Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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getrauen, verb.

getrauen, verb.,
verstärktes trauen (s. d.); althochd. gatrûên, gatrûwên, vgl. Graff 5, 469; mhd. getrûwen, getriuwen, getrouwen mhd. wb. 3, 109ᵃ. Lexer 1, 949; gotisch gatrauan; altsächs. gitrûôn, gitrûôian; mittelniederl. getrouwen Verwijs und Verdam 2, 1761; andere germanische dialekte ziehen andere zusammensetzungen vor, so betrowa, vgl. Richthofen 1094. die mit dem präfix gebildete form tritt in den denkmälern früher und mit reicher entwickelten bedeutungen auf als das einfache verbum, sie hat auch im verlauf der sprachentwicklung ihren verwendungskreis viel häufiger umgebildet als jenes und hat der reihe nach eine anzahl von bedeutungen wieder abgestoszen, die sich bei dem einfachen verbum in der schriftsprache noch heute vorfinden oder die dem letzteren im mundartlichen gebrauch nach abwurf des präfixes zu theil geworden sind. getrauen gehört heute mehr der gewählten sprache an und zwar in der eingeschränkten verwendung des reflexivgebrauchs: sich getrauen mit abhängigem infinitiv.
I.
älteste verwendungen, bedeutungsentwicklung, formen.
1)
die zahlreichen beispiele bei Ulfilas zeigen die zusammengesetzte form in bedeutungen, für welche die späteren übersetzungen derselben stellen andere verba verwenden wie z. b. 'glauben, sich versehen, gewisz sein, sich verlassen', während nur selten andere präfixe hier vor dasselbe grundwort treten: jabai hvas gatrauaiþ sik silban Christaus visan. 2 Cor. 10, 7 (verleszt sich jemand darauff, das er Christum angehöre. Luther; ob sich etlicher versicht. codex tepl.; ob einer im vertrauwet in der Augsburger bibel von 1487). dagegen erscheint das einfache verbum dort einmal an einer stelle, wo die spätere zeit ein compositum vorzieht: trauaida du guþa. Matth. 27, 43 vgl. er hat got vertrawet. Luther; er versprach sich an got. cod. teplens.; her getrûwit in gote. Beheims evang.; getrawet in got. Augsb. bibel von 1487. die althochdeutsche zeit verwendet beiderlei formen in der übersetzungsprosa; doch tritt das einfache verbum erst bei Notker (vereinzelte fälle auch im Heliand) auf, das compositum dagegen findet sich in den mannigfachsten bedeutungen im Tatian, in den Monseer fragmenten und in glossen. noch in der mittelhochdeutschen dichtung überwiegt nach der zahl der belege und nach der ausdehnung des bedeutungsgehaltes das compositum; das einfache verbum hat sich nur in verbindung mit einem infinitiv vollere geltung verschafft, also gerade in der verwendung, die später das eigentliche gebiet des compositums wurde. in der neuhochdeutschen zeit geht der absolute gebrauch für das compositum wie für das simplex ganz verloren, von den relativen gebrauchsformen geht die verbindung mit dem persönlichen dativ in der bedeutung von glauben, auf einen bauen, auf das simplex oder auf das compositum vertrauen über (in wörterbüchern wird allerdings auch diese verbindung länger festgehalten, vgl. getrawen, fidere, credere alicui Henisch 1587). die verbindung mit objecten wird immer mehr eingeschränkt, der genetiv des objectes findet sich noch in der bayerischen mundart in isolierten wendungen des einfachen verbums Schmeller² 1, 634. die objectsätze sind mit der bedeutung 'glauben, vermuthen, denken' dem verbum ebenfalls in beiden formen entschwunden und so ist dem compositum nur noch die reflexivconstruction mit abhängigem infinitiv übrig geblieben, die schon Steinbach 2, 842 als einzige verwendung anführt, während Stieler unser wort unter den ableitungen von trauen gar nicht anmerkt. ebenso bezeichnet Adelung die bedeutungen 'hoffen, einem vertrauen, einem zutrauen' als veraltet; er läszt für die heutige sprache nur zu: muth, herz haben, etwas zu unternehmen oder zu leiden, als ein reciprocum, und mit der dritten endung des fürwortes Adelung 2, 637; die neueste sprache hat auch diesen gebrauch noch weiter eingeschränkt, sie kennt nur: muth, herz haben, etwas zu unternehmen. andererseits erlaubt sich die sprache der poesie manche anlehnungen an früheren freieren gebrauch.
2)
die form. der dental hat sich in allen mundarten und sprachperioden gleich gehalten, da er in der lautverbindung tr von der hochdeutschen lautverschiebung nicht berührt wurde. dagegen zeigt der stammvocal wechselnde schicksale. das lange u, das in den althochdeutschen beispielen und zum theil auch in mittelhochdeutschen belegen bewahrt ist, hatte im gotischen vor dem vocal der flexionssilbe diphthongierung erlitten, die auch im friesischen (trouwa) und angelsächsischen (treovian) hervortritt, gegen altsächsisch truon. die wechselnden formen der flexionssilbe üben ihren rückwirkenden einflusz auf den stammvocal auch in der mittelhochdeutschen periode aus: aus der überführung des verbums in die i - klasse der schwachen verba ergaben sich umlautserscheinungen (getriuwen), die ihrerseits wieder durch nominalformen (getriuwe) gestützt wurden. andererseits schwankt auch die silbengrenze: den contrahierten formen (gitrûn) stehen in der älteren sprache die zweisilbigen (gitrûwen) in reicherer verwendung entgegen. später schwindet einerseits das consonantische element zwischen den beiden vocalen (gitruen im vocabular. incip.), andererseits unterliegt der stammvocal der neuhochdeutschen diphthongierung, die bei österreichischen und baierischen dichtern des 13. jahrh. gerade an unserem worte früh ansetzt.
II.
bedeutung und gebrauch.
1)
der absolute gebrauch. er ist nicht unbedingt älter als der relative; in manchen fällen vielmehr macht er mehr den eindruck secundärer entwicklung auf grund von ellipse, in andern jedoch bringt er bedeutungen zum ausdruck, die dem verbum unmittelbar aus der stammwurzel zuflieszen und deren besondere färbung überdiesz mit der grundbedeutung des präfixes im einklang steht.
a)
enti gasah Jesus iro galaupin. quhad demo lamin. gatrue sunu: forlaazsenu dhir werdant dino suntea. althochd. Mattheusevangel. 9, 2. Hench 3, 9 (confide, fili; gloube mite Beheims evangel.; sun hab zuversicht. cod. teplens.; sey getrost, mein son, deine sünde sind dir vergeben. Luther); in therru weralti habet ir thrucnessi, oh gitruwet: ih ubarwann thesa weralt. Tatian 176, 5 (confidite; in der welt habet jr angst, aber seid getrost, ich habe die welt vberwunden. Luther Joh. 16, 33; abir getruͦwit Beheims evangel.; aber jr sölt getrawen. Augsb. bibel von 1487); fretus catruenti (nachgetragen adictus) confisus, confidens Hraban. gloss. Steinmeyer-Sievers 1, 155; mit sculderen sinen beschedewet er dir unde under vederen sinen solt getruwen. Trierer übersetzung von psalm 90 Graff 430 (deine zuversicht wird sein vnter seinen flügeln. Luther psalm 91, 4; saltu hoffin. Trebnitzer psalmen 76); tohtir, getrûwe dîn gloube hât dich gesunt gemachit. Beheims evangel. Matth. 9, 22 (hab zeversicht cod. teplens.; sey getrost Luther).
b)
betriegen sul wir die huote
noch hînaht vor der hanen krât;
sô wirt unser vil guot rât.
der mâne ist lûter unde klâr;
unser nimt niemen war;
Vênus, der minne meisterin,
diu tuot uns lîhte ir hilfe schin.
swer ie getrûte der genas.
Pyramus und Thisbe 139 (Wiener handschr. d. 14. jh., im liedersaal: der gewâgte, der genas) zschr. d. alterth. 6, 508.
c)
deutlich auf ellipse beruht der absolute gebrauch in sprichwörtern: sihe für dich, getrawen ist müszlich. Henisch 1587; getraw wol ritt das pferdt hinwegk. ebendort, vgl. II, 3, b auf sp. 4438. ebenso ist deutlich aus dem zusammenhang ein object zu ergänzen in belegen wie: aber der löblich fürst solt nit mer, dan mit einer anzal volks, in die stat ziehen; wolten sie (die von Brügge) in mit allem, so er mit im brecht, versichern und an alle beschwerung zu seiner zeit wider ziehen lassen. er getraut, kam mit seiner gesatzten anzall. Wilwolt v. Schaumburg 101; das ist das testament, das ich dir gebe. dencke, das dw es also entphahest, das dw recht gtrauest und glewbst und die wort annembst. predigten Luthers gesammelt von Poliander, werke 9, 467 Weimar.
2)
beim relativen gebrauch machen sich vor allem optativische und potentiale formen geltend, in denen sich das vertrauen, die zuversicht ausprägt, getrauen = hoffen; getrauen = glauben, meinen.
a)
hoffen. die von regungen des gemüthslebens getragene zuversicht, welche die richtung auf die zukunft nimmt, zieht naturgemäsz in erster linie geschehnisse, handlungen als objecte an sich; wo sie mit personen in beziehung sich setzt, sind diese doch wieder in erster linie als träger von handlungen gedacht, welche erhofft werden.
α)
das häufigste object bilden substantivsätze:
than thôh gitrûôda siu wel
an irô hugi-skeftiun, hêlag thiorna,
that is aftar thêm wordun waldandes barn,
hêleandoro betst helpan weldi.
Heliand 2028 Heyne;
an gerihte so getruwe ich wol,
daʒ si mir werde, diu vil minnekliche,
sit man lip gegen libe teilen sol:
si hat mich entwert gewaltekliche
herzen, libes unt dar zuo der sinne.
Konr. v. Kilchberg Hagens minnes. 1, 26ᵇ;
vnd so das also verhört wer worden, alsdann getrawet er, mann wurd daran klerlich underricht, was er in den sachen gehandlet, dasz er daran recht, und nicht unrecht hiet getan. und ob erkant wurd, des er nicht getrawet, das solche seine gerechtigkait um die sach nicht genug wer, yedoch so getrawt er, es sollt dabey erkannt werden, daz er mit der pfandung nit unrecht gehandlet. (verhandlungen von Schlehdorf am Kochelsee 1455) monum. boic. 9, 47, vgl. unten; getrauen wir, ewr lieb soll an uns beyden solchen unsern begierlichen brüderlichen willen erkennen. schreiben der bairischen herzoge 1465 Krenner bairische landtagsverhandl. 5, 128; und getrauen ihr lasset es dazu nicht kommen, das wollen wir freundlich an euch als unsern lieben vettern verdienen. Krenner 5, 159; gott, der mein und ewer gewaltig ist, getrawe ich wol, er werde mich vor euch beschirmen. Ackermann aus Böhmen 14, 11; ich getrau, das ich des nit entgelten söll, das ich mich leibs nit erweret hab'. Tristrant und Isalde 33, 11 (Augsburger druck von 1498; verhoffe im Wormser druck des 16. jahrh) Pfaff; getraut der vorgenant Haller, das sich das nit erfinden solt. Tucher baumeisterbuch der stadt Nürnberg 310, 3; und also getrawet der genant Jorg Haller, das er kein andere teilung mit dem vorgenanten Stromer dorumb nit thun solt, sunder das er billich bei solcher vor berürten redlichen kundschaft und bestentiger teillung beleiben solle. ebenda 311, 7; is geschah das Johannes von Seligen gelt czu halden gab an dy stat, das is dy frawe hys hyn geben irer tochter Annen, do her getrowete, das is ym wedir sülle werden. Magdeb. fragen 239 Behrend; nu hab ich ye Petzen lieb, getrauwe, er werde mir noch lieber, so ich thuͦ seinen willen. A. v. Eyb (Philogenia) Herrmann 2, 123.
β)
seltener sind hier die infinitivobjecte, die sich um so häufiger an getrauen = vertrauen haben anschlieszen: oba ír wehsal gebet then fón then ír getruwet lón intfahan. Tatian 32, 6 (a quibus speratis recipere. Lucas 6, 34; vnd wenn ir leihet, von denen jr hoffet zu nemen. Luther; von den ir euch versecht. in der älteren bibel); vnd haten die apgote Jovis und Appolinis; mit irre helfe getrûweten si zu gesigene. H. v. Fritslar deutsche mystiker 1, 137 Pfeiffer; hierumb wir zuͦ der eer gottes, fürderung der warhait und abstellung der irthuͦmb etlich artikel zuͦm kurtzusten gestelt haben darin e. f. gn. wir zuͦ erkennen geben, wesz wir und die unsern täglich von unsern predicanten durch die schrifft gelert werden, das sie in ainem freien concilio mit biblischen geschrifften zuͦ erhalten verhoffen und getrauen. eingabe des Augsburger raths an den bischof (1533) d. städtechr. 23, 347.
γ)
die verbindung mit persönlichen objecten, die durch präpositionen vermittelt wird, gehört nur der älteren sprache an und ist durch lateinische vorlagen gefördert; neuere übersetzungen haben hier andere synonyma, vor allem 'hoffen' eintreten lassen: inti in sinemo namen thiota gitruwent. Tatian 69, 9 (in nomine ejus gentes sperabunt; vnd die heiden werden auff seinen namen hoffen. Luther Matth. 12, 21; vnd die leute hoffnung haben in seinen namen. Augsb. bibel von 1487); ih ketrûen an gót. der mîn bérg ist. ze démo ih flúht hábo (in domino confido). Notker psalm 10, 1 (ich traw auff den herrn. Luther; an vnsen herrn geleube ich. Trebn. psalmen 2; in hern ich gantz vertraute hofnuͦng stelle. Melissus). ebenso psalm 24, 2: got mîn. an dih ketrúwen ih. unde ne scámo mih. wanda ih mir selbemo getrúendo ze scámon uuárd (mein gott ich hoffe auf dich. ps. 25, 2 Luther; an dich geleube ich. Trebn. psalmen 13; auff dich hoff ich. Melissus in der poetischen bearbeitung, in der prosadarstellung steht: ich traue auf dich); ich sal getruwen in in (sperabo in eum). Trierer übersetzung von psalm 90 Graff 430 (auff den ich hoffe. Luther 91, 2; ich sal hoffin an in. Trebnitzer psalmen 76).
δ)
die verbindung mit persönlichem object und substantivsatz steht vereinzelt: bitte dich ouch das du .. für mich bittest und alle die verborgen zuo grunde gelossenen heimelichen gottes fründe die du erlangen maht bittest, das sü ouch für mich bitten, so getruwe ich zuo gote, mine swere pinliche lange martel werde ettewas kürtzer. Nicolaus v. Basel 256 Schmidt; vgl. auch das beispiel aus dem Ackermann aus Böhmen in α.
b)
getrauen in der bedeutung von 'glauben' ist die auf erwägungen und auf überlegung beruhende form des vertrauens, deren objecte in erster linie in der sphäre der rede und der aussagethätigkeit liegen, auch personen, sofern sie hier herangezogen werden, treten in erster linie als träger von mittheilungen auf. vgl. friesisch trouwa, trauen, glauben Richthofen 1094; trauen, vermuten Schöpf Tirol. idiot. 752.
α)
voran stehen auch hier objectsätze.
1))
hierher gehören einige gotische beispiele, in denen die deutschen übersetzungen später andere synonyma einsetzen: gaþ-þantraua (für aþþan gatraua) þatei jah in þus. Ulfilas 2 Timoth. 1, 5 (wan ich bin gewisz, das er auch ist in dir. cod. tepl., ebenso Luther); vait jag getraua in fraujin Jesua þatei ni vaiht gavamm þairh sik silbo. Römer 14, 14 (ich weis und bins gewis, in dem herrn Jhesu, das nichts gemein ist an jm selbs. Luther). ebenso:
hwat! thu mahtes gitrûôian wel,
witan that te wârun, that thi watares kraft
an themu sêwe innan, thînes siđes ni mahta
lagu-strôm gilettian.
Heliand 2953.
2))
in der bedeutung von 'die überzeugung gewinnen':
welda im thâr wundres filu,
têknô tôgean, that sie gitrûôdin thiu bet,
that he selƀo was sunu drohtines,
hêlag heƀan-kuning.
Heliand 3115;
of de herre ok nicht getrüwen ne wel dat dat kint to sinen jaren komen si, dat mut geweren dat kint uppen hilgen. Sachsenspiegel lehnrecht 26 § 3.
3))
in der bedeutung von 'vermuthen, meinen, sich dünken lassen':
herr wir tuond nüt an üch rechen,
wer hett es getrüwet
daʒ man als vil hett verbüwet
teufels netz 10746 Barack;
er höret niemant der im in antwort käm, und getrawet, er hiet genug gewartt. monum. boic. 3, 580 (ad 1460).
β)
solche satzinhalte werden auch gerne pronominal oder durch entsprechende substantiva verkörpert und im genetiv angeschlossen:
nu ik thes thinges gitrûôn,
werđe mi aftar thînun wordun, al sô is willeo sî,
hêrron mînes!
Heliand 285;
unde hette dich got nû her gesendet,
daz wêre mer innenclîche lieb,
ich nemach is doch getrûwen niet,
dune scheinis mir (offenbarst mir nicht) die wârheit.
könig Rother 2281;
dô sprach der herre Gîselher   'vil liebiu swester mîn,
wie mohte ih des getrouwen,   dô du mich über Rîn
so minneclîchen ladetes   her in ditze lant,
daʒ mir sô grôʒer kumber   solde werden hie bekant?
Nibelungen 322, 3 Zarncke;
daʒ ir mich der zühte müget vil gerne erlân,
sô wil ich ê minnen den ich versprochen hân.
ich wil daz künicrîche ze Ormanîe bouwen.
wird ich gewaltig immer, sô tuon ich des nieman mac getrouwen.
Kudrun 1285, 4;
er wart sô rehte milte, daʒ es nieman möhte wol getrouwen.
ebendort 165, 4;
hie stuont mîn vrou diu keiserin
.. eben wol geslihtet;
von ir schœne wære berihtet
drîzik lande vrouwen
des sult ir wol getrouwen.
Reinbot v. Durne heil. Georg 4440 Vetter.
in den pronominalen formen ist der casus hier nicht immer erkennbar und da andererseits von dem synonymen gelouben der accusativ des objectes nahe gerückt wurde, traten vermischungen der construction ein:
daz lâ dir ein zeichen wesen
unde sult ez (es?) wol getrûwen.
altes passional 157, 67.
aber noch zu ende des 14. jahrh. hält sich das demonstrativ im genetiv: du selber wirdest uns nit entrinnen, wie wenig du des ietzund getrawest. Ackermann aus Böhmen 14, 7.
γ)
auch personen werden herangezogen, als träger von mittheilungen und aussagen. sie fügen sich im dativ an, der vereinzelt auch die aussage selbst als ausgehend von personen einführt:
1))
sia ni weldun gitrûôian thuo noh
thes wiƀes wordon, that siu sulîk wil-spel brâhti
gegnungo fan themu godes suno.
Heliand 5946 (Cottonianus);
noh sie ne getrúeton sînemo geheîʒʒe (non crediderunt verbo ejus). Notker psalm 105 (sie gleubten sinem wort nicht. Luther psalm 106, 24);
ich wil al der werlte sweren ûf ir lîp:
den eit sol si wol vernemen:
sî mir ieman lieber, maget oder wîp,
diu helle müeʒe mir gezemen.
hât si nû deheine triuwe,
sô getrûwet si dem eide und entstêt mîns herzens riuwe.
Walther 74, 9 Lachmann.
2))
únde dáz kelóuben so wáz íh pefíndo fóne dír. wánda dú wîzego bíst .. tes wírdo íh kemánot mít tînero áhto. únde mít tînemo chóste. taz íh ándermo sô wôla negetrûee. Notker (Marcianus Capella) Hattemer 3, 283ᵇ;
sît sint mir die sinne
von leide nâch entwichen
und mîn freude erblichen,
daʒ ich einen biderben man
gefrâgen noch getrûwen kan, (mit ellipse des dativpronomens)
behalten noch verliesen,
gejehen noch verkiesen.
zweites büchlein Hartmanns v. Aue 370.
3))
meist sind neben dem persönlichen dativ die sächlichen objecte des vertrauens und glaubens besonders angegeben:
ir heiden mir getrûwet.
diz hûs ist gebûwet
mitten ûf daz hertze mîn.
Livländ. chron. 8255;
wie frô du nu bist, ovel hût,
mînes herten rouwen!
du macht mir des getrouwen:
mir es leit, dat ich dich ie gedrœch,
dat ich dich niet te dôde slœch.
H. v. Veldeke Eneide 13024 Behaghel;
si sol mir des getruwen wol,
solt' ich den kumber lange liden
unt die swære, die ich dol,
so mueste ich vröude mîden.
W. v. Heinzenburg minnes. 1, 304ᵃ Hagen;
er gienc vil trureclich herab
und sprach 'ey Nicolae,
wes sal ich dir getruwen me?
du hast die warheit verloren.'
passional 20, 7 Köpke;
der man ne sol niht sizzen an sines herrin antwerte ane sin orloup; doch muͦz er wol ligen durch crancheit, ob er daz uf den heiligen bewerit, ob ez ime sin herre nicht getruwin ne wil, daz in diu not dwinge zo ligene (sed cum debilitatur jaceat, et juramentum addat, si dominus credere nolit). Görlitzer lehnrecht II § 55 Homeyer; wilman ön des nicht ghetruwen. so maken se id war mit eres sylves hand. vp den hilghen (vill man ej betro dem det. nordische version). Visby stadtslag II, 19. Schlyter 8, 82;
ein fürsprech sei euch hie verlaubt
dem ir der sach getraut und glaubt.
fastnachtspiele 704, 20.
3)
den unter 2 behandelten optativischen und potentialen sonderbedeutungen steht die gröszere zahl von verwendungen gegenüber, die sich auf der breiten grundlage der allgemeineren bedeutung eines 'vertrauens' entwickeln. entscheidend ist hier, ob dieses vertrauen den geltungsbereich des subjectes überschreitet oder nicht. für den ersten fall wird das verbum socialer natur und greift vor allem in das gebiet des rechtes und der moral über.
a)
im vordergrunde steht für den socialen wirkungskreis des verbums die beziehung auf personen; diese stehen meist im persönlichen dativ. die bedeutung des verbums ist eine intensivere, wenn diese beziehung auf personen nicht durch die betonung eines bestimmten objectes, für das sie gilt, eingeschränkt wird.
α)
getrauen mit dem persönlichen dativ ohne weitere bestimmung. als zielpunkt des vertrauens tritt hier zunächst eine person in der ganzen geschlossenheit ihres wesens in den vordergrund; in bestimmtem zusammenhange jedoch machen sich einzelne züge an der persönlichkeit besonders bemerklich, und bei gewohnheitsmäsziger wiederholung schränkt sich die verbalbedeutung dann ein und schwächt sich ab. daran knüpfen sich versuche, die intensität der verbalbedeutung durch äuszere mittel wieder zu heben, und andererseits bewährt sich die ganze construction als eine beliebte form, die von personen auch auf sachen übertragen wird.
1))
die verbindung mit dem dativ der person unter den mannigfachen einflüssen des zusammenhangs auf die bedeutung des verbs. die allgemeinste bedeutung ist die von 'bauen auf jemand'; daneben steht die eingrenzung des vertrauens auf bestimmte durch den zusammenhang angedeutete fälle, und endlich schwächt sich die bedeutung ab, insofern die person nicht mit dem ganzen umfang ihrer eigenschaften herangezogen wird: getrauen in der bedeutung von jemandem trauen zieht nur die eigenschaften der treue und ehrlichkeit in betracht.
α))
der gote getrúwet .. den scírmet oûh got. Notker psalm 90 Hattemer 2, 329ᵇ;
Jacob si rafste
vil ernisthafte,
si heten ime ubile mite gevarn
daʒ si girochen hetin ir zorn,
sie heten ime florn sin ere,
ime ne getruwete nieman mere.
genesis fundgruben 2, 50;
er ist baide vater und chint,
er ist der hailige gaist dâ mítten inne.
er ist diu wâre gottes minne,
er ist unser zuͤversiht, er ist unser geloube.
alle di im getrowent,
der ist er angenge und ende.
kaiserchronik 11019 Schröder;
nu dâht er des, wie Parzivâl
wîben baʒ getrûwt dan gote.
Wolfram v. Eschenbach Parz. 370, 19;
swâ ein vrou unwîplich tæte,
wer möht der getrouwen? werden vrouwen
stât wol, daʒ sie güetlich güeten
unde ir êren hüeten.
U. v. Liechtenstein frauendienst 53. lied. Bechstein.
vgl. 2)) γ)); noch häufiger fügen sich solche ziele des vertrauens in präpositionalverbindungen an, vgl. 3)).
β))
und ziehet in ze êren   unz er werde man.
hât iu in den landen   iemen iht getân,
daʒ hilfet er iu rechen,   gewahset im sîn lîp.'
die rede hôrte ouch Kriemhilt,   des künic Etzelen wîp.
'im solden wol getrouwen   dise degene
gewüehse er ze manne':   sô sprach Hagene:
'doch ist der künic junge   sô veiclîch getân.
man sol mich sehen selten   ze hove nâh Ortliebe gân.'
Nibelungen 1855 Lachmann;
wem mag ich getrûwen wol
der mir der biren hüten sol.
Boner edelst. 98, 21.
γ))
des enmac nû niht gesîn:
eʒ enwil diu liebe frowe mîn.
sol ich mîner triuwe alsust engelten,
so ensol niemer man getrûwen ir.
sie vertrüege michels baʒ ein schelten
danne ein loben, daʒ geloubent mir.
Walther 112, 30 Lachmann;
si sprach 'swer iu getrûwet iht,
den sult ir gerne triegen niht.
ir traget doch einen gastes schilt.
Wolfram Parz. 250, 17;
wir (als koufliute) müeʒen dicke fremediu lant
heinlîchen unde bûwen
und enwiʒʒen, wem getrûwen,
wan man uns vil gewaltes tuot.
Gottfried v. Straszbueg Tristan 9534;
si sprach 'des setze ich iu ein phant:
ir sult mich haben bî der hant
vil vaste: daʒ erloube ich iu.
ir mügt wol sîn niht gar getriu,
sît ir mir niht getrûwen welt.
U. v. Liechtenstein frauend. 1263 Bechstein;
hab ich mit hilf und rat meiner herrn und freundt dise gegenwertigen handlung furgenommen, verhoffende, solliche durch hilf des allmechtigen, meiner herrn und freundt und euch, wie ich euch dann getrewen will, wider die von Werdenberg und menigclichen unser widerwertigen zu behalten. Zimmersche chronik 2, 45 Barack; der getrew, warhaft und frum sei, daran er sich gelassen und dem getrawen mug. Tucher baumeisterbuch 69, 35; daʒ den geystlichen nicht allweg ze glauben noch cze getrawen ist. Dekameron 470 Keller; im fürnam, dem alten man wölle er getrawen. 597, 36; die gesellen waren vnbedacht, getrawten ir (der Circe), giengen all hinein. Schaidenreiszer (1537) 42ᵇ; o glück, niemands auff erden dir getrawen soll. buch der liebe 245ᵃ; wo du es nicht thun wilt, so bin ich doch alles trostes von dir beraubet, dasz ich dir in ewigkeit nimmermehr getrauwen wil. 248ᵃ; getruen, confidere, fidem präbere. vocab. incip. h, vgl. Diefenbach 233ᶜ. 141ᵇ; getrauen, trauen, fidere, confidere; ich getraue dir nicht, non fido tibi Bayer pädag. lat. (1733) 288.
2))
als mittel, die abgeschwächte verbalbedeutung zu heben treten gradsteigernde partikeln auf. andere partikeln werden verwendet, um in beziehung auf mehrere personen verschiedene grade des vertrauens zum ausdruck zu bringen.
α))
daʒ wolde got, hêr Gêrnôt,   und meht eʒ ergân,
daʒ aller iwer wille   wære hie getân
und daʒ genesen wære   iwer friunde lîp!
jâ sol iu wol getrûwen   beidiu mîn tohter und mîn wîp.
Nibetungen 2124 Lachmann;
und bi im die cristen rote
zwifelten vil kleine an gote.
si getruweten im wol,
des was ir herze vreuden vol.
pass. 87, 30 Köpke;
ouch kom zuo in dâ
die enhalp der Trâ
den si getrûten wol.
Ottokar reimchr. 2107 Seemüller;
do er nun bischoff ward, do behielt er sy bey im und getrauwet jm und auch ir gar wol, wann sy was aines erberen wandels. Geiler v. Keisersberg has im pfeffer A a 5ᵈ; auch kein gedencken haben sye des (die Deutschen). dann sye getrawen einander wol, vnd leben in guͦter trew vnd glauben, frey vnd redlich, on allen trug vnd vntrew. U. v. Hutten (inspicientes 1520) 4, 287 Böcking (fidunt enim constanter mutuo);
got grüsze
dich wachter, merck vnd vernymm:
dörft ich nu wol getrawen dir,
ich wolt dir geren clagen.
Hätzlerin I, 11, 5.
β))
nemet zuisken scatz.
so getriuwet man iu deste baz.
ub ir den widere bringet.
den ir dannen fuortet
so ne zihet man iuch untriuwe noch irricheite.
Diutiska 3, 105.
γ))
'nu lôn iu got des willen,   vriunt, hêr Sîfrit.
daʒ ir sô willeclîchen   tuot des ich iu bit,
daʒ sol ich immer dienen,   als ich von rehte sol.
für alle mîne vriunde   getrouwe ich iu wol.
Nibelungen 853, 4 Lachmann. vgl. 1)) α));
Occursius, gedenke,
daʒ dû wær des kaiser schenke,
unz er mich dir enphalch.
für Tiutsche und für Walch
getrût er niemen denn dir ein.
Ottokar reimchr. 659 Seemüller;
yn deme her em befolen hette gelt czu heben von Hanns Kürschner, das her demselben Johannes Rockenberge bas getrawit wenne Hans Kürschner. Magdeb. fragen 242 Behrend; dann so man dem nichts vertrawen soll, der im geringsten vntrew ist, viel weniger mus man dem getrawen, der im grösten vntreu erfunden wirt. E. Alberus widder Jörg Witzeln mammeluken B 5ᵃ.
3))
präpositionalverbindungen knüpfen in erster linie an die unter 1)) α)) behandelte bedeutung an: hwilom gatrueta in desan unarsterbantiun. hwilom forahta ni er arsturbi, modo immortalem confitetur, modo timet ne moriatur. Monseer fragmente Hench 39, 2; her getruwet in got, bithiu erlosit her inan nu, ob her inan wili. Tatian 205, 3 (confidet in deum. Matth. 27, 43; er hat gott vertrawet, der erlöse jn nu. Luther; her getrûwit in gote. Beheims evangel.; er getrawet in got. Augsb. bibel von 1487; gotisch trauaida du guþa s. oben);
daʒ wart denn alsô verzert,
daʒ siʒ mit einander âʒen
mit gelîchen mâʒen:
swelcher an dem zil
het gevangen vil,
der aʒ doch nit mêr,
nur als der,
der dâ het gevangen niht,
mit sô gelîcher pflicht
solden noch wesen die
alle, die hie
daʒ ellent mit einander bûwent:
leider nû getrûwent
sie an einander kleine
und sint niht sô gemeine
als dise vogel ellende.
Ottokar reimchr. 96245;
dîne gnâde, herre, sî uber uns, alse wir getrûwen an dich. H. v. Fritslar d. mystiker 1, 117 Pfeiffer; an yn getruwen. Diefenbach-Wülcker 618; den genen de in eme getruwen. Schiller-Lübben 2, 90.
4))
übertragung der verbindungen des verbums mit dem dativ von personen auf andere träger des vertrauens: eine construction, wie sie das gotische zeigt (gatrauans uftrauseinai þeinai. Philem. 21; aus zuversicht deines gehorsams. Luther) steht sicher unter dem einflusz der vorlage, doch liegen andere übertragungen von anfang an nahe:
dô alsus gewurben
die von Arrogûn,
daʒ die Franzois niht getrûn
irn rossen begunden,
wand si des enphunden,
daʒ si kranc wârn.
Ottokar reimchr. 3784 Seemüller;
abir ob ein sterkir kuͦmet uber en und en ubirwindet, sô benimet her sîne wâpin allesament, in den her getrûwite und zuͦteilet sînen roub. Beheims evangel. Luc. 11, 22 (darauff er sich verlies. Luther); wenn ich meinem pferd getrauen dörfft, wir wolten ein schäntzlein wagen. buch der liebe 17ᵃ; weiln aber der constabel dem gestücke (geschütz), welches in etwas gefährlich schiene, nicht getraute. gepflückte finken 274.
β)
zum persönlichen dativ treten objectsbestimmungen.
1))
das object im genetiv gehört nur der älteren sprache an, in der übergangszeit zum neuhochdeutschen unterliegt es der formangleichung des genetivs an den accusativ. das verbum entfaltet hier zweierlei bedeutungen: traue zu und vertraue an.
α))
si sprach 'muoter ich getrûwe dir
und mînem vater her ze mir
aller der gnâden wol
der vater unde muoter sol
leisten ir kinde,
als ich eʒ wol bevinde
an iu allertegelich.'
Hartmann v. Aue armer Heinrich 663;
'nu lôn in got' sprach Sîfrit   'ich getrûwe in wol
triwen unde guotes   alsô man friunden sol.
Nibel. 691, 1 Lachmann;
an kunic Peters kinden
si wolden wesen stæte,
durch drô noch durch ræte
sô tætens nimmer anders niht.
si sanden boten algeriht
der kunigin von Arrogûn,
wes si ir mohten getrûn
von Cecili die herren:
sie wolden nimmer kêren
von ir sünen und von ir.
Ottokar reimchr. 4350 Seemüller;
wen ir getrûwet gûtes
uns brûdern allen glîche,
daʒ wiʒʒet sicherlîche,
wir entûn ûch keinen wanc.
livländ. chr. 2930;
Gâwân sprach zen kindelîn
'wol iu süeʒen mâge mîn!
mih dunket des, ir wolt mih klagn,
ob ich wære allhie erslagn.'
man moht in klage getrûwen wol;
si wârn halt sus in jâmers dol.
Wolfram v. Eschenbach Parz. 430, 9;
her Philippe was sô betrogen
und stæte darzuo bereit,
daʒ man im einer tôrheit
vil wol mohte getrouwen.
Ottokar reimchr. 10550 Seemüller.
β))
mit edelem gesteine   ladet man ir diu schrîn.
ir selber kamerære   dâ mite muoste sîn:
sine wold es niht getrouwen   dem Gîselheres man.
Gunther unde Hagne   darumbe lachen began.
Nibel. 489, 3;
zem jüngling sprach der bischof duͦ
'mich dunkt, du sist ze jung dar zuͦ.
ich getrûwe dir niht der biren wol,
eim andern ich si bevelhen sol.
Boner edelst. 28, 29;
ab eyn man vormunde kuset frunde adir fromde von bete wegen synen kinden, unde en der vormundeschafft getruwet. Magdeb. fragen 110 Behrend; ab ein man brieffe hette von eyme gehegeten dinge obir schult uff eynen man, und der man spreche, her hette die schuld vorgulden unde jeme getruwit des brieffs. 159;
ein fürsprech sei euch hie erlaupt,
dem ir der sach getraut und glaupt,
der euch auch tüglich sei und eben.
dem wil ich di laub geben,
das er ewr lob sol wol erzelen;
den schült ir ausz disen schöpfen welen.
fastnachtsp. 704, 20 Keller.
hier greifen die accusative reichlicher ein: durch das, auch ihr ungebührliches zusammenthun wider uns über ihre eid und pflicht, damit sie uns dazumal verstrickt gewesen, sind wir geursacht, ihnen unsere städte und schlösser auch nicht zu getrauen. herzog Albrecht von Baiern bei Krenner bair. landtagshandl. 10, 440; liebe Elsz, ich getrauwe dir lyb und gut dann ich hab dich vast lieb; dardurch magstu myn lieb wol spüren, das ich dir alle ding in dyn gewalt gib. de fide concub. 114, vgl. Zarncke deutsche univ. im mittelalter 91, 9.
2))
das object in der form eines substantivsatzes schlieszt sich in erster linie an das verbum in der bedeutung von einem zutrauen, von einem erwarten an; vielfach wird es neben dem verbum durch einen pronominalen genetiv oder eine präpositionalverbindung vertreten.
α))
gip süeʒe rede: sô getriuwet man dir niht
daʒ du ein valscheʒ herze habest ald bî dir won kein ungetriuwer
list.
Joh. v. Ringgenberg 213 Bartsch 380;
do sprach die vrouwe: ich getruwe gote,
das ich in gesehe.
veterbuch 41, 2 Palm;
ich bin des von herzen vrô,
daʒ ich die heiden sûchen sol.
ich getrûwe dem gûten gote sô wol,
daʒ wir uns an in rechen sô,
daʒ sie des nimmer werden vrô.
livländ. reimchr. 1372 L. Meyer;
Tristranten wil ich mit teilen leib, guͦt und was ich hab die weil und ich leb. vnd ich getraw dir, als meinem guten freund, du lassest dir das auch lieb sein. Tristr. u. Isalde 66, 10 Pfaff (Augsb. druck von 1498; im Wormser druck: versihe mich). auch hier macht der kanzleistil gern gebrauch von unserm verbum: so aber unser gnädiger herr sach, das im kain teiding ergeen mocht, die seinen gnaden und ainer landschaft mit eeren aufzunemen gewesen wär und sein landschaft von im abschaiden solt, was trüebsal er in seinem herzen gehabt hab, wär gar vast mit laid zu vernemen; doch redt sein gnad, er getrauet seiner landschaft und allen frumen, sie lieszen in sein eer lieber sein dan seinen kranken cörper. er redt auch ... es wär der marggraf des römischen künigs versprochner und gelobter diener. das höret er zumal gern und getrauet, er het geschworn und wär schuldig als ain fürst, der dem reich gelobt und geschworn het, desselben und alle gerechtigkeit beschirmen und handzuhaben. darauf getrauet er im, er lies in zu recht komen in dem küniglichen hof und im daselbst tag setzet. klagbrief und ausschreiben der bairischen landschaft von 1446 bei Aventin (chronik 8 cap. 126) 5, 581. vgl. unten.
β))
dû hætest wol versolt um mich
daʒ ich klagete über dich
allen den ich des getrûwe
daʒ sî mîn schade gerûwe.
erstes büchl. Hartmanns v. Aue 37;
du solt in biten des
daʒ erʒ durch mînen willen tuo
und manlîche grîfe zuo.
undern ölboumen bîme grabn
stênt siben ors: diu sol er habn,
und ander rîcheite vil.
ein koufman uns hie triegen wil:
bit in daʒ er daʒ wende.
ich getrûw des sîner hende,
si nemeʒ unvergolten.
Wolfram v. Eschenbach Parz. 361, 12 u. a.;
wol wil ich des getrûn
disen herren allen,
daʒ si mir iht enphallen.
Ottokar reimchr. 4180.
mit übergang in den accusativ:
gesiget ir dem heiden an
daʒ ich got getrûwe wol.
Wigalois 4195;
denn ich weis dem teufel vnd seinen aposteln das wol zu getrawen, wo sie können, meine wort verkeren, und darnach mit meinem namen, die leute verfüren, das sie es an guten willen niht feilen lassen. Luther (1533) 6, 107ᵇ Jena.
γ))
nur vereinzelt in der bedeutung von anvertrauen:
got unser herre im ouch lieʒ
genade an harte richer gift,
wand er hin nach der tugende stift
mit im wolde buwen,
und wold im des getruwen,
daʒ er sein volc leitte.
pass. 6, 42 Köpke.
δ))
präpositionalverbindungen des pronomens weisen auf satzinhalte hin, die den gegenstand des vertrauens zum ausdruck bringen: und ist daʒ er im wol dar zu getriuwet, und im sin herze ensliuʒet, und im sin heimeliche seit. Schwabenspiegel cap. 148 § 10 Gengler; ainer machet drei der ander 4 metzen kleien aus aim sümer, und ging wild zu, wann man must von in nemen waz sie gaben; man must in darüber getrawen, sie buchen in iren heusern, man kant kain ordenliche rechnung von in gehaben. ordnung der stadt Nürnberg im krieg gegen Albrecht von Brandenburg, d. städtechr. 2, 304, 26.
3))
an diese constructionen schlieszen sich wendungen und redensarten an, die durch gewohnheitsmäszigen gebrauch in bestimmtem zusammenhange einen theil ihrer satzglieder eingebüszt haben. in den weisthümern, die sich mit dem bannwein und weinverkauf beschäftigen, bleibt das hieraus sich ergebende object zu unserm verbum stets unausgedrückt; die construction neigt zu immer mehr sich steigernder kürze: noch sol nieman enkein wein verkouffen mit dem kleinen mesz in den sechs wuͦchen, wann an sanct Johanns abent von einer none zur andren. vnd sol ein gesesznen man getruwen vncz an v sch. szo der winban vsz kompt, darnach jn den siben nechsten sol er han vergolten. zwing und ban ze Bühel, weisth. 4, 126; einem gesessen man soll mahn getrewen, der eigen vnd erbe hatt, vierzechen nacht nach dem banne. Münster 1339 weisth. 4, 185; einem gesessen man sol man getruwen. Türkheim (ausgang des 14. jahrh.) weisth. 4, 207.
b)
die verbindung mit objecten, ohne dasz ein persönlicher dativ zur seite stände oder elliptisch voraus zu setzen wäre, ist hier seltener und litterarisch wenig belegt.
α)
mit genetiv des objectes:
sô der schade geschiht,
sô spricht man, ichn getrût sîn niht.
daʒ sie bedæhten ê den sin!
Getrûtsînniht reit den hengst hin.
S. Helbling 15, 510 ff. Seemüller.
die volksthümlicheren beispiele verwenden hier das verbum ohne präfix, vergl. Trûwesniht bei Freidank 116, 1, Trausnitz bei Schmeller² 1, 635.
β)
mit substantivsatz. eine entsprechende gotische construction ist hier von allen späteren übersetzungen verlassen worden: jabai hwas gatrauaiþ sik silban Christaus visan. 2 Corinth. 10, 7 verleszt sich jemand darauff, dasz er Christum angehöre. Luther; ob sich etlicher versicht. cod. tepl.; ob einer jm vertrauwet. Augsb. bib. v. 1487). sonst greift hier die kanzleisprache ein: über das ir bayd stüfft und gotshaus solcher irer gerechtigkait in stiller nuczlicher gewer gesessen sein länger dann landsrecht sey, getrawen sy der von Peyern sol gütlich daran geweist werden, sy und die iren .. ungeirt ze lassen. verhandl. mit dem stift Schlehdorf am Kochelsee 1455 monum. boic. 9, 42; darauf am jüngsten sein künigliche gnad ... rät daselbst hin gesant hat und alda aus den sachen geredt worden ist und wier dem tag nachgangen sein, das ietzo in dem monat januario gescheen ist .. im vierzehenhundert und sechsundvierzigsten jar. und laider sich der tag on ent entschlagen hat. getrauen wier, das kündig und wâr sei, das der brech noch haft nit an unserm gnädigen herren noch an seiner lantschaft gewesen sei, sunder an dem benanten marggraf. klagbrief und ausschreiben der bair. landschaft 1446 bei Aventin (chronik 8. cap. 126) 5, 580. die beispiele berühren sich theilweise auch mit den unter 'hoffen, glauben' oben besprochenen belegen: der glaub ist ein solcher grundt, dadurch ich erlang das ich nit syhe, und das das ich syhe, so ich glaub, wirt mir nitt schaden; ob ich nun gleich nicht syhe dann den todt, helle und das gericht gottes vor augen, so muͦssz ich doch der keins ansehen, sonder gentzlich getrawen, das mir gott in krafft seiner zuͦsagung, nit vsz meinem verdienst das leben, die seligkeit und gnad geben werd. Luther (von den sieben broten 1523) werke 12, 636, 16 Weimar.
4)
der geltungsbereich des verbums bleibt auf das subject eingeschränkt. aus dieser verwendung sprieszt einzig der noch heute lebende gebrauch des verbums, in der form der reflexivconstruction. auch die ältere sprache hatte das reflexivpronomen verwendet, wo die rückbeziehung auf das subject besonders betont werden sollte, in anderen fällen hatte die höhere stilform der sprache das reflexivpronomen nicht geliebt, vor allem nicht in der verbindung mit infinitiven, wo dieses in der heutigen schriftsprache eingetreten ist, in nachgiebigkeit gegen eine volksthümliche neigung überhaupt und gegen das streben nach deutlichkeit im besonderen.
a)
α)
quad her tho zi sumen thie dar in sih selben gitrúwetun. Tatian 118, 2 (qui in se confidebant. Luc. 18, 9; die sich selbs vermassen, das sie frum weren. Luther. spätere übersetzungen haben hier: die auf sich selbst vertrauten, sich verlieszen, zuversicht hatten u. a.);
ich wil in aber mere sagen,
wie der kunic von Bêheimlant
Ôsterrîch nâch sîner hant
riht und nâch sinem willen.
er lie sich nihts bevillen,
wand swes im wart ze muot,
daʒ dûht in alleʒ guot.
wes ouch im selp getrouwe
der kunic, der datz Pettouwe
geseʒʒen was mit hûse?
daʒ den herren ab im grûse,
daʒ was wol von schulden.
Ottokar reimchr. 6234 Seemüller. vgl. 3819 u. a.;
ach frau, das ist mein zucker nar
und süesst mir alle mein gelid,
seyd dû mir halst günstlichen frid
getrau mir sicherlîchen zwar.
Wolkenstein 65, 3, 14 Weber;
ich hân der buoche gelesen
in der mâʒe und alse vil,
daʒ ich mir wol getrûwen wil
ich gediene iu wol ze danke an ir.
Gottfr. v. Straszburg Trist. 7876 Bechstein;
getrauen, sich unterstehen, audere; ich getraue mir das nicht, non ausim hoc. Bayer pädag. lat. (1733) 288.
β)
er sprach 'ditz sol sich scheiden
unser eime ode uns beiden
nâch schaden und nâch schanden.
ich getrûwes mînen handen
daʒ ich sîn drô genidere.
Hartmann v. Aue Iwein 4982;
mage und bruoder ich hie hân
bîme künege von Bretâne vil:
iwer keinem ich gestaten wil
daʒ er für mich vehte.
ich getrûwe des mîm rehte,
süles gelücke walden,
ich müge'n prîs behalden.
Wolfram v. Eschenbach Parz. 701, 26;
man solt sie aber recht leren, das sie einen gottfürchtigten willen hetten vnd auff jren willen vnd meinung gar nichts getrawen. Luther 1, 79ᵇ Jena (auslegung des vaterunsers 19).
b)
die verbindung mit dem infinitiv, ohne dasz die rückbeziehung auf das subject angedeutet würde.
α)
in der mittelhochdeutschen dichtung:
was sol dirr ungevüeger schal,
daʒ dirre hof über al
durch einen man wil rîten?
ich getrüw im wol gestrîten:
ich eine bin im ein her.
Hartmann v. Aue Iwein 4666;
wil mir jeman sîne fröide borgen,
daʒ i'm ein ander wider gebe?
die vind ich vil schiere ich weiʒ wol wâ:
wan ich lieʒ ir wunder dâ;
der ich vil wol mit sinnen
getriuwe ein teil gewinnen.
Walther 115, 13 Lachmann;
jedoch getruwen ich eʒ machen
mit bewærten sachen.
handschr. W zu Reinbots v. Dürne heil. Georg 57. vgl. Vetter.
β)
im 16. und 17. jahrh.: die christen sind solche narren vnd verzagte schelmen, die sich fur gott so seer fürchten, jre sunde vnd seinen zorn so hoch achten, das sie fur seiner göttlichen maiestet augen nicht getrawen zu erscheinen on einen mittler oder mesia. Luther von den jüden (1543) lijᵃ; ist mir recht, so hab ich einmal hören sagen, es sey einer so kunstreich geweset, das er das gantz mör auszgesoffen hab. da sprach Xanthus: das ist ein schlecht kunst, ich getraws auch zu thun. Erasmus Alberus fabeln 19 neudruck;
derwegen las die stadtlich bawn,
die es ohn schuld zu thun getrawn,
darzu gros ansehn ampt vnd gabn,
vnd einen vollen beutel habn.
B. Ringwaldt die lauter warheit 40;
doch welcher gemeinder sein vieh den ganzen herbst auf seinen eignen gütern getraut zu haben, andern leuten vor allen schaden, der mag wohl allein ätzen. dorfrechte von Ischgl (pfantordnung von 1569) österr. weisth. 3, 194; vnd weil Ambiodorise so einen mächtigen feinde .. nicht getrawete wiederstand zu thun .. nahm er die entschlieszung dem euszersten vbel .. zu entrinnen. Opitz Argenis 2, 368; was manches fürsten oder herren rath nicht sagen wird noch wil, was der hoffprediger zu sagen nicht getrauet. J. B. Schupp (von der einbildung) 555; wan sie (die gläubiger) das was sie schwerlich zu erhalten getraut, erlangen werden. ebendort 702 (kunst, reich zu werden); übrigens ist mit dem, was man zu leisten getraut, nicht zurücke zu halten, noch sich zur unzeit dadurch gros zu machen. Butschky Patmos 331; die (verrichtungen) so wir zu vollführen getrauen, die mögen wir wohl auff uns nehmen. ebendort 12; das du dich ihrer zu erwehren fast nicht getrauest. hohe kanzelley 721;
disz (die buchdruckerkunst) ist ein wunder-fund und höchstes meisterstuck,
das eyner in der eill sovil buchstaben truck,
als unser tausend sonst zu schreiben nicht getrauten.
Rompler v. Löwenhalt reimgedichte (1647) 51;
es hats das meer voll schrecken angeschauet,
dem Ocean hat in der flucht gegrauet,
des Jordans macht
hat vor der pracht
des höchsten fort zu flieszen nicht getrauet.
A. Gryphius (übersetz. des 114. psalms) 2, 260 (1698);
welche aber wider die tapfern Pannonier wenig denckwürdiges ausrichteten, als dasz sie weit und breit Pannonien einäscherten, umb die, welche sie mit waffen zu überwinden nicht getraueten, durch hunger zu zähmen. Lohenstein Armin 1, 463 (1731); denn ich lase mir zweyhundert des schwimmens erfahrne Deutschen aus; iedem gab ich ein grabscheit, ein holtz oder bret, welches sie mit über den flusz zu bringen getrauten. 1, 465; machts aber so grob, dasz der müller selbsten solches nicht zu verantworten getrauet. Becher närrische weisheit (1686) 169.
γ)
bei den schriftstellern des 18. jahrh. schwankt der gebrauch; bei einem und demselben stilisten wechselt das verbum mit und ohne reflexiv. es läszt sich nicht verkennen, dasz die feineren stilisten von dieser freiheit einer übergangsperiode für ihre zwecke gebrauch machen: nun aber lasset uns den zweiten fall setzen, dasz der griechische schauspieler mit aller seiner skävopoeie und deklamation das geschrei und die verzuckungen des schmerzes nicht bis zur illusion bringen könne (etwas, das herr Lessing nicht zu behaupten getraut). Herder (kritische wälder 1, 67) 3, 47 Weimar; seine eigenen goldbergwerke hat Sina untersagt, weil er aus gefühl seiner schwäche sie nicht zu nutzen getraute. 5, 53; müszigang .. ist die quelle jener gefährlichen leidenschaft, die (ich getraue es allgemein zu behaupten) sich noch niemals einer wahrhaftig männlichen starken seele bemächtigt hat. G. C. Lichtenberg 1, 300; Wilhelm, der als nächster aspirant gleichfalls berufen wurde, fand vor dem sitze, den man ihm anwies, auf einem saubern brette, reinlich zugedeckt, eine bedenkliche aufgabe; denn als er die hülle wegnahm lag der schönste weibliche arm zu erblicken, der sich wohl jemals um den hals eines jünglings geschlungen hatte. er hielt sein besteck in der hand und getraute sich nicht es zu eröffnen, er stand und getraute nicht niederzusitzen. der widerwille dieses herrliche naturereignisz noch weiter zu entstellen stritt mit der anforderung, welche der wissensbegierige mann an sich zu machen hat und welcher sämmtliche umhersitzende genüge leisteten. Göthe (W. Meisters wanderjahre 3, 3) 23, 26;
mönch: vereine die zerstreuten um dich her,
verbinde sie einander, alle dir;
erschaffe, was du hier verlieren sollst,
dir stamm und vaterland und fürstenthum.
Eugenie: getrautest du zu thun, was du gebietest?
mönch: ich that's! als jungen mann entführte schon
zu wilden stämmen mich der geist hinüber.
Göthe (natürl. tochter 5, 7) 9, 377;
so ist in der entwicklungsgeschichte des hähnchens aus dem ei .. nicht etwa ein einzeln aufgegriffener gedanke, eine abgesonderte bemerkung vorgelegt; das dargestellte flieszt vielmehr aus der idee und gibt uns erfahrungsbelege zu dem was wir mit dem höchsten begriff kaum zu erfassen getrauen. Göthe (osteologie) 55, 281; und es würde die frage seyn wie bald sie so eine arbeit zu liefern getrauten? und ob man sie gleich mit dem fünften bande ins publikum schicken könnte? dasz ihre komposition gleich auf allen theatern fusz faszte, denn ich glaube Egmont wird gleich gespielt werden. Göthe (an Kayser 1787) briefe 8, 244.
c)
das reflexivpronomen beim infinitiv.
α)
vereinzelt begegnet es schon in der ältesten übersetzerprosa, doch hier in anlehnung an lateinische constructionen des accusativs cum infinitiv: in des willun er sich gatrueta magan daz einiges mannes unfesti fleisc nimahta, cujus voluntate credidit se posse quod nulla infirmitas humana possit. Monseer fragm. 39, 23 Hench. in der neueren sprache tritt das reflexivpronomen als ausdrucksmittel einer schon durch den zusammenhang angedeuteten und nahe gelegten beziehung auf, zuerst in der zwangloseren und der dem täglichen leben nahe stehenden prosa, seit dem 18. jh. auch in der gehobenen sprache. Lessing, Wieland und Schiller bedienen sich ausschlieszlich dieser construction; Herder vorzugsweise, bei Göthe halten sich älterer und jüngerer sprachgebrauch die wage. das 19. jahrh. kennt nur die verbindung mit dem reflexivpronomen.
1))
da ein partei selbst ihr notturft vorzubringen ihr nicht getrauet und aines rödner betirftig, solle derselben alsobalten unwaigerlichen .. einer .. verschaft werden. Weiz (17. jahrh.) österr. weisth. 6, 194; ich habe gehört, sie wollen heute magister machen, ich musz flugs lauffen und meinen Damascen mantel holen, ob ich noch mit darzu kommen könnte, ich getraue mir noch alle dazu zu kommen, es gibt eben so wol auch narren unter den magistern. Schoch (komödie vom studentenleben) 94, 12 Fabricius; getrauen, sich getrauen etwas zu thun, affidarsi di far qualche cosa; izo getraue ich mir nicht, adesso diffiderei, mi sfidarei di Castelli (1700) 139; sich getrauen, s'assurer, être seur; ich getraue mich das auszurichten, je suis seur de venir à bout de cela; er getrauet sich nicht, öffentlich zu reden, il n'a pas l'assurance (la hardiesse) de parler en public Rondeau-Buxtorff 253ᵃ; getrauen, to dare something (sich etwas). Arnold deutsch-engl. wb. (1761) 1, 178. über die wechselnde bedeutung des verbums in diesen verbindungen vgl. β.
2))
wo ich nicht tugend seh, da seh ich keinen held.
getraust du dich dein blut von helden herzuleiten;
so zeig auch gleiche glut, wie sie zu ihren zeiten.
Canitz (satyr. u. übers.) ged. (1734) 277 für 'si vous étes sorti de ces Heros' (5. satire Boileaus);
ja ich getraue mir zu beweisen, dasz man zuweilen glaubt, man glaube etwas, und glaubt es doch nicht. G. C. Lichtenberg 1, 211; und also, fragt Menexenus den Socrates, getrauest du dich wohl diese rede selbst zu halten? warum nicht? erwiedert Sokrates. Lessing (Sophokles I) werke³ 8, 310 u. a. vgl. γ, 1)); wenn ich kunstrichter wäre, wenn ich mir getraute, das kunstrichterschild aushengen zu können: so würde meine tonleiter diese sein. Lessing (antiquar. briefe 57) 10, 437 u. a. vgl. γ, 2)); aber das getraue ich mir nicht zu sagen, was der zuletzt angeführte recensent predigt: 'wo die einbildungskraft so geschäftig ist, da ist ganz gewisz das herz leer, kalt!' Herder (über die deutsche litteratur 1766 ff.) 1, 526. ebenso 2, 81 u. a.; betende, die lasterhafteste unter den menschen sind, die sich kaum vor das auge eines ehrlichen mannes ohne abscheu zu wagen getrauen. Herder (über das gebet 1768) 31, 73; wenn diesz der fall war worin er sich befand, so getrauen wir uns zu behaupten, dasz ihm diese gleichgültigkeit .. mit keinem recht übel ausgedeutet werden könne. Wieland (gedanken über eine alte aufschrift 1772) 13, 214 u. a.; ihr steht bestürzt? ihr seht vor euch nieder? ihr getraut euch kaum mich von der seite anzublicken? wendet euer gesicht zu mir, seht mir freudig und zutraulich in die augen, werft alle furcht weg und erhebt euer herz. Göthe (Grosz-Cophta 3, 9) 14, 195;
raubt der könig ja selbst so gut als einer, wir wissen's;
was er selber nicht nimmt, das läszt er bären und wölfe
holen und glaubt, es geschähe mit recht. da findet sich keiner,
der sich getraut ihm die wahrheit zu sagen, so weit hinein ist es
böse, kein beichtiger, kein caplan; sie schweigen! warum das?
sie genieszen es mit, und wär' nur ein rock zu gewinnen.
Göthe (Reineke Fuchs) 40, 132;
und getrauten sie sich wol sein bildnis unter diesen gemälden zu erkennen? Schiller (räuber 4, 2) 2, 130;
ein armer
wildheuer, guter herr, vom Rigiberge,
der überm abgrund weg das freie gras
abmähet von den schroffen felsenwänden,
wohin das vieh sich nicht getraut zu steigen.
Schiller (Tell 4, 3) 14, 397 u. a.;
dasz aber drittens derselbe von dieser zeit an dem büblein feind gewesen sey, und es miszhandelt habe, das liegt neben draus, und zwar links, und getraut sich nicht mit der wahrheit zu bestehen. Hebel (eine gerechtigkeit) 8, 209;
zaghaft seid ihr; eure rede ziemet
einem weibe sich, nicht einem manne:
faszt ein herz, getrauet euch zu schneiden,
ich, ein weib, getraue mich zu dulden.
Chamisso (der arme Heinrich) 6, 254;
gewonnen gut ist böse zu verlassen.
dies mein begehren: gieb das hütlein mir,
und ich getraue mir mit ihm den seckel
noch wieder zu erwerben.
Fortunati glückseckel und wunschhütlein litteraturdenkm. n. f. 4, 38.
β)
die bedeutung des verbums ist mannigfaltig und wechselt je nach den infinitiven, mit denen es sich verbindet. im ganzen lassen sich drei gruppen unterscheiden je nach dem grade der intensität, die der grundbedeutung gewahrt bleibt.
1))
sich die möglichkeit zutrauen, etwas zu thun: ob ich mich wohl getraue, einen recht artigen liebesbrief in versen aufzusetzen, den ein verschämtes junges mädchen an einen jüngling schriebe, um ihre neigung zu offenbaren. Göthe (dichtung und wahrheit 5) 19, 263 u. a.;
und gewisz
verdienten jene nicht das kleinste lob,
die sich getrauten aus der Griechen fusztritt
herauszutreten, vaterländ'sche thaten
zu singen und im lust und trauerspiel
uns römische personen vorzuführen.
Wieland Horaz briefe 2, 237;
aber den gondolier hat er sich doch gemerkt, um diesen wenigstens wieder zu erkennen? den gondolier getraut er sich ausfindig zu machen; doch ist es keiner von denen, mit denen er verkehr hat. Schiller (geisterseher) 4, 322; ich erkläre, dasz ich jeden der auf dem kleinen theater zu Würzburg von mir angetroffenen sänger und sängerinnen für eine vorzügliche dramatische aufführung gut zu verwenden mich getraue, sobald mir diesz in einer ihren anlagen entsprechenden weise und unter richtiger anleitung auszuführen gestattet sein würde. R. Wagner 9², 275.
2))
den muth haben, etwas zu thun: beim herausgehen getraute ich mich nicht sie anzureden, noch weniger sie zu begleiten. Göthe (dichtung und wahrheit 5) 19, 267 u. a.; und je länger man gegenstände betrachtet desto weniger getraut man sich etwas allgemeines darüber zu sagen. briefe 8, 292; die freie natur der griechischen sprache und poesie getraute sich kühn auch in das derbe element zu greifen; der römischen war eine engere schranke gesetzt. J. Grimm einl. zu theil 1 s. 33.
3))
in verbindung mit verbis dicendi verblaszt die grundbedeutung fast ganz, sie sinkt zur bloszen umschreibung herab: ich getraue mich zu behaupten, dasz dieser fortgang der griechischen poesie, der die grundlinie zur geschichte derselben seyn musz, ziemlich genau zu entwerfen wäre. Herder (über die neuere deutsche litteratur, fragmente 1768) 2, 81 u. a.
γ)
die vieldeutigkeit einzelner reflexivformen (sich, uns, euch) hatte schon früh eine unsicherheit im gebrauche des casus zur folge, die zum vorschein kam, wenn ein pronomen einzusetzen war, das für dativ und accusativ verschiedene formen darbot (mir, mich, dir, dich). die beispiele des 17. jahrh. weisen nur den dativ auf, den auch Adelung 2, 637 mit recht fordert, ohne ihn jedoch natürlich gegen den schwankenden sprachgebrauch durchsetzen zu können. Lessing, Herder, Chamisso schwanken zwischen beiden formen; Göthe gebraucht in allen unbestrittenen fällen den accusativ, Wieland, Schiller den dativ, der auch noch heute bei oberdeutschen schriftstellern vorherrscht.
1))
der accusativ ist zuerst bei Canitz belegt, vgl. α, 2)); er erscheint sodann bei Lessing: ich sage: man urtheile selbst. ich für mein theil getraue mich nicht zu urtheilen. (zur geschichte und litteratur 2) werke³ 12, 107 (s. oben); ich getraue mich zu sagen, dasz da wenigen einzelnen Griechen ihr wahrer standpunkt kaum abgemerkt worden, da man ihre geschichtschreiber .. nicht immer auf der stelle lieset, auf welcher sie schrieben. Herder (über die neuere deutsche litteratur, fragmente) 2, 115; nichts desto weniger getraue ich mich zu behaupten, dasz, wenn es jemand einfiele, sich bei der frage etwas zu verweilen .. er alle diese vielwisser in die beschwerlichste verlegenheit setzen würde. Kant (träume eines geistersehers 1, 1) vermischte schriften (1799) 2, 252; auch du würdest nicht zu niedergeschlagen gewesen seyn; auch dir würde mehr stärke gegeben worden seyn, als du zu hoffen dich getraut hättest. Klopstock (hinterlassene schriften von Margareta Klopstock) 11, 142; wuszt' ich ihn unter den zuhörern, so getraute ich mich nicht, mit der ganzen gewalt zu sprechen, eben als wenn ich ihm meine liebe, mein lob nicht geradezu in's gesicht aufdringen wollte; war er abwesend, dann hatte ich freies spiel, ich that mein bestes. Göthe (W. Meisters lehrjahre 4, 16) 19, 106. ebenso 19, 263. 267; ich bin ohnediesz schon ein isoliertes wesen und mit diesem volcke hab ich gar nichts gemein. doch getraute ich mich als künstler hier zu leben, wenn ich nur einige meiner freunde hierher versetzen könnte. Göthe (aus Rom 1787) br. 8, 250; sie lächelte, indem sie mich ansah, aber ich getraute mich nicht vor den andern etwas zu erwähnen. ebendort 284; und, sey es nur gestanden; das was mich so lange ganz umfangen, meine existenz getragen hatte, blieb auch jetzt das unentbehrliche element, aus dessen gränzen zu treten ich mich nicht getraute. (dichtung und wahrheit 19) 48, 132;
am jüngsten tag, vor gottes thron,
stand endlich held Napoleon.
der teufel hielt ein groszes register
gegen denselben und seine geschwister.
.. gott vater, oder gott der sohn
einer von beiden sprach vom thron,
.. getraust du dich ihn anzugreifen,
so magst du ihn nach der hölle schleifen.
Göthe 47, 226;
mönch: wofern einer von euch ein inneres hindernisz weisz, weshalb ihr nicht verbunden werden dürfet .. wiszt ihr eines graf? Leonato: ich getraue mich, für ihn zu antworten: keines. Schlegel viel lärmen um nichts 4, 1. zu Chamisso vgl. oben (II, 4, c) sp. 4441.
2))
der dativ: auch so getraue ich mir die wege gottes mit ihm zu rechtfertigen. Lessing 10, 27; überhaupt getraue ich mir zu sagen, dasz schwerlich noch ein anderes land in der welt ist, wo man die glückseligkeit unter einem baume zu liegen und von nichtsthun auszuruhen, in einem höheren grad genösse. Wieland (gedanken über eine alte aufschrift 1772) 13, 188. zu Herder vgl. oben (II, 4, c) sp. 4441;
da sprach der vogt zu mir: Tell, wenn du dirs
getrautest, uns zu helfen aus dem sturm,
so möcht' ich dich der bande wohl entled'gen.
ich aber sprach: ja, herr, mit gottes hülfe
getrau ich mir's und helf uns wohl hiedannen.
Schiller (Tell 4, 1) 14, 375 u. a.;
wenn mir aber ihro exzellenz, sagte er zu dem verwalter, einen berittenen mitgeben wollen, so getraue ich mir den vagabunden noch einzufangen. Hebel (erzähl. des rheinl. hausfr.) 3, 267; doch getraue ich mir in einem punct, über welchen hinaus das gleichnis alsbald hinken würde, sie (die akademien) mit einer richtung des kirchlichen lebens selbst zu vergleichen. J. Grimm (schule, universität, akademie) kl. schriften 1, 243; mit den gründen, die man wider den deutschen und nordischen götterglauben ersonnen hat, getraue ich mir das ganze christlich gewordene Europa überhaupt von aller mythologie zu säubern, ja selbst die classische anzufechten. (zur deutschen mythol.) kl. schriften 5, 198 u. a.
δ)
auszer der infinitivform des objects weist die neuere sprache neben dem reflexivpronomen nur wenig andere verbindungen auf.
1))
durch ellipse innerhalb eines bestimmten zusammenhangs im einzelnen falle oder infolge gewohnheitsmäsziger voraussetzung eines solchen im allgemeinen entstehen formen wie:
α))
Leonato: ich getraue mich, für ihn zu antworten: keines. Claudio: o was sich die menschen nicht alles getrauen! was sie alles thun! was sie täglich thun, und wissen nicht, was sie thun. Schlegel viel lärmen um nichts 4, 1; hier (in Corvey) hatte er (Anskar) drei jahre gelehrt und gepredigt, als ihm vom mutterkloster der antrag kam, wenn er sich so viel getraue, den neugetauften dänenkönig Harald in sein reich zu begleiten, einen solchen mann wünsche der kaiser, niemand habe sich gefunden. Dahlmann dänische geschichte 1, 38.
β))
er getraut sich nicht weiter (zu gehen) als er den schornstein rauchen sieht. Köthensches sprüchwort bei Wander 1, 1640; ich getraute mich nicht zum fenster, denn da drauszen sah ich nichts, als abscheuliche gesichter und geballte fäuste. Zschokke (Addrich im Moos) nov. u. dicht. 4, 21; vergl. die redensarten wie er getraut sich nicht über die schwelle, getraut sich nicht auf's eis u. a.
2))
nur der poetischen sprache gehört in dieser verbindung das genetivobject an, das in der älteren litteratur in anderem zusammenhange so zahlreich zu belegen war:
die schiffarth nach Korinth ist keine sache
für jedermann. wer des versuchs sich nicht
getraut, bleibt, wo er ist. und thut sehr wohl
daran: doch wer's einmal gewagt, und ist
nun glücklich angeländet, hat sich der
nicht als ein mann gehalten?
Wieland Horazens briefe (I, 17, 37) 1, 244;
schnell überfiel sie dann ein wunderbares grauen;
sie schlichen leise sich davon,
und keiner wollte sich der probe mehr getrauen.
Wieland (Oberon 8) 23, 112;
es kostet unendlich mehr, das böse, dessen man sich gegen einen abwesenden feind wohl getrauen mag, ihm ins angesicht zuzufügen. Schiller (abfall der Niederlande I) 7, 18.
ε)
die entwicklung der neuesten sprache drängt die einzige noch übrige verwendung, die verbindung des reflexivpronomens mit dem infinitiv, in die gewählte sprache ab, während das einfache trauen in der zwanglosen sprache des mündlichen verkehrs die meisten alten verwendungen aufzeigt; doch vergl. sich getruggen bei Woeste wörterb. der westphäl. mundart 78. als redensart ist die verbindung mit verbis dicendi (ich getraue mir zu sagen, zu behaupten) so ziemlich wieder untergegangen, während sie in der vollen bedeutung noch heute üblich ist: und that, als ob sie es dem vater nicht zu sagen sich getraue. Buck einl. zu seinen oberschwäb. gedichten s. 52. überhaupt haben sich hier mehr die intensiveren bedeutungen des verbums erhalten: ich getraue mir, damit zu stande zu kommen, I am sure, I shall bring it about Hilpert 2, 460ᶜ; getrauen sich, think oneself capable Eitzen wb. der handelsspr. 317; getrauen sie sich, ihm das zu sagen, have you the boldnesz, dare you, to tell him so Hilpert 2, 460ᶜ; getrauen sich, to undertake, to venture, dare Eitzen 317.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1897), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4429, Z. 14.

getrauen, n.

getrauen, n.,
substantivierter infinitiv zum vorigen; er tritt im 14. jahrh. auf und wird bei Luther, über dessen sprache er noch hinausreicht, von dem substantivierten infinitiv von vertrauen durchkreuzt, welch letzterer unserer heutigen sprache eigen ist, während unser wort nur noch versteckt in wenigen verwendungen des substantivs trauen (s. d.) vorliegt. unter den verwendungen unseres wortes treten zwei gruppen hervor, die zugleich die bedürfnisse bloszlegen, aus denen die substantivierung des infinitivs gefördert worden war. präpositionalverbindungen kennzeichnen das bestreben, einen theil der oben behandelten verwendungen von getrauen in redensarten überzuführen, in denen substantivbildungen wie treue u. a. (triuwe, getrûwunge) vorlagen. andererseits machte sich bei fortschreitender verblassung der bedeutung des verbums für fälle, wie sie oben unter II, 3, a, α, 1)) sp. 4433 besprochen worden, das bedürfnis nach umschreibungen geltend; hier tritt wie auch sonst in ähnlichen fällen üblich, der infinitiv als subject resp. object zu dem hilfsverb 'sein' und 'haben'. in diese gruppe greift aus bairischen belegen auch das masculinum getrauen ein, dem noch heute in der bairischen mundart ein masculinum trauen zur seite steht, vgl. Schmeller² 1, 636. der sonstige gebrauch des infinitivs als eines substantivs ist secundär entwickelt und vereinzelt.
1)
α)
da redt der fürst füro: Tetzel du bist mein lehenmann, nu wil ich in hohem getrawen mit dir also reden, würden die sache, als du vernemen wurdest, furgang nemen, so wil ichs geredt haben; wer das nit furgang neme, so wil ichs nit geredt haben. d. städtechr. 2, 527; er hab dem von Ebenheim die pfarre zu sand Lorentzen gelihen in gutem getrawen, er wurde seinen gnaden darnach damit willfaren. 1, 458; hett ich dich leichtvertigklich lieb vnd nit ausz gantzem hertzen vnd getrauen? A. v. Eyb (Philogenia) 2, 127 Herrmann.
β)
sy sprach: vf ëwr getrawn
wag ich leib, er und guͦt,
gantz will ich vff eüch pawen.
Hätzlerin I, 11, 59;
darumb rait Wilwolt zu Otten von Aufsesz und sagt: 'freundlicher schwager, .. bit dich, du wöllest uns nit schandlich niderligen, sonder in dein schlos einladen.' Ot antwort: 'wer auf getrauen zu mir fleucht, wirt auch glauben finden.' Wilwolt v. Schaumburg 58;
der frum here von Guttenstein
meint, er wer bei inen dahein
und reit zu in in getrauen:
das hat in ser gerauen.
Liliencron hist. volksl. 2, 359, 18;
so dich soliches guͦt bedunckt, byn ich alletzeit berait vnd will thuͦn, was du wilt. ich befilch mich vnd mein leben in deinen schirme vnd getrawen. schaff mit mir, was du wilt. ich sag dir nochmales, was du gebeutest, sol sein, ob es halt unrecht wäre. A. v. Eyb (Philog.) 2, 137 Herrmann; auff guten glauben vnd getrawen. Luther Eisleb. 1, 333ᵃ.
2)
α)
und wann wir nu in gantzem getrawen und zuversicht seind, das ewrer erberkeyt solch und ander raubrey und übeltat nicht lip, sunder gantz miszfellig sein. sendschreiben der stadt Nürnberg 1444 d. städtechr. 2, 73; und sind auch dessen zu euch in unzweifentlichen ganzen guten getrauen, dasz ihr dessen gar keinen gefallen hättet, wo wir uns also ganz und blosz von euch scheiden und theilen lieszen. bairische landtagshandlungen Krenner 5, 154; nachdem wir auf verschreibung von ew. lieb secretirt in zweifentlichen getrauen gewest sind, dasz auf den vorgedachten tag zu Regensburg ew. lieb und wir ... gütlich vertragen worden wären, wo ew. lieb dahin gekommen wäre. schreiben der herzoge Albrecht und Wolfgang an ihren bruder herzog Sigmund von München 1466 Krenner 5, 125. vergl. sind wir im hohen vertrauen, sie werden. 5, 127; also umb das stuck hat Engelharten der rat sagen lassen, sie seien alweg in gutem getruwen gegen im gewesen und noch sein und wollen in der sach fur sein person on eyde wol verwissen. verhandlung des raths zu Nürnberg 1444 d. städtechr. 2, 75.
β)
1))
nu haben wir ... nach rat unser amptläwt und hauszgenozzen, und undersazzen, und ander erber läwt wider einen andern vogt erwelt und genomen, do wir ein besunder getrawen zu haben nu hinfür dem lieben herrn sand Petern und seinem gotzhaus und uns, den weisen vesten her Caspern den Torer. Beuerberg 1412 monum. boic. 6, 446; und so nu ein rat ein gut getrawen zu den von Streitperg alweg gehabt und auch noch haben. ebendort 2, 76; item so etliche geschicht geschahen, also daz wir ob oder vnter lagen, so schreib wir denn von stund an daz den fürsten und herrn und steten, zu den wir ein gut getrawen hetten, also daz man des ein warheit west. schreiben von Nürnberg im krieg gegen Albrecht von Brandenburg, d. städtechr. 2, 338; so künnen noch mügen wir dhein getrawen zu unserm herren künig Wentzlawen niht gehaben, daz er die sache zu dheinem guten end bringe. anerkennung könig Ruprechts in Nürnberg, d. städtechr. 1, 201; und Jhêsus antworte und sprach zcuͦ ime: 'habit getrûwen gotis'. Beheims evang. Marc. 11, 22 (habt glauben an gott. Luther); o guden ridder Christi, hebbet getruwen in gode vnde in der mogentheit syner cracht. br. d. Eus. 37 Schiller-Lübben 2, 90; es was ein edelman der hiesz Theoprobus der sych geclärt het von manung des selben vatters Benedictus der durch seines lebens willen ein grosz getrauen (im druck getramen) der heylicheit bey im het. dialog. sancti Gregorii (1746) II, cap. 17; und liesze in taufen vnd nant in Peter, aller seiner gescheft in ein auszrichter machet, groszes getrauen zuͦ im het. Dekam. (5, 7) 351 Keller. ebenso 452, 19. 460, 7 u. a.; ist das die brüderliche gesellschaft, die ir meinem mann beweisen wölt umb des groszen getrawens willen, das er stäts zuͦ im gehebt het. Lindeners rastbüchlein litt. ver. 163, 44; ich fand und sichtbarlich sahe das grosz getrauwen das ich zuͦ ime het. ebenda 44; der andern sprach halben, griechisch genannt, habe ich mich unterfangen zu vollbringen euer besonderes getrauen, das ihr gnädiglich zu mir habt und bin in willen, meinen gesippten freund (den Melanchthon), den ich von seiner jugend auf solche sprach unterwiesen und gelehrt habe, an das ort zuschicken. Reuchlin an Friedrich von Sachsen bei Melanchthon herausgeg. v. Bretschneider 1, 29.
2))
als liep und ich euch müg gesein
last euch auf setzen dise kron
des ich ainn guten getrauen han.
die kron auch eur in eren sein solt,
sint ir doch sprecht, ir habt mich holt.
fastnachtspiele (das vasnachtspil mit der kron) 659, 3 Keller;
wollte sich ew. fürstliche gnad also aufgerecht beweisen und trostung ganz zusagen, ist je ew. gnaden nutz und ehre, wann obgemeldte landschafft solchens ein vollkomnes getrauen hat. schreiben von 1447 Krenner baierische landtagshandlungen 3, 235; bleibt in ewr ordenung und seit frisch, wann mir gancz nit zweifelt, tut ir daz, uns werd gelingen; und habt des ein gut getrawen in got, wann euch allen wol wissent ist, daz uns unser feind kriegen wider got, ere und recht. d. städtechr. 2, 485 (schlacht bei Pillenreut 1450);
hochwirdige frau, seit got wilkumen!
wir han gar eigentlich vernumen,
wie ir ein ware prophetin seit;
deshalb hab wir in langer zeit
nie lieber neuer mer gehort.
nu tret zu uns her an das ort!
hofmeister piet den wein der frauen
wan zu ir hab wir den getrauen,
sie werd uns fremde dink erkleren.
fastnachtspiele (ein spit von dem herzogen von Burgund) 170, 21 Keller.
γ)
mein liebe tochter mir wäre wol lieb vnd mein groszes gefallen gewesen das du eynen man genommen hetest der dein vnd deines adels wirdig gewesen wäre, doch seitmal du in genomen hetest als er was unnd dir gefiel so solt er mir auch also gefallen sein, aber dein kleyn getrawen czuͦ mir vnnd ein solchs vor mir verborgen hast das ist das mir do we tuͦt. Dekameron (4, 6) 286, 30 Keller; also lernet uns nun gott, das wir unns selber sollen kennen, wer wir seyn, unnd das wyr hulffe dorffen, so erwechst dye demuth unnd bekommet der mensch ein hoffnungk, eyn getrawen und eine lieb tzu seynem frommen gotte. Luther (auslegung des vaterunsers 1518) 9, 138 Weimar.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1897), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4443, Z. 78.

getraut, participiales adjectiv

getraut, participiales adjectiv
zu trauen (s. d.). die isolierten verwendungen des particips knüpfen in der hauptsache an eine bedeutung des verbums an, die dem oben behandelten getrauen nicht zugänglich ist, einem jemand antrauen, einen mit jemanden trauen.
1)
getrauet, vermählt, desponsus Bayer paedagogus latinus (1733) 288. während die niederländische litteratur hier schon frühe eine reiche entwicklung der attributiven functionen des particips zeigt (vergl.getrouwet, wettig, huwelijk, met iemand vereenigd Verwijs und Verdam 2, 1763), gehören die deutschen belege erst dem 16. jahrh. an. zunächst wird hier das particip durchweg in zusammensetzungen mit substantiven, später auch mit präpositionen aufgeführt, während das einfache adjectiv mehr in poetischen übertragungen einlasz findet.
a)
α)
und was ists wunder, dasz die weiber so fein wissen mit jhren ehegetrauten umbzugehn, demnach sie es doch von jugend auff mit docken unnd puppen spielsweisz also gewohnen, dasz sie nachgehends inn der ehe auch solche puppenspiel mit jhren ehegepareten üben. Fischart Garg. (neudruck) 108. vgl. theil 3, 43.
β)
her das schwert! ergriffen hab' ichs;
deine gattin magst du tödten,
aber meine mutter nicht!
in die flammen folgt die gattin
ihrem einzig angetrauten,
seiner einzig theuren mutter
in das schwert der treue sohn.
Göthe (legende) 3, 13.
b)
bei wem sol ich auff dieser welt
rechtschaffen liebe finden?
der meiste teil nicht glauben helt,
die treuw wil gar verschwinden.
ich glaub und red es ohne schew:
die best ist doch geträwte trew,
die musz ich jetzt entraten.
Joh. Heermann (beim tode der ehefr.) devoti musica cordis (1636) 108.
anspielung hierauf ist in dem folgenden beispiele nicht zu verkennen: über das alles ist fast aller orten treu und glauben verloschen, die ungerechtigkeit hat überhand genommen, und die liebe ist bey vielen erkaltet .. in den haushaltungen wird der getrauten treu fast durchgehends vergessen, das unbändige, ungehorsame gesinde ist in manchen, ja in den meisten häusern wie lauter dornsträuche und distelköpffe, die nichts als reiszen, stechen und schaden können. Scriver seelenschatz (1715) 2, 839. vergl. die angetreute trew bei Logau, s. theil 1, 506.
2)
die dem ehebündnisse zu grunde liegenden engen beziehungen werden auf andere verhältnisse übertragen.
a)
was die jugend hat erfreut,
hat das alter offt bereut;
lust und leid, die sind getreut.
Logau 3, 1, 98.
b)
dasz er die aufmerksamkeit von frauen und mädchen besonders erregt, ist wohl naturgemäsz; er zieht an und wird angezogen, weisz aber, als welterfahrner mann, die kleinen herzensangelegenheiten mild und schicklich zu endigen. freilich hat er alles an eine innig geliebte, ihm durch neigung angetraute freundin zu berichten, wo er sich denn wohl mancher dämpfenden ausdrücke bedienen mag. Göthe (über die briefe eines verstorbenen) 45, 359.
c)
denn die einsamkeit, verbunden mit dem ruhigen anschauen der natur, mit einem klaren, heiteren bewusztsein seines glaubens über schöpfung und schöpfer, und verbunden mit einigen widerwärtigkeiten von auszen, ist, ich behaupt' es, die einzige wahre schule für einen geist von edeln anlagen ... o wie oft habe ich mich nicht schon getäuscht, wenn ich einen gehaltvollen der einsamkeit getrauten, sich selbst kennenden kopf gefunden zu haben glaubte und nur einen getümmel suchenden strohkopf entdeckte, in den sich ein paar feurige augen verirrt hatten. G. Keller (an J. Müller 1837) bei Bächtold 1, 64.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1897), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4447, Z. 81.

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Zitationshilfe
„getraut“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/getraut>, abgerufen am 28.11.2021.

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