Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gethue, n.

gethue, n.,
verbalsubstantiv zu thun (theil 11, 434 ff.). das wort ist verhältnismäszig spät belegt, vom ende des 18. jahrh., und zeigt in seinem bedeutungsgehalt wendungen, die am verbum in der schriftsprache nicht zum ausdruck gekommen sind. es gehört der zwangloseren sprache an, wo es in der litteratur auftritt, und führt sein eigentliches reicheres leben in den mundarten. unter diesen hat die bairisch-österreichische mundart keinen antheil an unserem worte, sie hat dafür das neutrum thun (Schmeller² 1, 577. Lexer kärnthisch. wb. 76), tirolisch tüen (Schöpf 773) gebildet, das ebenfalls am handeln und thätigsein die äuszeren formen sinnfällig zum ausdruck kommen läszt, während der substantivierte infinitiv der schriftsprache (unser thun und treiben, vgl. th. 11, 455) nur die thätigkeit selbst ausprägt. dieses bairisch-österreichische wort ist vielleicht auch formell unserer bildung verwandt, da in jener mundart durch neubildungen, wie den infinitiv tuenen, tüenen (Schmeller² 1, 574), das ursprüngliche flexionszeichen des infinitivs als in den verbalstamm übergegangen bezeugt ist und da andererseits das präfix sich hier vor dem dental nicht hält. zudem stehen auch aus anderen mundarten parallelformen wie gethun, gethuns (s. d.) zur seite. unsere form gethue erklärt sich als unmittelbare ableitung von dem in den verschiedenen flexionsformen frei erscheinenden verbalstamme, sie musz wol nach analogie der sinnverwandten verbalsubstantiva neu gebildet worden sein, denn sie erscheint gerne in mundarten, die das präfix vor dem dental nicht festhalten. in manchen fällen, so namentlich bei dialektdichtern mag auch litterarische übertragung mitwirken. die bedeutungen des wortes in ihrer ganzen mannigfaltigkeit knüpfen sämmtlich an verwendungen an, die das verbum in volkstümlichen redensarten ausgeprägt hat.
1)
die allgemeinste bedeutung umfaszt die äuszere erscheinung einer geschäftigen person, deren handlungsweise sich breit entfaltet.
a)
selten, dasz hier ein attribut auf die wolthuende behaglichkeit dieser geschäftigkeit hinweist: der storch war mit seinem weibchen angekommen und zeigte ihm unter seltsamem verbeugen und in die brust werfen das neu hergerichtete haus und die ringsum grüne welt, das war ein schnattern und klappern und bedächtig fröhliches gethue. Auerbach dorfgeschichten 4, 324.
b)
vielmehr tritt das auffallende, aufhaltende oder gar lästige dieses gebahrens in den vordergrund der betrachtung:
α)
gethue, im Hennebergischen eine auffällige handlungsweise Frommann 3, 137;
nu sáchst dés getû.
Koberger schlumperliedla Frommann 2, 188.
β)
getû, benehmen, verhalten, namentlich ein umständliches lästiges verfahren Frommann 2, 192;
mer brechen glei' durchs gäszle durch
wo's brauch'ng mer dés getou.
Weikert die alten bürgersoldaten ebendort 192.
c)
im besonderen wird das miszverhältnis zwischen dem aufwand an geberden und werken und zwischen dem anlasz, der sie hervorruft, getadelt: lasz dieses gethue seyn, mitte istas tricas Serz teutsche idiotismen (1797) 54; gethue, zu vieles reden bei geringfügigem anlasz Spiesz beiträge zu einem Henneberg. idiot. 78; lieber .. will ich tage lang ein concert von tausend stahren, älstern und fröschen hören, als ansehen das gethue und hülfhohlen, wenn man etwa einem schulsässigen götzen etwas genommen, oder gegeben hat. Bürger zu Dido (1777).
2)
dieses miszverhältnis zwischen ursache und wirkung nimmt nun allgemeinere formen an und prägt die vorstellung der übertreibung aus, neben der die form der bethätigung ganz zurücktritt: gethue, übertreibung Spiesz 78, übertriebene aufmerksamkeit Albrecht Leipziger mundart 122.
a)
hält da mit groszem gethu eine, denk' ich, holländische rede. Sophiens reise 4, 222; gethu, plattdeutsch gedô, n. geprahle, aufheben Frischbier 1, 232.
b)
auch ist ernstlich die rede davon, die union der lutherischen und reformirten kirche aufzuheben und eine neue staatskirche zu gründen. du lieber gott! was für ein nutzloses gethue! Varnhagen tagebücher 4, 141 (sept. 1847); ehe das meldungs und sonstige gethue angeht. Hegel 17, 623; ich bin alt und du bist nimmer jung, lärmendes gethue und getreibe macht uns keine aufheiterung mehr, wozu sollen wir derlei uns ins haus laden. Anzengruber (schandfleck) 2³, 25.
3)
von der verbindung des verbums mit einzelnen bestimmungen gehen die bedeutungen auch auf das verbalsubstantiv über; sie berühren sich zudem meist mit den vorigen:
a)
in redensarten wie so thuͦ als werstu taub Scheidt grobian 2204, vgl. theil 11, 454, entwickelt sich die vorstellung eines auf täuschung berechneten gebahrens; das gethue, ein thun, anstellen, heucheln, in der niedrigen sprechart. das ist nur so ein gethue, ist nicht so gemeint Campe 2, 352; aber ich will Ihnen sagen, um was es sich handelt bei all dem diplomatischen gethue und getuschel, die lieben Franzosen mitsammt ihrem Bonaparte will man schonen. Blücher über Metternichs 'machenschaften' bei Scherr 3, 310; deine tochter sitzt in dickster herrlichkeit bei meiner alten, und es ist mir ein sehr verdächtiges gethue, du weiszt, die weiber sind des teufels. G. Keller (fähnlein der 7 aufrechten) werke 6, 295.
b)
sich thun, sich zieren Albrecht Leipziger mundart; gethue, ziererei ebendort 122. Spiesz 78; dann besuchten mich in gleicher absicht einige junge leute von sehr gefälligem äuszern und feiner geselliger bildung. mit welcher freudigen erwartung setzte ich mich zurecht, um sie lesen zu hören. aber ach, sie deklamirten nur. du mein gott! war das auf einmal, mitten aus dem natürlichsten wesen heraus, eine geschraubtheit, eine affektation, ein gethue. Seydelmann bei Rötscher 287.
4)
vereinzelt und auf bestimmte mundarten beschränkt sind die intensiveren ausprägungen des in dem verbum ruhenden grundbegriffes.
a)
gethue, übermäsziges klagen bei unbedeutendem schmerz Spiesz 78; ich habe hier den hungeraufruhr mitgemacht .. ich habe gar nicht gewuszt, dasz es so jämmerlich klingt, wenn man: brod! brod! ruft, und das klagende gethue der weiber und kinder, es will mir gar nicht aus dem sinn. Auerbach schatzkästlein des gevattersmanns 2, 275. vgl.gethün, wehen Kehrein volkssprache und volkssitte in Nassau 1, 162, vgl.gedoe, gerase, lärm, getöse (pöbelhaftes wort) Kramer niederl.-hochdeutsches wb. (1768) 1, 135ᶜ.
b)
gethue, die fallende sucht Frommann 2, 192. ebenso 3, 136 (im Hennebergischen).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1897), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4382, Z. 13.

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Zitationshilfe
„gethue“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gethue>, abgerufen am 06.12.2021.

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