gewöhnlichkeit f.
Fundstelle: Lfg. 1 (1912), Bd. IV,I,IV (1949), Sp. 6638, Z. 72
substantivableitung von gewöhnlich, die sich in den ersten belegen gegen das vereinzelte, in Laszbergs liedersaal (2, no: 95 v. 20) belegte wönlichait, das mit gewonhait wechselt, deutlich abhebt. sie ist zuerst als rechtsbegriff beobachtet, mit der bedeutung des üblichen und herkömmlichen, die auch noch in einigen neueren belegen durchschlägt. sonst ist der neuere gebrauch durchweg von dem beim adjectiv zuletzt besprochenen bedeutungswandel getragen. vgl. gewöhnlichkeit Lexer 3, 976.
1)
doch mit beheltnisse unser, unser erbin und herrschafft rechten und gewohnlichkeiten urk. d. Frankfurter archivs v. 1464 s. Diefenbach-Wülcker 620; vgl. gewohnlichkeit, usualitas Diefenbach 631ᵃ; dass die hochzeit mit erheischter gewönligkeit volbracht wurde Amadis 6, 750; gewönlichkeit ..., idem quod; gewonheit, sed varius; gewönlichkeit der alten, instituta majorum Stieler 2496; gewönlichkeit, gewohnheit, accustoming, habit, knack, practise, long use, usualnesz ... teutsch-engl. wb. 776; gewöhnlich ... davon die gewöhnlichkeit, o. mz. Campe 2, 369; vgl. auch: die gewöhnlichkeit, plur. inus. Adelung 2, 674; doch siehe dagegen: obgleich sie und ihre zeit mit manchen erfindungen und künsten unbekannt waren, die für uns gewöhnlichkeiten und bedürfnisse geworden sind Fr. Schlegel (über die neuere geschichte 9/10) 11, 148.
2)
die einschränkung auf den singulargebrauch, die Adelung und Campe hier versuchen, gilt auch nicht ganz für den unter dem einflusz des contrastbegriffs vollzogenen bedeutungswandel: dass er in kunstvoll gewählten versen plötzlich mit prosaischen gewöhnlichkeiten aufwartet gegenwart 15, 58ᵃ s. Sanders erg. wb. 650ᵃ. dieser bedeutungswandel ist wohl am substantiv nicht urwüchsig entwickelt, sondern vom adjectiv übernommen, da der contrastbegriff nur selten in substantivform gefaszt erscheint: so ging das immer fort, eintönig. unsere einzige auszergewöhnlichkeit bestand etwa in einem spaziergang Höfer neue gesch. s. Sanders erg. wb. 650ᵃ. wie sehr diese neuere bedeutung aber den späteren gebrauch unseres substantivs beherrscht, zeigt sich auch darin, dasz bei milderer fassung geradezu entsprechende attribute nötig werden: so entstand eine betriebsame, artige nation, welche nirgends zu einer genialen kraftentwickelung aufgefordert wurde, solchergestalt in eine achtungswerthe gewöhnlichkeit hineinwuchs ... Laube neue reisenovellen 2 (1837), 15. neben dem freieren gebrauch des umgedeuteten substantivs zeigen sich auch einige ansätze zu festen verbindungen.
a)
und wär's nicht recht, die ehe zu vernichten,
den grafen zu befreien von den banden,
die ihn von aller glorie nur entfernen,
um in gewöhnlichkeit ihn festzuhalten.
F. Schlegel Alarcos 1, 1;
(die französische) sprache in ihrer gewöhnlichen gewöhnlichkeit schon mit allen schimmern schattirungen dämmerungen und täuschungen des scheins ... wie musz diese die nordländer fassen und äffen! F. M. Arndt schriften für m. l. Deutschen 3, 286;
ob ich, o herr, wohl irgend eine gewöhnlichkeit
vorbringe, wie sie das publikum allzeit belacht.
Droysen (frösche 1, 1) Aristophanes 3, 411.
b)
mich dünkt der traum eine schutzwehr gegen die regelmässigkeit und gewöhnlichkeit des lebens, eine freie erholung der gebundenen fantasie Novalis (Heinrich v. Ofterdingen 1, 1) 1⁵, 12; ich werde eingespannt, wie der ackerstier, in das joch der alltäglichen gewöhnlichkeit Tieck Vitt. Acc. 1, 191 s. Sanders 3, 1653ᵇ; ragte kaum noch ein dritter über das niveau der gewöhnlichkeit hervor Scherr bl. 1, 300. ebenda; that die nöthigen schritte, seine bürgerliche laufbahn wieder zu betreten, so gewann es den anschein, als solle der strom seines daseins wie der so vieler nach kurzem muthigen laufe im sande der gewöhnlichkeit auslöschen Immermann (epigonen III 7 cap. 10) 7, 67; der schleppende gang der (nach dem befreiungskriege) wieder eintretenden gewöhnlichkeit hemmt die seelen und ist doch nicht im stande, sie zu fesseln (III 8 cap. 9) 7, 129.
Zitationshilfe
„gewöhnlichkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gew%C3%B6hnlichkeit>, abgerufen am 12.12.2019.

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