Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gesuch, n.

gesuch, n.
in der heutigen sprache verbalsubstantiv zu suchen (s. d.) und als solches von älteren bildungen zu unterscheiden, in denen deutliches collectiv zu such (vgl. besuch 1, 1688, wo die auf unser wort bezügliche bemerkung zu berichtigen ist) vorliegt. vereinzelt tritt auch das collectiv zum femininum suche auf, so dasz alle drei geschlechter an den ableitungen vom selben stamm theil haben. in bestimmter abgrenzung des bedeutungsgehaltes stehen sich ursprünglich masculinum und neutrum gegenüber; die manigfaltigsten berührungen und vermischungen waren aber schon durch den entwicklungsprozess gegeben, mit dem sich das jüngere neutrum vom älteren masculinum loslöste, bis es dieses ganz überwand und verdrängte; dazu kam die übereinstimmung einzelner flexionsformen in beiden geschlechtern und noch mehr die in allen bedeutungen immer wieder durchdringende und lebendige grundbedeutung des stammes.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1897), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4272, Z. 10.

gesuch, m.

gesuch, m.,
collectiv zu such (s. d.), wie erwähnt der älteren sprache angehörend; in die neuere sprache ragt es nur auf dem wege litterarischer überlieferung herein. in der bedeutung berührt es sich am engsten mit dem erst mittelhochdeutschen geniesz, nutzen, einem bedeutungsgehalt, aus dem sich bei unserem worte durch verengerung des umfangs und isolierung bestimmter begriffsfärbungen synonyma zu gewinn, wucher, zins ergaben.
I.
formen: ahd. kasuah, gisoh, gesuoh Graff 6, 85, mhd. gesuoch, gesuech mhd. wb. 2, 2, 7. Lexer 1, 937, md. gesuch: wand er ez .. den armen teilte durch den ewigen gesuch. passional (Köpke) 355, 45. in den verwandten germanischen sprachen hat sich diese bildung nicht entwickelt, in niederdeutschen denkmalen taucht sie wohl gelegentlich auf, ist aber dort zu beurtheilen, wie in unserer neuhochdeutschen sprache, als litterarischer eindringling. vereinzelt tritt als nebenform auch ein masculinum gesuche auf, das hier vielleicht aus dem überwiegenden dativgebrauch des wortes zu erklären ist: da sein die burger mit den juden überayn worden ... daz alle die juden und jüdinne ... all leihen sullen umb den hernachgeschrieben gesuche. Nürnberger poliz.-ordn. (Baader) 325; in einer andern aus dem 16. jahrh. und aus Sachsen übermittelten form, gesucht (vgl. sp. 4277), liegt anlehnung an sucht vor, welches wort sich in bestimmten bedeutungen nahe mit dem unsrigen berührt, vgl. die Augsburger variante gewinstssucht zu Luthers gewins gsuͦch werke (Weimar) 12, 386, 20. vgl. auch dat eigen gesoec het zoeken van zich zelf, eigenzucht. Verwijs u. Verdam. bemerkenswert, dasz diese nebenformen nur an der peripherie des stammgebietes unseres wortes auftauchen.
II.
bedeutung. 1) auch hier liegen die anhaltspunkte für die begriffsbestimmung des wortes nicht in den ältesten belegen, die es verzeichnen; die früheste litterarische verwendung zeigt schon abgeleitete bedeutung: fenus, commodum Graff 6, 85. das wort ist hier ganz in das vermögensrechtliche gebiet abgedrängt, auf dem es die oben gekennzeichnete entwicklung genommen hat, ebenso ist aus dem nomen actionis die bezeichnung des ergebnisses dieser thätigkeit abgeleitet, während die thätigkeit selbst in der älteren sprache durch andere composita (Graff 6, 85) und durch feminine ableitungen vom selben stamme zum ausdruck gebracht wird, wie suochunga (Graff 6, 87) und das erst im mittelhochdeutschen voller entwickelte suoche mhd. wb. 2, 2, 8. Lexer 2, 1320. reste dieser grundbedeutung haben sich aber in der mündlichen tradition auch an unserem worte erhalten, sie treten in der späteren litteratur zu tage.
1)
in der jägersprache vereinzelt neben suche auch gesuch:
furbaʒ uf den gedingen
an den gesuch ich kêrte
durch frouden widerbringen ..
als einen jungen bracken
der nie gesach wild und doch
suochet gern.
Hadamar 25, ebenso 34;
mir was uff den gesuch gach,
min hunt zoch man mir nach.
Laszberg liedersal 2, 293, jagd nach minne.
2)
im wirthschaftlichen leben der älteren zeit spielt der gesuch eine rolle, dessen sielpunkt ein brunnen, eine weide, eine nutzung irgend welcher art bildet. aus der sinnlichen grund bedeutung lassen sich diese begriffsschattierungen alle leicht erklären, namentlich, wenn man sich vergegenwärtigt, wie das wort den rahmen des nomen actionis sprengt, wie es den bedeutungsgehalt am zielpunkt der thätigkeit localisiert. nicht ohne einflusz war jedenfalls auch hier die vermögensrechtliche entwicklung des wortes, die sich unter römischem einflusz vollzogen hatte. ausgangs- und endpunkt der entwicklung treten sich in einem beispiel gegenüber: auch sol die rechelpewnt der grundt des gotzhaws zu Poumburch sein als vor, doch sol sy ligen also ungefridet ze ainem gemainem gesuech. monumenta boica 2, 233; vorausgegangen war: umb die aw die da leit enhalb der Traun, da hat der probst seinen willen ze geben, daz wir purger von Trostperch, und die purger von Altenmarkht den gesuch an der selben awe mit einander getailt haben mit sichtigen märchen (mit sichtbaren grenzmarken) und mag fürbaz ainer den andern wol pfenntten, ob er in vindet an seinem schaden. die übrigen belege halten sich meist in der mitte zwischen diesen beiden gegensätzen.
a)
zugang, anspruch: von dez gesuchs und zugangs wegen den unser igleicher aus seinem haus zu dem prunnen hat, den wir mitsambt im in den vingergässel gegraben haben .. welcher under uns obgenanten viern, den gesuch zu dem egenanten prunnen nu fürbaz aufsait und zu demselben prunnen nicht mer gen wolt, was geltz dem vorgenannten Ulrich Schuster vnd seinen erben dann also abgieng, daz sullen wir die andern drey under uns taylen und yn jarlichen geben in allen vorgeschriben rechten. monumenta boica 20, 43 und 44 (anno 1387); wann es hat von alters daselbs hin niemant kain gerechtigkait mit etzen noch tretten ausgenomen die herren von der albm, haben daselbs zu einem guet, genannt Enntleiten, gesüch. österr. weisth. 1, 285; sonst niemands darauf kain angsuech haben sondern gemainer markt oder wer mit gemainem markt mitleiden trägt, wo aber ein ausländer sein gsuech drauf wollt haben, mag ihn ein richter hie zu W. am dritten tag darab straffen. ebenda 6, 286, 42 (16—18. jahrhundert); item von erst unter St. Andree am Mitteregg, unter dem Brantner in dem berg, hat niemand keinen gsuech zu haben, weder mit holz noch mit halten, dann allein gemainer markt. wo man aber ain ergriff, der nit gerechtigkeit darzue hatte u. s. w. ebenda 286, 47. die beiden letzten beispiele sind dadurch belehrend, dasz sie das aussterben des durch überlieferung festgehaltenen wortes kennzeichnen, das im ersten beleg mit dem neu auftauchenden ansuchen (ersuchen) in beziehung gebracht, im zweiten durch das identische gerechtigkeit abgelöst wird. ähnlich wird in den späteren ausgaben des nach Salzburg zuständigen Pegius gesuch schon auf dem titel in vie weyd, vieh tränck geändert (ausg. von 1718 Regensburg gegen die von 1559), während in der einleitung noch sätze festgehalten werden, wie waidrecht oder blum gesuch ist eine gerechtigkeit, dasz ich mein vieh darff auf eines anderen grund von meines ackers wegen waiden. an diese bedeutung knüpfen zusammensetzungen an, wie gesuechweg österr. weisth. 6, 95, 39 (vgl.bsuchweg ebenda 57, 13), viechgesüch 6, 319, 36. 47, holzgesüch 6, 319, 36 (vgl. holz und bluembesüch 1, 253), gesuechholz 6, 516, 35. 37. wie lebendig neben diesen prägungen die grundbedeutung des wortes fortwirkte, zeigt die nach anderer richtung abgezweigte verwendung in einer schenkungsurkunde für die bibliothek von St. Peter in München (1447): wie wir die benanten liberij und puchkamern und puchen besetzen und versorgen thun und lassen damit man die gesuech zu den puechen dareyn und daraus gehaben mag. monumenta boica 21, 136.
b)
mit übertragung auf den ort, an dem der gesuch ausgeübt wird, waideplatz. den übergang vermitteln beispiele wie: als vill ainer über winter auf seinem guet viech habe und darauf wasz ihme nächst fuern und ernähren mag, so vill darf er an den gesuech und tratten treiben. östr. weisth. 1, 34 (Kessendorf); item danach melden sie gan Pfaffenhofen hünz ainem, haisset des Kargen paumgarten, mit allem irem gesuch, grossem und klainem vich mit gesuch der waid. 3, 51, 8 (1491); das ein zwiträcht und mishellung gewesen ist .. von ains waldes wegen genant die Gerünseit und auch von ander gesüch wegen holz und auch waid. 2, 252, 10 (pergamentbl. von 1434). deutlich vollzogen ist der übergang in: wer von meiner frawen und von irem gotshaus alben hiet oder ander gesuech, wie die genant wären, der er selber nit bedörft, und als vil aigens vichs nit hiet, daz zu den alben und zu den gesuechen (vgl. albe theil 1, 201) gehört, und im sein ze wenig wär, derselb soll meiner fraw laüt und ires gotshaus auf dieselben alben treiben lassen ir vich umb ainen zins. 2, 156, 25 (Wising 16. jahrh.), dieselbe stelle in Grimms weisth. 3, 725; bedarf awer ein erzman eines lantmans hab ze ichten, es sei holz, wismat, äcker, gesüch oder ander sach, wi das genant sei, das sol er an im werben. öst. weisth. 1, 200, 31, ebenso 3, 45, 44; hier liegen, namentlich in der zusammensetzung haimgesuch, berührungen mit besuch vor, vgl.: welcher aber aigen hölzer oder haimbsuech zu seinem guet hat, dabei soll er gelassen. 1, 256, 10.
3)
in den bisherigen beispielen hatte das object des nieszbrauches für die nutznieszung selbst immer wieder die form eines aufsuchens, besuchens nahe gelegt, die grundbedeutung des stammes also lebendig erhalten. diese verblaszt, wenn an stelle des geländes, wie es in waide, forst und brunnen sich anschaulich darbietet, abstract das werthverhältnis tritt. im geldverkehr kennen die fränkischen formelbücher die praestatio librae argenti ad beneficium sub vinculo cautionis, vgl. Gengler 920. dieses beneficium tritt ebendort auch als jus usufructuarium auf, Gengler 789. 790, und eröffnet eine neue parallele mit usura, mit wucher und geniesz. die besondere art, in der im geldverkehr der ertrag der nutznieszung neben das object des nieszbrauches sich stellt, erweckte die vorstellung einer vermehrung, einer steigerung des objectes selbst, daher die parallele mit gewinn, die zudem noch durch die lateinische entwickelung quaerere-quaestus begünstigt wird. noch bei Emmel sylva vocabul. (1592) erscheinen gewinn, nutz, gesuch als synonyma. wie weit daneben die privatrechtliche bedeutungsentwicklung von suchen mitwirkte, läszt sich vielleicht aus den glossen für fenerator erschlieszen (s. u.); im nordischen sökia haben sich aus dem besuch, den der gläubiger beim schuldner macht, nach einander die bedeutungen der forderung, der gerichtlichen beitreibung einer schuld ergeben. Amira, nord-germ. obligationenrecht 1 (1882) 73 ff., vgl. creditor scultsuͦcho Steinmeyer-Sievers 1, 449 u. a.
a)
die entwicklung scheint vom südosten, auf bairisch-österreichischem boden, ausgegangen zu sein und von hier aus vor allem nach westen, weniger nach norden, sich verbreitet zu haben. in der hrabanisch-keronischen sippe der glossen steht wuohhar als ersatzwort für fenus, usura Steinmeyer-Sievers 1, 154 ff. gewinn für questus (ebendort 1, 225), aber im Karlsruhe-Reichenauer codex (8.—9. jahrh.) tritt kasuah, kafuori für commodum, lucrum ein (Steinmeyer-Sievers 1, 276) und für fenerator werden fast in allen biblischen glossen (Steinmeyer-Sievers 1, 522, 16 ff.) intlehnari und scultsuohho als gleichbedeutend aufgeführt. die ersten litterarischen beispiele bietet Notker, bei dem sich die eigentliche und die in der geistlichen litteratur beliebte übertragene verwendung neben einander beobachten läszt: geometrae habent ze site chad. nâch kezeigôtên frâgôn. eteuuaz ungefrâgetes iro iungerôn zuogeben. dîa zuogeba sie questum heizent. also gibo ih tir ze gesuoche daz ih tir nû ungefrâgêt sago. Boethius 3, 86 (Hattemer 3, 137ᵇ); hêrro funf phunt gabe du mir, funfiu geuuan ih in gesuoh, alia quinque superlucratus sum. psalm 111 (Hattemer 2, 405ᵇ). ebenso qui pecuniam suam non dedit ad usuram, der scaz sinen nihne gab ze gesuoche. Windb. psalter (Schm.² 2, 216). vgl. auch in glossen des canon. rechts aus dem 11. jahrh. gisoche-fenore. Diutiska 3, 33ᵇ.
b)
die mittelhochdeutsche zeit bot nur in der satirisch-didaktischen litteratur gelegenheit, das wort festzulegen; nach den verordnungen der christlichen kirche hatten eigentlich nur die juden die möglichkeit gesuch zu nehmen, und um diese verbindung des wortes mit jüdischem brauchsofern er von den christen angenommen, bekämpft oder ganz aufgehoben wurdedreht sich die ganze spätere litterarische und urkundliche verwendung:
α)
bœslîch getât ân alle scham
ein herze frumes muotes lam
juden gesuoch in kristen hant
meinswern — der engült ein lant.
Seifried Helbling 2, 433;
her künec, heizet ûf sliezen
ir silbers volle kisten
die ab ir ebenkristen
gefüllet sint mit gesuͦch.
8, 995;
diu welt ist ein müelich lêhnære, swer des ir iht hât, den lât si nimmer geruowen, si vorder tägelîchen und ouch willigen gesuoch von im, von sorgen, von ängsten, von müeje, von betrahten, von vremedem nîde! David v. Augsburg in Pfeiffers mystiker 1, 314, 8; dâvon spriche ich, daz ir von den armen liuten gewisheit nemet und in darûf lihet. wan swaz er dem jüden die wîle ze gesuoche müeste geben unde swaz er sîn geniuzet, daz leit dir der almechtige got ûf die wâge, als ob dû imz ûz der hant geben hætest. Berthold von Regensburg 1, 281, 7.
β)
in der rechtssprache ist es vor allem der Schwabenspiegel mit seinem capitel über den wucher, der beispiele bietet; aus dem schwanken der lesarten läszt sich sowol die landschaftliche abneigung gegen das wort als auch das allmähliche absterben desselben kennzeichnen: unde lîhet mir ein man sîn guot ûf mîne huobe oder ûf anderiu phant umbe wuocher unde ich muoz sweren daz ich den gesuoch nimmer wider gevordere. (Wackernagel) 141, 2, hdschr. A (in der Basler pergamenthandschrift des 13. jh. B wuocher) ähnl. 141, 10. (im ersten druck erklärende umschreibung: gesuch daz ist wucher) u. a.; es verbiutet got unde der pâbest unde der kaiser unde alles gerichte unde reht, daz dehein kristen mensche von dem andern sol gesuoch nemen (B dehein gesuoch noch dehein wucher nemen). 295, 2. aus dem Schwabenspiegel ist das wort auch in das kulmische recht übergegangen (5, 65) vgl. Lehmann 192, während es in die eigentliche norddeutsche rechtssprache nicht übertrat, wie sich namentlich an dem capitel vom gestohlenen und bei juden verkauften gut zeigt, Sachsenspiegel I: 3; 7, 4. dagegen erscheint es in den süddeutschen stadtrechten: swaz ainem juden ze phant gesetzt wirt, ez sey diebich oder raubich, wirt daz funden in seiner gewalt, wes dann daz selb pfant ist gewesen, dem ez enpfürt ist, der geit dem juden neur sein hauptguot daz der jud bereden mach und nicht gesuochs. Münchener stadtr., art. 172. Auer 67 (vgl. Schwabenspiegel 349 nr. 25); Augsb. stadtbuch (Meyer) 127, 7; ir schult machen, das man chainem juden von verstollen phanten, do er auf leichet, in vier wochen nicht gesueches geit, und swaz es lenger stet, so muez man im gesuech geben. Wiener stadtrecht (ende des 13. jh.) Schuster art. 79; ez sol auch kain iude von eime halben phunde phennige mer naemen ze gesuͤche danne zer wochen zwene phennige unde von sachzigen einen. Augsburger stadtbuch 56, 12; von der juden gesuch wil ich nitcz sagen, wen sye sullen nach gepot, sam dy Cristen, arbeiten, und keyn gesuch nemen von ymand. Ofener stadtrecht (Michnay) 114; das ein man sein erib setzt hintz eim juden, do verleust er es mit verziehen und mit gesuech. Wiener stadtrecht 134.
γ)
noch ergiebiger sind einzelne urkunden, namentlich aus dem geschäftsbereich der fürsten und freien herren; den ältesten beleg bietet der landfrieden (1255) zwischen herzog Heinrich von Bayern und den bischöfen von Passau, Freising und Bamberg: ez so(l) dehain man sin guͦt auf gesuch lihen, noch verchauffen, daz er tiurer hingebe oder er is fridbraech, und wucher und vurchauf hilt, den sol man ze banne thun. quellen und erört. zur bair. gesch. 5, 146; es sol chein christen gesuch nemen noch phant auf den schaden setzen, niwan an di iuden, oder er ist fridbræch. 149; 1259 verschreibt sich das neustift in Freising an Woelflin den juden um 20 pfund Münchener pfennig gegen ein 'gesuch' von einem halben pfund weniger 10 pf. regest. boica 3, 128; da von dem heutigen tag gesuoch aufget auf ein isleich phunt alle wochen seches phennige als lange unz wir si paide hauptguetes und schaden gar gewert. urkundenbuch d. stiftes Klosterneuburg (fontes austr. 2, 10) nr. 90 (anno 1303), nr. 94 (aus 1304), u. a.; da ist der rat gebunden uf den eit, beide, hauptguot und gesuoch in (den klagenden gläubigern, juden oder kawerzen) ze gewinnen. Zürich. ratsverordn. v. 1324. jahrb. f. schweiz. gesch. 2, 289. der Frankfurter senat verschreibt sich 1368 den juden für 1000 gulden 5 gulden 'zu gesuche zu geben' in jeder woche. Senckenberg selecta juris et hist. anecdot. 1, 645. im besonderen gibt das 14. jh. durch die kaiserlichen gnadenbriefe, mit denen sich hohe herren ihrer judenschulden entledigen lieszen und durch ähnliche bestrebungen der städte, gelegenheit, das wort in urkunden zu verfolgen. schwankungen im gebrauche lassen sich hier als gegensätze innerhalb der kanzleien deuten, vor allem scheint in dem nördlich gelegenen Nürnberg die verwendung strittiger. Ludwig der Bayer spricht den burggrafen von Nürnberg 1343 alles des gelts, hauptguts und schadens ledig. monum. Zollerana 3 nr. 110, aber die bestätigung dieser freiheit durch Karl IV. (1347) setzt dafür ein: aller der schuld, hauptguͦt und gesuochs, nr. 181, und so lauten auch die entsprechenden verfügungen Wenzels und Rupprechts. das wort schade, das seine eigentliche bedeutung nie ganz verleugnet (vgl. theil 8, 1976), wechselt in allgemeinerer verwendung mit gesuch auch in urkunden des burggrafen Friedrichs von Nürnberg, vgl. monum. Zoll. 8 nr. 332, 467, desgleichen erscheint gült und zins: monum. Zoll. 8 nr. 336; dagegen: so get darnach zu ieder wochen besunder auf ieden gulden zwen neuwe haller zu gesuche. monum. Zoll. 4, 263 (von 1374), ebenso 8 nr. 389 (von 1390); ähnlich in der vereinbarung des städtebundes in Schwaben (Ulm 1385): item ob einer gelt an den juden vor einem jar gewunnen het und het die scheden bezalt und daz daz hauptgut noch gantz an den juden stünde, do solt man das selb hauptgut und die scheden, die er dem juden dann bezalt het, zu samen rechen von dem tag als er daz gelt dann gewunnen het, oder von dem tag ob ein rechnung vor dem jar geschehen wer; und solt aber hauptgut und gesuch zusamen rechen und solt aber das virteil lassen faren. d. städtechron. 1, 115, 27 u. a., vgl. auch die verwilligungen Wenzels von 1385: das der gesüch und schade, der dorauf verreyt und gegangen ist, genczlichen ab sein sol. ebenda 116, 38 u. a. desgleichen in der Nürnberger vereinbarung von 1390: daz unter den herren und steten nymant kaym juden weder hawbtgut noch gesuch geben solt. chroniken 1, 26, 9, vgl. 129, 12 ff., vgl. auch 3: 295, 3; und in den Nürnberger polizeiverordnungen, die den zinsfusz regeln, Baader 325. bis an das ende des 15. jahrh. reicht die lebendige verwendung des wortes, nur dasz die synonyma, mit denen es zusammengestellt erscheint, auf seine kosten immer mehr raum gewinnen: und were dennocht der obgenant zins, die drie und achczig guldin gelts nit gericht noch vergolten, oder darumbe denne gemant were, so mag der obgenante Jacob Zibolle, sine erben und nachkomen, obe er nit were, denselben versessen zins nemen uff gewönlichen schaden, an juden, an kawertschen oder an kristen luten, wo si daz denne uff schaden vindent und ufbringen mögen, denselben schaden oder gesuch sönt wir .. jnen och ufrichten und geben mit dem zinse. urkunde graf Conrads v. Freiburg (1386), zsch. gesch. Oberrheins 18, 94; und der herzog hat im sein geschäft in nicht enpholhen sein guet umb zins oder gesuch auszegeben. copeibuch der gemeinen statt Wien (fontes austr. 2, 7) 40 aus der mitte des 15. jahrh.; wir Eberhart graue zu Wirtemberg der jung etc. bekennen und tun kunt offenbar mit disem brieff, daz wir .. Märgen Seligmann juden tochter und irem elichen man gen Göppingen zu ziehen gegöndt und erloubt haben füro alda zu sitzen und doch nichzit umb gesuch auszulyhen (1462). Sattler Wirtemberg unter den grafen 3, beilage nr. 19.
c)
das 15. und 16. jahrh. weist unterschiede zwischen der allgemein litterarischen verwendung auf, in der das wort bald abstirbt, und dem besonderen juristischen gebrauch, der es künstlich festhält:
α)
all die minn mit falschait pflegen
den seî rainer vrawn segen
auf erden hie der grözzist fluͦch
und wuͦcher als der juden gesuͦch.
Suchenwirt 24, 309 Primisser;
eyn wuͦcherer ist eren muͦde
recht als ein juͦde
der nympt den gesuͦch
der ewige fluͦch
wirt es dort an eren rechen.
Muskatplut 76, 44 vgl. 75;
er tuot ain kauf nach dem ander
als ob er für gen Flander,
es sig linwat, spezri ald tuoch
und slecht im daruff den gesuoch.
teufels netz (von den kaufleuten) 9042 vgl. 9083;
gar lydlich wer der juden gesuͦch
aber sie mögen nit me bliben
die krysten juden, sîe vertrieben
mit juden spiesz die selben rennen.
Brant narrenschiff 93, 22 vgl. die anmerkung von Zarncke s. 437;
o gott, behütt vor iüdschem gsuͦch
und vor des apoteckers buͦch.
Murner narrenbeschw. 30, 58 Spanier.
β)
in der rechtssprache wird das wort auch in diesem zeitraum noch in südwestdeutschen und mitteldeutschen druckwerken länger gebucht, gewöhnlich liegen aber die muster hier auf bairischschwäbischem gebiet. so in den artikeln, die kaiser Sigismund in Frankfurt 1435 den ständen vorlegen liesz: von manigveltigen ungepurlichen grossen wucher und gesuch, die durch kristen geschehen in den deutschen landen, weg dawider zu finden. reichsabsch. 1, 150. ebenso in den Frankf. polizeiverordn. (reichsabschiede 3, 390), die theilweise auf Augsburger muster zurückgehen und die in der Frankfurter reformation ein längeres litterarisches leben fristen; sie verwenden in den betreffenden stellen das wort gesuch, während der freie text wucher und zins aufweist. ähnlicher zusammenhang verknüpft auch die mannigfachen verwenduugen unseres wortes in den berechnungen des zinsertrages, den die juden durch zins auf zinsnehmen anhäufen: wann ain gülden reinisch alle wochen zwen Frankforter haller zu gesuͦch oder wuͦcher gibt, und derselb wuͦcher jerlichen auch für an wuͦchers wuͦcher zu hauptguͦt gerait und also 20 jar unbetzalt ansteen bring es am gesuͦch oder wuͦcher nachvolgendt summen. Tengler laienspiegel, Augsburg (Otmar) 1509, J. und ebenso auch in den Straszburger drucken von 1510. 1520. 1560. dieselbe stelle kehrt bei den chronisten und reiseschriftstellern, wo diese auf die juden zu sprechen kommen, im wortlaut wieder, so bei S. Franck im weltbuch 156ᵇ und ebenso in dem reisbuch des heiligen lands (1584), 89 u. a.: solches und anders der juden lästern und schmähen, zusampt jhrem verderblichen gesuͦch und wuͦcher hat auch der beruͤmpt, gelert und erfaren man, herr Ulrich Tengler, praeses altipolitanus in seinem leyenspiegel wol vor dreissig jaren .. angezeygt. Gobler der rechten spiegel (Frankf. 1558) 250ᵇ. von der geislerpredigt berichtet Closener den buszeruf: alle die wuͦcherere und alle die do gesuͦch nement und die dornach stellent, uber die kummet gottes zorn. d. städtechron. 8, 115, 12. Rothes Thüringer chronik erzählt für 1391, das alle juden wo die under dem romischen reiche woneten alle phand umbe sust âne houptgelt und âne gesuch musten weder geben. cap. 740. hier bewahrte die litterarische tradition den gebrauch des wortes. die führenden dichter und prosaisten des 16. jahrh. gebrauchen das wort nicht, obwol sie viel über den wucher und das zinsnehmen schreiben, so Hutten vgl. Boecking 4, 178, 29 ff., 185, 24 ff. 239, 20; Hans Sachs im fastnachtsspiel vom 'wucher' neudruck 63. 64 und in der klag über den 'aigen nutz' litterar. ver. 104, 304. neben wucher, fürkauff, finantz, zins tritt auch interesse auf, das schon bei Eberlin von Guenzburg in unserer besonderen bedeutung erscheint (vgl. theil 4, 2, 2147): man mög wol interesse nemen von früntlichem lyhen. neudrucke 139, 8. Luther, der in der schrift an den adel (Weim. ausg. 6, 466, 13) den zinskauff bekämpft, und der die sermone vom wucher verfaszt, gebraucht das wort gesuch nur in anderem zusammenhang und anderer bedeutung, vgl. 5). dagegen gehört hieher die copie eines mandats des Moritz v. Sachsen gegen die handelsbestrebungen des adels von 1551, das kurfürst August wiederholt und einschärft: als ob ihnen frey und ihrem stande gemaͤsz sey, allerley nahrung gesucht, gewinst und handthierung zu üben und fürzunehmen. Luenig codex Augusteus 1, 66. hier ist das substantiv miszverständlich in die kategorie der participia übergeführt; auch ein beleg für den untergang des wortes. über die nebenform gesucht neben gesuch sp. 4272. auch im stammgebiet unseres wortes stirbt der lebendige gebrauch ab, die synonyma überwuchern theils in der form erklärender umschreibung: darnach gelichen gelt, davon man kainen gesuech begert, wo man aber gesuch und genuesz begert, das man zins nent (1565 Rauris). öst. weisth. 1, 215, 30, theils in der form der komposition, die das schwächere glied unterdrückt: so sol man die haubtsumme zuelassen und den gesuechzins abstellen. ebenda z. 33.
γ)
das absterben des wortes läszt sich auch in den wörterbüchern verfolgen, nur zeigt sich später, dasz die lexikalische existenz in dem maasze neu auflebt, als die wörterbücher auf ältere quellen wieder zurückgreifen. während in dem vocabular von 1429 (Schm.) usura mit gesuch wiedergegeben wird, tritt in späteren vocabularen (Diefenbach 631) wuocher und geniesz dafür ein, für fenus (Diefenbach 230) zweifältig wucher; nur für quaestus erscheint neben gewin, geniesz auch gesuch (Diefenbach 479). Henisch kennt noch gesuch = usura, judengesuch für usura usurarum; ebenso Hulsius (2, 1646). am längsten hält sich das wort in den Schweizer wörterbüchern: Frisius hat im deutschen theil gesuoch, wucher, questus, usura, während er im lateinischen theil unter diesen stichwörtern unser wort nicht anführt; ebenso wird es gebucht von Spieser (Basel 1700); Dentzler 2, 116. breiteren raum sodann nimmt gesuch in den gelehrten wörterbüchern des 18. jahrh. ein: gesuch captura, captura lucri, questus, foenus, usurae pecuniariae tam licitae quam improbae. Scherz 540. vgl. Wachter 577 ; noch ausführlicher Haltaus 692.
4)
vereinzelt treten in älteren mitteldeutschen denkmälern belege für eine bedeutung auf, die an das verbum suchen unmittelbar anknüpft und ein nomen actionis zum ausdruck bringt: wand er ez .. den armen teilte durch den êwigen gesuch. passional 355, 45. in anderen belegen ist das geschlecht nicht zu erkennen, sie scheinen aber doch hieher zu gehören:
so las er latinesch dort
bisweilen criesch durch gesuch,
passional 505, 39, vgl. 422, 46;
daz er pflegelichin las
und offinbâr der kunste bûch
den pfaffin durch lêre gesuch.
Jeroschin 15458.
swer ein cristenmensche wîl sîn
dem vuget wol ein herin tuch
an dem ende durch gesuch.
passional 610, 62.
vielleicht auch
daz si als e die swarzen buch
wider angriffen durch gesuch.
ebenda 209, 98.
Köpke will beiden beispielen die bedeutung versuchung zu grunde legen (vgl. unten), die aber hier nicht mit zwingender notwendigkeit gegeben ist.
5)
an die unter 4 gekennzeichnete bedeutung läszt sich die reichere entwicklung anknüpfen, die das masculinum in der frühneuhochdeutschen prosa erfährt; deutlich tritt der etymologische zusammenhang mit dem verbum suchen als gestaltender factor in diesen entwicklungsprozesz, daneben zeigt aber die vielgebrauchte parallele mit geniesz, dasz auch die grundbedeutung des alten collectivums (sp. 4272) nach dieser richtung sich ausbreiten konnte; verbalsubstantiv und collectivum sind also hier nicht auseinander zu halten: aigner will ist aigner gesuͤch, da ain mensch sich selbst suͤcht, er will jm selber genuͦg sein. Geiler v. Keisersberg spinnerin 8. predigt (Augsburg 1510) fᵇ; da man von wellt lichen dingen sagt, da streckest du die oren hin, aber was got antrifft das württ dir zu schwaͤr. es ist ymer me der gesuͦch und gesuͦch, wie man sein ledig werd. has im pfeffer (Augsburg 1510) Aa 4ᵇ;
den glauben sol man zuͦ im hon
die werk der lieb dem nechsten thon
on allen eigen gsuͦch und gniesz
sunder frei willig on verdriesz.
Schade sat. u. pasqu. 2, 207, 405, ebenso 3, 14, 16;
bisz die münch ire ablasz, guͦte waͤrck und ires orden helgen lob, mit sampt eygnem gsuͦch und eer an tag legen. Eberlin (neudruck) 51; aber so sich under disem erlichen deckmantel verborgen hat ein so schedlicher got missfalliger vasznacht butz eigens gesuͦchs, menschlicher blendung und hindernüsz der rechten hylff. ebenda 69, vgl. 82; summa, sy sagend was sy wöllind, so ists ein schalck, ein eigner gesuͦch, ein misstraw gegen got und dem wyb, oder des wybs gegen dem mann. Sebastian Franck sprüchwörter (Zürich 1545) 135ᵇ; da ist .. kain zorn, widerwill, verdamnüsz, aigennutz oder gesuͦch sonder eitel art gottes. paradoxa (1539) 66ᵃ. bei Luther ist aus den hieher gehörigen belegen das geschlecht meist nicht ersichtlich, und da er sonst das neutrum gebraucht (s. d.), so mag für ihn auch eigen gesuch zu dem verwendungskreise des neutrums gehört haben, das überhaupt von hier aus in das masculinum übergriff. die flexionsformen lassen uns hier im stich, da Luther in den obliquen casus auch eigen nutz schreibt: gleichwie er lieben und geben leret also auch leihen, das es alles on gesüch und on eigen nutz geschehe. werke (Weimar) 6, 48, 7; die ander bedeutet die geister, die angefangen gott zu dienen und wol etwas mangel leiden, doch nicht ganz, noch ohn eigen geniesz und gesucht sein. magnificat (1521) werke (Erlangen) 45, 230; ein volk auf seinen nutz und gesuch gericht. postille (1528) 3. adventepistel 40ᶜ. nur ein beleg entscheidet für das neutrum: das niemand etwas guts thut on solch eigen gesuch. werke (Jena) 5, 397. als masculinum ist eigen gesuch nur bis zum ende des 16. jh. gebucht, vgl. öster. weisth. 4, 20, 9 (aus 1587); es wird durch das synonym eigennutz, mit dem es sich so oft verbunden, verdrängt (s. wb. 7, 1026 und 27); und andererseits von dem neu ausgebildeten neutrum unseres wortes aufgesogen, vgl. dort ii 1) b. fraglich ist, wie weit das folgende beispiel hieher gehört:
wo doch nicht ist gsuch und genies
des acht man nicht das ist gewis.
Greff Lazarus E 4.
6)
nur vereinzelt ist in den bereich des masculinums die bedeutung eingedrungen, die heute die kennzeichnende des neutrums ist, eines ersuchens, ansuchens. Dief.-Wülcker führt allerdings schon aus 1362 (Frankfurter archiv) an: den gesuch abeslan; dazu kommt: wie auch alle thörechte frauen thun, die denen, so da wol und hübsch können reden .. jhren thorechten gesuch verwilligen und dadurch zu spott und schanden komen. buch der liebe 292, 9. im 18. jahrh. bekämpft Gadebusch in seinen 'zusätzen zu Frischens deutschem wörterbuch' das neutrum von gesuch und empfiehlt mit hinblick auf besuch und versuch das masculinum, vgl. idioticon der deutschen sprache in Lief- und Ehstland. Riga 1795. 77. Weigand wb. 1, 429 erklärt dieses masc. für mitteldeutsch, und so beruht vielleicht hierauf der vereinezlte gebrauch bei Jean Paul: man findet unsern gesuch unbescheiden. grönländ. processe 2, 58. doch ist bei Jean Pauls antiquierenden neigungen auch eine andere erklärung möglich.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1897), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4272, Z. 25.

gesuch, f.

gesuch, f.:
Wengenpach, aine gesuch, geit einen vrischinch. urbarbuch des klosters zu Sonnenburg, archiv für österr. gesch. 40, 59, 14. vgl. Schöpf 728, der auch den folgenden in betreff des geschlechtes unsicheren beleg hieherzieht: wer von meiner frawen und von irem gotshaws alben hiet oder ander gesuch, wie die genant wären, der es selben nit bedörfft und als vil aigens vichs nit hiet, das zu den alben und zu den gesuechen gehöret. weisth. 3, 725 (Tirol), vgl. mon boica 21, 136 (sp. 4273).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1897), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4279, Z. 3.

gesuch

gesuch
als neutrum, verbalsubstantiv zu suchen; wie oben angedeutet, berührt es sich inhaltlich und formell in einzelnen fällen mit dem masculinum (vgl. II 1.), in der mehrzahl seiner verwendungen läszt es sich aber an der hand des geschlechtes reinlich absondern.
I.
formen. gesuche und gesüch erscheinen nur vereinzelt neben dem durchaus überwiegenden kürzeren gesuch, das in den ältesten beispielen für das neutrum vorherrscht: wobei er das gesuͦch seiner naturen erkennen mag und das mit der gnad gottes überwinden mag. Keisersberg predigten (1508) 49ᵃ. die nebenformen treten am reichlichsten bei Luther zusammen: wilchs gesuche, wie bosz tückisch es sei, begreiffen auch wol die eynsz mitteln vorstands sind. Luthers handschrift von 'ein urtheil der theologen zu Paris' 1521, werke (Weimar) 9, 751, 11; das mit sorgen zceytlicher narunge und unredlichem gesüch der selbenn szo gar ubirladen .. ist. Luthers handschr. d. sermons von den guten werken 1520. werke (Weimar) 9, 296, 5; den das gesuch der narung und zweyffel, ym ehlichen leben sich erhalten. an den christl. adel 1520. werke (Weimar) 6, 468, 2; in den drucken, wo überhaupt volle und apocopierte formen mit einander streiten (vgl. werke 9, 123, 18, Weim.), mag die apokopierte form den sieg behalten haben. es ist jedoch für Mitteldeutschland nicht zu verkennen, dasz die unverkürzte form immer da wieder durchbricht, wo der etymologische zusammenhang zwischen substantiv und verbum lebendiger empfunden wird. so führt noch Adelung (2, 635) und Heynatz (versuch eines mögl. vollst. wb. 1794) neben gesuch als im 'gemeinen leben' gebräuchlich gesuche auf: 'ein anhaltendes und wiederholtes suchen', und ähnliches begegnet auch in fremdsprachlichen wörterbüchern. die oberdeutschen mundarten, die gerade das verbalsubstantiv lebendig erhalten haben, zeigen stets apocope, vgl. das gesuch, Stalder 2, 417; 's g'suech durchsuchen, e sueches. Seiler die Basler mundart 153. dagegen ist durch den reim nur herausgefordert:
ey zum teufel! guk heraus!
höre mein gesuche!
beten, singen geht mir aus,
willst du, dasz ich fluche?
Schiller 1, 349.
in den verwandten sprachen hat das neutrum mehr parallelen aufzuweisen, als das masculinum, hauptsächlich weil für die jüngere bildung die wege litterarischer übermittelung viel offener liegen. gesoke, das suchen Schiller-Lübben 2, 82. gesôke, gesôk anhaltendes suchen, gesôk gesuch, ansuchen. Doornkaat 1, 618 ; vgl. woordenboek der nederlandsche taal 4, 2238. Kramer führt wol (157) gezoek = gesuche, ansuchung auf, aber unter gesuch, wo er die gangbaren niederl. worte beibeibringt, fehlt das wort. die pluralformen sind seltener und nur in bestimmten bedeutungsentwicklungen anzutreffen: newe gesuch novum inventum. Henisch 1580.
II.
bedeutungsentwicklung.
1)
die berührungen mit dem masculinum kennzeichnen sich als ein vordringen des neutrums in die gebrauchssphäre des ersteren.
a)
nur vereinzelt knüpft ein beleg an die älteren verwendungen des maculinums an, so an II, 2, b (s. oben):
daz si mit lêrin hendin
nicht inwoldin kumin heim
und alsô dannen kegn Oukeim
zugin in daz burcgesûch (burggebiet).
Jeroschin 19, 712;
vgl.
mit den er reisende gerît
zu Oukaim in daz burcgebît.
21, 210.
b)
um so häufiger sind dagegen die belege für das fortleben des unter II, 5 gekennzeichneten eigen gesuoch in der form des neutrums: eigen gesuch neutr. utilitas privata. Stieler 2234; das eigen gesuche, la ricerva del proprio interesse, il proprio amore Kramer 2, 1033, vgl.dat eigen gesoec. Vervijs und Verdam; über den gebrauch bei Luther s. oben; vgl.
privatgesuch und geld
dem gmeinen nutz musz weichen
wanns soll sein recht bestellt.
aus Joh. Domann (17. jahrh.) in Morhofens unterricht von der d. sprache bei Wackernagel lesebuch 2, 247, 38;
ohn all eigengesuch leben. Arndts wahres christenthum 767 (Brinckmeier).
2)
das verbalsubstantiv mit den bedeutungen, die das verbum suchen entwickelt hat. diese begriffsbestimmung scheint die grundlage für die reichlichen verwendungen zu sein, die gesuch bei Luther erfahren hat; er stellt mit absicht verb. und substantiv in parallele: nun ist des menschen meinung und gesuch so tief und trüglich, dass niemand ersehen kann .. das viele fromm sind und grosse wercke thun, aber es ist ein gesuch oder meinung drinnen, damit sie ihren eigennutz suchen. postille, werke (Erlangen) 7, 106. dieselbe verbindung kehrt später auch in dem urtheil wiedev, das Harsdörfer über Schottels hauptwerk fällt: der suchender hat sein gesuch alhie wol und mit glück in teutscher sprache getahn. Schottel arbeit von der t. hauptsprache 796; auch die wörterbücher knüpfen meist an diese parallele an: gesuͦch das, das suchen, quœstio, conquisitio Maaler 177 ; bei Frisius ist für quœstio, wo die Frankfurter ausgabe (1616) noch gsuͦch, das suchen aufführt, in dem Züricher drucke von 1700 das substantiv unterdrückt worden, wie auch unter gesuch die parallele mit quaestio wegfiel. dagegen führt Stalder 2, 417 an: das gesuch, ängstliches oder wiederholtes suchen einer sache; vgl. was hait der au für e g'suech der ganz obe. Seiler die Basler mundart 153. dasz aber auch norddeutscher volkssprache gerade das verbalsubstantiv nicht fremd ist, zeigt Heynatz (vgl. i), und hieraus haben gelegentlich wieder die schriftsteller geschöpft: warum liesz ... der dichter die wahrheit nicht nackt sehen? ohne mühe der entkleidung? ohne langes gesuch? Herder werke (Weimar) 3, 266, 9. die bedeutungen des verbalsubstantivs unterscheiden sich je nach der verbindung, die sie mit bestimmten syntactischen kategorien eingegangen haben; verschieden ist auch die lebensdauer, die die eine oder andere aufzuweisen hat.
a)
gesuch in verbindung mit einem objectiven genetiv: itzt gaht es, das iderman zur pfafferey und muncherey getzogen wirt, unter welchen ich besorg der hundirst kein ander ursach hat, den das gesuch der narung und zweyffel, im ehlichen leben sich erhalten. Luther (Weimar) 6, 468, 2; mit sorgen zceytlicher narunge unnd unredlichem gesüch der selbenn szo gar ubirladenn. 9, 296, 5. vgl. gewins gesuͦch. 12, 386, 20; on einig gesuͤch eiteler ehre .. die warheit an tag zu bringen, wil der ehrwürdige vater M. Luther augustiner zu Wittemberg .. folgende sprüche vom ablas handeln. begleitschreiben zu den thesen von 1517. Luther werke (Jena) 1, 7ᵇ und ähnlich öfters. vgl.
entronnen bin ich auf einmal
wie dem beschwerlichen ehregesuch, so dem bleiernen südwind.
Herder (Horaz 2. satir. 6, 18) 26, 274 Weimar.
das gesuch eitler ehre wird von Adelung 2, 635 als 'selten' vorkommend angeführt.
b)
das object des verbalsubstantivs wird durch andere mittel vertreten oder nur angedeutet; so mit infinitiv: wenn man aber in die brunst kömpt, so vergisst man alles, gesetz, natur, schrift, bücher, gottes und seines gebots, ist nur lauter gesuch da, böse lust zu büszen. Luther (Jena) 4, 527ᵃ; ebenso mit dasz-sätzen: auch ist ein fehrlich gesuche in diesem kauff .. das sie wollen ihrer zinse und guts gewis und sicher sein. 1, 198ᵃ; nemlich das Luthers name auffs aller feindseligest wurde, wilchs gesuche, wie bosz tückisch es sei begreiffen auch wol die einsz mitteln vorstands sind. ebenda (Weimar) 9, 751, 11; ducrh seltzame gesuch, gewalt, ehr, gut zu bekommen. Herold heydenwaldt (Basel 1554) 4ᵇ.
c)
der bedeutungsgehalt, den das wort in den erwähnten verbindungen gewonnen hat, bleibt ihm auch auszerhalb dieser; meist wird er überdies durch andere mittel gekennzeichnet, durch subjective genetive oder entsprechende pronomina oder durch andere attribute: vgl. das gesuͦch siner naturen. Keisersberg oben unter i; darumb sal Christus eingehen, szo mus Adam, das ist alle begirlichkeit der creaturen, gesuch und einslagk der natuer ausgehen. Luther werke (Weimar) 9, 147, 39; o wie heimlich ist der falsche Adam mit seinem gesüche. 252, 26; vielleicht gehört hierher auch: wir bitten .. dass gott uns rathe, e. k. f. g. behüte für alle listige anläufe und gesuche des teufels. Luther an kurfürst Johann (1529) briefe 3, 456, wo andererseits auch anlehnung an versuchung, heimsuchung möglich ist; wie gehts denn zu, dass er hie die phariseer straffet umb solches guten wercks willen? antwort, er straffet das werck nicht, sondern jre meinung und gesuch in solchem wercke. werke (Jena) 5, 397ᵃ; im bekannten geistlichen liede von J. G. Wolf, seele was ermüdst du dich weisen die älteren gesangbücher noch den vers auf:
ach! es ist ja schlecht genug
das du sonst viel zeit verdorben
mit nichtswürdigem gesuch,
dabei du fast bist erstorben;
suche Jesum und sein licht,
alles andre hilft dir nicht.
Bayreuther gesangb. von 1768, Nürnberger von 1780.
die späteren gesangbücher haben die strophe und damit das wort ganz fallen lassen. was ist die taube freude eures geschmacks und der laute kützel eures witzes? vermummte traurigkeit und verzweiflung, und all euer gesuch eine beute des schwarzen reichen höllengottes, wie die kluge fabel der Ceres und ihrer tochter erzählt. Hamann (Roth) 4, 229. fraglich, ob in diesen zusammenhang gehörend oder unter II 1 ist:
jedes land hat sein gewerb, sein gesuch und seinen wandel,
die die gegen norden sind, machte reich der seelen-handel.
Logau 2, 7, 66 (litter. ver.).
d)
in der verbindung mit der präposition ohne hat sich durch verblassen der oben besprochenen bedeutung ein formelhafter gebrauch entwickelt, dessen grundzüge schon bei Luther kenntlich sind. vgl. on gesüch und on eigen nutz. sp. 4278 (II, 5); und erbiete mich noch e. f. u. (ungnaden) zu dienen, womit ich kann ahn alles falsch gesuch. Luther an herzog Georg (1523) briefe 2, 285; darumb auch wenn wir nu fromm sind, gute werk und liebe, um gottis willen uben, frei ohn alles gesuch. vorrede zur epistel Joh. werke (Erlangen) 11, 154. schon das letzte beispiel leitet über zu der allgemeineren bedeutung, wie sie vorliegt in: ohne mein gesuch bin ich an dem tage, da ich dieses schreibe an die köstliche vorrede des D. Speners zu der Jesus-schule des Fritsch gerathen. Bengel vorrede zu seinem neuen testament lvi. Heynatz tadelt diesen gebrauch: man sagt ohne gesuch, wenn man um eine sache nicht gebeten hat, aber für 'von ongefähr' musz es nicht gebraucht werden. antibarbarus 2, 1, 49. neben der präpositionalverbindung des substantivs hat Luther auch die absolute verwendung des particips aufzuweisen, die sich in der form ungesucht auch äuszerlich nahe berührt und vielleicht auf die nebenform gesucht neben gesuch von einflusz war: dasz wie ein guter wein mag nit getrunken werden, er bringt von ym selb mit ungesucht seinen lust und freud. Luther werke 2, 99, 2 Weimar (auslegung des vaterunsers 1519).
3)
die heutige bedeutung von gesuch ist die jüngst entwickelte. aueh sie knüpft an den bedeutungsgehalt des verbums an, und zwar an denjenigen, der sich im besonderen in compositis wie ersuchen, ansuchen ausspricht. das einfache suchen findet sich in diesem sinne noch im 18. jahrh. substantiviert vor: ich hatte mich mit meinem suchen an sie gewandt. Rabener 3, 49. vgl. Adelung 4, 874. unser wort verdrängt jedoch vor allem substantivbildungen des zusammengesetzten verbums, so von ersuchen (vgl. theil 3, 1026 unter 7 und 8) ersuchung (ebenda 1027) und den substantivierten infinitiv: iber des consuls bittlich ersuchen. Krafft reisen und gefangenschaft (1616) 47. (litterar. ver. ebenso 257); von ansuchen erscheint neben dem substantivierten infinitiv und der bildung ansuchung auch das einfache ansuch (theil I, 494ff.). auch fremdworte treten in den älteren quellen an den stellen auf, wo wir heute das wort gesuch verwenden, so trägt ein begnadigungsgesuch aus 1623 (balt. studien 26, 142 ff.) den titel demutige supplication.
a)
neben dieser unmittelbaren herleitung aus der grundbedeutung drängt sich in der rechtssprache eine besondere an das masculinum anknüpfende verwendung in den vordergrund, die auf die bedeutungsentwickelung wohl auch von einflusz war: so kan nun ein jeder .. prüfen, wie weit seine prätension, gesuch, oder klage in rechten gegründet seye oder nicht. Pegius vorrede; also concludirt so dann frau antworterin, frau von Landenberg, dasz sie von der Hallwylischen klag und so unbilligen als ungegründten anforderung und gesuch für eins und allemahl liberirt .. werde. Hallwyl wider Landenberg, ein stammgutsprozesz (1739), herausg. von A. Zeerleder Bern 1895. vgl. gesuch, petitum, desiderium, actio Hayme (1738) 254; gsüech, captio, lis captiosa Schmidt id. bernense. Frommann 3, 86ᵃ.
b)
auszerhalb des juristischen sprachgebietes steht dagegen der begriff der petitio im vordergrund, bei dem sich deutlich eine verengerung des bedeutungsumfanges bemerken läszt, insofern die bethätigung des ersuchens allmählich an energie einbüszt:
das alles that erwecken
pfaffen gesuch, spanisch pracht
sang man nach der niederlage Tillys. vgl. Opel und Cohn 292, 20. ähnlich belegt noch Henisch neben petitio auch quäsitum für gesuch (1580) vgl. gesuch, inquisition, recherche. Duez 191ᵃ. gesuch, recherche, perquisition, inquisition, investigation. dictionnaire des voyageurs (1703) 144; gesuch = suing, suit .., iterated sollicitation, intreaty, petition, beseeching or supplication. Ludwig (1765) 710. dagegen macht sich sonst in den wörterbüchern des 18. jahrh. die begrenzung auf den begriff petitio geltend: gesuch petitio, ohne mein gesuch me non petente Weissmann 155; petitio, bitte Kirsch; quäsitum, quästus, petitio. Steinbach 770, vgl. Fritsch 765. gesuch, la demande, la chose demandée. Schwan (1810) 322. berichte, gesuche oder andere nachrichten, welche die physici dasiger lande, wie auch die übrigen medici, chirurgi, apotheker und hebammen dem obersanitäts-collegio vorzutragen haben. avertissement des fürstl. collegii med. zu Braunschweig 1772 bei Krünitz 86, 541.
c)
in der schönen litteratur des 18. jahrh. findet letztere verwendung von gesuch langsamen eingang, voll ausgebildet erscheint sie erst bei Schiller. Feridun brüte über dem anschlag sich vom könige zu Kischmir zum befehlshaber über Jemal erklären zu lassen ... schon war der tag zu einer allgemeinen volksversammlung angesetzt, in welcher die absendung einiger deputierten beschlossen werden sollte, um Feriduns ehrsüchtiges gesuch im nahmen des sämmtlichen volks von Jemal am hofe zu Kischmir zu unterstützen. Wieland 8, 428;
wähl' einen aus den edeln deines heers
und stelle mir den besten gegenüber.
so weit die erde heldensöhne nährt,
ist keinem fremdling diesz gesuch geweigert.
Göthe (Iphig. 5, 6) 9, 93.
Schiller bevorzugt das wort in der historischen und philosophischen prosa: durch das dringende anliegen der churfürsten ermüdet, die das gesuch der französischen minister mit eifer unterstützten. werke 8, 140, 16; vgl. 9, 56, 5; zuweilen scheint es zwar, als ob sie (die natur) sich ihren weg verkürzte, und, ohne zuvor ihr gesuch vor den willen zu bringen, unmittelbare kausalität für die handlung hätte, durch die ihrem bedürfnisze abgeholfen wird. 10, 108, 5. in den studien zum Demetrius wird das wort besonders oft gebraucht: es wird beschlossen, dasz der Czarowiz auf diesem reichstag sein gesuch vortrage. 15, 2, 416 u. a. daneben bereitet sich bei Schiller auch schon die wandlung vor, die das wort von der bedeutung einer 'bitte' in die besondere form der 'bittschrift' überführt; in der geschichte des abfalls der Niederlande wird mehrfach die schriftliche form der eingabe der verschworenen betont, ohne dasz jedoch die verbindungen, die das wort eingeht, dadurch beinfluszt würden, so schlieszt die bittschrift der geusen: gäbe man .. ihrem demüthigen gesuch kein gehör, so nehmen sie gott, den könig, die regentin und alle ihre räthe zu zeugen, dasz sie das ihrige gethan. 7, 198, vgl. 7, 126; 7, 188. vgl. fürsprecher sündlicher gesuche Schlegel Hamlet 1, 3, vgl. 2, 2;
aber des greises gesuch und ermahnungen rührten das kirchspiel
endlich, da viel beisteuer die gnädige gräfin bewilligt.
Voss Luise 3, 10.
d)
in der neueren entwicklung wird gesuch in erster linie für diejenige form der bitte oder aufforderung gebraucht, die auf dem umständlicheren schreibverkehr beruht: haben uns auf das unterthänigste gesuch des legazionsrathes Jean Paul Friedrich Richter in Baireuth gnädigst bewogen gefunden etc. Badische verlagsprivilegien für Jean Paul Werke 1. einl. 41. und so gewöhnlich im canzleistil. für den mündlichen verkehr wird das wort selten gebraucht. ausnahmen begegnen in der poesie, namentlich, wo primitivere verhältnisse zur darstellung kommen:
und alle nachbarn hielten
auf mein gesuch dîe nachen unterm schlosz.
Grillparzer (meeres und der liebe wellen) werke⁵ 7, 76, vgl. 8, 7.
dagegen liegt beabsichtigter contrast zwischen inhalt und form vor in: wir bitten um ein butterbrod, weil wir das bedürfnis empfinden, unsern angegriffenen organismus wieder zu stärken, und als dies gesuch in gnaden oder vielmehr in ungnaden abgeschlagen wird, kommen wir uns .. misshandelt vor. C. Niese 'aus dänischer zeit' (Leipzig 1894) 101. und wenn die zeitungen 1896 aus dem canton Appenzell-Auszerrhoden berichten, dasz die bewerber um die stelle des landweibels ihr gesuch der landsgemeinde mündlich vortragen muszten, weil für diesen posten eine kräftige stimme haupterfordernisz war, so zeigt auch dies, dasz unser sprachempfinden, ebenso wie sitte und brauch, die schriftform mit dem worte verknüpft. auch syntactische verbindungen führen auf diese form zurück: während ein gesuch stellen, anbringen, vorbringen der allgemeineren verwendung angehören, läszt sich das heute überwiegende ein gesuch einreichen nur aus dem schriftverkehr erklären, in dem sich auch das gesuch selbst greifbar verkörperte. auch der pluralgebrauch hat in dieser zweiten entwicklung seinen ausgangspunkt:
die Oesterreicher reiszen tüchtig aus,
seit Margareta fort, die königin;
der eine rechts, der andere links, doch alle
nach Frankfurt auf die kaiserwahl. nu! nu!
sie legen dort wohl die gesuche nieder,
dasz man doch ja herrn Ottokar erwähle!
Grillparzer (Ottokar I) 6, 44.
den ausgedehnten verbrauch, dem das wort nach dieser seite in der heutigen amts- und verwaltungssprache unterliegt, spiegeln die inserate der tageszeitungen wieder: vgl. die behandlung von gesuchen um beurlaubung zur disposition des truppentheils betr. die gemeinderäthe des amtsbezirks werden darauf hingewiesen, dasz gesuche um beurlaubung ... bis zum 15. juli anher vorgelegt werden müssen ... dasz gesuche der oben bezeichneten art, welche nach dem 15. juli einlaufen, keine berücksichtigung mehr finden können. groszh. bad. bezirksamt. 1. juni 1896.
e)
aus der parallele mit 'bittschrift' flieszen dem worte gesuch syntaktische verbindungen zu, die dem verbum 'bitten', nicht aber dem eigenen wortstamm zukommen. vor allem betrifft diesz das object und ziel des gesuchs, das ursprünglich im genetiv oder im wege der composition zu diesem trat: abschiedsgesuche, anstellungsgesuche, dienst-, entlassungs-, erlasz-, frist-, schutzgesuche. reimlexicon des Peregrinus Syntax (1826) 2, 480; daran lieszen sich noch andere bildungen reihen, so baugesuch, gestundungsgesuch, unterstützungsgesuch, capitalgesuch, kaufgesuch, stellegesuch u. a. dem gegenüber steht als neuere entwicklung die bei bitten gebräuchliche präpositionale anfügung des objectes: gesuch um beurlaubung (s. oben), vgl. der 'verein Neuenheim' .. beabsichtigt in nächster zeit ein gesuch um errichtung eines postamtes daselbst einzureichen.
f)
andere verbindungen sind in der entwicklung zurückgeblieben, so steht das in der construction von einem unterdrückten verbum der richtung abhängige: ein gesuch hab ich an eure hoheit. Chamisso Fortunat (deutsche litt. denkm. 54) 9 vereinzelt. auch die überführung des wortes von dem nomen actionis zum ergebnis der thätigkeit, die in verbindungen, wie ein gesuch gewähren, angebahnt erscheint, war nicht eigentlich entwicklungsfähig: es war augenscheinlich, dasz der monarch weit davon entfernt war, ihr gesuch stattfinden zu lassen. Schiller 7, 126, vgl. sein gesuch erhalten, obtenir la demande. Schwan 1, 737.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1897), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4279, Z. 11.

gesüch, adj.

gesüch, adj.,
erscheint in oberdeutschen und niederdeutschen mundarten in den bedeutungen, die auch für das abgeleitete adjectiv gesüchig festzustellen sind: gsiehh, oberpfälzisch gsêihh, adj. was stark gesucht wird, rar, selten. Schmeller 2, 217. gesuch = quaesitus bei Frisius (1719) 107, vgl. Stalder 2, 417. Hunziker 116. für die niederdeutschen formen (gesooch, auch gesöch. Hönig wb. der Kölner mundart [1877] 147) darf auch an soch = das suchen Richthofen 1039 erinnert werden.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1897), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4283, Z. 46.

gesucher, masculinum, nomen agentis

gesucher, masculinum, nomen agentis
zu dem von gesuch = usura, abgeleiteten verbum (gesuchen 3), foenerator, usurarius; im bairisch schwäbischen gebiet der älteren sprache heimisch, greift es nur in einem mittelrheinischen osterspiel des 13. jahrh. (Lexer nachtrag 203) darüber hinaus; belegt ist es bei Seifried Helbling, der auch das verbum in diesem sinne gebraucht (s. oben) vgl. 2, 797, ebenso: des soltû überein niht nemen, ez sî wîn oder brôt, hüenre oder eiger, weder diz noch jenz. dû weist vil wol, lihest dû im niht, daz er dir nihtes niht bræhte. dâ von soltest dû sîn sus ouch niht nemen, oder dû bist ein rehter gesuocher. Berthold v. Regensburg 1, 281, 26; denn ich kann nicht wohl verstehen, welcher ein grosser gesucher sey der judt (der) auf gesuch leihet oder herr oder fürst der den gesuch vestiglich schafft einzubringen. chronik der edlen grafen von Cilli Hahnii monum. 2, 680; offen gesuecher und ungetrewe chaufleut. H. v. Mügeln psalmen 90ᵇ (Khull). aus der juristischen litteratur hat das wort eingang in die entsprechenden wörterbücher gefunden: gesucher, foenerator, usurarius. Haltaus 693.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1897), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4284, Z. 35.

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gestipft getüche
Zitationshilfe
„gesucher“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gesucher>, abgerufen am 28.11.2021.

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