Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gestreckt, adj.

gestreckt, adj.
part. zu strecken, vgl. gestrackt.
1)
hingestreckt, ausgestreckt:
Thais wüntscht gestreckt zu sein unter erde von drei elen.
Logau 3, 4, 53;
bei den gärtnern und förstern gestreckter stamm, auf der erde liegender Jacobsson 5, 661ᵃ; im bauwesen gestreckter oder liegender rost, schwellen, die zur befestigung des baugrundes unmittelbar auf den grund gelegt werden, im gegensatz zum senkrecht eingeschlagenen pfahlrost. Ehrenberg baulex. 294; gestreckter windelboden, balkendecke, über deren balken nur stangen und latten gelegt werden mit einem auftrag von stroh und lehm 266, gegensatz gewölbte decke.
2)
lang hingezogen:
zu des Rheins gestreckten hügeln.
Göthe 4, 165. 43, 245;
im bergbau, gestrecktes feld, streichendes oder längenfeld, grubenfeld, welches dem streichen und fallen der minerallagerstätte der länge nach folgt, im gegensatz zum gevierten feld (s. d.). Veith 178; bair. eine gestreckte stund, über eine stunde Schm.² 2, 808; bei den juwelieren gestreckte steine, edelsteine, 'die alles in der breite und nichts in die höhe haben, z. b. brabantische rosen, so dünn als papier'. Jacobsson 5, 661ᵃ.
3)
lang: kaiserlich majestät ein gestreckte köstliche schnur mit perlen. Widmanns Regensb. chr., städtechr. 15, 110, 16; einem nicht zu gestreckten noch zu gestauchten halse. Heinse Hildegard von Hohenthal (1796) 1, 50.
4)
mit gestrecktem körper:
und gestreckt fort schossen die rennenden.
Voss bei Campe;
bair. einen gestreckten trapp reiten, einen scharfen trab Schm.; reitet er im gestreckten galopp davon. Auerbach schatzkästl. 2, 181; in gestrecktem lauf. Campe.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1895), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4251, Z. 20.

strecken, vb.

strecken, vb.,
factitivbildung zu strack (s. teil 10, 3, 591), ags. stræc, ahd. in framstrach rigide (9. jh.) ahd. gl. 2, 248, 57 St.-S., wohingegen das von Graff 6, 740 genannte frustrachemo (Jb) ahd. gl. 1, 286, 14 St.-S. wegen des praefixes und der parallele farstracheᵗᵉ mu (Rd) als *furstrachtemo aufzufassen ist. ahd. *stre(c)chen (˂ *strak[k]-jan) in: strechi imp. sg., Monsee fragm. 7 Hench, strecche 1. sg. praes. u. 3. sg. praes. konj. bei Notker 2, 87 u. 1, 349 Piper und strechemes 1. plur. praes., Murbacher hymnen 86 Sievers (la.); mhd. strecken Lexer 2, 1228, mhd. wb. 2, 2, 669; frühnhd. strecken Frisius dict. (1556) 2, 225ᵃ; gelegentlich mit rundung des stammvokals: ströcken polit. correspondenz d. st. Straszburg (1525) 1, 170; ströcket Weckherlin ged. 1, 277. 375; 2, 161. 165. 322 lit. ver.; ströckend ebda 1, 369; 2, 266 (vgl. Weinhold alem. gr. § 117); mnd. u. mndl. strecken Schiller-Lübben 4, 429, Verwijs-Verdam 7, 2285; ndl. strekken Dale 2, 1728ᵇ; afries. strekka Holthausen 105; ae. streccan Bosworth-Toller 927ᵃ; me. strecchen Stratmann 583ᵃ; ne. stretch Murray 9, 1, 1113ᵃ. aus dem mnd. entlehnt sind: dän. strække Falk-Torp 2, 1185, norw. strekkja ebda und schwed. sträcka Hellquist ³1091 f.zur idg. verwandtschaft s. unter strack sowie bei Walde-Pokorny 2, 629, Hellquist a. a. o. und 1085 f., Franck-van Wijk 674ᵃ u. 664ᵃ und Falk-Torp 2, 1176, die es zur idg. wz. *ster(e)-g stellen.in heutiger ma.: strekke Jensen nordfries. 589; strekken Doornkaat Koolman ostfries. 334; strecken Mensing schlesw.-holst. 4, 879; Woeste-N. westf. 258; Frederking plattdt. 136; Schambach Göttingen 214; Damköhler Nordharz 180; Bauer-Collitz waldeck. 100; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 573; Elberfelder ma. 158; Leihener Cronenberg 117; strecke Hönig Köln 177; Schön Saarbrücken 204; Pennsylvania 144; streckeⁿ Martin-Lienhart elsäss. 2, 629; Follmann lothr. 505; luxemb. ma. 429; strecken Schmeller bair. 2, 808; Schöpf tirol. 719; štrekə Meisinger Rappenau 187; streckeⁿ Fischer schwäb. 5, 1838; schweiz. id. 11, 2156; oft im schweiz. mit verschiebung des kk ˃ kch: štrekxen Hotzenköcherle Mutten 75; Wipf Visperterminen (Wallis) 156; štrekxə Stickelberger Schaffhausen 451 (beitr. 14); Wanner Schaffhausen 186; Baumgartner Berner seeland 161; štrekxae Brun Obersaxen 180; vereinzelt mit ausfall des t: šrekxə Henzen dt. Freiburger ma. 149; Jutz alem. maa. 201; Stucki ma. v. Jaun 203. — das umlautlose praeteritum des ahd. (strauit far-stracta ahd. gl. 2, 307, 15 St.-S., s. Braune ahd. gr. § 362) herrscht noch im mhd. vor und findet sich bis zum anf. d. 17. jhs., allmählich gegenüber der umlautform zurücktretend, die nach vereinzeltem vorkommen in den Monseer fragm.: strechita 7 Hench (vgl. dazu Staͦrck stud. z. gesch. d. rückuml., diss. Uppsala 1912, 165 f.) in mhd. zeit besonders im bair.-österr. auftritt (vgl. strecte Ottokar österr. reimchron. 32956 Seemüller) und sich von dort aus im nhd. durchsetzt (s. Starck 312). als vereinzelter (aus der schles. ma. zu erklärender) beleg (vgl. darüber Staͦrck 295) findet sich noch 1734 bei Steinbach 2, 731: ich strackte neben ich streckte. für die moderne ma. bucht Müller-Fraureuth obersächs. 2, 573 strackte und Polenz Altenburg 82 šdragdə. — die ahd. scheidung (s. Braune ahd. gr. § 365) zwischen der unflektierten umlautform des part. praet. (porrigitur gistrechitvuas ahd. gl. 2, 657, 46 St.-S.; kistrehchit kl. ahd. sprachdenkm. 266ᵇ Steinm.) und der umlautlosen flektierten form (far-stracter ahd. gl. 2, 639, 37 St.-S., s. a. a. o. farstracheᵗᵉmu) beginnt im mhd. sich zu verwischen, zunächst durch eindringen des unumgelauteten a in unflektierte partizipialformen (vgl. Staͦrck 28 f.), dann im frühnhd. bis zum anf. d. 17. jhs. durch allmählichen ausgleich zugunsten der umgelauteten form. mundartlich (vgl. o.) noch 1734 bei Steinbach 2, 731: gestrackt u. gestreckt; in moderner ma. im schweiz.: g'schᵗrackta Friedli bärndütsch 3 (1911) 205; kštrakht Hotzenköcherle Mutten 66; gstrakxt Wipf Visperterminen (Wallis) 151; kštrax(x)te (neben kštrekxt) Bohnenberger Wallis 241; und im altenburg.: gəšdragd' Polenz 82. — im ahd. und mhd. wechselt in den umlautlosen formen des praet. und part. ht mit ct (vgl. Paul-Gierach mhd. gr. § 169, 1 b). aus der grundbedeutung 'strack (d. h. straff, gerade) machen' (A) verselbständigt sich früh der beisinn der bewegung (s. u. B ['legen'] und C ['bewegen']), der weiterhin zu der abgeblaszteren bedeutung 'sich erstrecken, reichen' (D) führt, sowie andererseits die spezielle bedeutung 'verlängern' (E).
A.
etwas (sich) durch gerade-richten oder straffenden zug zu voller ausdehnung bringen.
1)
etwas gerade richten bzw. ziehen und dadurch zur vollen längsausdehnung bringen.
a)
teile des menschlichen und tierischen körpers durch natürliche bewegung zur vollen ausdehnung bringen (vgl. dazu strecker 5 und streckmuskel sowie streckung 1).
α)
in freier anwendung (hierher wahrscheinlich schon ahd.: enti see dar saar man. der hapeta ardorreta hant ... duo quat iħs demo manne. strechi dina hant. enti aer strechita. enti uuart saar so samaheⁱl so diu ander [et extendit, et restituta est sanitati sicut altera] Monsee fragm. 7 Hench): jhm werent die finnger krumm vnd lam vnd künt sie weder biegen noch strecken Braunschweig chirurgia (1539) 8ᵇ; deren (muskeln) die ein den schenckel streckt, die ander zuͦsamen zeühet Ryff anatomi (1541) D 1ᵇ; wenn man die katz streichelt, so streckt sie den schwantz Lehman flor. polit. (1662) 1, 392; alle affen ... klettern, indem sie ... sich durch anziehen der vorderarme und strecken der hinteren glieder fortschieben Brehm tierl. (1890) 1, 8 P.-L.; und während ich mechanisch die steifen finger krümmte und wieder streckte, im kampf mit der heimlich wühlenden gicht ... H. Hesse steppenwolf (1927) 80; die anschauung des kleinen jungen, der den hals strecken musz, um noch knapp den apfel auf der tischplatte zu sehn Kafka bau d. chines. mauer (1948) 215; auch von gelenken im sinne von 'durchdrücken': indem er dieses sagte, machte mein oncle Toby rechtsum und marschirte mit gestrecktem knie, als an der spitze seiner kompagnie J. J. Chr. Bode Tristram Schandi (1774) 9, 32; erner kommt aber vor allem in betracht, dasz bei gestreckten grundgelenken die finger stärker gespreizt werden können, als bei gebeugten Trendelenburg nat. grundl. d. kunst d. streichinstr.spiels (1925) 115.
β)
in verschiedenen stehenden wendungen.
αα)
die beine, füsze, schenkel strecken 'lang machen' beim schnellen laufen:
streckende unser schinkel
begunde wir uns rischen
Daniel 7656 Hübner;
sich ze bewaren vor dem list des jägers mit synen schnellen füszen, die strecket er (der hirsch) und sprang über das feld ylend Steinhöwel Äsop 183 lit. ver.; Windwebel hatte die beine noch länger zu strecken (um den flüchtling einzuholen) W. Raabe Horacker (1876) 86; auch die beine strecken 'etwas unternehmen': ein viertel jahr ist schon voll, und doch hat der beklagte noch kein bein gestreckt Gottsched dt. schaubühne 5 (1744) 295.
ββ)
den arm strecken als geste des herrschers:
deinen arm hast du gestrecket
vnd dem volcke ruh erwecket
Opitz in: evang. kirchenl. 1, 247 Fischer-Tümpel;
grosz und beruhigend ist der gedanke, ... dasz ein herzhafter widerstand auch den gestreckten arm eines despoten beugen, heldenmüthige beharrung seine schrecklichen hülfsquellen endlich erschöpfen kann Schiller 7, 8 G.
γγ)
die glieder, die arme, die beine strecken von den letzten todeszuckungen (vgl. u. A 3 b): er legt sein haupt nider auff das bett, strecket seine hende, vnd gabe schnell auff seinen geist buch d. liebe (1587) 107ᵃ;
da stürzt er (der stier) mit gebrüll
zu seinen füszen nieder,
zucket und streckt die gewaltigen glieder
Müllner dram. w. (1828) 2, 89;
als es (das schneiderlein) ... zählte, so lagen nicht weniger als sieben (erschlagene fliegen) vor ihm todt und streckten die beine kinder- u. hausm. (1888) 81; in moderner ma.: die beiner strecken 'sterben' Fischer schwäb. 5, 1838; auch: hei hiᵉt olᵉ fērᵉ štrekᵉt er ist tot Bauer-Collitz waldeck. 100ᵇ, vgl.alle viere von sich strecken unter C 1 b β.
δδ)
die hand zum schwur strecken (vgl. 'mit strackin eidin etwas bekräftigen ..., d. h. die hand dabei zum schwur ausgestreckt', teil 10, 3, 591 s. v. strack); in der bergmannssprache: die hände strecken lassen (bei aufnahme eines protokolls über einen unglücksfall) schwören lassen Gerhard Siegerländer bergmannsspr. 165.
εε)
die ohren strecken in verschiedenen bedeutungen. 'die ohren hochstellen, um zu lauschen, die ohren spitzen, gut aufmerken': wenn sye (die hirsche) die oren strecken, so hoͤren sye traͤfflich wol, so sye die aber niderlassen, so gehoͤren sye gar nichts Eppendorff Plinii natürl. hist. 5 bücher (1543) 8, 66; aucupium auribus facere ... die oren strecken vnd von nahem losen was einer rede Frisius dict. (1556) 136ᵇ (vgl. auch unter C 2); die ohren strecken, spitzen dresser les oreilles, écouter attentivement Schwan nouv. dict. 2 (1784) 731ᵃ; s. auch die histor. belege bei Fischer schwäb. 5, 1839. die ohren wieder strecken können wieder bei kräften sein: er kan die ohren wieder strecken egli di nuovo può stendere le orecchie, cioè s'è rilevato di malatia Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 999ᶜ.
ζζ)
den hals, den kragen ('hals', vgl. Fischer 4, 668) strecken in verschiedenen bedeutungen: 'vorlaut sein', 'sich erbrechen', 'sterben', vgl. Fischer schwäb. 5, 1838.
ηη)
die glieder strecken (zur ruhe): schau, tochter, ob ich wo die glieder strecken kan A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 979; er streckt die müden glieder fatigata membra rejicit Steinbach (1734) 2, 731;
strecken nach täglicher arbeit
ruhigem schlafe die glieder
Denis lieder Sineds (1772) 93;
zum ewigen schlaf:
leb' wohl, und streckst du müde einst die glieder,
will ich mit blumen dir den rasen decken
Eichendorff w. (1864) 1, 429.
im bild: der see schlosz sich und streckte die wellen zum schlaf wie nach vollbrachtem tagewerke Laube ges. schr. (1875) 8, 260. anders: die glieder strecken im sinne von 'sich räkeln' (vgl. u. 4): strecken unde recken de leden pandiculari Kilian (1605) 536ᵇ;
was gähnst du wieder
und streckst die glieder?
Arnim s. w. 8 (1840) 205;
schon bald wurde der schläfer unruhig ... stand schwerfällig auf und streckte die steifgewordenen glieder H. Hesse glasperlenspiel 2 (1946) 324.
b)
etwas gerade richten oder ziehen in verschiedener fachsprachlicher anwendung.
α)
in älterer medizinischer fachsprache 'ein gebrochenes oder verrenktes glied durch gewaltsames ziehen gerade richten, in seine natürliche form bringen' (vgl. streckung 2): da ainem ain bain zerbrochē ist vnnd krum̄ gehailt wer ... vnd ... begert ainer wider gerad zuͦ werden ... so haisz dir helffen strecken dz es gleich auff einander stet ... will es sich aber nitt lassen strecken also mitt der hand ... so werd es gebrochen Braunschweig chirurgia (1539) 89ᵇ; ist das glaich ausz einander, so soll mans dem menschen strecken vnd wider einziehen Gäbelkover artzneybuch (1596) 2, 280; wenn man einen beinbruch gestrecket, vn̄ in sein gestalt gesetzet hat, so pflegt man jhn darnach zu verbinden mit vielen schindeln Würtz wundarznei (1624) 328; extensio, anatasis das strecken, auseinanderziehen, wie solches bey verrenkungen und beinbrüchen geschiehet und nöthig ist med. lex. 2 (1756) 433, vgl. auch ebda 2, 367: das ziehen, strecken, wenn man ein wirklich verrenktes glied stark ziehet, um es wieder dadurch in seine natürliche lage zu bringen.
β)
in der sprache der gärtner 'einen ast, schöszling oder dgl. gerade ziehen': die gärtner, wann sie einen krummen ast an einem jungen zarten baum strecken wollen Conr. Dieterich buch d. weish. (1627) 2, 514; besonders reben strecken als methode, neue weinstöcke zu ziehen (vgl. weinbau im kanton Schaffhausen [1880] 25): und so du die (weinrebe) nider getrett hast und gesechen wie witt sy sich raichen mag, so mach ain furch dar in du die gantzen reben legest, dar nach mach uss der selben furch erst gruͦben, darin ain ietliche ruͦtt, wie sy begertt, gestreckt werd (propagetur), und bedecks also mit dem ertrich Oesterreicher Columella 135 lit. ver.; steckbogen, einjähriges fruchtschoss der rebe, das nicht zum stock zurückgebogen, sondern gestreckt und mit dem freien ende in die erde gesteckt wird weinbau im kanton Schaffhausen (1880) 25; eine rebe mit steckbogen (s. o.) braucht zwei pfähle, einen am stock, den andern zur befestigung des gestreckten schosses schweiz. id. 4, 1068 (vgl.streckrebe ebda 6, 46 und streckbogen 'fruchtschoss der rebe, das bis zu dem in entsprechender entfernung vom stock eingeschlagenen rebpfahl gestreckt ... wird' ebda 4, 1068, s. dort auch qu. v. 1707: circulos [vitium sc.] in longum exporrectos [streckbögen dictos]).
γ)
in technischen fachsprachen des älteren nhd. strecken (eine linie) in gerader richtung führen, ziehen: herwider so die seitten des legers (heerlager) werden gestreckt inn die leng, oder ein theil gekrümbt, oder vil winckel haben, solt du nit meinen, dasz darumb weniger darinn begriffen sei Julius Frontinus von d. guten räthen (1532) 34ᵇ; im bilde: also auch nach einer lingen werden alle weisheit gestreckt vnd gezogen Paracelsus op. (1616) 2, 317; vgl. auch Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 999ᶜ: etwas strecken, so krumm ist 'drizzare, ridrizzare una cosa torta (storta)' und Frisch nouv. dict. (1741) 344ᶜ: etwas strecken das krumm ist 'curvum extendere ut rectum fiat'; besonders in der form des part. praet. gestrackt 'ausgestreckt', 'gerade' (s. o. teil 4, 1, 2, 4247 s. v. gestrackt) als terminus in älterer mathematischer fachsprache (vgl. strecke A 2 b): linea ... gestrackt lenge (15. jh.) Diefenbach gloss. 331ᵃ; vor allem in der verbindung gestrackte linie (linea recta; vgl. auch stracke lini linea dritta, s. teil 10, 3, 594): darnach zeuch die gemachten punckten mit gestrackten linien zusamen Dürer underweisung der messung (1538) P 3ᵇ; darnach reisz zwuͦ gestrackt lini a.c vnd a.d ... vnd reisz ein gerade lini a.h ebda D 2ᵃ; ähnlich bei Holtzmann (1562): gestrackte oder rechte linj 'recta linea' bei Felix Müller z. terminolog. d. ält. math. schr. i. dt. spr. in: zs. f. math. u. phys. (1899) 324; vgl. auch gestreckter winkel 'winkel von 180°, dessen schenkel eine gerade linie bilden', s. Klügel mathem. wb. 5 (1831) 1039, und gestreckte bahn in der sprache der artillerie: während sie (die ablenkung) bei gestreckter bahn ... unbedeutend ist ..., wird sie bei den geschützen, die eine gröszere schuszweite haben, ... sehr bedeutend Alten handb. f. heer u. flotte (1909) 1, 30.
2)
etwas straff ziehen, spannen, glatt auseinanderziehen, abgeblaszter auch 'etwas ausbreiten'.
a)
besonders von schnüren, haaren, fäden u. dgl. (vgl. spannen II A 2 b teil 10, 1, 1901).
α)
in allgemeinem sprachgebrauch:
die snüere (am zelt) wârn gestrecket
vaste mit starken kîlen
Wirnt v. Gravenberc Wigalois 3307 Kapteyn;
ir starken segelseil   wurden in gestraht
Nibelungenlied 370, 1 Lachmann;
wann man will fincken ... fahen, so soll man ... eyn seyl ... spannen, vnd von weitem eynen dasselbig strecken lassen Sebiz feldbau (1580) 611; vereinzelt in neuerer schriftsprache: man sah ihn (einen patienten, der sich mit der quadratur des kreises beschäftigte) öfters noch spät am abend im ... speisesaal an seinem tische sitzen, auf dessen entblöszter platte er ein stück bindfaden sorgfältig in kreisform legte, um es plötzlich, mit überrumpelnder gebärde, zur geraden zu strecken Th. Mann zauberberg 2 (1945) 487; sonst nur mundartlich bezeugt: streck! aufforderung zum anziehen des aufzugseils, um garben in den oberen teil der scheune zu befördern, s. Fischer schwäb. 5, 1839; als besondere wendung findet sich: den riemen strecken den riemen am geldbeutel auseinanderziehen (vgl. die riemen ziehen teil 15, 946 s. v. ziehen I A 5 a): sondern musten dem beutel den riemen strecken unnd mit etwas gelts herfür schieszen M. Stettler annales (1627) 1, 185ᵇ; wohl im sinne von 'fesseln anlegen':
bindend im (Tell) von stund an sine hend,
...
mir (landvogt) ist, ich thu den braten schmecken,
darumb vil ich jm die riemen strecken
yetz werfend sy jn nider vnnd bindend jn
schweiz. schausp. d. 16. jhs. 3, 31 Bächtold;
schon früh auch in reflexiver konstruktion bezeugt:
mit arbeit wart ûf geslagn
...
ein gezelt: das zeigte rîcheit.
ouch was der plân wol sô breit,
daz sich die snüere stracten dran
Wolfram v. Eschenbach Parzival 61, 17 Lachmann;
von dem dampff strecken sich die har proplemata Arestotilis (1492) 4ᵃ; vereinzelt noch in moderner schriftsprache: taue gleiten ins wasser, strecken sich, ziehen, heben Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 195. übertragen auch vom auseinanderziehen einer spirallinie: man mag sie (schraubenlinienförmige ornamente an einer säule) auch vnden im anfang eng vnd ye höer hinauff ye meer in die leng strecken Dürer underweysung der messung (1538) G 4ᵇ.
β)
in verschiedenen technischen anwendungen.
αα)
in der bergmannssprache die schnur strecken (vgl. teil 9, 1400 [6]) die meszschnur des markscheiders beim vermessen (im bergwerk bzw. über tage) straff ziehen, spannen: aber etlich messend nicht mit dieser rechnung die tieffe desz schachts, vnd die lenge desz stollens, sondern brauchen allein zwo schnür ... eine schnur (funiculum) zwar ... mit dem gewicht ... lassend sie (die markscheider) in den schacht herunder, die andere aber an sein knopff angebunden, streckend (tendunt) sie durch das geheng desz gebirgs, bisz zu dem boden desz stollens mundtloch, vnd hefften dieselbige in die erde Agricola bergwerksbuch (1621) 99; schnüre strecken geschicht beym vermessen, wenn eine schnure von dem ort des anhaltens fortgezogen, und die fundgruben und maaszen darnach gemessen werden Schönberg berginformation (1693) 2, 84; von hier aus zu der bedeutung 'messen', 'markscheiderisch festlegen' (vgl. verschnüren teil 12, 1, 1137 [3] und ziehen teil 15, 948 [I A 6 c]): und dartzu geben wir dem gnanten herrn abte ... zwee lehn in unser freyet und felt, so umb den stoll gelegen, zu strecken und zuvormessenn lassen (1506) Schlesiens bergbau- u. hüttenwesen 1, 154 Wutke, s. auch ebda 1, 218; so er (der muther oder lehenträger) seinen erbbau mit einem stollen anfängt (ist er gehalten) sein lehen und fundgrube von dem mundloch des stollens ... den berg hinan zu strecken und mit handarbeit zu belegen Schönberg berginformation (1693) 1, 115; eine fundgrube strecken 'sie vermessen' bergwerkslex. (1743) 225ᵃ; das feld (vgl. teil 3, 1479 [10]) strecken: bey der bestätigung dem lehnträger ... das feld strecken und ins bergbuch verzeichnen lassen Schönberg berginformation (1693) 1, 25; das feld strecken ist, wenn man saget: wo die fundgrube hingeleget, und ... vermeszen werden soll; musz alsobald bey der bestätigung geschehen und ins berg-buch verzeichnet werden Minerophilus bergwerkslex. (1730) 646; das feld strecken die lage und grösse des grubenfeldes bestimmen und der bergbehörde eine hierauf abzielende erklärung abgeben Veith bergwb. (1870) 182; hierher auch: (das feld) halb übern arm und halb zur hand strecken, d. i. halb ins hangende und halb ins liegende strecken Minerophilus a. a. o.; vgl. Herttwig neues u. vollk. bergbuch (1734) 387; Lichtenstein entd. geheimn. (1778) 119; Veith bergwb. (1870) 182; vgl. auch gestrecktes feld ein auf eine einzelne, ganz bestimmte lagerstätte beschränktes grubenfeld, welches dem streichen und fallen dieser lagerstätte in einer gesetzlich festgestellten länge und einer durch vierung bestimmten breite folgt und die ewige teufe besitzt Veith bergwb. (1870) 178; s. auch Scheuchenstuel id. d. österr. berg- u. hüttenspr. (1856) 101: gestrecktes feld nach den älteren bergordnungen jenes grubenmass, welches auf stollenbau berechnet, seine hauptausdehnung in die länge und eine beschränktere ausdehnung in die breite, tiefe oder höhe hatte; s. auch teil 4, 1, 2, 4251 s. v. gestreckt (2) und streckfeld. reflexiv in der bedeutung 'sich innerhalb der markscheiderisch festgelegten grenzen hinziehen, erstrecken': berggruben, schechte ... abir stollen ..., die sich aus iren gepurlichen und zustendigen massen in unser frey feld und zu unser forder vorwilligung strecken und ziehen möchten (1528) Schlesiens bergbau- u. hüttenwesen 1, 242 Wutke.Vgl. strecke A 2 a.
ββ)
in der jägersprache das jagdzeug strecken bei treibjagden die zum zurückscheuchen des wildes bestimmten mit lappen versehenen leinen, wenn sie zu locker gespannt sind, anziehen: strecken heiszt so viel als anziehen. daher, wenn der zeug, oder die arche (leine) nicht langet, wird geschrien: angelegt, und gestrecket, und so lange streck zu! gerufen, bis man zeug oder leine genug hat Heppe jäger (1779) 355ᵃ; vgl. Riesenthal jagdlex. (1920) 523.
γγ)
bei der spinnerei baumwolle bzw. wolle strecken vor dem eigentlichen spinnen das material einem verfahren unterziehen, das es glatt und gleichmäszig macht (vgl. streckung 3): das strecken (étirage, laminage, drawing) hat den zweck, die kardenbänder (gekrempelte baumwolle) dadurch gleichförmiger zu machen, dass mehrere derselben zusammen streckwalzen passieren Karmarsch-Heeren techn. wb. 1 (1876) 341; endlich schlieszt das trocknen und strecken (der wolle) ... die reihe der einzelnen produktionsprozesse ... ab Doren Florentiner wollentuchindustrie (1901) 52; auch bei der seidenspinnerei: (bei der behandlung der seidenfaser liefert die karde [vgl. teil 5, 209]) bänder ..., die 2 bis 3 mal gestreckt und duplirt werden, um vor dem kämmen jede etwa noch vorhandene ungleichmäszigkeit zu beseitigen und die fasern möglichst parallel zu legen Karmarsch-Heeren techn. wb. 8 (1885) 152; vgl. auch wolle recken teil 8, 448.
b)
von gegenständen mit zwei hauptausdehnungen.
α)
'etw. flächenhaft ausspannen, glatt ziehen' (vgl. streckung 4, sowie spannen II A 2 h teil 10, 1, 1904f.):
ein baniere zehant,
...
dem segele gelîche,
daz hiez er uf stecken
und ziegelîchem (an jedem einzelnen speer) strecken
Moriz v. Craon 718 Edw. Schröder;
in grossen wassern michel visch
vacht man mit garnen (netzen) strecken
Oswald v. Wolkenstein 63, 194 Schatz;
ist es dach unnotze, das man das netze strecket, vor di ougen der fogel Hedwigslegende (1504) a 2ᵇ; velorum pandimus alas ... wir strecken oder breiten die segel aus Faber thes. (1587) 583ᵃ; im bilde:
sie zogen frisch dahin, weil der herr (ir hayl) ströcket
als ein zelt ein gewölck zur tags zeit über sie
Weckherlin ged. 2, 161 lit. ver.;
auch vom ausspannen, ausbreiten der flügel: ainen fliegenden vogel mit gestrakten flügeln Konrad v. Megenberg buch d. natur 470 Pfeiffer; schwalben ..., die auf dem stadeldache saszen und die flügel streckend neugierig herunterzulugen schienen Melch. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 2, 247; von haut, fell und der muskeldecke des körpers: diu haut oder daz vel an dem tier ist gestrecket uber alliu glider, dar umb, daz ain alsô grôzeu samnung der glider mit einer decke gepunden sei Konrad v. Megenberg buch d. natur 23 Pfeiffer; alleyn, das die hystrices laͤnger stachlen haben, vnd wenn sye die haut strecken, mit den selbigen schyessen moͤgen Eppendorff Plinius (1543) 69;
(dichter zum Grobianer:)
so dir der bauch ist wie ein trumm
gespant, gestreckt, vnd auszgedent,
dasz er dir jetz zerspringen went,
dann ists am zweck vnd rechter statt,
vnd bist on allen zweiffel satt
Scheit Grobianus 934 ndr.;
wäsche strecken 'die getrockneten wäschestücke straff ziehen': ausziehen und strecken ist eine arbeit der wäscherinnen, da sie die rein gewaschene und nunmehro getrocknete wäsche von stück zu stück, ehe sie gerollet oder geplattet wird, auszupffen, in den falten ausstreichen und wiederum in ihre gehörige forme bringen Noel Chomel öcon. lex. (1750) 1, 954; in heutiger mundart bei Follmann lothr. 505; Martin-Lienhart elsäss. 629; vgl. dazu auch recken 2 c, schlusz, teil 8, 448; blasser: 'wäsche bügeln, plätten' bei Follmann lothr. a. a. o.; luxemb. ma. 429 (vgl. dazu auch für 'büglerin' streckersche Follmann lothr. a. a. o.; streckesch luxemb. ma. a. a. o.; Gangler luxemb. 438; s. auch streckdisch plättisch Follmann lothr. a. a. o.; streckdösch luxemb. ma. a. a. o. u. streckbrett 3).
β)
abgeblaszter 'etw. faltenlos ausbreiten'.
αα)
in verschiedener anwendung der älteren sprache:
ein jumenten ...
mit îserkovertiur verdact.
ûf daz îsern was gestract
ein phellel ...
Wolfram v. Eschenbach Willehalm 395, 10 Lachmann;
vil manic guot kulter was
ûf daz loup gedecket;
dar ûf wâren gestrecket
vil wîziu lîlachen
Wirnt v. Gravenberc Wigalois 3480 Kapteyn;
und daz volk da unser herre hin reit, die stracten ire cleidere an den weg in den worten daz der esel deste samphter ginge altdt. pred. 1, 191 Schönbach;
der sonnen untergang mit den gebrochnen strahlen
auf ein gestrecktes blat, nachahmend hin zu mahlen
Hoffmannswaldau u. a. Dt. ged. (1697) 7, 27 Neukirch.
ββ)
in technischer sonderanwendung glas strecken geblasene glaszylinder in erhitztem zustand aufsprengen und zu glastafeln ausbreiten (vgl. dazu strecker 2 und streckglas und s. unter streckofen u. streckstein): dann weil sich dieses (glas) strecken und biegen laszt, so es noch heisz ist Hulderich Frölich offenb. d. natur (1591) 75; das glas strecken in den glashütten die glaswalzen, welchen man der länge nach einen risz beigebracht hat, in den streckkasten bringen, damit sie sich ausbreiten und zu tafeln werden Campe 4 (1810) 701ᵃ; gestrecktes tafelglas glastafeln, welche durch aufsprengen und aufrollen eines geblasenen glascylinders hergestellt werden Bucher kunstgewerbe (1884) 139ᵃ.
3)
(sich) straffen, den körper anspannen.
a)
sich (seinen körper) in eine angespannte, straffe und gerade haltung bringen: sitz zierlich, wer wol reut, der musz auch zierlich reuten, fest, gestrekkt und unbeweglich mit dem leib Harsdörffer gesprächsp. 5 (1645) Qq 3ᵃ; unterwegs gieng's an ein predigen, wie ich mich in Schaffhausen verhalten, hübsch grad strecken, frisch antworten sollte Ulr. Bräker s. schr. (1789) 1, 89; hab ich mich so geändert? ... ja wohl, du hast dich gestreckt; du siehst vornehmer aus ... das macht das soldatenleben Göthe I 12, 10 W.; ich streckte mich ein paarmal und ging mit langen schritten vornehm im zimmer auf und ab Eichendorff s. w. (1864) 3, 50; die augen des Albin blitzten, und seine gestalt streckte sich E. Zahn Albin Indergand (1901) 34; seine grosze gestalt in dem touristenanzug aus flockigem homespun streckt sich lauschend Werfel die vierzig tage d. Musa Dagh 1 (1947) 11; im gegensatz zu 'ducken, bücken':
bald ducken sie (ritter im zweikampf) sich klein,
bald strecken sie sich wieder
Nicolai verm. ged. 8 (1784) 240;
wollen sie (die bewohner von Paraguay) essen, dann brauchen sie sich nur zu bücken oder zu strecken; boden und fruchtbäume bieten ihnen eine menge leckerbissen der tropen v. Hesse-Wartegg zw. Anden u. Amazonas 2 (1920) 470; den körper in eine straffe haltung bringen und dadurch in die länge dehnen: denn so sehr sie sich auch streckten und die schultern zusammen nahmen, der Holders-Fritz ragte doch um kopfeslänge über sie hinaus Ludwig ges. schr. (1891) 2, 32; sie stolzierten um einen ganzen kopf gestreckter als zuvor vor ihren mädchen einher ebda 2, 283; von einem tier, sich gerade und lang machen:
wiewol es (das loch) jm war all zu eng,
doch strecket er (der wolf) sich in die leng,
bisz er hindurch ins raume kam
Waldis Esopus 2, 17 Kurz.
b)
(sich) strecken im tode von den letzten krampfhaften bewegungen des sterbenden, '(sich) im todeskrampf anspannen' (vgl. o. A 1 a β γγ):
und schlug in umb die steine wand,
dasz er sich strecket und starb todt
H. Sachs 17, 58 lit. ver.;
und mit dem pfeile jhm (dem tier) das hertz durchschosz, dasz es sich also bald streckete, und todt liegen bliebe Abelin hist. antipod. (1631) 93; viribus defecti cervi ultima necessitas das verzappeln oder strecken Pomey (1720) 44;
stürzt' er hin, vom schlag getroffen
...
mit den nägeln wühlend in der wand,
streckt' er sich und athmete nicht wieder
Müllner dram. w. (1828) 1, 45;
sie (eine sterbende) streckte sich, man glaubte, sie vollende Brentano ges. schr. (1852) 4, 347; der sterbende röchelte, seine gestalt streckte sich Plivier Stalingrad (1948) 189; in moderner mundart: er hat sich gestreckt er ist gestorben, tot, s. Martin-Lienhart elsäss. 2, 629; Follmann lothr. 505; Schön Saarbrücken 204; Seiler Basel 281; hierher wohl auch die transitive wendung (vielleicht mit gelegentlichem hineinspielen der bedeutung B 3) der tod strecket die leblosen körper la morte distende i corpi morti Kramer teutsch.-ital. 2 (1702) 999ᶜ (schon bei Stieler stammb. [1691] 2193: der tod streckt die menschen 'mors in longitudinem porrigit corpora humana', wobei die vorstellung des verlängerns [vgl. u. E] hinzutritt):
so das alt weib der dot den streckt,
des mans herz wirt in freud pewegt
H. Sachs 22, 520 lit. ver. (vgl. auch ebda 17, 163: und dasz in halt der todt noch streck!);
vor jrn dorfft sich niemans reggen
desz muͦsz sy (temperantiam) da der todt strecken
schweiz. schausp. d. 16. jhs. 2, 198 Bächtold;
strecke dich hier (im bett) immer aus,
dorte (im sarg) wird der tod dich strecken,
wenn das allerletzte haus
deine beine wird bedecken
Schmolcke s. trost- u. geistr. schr. (1740) 2, 270;
wenn mich der tod streckt Auerbach bei Fischer schwäb. 5, 1839; in heutiger mundart: der tod streckt die leute Fischer schwäb. 5, 1839; der tod, der streckt die menschen Hügel Wien 159; ebenso: ein plötzlicher krampf streckte noch einmal seinen ganzen leib, und er hörte auf zu athmen Eichendorff s. w. (1864) 2, 281; die vorstellung der folter (vgl. u. A 3 e) spielt hinein:
wann dich der todt würt strecken basz,
vor got muͦst alles sagen das
Murner narrenbeschw. 3, 79 ndr.;
welche auch zur billichen straffe der bleichgelbe, zeenbleckende reuter auff dem fahlen pferde recket und strecket, das jhnen hende und fuͤsse erstarren Suevus kreuter buch (1587) 9ᵇ; vgl. dazu auch streckebein und streckfusz.
c)
sich (den körper) beim springen und laufen anspannen (vgl. streckung 5): Petosiris war noch nicht gefangen vnd war doch nicht weit darvon, dann er ware jhm allweg nahend auff den socken, dann streckte er sich tapffer, dasz er aber etliche spruͤng zuvor hatte buch d. liebe (1587) 208ᶜ; contentius ambulare starck drauff tretten, also, dasz man sich dapffer streckt Corvinus fons latin. (1646) 878; besonders von vierfüszlern, wobei sich die vorstellung des in die länge gedehnten körpers (vgl. u. E) mit der des angespannten körpers vermischt und meist vorherrschend wird (vgl. dazu schon Lancelot 1, 583 Kluge: Caracados floh was sin rosz ummer gestrecken mocht, und Lancelot fast mit im und jaget yn so bisz er zu siner burg kam):
er (wolf) dacht: du hast dich gut zu strecken,
vber die streucher da zu springen
ob dirs moͤcht mit der kuhe gelingen
Waldis Esopus 2, 16 Kurz;
sich strecken heisset, wenn der leithund am hängeseil seine vorderläufe brav voraus, und die hinterläufe weit hintenaus setzet, dasz er recht lang geschäftig aussehe, welches ihm und dem jäger, der ihn in der faust hat, eine besondere zierde bey der jägerey seyn soll Stahl forst-, fisch- u. jagdlex. 4 (1780) 921 (hierher wohl auch strecken der hunde [trans.] im sinne von 'hetzen': wird die hasen-jagt und hetzen verwilligt ... doch dasz jeder nur mit zweyen hunden ... solches verrichte ... auch da ein oder der andere landmann nicht selbst dabey waͤre, sondern nur seine leute zum strecken der hunde ausschickete, soll solches nur auf seinem grund erlaubt seyn Hohberg georg. cur. [1682] 2, 598; s. auch u. streckung 5); das kleine pferd streckte sich so gewaltig, dasz der bauch das pflaster zu berühren schien Laube ges. schr. (1875) 8, 27; das schmalreh jagt auf die wiese hinaus, in seiner fährte der bock, dreimal kreist das rot der gestreckten leiber um das freie rund, und dann verklingt der geängstigte ruf im hohen wald T. Wolff-Mönckeberg übers. v. Huizinga, herbst d. mittelalters (1928) 162; dazu (erst seit dem ende des 18. jhs.) gestreckter lauf etc. 'schneller lauf bei langgestrecktem körper' (vgl. teil 4, 1, 2, 4251 s. v. gestreckt 4; vgl. auch strecklauf Gries Bojardos verl. Roland [1835] 4, 244).
d)
wohl an c anschlieszend 'sich anstrengen' schlechthin:
(alte zum teufel:)
fahr hin und thu dich noch basz strecken
und bring uns noch ein solchen schatz!
H. Sachs 21, 22 lit. ver.;
hierher wohl auch: tischlein deck dich, esel streck dich, knüppel aus dem sack Bolte-Polivka anm. z. kinder- u. hausmärch. 1, 350; im bilde:
wolan so strecke dich, o feder wohlbekandt
Zinkgref auserl. ged. 24 ndr.
e)
transitiv, in besonderer anwendung der älteren sprache 'den körper eines menschen durch zug an armen und beinen (durch angezogene seile, bzw. durch gewichte) gewaltsam auseinanderrecken' als besondere art der folterung (seit dem ende des 15. jhs., bis ins 17. jh., übertragen vereinzelt noch länger), im übergang zu bedeutung E; vgl. auch strecke D 1, streckung 6 und strecker 4, sowie recken 2 b teil 8, 448, dehnen 4 teil 2, 903, ziehen I A 11 a β teil 15, 954, spannen II A 1 c teil 10, 1, 1898f.: und man solte sie (die bauern) on ein sail in turn werfen und sie strecken, das in die audern krachten qu. v. 1481 in: bauernkrieg 13 Franz, aktenband;
streckend den böswicht an einem seil,
so hörend ir siner tück ein teil!
Niclas Manuel 251 Bächtold;
wil einer nicht antworten, so strecken und recken sie yhnen, wie sie dem ynn der freystat gethan, der am palmtag widerruffen hat Luther 23, 470 W.;
mit irem klemmen, strecken und brennen,
das ich die warheit thet bekennen
H. Sachs 13, 152 lit. ver.;
darauff der schuster ... so lang in der pein gestreckt worden, biss dass er auss schmertzen bekennen müssen Nigrinus von zäuberern, hexen (1592) 265; alles ir reden, lust und verlangen ist nur recken, strecken, hencken und köpffen Aeg. Albertinus hirnschleiffer (1664) 108; im bilde:
wo keine wuth der seuchen,
kein fieber, röcheln, keuchen
den schwachen leib auf foltern streckt
Schubart s. ged. (1825) 1, 297;
übertragen in der bedeutung 'quälen': denn das Joseph mit den bruͤdern also handlet und disputirt, und si wol martert und strecket Luther 24, 664 W.; 'zum besten haben': also ist mein gueter doctor hiemit (durch taktlose anspielungen) wol gestreckt und gespait worden Zimm. chron. ²4, 76 Barack; wohl im weiteren sinne von 'quälen, schinden': dasz man die ... krapffbauren vmb etliche käsznotteln (käsenudel teil 5, 256) gestreckt vnd Saurimarsz ein feuchts mit dem hebel auff den schettel bekommen hett Fischart Gargantua 344 ndr.; hierher (vgl. schweiz. id. 11, 2161) auch: ströct (strecken 'mit steuern und abgaben belegen, ausbeuten' schweiz. id. a. a. o.) in umb öttlich ducaten Krafft reisen u. gefangensch. bei Fischer schwäb. 5, 1839; ... unns umb ein namhaftes geströct haben ebda; auch in anderer anwendung:
wer denn zu kurtz war in das bet.
denselben zu todt er strecken thet
H. Sachs 8, 503 lit. ver.;
ferner jem. ans kreuz strecken 'mit ausgereckten gliedern ans kreuz schlagen' (vermischung mit der vorstellung des niederlegens, vgl. u. B 2):
dô lede dû vil grôze pîn,
daz al dîn adern krachten,
dô dich die juden strachten
an das crûce als einen dîp
md. ged. 38 Bartsch;
dein hendt und füess wil ich recken
und an das krewtz nach der leng strecken
altdt. passionssp. a. Tirol 133 Wackernell;
an das cruͦce, da sin vil heiliger lichnam an gestracket und gedenet wart duͦrch uns altdt. pred. 1, 200 Schönbach;
o Jesu Christ
welcher du bist
...
mit grausamkeit
ans creutz worden geschlagen,
gar gwaltiglich,
sie streckten dich,
mit arm vnd bein
kath. kirchenl. 1, 359 Kehrein;
auch reflexiv:
der sol sich an dem kriuze strecken
Thomasin v. Zirclaria d. wälsche gast 11671 Rückert.
f)
in einer sonderanwendung der weidmannssprache: das in der weidtasche zusammengeschrumpfte wild herausnehmen und strecken Kehrein weidmannsspr. (1871) 286.
4)
(auf einer lagerstätte) sich dehnen, räkeln, recken (vgl. sich recken 1 f 'sich strecken, seine glieder ausdehnen', teil 8, 447, vgl. ferner A 1 a β ηη, streckung 7 und strecke B 3 c, sowie dehnen 5 teil 2, 903):
wer auff waichen seiden
sich will strecken zu aller stund,
der wirt faul als ain hunt
Heinrich v. Neustadt Apollonius v. Tyrl. 6207 Singer;
nach dem der faul sich dendt und streckt,
sein haubt mit dem hut wider deckt
H. Sachs 5, 114 lit. ver.;
sich strecken und rencken, als die vom schlaaff auffgeweckt sind pandiculari Maaler teutsch spraach (1561) 392ᵃ; er ... strecket und dehnet sich mit allen vieren, als wann ers (das gottesreich) mit faullentzen verdienen wolte J. Dyke nosce te ipsum (1638) 131;
wenn noch ein reicher sich in seinen federn strekket,
greift er zu käs' und brot
I. Rachel satyr. ged. 62 ndr.;
ein wandrer, der unter der eiche mittagsruh gehalten hatte, streckte sich, stand auf und wollte weiter Göthe I 37, 297 W.; mohr (sich froh strekend) Schiller 3, 72 G.; du strecktest dich auf daunenbetten, du hast geschwelgt, als ich im eisen wachte Arnim s. w. 18 (1846) 6;
schmunzelt' er süsz und streckte sich faul
Geibel ges. w. 1 (1883) 26;
meine dogge streckt sich und gähnt mich an Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 379; ich habe um einen halbton zu deutlich gegähnt, dachte er in beklemmung, auch hätte ich mich dabei schütteln und strecken müssen Bergengruen grosztyrann (1947) 5; (Soubirous) erhebt sich ..., gähnt, stöhnt, reckt und streckt sich Werfel d. lied v. Bernadette (1948) 23; in heutiger mundart: de flietigen reckt sik, de fulen streckt sik Mensing schlesw.-holst. 4, 880; sech št. weⁱ e fa᷍ule scheⁱfer luxemb. ma. 429; sich strecken sich ausrecken (gähnend) Martin-Lienhart elsäss. 2, 629; vgl. auch Schmidt Westerw. 243; im bilde: sie (die altröm. jurisprudenz) bereitet für ihn (einen neuen gedanken), wenn ich so sagen darf, kein besonderes bett, wo er sich frei strecken und rühren kann Jhering geist d. röm. rechts (1852) 3, 231; als besondere wendung findet sich sich nach der decke strecken u. ä. 'auf einem lager die glieder der decke gemäsz ausdehnen', 'sich nach den gegebenen umständen richten' (vgl. Jes. 28, 20: denn das bette ist so enge, das nichts vbrigs ist, vnd die decke so kurtz, das man sich drein schmigen mus coangustatum est enim stratum, ita ut alter decidat, et pallium breve utrumque operire non potest): streck dich nach der deck Seb. Franck sprüchw. (1545) 1, 31ᵇ; wer sich strecket nach der decke, ist sparsam F. Rhot Jesus Sirach (1587) 1, 261ᵇ;
der sich auch offt genügen lest,
ob er gleich nicht voll auff das best,
thut wie man sagt, sich nach der deckn
zu aller zeit richten vnd streckn
Eyering prov. copia (1601) 1, 105;
(man) halte ... sich ... klein und rein, man strecke sich nicht weiter, als man sich bedecken kan Hohberg georg. cur. aucta 3, 1 (1715) 83ᵇ; wir haben uns nach der decke gestreckt, weil wir muszten Schiller 3, 548 G.; er war eine lebensweise gewohnt, die sich weit über die decke seiner einnahme streckte Gutzkow ges. w. (1872) 12, 328; kann mir denken, dasz es bei euch keine heizung gibt; euer vater versteht es nicht, sich nach der decke zu strecken Werfel d. lied v. Bernadette (1948) 45; auch mundartlich verbreitet: man muss sich nach der decke str. Fischer schwäb. 5, 1840; Martin-Lienhart elsäss. 2, 629; sek wîer strecken as de decke geit Schambach Göttingen 214; vgl. auch: de föte na de dekke strekken Dähnert plattdt. (1781) 467; s. ferner: Follmann lothr. 505; luxemb. ma. 429; Leithäuser Barmen 152; Damköhler Nordharz 180; Frederking plattdt. 136.
B.
jem. (sich) zu voller ausdehnung in horizontaler lage bringen, ferner (in allmählichem übergang zur bedeutung 'bewegen', vgl. C) 'etw. hinlegen' schlechthin.
1)
sich niederlegen (auf eine lagerstatt, auf die erde), wobei der körper zu voller ausdehnung und gleichzeitig auf eine lagerstätte gebracht wird:
er stracte sich rückelingen ûf die erden
Hugo v. Trimberg renner 12227 Ehrismann;
sah er (Dominicus) den teuffel angethan
wie ein muͤnch vor dem altar stahn
vnd murmelt fast vnd neigt sich sehr,
als ob er gar andechtig wer,
vnd legt vnd streckt sich auff die erden
Fischart S. Dominici artl. leben 216 Kurz;
(der pfarrer) legt und streckt sich auf ein bett Kirchhof wendunmuth 2, 126 lit. ver.; er streckte sich die länge lang auf seine vielen kissen, als wenn hier sein todenbett wäre Heinse s. w. 2, 141 Schüddekopf;
auch musz ich, wenn die nacht sich niedersenkt,
mich ängstlich auf das lager strecken;
auch da wird keine rast geschenkt,
mich werden wilde träume schrecken
Göthe I 14, 76 W.;
er ... streckte sich auf sein sopha Arnim s. w. 7 (1840) 214; ihren hut beiseitewerfend, streckte sie sich auf eine chaiselongue Fontane ges. w. (1905) I 4, 267; er streckte sich ins gras und lag und sah die sterne an H. Hesse Klingsors letzter sommer (1920) 203; es geschah häufig, dasz der grosztyrann ... sich ... bekleidet auf ein ruhelager streckte Bergengruen grosztyrann (1947) 7; (general Clausz) streckte sich auf sein sofa, die federn ächzten A. Zweig einsetzg. ei. königs (1950) 146; auch ohne ausdrückliche ortsangabe:
frölich geh ich, mich zu strecken,
weil du, gott, mein wächter bist
Dan. Wülffer in: ev. kirchenl. 3, 213 Fischer-Tümpel;
aber so streck dich doch nur'n augenblickchen G. Hauptmann einsame menschen (1891) 4; sech št., weⁱ e fresch 'breit hinfallen infolge eines betäubenden schlages' luxemb. ma. 429; 'sich betend hinwerfen':
sie (die Juden) suͦhten ir uenie
si strahten sich werde   nider zuͦ der erde
exodus in: fundgr. 2 (1837) 96 Hoffmann v. Fallersleben;
von dem altere man sach
gen den gotes werden (St. Felix)
da er uf die erden
kruzewis sich strackte
passional 98ᵇ Köpke;
(vgl. auch stracke venie teil 10, 3, 591); vereinzelt noch in neuerem sprachgebrauch:
und müsst' ich so, in anbetung gestreckt
zu deinen füssen fiehend liegen,
bis das giganten-jahr des Platon abgerollt
H. v. Kleist 2, 349 E. Schmidt;
ähnlich 'sich jem. zu füszen werfen': aber swelich brûdir von sînim abbete oder von sînim priôre umme decheine schult gestrâfit wirt, ... cehant strecke er sich vur sîne fûzze und sûche gnâde (13. jh.) benedictinerregel d. abtei Hohenfurt in: zfda. 16, 276;
tzu sinen fuzen stract er sich
Ludwigs kreuzfahrt 5970 v. d. Hagen;
part. perf. 'lang auf der erde etc. liegend, ausgestreckt', vgl. teil 4, 1, 2, 4246 s. v. gestrackt 1 und 4251 s. v. gestreckt 1.
2)
jem. strecken jem. in voller länge auf eine lagerstatt u. dgl. legen:
(die toten) worden to gerecket
vp zwa baren gestrecket,
dar vp zwey pellen rîche
Karl Meinet 141 Keller;
ein hærîn hemde und einen sac
lege an dich, hôher künic wert.
gestrecket nider ûf den hert
soltû drâte werden.
sus lic dâ bî der erden
Konrad v. Würzburg Silvester 51 Grimm;
streck jhn (den zu operierenden) auff ain bret Braunschweig chirurgia (1539) 95ᵇ;
als uns der schlaf auf holtz und rasen streckte,
und noch der stoltz kein himmel-bett gewann,
da schertzten wir bey kräutern und in hürden
Hagedorn vers. einig. ged. 42 ndr.;
Thomas war schon auf den rücken eines bedienten gestreckt und alles in bereitschaft zur execution Bode Thomas Jones (1786) 1, 307; im bilde:
... sein schwelgen den aufs krankenlager strecket,
der sonst der tapferste der trinkgenossen war
Joh. Ad. Schlegel verm. ged. (1787) 2, 50;
o herr! wie lieb und gut,
um viele liebe zu erwecken,
woll'st du mich junges blut
als quell des mitleids auf das lager strecken
Brentano ges. schr. (1852) 1, 117;
auch ohne ausdrückliche erwähnung der lagerstatt: der richter der sal yn heyssen vor sich strecken vnd sal ym heissen slan alse vyl slege d. alte kulm. recht 155 Leman;
wie sanft ihn auch die hand der weichlichkeit gestrecket,
ob er auf rosen schläft, und ob ihn seide decket!
Dusch verm. w. (1754) 252;
euer meister ... ist durch die gefahr, gottlob! aber kommt er da heraus und sieht die schweinerei, so bekommt er das gallenfieber, dann streckt es ihn Gotthelf ges. schr. (1855) 3, 332; in anderer konstruktion: ich glaube, dieser tag wird mich zu krankheit strecken, vgl. Fischer Göthe-wortschatz (1929) 606ᵇ (Jos. 2, 566); mundartlich: jem. strecken jem. überlegen, um ihn durchzuhauen, vgl. Sallmann estl. 130; in besonderer wendung: auf räder strecken 'legen', 'flechten', zur marterung oder hinrichtung, vgl. teil 8, 40 s. v. rad:
viel haben streich und brand
und schraub und stein verlacht. last ihn auf räder strecken!
ich zweiffel, ob er uns auffrichtig wird entdecken,
was uns zu forschen noth.
... man kan nicht sicher gehn
auff gründen, die allein fest auf der folter stehn
Gryphius trauersp. 55 lit. ver.
3)
jem. strecken jem. zu boden werfen und dadurch kampfunfähig machen bzw. töten; besonders in der wendung jem. zu boden etc. strecken: das schreckenswort 'gebt feuer!' ... das deinen armen bruder zu boden streckte Thümmel reise (1791) 7, 341; beim recognosciren der festung streckte ein vierundzwanzigpfünder sein pferd unter ihm (Gustav Adolph) in den staub Schiller 8, 233 G.; so hieb er ihn zweimal über den kopf. mit dem erstenmal streckte er ihn auf die erde Göthe I 43, 322 W.;
ein schütze ...,
der in den sand den boten streckte
H. v. Kleist 2, 408 E. Schmidt;
ein speerstosz Alexanders streckte den persischen fürsten todt zu boden Droysen Alex. d. gr. (1833) 114; mit einem hieb streckte er den unfriedstifter zu boden Rosegger schr. (1909) 124; (ein durch tragtiere ausgetretener pfad) hatte gerade unter dem feuer von wurfgranaten gelegen; ein treffer hatte eines der tiere, ein zierliches, schwarzbraunes pferdchen, tot in den schlamm gestreckt qu. v. 1949; in verschiedenen bildlichen verwendungen: vnd (deine feinde) streckent dich (Jerusalem) zuͦ der erd (et ad terram prosternent te) erste dt. bibel 1, 300 Kurr.; ihre (anrede) zunge wie ein guter lanzenwerfer wartet nur auf den schicklichen augenblick um mich in den sand zu strecken Bettine d. buch gehört d. könig (1843) 1, 147;
ach, ein schleichender verräther,
fieber mit der kalten hand,
hat dich, fern der gruft der väter,
hier gestreckt auf fremdes land
Rückert ges. poet. w. (1882) 1, 70;
jener dürre sensenritter
streckt uns alle in den sand
Heine s. w. 2, 69 Elster;
... bald werde gewisz Napoleon den letzten gegner zu boden gestreckt haben, und dann könne ein geeintes Europa unter seinem zepter des friedens genieszen Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 188; besonders ins grab usw. strecken:
o liebe, liebe, du bist starck,
du streckest den ins grab und sarg,
vor den (!) die felsen springen
Paul Gerhardt in: evang. kirchenl. 3, 307 Fischer-Tümpel;
die folgen seiner (des generals v. Holk) ausschweifungen streckten ihn zu Adorf auf die bahre Schiller 8, 330 G.; die wirklich bewundernswerthe sorgfalt des Nürnberger magistrats konnte nicht verhindern, dasz nicht ... die zunehmende wuth der seuchen mit jedem tage über hundert menschen ins grab streckte ebda 8, 273; eine aufwallung des zorns ... streckte ihn auf den sarg in seinem achtzigsten jahre ebda 6, 117; mit einem Lessing anzubinden und dadurch seinen ruhm und sein ansehn mit einem male ins grab zu strekken Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 1, 389; auch ohne ausdrückliche ortsangabe 'töten' schlechthin:
dieweil und ich dich hab erlegt,
das du tod ligst von mir gestreckt
H. Sachs 12, 147 lit. ver.;
den loͤwen,
den in der wuͤste der hirt bei den wolletragenden schafen,
als er die huͤrd' ersprang, zwar streifte, aber nicht streckte
Bürger s. w. 222ᵃ Bohtz;
werden die zwölf ... mit einem plötzlichen schuss gestrekt Schiller 3, 69 G.;
ein fremder, der sich dort versteckt
und fechten wollte, ward gestreckt
Göthe I 15, 304 W.;
Nothung streckte den strolch Rich. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 6, 244; im schwäb. findet sich: strecken schlachten, töten, metzgen Fischer schwäb. 5, 1839; hierher wohl auch die verwünschungsformel: gott streck! ... gott streckᵉ miᶜʰ! ... dass diᶜʰ gott ... streckᵉ! Fischer schwäb. 5, 1839; vgl. den velle got! s. v. fällen teil 3, 1285; in bildlicher anwendung von einem baum oder seinen teilen: nun lag sie (die eiche, vom nordwind) gestreckt Lessing 1, 224 L.-M.;
steht ein beschädigter stamm, dem rings zerschmetterte zweige
um die seiten umher strömende schlossen gestreckt
Göthe I 1, 284 W.
4)
fachsprachliche anwendungen im sinne von 'hinlegen'.
a)
in der sprache der jäger wild strecken 'nach einer jagd das erlegte wild in eine reihe legen'; 'die wildbret, so tod geschossen worden ... ordentlich in die reihe legen heissen die jäger strecken' Frisch nouv. dict. (1741) 2, 345ᵃ: (das geschossene wild wird) sodann auf die wildpräths-trage gehoben und hin vor den schirm (den jagdschirm, von wo aus die fürstlichen jäger schieszen) zur rechten hand getragen und mit dem gehörn vorwärts gestrecket ... und wird alles mit dem gehörn und den köpffen nach dem schirm zu gestrecket, auch mit eichenen und buchenen brüchen beworffen Fleming teutscher jäger (1719) 279ᵃ; strecken das wild das verendete wild zum ausweiden, aufbrechen, streifen, zerwirken, zerlegen auf die seite, auf den rücken, oder nach einer treibjagd es in einer linie vor den jagdherrn hinlegen Train niederjagd (1844) 2, 2, 217; nach altem jägerbrauche darf niemand über das gestreckte wild wegschreiten Riesenthal jagdlex. (1920) 523; ebda auch: das wild strecken die strecke herrichten (vgl. strecke C 1).
b)
militärisch (eine) waffe(n) strecken '(eine) waffe(n) vor sich hinlegen'. erst seit dem 17./18. jh. (s. auch s. v. gewehr teil 4, 1, 3, 5413f., wo älteres gewehr niederlegen und sich mehr und mehr durchsetzendes gewehr strecken in gleicher bedeutung nebeneinander genannt werden).
α)
beim exerzieren das gewehr strecken 'das gewehr niederlegen' (vgl. dagegen unter C 3 b); strecken das gewehr heiszt bei den musquetirern 'das gewehr vor sich hin auf die erde legen' Frisch teutsch-lat. (1741) 2, 345ᵃ: das gewehr vor den fuss! strecket euer gegewehr! das gewehr auf zugleich! präsentiert euer gewehr! machet euch fertig zum schiessen! qu. v. 1669 bei Karl Mayer aus Kirchheims vergangenheit (1913) 159; strecket das gewehr! 'posez le fusil à terre!' ein commandowort beim exerciren der soldaten ...: man ... strecket das gewehr, tritt mit dem linken fusze stark vorwärts neben dem dritten röhrchen; die linke hand hängt bei dem linken fusze herunter, der kolben bleibt am rechten fusze, und der fusz unbeweglich ... man hebt sich geschwinde und zugleich wieder in die höhe ... und machet front, wobey die hände unbeweglich herunter hangen müssen Eggers neues kriegs-lex. (1757) 2, 1019; streckt's g'währ! (rest your firelock) J. J. Bode Tristram Schandi (1774) 5, 130.
β)
das gewehr, die waffen etc. strecken niederlegen zum zeichen der ergebung. diese bedeutung setzt sich erst im 18. jh. durch (Fäsch [1735] nennt den gleichen vorgang noch 'die waffen niederlegen', 'mettre bas les armes'):
und nun es hiesz: streckt das gewehr? —
wir standen ernst und stumm,
und dachten: macht der schaam nicht mehr!
und wandten uns herum
Goekingk ged. 3 (1782) 83;
dreyszig compagnien fuszvolck, die sich auf der flucht in das amthaus zu Lutter geworfen, streckten das gewehr und ergaben sich dem sieger Schiller 8, 123 G.; streckt die gewehre! euer herr spricht mit euch! (räuber lassen zitternd ihre waffen fallen) ebda 2, 369;
auf Steinau's feldern streckt das schwedische heer
die waffen, ohne schwertstreich überwunden
ebda 12, 118;
so oft ein feiges heer die waffen streckt
Stägemann kriegsgesänge (1813) 90;
halt ein! ihr seid umringt, die waffen strecke,
wer gnade will!
Raupach dram. w. ernster gattg. 5 (1837) 207;
bei meinem zorn! die waffen gleich gestreckt!
wer wagt es, meine gäste anzugreifen?
Hebbel w. 4, 291 Werner;
ich beabsichtige, um nicht das leben meiner vierzig soldaten nutzlos aufs spiel zu setzen, in einigen minuten ... die waffen zu strecken Erich Loest jungen, d. übrig blieben (1950) 154; im bilde: denn im grunde ist doch die zunge das einzige wehrhafte glied des weiblichen körpers; und also gehts uns schwer ein, wenn wir dies gewehr strecken sollen Hermes Sophiens reise 6 (1778) 265; was sagt ihr herren juristen ..., wenn man einem den glauben so an die kehle setzt, dass er ... das gewehr der vernunft strecken ... muss! Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 384; ich schmeichle und liebkose die wahrheit, in welchen händen ich sie antreffe, und lasse mich gerne von ihr finden, und strecke vor ihr meine waffen schon von ferne, sobald ich sie sich nähern sehe Bode Mich. Montaigne (1793) 355;
seht ihr nicht, was Amor that!
dasz er wehr und waffen streckte,
dasz er sich in frieden naht
Bürger s. w. 2a Bohtz;
und ich spanne dich (frau Fortuna) ins joch,
und du streckst am end' die waffen
Heine s. w. 1, 281 Elster;
er bereitete sich in der stille vor, dem schicksal gegenüber die waffen zu strecken Gutzkow ges. w. (1872) 6, 126; (es) wird ausdrücklich erklärt, dasz er (Johannes der täufer) ... im offenen feld und ohne zwang die waffen vor Jesu gestreckt habe Strausz ges. schr. 4 (1877) 110; auf die feder des schriftstellers angewandt: es nenne uns doch herr Clauren nur einen von den hundert dichtern, die gleich bei dem ersten feindlichen zusammentreffen mit der critik kapituliert, die feder gestreckt und dann nie mehr gedient hätten! Börne ges. schr. (1829) 1, 174.
c)
in der sprache des bauhandwerks schwellen etc. strecken 'schwellen legen': schwelle heiszt im zimmerwerck ein vierkantiges holtz, welches zum grunde eines gebäudes gestrecket und darauf die stühle eingezapfet werden Noel Chomel öcon. lex. (1750) 8, 1069; strecken nennt man ferner auch das legen mancher bautheile auf andere, wenn sie mit einer ihrer flächen vollständig aufliegen Helfft wb. d. landbauk. (1836) 351; die schwellen strecken in der baukunst, sie legen Campe 4 (1810) 701ᵇ (vgl. auch strecker 8 und strecke C 2). beim schiffsbau: kiel strecken ... den kiel eines schiffes als anfang zu dessen zusammenbau auf die stapel- oder pallklötze legen Stenzel seemänn. wb. (1904) 408; das auslegen der kielplatten bzw. das aufstellen des kieles (beim auflegen eines schiffsneubaues) wird als 'kiel strecken' bezeichnet Eichler v. bug z. heck (1938) 418; vgl. Goedel seemannsspr. (1902) 468 f. hierher auch bettungshölzer strecken bei der artillerie die feste unterlage eines geschützes legen: die unteren hölzer (der bettung) ... werden quer zur schuszrichtung gestreckt und sind mit starken schraubenbolzen versehen ... (die oberen bettungshölzer) werden in der schuszrichtung gestreckt Alten handb. f. heer u. flotte (1909) 2, 239.
d)
mundartlich: strecken 'das strohband legen', d. h. 'einen strohstrick zum binden der garben bereit legen', vgl. Fischer schwäb. 6, 3230.
C.
etwas (sich) zu voller ausdehnung in einer bestimmten richtung (auf etw. zu bzw. von etw. weg) bringen; der (bereits in B hervorgetretene) beisinn der bewegung verstärkt sich und wird schlieszlich zur bedeutung 'bewegen' schlechthin (vereinzelt auch absolut gebraucht, s. u. 6).
1)
ein glied gerade machen und dabei abspreizen.
a)
in freier anwendung:
nâch sînem stabe bucte sich
der wegemüede sarjant
und nam in in die zeswen hant;
den arm er von im stracte,
den stab der knappe stacte
ein wênic in die erden
Heinr. v. Freiberg Tristan 1189 Bernt;
(die affen) haben ... arm wie der mensch, ... dieselben koͤnnen sie auch, als die schenckel, wie der mensch, von sich strecken vnd an sich ziehen Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 1; dieser ruͤssel ist holl vnd beweglich, dasz er (der elefant) jn von jm strecken vnd wider zu jhm beugen kan Heyden Plinius (1571) 106; solches hab ich auch in einem andern gemach funden, da die knaben vnterricht werden, dasz sie die bein uͤber den hafen, drinn ein glut ist, strecken Schweigger reyszbeschreibg. (1619) 122; wenn der mann (ein schauspieler) auftritt mit zurückgeworfenem kopf, der den linken arm fest in die hüfte stemmt und den rechten steif und lang von sich weg streckt Sturz schr. (1779) 2, 171; die kleinen mädchen standen auf einmal wie verzaubert alle unbeweglich auf einem beinchen, während sie das andere in die luft streckten Eichendorff s. w. (1864) 3, 98; er streckte die beine weit von sich, wie es wohl ein mensch im zustande äuszerster ermüdung tut Bergengruen grosztyrann (1947) 35; und dann streckte er (Winfried) den arm waagerecht von sich, um den lastwagen anzuhalten A. Zweig einsetzg. ei. königs (1950) 466; d bein in d höʰ s. Martin-Lienhart elsäss. 2, 629ᵃ; auch im sinne von 'einen körperteil aus etwas heraus stecken': am hindersten hattes einen grauen mannskopf, darneben aber einen drachenkopf, der das maul aus dem hintersten gestreckt und feur gespihen Prätorius anthropodemus Plutonicus (1666) 2, 152; wenig minuten vor seinem ende streckte er die dürren schenkel aus dem bette Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 208; in besonderer wendung: was für ein esel strekt sein langohr aus diesem geschwäze? Schiller 3, 362 G.; im bilde:
ruinen, weit umher — ein riesenhaft gerippe,
das hier und da ein glied aus seinem grabe streckt
Tiedge w. (1823) 2, 195;
nur einzelne schornsteine streckten noch, wie geister, verwundert die langen weiszen hälse aus der verwilderten einsamkeit Eichendorff s. w. (1864) 3, 416; vgl. auch aufstrecken teil 1, 753, hervorstrecken teil 4, 2, 1200, herausstrecken teil 4, 2, 1047, emporstrecken teil 3, 441.
b)
in festen wendungen.
α)
die beine unter jemandes tisch strecken 'bei jemandem zu gast sein', auch 'in hausgemeinschaft mit jem. leben', 'jem. auf der tasche liegen':
es kan dir nyemand das verwyssen,
das ...
... man dich lang bitten müsz,
daszt vndern tisch streckist din füsz
H. R. Manuel weinspiel 322 ndr.;
'... wie es jedem ziemt, der seine füsze unter meinen tisch streckt' ... 'so? strecke ich meine füsze unter den tisch?' Keller s. w. (1889) 7, 232; die füsse noch unter vaters tisch strecken sich von ihm verhalten lassen Fischer schwäb. 5, 1838; sᵉīnᵉ foütᵉ uŋᵉr andᵉ rᵉr lᵒǖdᵉ disk štrekᵉn Bauer-Collitz waldeck. 34ᵇ.
β)
alle viere von sich strecken u. ä. 'ohnmächtig daliegen', auch 'sterben' bzw. 'tot sein' (vgl. o. A 1 a β γγ und A 3 b): und strecket alle viere von sich, und schicket sich zum sterben J. Wittichius ber. v. d. wunderb. bezoard. steinen (1589) 5;
er sanck dahin mit grossem leyd
erbaͤrmlich auff die erden nider
vnd strecket von sich alle glider
Spreng Ilias (1610) 178ᵇ;
auf was arten nemlich ... man ... sagen könne 'sterben' und 'tödten' ...: das kummerhafte leben enden ... und mögen alle vier auff einmal von uns strekken Schottel haubtspr. (1663) 118; aus gänzlichem mangel an energie ... streckt er alle viere von sich Bettine d. buch gehört d. könig (1843) 2, 382; gott! dürfte ich jetzt schreiben (d. h. diktieren), wie leicht würde es mir werden! aber wie bald würde ich auch wieder alle viere von mir strecken! (4. 2. 1847) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 525 Schulte-K.; auch mundartlich: alle veer van sikk strekken Dähnert plattdt. 467; alli fiəri fo səx štrekxə vom verenden eines tieres Baumgartner maa. d. Berner seelandes 85.
c)
metaphorisch.
α)
in verschiedener, an a anknüpfender anwendung; insbesondere vom baum, der seine äste von sich streckt; den übergang veranschaulicht:
nicht streckt eilig der baum, der neugepflanzte, die arme
gegen den himmel aus, mit reichlichen blüthen gezieret
Göthe I 50, 224 W.;
wohl im gleichen bilde:
solch ein rebenstok kan zieren
gottes ... hausz,
...
er kan gruͤnen und gewisz
reiffe trauben von sich strekken
J. Rist Parnasz (1652) 123;
äste streckt sie (die eiche), blätterbüsche
sonnig über glatte fluth
Göthe I 4, 145 W.;
aus dem gestrüppe fingerhut
bedächtig streckt die rothen glocken
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 88;
die bäume streckten ihre leeren äste wehmütig empor, eine meise flog von ast zu ast vor dem (trauer-)zuge her W. Raabe s. w. I 1, 123 Klemm; auch: die berg Abnobij haben mancherley nammen vnd strecken vil aͤst von yn Seb. Franck weltb. (1534) 31ᵇ; ähnlich einen schatten strecken: und jetzt sah er den vollen baum, der soweit hin seinen schatten streckte, bis auf die wurzeln vertilgt Grimm Michelangelo (1890) 1, 123.
β)
in der bergmannssprache: ein gang streckt die füsze von sich 'er tut sich auf' (d. h. 'eine lagerstätte wird mächtiger'); vgl. Schönberg berginform. (1693) 2, 35; Noel Chomel öcon. lex. (1750) 4, 589; Herttwig bergbuch (1734) 149; Veith bergwb. (1870) 211; vgl. auch: ein gang zieht die fuͤsze zu sich s. v. ziehen I A 11 teil 15, 953.
2)
einen körperteil gerade machen und dadurch einem ziele nähern; ihn durch langmachen auf etwas zu bewegen (vgl. langen 6 teil 6, 169); besonders vom arm: (der ritter) palde auf sprang, sein arme nach dem puben strecket, aber er als der vorgewarnet was palde von dan floche Arigo decamerone 576 Keller;
vnd gegen jhme strackt die armen sie (Origille) voran
und fiel jhm vmb den hals vnd blieb jhm hangen dran
Dietrich v. d. Werder rasender Roland (1636) 2, 126;
dreymal streckt er (Aeneas) den arm nach dem geliebten schatten (Kreusa),
dreymal entzieht er sich dem kusz des bangen gatten:
so flieht die seelenruh, das niemals feste ziel
betrogner geister den, der sie umarmen will
Wieland I 1, 32 akad.;
(vgl. auch ausstrecken teil 1, 990); metaphorisch:
nicht wie ein nabob seinen trägen arm
nach der erfüllung jedes wunsches strecken
H. v. Kleist w. 4, 10 E. Schmidt;
in fester wendung den arm strecken (vgl. o. A 1 a β ββ) 'seine macht, seinen einflusz auf etw. ausdehnen': er strecket sein arm inn Egypten, gwan inn kürtz das maͤchtig land Seb. Franck Germ. chron. (1538) 228ᵃ;
doch wuszte sie (Maria Stuart) aus diesen engen banden
den arm zu strecken in die welt, die fackel
des bürgerkrieges in das reich zu schleudern
und gegen unsre königin, die gott
erhalte! meuchelrotten zu bewaffnen
Schiller 12, 403 G.;
ähnlich: die wilde zwietracht streckt ihren ... arm durchs ganze land Klinger w. (1809) 2, 9; häufig auch vom hals: die pferde ... streckten die zottigen hälse zum boden und fraszen das gras Freytag ges. w. 5 (1887) 3; bildlich: zu ebener erde (in der mittelalterlichen stadt) gab es eine menge werkstätten und verkaufsbuden, die von der strasze besitz ergriffen und die passage oft fast gänzlich versperrten; selbst der keller streckte seinen 'hals' in die strasze Friedell kulturgesch. d. neuzeit (1929) 120; in der festen wendung den hals unters joch strecken:
er fasst sie (die ochsen) an ohn schrecken
und heist sie unter (!) joch die wilden hälse strecken
Sigm. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 78;
auch im bilde:
alszdan auff dein gebot hat sein haupt stoltz und hoch
auffrichtend in den lufft ein ieder berg erzaiget,
und die thal ihres thails, gleichsam under das joch
sich ströckend, auff den grund, gehorsamlich genaiget
Weckherlin ged. 1, 369 lit. ver.;
...
lehrt wie die feige welt ins joch den nacken strecket
Haller ged. (1777) 42;
schon früh in der anwendung den hals (in den schlag) strecken ihn dem henker hinhalten zur exekution:
sinen hals milchwiz
stracte er hin in den slach
mit allen zuchten er lach
vor deme swerte vffen knien
altes passional 352, 7 Hahn, vgl. auch ebda 219, 75;
auch ohne ausdrückliche richtungsangabe: andere, die bereits zu ermattet waren, streckten die hälse von selbsten, um wenigstens als märtyrer ... ihr leben zu endigen Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 2, 529; von andern körperteilen in verschiedenen bildlichen anwendungen:
das wilde feuer,
das seine rothe zunge nach mir streckt
Tieck schr. (1828) 1, 91;
(der verstand,) der seine fühlfäden in die auszenwelt streckt Schopenhauer s. w. 2, 36 Grisebach; in festerer wendung:
Fuxstainer tet seine oren recken
und nach dem schulthaiszampt strecken
hist. volksl. 2, 194 Liliencron;
die langen ohren haben sie ins publikum gestreckt und lauschen und horchen nach dem, was die grosze menge haben will (1877/78) Seidel vorstadtgesch. (1929) 1, 57.
3)
etwas, ohne dasz es im eigentlichen sinne gestreckt, d. h. lang und gerade gemacht wird, in einer richtung bewegen, ohne dasz diese in jedem falle ausdrücklich bezeichnet werden musz.
a)
von körperteilen, wobei sich, besonders inzuweilen formelhafterverbindung mit kopf und hand, ein reicher metaphorischer gebrauch entfaltet: und darf die nase nicht aus dem fenster strecken, ohne sofort einen schnupfen davon zu tragen Pückler briefw. u. tageb. (1873) 6, 49; schon früh im bilde: Moses hat ... seine hoͤrner aus dem himel gestrackt Laurentius Döner bei Luther bücher u. schr. 6 (Jena 1568) 333ᵇ;
trau ihrem (der fürstlichkeiten) schmeicheln nicht! sie strecken
nur gar zu gern die krallen nach
Thümmel reise (1791) 2, 293;
besonders vom kopf: wann auch das weydvihe sehr das erdtrich zerschirret, vnd den kopff gegen dem nordwindt strecket, so soll man sich eines schwaͤren winters versehen Michael Herr feldbau (1551) 15ᵇ;
wiwol heut finden etlich fein
ein letzen weg, schnecken zu sein,
naͤmlich, das sie die koͤpf staͤts strecken
aus fenstern, laͤden, wie die schnecken
Fischart w. 3, 154 Hauffen;
wenn ich den kopf vor die thüre strecke, so zeigen die nachbarn mit fingern auf mich Keller ges. w. 2 (1889) 253; auch reflexiv:
wo ...
aus den fenstern ruhig
sich köpfe streckten über uns sich wundernd
Schiller 12, 87 G.;
von einem heer den kopf in einer richtung strecken in einer richtung ziehen: aber die knecht wolten vergebliche hoffnung mit gefaͤhrlicher verharrung nicht mehr haben, streckten den kopff auff Rom zu, wolten jrem vnderpfand nachgehen vnd sich keinen hauptmann lassen abwenden Adam Reiszner Frundsberg (1572) 144ᵇ; derhalben hub der könig das feldlager bey Potzdam wieder auf vnd zog die armée zurücke nach Spandaw; woselbst er vnterm faveur des schlosses ... abermahl campiret: in meinung, wohin der general Tilly, nach eroberung Magdeburg den kopff strecken ... würde ..., dieses orts abzuwarten Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 161, vgl. auch ebda 2 (1653) 26 und 166; 'den kopf dem henker zur exekution hinhalten' (vgl. o. 2: den hals strecken):
die (bilgerine) muosten leider strecken
ir houbet gegen den swerten
Konrad Fleck Flore und Blanscheflur 416 Sommer;
ich will ...
mein unschuldvolles haupt nach Calchas eisen strecken
Gottsched dt. schaubühne 2 (1741) 51;
ohne ausdrückliche richtungsangabe den kopf strecken hoch hinaus wollen: es hetten die pauren die köpf gestreckt, die wolten oben auss Zimm. chron. ²3, 632 Barack; 'halsstarrig sein', 'einen kopf aufsetzen':
Achilles hat den kopff gestreckt (im zorn),
der zoren noch tieff in jhm steckt,
betrachtet nit die freundtschafft mehr,
die gutthat vnd bewisne ehr
Joh. Spreng Ilias (1610) 122ᵃ;
und von der hand (wobei strecken nicht in erster linie ein gerademachen der hand [s. o. A 1 a α], sondern ein heranführen an einen gegenstand bzw. ein wegführen vom körper mit hilfe des armes bedeutet):
Môrunc der snelle,   dicke über rant
mit ellenthaftem muote   strahte er sîne hant.
er wolde niht entwenken   den von Môrlande,
den edelen künegen rîchen,   an den rach er den Herwîges anden
Kudrun 712, 2 Symons;
(sie) ir hand czuͦ im strecket in czewecken Arigo decamerone 294 Keller; denn das ist diser kranckheit (der gicht) art, das man der glider nit mer brauchen kan, und wenn man den fusz oder die hand zu sich ziehen will, so kan mans nit unnd streckts nur ye mer von sich (1544) Veit Dietrich bei Luther 52, 503 W.; vnd entlich, wie kan doch das nicht eyn vngereimte sach heysen, die kinder ernstlich gewaͤnen, das sie die speis ... eygentlich in die rechte hand fassen, vnd wann sie die linck nur darnach strecken, gleich darumb straffen, aber keyn fürsehung thun, das sie rechte ... lehren ... hoͤreten Fischart ehzuchtbüchl. 286 Hauffen; (er) streckte die geballte faust nach der höhe und schüttelte sie drohend Freytag ges. w. 5 (1887) 338; in halbkonkreter anwendung: romanbände aus der leihbibliothek ... wurden ausgetauscht (im sanatorium). dann und wann trat ein buch, eine schrift auf, um die man sich risz, nach der auch die nicht mehr lesenden mit nur erheucheltem phlegma die hände streckten Th. Mann zauberberg 1 (1925) 459; in verschiedenen festen verbindungen mit symbolischem beisinn: die hände gen himmel strecken (im gebet):
(gott spricht:)
du streche dine hende
enriht in den himel, ich tuͦn daz du wil
genesis u. exodus 1, 149 Diemer
(vgl. auch Notker 2, 87 Piper: dum extollo manus meas ad templum sanctum tuum sô ih ûfheue mîne hende unde ich siê strecche in cruce diên ze hêili, diê dîn hus uuerden suln);
zu dir mein hend ich strecke.
eil bald zu mir
du hoͤchste zir
erbarm dich mein
Forster fr. teutsche liedlein 36 ndr.;
die gefalteten hände (möcht ich) in die wolke streken, und dem grosen geber der freiheit laut weinend danken (11. 5. 1787) Schubart bei D. Fr. Strausz ges. schr. 9 (1878) 212; beim lehnseid jem. seine hände strecken die zusammengelegten hände dem lehnsherrn entgegenstrecken, die dieser in seine hände schlieszt (s. Alwin Schultz d. höf. leben 1 [1879] 514):
nâch lêhenlîchem rehte   gestraht ir maneges hant
wart dem jungen künege
Kudrun 190, 1 Symons;
du strecktest mir dein' hände und wurdest mein eigen man
Alpharts tod 10, 1 v. d. Hagen (vgl. auch ebda 85, 3);
aver ik kan mi des nicht verwunderen, wo he sik des rikes underwinden darn, sint he ein knecht geboren is, und wo he dat darn van mi eschen, dat ik mi to ome neige und mine hande strecke (1360) städtechron. 7, 14 (Magdeburg); die hand wider jem. strecken sich gegen jem. erheben: denn er hat seine hand wider gott gestreckt, vnd wider den allmechtigen sich gestreubet (tetendit enim adversus deum manum suam ...) Hiob 15, 25; die hand über, an jem. strecken 'an jem. legen': nichte strecke dein hant v́ber daz kint, noch thuͦ im kein ding erste dt. bibel 3, 109 Kurr.; wann die knechte des kúnigs wolten nit strecken ir hand an die pfaffen des herrn (noluerunt autem servi regis extendere manus suas in sacerdotes domini) ebda 5, 98, vgl. auch ebda 5, 106; jem. d. hand strecken hilfe flehend bzw. eine gabe heischend die hand hinstrecken (vgl. auch hinstrecken teil 4, 2, 1480):
unsre deutschen brüder strecken
ihre hände tag und nacht
übers wasser uns und wecken
jeden Deutschen zu der schlacht
Schenkendorf ged. (1815) 81;
willst du fort, sie wird als bleiche
bettlerin am wege stehen
und die dürre hand dir strecken
nassen blicks. — nun kannst du gehen!
Weber Dreizehnlinden (1907) 246;
zur hilfeleistung:
sols mich doch nicht erschrecken
sein hand thut er mir strecken
Andreae geistl. kurtzweil (1619) 122;
zu dir mich wend,
streck mir dein händ,
erlösche deines kindes zorn
kath. kirchenl. 1, 739 Bäumker;
die hand strecken als geste des herrschers (vgl. o. 2 den arm strecken):
dat god sines tornes hand
streckede hir in dutsche land
(1360—70) städtechron. 7, 2 (Magdeburg);
so erquicket mich der heyland,
und streckt sein allmechtige hand
uber den zorn der feinde mein
H. Sachs 18, 519 lit. ver.;
gott strekke seine hand erfuͤllt mit heil und segen
zu, uͤm und uͤber euch auf allen euren wegen
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 217;
auch reflexiv:
denn ich (der herr) hab ein gerechte hand,
die sich streckt vber alle land
Veit Wolfrum in: evang. kirchenl. 1, 67 Fischer-Tümpel;
da streckte sich deine rechte über die tobenden wellen, und deine stimme gebot ihnen einhalt Aug. Sperl d. söhne d. herrn Budiwoj (1927) 337; vgl. auch ebda 292; die hand strecken nach etw. etw. begehrend zu ergreifen suchen:
hofft nicht durch Oestreichs gunst mich zu erringen
nach meinem erbe strecken sie die hand,
das will man mit dem groszen erb vereinen
Schiller 14, 346 G.;
weh mir! bin ich so tief, so tief gefallen,
...
nach einem mord die blut'ge hand zu strecken?
Mich. Beer s. w. 49 Schenk;
der teufel streckt die faust nach meiner krone
Raupach dram. w. ernst. gattg. (1835) 8, 311;
ich sah nur, wie das glück, nach dem ich gestern schon die hand gestreckt, in unsichtbare ferne schwand Storm s. w. (1898) 2, 22; enkel wachsen empor, strecken verlangend die hände nach dem erbe ihres blutes (nach der krone) Aug. Sperl d. söhne d. herrn Budiwoj (1927) 350.
b)
von einem gegenstand, den man in der hand hält, wobei das moment der eigentlichen streckung, s. strecken A, gänzlich wegfällt, vgl. dazu: er denet sein schwert teil 2, 903 s. v. dehnen, sowie recken 1 c teil 8, 447, s. auch streckung 8: streck ein lang vogelrohr vber eine gantze gassen einem andern zum ohr Wirsung artzneyb. (1584) 197; in dieser sachen ward allein auff desz einigen musicanten zeugnusz gesehen unnd verfahren, welches doch gantz verdaͤchtig dasz er darzu gekouft were, und etwan ein zeichen zum uffer streckend, mochte gemerckt haben E. v. Meteren hist. beschr. d. niederl. kr. (1614) 1, 48; jeder (Schweizer) ein mächtiges bierglas in der hand, dasselbe in die höhe streckend und auf kommando mit feierlicher miene ausleerend bis auf den grund (27. 6. 1840) Keller br. u. tageb. 2, 18 Erm.; was streckt ihr eure sichel nach fremder saat? Nitzsch dt. studien (1879) 10; er (der schreiner) kam, ... kniete am boden, streckte den meterstab zur decke ... und notierte eine zahl um die andere behutsam ... in sein notizbuch H. Hesse Peter Camenzind (1925) 167; auch ohne ausdrückliche richtungsangabe: vnd er strackt das oberteyle der ruͦt die er hielt in seiner hand. vnd tuncket in ein ros honigs (extenditque summitatem virgae) erste dt. bibel 5, 58 Kurr. (vnd reckte seinen stab aus 1. Sam. 14, 27); mundartlich: säcklein strecken beim taufschmaus 'junge burschen binden ein säcklein an einen langen stecken, strecken dies zum fenster hinein und ziehen es dann gefüllt wieder zurück' Fischer schwäb. 5, 1839; in festeren wendungen; vom zepter: die vorsehung fuͤhret in schildereyen einen zepter, den sie auf eine weltkugel strecket, anzuzeigen, dasz sie die welt regiere Gottsched wb. d. schön. wissensch. (1760) 1645;
der weisesten religion, ...
die über völker je den milden scepter streckte
Gotter ged. 1 (1787) 372;
waffen zum kampf ausstrecken (vgl. dagegen o. B 4 b):
er streckt sein schwert! mit weggewandtem blick,
gleich Stratons weggewandtem blick,
als Brutus seinen stahl durchrannte —
so streckt er's hin auf ihn!
Schubart s. ged. (1825) 2, 172;
auch reflexiv:
ich sah ...
mit furchtbarer stille
und totverhöhnender ruhe
den reutern entgegen sich strecken die lanzen
Hölderlin ges. dicht. 1, 63 Litzmann;
im bilde: haben die Türcken ... vmb hilff angeruͤfft zum ersten mal jhr waffen in Europam gestreckt Seb. Franck weltb. (1534) 117ᵇ; ohne richtungsangabe: es waren auch dabei vil geweld, die der ordnung der von Macedonien vnbequem waren, inn welcher ordnung, wo sie nit jr lantzen moͤgen strecken (das alleyn geschehen kan im weitten feld) ist sie gar vnnütz, auch hinderten die aͤste vnnd zweige der baͤwme die vonn Thracien mit jhren grossen vnnd langen sebeln Carbach Livius (1551) 216ᵃ;
es stehen andre mit gestrecktem speer,
mordlustig hingepflanzt auf engen wegen
Schiller 6, 363 G.;
das gewehr strecken das gewehr mit ausgestrecktem arm von sich weghalten bei einer bestimmten art des präsentierens (anders als gewehr strecken 'niederlegen', vgl. o. B 4 b): posten, die mit 'gewehr ab' und aufgepflanztem seitengewehr stehen, erweisen an stelle des präsentierens die ehrenbezeugung durch strecken des gewehrs. die rechte hand umfaszt den griff des seitengewehrs und die gewehrmündung unterhalb des korns ... das gewehr wird etwas gehoben, so weit rechts seitwärts gebracht, bis der rechte arm ausgestreckt ist, und senkrecht niedergesetzt ex.-regl. f. d. inf. (Berlin 1906) 14. hierher wohl auch geld strecken 'geben, reichen', vgl. vorstrecken 5 a teil 12, 2, 1706: weilen sie gespielt und im trischachen (trischak ein kartenspiel Fischer 2, 389) yber 30 kr. einander gestreckt qu. v. 1717 bei Fischer schwäb. 5, 1840, s. dort auch weitere belege.
c)
'bewegen' schlechthin; in mundartlichen wendungen unter wegfall der richtungsangabe: einen baumstamm strecken 'mit zugvieh fortschleppen' Fischer schwäb. 5, 1839; ein schiff strecken 'ein schiff schleppen' schweiz. id. 11, 2164; im seelischen bereich 'jem. zu etw. bringen, treiben': so ist er ... durch der bepste listicke practiken ... in solche auffrhur und entpoͤrung ... gestrackt und bracht worden J. E. Menius chron. Carionis (1564) 3, 254ᵇ.
d)
in verschiedenen von b übertragenen wendungen.
α)
etw. strecken auf eine sache etw. auf eine sache richten: niti ... arbeyten ... in arbeit pynen ... fleisz thun, fleisz vnd arbeyt daruff legen vnd strecken (ende 15. jh.) Diefenbach gl. 381ᵇ; wiewol meine geferten alle jre krefften auff die flucht streckten Schaidenreisser Odyssea (1537) 42ᵃ; o jr menschen streckt eüwer sorge auff tugent ebda 29ᵃ; so es so ein wirdiger handel ist, auff den du so gar alle deine krefft streckest (ubi tu neruos intendas tuos) Boltz Terenz (1539) 38ᵃ.
β)
etw. strecken an eine sache etw. an eine sache (an jem.) setzen, für etw. (jem.) einsetzen (vgl. daran setzen teil 10, 1, 662 s. v. setzen): dem ich grosz guͦt ... versprochen hab, auch ein mercklich summ gelts an in gestreckt Wickram w. 1, 168 lit. ver.; aber sy thetten, als verstuͤnden sy es nit, strackten all jhr krefft an die ruͦder Schaidenraisser Odyssea (1537) 52ᵃ; omnes nervos suos in re aliqua intendere alle seine stärcke vnd kräffte an etwas strecken Corvinus fons lat. (1646) 578; strecke deinen stumpfsinn an die rolle (des Söller in den 'mitschuldigen') Göthe IV 3, 122 W.; (Erich Krummendik) rieth dem könige, auch keinen pfennig an jene von dem Lüneburger ausgebotenen schlösser zu strecken, die er ja bald umsonst haben könne Dahlmann gesch. v. Dänemark 3 (1843) 98; Adelung 4 (1780) 810 bucht es als veraltet: 'figürlich alle kräfte an etwas strecken, wofür man doch lieber sagt alle kräfte anstrengen'; vgl. daran strecken teil 2, 759; auch um etw. strecken: als der (kaiser Mimus) nun mit seiner kraft das kaisertum nicht regieren noch behoupten mocht, da macht er an allen stetten ritter, hiesz und gebott, das man vor ainem yettlichen ritter ain stab tragen solt zuͦ ainem zaichen, was er gepuite in des kaisers namen, das auch das kraft haben sol. des schworn auch alle ritter, da sy ritter gemacht wurden und solten darumb leib und leben strecken. also bestond nun der kaiser woll und regiert erlich Fr. Reiser reformation 224 Boehm.
γ)
hierher auch etw. strecken für jem. od. etw. 'etw. hingeben, darbieten, aufopfern' für eine person oder eine sache (vgl. darstrecken teil 2, 793): wann die (seele deines nächsten) sol dir lieber sein dann dein leib, eer vnd guͦtt, die du für die seele deines nächsten strecken soltt Keisersberg pred. teutsch (1508) 122ᵃ; (ich) woͤlt ... mein leyb für dich strecken Frisius dict. (1556) 861ᵇ; seine (eines fürsten) buͤrger ..., die er jhm also in liebe und freundtschafft hat verbunden und vereiniget, das sie nit bedauret auch jr leben fuͤr jren fuͤrsten zu strecken nit nur allein daz gelt Erasmus, herrenzucht (1566) 39ᵇ; wie man in den alten cronickhen findt, das was erbars und redlichen gemuets geweszen, das hat leib, ehr und gutt, ja darzu das leben fur das vatterlandt gestreckht Herolt chron. 37 Kolb;
hertzlieber bruder mag und kan
ich dir helffen mit leyb und gut,
ich streck für dich mein eygen blut,
wann du hast das verdient umb mich
H. Sachs 8, 246 lit. ver.;
vereinzelt reflexiv: das ich wil manlich und trewlich fechten, so fern mein leib und leben sich strecket für die religion Justus Jonas Melanchthons epistel a. d. landgr. z. Hessen (1540) f 2.
4)
sich strecken sich in einer richtung ausdehnen, strebend ausrecken.
a)
häufig 'emporrecken', im bilde von türmen, bergen bäumen etc.:
hat volckreich staͤtt, doͤrffer vnd flecken
vnd schloͤsser, die ins gwuͤlck sich strecken
Fischart w. 1, 266 Hauffen;
doch vermein ich auch, das ie mehr
ein berg sich in die höhin ströcket,
je bälder er mit schnee bedöcket
Weckherlin ged. 1, 277 lit. ver.;
bald sieht er des gebirges zackenecken
beeist sich strecken, recken hoch hinauf
Jul. Mosen s. w. 2 (1871) 57;
riesige tannen streckten sich gegen den himmel Stifter s. w. 3 (1911) 202; die stämme der kiefern streckten sich wie bleiches, verwestes gebein zwischen die wipfel hinein G. Hauptmann bahnwärter Thiel (1892) 54; auch transitiv: jetzt aber schlug das letzte viertel auf dem turm von sankt Alban, der seine leichte ... pyramide in das klarste nachtblau streckte Mörike w. 3 (1905) 43 Göschen; ein ... steilflankiger bergkegel streckte seine grasplätze so hoch unter die wände hinein H. v. Barth Kalkalpen (1874) 379; übertragen: so streckte sich niedrigkeit hinauf zur hoheit, und so neigte sich hoheit herunter zur niedrigkeit Schubart s. ged. 2 (1825) 258.
b)
sich in einer bestimmten richtung ausdehnen, um etwas zu erreichen (vgl. C 3 a die hand strecken); (nach einem ziel) streben; vgl. auch streckung 9:
einst als gerad' um mitternacht
Purganti schnarcht, Agnese wacht
und, durch ein falsch gespenst geschrecket,
sich zum gemahl so nah als möglich strecket ...
Ramler fabellese (1783) 2, 409;
ich will ... dir entdecken,
dass rings des meeres arm das land berührt,
und zu einander sich die wogen strecken
Gries Ariost (1804) 2, 54;
's geit manche (unter den dirndln u. nüssen), die sich
zum weg hin streckt;
die besten aber,
die san versteckt
Stieler ged. 3, 21 recl.;
im bilde: die (fürstliche person) sich hiemit in frembdes fürsten reich und gewalt strecken und greiffen wil Luther büch. u. schr. 4 (Jena 1568) 315ᵇ; besonders in der immer wieder aufgenommenen biblischen wendung: ich vergesse was da hinden ist, vnd strecke mich zu dem, das da fornen ist, vnd jage nach dem furgesteckten ziel, nach dem kleinod, welches furhelt die himlische beruffunge gottes in Christo Jhesu (ad ea vero quae sunt priora extendens meipsum ad destinatum persequor) Phil. 3, 13; vgl. auch erste dt. bibel 2, 180 Kurr.: ich vergisse der ding die do seind do hinten, wann ich streck mich selber zuͦ den die do seind do vor; dasselbe noch bei Mathesius ausgew. w. 1, 220 Loesche: vnnd strecket euch nach dem vorgesteckten ziel; Cramer s. ged. (1781) 2, 94:
ich ... strecke mich
nach dem kleinod an dem ziele;
und Schleiermacher s. w. (1834) II 4, 119: ihr müszt vergessen alles, was dahinten ist, und euch allein strekken nach dem, was vorne ist; aus derselben vorstellung heraus: das wir ... uns strecken nach derselbigen seligen hoffnung Luther 34, 2, 117 W.; zuͦ disem zwaͤck, zuͦ disem zil, streck dich mit allem flisz Leo Jud Erasmus' ep. z. Timotheo (1521) 4ᵇ; (sie) wolten ... nit guͤtlich, ob sie es wol zuͦsagten, den tag zuͦ besuͦchen, mit den eydgenossen handlenn, sonder streckten sich zuͦ krieg Seb. Franck Germ. chron. (1538) 216; strecken tot eendraght tendere, pertinere, spectare ad concordiam Kilian (1605) 536ᵇ; solt ich mich aber ex professo nach einer volkommenen physica strecken Kepler opera 1, 513 Frisch; hab ich ihn aber nicht erreicht (diesen zweck), so hab ich mich doch darnach gestreckt und denselben zu erlangen mich beflissen Dannhawer catech. (1657) 1, ):( 4ᵃ.
c)
von abstrakten 'sich auf eine sache richten' (vgl. auch C 3 d α):
wen ie daz volk tiefer und me
pruven wolden der ewen sin,
war sich ir zeichen zogen hin,
je minner sie volreichen
mochten der ewen zeichen,
war sich der sin hin stracte ...
Heinr. v. Hesler apokalypse 123 Helm;
der frey wille on gnade. szo viel stercker er sich streckt tzu wircken, szo mehr er nahett tzur vngerechtickeytt urt. d. theol. zu Paris in: Luther 9, 737 W.; das hyrn ist das edelst glyd, ... dahyn strecket sich alle krafft der aderen vom hertzen Eppendorff Plinius (1543) 204; fürnemlich aber sträckte sich sein begeren dohin, das man den räuber one verzug nacheilen sollte Zimm. chron.²2, 396 Barack; ihre gedanken streckten sich der eigenen hochzeit und Fabian entgegen Bergengruen am himmel wie auf erden (1940) 350.
5)
(unter verselbständigung der bedeutungskomponente 'bewegen' [vgl. die gleiche entwicklung o. unter C 2 und 3, bzw. B]) sich strecken sich in einer richtung bewegen:
zehant daz her sich strakte hin
gein der Düne durch gewin
livl. reimchron. 6492 Pfeiffer;
willtu zu S. Veiten, muszt du dich noch mehr den berg hinauff strecken Wickram w. 3, 6 lit. ver.; hierher wohl auch: dass er sich in ein solchen grossen schuldenlast eingeschlagen (sich einschlagen 'in schulden geraten' dt. rechtswb. 2, 1450) und gestreckt qu. v. 1593 bei Fischer schwäb. 5, 1840.
6)
vereinzelt in absoluter konstruktion (vgl. u. D 2 a γ und E 3 b β) strecken 'gehen', 'streben' (vgl. ziehen III teil 15, 1012):
die rechten strass helff uns Maria strecken ('den rechten weg ... gehen', vgl. Schatz gloss. 100 a)
Oswald v. Wolkenstein 229 Schatz;
do aber der wolf den list ward erkennen, do strekt er hinder sich, und der esel zoch in mit gewalt uncz für synes herren tür Steinhöwel Äsop 204 lit. ver.; streckten also leichts gemuͤtz vorbasz in die graveschafft Hohenloe J. Schlusser d. peurisch krieg (1573) 27; vgl. auch: wie auch S. Ambrosius thät, da er von den feinden ... aus dem tempel ... gefodert, und von ihm begehrt ward, er wollte dem kaiser die kirche ... ubergeben, strackt er herfür und bot ihnen seinen hals, stund wie ein mauer und sprach ... (1530/35) Veit Dietrich u. Nik. Medler in: Luther tischr. 1, 386 W.; von der fortbewegung eines schiffes: nünt dester minder fuͦrend die von Zürich mit irem schif straks dem land zuͦ bi Frienbach, und luffend etlich dem dorf zuͦ. do das die andern schif sachend, wiewol man gern in ainer ordnung zuͦ land gfaren wär, iedoch wolt nieman des andern zag (hinter dem andern zurückbleibend) sin und straktend also on ordnung der von Zürich schif nach an das land J. v. Watt chron. d. aebte 2, 106 Götzinger.
D.
anschlieszend an C 4 ('sich in einer richtung ausdehnen, strebend ausrecken') in abgeblaszterem sinne 'sich erstrecken' (was meist in neuerer sprache dafür eintritt, vgl. o. teil 3, 1019ff.), 'sich hinziehen', 'sich ausbreiten' (vgl. auch strecke A 1 und B 1), häufig die bedeutung 'reichen' annehmend; reflexiv und vereinzelt absolut gebraucht.
1)
sich hinziehen, ausbreiten.
a)
sich lang hinziehen.
α)
ohne richtungsangabe (vgl. streckung 10): daz ist dâ von, daz der vaizt rauch zæh ist an im selber und sich streckt nâch der leng. wirt er dann gejagt von dem luft, sô entzünt er sich, und wâ er krenker ist, dâ peugt er sich sam ain slang Konrad v. Megenberg buch. d. natur 77 Pfeiffer; prominens collis tegebat der fürausz gieng, der sich in die lenge strackt Frisius dict. (1556) 1072ᵇ;
... ein weisz-glatte seul (hals), die sich darunder (unter dem angesicht) ströcket
an zweyer hügel schnee
Weckherlin ged. 2, 322 lit. ver.;
die ströme hell durchs land sich strecken,
der wald ernst wie in träumen spricht
Eichendorff s. w. (1864) 1, 602;
seine (eines vorfahren des grafen Thurn) zarte, aufgeschossene figur streckt sich in einer endlos langen goldgestickten braunen weste und dito rock (9. 11. 1835) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 163 Schulte-K.; zu wagen, zu rosz, per dampf auf der kühlen welle oder der hie und da schon sich streckenden schiene! Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 2, 287; allenthalben in endloser reihe strecken sich mauern (in Rom) Grimm kl. schr. (1864) 1, 61; waldige und dunkle gebirgszüge streckten sich am horizont Keller ges. w. (1889) 3, 130; hierher (mit hineinspielen der vorstellung des verlängerns s. u. E) auch die redensart: der weg strekt sich noch sehr bis dahin il y a encore bien du chemin d'ici-là Schwan nouv. dict. 2 (1784) 731ᵃ; der weg streckt sich sehr in die länge Adelung 4 (1780) 810; vgl. auch Campe 4 (1810) 701 (vgl. der weg dehnet sich lang teil 2, 903).
β)
mit richtungsangabe (vgl. streckung 10, letzter beleg), wobei sich strecken sich schon der bedeutung 'reichen' nähert:
ein straze harte wol getan
die stracte sich uf osterlant
passional 232 Köpke;
(der Nil) erspringt gegen morgen in Morenland vnnd Lybia, gegen mittag sich streckende buch der liebe (1587) 190ᵃ; drey oder vier strich strecken sich von den ohren gegen dem schwantz Forer Gesners fischb. (1598) 10ᵇ; vnnd also sein der alten Sueuiae grentzen gewesen die Elb, der berg Carpathus, der an einander in einem strich hinauff nach dem auffgang sich strecket Rätel Curaei chron. (1607) 4; der Melibocus ... faͤhet sich bey Westphalen an und strecket sich gegen morgen Prätorius blockes-berges verrichtung (1668) 77; wenn man vom schwedischen sand-hafen will zur see lauffen, streckt sich der courss süd-südost Manson seebuch (1701) 4; im süden der hohen eisgebirge Helvetiens ... strecken sich einige thäler ... gegen die kornreichen ebenen der Lombardei Zschokke ausgew. schr. (1825) 1, 284;
wie ein zugespitzter keil ins meer sich
streckend, lag die stadt ...
Platen s. w. 8, 230 Koch-Petzet.
b)
sich flächenhaft ausdehnen.
α)
ausgebreitet sein:
zwar umb des erdreichs härtigkeit
des himmels schmuck sich ströcket;
aber des höchsten herrlichkeit
die himmel selbs bedöcket
Weckherlin ged. 1, 375 lit. ver.;
seht ihr nicht die gestreckten wälder,
drin euch kein führer winkt?
Kretschman s. w. (1784) 1, 95;
zum wilden eisernen würfelspiel
streckt sich unabsehlich das gefilde
Schiller s. w. (1834) 7;
vgl. auch: ein weitgestrecktes festes land Kant w. 9 (1839) 89; in einem weitgestreckten meere ebda 90; ein weites, breites land streckt sich auf einmahl vor mir auseinander (vgl. dazu auseinander teil 1, 850) maler Müller w. (1825) 1, 42;
welttheile huben sich und streckten
weit sich dahin
(s. s. v. dahin 8 teil 2, 687 ff.)
J. A. Schlegel verm. ged. (1787) 1, 45.
β)
sich in einer bestimmten richtung flächenhaft ausdehnen, ausbreiten (überleitend zur bedeutung 'reichen'): Illiricum, das land under dem In mit der Thonau sich streckend, iezo Baiern, Österreich, Steiermark, Kernten, windisch land ... Walachei Aventin s. w. 4, 2, 640 bayer. akad.; und wie wol vor vil jaren das kloster sich an die mur und in die mur gestrekt hat ... J. v. Watt chron. d. aebte 2, 298 Götzinger; das Turgow strecket sich gegen mittag gegen den Sarunetis Stumpf Schweizer chron. (1606) 426ᵃ;
... durch den föhrenwald,
der von zwei bergen in das thal sich streckt
Müllner dram. w. (1828) 3, 90;
alles land ..., was sich über der Somme und den Ardennen um die Schelde und Maas bis hinauf zur Südersee streckte Arndt schr. f. u. a. s. lb. Deutschen (1845) 2, 25.
c)
von zeitlichem verlauf 'sich hinziehen, erstrecken': uitaque eius tendatur cum infinitate temporis unde sîn lîb sich strecche mit unende zîtes Notker 1, 349 Piper;
wie lang der tag jm krebs sich streckt
Brant narrenschiff 115 Zarncke;
viel ceremonien die ind leng
sich zuerzelen streckten hie
Thurneisser erkl. d. archidoxen (1575) 59ᵇ;
im übergang zu D 2: und schickten sich baider seit zu ainem feldschlahen, das sich mit ernst dreu tag streckt Aventin s. w. 1, 53 bayer. akad.; diser vier koͤnigen regierung strackt sich abermahls in die 50 vnd mehr jar Stumpf Schweizer chron. (1606) 208ᵃ.
2)
(sich) strecken 'reichen'; innerhalb einer bestimmten begrenzung sich hinziehen oder ausbreiten.
a)
von konkreten.
α)
in allgemeiner anwendung:
(der dichter redet den Grobianer an:)
... trag ein kurtzes roͤcklin an,
gleich wie ein aff vnd bauian,
das sich bisz auff die hüfft kaum streck
Scheit Grobianus 375 ndr.;
in halbkonkreter anwendung vom geld: wa man ouch solte verkouffen, das brachte kain vorthail, sonnder usz vil ursachen unns unnd gemainer landtschafft mercklichen nachtail, nemlich das, das das land würdt geschmelert, die hilff dardurch geringert und so man vertigung thun solt würde villicht der kaufschilling sich hart zu demselben mögen strecken, dardurch vill nachtail unnd verwiss entsteen möcht (um 1515) Chr. Fr. Sattler gesch. d. herzogt. Württemberg (1769) 1, 2, 193; sol das gelt ieden schultherren ... bezalt werden, so wit sich sollich guͦt strecken mag Freiburger stadtrechte (1520) 6ᵇ; iedem armen menschen ein pfenning (einer stiftung) uf das new jar, so weit sich die ströckhen und raichen möchten qu. v. 1525 bei Fischer schwäb. 5, 1840; mundartlich: des streckt 'reicht aus', 'genügt', vgl. Fischer schwäb. 5, 1841 u. s. erstrecken 7 teil 3, 1021.
β)
besonders auf teile der erdoberfläche bezogen: die XXII tagraiss ist in der nacht von Ydrunt (Otranto) uff dem mer Adriaticum hin und faren uff den tag uss dem obren mer in daz under mer, das sich streckt bys an daz end der welt (1492) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 293; doch das land Siria Phenicis strecket sich weitter wol drey meilen bisz zū gehawenen felsen, da endet sich das selb land gegem mittag Seb. Franck weltb. (1542) 164ᵇ; das ... künigreich Baiern, das sich dieselben zeit strecket und gieng von dem wasserflus Lech bis an die wasserflüs die Sau und die Teyssa, und raichet weiter von Italien bis an den Main überzwerch nach der brait Aventin s. w. 5, 1, 163 bayer. akad.; der (wald) strecket sich von desz keisers leger bisz gehn Monheim J. Schlusser beschr. d. protest. kriegs (1573) 74;
bis an den fusz der Riesenberge hin
streckt sich das jagdgehege seiner wälder
Schiller 12, 143 G.;
auch ohne ausdrückliche begrenzung: so weyt und ferr sich in iren hölzern und feldern ir trib und trat ... str. ist qu. v. 1541 bei Fischer schwäb. 5, 1840;
so weit die welt sich streckt, herrscht elend und betrug
A. v. Haller ged. 56 Hirzel;
vaterland, das streckte sich nicht weiter, als ihr hahn schreien konnte Arndt schr. f. u. a. s. lb. Deutschen (1845) 4, 130.
γ)
in absoluter anwendung (vgl. C 6 und E 3 b β), nur mit dem ausdruck der richtung verbunden, in obd. flurbeschreibungen des 14. bis 16. jhs., 'reichen, stoszen': und ain lant stregt ob der juchart gen dem Heggental (1354) urk.-b. d. klosters Heiligkreuztal 1, 313 Hauber; dú aecker ... die von dem closter streckend an daz oberholtz qu. v. 1370 bei Fischer schwäb. 5, 1841; unser wiss ... strekt uff die Tonow qu. v. j. 1398 ebda; zwu juchart an ainer furch, ströckt übern wasserfal qu. v. j. 1502 ebda u. ö. bei Fischer a. a. o., vgl. dazu auch unter ziehen III B 2 teil 15, 1022; in heutiger mundart: die aecker str. dört 'naⁿ; des haus streckt ᵃuf 'n platz Fischer schwäb. 5, 1841; ähnlich: von dann gend aus die enden zuͦ dem dorff mitt namen Addar vnd strecken zuͦ Asemona (et tendent usque ad Asemona) erste dt. bibel 4, 125 (la.) Kurr.; vgl. auch: das aufstrecksrecht, wonach jeder dorfgenosse zum zwecke des torfstiches einen rechtlichen anspruch erhob zunächst auf das randgebiet des an sein hofland grenzenden moores, dann auch auf das dahinter liegende moor 'solange es sich strecket', d. h. bis die geradlinige verlängerung seiner beiden seitlichen flurgrenzen auf einen weg, einen flusz, einen weiher oder auch auf trockenes heideland stiesz Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 159.
b)
von abstrakten 'seinen geltungs- oder wirkungsbereich bis zu einer bestimmten grenze ausdehnen', 'mit seiner geltung bis dorthin reichen': dann das ampt (des geistlichen hirten) streckt sich nichtt weytter, dann so fern das wort geet Luther 10, 1, 2, 290 W.; dann sich seine (gottes) gnadt vom auffgang bisz zu dem nidergang, von mittag bis gegen mitternacht reckt vnnd streckt vnd vberschattet alle, die sich bekeren ders., br. 10, 490 W.; gleich der Sürg anfieng sich uf die hochzeit zu rüsten, geen Augspurg kam. daselbs kauft er und krampt, welches sich so weit strackt, das er umb ain burger zu Augspurg gelt entlehnen muest Zimm. chr. ²3, 513 Barack; so lang als sich die erst goͤttlich wirckung gestreckt Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 123;
der hoͤchste, dessen macht unendlich weit sich strekket
Rachel satyr. ged. 35 ndr.;
dass eines vatters gutthat sich in die 1000 geschlechter streckt Stölzlin catech.-hand (1666) 22,
er (gott) lasse dein geschlecht sich auf die nach-welt strecken
Joh. Chr. Günther ged. (1746) 752;
die hoffnung streckt sich allezeit weiter als die that Arnim s. w. (1853) 12, 78; mit umgekehrter richtungsvorstellung: dweil ... vnsers gnedigen herrn bischoue zu Augspurg weltlichen rät vermaint vnd vngegrundt fürhalten vnd anzaigen sich daher lenndet vnd streckt, das Vlrich Schmid solhen todschlag auss rettung vnd zu schutz vnd schirm seines leibs vnd lebens getann urk. z. gesch. Maxim. I. 421 lit. ver.; in bezug auf zeit: die zeit in denen er buͤcher geschriben hab, sich gestreckt haben züm end des keiserthumbs Commodi Casp. Hedio chron. germ. (1530) H 6ᵇ; hierher auch 'etw. in seinen geltungsbereich einbeziehen', 'sich auf eine sache beziehen': das aber Christus sagt zu Petro 'ich hab fur dich gebeten, das dein glaub nit zurgehe', mag sich nit streckenn auff denn bapst, seintemal das mehrer teyl der bepst on glauben gewesen sein Luther 6, 412 W.; aber die weltliche oberkeit ist durch die lehre und durch das wordt Christi bestettiget und bekrefftiget, welchen alle menschen schuldig sein gehorsam zuleisten in allen dingen, zu welchem sich ihre oberkeit strecket (1524) städtechron. 27, 162 (Magdeburg); die zeichen so von den ochsen beschriben, streckend sich der merteil auch auff die kuͤ Herold-Forer Gesners thierbuch (1563) 117ᵃ.
E.
'etwas durch straffenden zug (vgl. o. strecken A 2) oder andere mechanische einwirkungen zu gröszerer ausdehnung bringen', dann auch 'ausdehnen, verlängern' schlechthin, bzw. 'sich verlängern, wachsen'.
1)
in technischer fachsprache 'ein material durch ziehen, schlagen u. dgl. ausdehnen'.
a)
bei der lederbearbeitung (vgl. dazu strecke D 2, strecker 6 und streckrahmen, sowie leder recken teil 8, 448): das leder strecken bei den gerbern und lederarbeitern, es in die länge und breite ziehen, ausdehnen Campe 4 (1810) 701; vgl. auch Adelung 4 (1780) 810: das leder strecken bey den gärbern und andern lederarbeitern, es durch ziehen in die länge ausdehnen; ebenso Prechtl technolog. encycl. 9 (1838) 316: nachdem (beim gerben von handschuhleder) sämmtliche felle (d. h. hier die enthaarten häute) mit dem gerbebrei behandelt worden, ... (bringt) man sie zum strecken ... jedes fell wird nämlich von zwei arbeitern, die einander gegenüber treten, und von denen der eine das kopfende, der andere das schwanzende anfaszt, der länge nach, mit der narbenseite nach innen, zusammen gelegt und so stark wie möglich durch ziehen ausgedehnt; auch strecken mit dem streckeisen (s. dort unter 1): das lohgare oder braune schafleder wird (vom lohgerber), nachdem es aus der farbe gekommen und getrocknet ist, auf dem streckrahm (s. dort) auf der aasseite mit dem streckeisen ... gestrecket, hierdurch verlieren sich die falten Jacobsson technolog. wb. 4 (1784) 313ᵃ; ebenso in der kürschnerei: die felle werden, wenn sie zum zweytenmal gewalket sind, mit der hand ausgestreckt und ausgezogen (und, wenn es sich um kleine bälge handelt) auf die grauwerkscheere gestreift, und mit diesem werkzeuge ausgedehnet, wodurch alle runzeln und falten weggeschafft werden, die in der walke und übrigen bearbeitung entstanden sind Jacobsson a. a. o.; leder strecken in der bedeutung 'es durch ziehen ausdehnen' schon früh bezeugt:
der mann (schuster) sprach: weil ich mit den zänen
das leder thet strecken und denen,
nach der lenge und nach der breit,
da ergabs wol zur selben zeit,
dasz ich vil schuch machet darausz
H. Sachs 21, 274 lit. ver.;
ebenso im vergleich: vorausz aber werden darausz gemachet die besten schiffseil, welche im wasser allzeit besser und gleichsam als new werden und sich strecken lassen wie ein leder J. Boterus allg. weltbeschr. (1596) 1, 321; hierher vielleicht auch eine bildliche anwendung (bei der aber die vorstellungen des folterns, s. o. A 3 e, und des todes, der den menschen streckt, s. o. A 3 b, mit hineinzuspielen scheinen):
daz tuot der tot, des muot ist uf mich worden grel;
er hat kein ruo, er(n') hab' gestrekket mir das vel
unt hab' mich von dem leben braht unt von der welt gescheiden
Regenboge in: minnesinger 3, 345ᵇ v. d. Hagen;
da streckt er sie wie die hasenbaͤlg vnd erwug jhr vermoͤgen, eynkommen vnd was jhre besoldung; hette einer die armen geschunden, so berst er sie, dasz sie vor angst schwitzten vnd menniglich wider gaben was sie entzogen hatten Fronsperger kriegsbuch (1578) 1, 170ᵃ.
b)
in bezug auf fasermassen, textilien u. dgl. (vgl. auch zeug recken teil 8, 448): filz strecken bei den hutmachern, die filzmasse beim formen auseinanderziehen, s. Prechtl technolog. encycl. 7 (1836) 607; tuch strecken teil des herstellungsprozesses von wolltuchen nach dem waschen und walken: endlich schlieszt das trocknen und strecken in den tuchspannereien (tiratoi), grossen gebäuden, die eine anzahl von tuchrahmen in vorgeschriebener länge bergen, die reihe der einzelnen produktionsprozesse zunächst ab Doren Florentiner wollentuchindustrie v. 14. bis z. 16. jh. (1901) 52; auch: gewaltsam (über das erlaubte masz hinaus) recken, um beim verkauf mehr fläche berechnen zu können: es sol hynanfürder nyeman ... dehein tuͦch an der lander (tuchrahmen) denen noch strecken noch überziehen anders dann sin rehte mosse und werunge ist (15. jh.) Straszburger tucher- u. weberzunft 100 Schmoller; item sal man allen gewantsnydern, die wollen duche mit der elen uszsnyden, mit namen gadenlude, wober und snyder sagen, das sie fortine kein duche sollen strecken qu. v. 1445 bei Bücher berufe d. st. Frankfurt 51ᵃ; das die tuch, so nach der elen jn den stetten hingegeben, genetzt und geschoren verkaufft und weiter nit gestreckt sölltn werden (a. 1500) urk. z. gesch. d. schwäb. bundes 1, 423 Klüpfel;
ein fehnlein schuͦster, die das leder nicht nagen,
ein fehnlein tuͦchmacher, die die tuͦch nicht wol strecken ...
ein fehnlein fuͦrleut die nicht fluͦchen,
ein fehnlein pfaffen die iren nutz nicht suͦchen
hist. volksl. 4, 241 Liliencron;
was aber ganze tuech wären, sollen ungereckt und gestreckt, aber doch genetzt verkauft werden tirol. polizeiordn. v. 1603 in: dt. maa. 4, 455 Frommann; etliche solcher betruͤg nahmhafft zu machen ...: die ernewerung und farb-anstreichung alter verlegener wahren, die befeuchtung der wahren, dasz sie schwer werden ... die gestreckten und falsch gefaͤrbten tuͤcher Dannhawer catech. 2 (1658) 328. — ähnlich: eya ich dacht mirs wol, die hosen würn dē schneider nachgeben vnd sich muͤssen strecken vnd flecken ('durch ansetzen von flicken verlängern', s. teil 3, 1774 unten, s. v. flicken [1, schlusz]) lassen Joh. Nas eins vnd hundert 4 (1570) 374ᵃ; im bilde:
der vierdt (prelat) ihrn (der theologie) mantl thet strecken,
sein irrthumb mit zu decken
H. Sachs 1, 340 lit. ver.
c)
bei der metallverarbeitung metalle strecken (meist glühend gemachte) metallstangen länger und dünner schmieden bzw. auswalzen, s. Noel Chomel öc. lex. (1750) 1, 954; 8, 1710; Jacobsson technolog. wb. (1781) 4, 313ᵃ; 7, 471ᵇ; Schönermark-Stüber hochbau-lex. (1902) 803 (vgl. auch strecker 3, streckung 11 und streckhammer, sowie eisen recken teil 8, 448):
erhebt die starken arme leicht, dasz tactbewegt
ein kräft'ger hämmerchortanz, laut erschallend, rasch
uns das geschmolzne vielfach strecke zum gebrauch
Göthe I 50, 305 W.;
strecken in der stanniolfabrikation 'die gegossenen zinnstäbe unter dem streckhammer ausschlagen', s. Prechtl technolog. encycl. 2 (1830) 264; bei der münzherstellung 'die gegossenen zaine (metallstäbe) zu platten, aus denen die münzen geschnitten werden, auswalzen', s. Karmarsch-Heeren techn. wb. 6 (1883) 184; Prechtl technolog. encycl. 10 (1840) 230; 233; d. grosze Brockhaus 13 (1932) 61; bildlich: am hofe theilt man die menschen ein, wie ehemals die chemiker die metalle, nämlich in solche, die sich dehnen und strecken lassen, und in solche, die dies nicht thun H. v. Kleist w. 5, 168 E. Schmidt; die Heiterethei hatte gesagt, sie wollte den schneider erst mit in den zainhammer nehmen und ihn strecken lassen O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 330; eine korrigierte welt, darin die zwerge gestreckt sind und die bettler bereichert (21. 10. 1924) Rilke in: br. 2, 468 insel; in scherzhafter übertragung im sinne von 'länger machen': meister, er (der firstbalken) ist zu kurz! soll man ihn flecken oder strecken? Karl Reiser sagen d. Allgäus (1899) 2, 392.
2)
übertragungen von 1 in verschiedener anwendung.
a)
in bezug auf verschiedene abstrakta: 'etwas gewaltsam auslegen', '(einen begriff) gewaltsam auf etw. beziehen, vergewaltigen', 'etw. künstlich an ein gefordertes masz anpassen, nach etw. richten (vgl. hierbei gelegentliche anklänge an A 4 sich nach der decke strecken u. ä.; vgl. ferner dehnen 2 teil 2, 902)': welche (sprüche aus den vätern) sie denn allenthalben dahin gedeut und gestreckt haben, die lere vom glauben gantz vnterzudrucken J. Jonas bei Luther büch. u. schr. 6 (Jena 1568) 428ᵃ;
(d. philosophen) mischten vnder die goͤttlich worheit
ir eitel philosophisch thorheit
vnd wollten alles gnauw auszecken,
nach jrem verstand alles strecken,
wie zwo naturn sind ein person,
wies gsatz muͦsz bei der gnaden stohn,
wie der heylige geist auszgang,
vnd von des freien willens zwang
Fischart s. dicht. 2, 341 Kurz (d. gelehrten, d. verkehrten 339);
das die recht nach gelegenheit vnd ansehen der zeit, der personen, deren stand vnd ehren, sachen vnd haͤndel anders vnd anders auszgelegt, gestreckt, eingezogen ... muͤssen werden, ... das hat der fuͤrtreffliche jurist Alciatus in seinem tract(at) ... nach der laͤng auszfuͤndig gemacht Lehman flor. pol. (1662) 2, 649; regenten ... muͤssen offt jhre geschaͤfft vnd handlungen nach der noth, zeit und personen abmessen, strecken, dehnen vnd richten ebda 2, 576;
der weisz die worte umzustellen,
der stutzt und streckt sie so gewandt,
dasz hier zum ketzer und rebellen
Girolamo sich klar bekannt
Lenau s. w. 564 Barthel;
man fügte also den komplementären begriffen heidentum und christentum ... den abschlieszenden einer 'neuzeit' hinzu, die ..., nachdem sie seit den kreuzzügen wiederholt 'gestreckt' worden ist, einer weiteren dehnung nicht fähig erscheint O. Spengler untergang d. abendlandes (1918) 1, 26; der begriff renaissance wird nun, um auch diese erscheinungen (formen und bewegungen im mittelalter, die schon den stempel der renaissance zu tragen scheinen) mit umfassen zu können, gereckt und gestreckt, bis er all seine spannkraft einbüszt T. Wolff-Mönckeberg übersetzg. v. Huizinga, herbst d. mittelalters (1928) 410; s. auch als übergang zu 3 a:
kuͤnte man das leben strecken, wie man kan das leder denen
Logau sinnged. (1654) 3, 238.
b)
etwas auseinanderziehen bzw. verdünnen und dadurch weiter reichen machen, in verschiedener anwendung: 'bei treibjagden die flügel der schützen oder der treibwehr weiter ausdehnen oder zusammenziehen', streck! streck her! streck hin! Kehrein weidmannsspr. (1871) 286, vgl. auch Behlen forst- u. jagdkde. (1843) 726; von schriftzügen: ich werde durch ihre (anrede) langen buchstaben und gestreckten zeilen sehr übervortheilt; ihre ganzen briefe brächte ich in zwanzig zeilen (6. 10. 1830) Börne ges. schr. 9 (1832) 63; von einem literarischen stoff: man würde sich nicht einfallen lassen, jede tragische begebenheit zum drama zu strecken (auszuwalzen) Göthe I 37, 314 W.; die behelfe in der Emilia Galotti, die das strecken des an sich einfachen kernes notwendig gemacht, der fünf akte allein füllen sollte O. Ludwig ges. schr. (1891) 5, 256; besonders in der wendung vorräte u. dgl. strecken 'durch sparsame einteilung bzw. durch verdünnung oder mischung mit ersatzmitteln länger reichen machen': die herbstaussichten berechtigen den winzer an der Mosel bis jetzt zu den besten hoffnungen; der winzer ... gewinnt frischen mut, und dem weinhändler ist gleichfalls geholfen, denn bei gutem, reifem wein ist das 'strecken' (mit zucker u. wasser) nicht nötig Kölnische zeitung 26. 6. 1881; wir aber sind mager und ausgehungert; unser essen ist so schlecht und mit so viel ersatzmitteln gestreckt, dasz wir krank davon werden Remarque im westen nichts neues (1929) 274; es ist noch nicht sicher, ob mit der gegenwärtigen brotration von 125 gramm, die durch maismehl auf 200 gramm gestreckt wird, der anschluß an die ernte erreicht werden kann Berliner zeitungen a. d. j. 1947; denn auszer kartoffeln sind nur in ganz geringem umfange kleinere gemüsevorräte aus eigener erzeugung ... angegeben worden ... (die) die zuteilungen während des winters strecken (sollen) ebda; der regen und die fast frühlingshaften stürme hatten aber wenigstens einen vorteil: die knappen kohlenrationen konnten gestreckt werden ebda; die leute neigten dazu, sie (die nahrungsmittel) zu verfälschen und zu strecken am ende des vierten kriegsjahres A. Zweig einsetzg. eines königs (1950) 64; die welt der kaufleute dagegen ächzte ... unter hundert verordnungen, mit denen mangelnde rohstoffe gestreckt oder ersetzt werden sollten ebda 263; 's brot streke sparsam mit dem brot umgehen Hunziker Aargau 259; vgl. auch Martin-Lienhart elsäss. 2, 629ᵃ; Möller Sylt 254; auch vom geld: wenn der winter vor die thüre kam, gab's schwere tage, wie das geld gestreckt werden könne, dasz es reiche den lieben langen winter durch Gotthelf ges. schr. 4 (1856) 39; 's gält streke nur die allernothwendigsten auslagen machen Seiler Basel 281; i ha's möge g'streke ich bin (mit meinen mitteln, geldern) zur noth ausgekommen Hunziker Aargau 259.
3)
abgeblaszt 'verlängern' bzw. 'ausdehnen' schlechthin.
a)
eine zeiteinheit verlängern: er begert ouch, dasz die zit, so der aplasz aller sünden were, gestrekt und erlengert wurdent Stretlinger chron. 75 Bächtold; unser grosse fasten (haben wir) ... erstlich ... vier zehen tag gehalten, darnach ... die selben gestreckt jnn vier wochen Luther 32, 429 W.;
Hecate ... ist gewaltig,
die tag zu kurtzen und zu strecken
Wickram w. 7, 313 lit. ver.;
diesen aber werden nicht jhr leben gestreckt, nuhr flux her dem todt zu Paracelsus op. (1616) 1, 95; von einer scheinbaren verlängerung der zeit durch bessere ausnutzung: eine sache den augenblick anfangen und nicht eine minute ... aufschieben, ist ebenfalls ein mittel, die zeit zu strecken Lichtenberg verm. schr. (1800) 1, 195; ähnlich: eine gestreckte stund über eine stunde Schmeller bair. 2, 808 (s. teil 4, 1, 2, 4251 s. v. gestreckt); als gerichtlicher terminus im älteren nhd. das gericht etc. strecken 'den gerichtstermin verschieben', wohl eigentlich 'die zwischenzeit bis zu dem termin verlängern': es wart mit froge und urteil erkant, man solt clage und antwurt verhören und möcht das gericht strecken, umb das ein ieglicher fürst möchte mit im bringen, was im not were; also wart das gericht gelenget ... also wart der tag gelenget Eberhard Windecke denkwürdigk. z. gesch. d. zeitalt. kais. Sigm. 125 Altmann; vgl. erstreckt und erlengt qu. v. 1465 im dt. rechtswb. 3, 229 s. v. erlängen '(e. termin) verschieben'; als dann die vorgerurten schuldigunge bisz uf diesen itzgenanten mitwochen gestrecket und ofgeslagen ('hinausgeschoben', vgl. dt. rechtswb. 1, 939 s. v. aufschlagen B II) waren (mitte 15. jh.) städtechron. 17, 224 (Mainz); dann dasz der kaiser ain tag gesetzt hat zwischen hertzog Ludwigs und der von Augspurg auf sant Oswald tag; derselb tag ist gestreckt worden auf mittwuchen nach unser lieben frawen tag (15. jh.) städtechron. 5, 330 (Augsburg); vadimonium differre cum aliquo den raͤchtstag weyter strecken vnd verlengeren Frisius dict. (1556) 414ᵇ; ebenso Maaler teutsch spraach (1561) 392ᵃ.
b)
etwas räumlich ausdehnen, verlängern.
α)
vereinzelt in allgemeiner anwendung: dasz der vngest m̄ waldflusz ... seinen stromen vnd runsz ('strömung', s. schweiz. id. 6, 1142 ff.) bisz an das dorff Hard gestreckt Stumpf Schweizer chron. (1606) 390ᵃ; die ganze erde auch in ihren wildesten entlegenheiten sollte bewohnt werden, und nur der, der sie so fern streckte, weisz die ursach, warum er auch Peschereis und Neuseeländer in dieser seiner welten zuliesz Herder 13, 148 S.; wir haben unsere (lazarett-)baracken bis an die klosterkirche gestreckt A. Zweig einsetzg. eines königs (1950) 122.
β)
obd. (in absoluter konstruktion) 'beim pflügen die furchen so weit ziehen, dasz die zugtiere auf das anstoszende grundstück hinaustreten müssen' schweiz. id. 11, 2161 (vgl. auch streckrecht 'das recht zu strecken, d. h. beim pflügen mit dem vieh auf den acker des anstössers hinauszufahren' schweiz. id. 6, 303, s. dazu Friedli bärndütsch 3 [1911] 241: pflugwende- oder streckrecht das recht, die pflugfurche bis an den rand der eigenen flur z'streckeⁿ; vgl. auch o. streckacker): dasz ain ieglicher gepuwen haben sol unz ze S. Gallen tag; wär aber, dasz sich ainer gesumpt hett und mer hett ze eren, so sol er nit uf ainen, der an im lit, strecken witer denn die vordern rosz oder vordern rinder uf in, denn mit derselben willen qu. v. 1421 (abschr. v. 1525) in: schweiz. id. 11, 2161; item mit dem strecken soll das hinfür also gehalten werden, das ainer dem andern kain schaden thuen soll, sondern treuen vleis zuekern, wo das gesein mag, damit am minsten schaden beschäch ... bei ainer pen funf phunt perner, als oft das überfaren wurt (1490) tirol. weist. 3, 173; item soll auch iederman das gruemat in dem velt meien vor sanct Lorenzen tag, und welcher das nit tet, so ist man ims nit schuldig zu friden; wo aber ainer mit ainem pflueg strecken wolt, so solt er ihm wissen lassen, wo es auszerhalb des velt ist, das er das graimadt raumen well, ob er das thuen will (1711) ebda 3, 134; auch solle laut landsbuch keiner befüegt sejn zu unzeiten mit dem pflug einem andern auf sein guth zu strekhen; wer solches übersiehet, solle den schaden abtragen und dem herrn landtvogt angezeigt werden qu. v. 1790 in: schweiz. id. 11, 2161; im heutigen schweiz.: štrekxe ... beim pflügen über das ackerhaupt hinausfahren Wanner Schaffhausen (1941) 20.
γ)
(den bug?) strecken 'beim segeln bzw. beim kreuzen die möglichkeit, einen bug so weit auszudehnen (eben zu strecken [d. h. beim kreuzen gegen den wind eine teilstrecke so weit auszudehnen]), dasz das ziel bzw. die fahrrinne usw. angelegen werden kann (d. h. dasz ein bestimmter kurs gehalten werden kann)' Eichler v. bug z. heck (1938) 418, vgl. streckbug.
c)
in bezug auf abstrakte 'den geltungs- bzw. wirkungsbereich eines objektes ausdehnen': darumb sollen wir disz wissen das got beide, die belohnung vnnd auch die straffe weit streckt Melanchthon corp. doctr. christ. (1560) 649; also künden jr nun selbst ermessen, wie weit wir strecken sollen die eer der hailigen, nemlich das wir Christo kainen abbruch thuͦn Luther 10, 3, 316 W.; widderumb die da glewben und erkennen den, von dem sie leben, sterben nymmermehr, szondernn das naturlich leben wirt gestreckt ynsz ewige leben, das es den todt nymmermehr schmeckt ebda 10, 1, 1, 200; dis ist aller erst die aller ergeste grund suppe aller teufel in der helle, das er (der papst) solche gewalt dahin strecket, das er macht haben wil, gesetze und artickel des glaubens zu stellen (1545) ebda 54, 233;
ist es denn nicht der mensch ...,
der seine wissenschaft durch alle dinge strecket?
Neukirch ged. (1744) 172;
mit noch stärkerem hervortreten der bedeutung 'verlängern', 'vergröszern' (vgl. hierzu schon:
sol ich der jâre werden alt,
als verre muoz mîn gewalt
werden volrecket
und ûz einander gestrecket
Ottokar österr. reimchron. 10679 Seemüller):
er (kaiser Augustus) streckt weiter allen landshaubtleuten ... iren gewalt, damit land und leut, ... von denen haubtleuten ... in gehorsam des römischen reichs erhalten würden Aventin s. w. 4, 2, 607 bayer. akad.; und als der burgstok Grimmenstain von dem spital sampt der zarg (umwallung) daselbs umher kouft was, beklagt sich abt Uolrich, dasz ain spitalmaister gedachte gericht uszerhalb der zarg witer strakte, dan im gebürlich ... sin welte J. v. Watt chron. d. aebte 2, 299 Götzinger;
wer nur fuͤhret grossen krieg
weiter seine macht zu strecken
Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 117;
ich wolte den vergleich (einer dame mit der biblischen Judith) ferner strecken und von eu. gn. hohen gaben und schaͤtzen der tugend weitlaͤufftigreden Opitz opera (1689) 3, 69; auch von einer reise: zum dritten so hat er (Felix Fabri, der verfasser einer 'pilgerfahrt') ina (den klosterleuten) vil weiter die pilgerfart gestreckt, den er selbs gezogen syg (d. h. eine längere reise beschrieben, als er tatsächlich gemacht hat) (1492) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 283; vgl. auch:
als sente Johannes drabe las:
'in dem beginne waz das wort',
do stract her san die rede vort
und sprach: 'daz wort wont mit gote'
Heinr. v. Hesler apokalypse 10 Helm
und vollstrecken 1 teil 12, 2, 717; mit umgekehrter richtungsvorstellung im sinne von 'zurückziehen, aufgeben':
die kind schlahen auch an zu hauff,
bisz sontags wollns des münles lauffn,
vnd andre kinder spiel mehr treiben,
so kömpt kreistle vnd krümt sie im leibe,
durch schlechten, böckeln, rothe flecken,
jhrn anschlag hinter sich thun strecken,
deren ein theils der todt hinnimpt,
ehe denn der tag jhrs anschlags kümpt
Eyering prov. cop. (1601) 1, 69.
4)
'sich in die länge dehnen, wachsen'.
a)
in verschiedener anwendung; z. b. vom längerwerden des schattens:
das vieh eilt seinen huͤtten zu,
die schatten strecken sich, der abend kommt entgegen
Besser schr. (1732) 2, 733;
wie letzterer (der schatten auf der sonnenuhr) sich strecke und sich verkürze Rode d. Vitruvius baukunst (1796) 2, 192; vom wachstum des tages in der ersten jahreshälfte: auctus dierum lengerung der tagen, wenn sich die tag streckend Frisius dict. (1556) 141ᵇ; der tag hat sich jetzt wacker gestreckt: darum kan man leicht etliche stunden abbrechen und sich mit einer kleinen spatzier-fahrt ergetzen E. Francisci lufft-kreis (1680) 4; der tag streckt sich wird länger qu. v. 1787 bei Fischer schwäb. 5, 1840 (vgl. auch o. 3 a).
b)
besonders von organischem wachstum (vgl. streckzeit): ita crescit infans streckt sich sichtikhlich vnd mercklich (1530—40) slg. Khummer bei Luther tischr. 4, 481 W.; es wollen etliche holtz-verständige zwar behaupten, es wüchse und streckete sich diese arth bäume nach und nach, gleich einem safftigen weichen gewächse v. Göchhausen notabil. venatoris (1741) 220; treten die jahre ein, in denen sich der knabe streckt und auswächst Tieck ges. nov. 6 (1838) 79; damals ein ziemlich dürftig büblein, jetzt gereckt und gestreckt und von figur ein groszer starker bengel Gaudy s. w. (1844) 3, 158; wie der sich seit dem scharlachfieber gestreckt hat und wie schön der sich auswächst! Holtei erz. schr. 19 (1862) 36; bist du denn nicht ein bissel gewachsen? erweise doch deiner mutter den einzigen gefallen und strecke dich! ebda 15 (1862) 17; sic štreckə wachsen (v. menschen) Meisinger Rappenau 187; vgl. auch Crecelius oberhess. 816; Schön Saarbrücken 204; Bühler Davos 1, 145; als spezieller terminus bei der fischzucht (vgl. dazu ¹streck und strecker 7 sowie streckteich): in andern (teichen) laͤst man sich den samen strecken, dasz er groͤsser wird d. edle fischbüchlein (o. j.) 103; er (der pächter) soll auch daran sein, das die streichteich zue rechter zeit mit leichkarpfen besetzet, die bruth ausgefischt, zu strecken widerumb vorsetzt (werde) (1569/70) haushaltung in vorwerken 5 Ermisch-Wuttke; streckteich teich, in den junge karpfen eingesetzt werden, um sich zu strecken, d. h. heranzuwachsen Frischbier pr. 2, 379.
c)
übertragen (von b), von seelischem, geistigem und moralischem wachstum (vgl. unter streckung 12):
ich schliesze weiter fort und sage, dasz ich glaͤube,
die seele strecke sich und wachse mit dem leibe
Triller poet. betracht. (1750) 1, 53;
ähnlich 'das masz eines vorbildes zu erreichen suchen' (wohl an E 2 a anschlieszend):
Friedrich Brennus (Fr. II. v. Pr.) ist todt!
ich sah ihn fallen vom himmel, ...
zu leuchten der erde, der maasstab zu seyn,
an dem sich fuͤrsten, helden, weise
und meister von jeglicher kunst
messen und strecken
Schubart s. ged. (1825) 2, 286;
und auch das achtzehnte jahrhundert suchte sich nach solchen gestalten zu strecken Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 116; an dem, was dem auge grosze bahnen gibt, musz ich mich selber strecken F. Th. Vischer auch einer (1879) 2, 249.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7,8 (1956,1957), Bd. X,III (1957), Sp. 1100, Z. 24.

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Zitationshilfe
„gestreckt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gestreckt>, abgerufen am 01.12.2021.

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