gewässer
Fundstelle: Lfg. 5 (1904), Bd. IV,I,III (1911), Sp. 5368, Z. 52
collectivbildung zu wasser (s. d.). belege sind erst aus dem ende der mittelhochdeutschen zeit zu gewinnen: gewessere thüringische fortsetzung der sächs. weltchronik 297, 9 u. a.; gewessirde Eisenacher rechtsbuch 94; gewesser Limburger chronik 52, 10. 90, 32. Frankfurter reichscorresp. (aus 1405). Magdeburger chronik u. a. in der bedeutungsentwicklung tritt zunächst eine erscheinung hervor, die von dem gange, den die collectivbildungen zu nehmen pflegen, stark abweicht: die intensive steigerung der bedeutung des grundwortes in der volleren form. gewässer, grosz gewässer hat in den ältesten belegen und auch später noch lange fast ausschlieszlich die bedeutung 'hochwasser, wassersnot'. man könnte von hier aus bei unserer bildung zuerst an eine verstärkte form zu wasser denken. doch spricht dagegen die so früh belegte form gewessirde, an die die gleiche bedeutung geknüpft ist; und wie es sich bei gethier (vgl. oben sp. 4379) zeigte, läszt sich auch hier diese sonderbedeutung aus einzelnen verwendungen des grundwortes herleiten. die mannigfaltigkeit, die der bedeutungsumfang des einfachen wortes (wasser) umspannt, fängt erst im sprachgebrauche Luthers an, auch die collectivbildung zu beleben. schon die flüssigkeit, die als atmosphärischer niederschlag wahrgenommen wird, regt zu verschiedenen vorstellungen an, je nachdem sie in flüssen, bächen, quellen oder in teichen, seen und gar im meer sich darstellt. dazu kommt dann die weitere entwicklung des begriffes: das wasser als trinkwasser, die künstlichen wässer, das wasser im menschlichen und thierischen körper. mit dem einflusz, der von hier aus auf die bedeutungsentwicklung unseres wortes ausgeübt wird, kreuzen sich die abstufungen des collectivbegriffes, der abschwächungen aller art erfährt. auf diesen letzteren beruht dann wieder der pluralgebrauch, der allerdings in manchen fällen die einzelnen spielarten des gewässers zum ausdruck bringt, vorwiegend aber die abgenutzte collectivbedeutung wieder auffrischt. dieser pluralgebrauch ist der festeste stützpunkt für die verwendung des wortes in unserer neueren sprache. der wissenschaftliche und der actenmäszige stil macht neuerdings fast nur vom plural gebrauch, und mit diesem plural findet das wort in zahlreichen zusammenhängen und verbindungen eingang, in denen es früher gemieden war, wie ein vergleich der älteren urkunden zur wasserpolizei mit neueren entsprechenden schriftstücken zeigt. formell ist auf schwankungen in der schreibung des geschlossenen e der stammsilbe hinzuweisen; wir finden an einer stelle der thür. forts. der sächs. weltchronik gewisser (317, 28). das gleiche auch gelegentlich bei Luther (1 Mos. 7, 24. 8, 7), bei Michael Sac. s (neue kaiserchron. Magdeburg 1614) und noch bei Zesen (Assenat 38). andererseits ist der umlaut unberücksichtigt bei Kirchmair (denkwürdigkeiten 1520: gewasser), ja auch Schottel bildet das collectiv ohne umlaut, und die gleiche form ist bei Kant belegt, wo sie wol die mundartliche aussprache erraten läszt.
1)
der singulargebrauch.
a)
die sonderentwicklung der bedeutung 'hochwasser, überschwemmung, wassersnot'.
α)
die verbindung grosz gewässer.
1))
dies selbe jares was groʒ gewessere in Sachsenlande umbe sente Nicolaus tag, also das manig dorf davon irtrank. sächs. weltchron. 297, 9 (thür. forts.), ebenso 301, 13; des selbin jares (1342) ... da was vil grosz gewiszere in allen landen unde ouch zuͦ Erfort. 317, 28; von den pferden abetraden und hinzugingen daʒ zu besehen, want grosze gewesser darumb waʒ daʒ sie nit hinzugerieden konden. Frankf. reichscorresp. (1405) 120; im selbigen jare (1488) mitwochen in der fasnacht schneiete es sehr, und darnach die erste wochen in der fasten dauete es eilendts. davon kam im felde so gros gewesser das es zu Destorf und in andern dorfern viel heuser und scheunen umbwarf und wegtriebe. d. städtechron. 7, 418 (Magdeburg).
2))
Christus sagt, daz ein weiser mann sein hausz baue auf einen felsen, unnd es fiel ein platzregen unnd kam ein grosses gewässer, unnd weheten die windt, unnd stieszen an das hausz, noch fiel es nicht ... aber ein törechter mann bauet sein hausz auf den sandt, und fiel ein platzregen, unnd kam ein gewesser ... da fiel es ein. Albertinus hauspolizei 6, 30ᵃ; dise jetzgemelte kranckheit kompt die schafe an, wann sie ... in solchen örteren geweidet sein worden, welche das grosz gewässer uberlauffen und sehr gefeuchtet und genetzt hat. Sebiz feldbau 140; im jahr 690 war im Venedischen ein solch groszes gewisser, dasz man meinte, sieder der sündflut sei so grosz gewisser nicht gewesen. Mich. Sachs neue kaiserchron. (Magdeburg 1614) 2, 98ᵇ; alsdann bringen solche stern das gewölck desz himmels mit sich, dardurch folget grosz gewässer, oder brunst, und verderbung land und leut. volksbuch vom doktor Faust s. 72 neudr.; für dem grossen gewässer nicht fortkönnen, non poter ... viggiare etc. per la grossezza altezza delle acque. Kramer (1700) 2, 1269ᵃ; für dem grossen gewässer auf den land-strassen ist ietzt übel zu reisen, there standes a great deal of water in the highways, that courses a bad travelling. teutsch-engl. lex. (1716) 770ᵇ; grosz gewässer, diluvies, diluvium, undae maximae, inundatio, diluvio; schnelles gewässer, alluvies, alluvio. Aler 935ᵇ; grosses gewässer, diluvium. Steinbach 2, 949; letten führt es (das Donauwasser) bei sich, besonders, wenn grosses gewässer anläuft. J. H. Haid Ulm mit seinem gebiet (1786) s. 391.
3))
daneben drängen sich an die stelle des oft wiederholten adjectivs andere kräftiger steigernde epitheta: zum allerhäftigisten sol auch vermergkht werden, das an sannd Augustintag des 1520. jars ain solich graussam gewasser und sundtflus komen, das davon ein ganntze verzagnus des volcks enntstanden ist. G. Kirchmair denkw. (1520), fontes rer. Austr. 2, 1, 448; so halte ich dafür, dasz vom hange solcher berge das regenwasser so wohl als der zerschmolzene schnee in das thal herunter schiesset und unter der gemelten breiten hügelfläche solches gewaltiggrosse gewisser verursachet. Zesen Assenat 38; starckes, hohes, anlauffendes, reissendes etc. gewässer ò wasser ... trabocco di acqua, inondamento, innondatione. M. Kramer (1700) 2, 1269ᵃ, doch vgl. auch oben. ähnl. teutsch-engl. lex. (1716) 770ᵇ; es (das kloster) liegt aber so tief, das refectorium tiefer als das übrige, so dasz im jahr 1800 bei anhaltendem regen das wasser darin über drei palmen stand, welches uns zu folgern berechtigt, dasz das entsetzliche gewässer, welches 1500 niederging und überschwoll, sich auf gleiche weise hierher erstreckt habe. Göthe (abendmahl L. da Vincis) 39, 103.
β)
die gleiche bedeutung läszt sich jedoch am substantiv auch ohne weitere attribute belegen.
1))
item in dem selben jare ... da was ein grosze bescheideliche fluit unde ein geweszer, also daʒ man zu Coblenze mit schiffen fur in sente Castors gaszen uf den kornmarkt. Limburger chronik 90, 32; unde (die feinde) hetten ime noch me schaiden zugefuget, hetten si gut weder gehat, want si der reigen unde geweszer dannen dreif. 52, 10. dazu vgl.: wanne ein gewessirde wirt, daʒ die mullere oberig wassir haben, so sullen si alle flutrinnen uffzcihen, und daʒ er einer dem andirn kunt thun. Eisenacher rechtsbuch 94 bei Ortloff samml. d. rechtsqu. 1, 731.
2))
für Luther gab namentlich der bericht der bibel von der sindflut gelegenheit, das collectiv in dieser bedeutung zu verwenden. bemerkenswert ist das ablehnende verhalten süddeutscher nachdrucke, vgl. Byland der wortschatz des Züricher alten testaments (Basel 1903) s. 45. vgl. auch Reifferscheid Marcusevangel. 120 (zum Augsburger nachdruck des neuen testamentes von 1526): und Noah thet alles was jm der herr gebot. er war aber sechshundert jar alt, da das wasser der sindflut auff erden kam. und er gieng in den kasten mit seinen sönen, weibe, und seiner söne weibern, fur dem gewesser der sindflut ... und da die sieben tage vergangen waren, kam das gewesser der sindflut auff erden ... und theten sich auff die fenster des himels, und kam ein regen auff erden vierzig tag und vierzig nacht ... und die wasser wuchsen, und huben den kasten auff, und trugen jn empor uber der erden. also nam das gewesser uberhand und wuchs seer auff erden, das der kaste auff dem gewesser fuhr. und das gewesser nam uberhand und wuchs so seer auff erden, das alle hohe berge unter dem gantzen himel bedeckt wurden, funffzehen ellen hoch gieng das gewesser uber die berge, die bedeckt wurden ... und das gewisser stund auff erden hundert und funffzig tage. da gedachte gott an Noah ... und lies wind auff erden komen, und die wasser fielen ... und das gewesser verlieff sich von der erden imer hin. Luther 1 Mos. 7, 5—8, 3 u. a.;
morgen wirt kuͦmen her
der grausam narrenfresser,
den ich forcht all mein tag
vuͤr feuer und gewesser
und fuͤer sant Urbans plag.
H. Sachs (narrenfresser) fabeln u. schwänke 3, 122 neudr.;
von Stertzingen ist ain solicher pach mit gewalt komen, daʒ alle prugn, auch die starcke weg und stainen gepeu nicht erschossen haben ... so hat doch solich gewasser das alles zezerret, zerissen und in ainen schwung hingetragen. G. Kirchmair denkw. (1520), fontes 2, 1, 449; Ambrones, Gallicae gentes, die durch ein gewässer ir land verlorn, und nereten sich darnach mit rauben. Erasmus Alberus nov. dict. M 2ᵇ; die in hiesiger gegend zu anfang des monat decembers (1570) ausgetrettene wasser und flüsse ... thaten auch hin und wieder an deren dämmen und gestaden grossen schaden, und hätte wenig gefehlet, dasz das gewässer nicht die Wertachbrücke gegen der stadt eingerissen hätte. Stetten gesch. der stadt Augsburg 1, 594;
ruckt er fort mit groszer mühe
gewässers wegen an die brühe.
Fuchs mückenkr. 2, 482, vgl. oben theil 2, sp. 989;
meldet, dasz er und seine spieszgesellen solche weiber gesucht, aber zu ihnen, wegen gewässers nicht haben kommen können. Prätorius Turcicida R 1ᵇ; wenn euer gnaden ein pfarrer wäre und auf der kanzel so predigte, das setzte zähren ab! meiner six! es gäbe ein gewässer, dasz man mit nachen in der kirche fahren müszte. Wieland (don Sylvio v. Rosalva 3, 7) 11, 211.
3))
gewässer, wassergusz, überlauff desz wassers, eluvies, aquarum deluvies. Henisch 1595; gewässer, acque inondazione, sboccamento de' fiumi, les eaux. inondation, débordement des rivières. Rädlein 381ᵇ; gewässer, alluvies, undae maximae. Weissmann 157ᵃ; gewässer, aquae profundiores. Frisch 2, 426ᵃ; gewässer, les eaux débordées, débordement d'eaux. nouv. dict. des passag. 2, 279. ähnlich noch Hilpert 1, 463ᵇ.
b)
der collectivbegriff in seinen abstufungen.
α)
der umfassende begriff.
1))
weitester umfang:
neben der erde war, wie ein heller kristallener mantel,
alles gewässer verbreitet.
Bodmer Noah 359;
wenn man die geringschätzigkeit der quantität des gewassers mit der grösze der erdkugel ... zusammenhält. Kant 8, 212.
2))
engerer begriff: die wasserläufe einer bestimmten gegend, die massen eines bestimmten wassergebietes.
a))
die wasserläufe einer bestimmten gegend.
α))
nicht immer ist die landschaftliche begrenzung angegeben, manchmal wird sie auch stillschweigend vorausgesetzt: am abend des 3. august ist das gewässer von den starken gewittern und wassergüssen mit macht angestiegen. aus Riemers Leipz. taschenbuche bei Wustmann quellen z. gesch. Leipzigs 1, 453; insofern diese massregeln der verödung des gewässers nicht hinlänglich vorbeugen sollten, wird der bundesrath ermächtigt, die schonzeiten für alle gewässer oder für diejenigen einzelner gebiete temporär auszudehnen. Schweizer bundesgesetz über die fischerei von 1875 bei J. König die verunreinigung der gewässer.
β))
kennzeichnung der landschaftlichen grenzen:
kein schwan sang ihm (Besser) damahlen gleich,
am brandenburgischen gewässer,
auch nicht im gantzen teutschen reich,
wie schön es klang, er sang noch besser.
König vorrede zu Bessers schriften 35, vgl. auch unter β);
im sicilianischen gewässer, an der sicilianischen küste, in the sea near the Sicilian coast. teutsch-engl. lex. (1716) 770ᵇ; das gewässer eines landes, the waters of a country. Hilpert 1, 463ᵇ (ebendort für die gleiche englische wendung jedoch auch schon der plural, s. u.).
b))
die massen bestimmter wassergebiete: ... da die Weichsel ... die länder oft unter ihrem gewässer zu bedecken trachtet. Kant (ob die erde veralte? physikalisch erwogen 1754) 9, 9;
nächst ihm führte Pyrächmes päonische krümmer des bogens
fern aus Amydon her, von des Axios breitem gewässer,
Axios, der mit lieblichster flut die erde befruchtet.
Voss Ilias 2, 849;
Axios, der mit dem schönsten gewässer die felder bedecket.
Bürger Ilias 205ᵃ;
so dünkt mir seltsam und fremd
der flüsse gewässer
der einsame wald.
Novalis (fragment) 1, 387;
wasser überhaupt bildet nur erdengen, das gewässer der see landengen. F. L. Jahn 1, 76; so ... fielen beide hunde zusammen in das gewässer des sees. F. Th. Vischer 'auch einer' 1, 169.
β)
in einigen der eben belegten beispiele ist das zusammenfassende moment schon stark in den hintergrund getreten, es ist nicht die gesamtheit der wassermassen eines bestimmten gebietes, sondern ein theil desselben. aber die vorstellung der masse hält an:
töchter der vielgebärenden Tethys und des vaters Okeonos,
der mit schlummerlosem gewässer
umwandelt die ganze erde,
sehet die fesseln.
F. L. Stolberg (Prometheus) 15, 11;
dort wo Ajas die schiff' an den strand und Protesilaos
längs dem grauen gewässer emporzog.
Voss Ilias 13, 682 (ἔφ' ἁλός πολιῆς);
ich sah hinaus in die unermeszliche sphäre von gewässer. Heinse Ardinghello, schriften 1, 83;
aber aus der dumpfen grauen ferne
kündet leisewandelnd sich der sturm an,
drückt die vögel nieder aufs gewässer.
... vor seinem starren wüthen
streckt der schiffer klug die segel nieder,
mit dem angsterfüllten balle spielen
wind und wellen.
Göthe (seefahrt) 2, 76.
γ)
in anderen verwendungen ist auch die vorstellung des groszen unermeszlichen aufgegeben, dagegen dient der collectiv der verallgemeinerung insofern, als eine unbestimmte, nicht näher gekennzeichnete quantität zum ausdruck gebracht wird. das collectiv dient der indefiniten bezeichnung: item, ob man müsse den bau solcher befestigung, zugleich allenthalben herumb führen, oder ob solches werck etwan auff einer seiten ein behilffung haben ... als ob etwan ein gemösz, gebrüch oder gewässer herumb. Fronsperger kriegsb. 2, 18ᵇ; ir werdet keinen wind noch regen sehen, dennoch sol der bach vol wasser werden, das jr und ewer gesinde, und ewr vieh trinckt ... sihe, da kam ein gewesser des weges von Edom, und füllet das land mit wasser ... und da sie sich des morgens früe auffmacheten, und die sonne auffgieng auff das gewesser, dauchte die Moabiter das gewesser gegen inen rot sein wie blut. Luther 2 kön. 3, 20 ff. (bei Kautzsch durchweg wasser);
bei welchem gewässer und liehblichen gründen
enthält sich mein trauter, wi? saget ihrs nicht?
Zesen adriat. Rosemund 99 neudr.;
schwellen ... einen damm von grundbalken an einem gewässer aufführen. Stalder 2, 363; als auf einmal eine weite ebene vor ihm dalag, und er in der ferne ein städtchen, an einem see erblickte ... er konnte seine augen von dem gewässer in der ferne nicht verwenden, das ihn mit neuem muth beseelte, die ferne aufzusuchen. K. Ph. Moritz Anton Reiser s. 347 neudr.;
als mit mir bei mondenscheine
Lavater spazieren ging,
ich am fall des Rheins, von schaume
nasz gesprüzt, ihm, wie im traume,
staunend an dem arme hing:
ach! da war mir wohl! noch besser
(seufzt' ich dann für mich allein)
als am lieblichsten gewässer,
wird am Zorgaflusz dir sein.
Göckingk (auf d. tod meines sohnes) ged. 3, 186;
des abends, war die schule endlich aus,
zogen wir singend in den wald hinaus,
oder im garten am gewässer
sahn wir die sonne glühend niedergehn.
Geibel (auf d. tod eines freundes) ged. 237;
alle diese hochcultivirten flächen dulden an keiner stelle weder ein tümpelchen stehenden gewässers noch einen irgend hochreichenden grundwasserstand. R. Hempel zeitschr. f. gewässerkunde 6, 102; die mit den zuständen im fliessenden gewässer nichts gemein haben. H. Classen ebenda; als unbefugt hat nicht jede verunreinigung von gewässern zu gelten ... für die beantwortung der frage, ob die verunreinigung eines gewässers als eine ... unbefugte anzusehen ist, sind ... die bestimmungen des sonst geltenden rechts maszgebend. L. Holtz fürsorge für reinhaltung der gewässer s. 8; sind nahe der einmündung erheblicher mengen schädlicher abwässer ortschaften gelegen ... so sind vorkehrungen gegen die verunreinigung des gewässers in weit höherem masze erforderlich. s. 19.
δ)
der neueren sprache erst gehört diese verwendung auch in solchen fällen an, wo der zusammenhang die geringfügigkeit der wassermasse zum ausdruck bringt.
1))
aus der gegenüberliegenden seite des wassers, nur zwanzig schritte von uns, stieg eine felswand empor, beinahe senkrecht ... ihre steile verkündete, wie tief hier das kleine gewässer sein müsse. G. Keller (d. grüne Heinrich) 1, 248; an dessen fusze flieszt der bach Trotinka durch morastige wiesen südostwärts der Elbe zu: auf der andern seite des kleinen gewässers schlieszt dann der steile Horschizkaberg das bild. Sybel begründung des deutschen reiches 5⁴, 172; dort aber legten die pioniere sehr bald mehrere pontonbrücken über das kleine gewässer. 186.
2))
und herab floss kaltes gewässer
hoch aus dem felsgeklüft.
Voss Odyssee 17, 209
(ausgabe von 1793 und später; in der ausgabe von 1781 dagegen: schäumte das kalte wasser);
ein gewässer hört er endlich rauschen,
und gelangt an einen prächtigen springquell.
Platen Abbassiden 6;
kam an das ufer eines kleinen bergflusses, der einen schmalen dünnen wasserfaden durch ein breites trockenes felsbett rinnen liesz ... forellen musste das gewässer aber doch ernähren. L. Schücking (der böse nachbar 4) erzähl. u. novellen 5, 177; in der tiefe einer felsigen schlucht braust gewässer. Rosegger schriften des waldschulmeisters 3.
c)
die erweiterung des bedeutungsumfanges durch übertragung der bezeichnung auf flüssigkeiten überhaupt.
α)
regenwasser: schindelte ihm die lücken zu, die tropfend gewässer und unbill des wetters in das dach von Gottschalks blockhaus geschlagen. Scheffel Ekkehard 366.
β)
trinkwasser:
in des weinstocks herrliche gaben
giesst ihr mir schlechtes gewässer!
ich soll immer unrecht haben,
und weiss es besser.
Göthe (sprichwörtlich) 2, 255.
γ)
köstliches wohlriechendes gewässer, schminck etc. gewässer, acque pretiose, odorifere. M. Kramer (1700) 2, 1269ᵃ; dazu vgl. wohlriechende gewässer Adelung 2, 652. Hilpert 1, 463ᵇ.
δ)
die wasserhelle flüssigkeit im menschlichen körper: solcher wein laxirt den leib und treibt das gewässer von den wassersüchtigen durch den stulgang. Sebiz feldbau 528; dieser wein ... zertheilet den schleim und führet das gewässer durch die harngäng ausz. Verzascha kräuterbuch (1678) 763; gewässer bei den medicis s. colliquamentum ... gewässer des geblúts s. serum. Chomel 4, 1040.
ε)
tinte: vetzeihn mir ew. excellenz meine breite geschwätzigkeit, aber sie haben die schwarzen gewässer meines tintfasses heraufbeschworen, und ich fürchte, sie finden nicht so schnell das wort, um sie zu bannen. Bismarck, s. Kohl Bismarckbriefe 111.
2)
der pluralgebrauch. eine ergänzung der eben versuchten skizze bietet der pluralgebrauch, der die meisten der oben belegten verwendungen in sich aufnimmt und dann allmählich verdrängt.
a)
in der bedeutung von 'hochwasser' hat die neuere bibelübersetzung durchweg den plural eingesetzt: da kamen die gewässer der flut über die erde. Kautzsch 1 Mos. 7, 10; da verlieffen sich die gewässer. 1 Mos. 8, 3 u. a.;
die gewässer sind verlaufen,
die gerichte sind erfüllt,
durch der wolken sanftres traufen
blaut der himmel bald enthüllt.
Gerok (Ararat) palmblätter 290;
die gewässer fallen, the floods are subsiding. Hilpert 1, 463ᵇ; als ich von Angermünde kam, war ich durch die fluthen der Zampel von Kniephof abgesperrt ... so muszte ich die nacht über in Naugard bleiben mit vielen handlungs- und andern reisenden, die ebenfalls auf das sinken der gewässer warteten. Bismarck an seine schwester bei Kohl Bismarckbriefe 24;
die wanderende sel die mues zu schiff auch gehen:
sie stost von himel ab, und segelt auff das mer
der ungestümmen wält; da sieht sie um sich her
gewässer foller forcht, und wällen foller schrekken.
Jesaias Rompler v. Löwenhalt reim-getichte (1. gebüsch) 72.
die verbindung grosz gewässer wird nur ganz vereinzelt in den plural überführt: in groszen gewissern wenn die Sahl so an der mawer vorüber fleusset, auszleufft. Mathesius Sar. 125ᵇ.
b)
ausbreitung des pluralgebrauches im anschlusz an die einzelnen abstufungen des collectivbegriffs.
α)
der umfassende begriff.
a))
Bacon vergleicht daher die wissenschaften mit den gewässern über und unter dem gewölbe unserer dunstkungel. jene sind ein gläsern meer, als kristall mit feuer gemengt, diese hingegen kleine wolken aus dem meer, als eine manneshand. Hamann (kreuzzüge) 2, 264 Roth; gott hat mit einer bewundernswürdigen weisheit eine harmonie ... zwischen den gewässern oben und unten eingeführt, dasz sie sich einander ersetzen, gegen einander dienstfertig sind, und in ihrer entfernung einen zusammenhang finden. (bibl. betrachtungen, Ruth) 1, 84; das regime der gewässer wird aber nicht allein durch die wasserstände, sondern durch die fliessenden wassermassen charakterisirt, daher die kenntniss der jedem einzelnen wasserstande entsprechenden abflussmenge ... von besonderer wichtigkeit ist. R. Brauer zeitschr. f. gewässerkunde 6, 130.
b))
ich fürcht, dasz ihr diesen brieff noch lange nicht bekommen werdt: denn die gewesser seindt so abscheüllig grosz, dasz alles überschwommen ist. Elisabeth Charlotte v. Orleans (1698) briefe 120 Holland; anno 1539 ist der merer theil durch die vile der grossen regen der Main und alle gewesser alle vier wuchen oder uber 14 tage sehr gross worden bis an das 40 jar. chronik d. schuhmacher-handwerks, s. quellen z. Frankf. gesch. 2, 22; ebner maszen sind auch andre gewässer, als flüsse, seen, ja das meer selbst, wenn es ruhig ist. Er. Francisci lustige schaubühne 1, 562; all die gewässer da, wie hübsch sie sich auch krümmen, machen uns stille musik. Mörike (der schatz) 2², 59. J. König die verunreinigung der gewässer, Berlin 1887. L. Holtz die fürsorge für reinhaltung der gewässer, 1902 u. a.
β)
verengerung des begriffes.
1))
landschaftliche eingrenzung.
a))
von den marken wird ... bemerkt ... dasz ausser den wäldern ... auch die vielen seen, teiche und gewässer, bei kluger benutzung mancherlei vertheidigungsmittel darbieten. königliche verordnung über den landsturm vom 21. april 1813 (gesetzsammlung für die preusz. staaten); gegen die früher beabsichtigte landesgesetzliche regelung der masznahmen zur reinhaltung der gewässer ergeben sich namentlich aus der verschiedenartigkeit der örtlichen und wirtschaftlichen verhältnisse innerhalb der monarchie ... bedenken. allgem. (preusz.) verfügung vom 20. febr. 1901 betreff fürsorge für die reinhaltung der gewässer, einl.; weil in folge der ständigen vermehrung der bevölkerung und der auf benutzung der wasserläufe angewiesenen anlagen die verunreinigung der gewässer stetig zuzunehmen droht. ebenda, s. L. Holtz s. 2; bei dem mangel einer gesetzlichen vorschrift, welche die verunreinigung der gewässer allgemein untersagt, ist in jedem falle zu prüfen. ebenda, s. L. Holtz s. 10; mit geldstrafe ... wird bestraft, wer unbefugt ... in gewässern felle aufweicht oder reinigt oder schafe wäscht. fischereigesetz für den preusz. staat (1874) § 27 bei Holtz s. 27; ergiebt sich, dasz durch ableitungen aus landwirtschaftlichen oder gewerblichen anlagen ... der fischbestand der gewässer vernichtet oder erheblich beschädigt wird. § 43, s. Holtz s. 28; die benützung und instandthaltung der gewässer betreffend. badisches gesetz vom 25. aug. 1876, s. J. König a. a. o.
b))
des keisers sprichwort ist: Egyptens kräuter, ähren, gewässer, weiszheit, luft, gesäm und frauen wären die besten in der welt. Lohenstein Cleopatra 2, 42; die gewässer eines landes, the waters of a country. Hilpert 1, 463ᵇ; Lord Palmerston sagte dem grafen Apponyi mit dürren worten, das erscheinen dieses geschwaders in den englischen gewässern ... sei eine beleidigung der englischen nation. Sybel begründung d. deutschen reiches 3, 308; vorläufig galt es eine reise mit dem Hamburger schiffe 'Hammonia' in die chinesischen gewässer. Th. Storm (Hans u. Heinz Kirch) werke 6, 15; einen besonderen zweig der hydrometrischen forschung in Oesterreich bildet ... die systematische erhebung der an den österreichischen gewässern verfügbaren ... wasserkräfte. R. Brauer zeitschr. f. gewässerkunde 6, 133; die am nordabhange der alpen entspringenden gewässer gehören sämmtlich dem flussgebiete der Donau und des Rheins an. 59; die gründung einer staatlichen anstalt für gewässerkunde, die beabsichtigte betheiligung der preussischen geologischen landesanstalt an der erforschung heimischer gewässer. 279; Bonne die notwendigkeit der reinhaltung der deutschen gewässer. Leipzig 1901.
2))
die privatrechtliche eingrenzung (beim singular nicht belegt): jeder theilnehmer kann verlangen, dasz ihm die unentbehrliche mitbenutzung der gewässer auf den auseinandergesetzten grundstücken vorbehalten und diese so ausgewiesen werden, wie es zu diesem zweck für beide theile am bequemsten ist. preusz. gemeinschaftstheilungsordn. von 1821 bei R. Nobiling kulturgesetze in Preuszen 202; dass herr Fritz v. Fink eigenthümer des territoriums Fowlingfloor, sowohl des grund und bodens als der darauf befindlichen gebäude, bäume, gewässer und aller daran haftenden nutzungen sei. G. Freytag (soll u. haben 1) 4, 167; zu den privatgewässern gehören: 1) das auf einem grundstück entspringende ... wasser (quellen); 2) die künstlich angelegten wasserleitungen und kanäle; 3) das stehende wasser, welches in seen, teichen, cisternen ... gefangen ist. Bluntschli staatswörterbuch 3², 60.
3))
vor allem beliebt ist der plural, wo die zugehörigkeit zu einem bestimmten wassergebiet gekennzeichnet wird.
a))
schon die anderen alle, so viel dem verderben entrannen,
waren daheim, den schlachten entflohn und des meeres gewässern.
Voss Odyssee 1, 12 (1806);
wo das eismeer mit des deutschen
meers gewässern sich vermengt.
Freiligrath 1, 16;
so ist meine überzeugung, dasz ... diese beiden parlamente nicht länger aus einander zu halten sein würden, als etwa die gewässer des rothen meeres, nachdem der durchmarsch erfolgt war. Bismarck pol. reden 3, 278 Kohl.
b))
diese schaaren ergossen sich dann beinahe widerstandslos über alle theile Jütlands bis zum Lijmfjord, hinter dessen schützende gewässer general Hegermann-Lindencrone zum zweiten male vor der übermacht zurückwich. Sybel begründung d. deutschen reiches 3, 290; indem Sophokles seinen geburtsort, den gau von Kolonos zu verherrlichen strebt, stellt er die hohe gestalt des schicksalverfolgten, herumirrenden königs an die schlummerlosen gewässer des Kephissos, von heiteren bildern sanft umgeben. A. v. Humboldt kosmos 2, 12; die wichtigste verkehrslinie auf den gewässern des Ob ist diejenige von Tjumen nach Tomsk, hauptsächlich dem getreidetransport dienend. zeitschr. f. gewässerkunde 6, 122.
γ)
ebenso wird der pluralgebrauch in den fällen begünstigt, in denen aus attributiven bestimmungen oder allgemeiner aus dem zusammenhange eine kennzeichnung der art und ein gegensatz gegen andre spielarten hervorgeht, vgl.: die verfügung bezieht sich auf gewässer jeder art: natürliche wie künstliche, öffentliche wie private, schiffbare, wie nicht schiffbare, stehende wie fliessende, oberirdische wie unterirdische, binnengewässer, wie meeresbuchten und haffe. L. Holtz die fürsorge für reinhaltung der gewässer (1902) s. 1 anm.
1))
gegensätze in bezug auf den umfang.
a))
in der wirklichkeit nun scheint sich für solche poetische äusserungen das baden in unbeengten gewässern am allerersten zu qualificiren. Göthe (dicht. u. wahrh. 19) 48, 136;
so hofft' ich ihr des reichs bebaute flächen,
der wälder tiefen, der gewässer fluth
bis an das offne meer zu zeigen.
(nat. tochter 3, 4) 9, 323;
die fluten der beiden ströme waren hoch geschwollen, und deshalb unsere expedition nach der heiligen veste nicht unbeschwerlich, da ohne aufhören neue gewässer, in denen die pferde oft bis an den bug versanken, zu überschreiten waren. Schack ein halbes jahrhundert 1, 190;
nun sterben die laute beseelter natur,
dumpftosend umschäumen gewässer mich nur,
die hoch an schwarzen gehölzen
dem gletscher entschmelzen.
Matthisson alpenreise.
b))
in kleinen gewässern fängt man auch fische (nach dem dänischen). Wander 1, 1650;
wie er (d. mond) vom himmel herab sich im bache besieht,
manchen goldenen streif auf die gewässer mahlt.
Hölty (hymnus an d. mond) ged. 262;
die plätschernden gewässer der springbrunnen. Musäus volksmärchen 4, 123.
2))
gegensätze in bezug auf entstehungsweise und beweglichkeit.
a))
vorerst unter thunlichstem ausschluss mancher in den natürlichen gewässern störenden umstände. C. Weigelt zeitschr. f. gewässerkunde 6, 42.
b))
bei weitem die wichtigsten gewässer sind ... die fliessenden. Bluntschli staatswb. 3², 60 f.; dasz die sommerregen infolge der verdunstung fast ohne einflusz auf das anschwellen der fliessenden gewässer sind. C. Gebauer zeitschr. f. gewässerkunde 6, 240; die hypothese von der selbstreinigung fliessender gewässer. H. Classen ebenda s. 31; preusz. ministerialerlasz vom 7. april 1876 betreffend den schutz fliessender gewässer gegen verunreinigung. bei Holtz s. 41; neue untersuchungen über die grenzen ... der selbstreinigung flieszender gewässer. H. Classen 1898; das röten von flachs und hanf in nicht geschlossenen gewässern ist untersagt. fischereigesetz für den preusz. staat (1874) § 44 bei Holtz s. 29.
3))
sonstige epitheta: sie ... fanden auf ihren spaziergängen durch das gebirg so klare, rauschende, erfrischende gewässer. Göthe (dicht. u. wahrh. 19) 48, 137 (vgl. auch: beim anblick und feuchtgefühl des rinnenden, laufenden, stürzenden in der fläche sich sammelnden, nach und nach zum see sich ausbreitenden gewässers war der versuchung nicht zu widerstehen. [ebenda] 136); dann dünke ich mich reich genug, um jedem, und ob es gott selbst wäre, zu vergelten, was er an mir gethan, dann scheine ich mir ein brunnen, der nur darum aus allen adern der erde die holden gewässer einsaugt, damit er erquicken kann, was ringsum dürstet und schmachtet. Hebbel briefwechsel 1, 72; ich steh' auf des berges wolkigem gipfel, unter mir liegen die schlafenden städte der menschen und blinken die blauen gewässer. Heine harzreise.
c)
übertragungen sind nur beim pluralgebrauch belegt:
o hättest du getrunken aus dem bronnen
aus dem lebendige gewässer quillen.
Chamisso Fortunat 51;
wenn nun von einem mann ohne bildung in jeder lage des lebens, in jedem affekt verlangt wird, dass er sich die schranken gegenwärtig halte, die die ehre seines nächsten schützen, dasz er seine zunge im zaum halte und wohl überlege, auch das, was er im zorn sage; dann wollen sie behaupten, dass der hochgebildete gesetzgeber, der beherrscher des wortes und seiner gedanken, der kühne schiffer auf den gewässern der rede, wie wir sie hier haben, ausser stande sei, die klippen zu vermeiden. Bismarck reden 3, 35 Kohl.
3)
das collectiv in der composition.
a)
meeresgewässer Voss Odyssee 2, 264 (1806); süssgewässer Brehm, vgl. Sanders erg.-wb. 613; sumpfgewässer Görres heilige allianz 137; das kleine waldgewässer K. Immermann das auge der liebe 4; kiesgewässer Göthe (Faust 2. class. Walpurgisnacht); fischgewässer schweiz. verordnung vom 13. juli 1886; grenzgewässer schweiz. bundesgesetz vom 18. oct. 1875.
b)
schneegewässer, regengewässer Kramer (1700) 2, 1269ᵃ; wintergewässer Voss Ilias 23, 420; am stygischen nachtgewässer Heine (im mai) 18, 252; die offenen weltgewässer H. v. Kleist Penthesilea 14; das urgewässer Göthe (ital. reise) 27, 141.
c)
wasch-gewässer, spuazzo dal lavore. Kramer (1700) 2, 1269ᵃ; schmutzgewässer.
Zitationshilfe
„gewässer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gew%C3%A4sser>, abgerufen am 24.06.2019.

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