macht durch eine tat der menschlichkeit
H. v. Kleist 1, 432 (zerbr. krug. 12) Schm.
sogar: jenes sanfte lächeln, aus welchem die reinste tugend zu stralen schien theater der Deutschen (1768) 12, 130; durch die thränen der sultanin strahlte ... ein spöttisches lächeln Klinger w. 10, 169; all ihr winken und deuten strahlte von feierlichkeit O. Ludwig schr. 2, 54.
c)
als ausdruck der gesamtpersönlichkeit: dieser strahlte, als sein auge auf die eng beschriebenen bogen fiel Fontane w. I 1, 147;
du strahlst und blühst — ich aber stehe schon
an meiner spätsten jugend rande!
Freiligrath 1, 130;
könig Max Joseph strahlte vor freude, als ... Treitschke deutsche gesch. 3, 192 (vor wallender freude Klopstock Messias 4, 1040); und bald strahlt er wieder von kecker siegeszuversicht Treitschke hist. u. polit. aufsätze 1, 81 (von jugend, schönheit und seelenhoheit E. M. Arndt w. 1, 171 R.-M., vgl. kinder- u. hausmärchen 1, 385); im hellen zorne strahlen Lenau Faust 84 (in eitler lust Holtei erz. schr. 24, 262); (die braut) strahlte in harmloser seligkeit B. Auerbach schr. 15, 138 (in der blüthe der jugend L. Steub drei sommer 1, 218);
aber vor allem strahlt Äneas im glanze der schönheit
Bürger 246 Bohtz.
noch vergleichsweise: wie die sonne strahlte die muthwillige Heinse w. 4, 57 Sch.
recht wie ein sternlein strahlte
die kleine Katharin
Mittler volksl. 409;
(Erlach volksl. d. Deutschen 3, 554; wie ein engel Pfeffel pros. vers. 5, 86);
im lichte wird ein neues licht entzündet,
so strahlt die braut verklärt in reiner schöne
A. W. Schlegel im Athenäum 2, 141;
wie die wellenschaumgeborne
strahlt mein lieb in schönheitsglanz
Heine 1, 72 E.;
doch wenn es (ein volk in seinem siegeskranz) nicht von
wie eine hochbeglückte braut, güte strahlet
so ist sein lohn ihm ausgezahlet,
und seine freiheit fährt ins kraut
G. Keller 10, 59 (revolution).
d)
mit einer weiteren bestimmung: erröthend strahlen Bismarck br. a. s. braut 235;
wenn ich beschau dein äugelein,
nenn ich sie sternelein,
die tugendlich prahlen
und wonniglich strahlen
Ang. Silesius heilige seelenlust 33 ndr.;
es strahlen
perlend die augen von himmlischem thau
Schiller 11, 34 G.;
gute botschaft harret dein,
denn fröhlich strahlt der blick des kommenden
14, 36 (braut v. M. 532) G.;
da ward ihr auge voll thränen so klar,
es strahlte so wonnig, so eigen
Chamisso 3, 54;
ihr feuchtes auge strahlte minniglich
A. v. Droste-Hülshoff 2, 204 (Walther 2).
durch vergleich: bis sein gesicht im reflex des goldenen herzens strahlte, gleich einer sonne ... Ebner-Eschenbach schr. 4, 370.
mir strahlt kein stern so schön als Selims blicke
Hagedorn poet. w. 3, 103 (A. v. Droste-Hülshoff w. 2, 327).
4)
entspr. strahl 5: von gold und silber str. radiare d'oro e d'argento Kramer dict. 2 (1702), 996ᵃ; (die) angelsächsische krone, die auf Edgars haupte strahlte Ranke w. 14, 20; vgl. es sind bald hundert jahre verflossen, seit die preuszische krone zum ersten male strahlte Fr. L. Jahn w. 1, 21 E. gern bildlich:
wo die krone des lohns, keine vergängliche strahlt!
Klopstock oden 1, 177 M.-P.;
(Schubart ged. 2, 283); die krone der ewiglichen wonne S. Brunner erz. 1, 130; in silber str. vgl. Overbeck verm. ged. (1794) 242 (in ihren perlen und diamanten jb. d. Grillparzer-ges. 8, 86); da der schimmer des goldes und des putzes in ihre augen strahlte Klinger w. 3, 98 (vgl. Schwabe belustigungen [1741] 1, 201); brillantringe strahlten an ihren fingern Castelli w. 10, 67;
bring eine goldne kette, häng sie ihm
um hals und schultern, dasz auf seiner brust
mein (des königs) bild ihm strahle
Stolberg w. 4, 59 (vgl. Rückert w. [1867 ff.] 1, 82);
im schwarzen haar strahlt heller steine zierde
A. v. Droste-Hülshoff 2, 224 (Walther 4);
vgl.
halbes erbgut strahlt
an ihm und dem gefolg und pferden und carossen,
er schimmert an dem hof
Wieland I 1, 277 ak. ausg.;
auch:
sein schwert zum tödten fertig stralt
Denis lieder Sineds (1772) 31 u. ö. (der glanz des helms Kretschmann w. 1, 48);
er trug ein funkelndes stahlgewand,
das blitzte hinunter und strahlt und glimmt
Strachwitz ged. 55.
(bildlich:)
und von seinem wappenschilde
strahlet die gerechtigkeit
Böhme volksth. lieder 15;
eine wohnung strahlt vgl. J. H. Vosz Odyssee 113 Bernays; in den wohlhabenden familien strahlten die festräume von verarbeiteten gold- und silbermassen G. Freytag w. 17, 286; auch der purpur strahlt Gottsched ged. 1 (1751), 151;
was strahlet, was prahlet, was blitzen vor spitzen
in diesem fürtreflichen zimmer allhier?
Zesen vermehrter Helikon (1656) 1, 142;
vgl.
es strahlet und pralet, bemahlet,
das stickwerk der erden
S. v. Birken pegnitzschäferei (1645) 34;
die niedre kammer tausch ich um mit zimmern,
wo decken strahlen, wo tapeten schimmern
Göthe 13, 1, 136 W.;
dazu: farbe, wie sie sich auch menget, striemet und stralet Schottel haubtsprache (1663) 82; von den goldbuchstaben einer inschrift:
wenn du mein grabmal siehst, worauf die inschrift strahlt:
Ramler einl. (1758) 1, 400;
des dichters nam allein, der von der urne stralt
Mastalier ged. (1774) 115;
vgl.
das wort, das an das creutz gemahlt
im blutrubinenfeuer strahlt,
das heiszt: hier hängt Immanuel
Zinzendorf teutsche ged. (1766) 365.
auch (bildlich) im hinblick auf den gedankeninhalt einer schrift J. D. Falk satiren (1800) 1, 43.
a)
in der blumenschilderung:
und der goldne krokos stralet
J. M. Miller ged. (1783) 2;
(blumen,) die noch der perlen tau befeuchtet,
strahlt und leuchtet
Zesen rosenmând (1651) 2.
auch: (früchte,) die auf dem ambrosischen tische strahlten G. Keller w. 7, 438; begrifflich erweitert:
ach du lichtgrüne welt
und wie strahlst du voll lust!
Böhme volksth. lieder 221 (J. A. Cramer ged. 1, 6);
und in einer vermischung mit 2: um so trübseliger ..., je klarer drauszen der sommer strahlte Holtei erz. schr. 19, 94.
b)
bildlich: die tugend stralet auch im finstern la virtù radia, risplende anco nell' oscuro Kramer dict. 2 (1702), 996ᵃ; du, o tugend, schön strahlst du in des menschen seele! Schiller 1, 68 G. (vgl. J. E. Schlegel w. [1761ff.] 4, 71); der hohepriester, auf dessen brust licht und recht strahlen sollte Hippel lebensläufe 3, 1, 211; die hohe schönheit (das ideal des schönen), die ewig in mir stralet Jean Paul Hesperus 1, 61 R.;
Lisett und Silvie, ihr perlen unserer zeit ...
aus eurem wesen strahlt selbst die vollkommenheit
Hoffmannswaldau ged. 2, 32;
die gute laune, welche aus ihren scenen strahlt Freytag w. 14, 42 (seine religiöse gesinnung Ranke s. w. 4, 193).
c)
von personen 'sich hervorthun, sich glanzvoll auszeichnen, ruhmvoll leben' u. s. w.: ich Damocles schlug die krone aus, um im glanz der unerwarteten that hell zu str. Klinger neues theater 2, 139 (Th. Abbt w. 2, 41, 58); Westermann ... strahlte als heerführer in den schluchten und forsten der Vendée H. v. Kleist 4, 170 Schm.; Robespierre, der seit seinem rücktritt von der macht in allem glanze der selbstverläugnung strahlte Dahlmann franz. revolution (1845) 401; prof. Gans strahlt im reichen glanze seiner beredten und oft kühnen vorträge fürst Pückler briefw. 3, 362;
so löscht der gröszre glanz den kleinern aus:
ein stellvertreter strahlet wie ein könig,
bis ihm ein könig naht
Shakespeare 4, 138 (kaufm. v. Venedig 5, 1).
von einem ganzen zeitalter:
dasz ich ohne neid
darf mustern jegliche zeit,
weil in hellestem scheine
vor jeder strahlt die meine
Rückert w. (1867 ff.) 1, 44.
5)
entspr. strahl 6: kleine löchlein, wodurch die milch str. musz Gehema säugamme (1698) B 5ᵇ;
sin blot sach men dar stralen
Uhland volksl. 939.
auch: 'urinieren' (vom pferd) vgl. Fischer schwäb. wb. 5, 1821, wie sonst stallen (th. 10, 2 sp. 616ff.).
6)
prägnant 'wiederstrahlen':
der sonne bild,
das dort auf deinem spiegel strahlt
S. Gessner w. (1778) 2, 11;
sie (die wellen) sahen Auroren und strahlten ihr bild
Herder 25, 606 S.;
gehört das bild mir, das der spiegel strahlt?
H. v. Kleist 1, 254 Schm.;
vgl. denn dort (in jenem leben) ... strahlen dem redlichen nächte nicht minder als tage die sonne Klinger w. 4, 41; auch: bei aller sättigung kann die farbe dennoch von vielem lichte strahlen Göthe II 3, 58 W. vgl. dazu (entspr. 4 a):
narzissen und rosen die strahlen allhier (auf den wangen)
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustwäldchen (1657) 1, 232;
ins gefild hin, wo die ähr und die winzerin strahlt
Klopstock oden 1, 175 M.-P. (G. Keller w. 1, 202);
übertragen:
(flaggen,) die von Venedigs altem ruhme strahlten
Platen w. 1, 165 R.
bildlich:
dass unser sieg in deinem lied
aufs neu verherrlicht strahle
Geibel w. 2, 107;
gegenwart strahlte im sonnenlicht Herman Grimm Michelangelo 1, 326 (Gervinus gesch. d. deutschen dicht. 5, 588).
7)
beispiele einer richtungsbestimmung: herauf Eichendorf w. 2, 81;
es (das blümchen) strahlt empor mit glutverlangen
Körner w. 2, 16 H.
nieder Klopstock Messias (1780) 4, 99: sein leben entsprach seinen predigten; denn es stralte die volle würde eines erleuchteten gottesgesandten herunter Schubart leben 1, 76; zu:
sie strahlen Cekrops geschlechte zu!
Stolberg w 4, 32.
gegen:
da stand sein engel
und strahlte gegen ihn
Kretschmann w. (1784) 1, 307;
(einem entgegen vgl. Pfeffel pros. vers. 5, 55). die liebenswürdige Sophie stralte diesen tag mit mehr munterkeit und witz hervor als gewöhnlich J. J. Chr. Bode Thomas Jones 2, 108; um sich str. Jung-Stilling w. 3, 357; als dumpfe empfindung, die über den ganzen leib strahlte Ompteda Sylvester v. Geyer 2, 113.
8)
mit einem acc. der wirkung, des inhalts u. s. w., so entspr. 1:
er blizet bliz auf bliz, er strahlet strahl auf strahl
und dundert klapf auf klapf mit jamer, grewel, wunder
Weckherlin ged. 2, 42 F.;
ein auge strahlt blitze vgl. J. A. Schlegel verm. ged. (1787) 1, 67. entspr. 2: die lampe ... strahlte ein gedämpftes licht Laube schr. 15, 173;
mit der sonne, die kam und gottes herrlichkeit strahlte
Klopstock Messias 14, 137;
und hoffnung strahlte dir die grosze sternenwelt
Tiedge w. (1823) 2, 170;
keine flamme der erleuchtung hat der göttliche geist in die herzen gestrahlt! Bettine dies buch gehört dem könig (1843) 1, 253; vgl. auch 1, 123;
dieser wird mein glück befördern, der wird seiner günste schein
auf mich, seinen diener strahlen
Neumark neuspr. deutscher palmb. (1668) 348;
ihr auge stralte himmelsglanz
Herder 25, 135 S.
diese anwendung auf auge und antlitz des menschen begegnet öfter: deine sünde ist vor mir hinweg gethan, mein antlitz strahlt dir lauter gnade (1757) Wieland ges. schr. I 2, 376 akad.; sein antlitz scheint eine freudige nachricht vor sich her zu strahlen ebda I 3, 12; die augen ... strahleten liebe Ramler einl. (1758) 1, 354;
vereint sterben wir, und linderung der qualen
wird mir dein blick, Zamor, wird dir der meine strahlen
Gotter w. (1787) 2, 463;
muth thront ihm auf der stirn; und herzensgüte strahlt
der sanfte blick
ebda 2, 69;
sonnenschein und frühlingslust ist kein bild, die wärme auszudenken, die ihr blick in meine seele stralte J. M. Miller briefw. dr. akad. freunde (1778) 1, 242;
und entbunden von den goldnen kindern
stralt das auge sonnenpracht
(1781) Schiller 1, 211 G.;
und aus den augen, friede strahlend, bricht
die goldne sonne des gefühls hervor
ebda 13, 249 G.
bildlich vom auge:
ihm (dem crystall) gleicht an werth kein edelstein,
er leuchtet ohne je zu brennen,
das ganze weltall saugt er ein ...
und doch ist, was er von sich strahlet,
oft schöner, als was er empfing
ebda 13, 390 G.;
der sohn blühte wie sonst, seine augen strahlten das vorige feuer Klinger w. (1815) 8, 118;
farbe des todes liegt
auf dem hageren antlitz,
nur dein auge strahlt heiterkeit
Novalis schr. 1, 258 M.;
(die) gestalt mit ... den liebe und sanftmuth strahlenden augen J. Kerner bilderb. (1849) 333;
9)
refl. sich strahlen (bei der kristallisation) strahlenförmige gestalt annehmen, s. o. strahl 8a, sp. 769 und unten strahlig 2, sp. 809; mehrfach in den schriften Leonhart Thurneissers, sicherlich weiter verbreitet: disen gereinigten und durch ein leder getruckten mercurium lasset ... stehn uber nacht, so coagulirt oder salsirt und stralet sich diser vnd setzt sich in dem wasser zuͦsamen wirckungen aller fremden erdgewechsen (1578) 138; der aluminische schwefel ... mag sich dem allaun (weil er vor der feuchte, in deren er sich stralet) nicht wider einleiben, dann er bleibt vnd schwebt allezeit ... oben magna alchymia (1583) 6; derhalben wirdt (der salpeter) allein digeriert und kocht so lang, bisz ungefahrlich der 3. oder 4. teil noch ubrig, als dann so lest man es stehen, damit es sich strale und zusammen wachse, welches an einer kalten unnd feuchten statt geschehen sol, dann zwar die feuchte ein treibende, die kalte aber ein zusammenziehende art an sich hat von kalten wassern (1572) 48; vgl.: dann allein diese drey ding (vitriol, alaun, salpeter) schiessen stralen in den minerischen selbs wachsenden dingen, sonst sindt noch vil ding, die schiessen oder wachsen und zum stralen gemacht werden ebda 46; so es salpeter wer, so wird der gewachsen stral etwas trüb und langspiessig sein und nicht also gevierdt und dreieckig wie dann der vitrill wechst ebda 46.
10)
strahlend, part. präs. zu strahlen, das in neuerer sprache sich zu einem selbständigen adjectiv mit eigenen verwendungen entwickelt.
a)
von einer lichtquelle, besonders von den leuchtenden gestirnen, s. o. strahlen 2, sp. 795: für menschliche augen zu strahlend, ... ist die sonne das echte sinnbild ihres unermeszlichen schöpfers A. v. Haller Usong (1771) 70; der morgenstern nicht von gleicher strahlender herrlichkeit Göthe I 24, 186 W.; da geht im osten die sonne auf und beschreibt im königlichen laufe den strahlenden bogen durch den mittag bis zum fernen westen Ritter erdkunde (1822) 1, 10; schöne regenbogen und besondre strahlende und farbige phänomene in westen Göthe III 3, 155 W.; die sonne erhob sich strahlend in einem unermeszlichen blau Stifter s. w. 5, 1 (1908) 89; der vollmond steht meinen fenstern strahlend gegenüber quelle a. d. j. 1892; eine strahlende lampe ebda 4, 150; bildlich: er glich der mächtig strahlenden sonne, die froh auf ihrem hügel weilt Bürger s. w. 284 Bohtz; den zusammenhangenden stralenden gang, den die kunst über völker und zeiten genommen, (nicht sehen) Herder 2, 124 S. durchaus üblich in dem erweiterten gebrauch: die pracht eines strahlenden sommermorgens Kürnberger nov. (1861) 1, 86; strahlender hochsommer Laube ges. schr. (1875) 1, 257; in jener von licht und leben strahlenden fruchtebene Nitzsch dt. studien (1879) 126; vgl. oben sp. 795:
ihr zu liebe strahlen
lenz und sommer hie
Göthe I 4, 237 W.
von licht- auf wärme- und energiequellen übertragen, besonders in der fachsprache: die strahlende wärme Lichtenberg verm. schr. (1800) 9, 257; prozesse, welche ... von der strahlenden wärme oder der fortpflanzung der lichtquellen abhängen A. v. Humboldt kosmos (1845) 1, 65; strahlende energie Boltzmann schr. (1905) 150; strahlende hitze hwb. d. staatsw. 4, 255; bei beginnender weiszgluth, bei weiszgluth und bei strahlender weiszgluth (als letztem grad) Muspratt chemie (1888) 5, 851.
b)
vom widerschein des lichtes, besonders vom reflex in einer spiegelnden metallenen oberfläche, s. strahlen 4 u. 6, sp. 798 u. 800: von gold und silber stralend radiante d'oro e d'argento Kramer dict. 2 (1702) 996ᵃ; wenn man ... einen spiegel gegen die sonne hält und denselben hin- und herrückt, bis der schein oder die strahlende reperkussion ins rohr (der kanone) blincke v. Fleming teutscher soldat (1726) 62; strahlende fäden S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 2, 112;
das strahlende erz in den händen,
ordnete (sie) zweymal oft eben dasselbige haar
A. W. Schlegel im Athenäum 1, 1, 132;
strahlendes gewand Fouqué held d. nordens (1810) 3, 87; o mein sohn, dessen strahlende locken alle tage die meernymphe Cymodoce gestriegelt maler Müller w. (1825) 1, 156; strahlender putz B. Auerbach schr. 16, 161; auch: die blinkenden equipagen mit strahlenden damen brausten vorüber Laube ges. schr. 8 (1877) 82; bildlich: die schöne knospe, die wir gekannt haben, ist nun eine entfaltete strahlende blume in gottes garten bei Weinhold Boie 112; von der leuchtkraft der farben: man wird in der mitte ein schönes papageigrün erblicken, weil gelb und blau sich strahlend vermischen Göthe II 5, 1, 29 W.; kropf und brust (des bienenfressers) schön blaugrün ... mit einem strahlenden gelbgrün angeflogen Naumann naturgesch. d. vögel (1820) 5, 465; gern vom glanz der waffen:
fahnen und standarten
und strahlende paniere
Gerstenberg schlesw. lit.-br. 98 lit.-denkm.;
in ehrner waffenrüstung strahlend Bürger 166ᵃ Bohtz; die ersten rittersleute ..., die ihm (Parzival) strahlend schienen wie der gott, von dem ihm seine mutter gesagt Gervinus gesch. d. dt. dicht. 1 (1853) 395;
er träumt, wie aus des himmels reichen
er selber steig im ritterkleid,
in waffen strahlend ohne gleichen,
und zieh hinan zum fernen streit
Rückert ges. poet. w. (1867) 3, 24;
über der weissen strasse hellem reigen
wandeln leuchtende sonnen, ungesehen
von dem menschen ...
... aber der geist erblickt die heerschar,
und vernimmt der strahlenden heere gottes
donnernden kriegsgang
Stolberg w. (1821) 1, 268.
c)
vom leuchten des menschlichen auges und antlitzes, doch erscheint strahlend nicht in einem gleich weiten anwendungsbereich wie strahlen (s. d. 3, sp. 796), sondern im wesentlichen nur als ausdruck für die sichtbare freudige erregung: freudig ward sein herz jetzt und entzücken strömt' aus seinen strahlenden augen maler Müller w. (1825) 1, 14; (er sagte) mit ganz strahlenden augen (1838) Dahlmann an Jacob Grimm, s. briefw. 1, 117 Ippel; Walpurga sah strahlenden auges auf die königin B. Auerbach schr. (1892) 1, 134; (sie) blickte ihn mit strahlenden augen an Gustav Freytag ges. schr. (1887) 9, 100; sie trat dem gast ... mit strahlenden augen entgegen ..., beide fühlten sich so froh und glücklich ebda 13, 37; sie gab ihm nochmals die hand ... und mit strahlenden augen, die sich mit tränen füllten, sagte sie: ich danke ihnen für ihre edle neigung Gottfr. Keller ges. w. (1889) 6, 221; als er die thür geöffnet hatte, sagte sein strahlendes gesicht alles; wie durch einen zauberschlag entzündet, glänzte sein glück auf dem antlitz der geliebten M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 1, 158; das schöne mädchen, strahlend vor freude Fontane ges. w. I 6, 210;
'zum reichsten paladin
von westen bis nach osten
mach ich dich ohne kosten'.
'was soll ich thun? so fragt der held
mit strahlender geberde'
Pfeffel poet. vers. (1816) 4, 49.
die anwendung auf die freudige erregung ist so fest, dasz jede nähere bestimmung fehlen kann: eines tages kam er strahlend und sagte ... Laube ges. schr. 1 (1875) 401;
herabgestiegen von der kanzel rauscht
er strahlend, kopf und schulter wiegend rasch vorbei
Mörike ges. schr. 1, 183 G.;
(er) kam strahlend aus der haustür zurück: 'gott sei dank, (sie) ist garnicht daheim' A. Seghers die toten bleiben jung (1950) 233. in jüngerer zeit erweitert sich der anwendungsbereich: (diese klagende melodie) wird bald abgelöst durch den strahlenden siegeston: 'der held aus Juda siegt mit macht' J. Müller-Blattau J. S. Bach, leben und schaffen 48 Reclam; nach e weisend: dies von stunden höchster beglückung und strahlenden selbstgefühls unterbrochene leben H. Hesse glasperlenspiel (1943) 1, 81; s. auch zusammenrückungen wie: strahlend vergnügt Kahlenberg Eva Sehring (1901) 152. der gebrauch greift auch auf das verbum über: (er) strahlte, als sein auge auf die eng beschriebenen zwei bogen fiel Fontane ges. w. I 1 (1905) 147; (er) strahlte vor wohlwollen Carossa tag in Terracina (1947) 37. mit anderem ausgangspunkt: es war ein blick strahlenden zornes und ein tief entrüstetes antlitz Stifter s. w. 1 (1904) 23; dazu vgl.: vor zorn strahl und feuer schicken Spreng Ilias (1610) 27ᵃ, ebenso 57ᵃ, s. o. sp. 757; ferner: im hellen zorne strahlen Lenau Faust 84, s. o. sp. 798 und das compositum zornstrahl (bezeugt seit Jacob Böhme, s. teil 16, sp. 120) überleitend zum folgenden:
dieses duftende haar der Melite, die stralenden augen,
ihre göttergestalt einem altare zu weihn
Herder 26, 34 S.
d)
von der glanzvollen äuszeren erscheinung; auch hier kann ein näher bestimmender zusatz fehlen:
so kam die göttin an, und des gefolges menge,
die strahlend sie umringt, macht fast den saal zu enge
Zachariae poet. schr. (1763) 1, 35;
du stehst auf den sonnigen gipfeln der Alpen ..., und wohin du blickest im weiten kreise des auges, naht die göttin dir sichtbar in herrlich strahlender bildung Athenäum 3 (1800) 35; strahlend von gesundheit, frisch und kräftig fürst Pückler briefw. (1873) 4, 102; sie ist auch ohne gold und edelstein so voll, groß und strahlend wie eine königin Tieck schr. 19 (1845) 128; (sie) schlosz die in dem mächtigsten liebreiz strahlende Emanuela in die arme E. T. A. Hoffmann s. w. 9, 171 Gr.; weitergreifend:
wie sie fallen,
fallen der Griechen strahlende söhne
Grillparzer s. w. 5, 181 S.;
Electra ... mit der aschenurne des Orest in den armen, diesem nichts von dem strahlenden, den sie einst fortliesz Justi Winckelmann (1866) 1, 154; (Brunhild) weisz, dasz der vielkundige strahlende Sigurd allein die feuerflamme, die sie umgiebt, durchdringen kann W. Grimm an Lachmann, s. briefw. 2, 797 L.; überleitend zum folgenden: bei dem allen stand (Ludwig XIV.) doch zuletzt auch in der abendstunde seines lebens strahlend da Dahlmann franz. revol. (1845) 5.
e)
weiterhin dann, dem persönlichen begriff ferner rückend, im sinne von 'glanzvoll, leuchtend', besonders von ruhm und ansehen: stralende vollkommenheiten S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 182;
der liebe volle, strahlende verklärung
Schiller 5, 105 G.;
schauplätze ihres (der ketzer) triumpfs und ihrer strahlenden tugend ders. 7, 118 G.; von der strahlendsten herrlichkeit machtvollen geisteslebens bis zu seiner völligen verdunkelung Justi Winckelmann (1866) 1, 459; viele haben länger geschaltet und strahlender, wenige wohltätiger (als Waldemar d. Gr.) Dahlmann gesch. v. Dännemark 1 (1840) 323; eines künstlers strahlender ruhm Herman Grimm Michelangelo 1 (1890) 315;
alle groszen, strahlenden gefahren
hat mein schicksal von mir abgewandt
Novalis schr. 1, 147 M.;
die strahlende kraft des ruhms St. Zweig welt von gestern (1947) 61; substantivisch:
es liebt die welt das strahlende zu schwärzen
und das erhabene in den staub zu ziehn
Schiller 11, 336 G.;
vom leuchtenden vorbild: (von solchen kämpfen) meldet die geschichte in drei strahlendsten beispielen E. M. Arndt schr. f. u. an s. lb. Deutschen 3 (1845) 186; strahlende wunden Jung-Stilling s. schr. (1835) 1, 533; strahlende taten Jean Paul w. 45/47, 296 H.
f)
in der botanischen fachsprache vom stand der blüten und blütenblätter, vgl. strahl 8 b, sp. 769: radians strahlend 'wenn in einem blüthenstande, dessen blüthen gleich hoch gestellt sind ..., die randblüthen gröszer sind und eine strahlige einfassung bilden' z. b. in den blüthenkörbchen von helianthus, chrysanthemum Bischoff wb. (1839) 166; etwas strahlend Schlechtendal flora v. Deutschl. 27, 193; wegen des abstehenden, strahlenden kelches Ratzeburg standortsgewächse (1859) 80.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5,6 (1929,1951), Bd. X,III (1957), Sp. 794, Z. 62.

strählen, vb.

strählen, vb.,
kämmen, ahd. strâlen (aus *strâljan); mhd. strælen; as. *stralian (in ungistralit inpexa Wadstein as. sprachdenkm. 84, 4); spätmnl. strelen, streilen 'schmeicheln, streicheln'; nl. streelen dass.; das ahd. verb setzt entweder ein subst. *strâl oder *strâla 'kamm' voraus (vgl. as. dat. plur. strālōn cristis in der bedeutung 'hahnenkamm' Wadstein a. a. o. 107, 7) oder ist von strâla 'sagitta' abgeleitet und *strâl, mhd. stræl neubildung (vgl. mhd. strælære 'kamm', s. u. strähler). die umgelautete form strähl ist nachträglich im anschlusz an strählen gebildet. der bedeutungszusammenhang von strähl 'kamm', strählen 'kämmen' mit strahl 'pfeil' ist oben sp. 793 wahrscheinlich gemacht; vgl. die dort angeführte bedeutung 'zacke'. sonach wäre die bedeutungsübertragung von den zinken des kammes ausgegangen, vgl. hierzu noch Franck-van Wijk ²675; Walde-Pokorny 2, 637; Kluge-Götze ¹¹598; schon im 17. jh. bei Stieler 2187ᵃ (strälen ... est omnino à stralen, pectinis enim dentes radii dicuntur'), ferner Spreng in seinem id. Rauracum d. 18. jhs. ('sträl ein werkzeug mit zähnen, strahlen oder radiis'), s. Alemannia 15, 221. abweichende formen: strölen Nigrinus widerl. d. ersten centuria (1570) y 5ᵇ; strolet (: erholet) Spee trutznacht. 325 ndr.; strellen Heynatz antibarbarus 2, 457. das wort kommt nur im hochdt. vor; kerngebiet ist das gesamte alemann., vgl. besonders Staub-T. 11, 2221 f. im bayr. ist es seltener; von md. maa. kennen es das lothr., hess., nass. und ostfränk. am stärksten entfaltet im 16. jh., geht das wort im 17. jh. stark zurück und ist im 18. jh. in der schriftsprache nahezu ausgestorben. im 19. jh. wird es in der eigentlichen bedeutung 'kämmen' neu belebt, bleibt aber, abgesehen von den mundarten, ein wort der gehobenen sprache; vgl. auch die belege oben unter gestrählt teil 4, 1, 2, 4247 und unten ungestrählt teil 11, 3, 877, ferner oben sp. 590 unter sträbeln.
1)
in eigentlicher bedeutung 'kämmen'; ahd. in glossen für lat. pectere: stralta pectivit ahd. gl. 1, 487, 28 (9. jh.); strales pectas 2, 361, 19 (10. jh.); straltun pectunt 2, 669, 69 (11. jh.).
a)
das haar, die locken, den bart mit dem kamm, der bürste ordnen, kämmen; pectere strelen Altenstaig dict. (Hagenau 1516) 81ᵇ; pectere, pettenare stralen F. Verantius dict. (1595) k 2ᵇ:
unde stralte ir uahs
unde want in enine sidine huben daz
bei Diemer deutsche ged. 161, 14 (jüngere Judith);
mit wol gestrælten bärten
unt mit hôh geschornem hâre
Heinrich von Melk erinn. 222 Heinzel;
ir har was nit gestrelet wol
Heinrich von Neustadt gottes zukunft 815 Singer;
sträl dirs haubt und chretz die pain.
dar zuo mach die oren rain
Heinrich Wittenweiler ring 4356 W.;
so man morgens von dem slafe gat, so sol man ... daz houbit strelen Meinauer naturl. 7 Wackernagel; hoffart, die sy (Bersabe) praucht mit irem paden und strelen Marquard von Stein spiegel d. tugend g 3ᵃ; wiltu bursten oder strelen dein har (1458) Schmeller-Fr. 2, 813; demnach strält oder kempt er sein hor, wuͦsch seine händ Wickram w. 2, 183 B.; so die adern des haupts von dem strelen erwärmt worden, dann gebrauch dich des vnguents der gedächtnus Gäbelkover artzneyb. (1596) 1, 77; nam ain strel ... und strelt im selbs den bart (16. jh.) bei Fischer schwäb. 5, 1822; dann sie (die bader) haben die zeit der geschickligkeit zu lernen mit dem stralen und kratzen versaumpt Paracelsus op. (1618) 1, 170ᴬ H.; weizenstroh in heiszer laugen gesotten und das haubt ... in der sonnen damit gestrält Tabernaemontanus kräuterb. (1664) 601; die gestrählten fliegenden haare Göthe I 26, 316 W.; hierauf strählt mir die schwester den zopf J. v. Müller s. w. (1810) 13, 401; halte die kinder rein im waschen und strählen Pestalozzi s. schr. (1819) 12, 283; sie strählte ihre haare am fenster und flocht sie auf A. v. Arnim kronenwächter (1857) 1, 273; die mutter strehlte ihm sein haar L. Aurbacher volksbüchl. (1835) 249; sie sollte mit einem goldenen kamme ihre haare strählen Bechstein märchenb. (1845) 177; als wenn ... die verlockenden geisterjungfrauen ... ihre goldenen locken im mondlicht strählten Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 2, 3;
ist mein mantel umgeschlagen
und gestrählet bart und haar
Hoffmann von Fallersleben ged. (1887) 132;
er strählte sich mit seinen fünf ausgespreizten fingern den roten bart Storm s. w. (1898) 2, 226; lächelnd sah er Goldmund nach, wie er ... das zerzauste hellblonde haar mit den fingern zu strählen bemüht war H. Hesse Narziss u. Goldmund (1930) 10; bildlich:
das ist ein groszer drost virwar,
das er (gott) so strelet unser har,
und nacheinander alles zalt,
das im darvon nit eins entpfalt
Murner badenfahrt 67 Michels.
in älterer sprache gern elliptisch mit dem dativ der person: du solt dir des morgens nüchter strelen Steinhöwel bei Fischer schwäb. 5, 1821; also thut die mutter dem kind, so sie ihm strelt Keisersberg bilgerschafft (1512) 68ᵃ; dieweil er (der barbier) ime strelet und das har trucknet Zimmer. chron. ²2, 401 Barack. sich strählen, vgl. sich strälen lassen farsi pettinare Kramer dict. 2 (1702) 996ᵇ: zwen gaistlich pruder ... streln sich nicht, sie paden nicht (Nürnberg) städtechron. 11, 591; er sagt auch er hette im (sich) in 11 jaren nie kein mahl gestrellt Dreytwein eszling. chron. 143 lit. ver.; folgends strält er sich mit eim bömischen sträl, der war vier finger und der daumen Fischart Garg. 251 ndr.; sie mag sich diesen tag nicht genug strelen noch spiegeln buch d. liebe (1587) 291ᵃ; (die stallknechte) vergaszen sich selbst zu strälen Garzoni schaupl. aller künste (1641) 576ᵃ; (der weiber art) dasz sie sich strählen, kämmen und schmücken Albertinus hirnschleiffer (1664) 49; am freytage ... sollen sich (die weiber) nicht flechten und strehlen, sonsten wachse das ungeziefer darvon J. Prätorius glückstopf (1669) 380;
strähl dich, mein schwesterchen, strähl dich!
Mörike w. 1, 58 Maync;
bildlich:
schau, die schöne sonn sich strolet (: erholet)
krauset ihre gülden haar
Spee trutznacht. 325 ndr.;
die vöglein schön erklingen,
die sonn sich strälet auf
ebda 96.
b)
vom menschen aus übertragen: die stallknecht umb sie (die pferde) gstanden sind und streleten jn da den hals Murner Virgil (1543) o 5ᵇ; vgl.(pferde) strählen étriller Mozin wb. d. dt. u. frz. sprache (1856) 4, 765; ebenso: wie si (die tauben) ir federn geslihten und gezieren und mit irm snabel stræln Konrad von Megenberg buch d. natur 182 Pf.; sie (die katze) leckt und strählt sich G. Freytag ges. w. (1886) 5, 307; wenn ... storch und störchin am dach sich das gefieder strählten quelle a. d. j. 1927; vgl.: wenn sich die katze strählt, bekommt man besuch Fischer schwäb. 5, 1821; in einem besonderen sinne vom gehenkten, vgl. unten 2 b u. c:
ach und säch ich si (die falschen) die raben
strälen an der sunne,
allererst so hiet ich wunne
Vintler pluemen d. tugend 3474 Zingerle;
dîn hâr was dir bestroubet:
dô strælte dir dîn houbet
zeswenhalp der rabe dâ,
winsterhalp schiet dirz diu krâ
Meier Helmbrecht 626 Panzer;
bei sachbegriffen: flachs strählen gréger le lin Schrader dt.-frz. wb. 2 (1781) 1320:
du bist noch gar zu jung und unerfahren,
du lernst noch einmaleins und tausend zählen,
und von der mutter, weiszen flachs zu strählen
Klaus Groth quickborn (1854) 107.
in dichterischer sprache geht der gebrauch noch weiter:
nw hadde Godyn synen krans
vmmer gestrelet harde schone
Karlmeinet 210ᵇ, v. 59 Keller;
wer dich (dornbusch) anrüert: er wirt verwunt,
dîn strêlen ist gar ungesunt
Boner edelstein 86, 16 Pf.;
nur fort ihr meine geiger beyd,
der sayten gar nit fehlet;
und bey beliebtem reimenstreit
die geigen süszlich strelet
Spee trutznacht. (1649) 184.
(Cedron) strählet seine binsenhaare
ders. trutznachtigall 177 Balke;
ungewöhnlich: wenn die wüszten, mit welcher sorgfalt ich das manuscript für sezer und correktor ganz zu recht gestrählt und gepünktlicht habe Klopstock an Ebert, br. 244 Lappenberg.
c)
in den mundarten finden sich neben der allgemeinen bedeutung 'kämmen' auch verengerungen des wortsinnes; in Tirol (Defereggen) ist strälen 'mit einer bürste die haare glatt machen' Hintner 233; in Davos strêla kämmen, bes. mit dem kleinen, engen kamm Bühler 1, 161 (sonst campla); in deutlicher abgrenzung gegen kämmen: (in Nürnberg) weibspersonen strelen erst mit der strelbürsten die langen haare, die sie kämmen wollen Schmeller-Fr. 2, 813; in Schwaben ist strählen die kinder von ungeziefer befreien; mittels besonderen werkzeugs die läuse fangen Fischer 5, 1821; ähnlich in Henneberg: 'mit einer bürste die haare durchfahren, besonders wegen grind und ungeziefer' Reinwald 1, 157; in Lothringen: d' lis vam kopp sträle Follmann 503; das elsässische scheidet nach der konstruktion: strähl mich! kämme mich, bringe meine haare in ordnung; strähl mir! kratze mir den kopf ab, entweder um die läuse zu fangen oder weil das kämmen wohltut Martin-Lienhart els. wb. 2, 631ᵃ; vgl. dazu die historischen belege: also thuͦt die muͦtter dem kind, so sie im strelt und es weinet. sie zeigt im die lüsz und spricht ... Keisersberg bilgerschafft (1512) 68ᵃ; läuss strelen Paracelsus chir. bücher (1618) 531; wan sie (ein weib) die leus herabstrält, so tödtet sie die leus (Augsburg, 16. jh.) städtechron. 25, 234. in Lothringen wird strählen auch gebraucht in dem besonderen sinne 'mit einem kamm die heidelbeeren abstreifen' Follmann a.a.o. 103; ähnlich schlehen strählen Martin-Lienhart els. wb. 2, 631ᵃ; in Schwaben auch 'das laub mit einem rechen zusammenrechen' Fischer 5, 1822.
2)
in älterer sprache entwickelt strählen selbständige bedeutungen, die der jüngeren zeit z. t. wieder verloren gegangen sind; vgl. insbesondere Staub-Tobler 11, 2225.
a)
die bedeutung 'streicheln, schmeicheln', die im niederländischen den ursprünglichen sinn überwuchert hat, findet sich im deutschen nur im ansatz:
ist er traurig, so ist si fro,
will er sunst, so wil si so,
will er gen, so wil sie laufen,
will er strälen, so wil sie raufen,
will er traben, so wil sie zelten
fastnachtspiele 494 K.;
mit süszen worten sie (die junge metze) im strelt,
darmit sie auch dem alten lappen
an halsz strayffet die narrenkappen
Hans Sachs 5, 260 lit. ver.;
ein schmeichler strälet nicht die katze gar umbsunst
Rachel sat. ged. 99 ndr.;
seinen kützel kunte die in der jugend ihm nur lieb gewesene hauszmutter nicht mehr stillen; er wolte sich lieber von einem artigen jungen mädchen strehlen lassen, das dauchte ihn anmutiger zu seyn enthusiast. pantheon (1702) 3, 34ᵃ; vgl. štreⁱlen mit der hand durchs haar fahren, liebkosen wb. d. luxemb. ma. 430ᵇ. nahe stehen die belege mit dem part. perf. gestrählt im sinne von 'glatt, schmeichelhaft': die lieb kirch von den vermeynten kirchendienern mit glatten, gesträlten worten verfüret ... wird J.Nas antipap. eins u. hundert (1567) 4, 298ᵃ; weitere belege unter gestrählt teil 4, 1, 2, 4247 und ungestrählt teil 11, 3, 877.
b)
dagegen hat sich eine ursprünglich scherzhaft-ironische verwendung im sinne von 'jem. übel mitspielen, ihm hart zusetzen, (im kampfe) niederwerfen usw.' seit mittelhochdeutscher zeit reich entwickelt; zur synonymik vgl. wir wöllen einander abkeren, den golter flohen, die leusz auffwecken, strälen, lauszen Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 35ᵃ; lexikographisch: strälen verberibus coercere, corium alicuius concidere, manus alicui inferre Stieler 2187. die heutigen mundarten kennen diese bedeutung noch in verschiedenen variationen: strählen bei den haaren raufen Stalder schweiz. id. 2, 405; sträle prügeln, durchhecheln Hunziker Aargauer wb. 259; weiterhin auch: strählen einem die wahrheit sagen, ihn ausschelten, heruntermachen (elsäss.) Klein provinzialwb. 2, 174; einen scharf zurechtweisen Fischer schwäb. 5, 1822; züchtigen, z. b. mit worten, auskeifen Tobler appenzell. sprachschatz 413. die historischen belege lassen die einzelnen stufen der entwicklung deutlich erkennen:
mit sinen wezzen clawen
er (der löwe) sin niht enfalte,
ane twahen er im stralte ...
sine clawen waren hæle
und stralten wol zegrunde
Hugo von Langenstein Martina 181ᶜ Keller;
do sach man manchen Berner knab
mit spiessen gar nit felen;
die andern brachend durch den hag,
do gieng es an ein strelen
schweiz. volkslieder 2, 95 Tobler;
woltestu mir mit der hechlen also strelen Joh. Pauli schimpf u. ernst 1, 190 Bolte;
mit halebartten will ich dir strellen
und zwagen mitt dinem bluott
(lied auf d. schlacht bei Glurns) bei Bühler Davos 1, 161;
so wil ich dir gar dapffer strelen
mit meinem eysern flederwisch
Hans Sachs 8, 228 lit. ver.;
ey, also musz man junkern streln,
die groszer bulschaft pflegen wölln
Joh. Heros pilgerer (1562) 35ᵃ;
ein weib, die im villeicht mehr mit camillen zwüge und mit sesslen strelet dann mit laugen Montanus schwankbücher 289 Bolte; folgends ergreiff er jhm bey dem hals, und that jhm den helm hinweg, nacher strählet er jm das haar so seuberlich mit dem schwerdt, dasz hernach er solchen nimmermehr bedarff, denn er in demselbigen fuszstapffen verschieden ist Amadis 297 lit. ver. mit adverbiellem zusatz: der arm Martellin ... von dem volcke gar wol was gestrelt (senza pettine carminato) Arigo decam. 57 lit. ver.;
im ward unsuber gstrelet,
dasz er uf d' walstat glag
(1531) Liliencron hist. volksl. 4, 32;
auch hat man ir (der feinde) wider nicht gfelt,
das har zerzaust und wol gestrelt
Burkhard Waldis streitged. 5 ndr.;
strick, hencker, schwert
kan in (den räubern) gar höflich strelen
Wickram w. 2, 67 Bolte;
und das miszfiel mir so, dasz es gar wenig fehlte,
dasz wegen solcher schand ich jhn nicht weidlich strählte
D. v. d. Werder Roland ges. 17, str. 110;
in zwillingsformel:
gott geb, wie inen der Türk sträl oder nisse (lause)
wie er die christen brate oder spisse
Niklaus Manuel 96 B.;
die hogen tittel der ... geistlichen hat er dermaszen gehechelt und geströlt, dasz ... Nigrinus widerlegung d. ersten centurie (1570) y 5ᵇ.
c)
verwandt dem voraufgehenden ist die wendung jemanden strählen im sinne von 'ihn kämmen, d. h. ihn um sein geld bringen, ausplündern, bestehlen usw.', s. teil 5, 109:
wuͤcher und fürkauff hatt fürgang,
falsch wahren thuͦnd auch grossen drang ...
also thuͦt einr dem andren strälen
Wickram w. 4, 239 Bolte;
het er denn kleinot oder gelt
bey im, dem wurd denn auch gestrelt
Hans Sachs 20, 335 lit. ver.;
wir wöllen desz kaufmans beutel streln
ebda 21, 12 lit. ver.;
der richter straff und wandel numb,
der procurator das schreibgelt:
so wurd in beyden wol gestrelt
ob irem gar spöttlichen zanck
ebda 17, 335 lit. ver.;
der graf hat viel gelts; item, der kauffmann auch, man musz jm strälen Paracelsus chir. bücher (1618) 17 H. die mundarten kennen vereinzelt auch diese anwendung: sträle ausplündern, geld abgewinnen Follmann lothr. 503; übervorteilen, übertölpeln, betrügen Fischer schwäb. 5, 1822; hüt ist er awer gestrählt worde im kartenspiel hereingefallen Martin-Lienhart elsäss. wb. 2, 631ᵃ. — hierzu die redensarten: geputzet und gestrählt sein nichts mehr zu verlieren haben Fischer a. a. o.; ähnlich: 'wenn jemand durch strafe oder durch ander unglück dermaszen herunterkömmt, dasz es mit ihm gethan ist, so sagt man im gespött, es sey mit ihm gebürstet und gestrählt' Spreng id. Rauracum (18. jh.) in Alemannia 15, 221.
d)
obszön einer den pelz, das kätterlein strählen, in älterer sprache: wo du auf dise nacht meynst eynen frischen knaben in deinen armen ze haben, der dir den pelcz solt gesträlet haben, so hast du einen schlaftruncken esel geritten Arigo decam. 306 lit. ver.; pfleget alle morgen ... seinen bart und haar zu ... kämmen, fuhr auch alsdann dem jungen töchterlein auch mit der bürsten uber jhr kätterlein her und strelet dasselbige mit gantzem fleisz Tabeus Maͤynhincklers sack (1612) a 1ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1951), Bd. X,III (1957), Sp. 804, Z. 42.

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Zitationshilfe
„gestrält“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gestr%C3%A4lt>, abgerufen am 06.12.2021.

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