gesucht
Fundstelle: Lfg. 12 (1897), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4285, Z. 1
part. adject. zu suchen, hat nach mehreren richtungen hin verwendungen entwickelt, die sich nach bedeutungsgehalt oder function vom verbalstamme isolieren.
1)
in der rechtssprache ist gesucht und ungesucht in parallele zu stellen mit der in der juristischen litteratur viel behandelten traditionsformel besucht und unbesucht, quesitis et inquirendis (Grimm rechtsalterthümer 43). die erklärung gieng hier meist von der lateinischen formel aus oder berücksichtigte nur die zweite deutsche formel wie sie vorliegt in: (Lexer 1, 232) das ein ieglich man und fraw .. alles ir gut, es si aigen, lehen, ligentz oder varentz, besuchtz und unbesuchtz .. alles gelich verstiuren sullen. Augsburger zunftbrief von 1368, d. städtechron. 4, 137, 19. älter dagegen ist unsere formel: quod eadem curia (besitzungen von Schönau in Handschuchsheim im jahre 1284) cum omnibus bonis attinentibus, quaesitis et inquirendis, quod dicitur gesucht und ungesucht. zschr. gesch. Oberrheins 7, 40. der sinn der formel ist schon von Westenrieder annähernd getroffen worden: sowohl das was man bereits hergestellt und erworben hat, als das was man noch weiter sollte herstellen und erwerben können. die ausdrücke 'gewunnen und ungewunnen' bedeuten dasselbe. Westenrieder 201. für die erklärung dieser bedeutung läszt sich unter abweisung der manigfachen deutungen einfach an gesuch = geniesz (sp. 4274) anknüpfen, und so ergibt sich auch hier enger zusammenhang zwischen substantiv und verbum.
2)
in attributiver verwendung des part. prät. haben sich von der grundbedeutung des verbums aus gebrauchsformen abgezweigt, die einerseits nach der begrifflichen seite vom verbum sich isoliert haben, andererseits formell von diesem sich abheben, indem sie die steigerungsformen und sonstigen functionen des adjectivums überkommen. diese entwicklungsfähigkeit des participiums gehört der neueren sprache an, die ältere hat sich an der parallele mit quaesitus genügen lassen, die noch die wörterbücher im anfang des 17. jahrh. beherrscht: gesucht, cherché, quäsitus. Duez 191ᵃ. quaesitus, gesucht, belg. gesoect, ags. seeked for, ital. cercato, gall. cherché. Megiser dictionarium quattuor linguarum (Frankf. 1603) 2, 375. vgl.gesucht bei Frisius (1700) 577 und Rondeau-Buxtorff 252. auch in der litteratur dieser zeit überwiegen die belege, in denen das verbale moment lebendig ist, allerdings in einer jetzt entschwundenen prägung:
nun hat er endlich troffen
den viel gesuchten zweck (zweck in sinnlicher grundbedeut.).
sein mittelpunkt ist offen.
Fleming (litt. ver.) 71;
dasz, aus abgang einer guten medicinischen policey, manches krankenhaus mehr eine quelle der sterblichkeit, als des gesuchten heils geworden. J. P. Frank system einer vollst. med. polizei (1779) 1, 8; unglaublich schnell kam die so lang gesuchte vereinigung zu stande. Schiller gesch. des 30 jähr. kriegs. werke 8, 49, 16; waren wir von der ganzen stadt geehrt, von den vornehmsten wegen unseres aufwandes gesucht. Arnim novellen 2, 139. vgl.allgesucht bei Tieck theil 1, 235. schon in so nahem zusammenhang mit dem verbum wird die bedeutung gelegentlich in übelm sinne verengert: das fressende wüten der waffen und die rache der gesuchten beleidigung. Opitz schäferei der nymphe Herzynia. werke (Zürich 1745) 548; es soll jemand, bey gesuchten gelegenheiten, einen groszen kunstrichterlichen unwillen wider mich geäuszert haben. Hagedorn vorrede zu seinen poetischen werken (1750).
a)
aus beiden bedeutungen, der weiteren und der engeren, sprieszen adjectivfunctionen des particips.
α)
schon für quäsitus wird vermerkt: mit fleiss gesucht, auserlesen. Spieser (Basel 1700); diese bedeutung läszt sich jedoch litterarisch nur selten belegen, einmal vielleicht im Wilhelm Meister: sie hatte diesen tag ein reicheres kleid angelegt, als sie sonst zu thun gewohnt war. frisur und aufsatz waren gesuchter, sie war mit allen ihren juwelen geschmückt. Göthe 18, 320. sonst gebraucht Göthe hierfür das compositum ausgesucht (vgl. theil 1, 994), das schon vor ihm ausgebildet war: das sind lauter ausgesucht und ausgekünstelte höflichkeiten. Tölpels baurenmoral (1752) 44, und das diesen theil der verwendung des simplex ganz zurückgedrängt hat.
β)
um so fruchtbarer ist die engere bedeutung für die neuere sprache geworden; sie findet sich attributiv entwickelt schon vor der klassischen dichtung vor: Pope nennt die zu sehr gesuchte und sinnreiche schreibart in freundschaftlichen briefen the style of wit and abomination. Hagedorn a. a. o., in den 'deutschen synonymen' von 1794 wird der bedeutungsunterschied zwischen gesucht, gewählt und geziert abgegrenzt: gesucht ist das fehlerhafte oder ängstliche im bemühen. schrift. d. kurf. gesellsch. in Mannheim 9, 19. vgl.es ist zu gesucht, diligentia molestus. Serz 150, vgl.gezogt bei Kramer 1, 157. in Schillers prosa finden sich die unserer heutigen sprache eigenen verwendungen alle neben einander vor: wir schreiben einem menschen eine naive gesinnung zu, wenn er in seinen urtheilen von den dingen ihre gekünstelten und gesuchten verhältnisse übersieht und sich blosz an die einfache natur hält. werke 10, 434, 5; nein! ein so gesuchter gedanke kann höchstens einem eiskalten kommentator, nie aber dem Euripides oder seiner Clytemnestra eingekommen sein. 6, 236, 1: so lange es nur möglich war, hatte er Bayerns rettung verschoben, und durch die gesuchtesten ausflüchte die ordonnanzen des kaisers verhöhnet. 8, 332, 8. ebenso bei anderen schriftstellern: ist die entehrende strafe in einer schule noch neu, und hat etwas gesuchtes. Wielands Merkur 1804. 2, 23; es gebe ihm aber nur die erzieherische geheimniszkrämerei eine gesuchte grösze in dieser dreiheitregel. J. Paul Levana 3, 69; von einem andern geübt, hätte die abwehr und versagung alles wissens um stand und namen gesucht und eitel erscheinen können Vischer 'auch einer' 1, 110; in der oper stellte sich der scenischen mangelhaftigkeit der Shakespeare'schen bühne als vollster gegensatz die üppigste und gesuchteste ausstattung dieser scene entgegen. R. Wagner oper und drama. werke² 4, 16; mag hie und da der kunst darin zu viel und das nationale gepräge der sprache zu gesucht sein. R. Köstlin R. Wagners tondramen (Tübingen 1877) 99. vgl.gesuchte entschuldigungen, farfetched excuses. Eitzen wb. d. handelssprache (1893) 316.
b)
eine andere adjectivische verwendung geht mehr auf die bedeutung des verbums zurück, die heute noch lebendig ist: guter wein wird gern gesucht. Venusgärtlein (neudruck) 181; eine waare, ein buch, das sehr gesucht wird, une marchandise, un livre de recherche. Schwan 1, 737; die waare ist sehr gesucht, die waar is zeer gezogt, gewilt. Kramer 132, vgl. Eitzen 316; da und dort etwas geschickt aufgegriffen und zu kurzen artikelchen verarbeitet; das ist sehr gesuchte ware. C. Weitbrecht Phaläna 207; vergriffen und sehr gesucht ist ein ständiger vermerk der antiquariatskataloge; besser und gesuchter war der weisze most. herbstbbericht vom oktober 1896.
3)
im inseratentheil der zeitungen hat sich gesucht als part. prät. ganz des syntaktischen gefüges entledigt, dem es angehört; das particip tritt hier satzbildend auf, indem gesucht als überschrift vor inserate gesetzt wird, wie: ein junger mann sucht sich an einem fabrikunternehmen zu beteiligen u. a.
4)
substantivierungen halten sich im rahmen der bisherigen festsetzungen: da war natürlich auch der gesuchte darunter, der kommerzienrath erinnerte sich des namens wieder. Weitbrecht Phälana 136; dies gelang auch am sonntag nachmittag 2 uhr einem sicherheitsbeamten, welcher den gesuchten in der person eines 18 jährigen vagierenden handlungsgehilfen traf und festnahm. aus dem polizeibericht.
Zitationshilfe
„gesucht“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gesucht>, abgerufen am 26.05.2019.

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