Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gethürmt, participiales adj.

gethürmt, participiales adj.
zu thürmen (theil 11, 470). da schon das verbum selbst eine jüngere und mundartlich beschränkte bildung ist, so setzen die isolierten verwendungen des particips erst spät ein. althochdeutsch begegnet zwar eine nachbildung des lateinischen turritus: giturrotun chiolin Prudentiusglossen Steinmeyer-Sievers 2, 471; aber die ableitungen von turm treten erst spät mittelhochdeutsch auf, erstmals im könig vom Odenwald Germania 23, 303, vgl. Lexer nachtrag 378; geturnet, turnet noch im vocabular von Altensteig (Hagenau 1516), vgl. auch getornet bei Verwijs und Verdam 2, 1751, aber getormt im Macer de herbis (1394), gethormet, geturmet in vocabularien des 15. jahrh. Diefenbach 603ᵃ.
1)
in der grundbedeutung:
a)
sie zeiget uns bebüschte berge, beblühmte thäler, grüne wälder,
begraste wiesen, klare bäche, mit korn bedeckte fette felder,
sie ziehet vor gethürmte städte den sie verhüll'nden vorhang
weg.
Brockes (die morgenröhte) irdisch. vergnügen 7, 204;
stehe du selber mir bei und hauche mir mut und entschlusz ein,
wie vordem, da wir Troja die prächtig gethürmte zerstörten.
Voss Od. 13, 386 (ὅτε Τροίης λύομεν λιπαρὰ κρήδεμνα) abdruck der ersten ausg. von 1781 Bernays;
so wie einst, da wir Troja's gethürmte pracht hinstürzten.
dasselbe in der ausgabe von 1806;
und die gewaltthat mit eisernen klauen
malmet gethürmte palläste zu sand.
Schubart (zeichen der zeit 1789) 3, 11.
b)
ihm tödtete der göttersohn Achill,
als er die hoch gethürmte königstadt
Ciliciens, die volle Theben, einst
in trümmer warf.
Bürger Ilias in jamben 6, 529;
und, reich wie ein emir in seinem sinn
steu'rt er, mit flügeln an jedem schuh
zur hochgethürmten hauptstadt hin.
Wieland (fischer und geist) 18, 227;
betrete dann das hochgethürmte (aus hochgebaute verändert) fürstenhaus
und mustre mir die mägde, die ich dort
zurückgelassen.
Göthe Faust 8549.
vgl. theil 4, 2, 1621.
c)
in ihre kühne schlanke gestalt hab' ich die geheimniszvollen kräfte verborgen, die jene beiden thürme hoch in die luft heben sollten, deren, ach, nur einer traurig da steht, ohne den fünfgethürmten hauptschmuck, den ich ihm bestimmte, dasz ihm und seinem königlichen bruder die provinzen umher huldigten. Göthe (vom Straszburger münster) altdeutsche baukunst, werke 39, 346.
d)
als terminus der heraldik: gethürmt, mit thürmen, donjonné, terme de blason Rondeau-Buxtorff (1746) 253.
2)
übertragen auf entsprechende gebilde der natur; die übertragung geht aus von verwendungen wie: den herrlichsten an blick der kaiserpaläste, die sich in mannigfachen über ein ander getürmten mauern und wölbungen auf jenen hüge hinüberziehen. Grillparzer (tagebuch auf der reise nach Italien) 19, 214.
a)
und so wie rein' und reinre luft umgieszet
der berge höher stets gethürmte spitze,
bis wo kein grün die stumme klipp' umlaubt.
W. Humboldt (an A. v. Humboldt) 1, 373;
diesem ungewissen schein der hoffnung
folgte kühn das brüderpaar, entschlossen,
über's hochgebirg hinweg zu steigen
das vor ihnen wolkenhoch gethürmt schien.
Platen Abbassiden 1
b)
bald sieht man die gethürmte wellen
ergrimmt sich heben, bäumen, schwellen,
und bald in die geheîme kammern der tiefen wieder plötz lich schieszen,
da des bestürmten meeres fluht
laut über ihren häuptern donnert.
Brocker Thomsons jahreszeiten (hilly wave) winter 145;
legten sich die gethürmten wellen.
Chamisso 4, 220;
ungewiszheit! du warfst sie mit jeder gewaltigen unruh,
welche du hast, mit deinen gethürmten wogen, mit allen
deinen stürmen herum.
Klopstock Messias 13, 908;
seen, meere, ströme sieden!
gethürmte wasserwogen wüthen
wild auf dem alten ocean.
Schubart ged. (der jüngste tag).
c)
wenn die wolken gethürmt den himmel schwärzen,
wenn dumpftosend der donner hallt,
da, da fühlen sich alle herzen
in des furchtbaren schicksals gewalt.
Schiller (braut von Messina 4, 4) 14, 106;
und ich fürchtete mich zitternd, dasz irgend ein seltsam gegliederter oder gethürmter schatten, oder irgend ein fliegender wiederschein mir mit einem beweise und bilde des mörderischen gedankens begegne. J. Paul fata 2, 96.
d)
du siehst wie glanzhell steht in gethürmtem schnee
Sorakte, kaum noch unter der flockenlast
der wald sich aufringt.
J. H. Voss Horaz oden 1, 9 (alta nive).
3)
übertragen auf kleinere gebilde der menschenhand.
a)
von denen schnell die tafel
reich mit früchten, reis und wein besetzt ward:
jener schön gethürmt in silberschüsseln,
dieser perlend aus krystallenen flaschen.
Platen Abbassiden 3;
auch nahm sie eine tüchtige handvoll salbeiblätter, tauchte sie in einen sauerteig und buk sie in heiszer butter zu sogenannten mäuschen ... sie gingen prächtig auf, dasz es eine getürmte schüssel voll gab. G. Keller (fähnlein der 7 aufrechten) 6, 294.
b)
die gethürmte staatsperrücke.
Zachariä hinterl. schr. (1781) 25;
mit seiner kegelgleich gethürmten tiare.
Rückert Brahman. erz. 277.
c)
gethürmte krystalldinse, crystallus imbricata Scopoli Jacobsson 5, 662.
4)
von der sinnlichen erscheinung aus auf geistiges gebiet übertragen: diese hochgethürmte weise hoffahrtsdame. Tieck Vittor. Acc.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1897), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4385, Z. 72.

thürmen, türmen, verb.

thürmen, türmen, verb.
ahd. nur vereinzelt turrôn, spätmhd. türnen, turnen, turmen, tormen, mnd. tornen, turnen. die oberdeutschen mundarten kennen das wort nicht.
1)
mit einem thurme, mit thürmen versehen, ahd. giturrôt, turritus Graff 5, 447, md. und spätmhd. geturmet, -tormet, -turnet, -dirnet, Dief. 603ᵃ, nhd. gethürmte städte, schlösser u. s. w., vgl. hochgethürmt, bethürmen.
2)
wie einen thurm emporragen machen, thurmähnlich aufbauen, erheben oder aufhäufen. vgl. auf-, emporthürmen.
a)
transitiv:
thorheit, die berg und felsen thürmt.
Günther 648;
wenn es (das glück) auch die wellen thürmt.
729;
(berg,) den ein verjährtes eis dem himmel gleich gethürmt.
Haller die alpen v. 342;
obelisk, den die eitelkeit thürmte. Schiller 9, 98; wo man den teich (deich) durchstach und die brustwehr thürmte. 9, 71;
(der meergott bricht) die granitnen säulen
aus dem erdgerippe los, ...
und mit Hermes dem behenden
thürmet er der mauren wall.
11, 298;
(dort) thürme deines ruhmes monument.
Körner leier u. schwert 12.
partic. gethürmt: die gethürmte staatsperücke. Zachariä hinterlassene schriften (1781) 25;
mit deinen gethürmten wogen.
Klopstock Mess. 13, 908;
wenn die wolken gethürmt den himmel schwärzen.
Schiller 14, 106 (braut von Mess. 4, 4).
thürmen auf:
die marmel, gold und perl .. haben
auf ihre gruft gethürmt.
schles. Helik. 52;
knoten auf knoten gethürmt.
Göthe 1, 327.
b)
reflex. sich in die höhe türmen, attollere sese in altum Stieler 2365;
(hügel,) auf welchem sich die last des hohen tempels thürmt.
Pyra u. Lange 107 neudruck;
lasz den schnee sich thürmen
um mein sichres dach!
Willamov 237;
welche herrliche stadt wird
... dein auge noch thürmen sich sehen!
Bürger 244ᵇ,
welch eine stadt seh ich ...
... o schwester, sich erheben!
Schiller 6, 387;
thürmten sich oft wolken über die entfernten berge. Göthe 26, 31;
es thürmen sich die gipfel.
Rückert Hamasa 2, 326;
wo sich thürmt der dürre sand.
Geibel ged. 242;
(wanderer,) dem schroff die wand sich thürmt.
250.
c)
intransitiv, in der poetischen diction statt des reflexivs:
es sinkt der schnee, die winde stürmen,
die wasser brausen, die schollen thürmen.
Kretschmann klage Rhingulphs 45;
als ob felsen
thürmten.
Klopstock od., krit. ausg. 2, 18;
aber sie (die stadt) lag, .. so hoch sie
thürmte, gehüllt in traurende .. dämmrung.
Mess. 9, 56;
besonders als partic. präs.: ein thürmender fels heiszt einer, der sich wie ein thurm erhebt. Klopstock br. 218 Lappenb.;
wollte jetzt von den höhen des throns der thürmenden felsen
einen gegen ihn schleudern.
Mess. 2, 697;
jetzt schienen die felsen
seines thürmenden grabes vor ihm sich nieder zu senken
11, 703;
rings ertönte die thürmende stadt.
7, 625, vgl. 763. 14, 923. 15, 709;
aus dem felsigten kern hebt sich die thürmende stadt.
Schiller 11, 85;
bis wir gewonnen des Priamos thürmende veste!
Voss Il. 2, 332;
stadt mit thürmender mauer.
15, 737;
vor Troja's thürmenden mauern (sub moenibus altis).
Än. 3, 321;
zwei (erdgürtel) deckt thürmender schnee (nix alta).
Ovids verw. 1, 46;
Auror' erstieg den thürmenden Olymp.
Bürger 150ᵃ;
sein muthiges ross
enteilt, wie ein adler, dem thürmenden schlosz.
Stolberg 1, 309;
(ich sah) die thürmenden alleen.
Wieland Idris 3, 99;
dort auf thürmenden eichen ...
lauschen andere.
Lenz ged. 56 Weinhold;
weiche nebel trinken
rings die thürmende ferne.
Göthe 1, 86;
bahnlos liegt's hinter mir, und eine mauer
aus meinen eignen werken baut sich auf,
die mir die umkehr thürmend hemmt.
Schiller 12, 215 (Wallenst. tod 1, 4);
als wollten zu grabe sie tragen
des elends thürmenden wust.
Lenau neue ged. 124;
wie naht das finster thürmende
gewölk so schwarz und schwer!
G. Keller ged. 1, 71;
comparativisch thürmender erheben sich die felsenberge in wechselnden gestalten. Stolberg 6, 153.
3)
türnen, turnen, in einen (gefängnis-) thurm setzen, werfen Lexer 2, 1584, mnd. tornen, turnen Schiller-Lübben 4, 381ᵇ: einen unverlümbdeten mann .. weder fahen, thürnen. weisth. 4, 414 (v. j. 1403); so soll in ain herr oder aman nit türnen. 1, 282 (v. j. 1432); etliche der unsern (wurden) gefangen, getürnt. städtechron. 2, 72, 11 (v. j. 1444); das man dich bekeren solt und türnen. Keisersberg narrensch. (1520) 15ᵇ; er hat .. Rulanden nit fessern oder thürnen wöllen. Aimon V 4; wie si ire landlüt .. hart hieltind, türnetind. Tschudi 1, 232; furet si mit ime in sein schloss ..., da thurnet er si. L. Fries Würzb. chron. (handschr.) 313; oft wird ein mensch verdampt (verurtheilt), gethürnt und bestraft. Lehmann 1, 857.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1891), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 470, Z. 41.

türmen1, vb.

¹türmen, vb.,
s. thürmen teil 11, 1, 1, 470.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1871, Z. 45.

türmen2, vb.

²türmen, vb.,
schwindlig werden, vgl. durmen teil 2, 1734 und die germanischen verwandten: nordengl. dial. dorm 'im halbschlaf sein' Murray 3, 604; schwed. dial. dorma dass. Hellquist ³151; norw. durma, dorma 'schlummern, linder, still werden' Torp 66; nisl. dorma 'schlummern' Blöndal 136; schetl. dwarm dass. Jakobsen 130; färöisch durva 'mit dem schlaf kämpfen, nicken, schlummern' Jacobsen-Matras 61, ferner nhd. (nd.) dösen, dösig usf. weiteres bei Walde-Pokorny 1, 845:
des ritterschaft ist also muͤnc (mutig)
in wik herten stuͤrm
daz do manigem tuͤrm (türmen)
mag in sinem kopf
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österr. 8024 Regel.
'duseln, schlummern': durmen schlummern ..., halb schlafen, halb wachen (unter einflusz des frz.-lat.) Fischer schwäb. 2, 500; Ochs bad. 1, 612.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1871, Z. 46.

türmen3, vb.

³türmen, vb.,
reiszaus nehmen, abhauen, weglaufen; rennen; gaunersprachlich, von neuhebr. thârám 'entfernen', s. E. Bischoff wb. d. wicht. geheim- u. berufsspr. 89, vgl. auch ³stiften teil 10, 2, 2890; dann in der soldatensprache des ersten weltkrieges nachweisbar: 'man sagt auch (vom reiszausnehmen) sie ... gehen türmen, türmen ab' Imme soldatenspr. (1917) 127. das wort hält sich im bereich drastisch-burschikoser ausdrucksweise; der abwertende sinn tritt zurück: ich sehe meine leute an, erspähe gerade noch, dasz sie sich zublinzeln, was soll das? denke ich. wollen sie türmen? qu. v. j. 1930; doktor, hören sie, hebe ich an. ich will türmen ... er bleibt stehen. 'flüchten?' fragt er leise ebda; mit einer handvoll jäger greift dieser verfluchte kerl ... an, rollt den halben Majo auf, und die bande türmt qu. v. j. 1933; 'neulich is eine getürmt (ohne die zeche zu bezahlen)' sagte er. 'unsre letzten wiener hat sie aufgegessen, und durst hatte sie wie ein mann' H. W. Seidel Krüsemann (1935) 221; 222; als er zurückkam, um die gesellschaft (kinder) ins bett zu jagen, waren die zwillinge getürmt C. v. Bremen d. schifferwiege (1936) 96. laufen, rennen: aber so als strippenflicker. na, wie ist das? da türmst du durch das blödeste feuer, flickst deine strippe, türmst wieder los, flickst wieder und nochmal und dann ... Fr. Knapp strippenflicker (1938) 26; türmen fliehend laufen Ochs bad. wb. 1, 612.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1871, Z. 63.

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Zitationshilfe
„gethürmt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geth%C3%BCrmt>, abgerufen am 01.12.2021.

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