Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geströmt

geströmt,
s. gesträmt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1895), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4259, Z. 16.

stromen, vb.

stromen, vb.,
ableitung von ²strom. im rotwelsch 'laufen, gehen, wandern' Grolman wb. d. spitzbubenspr. (1822) 69ᵇ; Train cochemer loschen 123ᵃ; Avé-Lallemant 4, 612. so in litterarischer gaunersprachenpoesie:
habet viel gallen (stadt) und manches gefahr (dorf)
emsig durchstromt bey paszgehender schaar (fuszvolk)
W. Scherffer geist- u. weltl. ged. (1652) 1, 421, 4.
schon früh allgemein in maa. und umgangssprache mit charakteristischem bedeutungswandel übernommen: 'in der art von stromern, landstreichern gehen', d. h. 'sich herumtreiben, umherschweifen, planlos herumbummeln' Hotz zusammenstellung 43ᵃ; Mareta österr. volksspr. 2, 71ᵇ; Hügel Wiener dial. 211; Schmeller 2, 814; Fischer schwäb. 5, 1877; Reuting Höchster ma. 44; Petters in d. dt. maa. 5, 477 Frommann; Müller-Fraureuth 2, 579ᵃ ('hausieren'); Liesenberg Stieger ma. 208; Block im nd. jb. 34, 95ᵇ; umgelautet zu strömen, stremen (vgl. stromer, sp. 59) im westlichen nd.: Hertel Thür. 238; Liesenberg Stieger ma. 208; Schambach 215ᵃ; Deiter in hannov. gesch.-bll. 24, 64; wb. d. Elberfelder ma. 159ᵃ; ten Doornkaat-Koolman 3, 341ᵃ. litterarisch nur bei verfassern, die ihrer ma. ausgesprochen verhaftet sind: was für völker jetzt im lande herumstromen! Löns wehrwolf (1919) 21; ähnlich Anzengruber laut Sanders ergänz.-wb. 536ᵇ; es mag vielleicht manchmal gut sein, wenn man kleine kinder von vertrauensseligen anschlüssen an unbekannte, bettler, hausierer ... abhält. mir hat man gedroht, mich diesen stromenden elementen mitzugeben Scheicher erlebnisse u. erinnerungen 1, 220; 'strömende gauner' für strolche, die sich für flüchtlinge ausgaben C. Vogt aus meinem leben (1896) 152. in der umgangswie litteratursprache (sofern dem wort überhaupt darin eintritt verstattet wird) stark zurückgedrängt durch stromern (s. dies, sp. 60).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1931), Bd. X,IV (1942), Sp. 50, Z. 50.

strömen1, vb.

¹strömen, vb.,
denominativ zu ¹strom. in der neueren zeit gemeingerm.: ndl. stroomen, engl. stream, norw. strøyma, dän. strømme, schw. strömma. in den älteren stufen nur belegt me. stre(a)men, mndl. stro(o)men, an. streyma. im nhd. finden sich lexikalisch die ersten notierungen bei Stieler (1691) 2213; Kramer 2 (1702) 1015ᶜ. litterarisch ältester beleg 1548 bei Stumpf gemeiner eydgenossenschaft chr. (s. A 1 a) als strumen; wirklich geläufig erst seit dem 18. jahrh., stets in der form strömen. bis zur gegenwart specifisch hochsprachlicher ausdruck, der in die maa. kaum eingang gefunden hat; ihn buchen ten Doornkaat-Koolman 3, 341ᵃ; Gilow de planten 3068; Fischer ma. d. Samlandes 156ᵃ; mit entrundung Christa wb. d. Trierer ma. 2, 202ᵃ; als strûme Jensen wb. d. nordfries. spr. d. Wiedingharde 592. litterarisch ist der umlaut selten unbezeichnet: wasser in solchem uberflusz ..., das, wann es stromete, mächtig genug wäre, eine wassermühle zu treiben Krämer leben u. tapfere taten (1681) 535; einige flüsse strohmen mitten durch stehende seen Lindenborn beleucht. Diogenes (1742) 2, 446. die verwendung des dehnungs-h in strömen entspricht dem bei ¹strom I 5, sp. 2 gesagten.
bedeutung und gebrauch. strömen bezeichnet im unterschied zu dem eng sinnverwandten flieszen die schnelle, mit unwiderstehlicher kraft und meist in verhältnismäsziger breitenausdehnung erfolgende, einseitig gerichtete bewegung concreter wie abstracter medien. den anliegenden begriff auf der anderen seite bildet stürzen: an den hochgebirgen stürzen die wasser weit mehr als dasz sie strömen Ritter erdk. 1, 81.
A.
intransitiv.
1)
eigentlich.
a)
von der bewegung flieszender gewässer: 'mit groszer schnelligkeit, ungestüm flieszen', seit dem frühnhd. in anknüpfung an die ursprüngliche bedeutung von ¹strom 'strömung' vornehmlich von bächen und quellen: und ist gläublich, dasz es von alter her die Zitter geheiszen habe, von wegen des rauhen und strumenden laufs durch die stein und velsen Stumpf gem. eydgenossensch. chr. (1548) 5, 88ᵇ;
als ein bronnen,
der wie strömend kommt geronnen
A. Silesius heil. seelenl. 245 neudr.;
und da ich mich nahe des baches steg,
da hat ihn der strömende gieszbach hinweg
im strudel der wellen gerissen
Schiller 11, 384 G.;
mit seltsamem geräusch strömt (die quelle) aus einer felsspalte Moltke ges. schr. u. denkw. 1, 126; von solchen stellen in gröszeren gewässern, an denen das wasser reiszend dahinschieszt: an der (Saale-) brücke, über dem durch die bogen gewaltsam strömenden, eisbelasteten wasser Göthe IV 29, 54 W.; dasz sich die ströme unter starkem wellenschlag und vielen strudeln vermischten, um dann in ein schmales bette zusammengedrängt mit ungestüm weiter zu strömen Droysen gesch. Alexanders 430, 21. daher gelegentlich auch für die wasserbewegung von oben nach unten, fast = 'fallen, stürzen':
strömt von der hohen
steilen felswand
der reine strahl
Göthe I 2, 56 W.;
die zweite (schale) gibt, sie wird zu reich,
der dritten wallend ihre flut,
und jede nimmt und gibt zugleich
und strömt und ruht
C. F. Meyer der römische brunnen.
in verbindung mit der bedeutungsentwicklung von ¹strom zu 'groszer flusz' von dessen bewegung: 'breit, majestätisch dahinflieszen':
bis wo die Wolge strömm't und Oby sich ergeust
Lohenstein Ibr. sultan (1680) 8, 141;
dort strömt aus fernen norischen gebieten
die Donau her, der flüsse königin (bei Wien)
Mastalier gedichte (1774) 4;
wo mächtige flüsse ... unaufhaltsam dahin strömen Göthe IV 34, 237 W.; auch die Weser hatte einst deltaländer, und erst mit dem ... 15. und 16. jahrh. ... strömt sie durch einen einzigen ausweg in die Nordsee Allmers marschenbuch 1, 9. daher in neuerer zeit sogar 'langsam, gemächlich flieszen': zwischen zwey felsigen ufern ... strömt ein flusz erst rauschend, dann sanft zu uns heran Göthe IV 35, 302 W.; die ufer der langsam strömenden flüsse Naumann naturgesch. d. vögel 9, 204; wie sie fürbasz strebten, strömten gemächlicher die bergentronnenen wasser Watzlick phönix (1916) 22. in der beiden vorstellungen gemeinsamen indifferenten bedeutung 'flieszen' besonders häufig dort, wo der gleichklang mit 'flusz' ein synonymon fordert:
wo der flusz Garumna strömt
Lohenstein Sophonisbe (1680) 82, 153;
die flüsse strömten unter mir Göthe I 19, 74 W.; aber auch sonst: Europa ... nach allen seiten von strömenden wassern und tälern aufgeschlossen Ritter erdk. 1, 63. durchaus synonym zu 'flieszendes' wasser: Hegner ges. schr. 135; ein röhrensystem, welches durch strömendes wasser kalt gehalten wird Muspratt chemie (1898) 6, 1070.
b)
von der starken bewegung geschlossener wassermassen; dabei ist die einseitige richtung der bewegung meist zeitlich begrenzt. vom meer: es bildet nämlich das meer einen tiefen und breiten busen, wohinein die Ostsee bei nord- und nordoststürmen gewaltig zurückschlagend strömt E. M. Arndt s. w. 1, 25 R.-M.; noch lag der frühnebel in den tälern, schwer, unbeweglich, zusammengeballt, als hätte überall ein gewaltiges meer geströmt und wäre ... versteinert worden Scheffel ges. werke (1907) 2, 146. von wassermassen, die über die ufer getreten sind: immer über schutt und lockere steine, die von den durchhin strömenden fluten irgendwo losgerissen waren Forster sämtl. schr. 3, 415; der see drohte über die einschlieszenden berge zu strömen Niebuhr röm. gesch. 2, 228. anlehnung an das griech. vorbild führt in classizistischer dichtung zur verwendung des part. präs. in allgemeiner bedeutung 'bewegtes, auf und ab wogendes wasser':
eingeschifft, durchsegelten sie die strömenden pfade (ὑγρὰ κέλευθα)
Bürger werke 189, 312 Bohtz;
den namen Okeanosstrom beschränkt mein witz auf die strömende meerenge Voss antisymb. (1824) 2, 10;
dich ergriff mit gewalt der alte herrscher des flusses,
hält dich und teilet mit dir ewig sein strömendes reich
Göthe I 2, 123 W.
2)
bildlich von anderen beweglichen concretis.
a)
von flüssigkeiten. die verwendung dieses bildes mit der ihm innewohnenden starken übertreibung beginnt im barock, charakteristischer weise zunächst für blut (vgl. ¹strom II B 1 a α): was die flamme verschonte, das wurde von den unbarmherzigen Bramanern mit mord und totschlag dermaszen erfüllet, dasz das blut durch die trockenen gassen gleichsam strömte Ziegler asiat. Banise 649. im 18. jahrh. hauptsächlich poetisch, beschränkt auf werke barock übersteigerter diction:
er ficht, es strömet blut
Zachariae ('renommist') poet. schr. 1, 66;
blut strömt vom gewaltigen bisz seiner lippen! Gerstenberg Ugolino 249, 37 dt. nat.-lit. 48. endlich, seit dem ausgang des 18. jahrh., allgemein für raschen, fast unaufhörlichen blutverlust: gefährlich sah es aus, weil das blut sehr stark aus der wunde strömte Göthe I 43, 200 W.; dasz die armwunde aufs neue zu strömen begann Fouqué altsächsischer bildersaal 2, 70, und, bildmäszig noch verschwommener, für ungewöhnliches blutvergieszen: in der verwirrung hieben die cohorten ein tor auf und das blut strömte bis zum anbruch des tages Niebuhr röm. gesch. 3, 281; auf denen (feldern) stockte keine kanone und strömte es wie bei Quatrebras! Luise v. François letzte Reckenburgerin (1871) 1, 54. in anderer weise wird das bild des strömens als eines raschen, unwiderstehlichen flieszens in einem bett seit dem beginn des 19. jahrh. wieder aufgenommen zur bezeichnung des (meist beschleunigt gedachten) kreislaufs des blutes in den adern:
fragt ehrbegier'ge liebe nach geburt:
wes blut strömt edler als der fräulein Blanka?
Shakespeare 1, 36.
meist zum ausdruck einer starken gefühlserregung: Peregrinus, dem das blut glühendheisz durch die adern strömte E. Th. A. Hoffmann sämtl. werke 12, 29 Grisebach;
sein blut
strömt wild zum herzen
Kind gedichte (1817 ff.) 3, 120;
heiszer zum herzen strömt dir das blut
W. Arent aus tiefster seele (1885) 61.
schlieszlich ohne besondere beziehung auf das blut für die körperliche reaction von gefühlswallungen:
da strömte mir's kalt von der scheitel,
da pochte mir das herz mit macht
Kretschmann sämtl. werke 1, 159;
nun setzt es an und trinkt und trinkt,
durch alle adern strömt das heil
Droste-Hülshoff werke (1879) 2, 42;
ich glaubte es zu fühlen, wie die lebenswärme durch ihre jungen glieder strömte Storm werke (1899) 1, 88. ebenso beliebt für heftigen, meist durch gefühlserschütterungen verursachten thränenergusz:
die tränen strömten von den wangen
Lichtwer äsop. fabeln (1748) 54;
freylich schmerzt es; freylich strömte von dem aug' ein tränenbach
Schönaich Heinrich d. vogler (1757) 61;
die hellen tränen strömten ihm über die wangen E. M. Arndt sämtl. werke 1, 185;
sie trocknet sich plötzlich die augen,
welche ihr längst schon strömten, und spricht
Hebbel mutter und kind 114.
im part. präs. gern innerhalb einer adverbialen bestimmung: die reisende netzte die kissen ihrer lohnkutsche mit reichlich strömenden zähren Holtei erz. schr. 2, 218; unter strömenden tränen Treitschke dt. gesch. im 19. jahrh. 4, 131; Raabe Horacker (1876) 90;
und hält mit strömendem auge
das bleiche weib umfaszt
Gaudy sämtl. werke 8, 52
(die augen strömen in anderer bedeutung s. 3 e, sp. 57). seltener von anderen flüssigkeiten:
begeisternder, belebter wein!
du ... sollt gleich, (brüder! schenket ein!)
dich strömend jetzt in mich ergieszen
Hagedorn vers. einiger ged. 34, 314 neudr.;
ein freudentag sei heute! ...
... es soll nicht blut,
nur wein soll heute strömen!
Stolberg ges. werke 4, 58;
die milch in bächen fleuszt, und honig
aus der gespaltenen eiche strömet
Ramler lyr. gedichte (1772) 178;
wenn ich des morgens unter einem berge von decken curgemäsz in strömenden schweisz gelangt war Laube ges. schr. 1, 235; sie drehte den hahn und liesz sich das klare wasser über die kleinen gebräunten hände strömen G. Keller ges. werke 1, 182. von sehr langsamer bewegung: dasz die bahn des abwärts strömenden bildungssaftes unterbrochen werde Roszmäszler d. wald (1863) 172; bereits ins geistige übertragen: nachdem auf diese weise die peripherie des kreises beschrieben war, strömte eine zeit lang das mark der deutschen literatur nach dem mittelpunkte hin und sammelte sich in Weimar und Jena Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 4, 13.
b)
das ursprüngliche bild ist völlig zerstört bei der übertragung auf den regen; strömen hier lediglich zur bezeichnung für die ungewöhnliche menge und dichtigkeit des regenfalls:
verschwunden vom himmel
sind wolken voll nacht:
den seen und den flüssen
in strömenden güssen
zum opfer gebracht!
Matthisson schr. (1825) 1, 22;
als es auf unerhörte weise, und gleich einem wolkenbruch, vom himmel herab zu strömen begann Pückler tutti frutti 2, 236;
vierzig tage lang strömte der regen und vierzig nächte
auf die sündige welt
Mörike werke 1, 79 Göschen;
drauszen strömte unablässig noch der regen Storm werke (1899) 4, 140. wie bei thränen gern im part. präs. innerhalb einer adverbialen bestimmung in, bei, unter strömendem regen: Nietzsche werke 1, 501; Moltke ges. schr. u. denkw. 3, 67. selten abgeschwächt für den ruhigen, gleichmäszigen, nicht sonderlich starken regenfall: bald wird ... der ruhig strömende regen kommen de Lagarde dt. schr. 491;
ein regen strömt
mild und erquickend durch die heisze luft
Tieck schr. (1828) 1, 95.
c)
von der bewegung nicht-flüssiger concreter stoffe und medien. von dem spürbaren zuge der luft: der wind ist eine strömende luft, welche auf eine ungewisse art ebbet und flutet Rode Vitruvius' baukunst (1796) 1, 43; sie behauptete, es ströme ihr eine gesunde luft entgegen A. v. Arnim werke 9, 183 Grimm; wie strömender hauch des nachtwindes E. Th. A. Hoffmann sämtl. werke 4, 25 Grisebach; in kleineren verhältnissen:
holde düfte strömten von den blüten
Körner werke 2, 22 Hempel;
ihr heiszer atem strömte in mein ohr G. Keller ges. werke 2, 201; wir lassen wasserstoffgas auf platinschwamm strömen Liebig chem. br. 98. ungewöhnlich: der rasende lauf war den tieren (pferden) natur; ebenmäszig schlugen die herzen, ebenmäszig strömten die lungen Schaeffer d. prisma 509. von dem in scharf begrenzter bahn daherfluthenden licht:
um seinen thron her strömt ein licht
J. A. Cramer sämtl. gedichte 1, 31;
wenn itzo der mond in den dunkeln ... kreuzgang
einen langen strahl von strömendem lichte hineinwirft
briefe d. neueste litt. betr. 11 (1761), 106;
er zog die vorhänge zurück, so dasz das mondlicht voll ins zimmer strömte Storm werke (1899) 3, 68. unschärfer vom feuer, meist poetisch:
deine fackel leuchtet hoch,
wehet strömender von neuem
Overbeck samml. verm. ged. (1794) 16;
da strömte feuer aus über die wälder maler Müller werke 1, 39; bildlich: wütend glüht sein gesicht. feuer strömt aus den augen Göthe I 49, 102 W. sonstiges:
und leiser, leiser wiegt sich die najade,
beginnt ihr strömend flockenhaar zu breiten
Droste-Hülshoff werke (1879) 1, 194;
im weste strömt sein friedenskleid
noch weiszer, als der jüngste schnee
Denis lieder Sineds (1772) 96, 6.
bereits stark in abstraction hinübergleitend: das geld strömt aus allen cassen und winkeln hervor Haller restaur. d. staatswiss. (1816 ff.) 2, 92; die reichtümer, die nach Rom strömten Mommsen röm. gesch. 1, 277; noch wirklichkeitsferner: heute speiste ich an der strömenden tafel eines groszen Schubart leben u. gesinn. 1, 283; bald strömten täler voll blumen um ihn, bald erhoben ihn heisze, leere hügelufer Jean Paul werke 7—10, 173 Hempel.
d)
von der fortpflanzung der elektrizität: die materie ströhmte so stark aus, dasz es sauste wie ein starker blasebalg, gegen abend leuchtete die schnur umher Lichtenberg briefe 2, 122; mit ketten werd ich dann in verbindung gebracht, und die elektricität strömt durch mich W. Grimm an Jacob, briefw. (1881) 125; Fontane s. unter ¹strom C 2 (sp. 36). zum vergleich für die auswirkung geistig-seelischer vorgänge:
und welche nicht geteilte lust
ist wohl dem häuslichen ergetzen,
das immerfort von brust zu brust
elektrisch strömet, gleich zu schätzen?
Ebert episteln u. verm. ged. (1789) 134;
diese nur scheinbare offenheit ... strömt ihren stoff aus ins weite ... wie eine elektrische spitze Schleiermacher im Athenäum 1, 98.
e)
von menschenmassen, die sich 'wie ein strom' unwiderstehlich in einer richtung mehr oder weniger schnell vorwärts bewegen. weitaus am häufigsten ist dabei die angabe des ziels:
nun strömen ihre cohorten
ins blachfeld weit und breit
Kretschmann sämtl. werke 1, 94;
gedränge der emigrirten, die nun diesseits nach Deutschland strömten Göthe I 33, 206 W.; der ganze adel strömt nach dem rathaus Schiller 3, 35 G.;
seit Metell der consul
die elephanten aus Sicilien
dort in verwahrung hält, strömt alles hin
Collin Regulus (1802) 21.
so fast formelhaft: zu den waffen Schleiermacher sämtl. werke II 4, 45; ins theater Kerner bilderbuch 108; Hebbel briefe 4, 400; nach der kirche Schiller 4, 35 G.; zu der predigt strömen Ranke sämtl. werke 2, 252. ungleich seltener ist die angabe des ausgangspunktes, von dem aus eine menschenmenge wie aus einer stromenge sich ergieszt:
aus dörfern und aus städten wimmelnd strömt
ein jauchzend volk
Schiller 12, 89 G.;
gerade so strömten die geputzten aus der stadt Ludwig ges. schr. 2, 399. beides vereinigt: eine menge volks strömte nun von allen seiten zum jungen freistaat Allmers marschenbuch 1, 397; nach Wittenberg strömten die schüler von allen gegenden her Scherer litter. gesch.⁷ 285. die ursprünglich wesenhafte einseitigkeit der bewegung wird verallgemeinert zur vorstellung der bloszen unruhigen hin- und herbewegung von massen: der prinz wurde mit jubel empfangen, und die menge strömte überall um ihn Heinse sämtl. werke 5, 266 Schüddekopf; die menschheit trödelt und strömt lachend und sicher Laube ges. schr. 4, 4; ich betrat das universitätsgebäude, auf dessen treppen und flüren die eigentliche staatsjugend der verschiedensten länder durcheinander strömte G. Keller ges. werke 3, 14.
3)
übertragen von abstracten, zumeist geistig-seelischen vorgängen. genau entsprechend verbreitet und angewendet wie ¹strom II B 3 (s. sp. 25 ff.). in dieser verwendung am reichsten entfaltet.
a)
von akustischen vorgängen, bei denen die klänge in langer, ununterbrochener, meist sehr schneller reihe aufeinander folgen. nur selten noch als bild empfunden:
indessen strömt sein mund von rauschendem geschwätze
Hagedorn poet. werke (1769) 1, 90;
endloser noch aber strömte der redeflusz v. d. Steinen naturvölker Zentralbrasiliens 466. meist ganz unbildhaft zur charakterisierung einer ununterbrochenen, raschen, meist aus seelischer erregung geborenen klangfolge:
himmlische worte strömeten ihr!
Klopstock oden (1889) 2, 149, 32;
und ich war fern, und hört' es nicht,
nicht der saiten silbertöne strömen
ebd. 1, 230, 6;
da strömte durch den eichengang
im walde wonniger gesang
Kretschmann sämtl. werke 1, 40;
ja, ich verlor's! so strömt ihr klagen denn!
Göthe I 10, 309 W.;
vgl. I 9, 74, 489; wenn die klänge der orgel brausend strömen Gutzkow ritter vom geiste 9, 422; der unumwundene, strömende ergusz des gesanges Vischer ästhetik 3⁴, 928; in strömendem ergusz der rede Scheffel ges. werke (1907) 3, 20. daher geradezu formelhaft strömende beredsamkeit eines menschen Klinger werke 10, 79; Chr. Fr. Schulz reise eines Livländers 4, 52; ähnlich strömende rhetorik A. W. Schlegel im Athenäum 1, 154; strömende rede Laube ges. schr. 1, 281; 2, 230. in der umgangssprache vornehmlich mit angabe des ausgangspunktes; am üblichsten und fast redensartlich worte, gedanken, lehren, flüche strömen, ein gefühl, gebet strömt von den lippen: Zimmermann von d. nationalstolze 232; Archenholz England u. Italien 1, 2, 548; 2, 166; Knigge umgang mit menschen (1796) 3, 93; über die lippen: Pfeffel poet. versuche 2, 201; Alexis erste bürgerpflicht 1, 1; seltener aus dem munde: Klinger werke 3, 157; Göthe I 43, 124, 6 W.; Schiller 12, 454 G.; Treitschke hist. u. polit. aufsätze 1, 138. entfernter und wesentlich poetisch mit anderen angaben: (die) stimme Fiordimonens, die, möcht ich sagen, wie ein arm so stark aus ihrer kehle strömt Heinse sämtl. werke 4, 371 Schüddekopf; jene leicht verfliegende (schande) wohl, die von der zunge des pöbels strömt Lessing 2, 361, 30 L.-M.
b)
von dem ununterbrochenen, gleichmäszigen und gleichgerichteten ablauf der zeit:
allverwandelnd strömet die zeit hin über das weltall
Bode Montaignes ged. u. mein. 4, 587;
in dieser anschauung scheint der mensch die ewige zeit zu fassen, die ... aus dem reichen füllhorn der natur strömt Fr. Schlegel pros. jugendschr. 1, 24/5 Minor. speciell dann, wenn ihr verlauf in gesteigertem lebensgefühl als besonders rasch und unhemmbar empfunden wird: hier war die zeit strömend, fordernd und tätig, aber nicht betrachtend und sich selbst genugtuend Göthe I 29, 83 W.;
strömen und verrinnen
lasz die alte zeit
Scheffel ges. werke (1907) 2, 156.
c)
von dem 'strom des lebens', fast ausschlieszlich in dichterisch erhöhter sprache. bildhaft:
voller strömte seines lebens born
Schubart sämtl. ged. 1, 110;
drum wird der lebensstrom auch nur ganz langsam flieszen ... er strömt so voll so selbstgefühlig in diesem reinen edlen bett Bettine Brentanos frühlingskranz 84; meist abgeblaszter:
dahin ströme all mein leben!
Jacobi werke 5, 120;
laszt jedem bürger geben
den raum zu wort und tat,
und strömen wird das leben
vom bürger in den rat
Schenkendorf gedichte (1815) 176;
es strömte neues leben
ins kranke herz hinein
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. 1, 114;
die welt strömt immer fort, wie ein unendliches meer Pückler tutti frutti 4, 70.
d)
von dem ununterbrochenen flusz dichterischer eingebung: seine poetische ader strömt mit gleicher stärke vom anfange bis zum ende Ramler einl. in d. sch. wiss. 3, 64; beym dritten kapitel ... ströhmts von einfällen der überschriften! Gerstenberg recensionen 329 lit.-denkm.; kein wunder, dasz ich mich erregt fühlte, und dasz sogar die verse strömten Hebbel briefe 6, 163; stärker bildhaft: in dem überreich strömenden quell des kunstlosen volksliedes W. H. Riehl dt. arbeit 67; der quell der poesie in uns kann wohl zu zeiten weniger voll strömen Spielhagen sämtl. werke 1, 60. ebenso von dem glatten, ebenmäszigen flusz der dichterischen form und darstellung: seine sonst so strömenden griechischen sylbenmaasze Herder 5, 175 S.; die fabel strömt in ruhiger, unbewuszter breite J. Grimm Reinhart fuchs (1834) xi; du hast sicher schon das licht der welt mit lateinischem vers begrüszt; das klingt und strömt ja, als wäre Virgil aus dem grabe gestiegen Scheffel ges. werke (1907) 2, 101.
e)
von einer anhaltenden, starken gemüthsbewegung, empfindung, die gleichsinnig, ebenmäszig die seele durchzieht. seit dem 18. jahrh. beliebt. zuerst oft in anschaulichem bild, veranlaszt wohl meist durch eine metapher derselben sphäre:
unerschöpfter quell des segens!
ströme, fliesze täglich breiter
Stoppe Parnasz (1735) 405;
barock empfunden:
dort (im himmel) strömt ein freudenmeer, das immer überläuft
Triller poet. betracht. 1, 120.
zumal seit dem 19. jahrh. unbildhaft. mit angabe des punktes, von dem die empfindung ausstrahlt: entzücken strömt aus seinen strahlenden augen maler Müller werke (1811) 1, 14; seele strömt aus jedem ihrer blicke, aus jeder ihrer bewegungen Pückler briefw. u. tageb. 1, 459;
strömt dir aus dem buch der bücher
kraft und trost im kampfgewühle
Fr. W. Weber Dreizehnlinden¹³⁶ 15;
oft ganz abstract:
wollust strömt aus allen sinnen
Gotter gedichte 1, 180;
die heiligsprechung des toten kaisers strömt aus allen edlen herzen Heine werke 3, 454 Elster. ebenso häufig mit angabe des ziels, zu dem das gefühl strömt: die freude strömt von allen seiten in mein herz Pfeffel pros. vers. 5, 131;
entzückung strömt in mein gebein!
Hölderlin ges. dicht. 1, 97 Litzm.;
auf sein haus strömt voller segen
Brentano ges. schr. (1852) 3, 236.
dichterisch für den stark gefühlsbestimmten blick des auges:
... ringsum strömte der erwartung
blick auf Jesus
Klopstock Messias 6, 418;
aber vergebens
strömt sein räub'rischer blick in höhlen der bäume
Lenz gedichte 35 Weinhold;
wer ihn so gesehen hätte, wie er in selbstvergessenheit die augen über die gemalte landschaft strömen liesz Stifter sämtl. werke 1, 24 (vgl. dagegen die gewöhnliche bedeutung 'weinen' 2 a, sp. 53). ohne angabe von ausgangs- oder zielpunkt erscheint die bewegung unruhiger und löst sich damit von der grundvorstellung los:
wann sie in ihrer flur als sanfte schatten liegen,
so ströhmet um sie her ein himmlisches vergnügen
Neukirch anfangsgründe z. teutschen poes. 766;
dich hab' ich erzogen;
doch weh mir, du bist nicht die meine!
das strömt oft, wie wogen,
durchs herz mir — dann geh' ich und weine
Gotter gedichte 3, ⅬⅩⅩⅤⅠⅠ.
besonders deutlich wird diese ablösung bei absolutem gebrauch:
... mir strömet das herz!
und ich weine vor wonne
Klopstock werke 6, 293;
mir ist von jenen kein gedicht bekannt, wo sanfte empfindung ströme Herder 5, 165 S.; so gern im part. präs.: seine nachmittage übergab er bald einer strömenden laune Jean Paul werke 7—10, 103 Hempel;
felsen mögen widerhallen
euer strömendes gefühl!
Novalis schr. 1, 90 Minor;
sie fanden musze genug, ihre herzen immer klarer und strömender zu machen Gutzkow ges. werke 4, 28; aus tiefer, strömender hingegebenheit redete ... seine untergetauchte seele zu sich Stehr drei nächte (1925) 55.
f)
mannigfach sonst mit abstractem regens, meist ohne jede bildhafte vorstellung: wer ist, dem ... nicht noch andre gedanken ... in die seele strömen? Herder 17, 184 S.;
wo aus ernster, tiefer brust
weisheit strömt und sangeslust
Böhme lieder d. Deutschen im 18. u. 19. jahrh. 7;
er, der geliebte heiland, der mittelpunkt des lebens und der liebe, strömte durch alle adern der natur, sprach durch jede form zu mir Steffens was ich erlebte 1, 159; die lebensdata, die taten, wo sich denkart äuszert, sind bei ihm wenig oder nichts — mit einmal strömt seiten herab ein charakter Herder 3, 455 S.;
die gute arbeit strömt von ihren fleisz'gen händen
Brentano ges. schr. 2, 569;
diese stille, die ... mir wie einen schlummer durch den kopf strömte Bettine Günderode 1, 318;
rauschende wälder, flüsternde quellen,
strömender ahnung spielende wellen
mit mir o klaget!
E. Th. A. Hoffmann sämtl. werke 10, 164 Grisebach;
über alle wipfel der dunklen tannen hin ergieszt sich dir nach jeder richtung eine unermesz'ne aussicht, strömend in deine augen und sie fast mit glanz erdrückend Stifter sämtl. werke 1, 216.
B.
transitiv.
1)
nur in rhetorisch-gesteigertem, priesterlich-erhöhtem sprachstil, hauptsächlich in versen, kaum in rhythmischer prosa; der gebrauchsprosa und umgangssprache zu allen zeiten fremd. in allen fällen des intransitiven gebrauchs in bildlicher wie übertragener bedeutung (A 2 und 3) verwendet. gelegentlich im barock:
des sultans seele schwimmt in einer wüsten see,
die flammen auf die brust strömmt, in die glieder schnee
Lohenstein Ibr. sultan (1680) 22;
es ströhmte neben ihm die liebliche sirene
durch ihre silberflut ein jauchzendes getöne
Hoffmannswaldau u. a. ged. 2, 224 Neukirch.
zu einem in bewuszt künstlerischer absicht gern angewendeten stilmittel wird diese construction bei Klopstock:
... lichtglanz strömten die sterne
aus den meeren, und von den gebirgen
Messias 16, 574;
... von dem hohen, treffenden auge
strömet er rache
ebd. 13, 967;
... dasz mein geweihter arm ...
flammen ins herz der erlösten ströme
werke 1, 89;
vgl. Messias 4, 102; 17, 705; werke 1, 18; 7, 30; 7, 230. das übt nachhaltigen einflusz (vgl. dazu Paul dt. gr. 4, § 215); noch wenig auf die zeitgenossen:
ein feuer ...,
das wollust strömt und wollust fodert
Pfeffel poet. versuche 2, 164;
da strömt ihr silberstrom
unsterblichkeit!
Gerstenberg Ugolino 257, 10 nat.-lit. 48;
stark auf die sprachlich verwandten zielen wie Klopstock zustrebenden dichter der beiden folgenden litterarischen generationen. im sturm und drang:
eine schale hielt selbst in der rechten die reizende Dido,
strömte sie einer weiszlichen kuh hoch zwischen die hörner
Bürger werke 245, 70 Bohtz;
senkrecht strömet die sonne feuer auf fluren und hayden
Lenz ged. 33 Weinhold;
darauf strömte er seine gefühle in die saiten Heinse sämtl. werke 5, 8 Schüddekopf; sogar neuer tag, wie strömst du neues leben in alle meine glieder U. Bräker sämtl. schr. 2, 87. in der classik, zumal in den dem einflusz Klopstocks und des sturms und drangs besonders offenen jugendwerken:
nur dem stillen genusz ström' ich erquickenden trank
Herder 26, 12 S.;
Jupiter pluvius!
dich, dich strömt mein lied
Göthe I 2, 69 W.;
ein blick, der mich an jenes meer entrückte,
das flutend strömt gesteigerte gestalten
ebd. 3, 93;
heldenmut und unerschrockenheit ströhmen leben und kraft durch adern und muskeln Schiller 1, 170 G. zurückhaltender bereits in der romantik:
auch hast du ... uns ermahnt,
zu strömen unsre zorn'ge racheglut
auf dies barbarenvolk
Fouqué altsächsischer bildersaal 1, 73;
strömt die natur nicht leben? Bettine dies buch gehört dem könig 2, 370. später nur in formstrenger classizistischer dichtung:
des berges schatz
ström' erzreich quell auf quell
Droysen Aischylos³ 160;
ich bin nur wasser, das nichts kann als flieszen;
doch geb ich gleich den welken blättern saft,
wenn sie (die wirtin) mich drüber strömt
Rückert werke (1867 ff.) 3, 121,
und bei sprachlichen eigentönern: der schmerz strömte seinen regen über die wange Ludwig ges. schr. 1, 226;
milchwarme weisheit, süszen tau der liebe
ströme ich über das land
Nietzsche werke 8, 361.
2)
in nautischer fachsprache: die ankerboje strömen, d. h. sie auswerfen Röding allg. wb. d. marine 2, 750; Bobrik see-wb. 674ᵇ; Hoyer-Kreuter technol. wb. 1, 746.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1931), Bd. X,IV (1942), Sp. 51, Z. 8.

strömen2, vb.

²strömen, vb.
(rotwelsch), s. stromen, sp. 50.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1931), Bd. X,IV (1942), Sp. 58, Z. 80.

strömen3, vb.

³strömen, vb.,
s. strummen, sp. 110.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1931), Bd. X,IV (1942), Sp. 58, Z. 81.

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„geströmt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gestr%C3%B6mt>, abgerufen am 04.12.2021.

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