Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gestrengigkeit, f.

gestrengigkeit, f.,
wie strengigkeit (s. d.), mhd. gestrengikeit, im älteren nhd. gestrengkeit, mnd. gestrengicheit, ostfries. gestrengigheid.
1)
tapferkeit, strenuitas, fortitudo Duez 196ᵃ; als ehrenprädicat des adels und vornehmer personen, wie gestrenge, gestrengde, gestrengheit, in der anrede euer gestrengigkeit Stieler 2189 (s. gestreng 1, sp. 4252): es hat mir er (herr) Nicolaus von Amszdorff von ewr gestrengkeit ein solchen fall erzelet. Luther sendbr. an Jhan v. Schleinitz (1523) A 1ᵇ, in den werken 2, 272ᵇ gekürzt e. g.;
und sein semptlich hie komen her
auff befehl ewrer gestrengigkeit.
Joh. Sander trag. Joh. d. teufers (1588) Q 6ᵃ;
die (span.) wort vosasted oder vuessa merced, welche zwar wörtlich 'euer gnad' heiszen, in selbiger sprach aber nie diesen verstand und deutung haben. derohalben sie dann der leser allzeit durch die wörtlein ihr, euch, zuweiln nach der gelegenheit der umbstände redender person 'euer veste', 'euer gestrengigkeit' verteutscht finden wird. Harnisch aus Fleck. (1669) 11; weiln dann euer gestrengigkeit das wusten, antwortete Santscho (seinem herrn). 221; es sag mir doch euer gestrengigkeit. 304; ach, ewer gestrenckheit vergeben mir nur noch diszmal umb gottes willen. Simpl. 4, 334, 14 Kurz; seit dem 17. jh. auch ihr gestrengigkeit: ein geborner baron, so ein hauptman war, wurde von Simpl. 'jhr gestrengigkeit' titulirt ... der hauptman, so lieber 'jhr gnade' genant war. 4, 233, 19; die hochzeit-rede, welche bei ihrer gestrengigkeit ehelichen vertrauung ... gehalten worden. Rist Parn. 563.
2)
daher vorrecht, das dem adel zusteht: wie kommen die regierenden herren dazu, die jagden zu herrlichkeiten und gestrengigkeiten zu rechnen? Hippel lebensl. 3, 174.
3)
die schonungslose einhaltung von recht und pflicht, gebühr und zucht.
a)
die strenge gerechtigkeit: da den kinden mit dem rechten der vierteil zugehörig wer, erkennen wir mit der gleich gestrengkeit, allein den töchtern und nit den sünen zuͦ geben. Tengler laiensp. 58ᵇ.
b)
die strenge, schärfe des verhaltens oder verfahrens überhaupt: gestrengigkeit, severitas, rigor, austeritas Duez 196ᵃ. Rädlein 377ᵇ, acerbitas, asperitas Steinbach 2, 740: auff das sie (die obrigkeit) weis die gestrengkeit zu meszigen und zu lindern. Luther ausleg. d. evang. von ostern (1527) g 7ᵃ; sonsten würde eitel unrecht allda sein, wo man der gestrengigkeit nach mit ihnen sollte fahren. briefe 2, 659; mit solch einem exempel beide der gestrengigkeit und der güte (der plünderung der eroberten stadt und der schonung des volks). Micrälius alt. Pomm. 2, 222; und ist die gestrengigkeit (in erziehung der jugend) zu loben. Butschky Pathm. 467.
c)
die strenge, enthaltsame lebensweise: mhd. alsô ist eʒ ouch von dem nâchvolgen der gestrengikeit solicher heiligen. myst. 2, 562, 22 Pf.; nhd. gestrengkeit aller heiligen. Luther 2, 172ᵃ Eisleben.
d)
die übermäszige strenge, härte: gestrengigkeit, summum jus, saevitia Henisch 1579; das du zuͦ den zeiten der löblichen hailsamen vasten bringest rosen ausz dörnen, das ist keüschait nach unlauterkait, gerechtigkait nach den sünden, parmhertzigkait nach gestrengkait. A. v. Eyb spiegel 43ᵇ; du must dich der beyerischen gestrengigkeit oder unbarmhertzigkeit nicht gebrauchen. Zinkgref apophth. 3, 15.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1895), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4255, Z. 13.

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Zitationshilfe
„gestrengigkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gestrengigkeit>, abgerufen am 03.12.2021.

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