gewinnsüchtig adj.
Fundstelle: Lfg. 9 (1908), Bd. IV,I,III (1911), Sp. 6095, Z. 44
früher belegt als das substantiv. der verbindung gewinn suchen steht das adjectiv unabhängig und mit stärkerer betonung der übeln nebenbedeutung gegenüber. auch hier wird aber der zweite compositionstheil nicht aus seiner sippe gedeutet, sondern schon in frühen buchungen zu sehen (sichtig) gezogen: ein gewinnsichtiger, lucrio. Dasypodius Tt 4ᶜ; homo sordidus, schnoͤd, niszig, karg, gwünsüchtig, gitig, untrüw. Cholinus-Frisius (1541) 805ᵃ; ebenso Frisius dict. (1556) 1226ᵇ; Maaler 201ᵈ; gewinnsüchtig, der nur auf den gewinn allein sihet ... lucri cupidus. Emmel silva quinqu. N 3ᵃ; ebenso Hulsius (aspre au gain u. a.) 138ᵇ; Henisch 1600; Duez 199ᵃ; Rädlein 1, 384ᵃ; Frisch nouv. dict. des passag. 2, 280; lucri cupidus, gewinnsüchtig. Garth-König 430ᵃ; quaestuosus ... ein gewinnsüchtiger mensch. A. Reyher theatr. rom. teut. 3, 903; quaestuarius, gewinnsüchtig, der umb gewinns willen etwas thut. Dentzler 640ᵇ; ähnlich Steinbach 2, 767; gewinnsüchtig, quaestuarius, inhians lucro, lucripeta; gewinnsüchtig auf böse art, turpilucris, turpis lucri cupidus. Aler 1, 937ᵇ; ebenso Kirsch, Hederich; gewinnsüchtig sein, to be greedy of money ... teutsch-engl. lex. (1716) 2, 774; gewinnsüchtig handeln, to deal covetously ... ebenda; ähnlich Hilpert 2, 1, 464ᶜ; gewinnsüchtig, interessé, ataché (âpre, avide) au gain, au profit. Rondeau 2, Uu 3ᵉ; ebenso Schwan 1, 746ᵇ; ein gewinnsüchtiger (eigennütziger) mann. Rondeau, Schwan a. a. o.; gewinnsüchtige freundschaft, amitié interessée. Rondeau; gewinnsüchtiges spiel, jeu lucratif. ebenda; eigennützig, gewinnsüchtig ... ein eigennütziger mensch, thut nicht leicht etwas, wovon er keinen vortheil hat. ein gewinnsüchtiger will aus allen dingen vortheil ziehen ... ja, er lässt sich oft verleiten, unanständige und unerlaubte mittel zu gebrauchen, wenn er nur davon seinen vortheil ziehet. Stosch bestimmung einig. gleichbed. wörter 1, 144. vgl. auch gewinnsüchtig bei Pansner deutsches schimpfwörterbuch 23ᵃ.
1)
zunächst natürlich ist das adjectiv nur mit personen in beziehung gesetzt, und zwar meist in attributiver function, häufig auch in substantivischer; andere gebrauchsformen sind verhältnismäszig wenig belegt: denn wenn der, der da weiden soll, also auffs guͦt gericht und gewinssüchtig ist, würd er bald selb ein wolff werden. Luther (epistel S. Petri gepr.) 12, 390; aber wollt ir schwächeren sein wie die gewaltigen, ungerecht, bübisch, unedel, gewinnsüchtig, so vergeht ihr zuerst durch solche künste. E. M. Arndt geist der zeit 1², 372;
ein thörichter schütze ist der mord,
schieszt seinen pfeil ab ins dunkle dickicht,
gewinnsüchtig, beutegierig,
und was er für ein wild gehalten,
für frohen jagdgewinn
es war sein kind, sein eigen blut,
was in den blättern rauschte, beerensuchend.
Grillparzer (Argonauten 1) 5⁵, 40.
a)
attributive verbindungen: solche wurtzel durch die gantze landschafft ... gelobt und hoch ist gehalten worden ... letztlichen auch zu uns inn Franckreich, durch die gewinnsüchtige kauffleut, welche sie von dannen zu uns pringen kommen. Sebiz vom feldbau (2, 76) 232; vgl. auch ein gewinnsüchtiger kaufmann Adelung 2, 666 u. a.; dasz an einigen unteutschen orten gewinsichtige Juden etlichen gailen hurenhengsten ... Juden dirnen zugeführt. Grimmelshausen Simplic. schr. (2, 4, 16 vogelnest) 4, 630 Keller; was ist die bildung Europens den betrügerischen, gewinnsüchtigen Phöniciern schuldig. Herder (auch eine philos. d. gesch. 1) 5, 494; für gericht ... wo man mehr einen gewinnsüchtigen, unruhigen, ungewissenhaften advokaten, als der billigkeit und christlichen liebe folget. Abr. a S. Clara Abrahamische lauberhütt 1, 120; so ist der gewinnsichtige gesell gar zu gesparsam in stein, kalch und anderen notwendigkeiten. etwas für alle (der maurer) 1, 538; ebenso (der wundarzt) 1, 123; es ist freilich bekannt, dasz gewinnsüchtige buchhändler ... sich kein gewissen machen, von ... handschriften ... selbst die fehlerhaftesten copien zu erschleichen, und im verborgnen ans licht zu stellen. Gerstenberg über Klotz (litt. denkm. 128) 253; ebenso 395; er (der böse feind) machts auff die art eines vortheilhafftigen und gewinnsüchtigen spielers, welcher anfänglich dem gegentheil freimüthig den gewinn lässet, nur durch solche speckschwarden denselben mehrer zu locken. Abr. a S. Clara Judas der ertz-schelm 2; dasz ein gewinnsüchtiger spieler, wider gott, seinem nechsten und sich selbst, ja wider alle hauptstücke der christlichen catechismus-lehre sündige. Georg Wesenigk böse spiel-sieben 6; sollen auch wir alle geld- und gewinnsüchtige spieler ernstlich fliehen und meiden. 112; ebenso 155; von denen gewinnsüchtigen spielern zu reden ist itzo mein vorhaben nicht. Gottsched vernünftige tadlerinnen 1, 105; mit dem kartenspiele ... diese belustigung müsziger und gewinnsichtiger leute ist unter uns so gewöhnlich, dasz man sich darüber wundern musz. ebenda; die geschichte der gewinnsüchtigen frau. Lessing (in d. Voss. zeitung 1755) 7³, 41.
b)
zu den formen der substantivierung gehört schon: cerdoon, gwhinsüchtiger. darumben das die pfaffen dises gotts (des Apollo) zuͦ zeitten umb gelts willen sich bestechen liessen, und redtend was man gern hort. Joh. Herold heidenwaldt p 3ᵃ; wann man alle läppische ungegründte reden ... von der medicin abnehme, würde ihre klarheit zwar viel schöner ... leuchten ... allein die gewinnsüchtigen würden den beutel nicht mehr so ... spicken können. Ettner des getreuen Eckharths med. maulaffe 442; dem fleiszigen: er sei ein narr, dasz er sich so plage, und nicht mehr dank davon trage. dem gewinnsüchtigen: er würde unter den fremden wohl zehnmal mehr verdienen, als daheim. Pestalozzi (Lienhard u. Gertrud 2, 70) 2³, 277.
2)
über den kreis der personen hinaus greift das adjectiv in attributiver verbindung mit spiel, gewerbe und anderen abstractis, die menschliche triebe oder menschliche thätigkeit verkörpern.
a)
die kinder gottes nach Adam, disen feldlust und dise feldwerbung, vor andern vilfaltigen Kainischen gewinnsüchtigen und prächtischen gewerben ... jnen haben auszerlesen. Sebiz vom feldbau (1580) vorrede 2ᵇ; das laster desz gewinnsüchtigen spielens wird füglich mit der trunkenheit verglichen. Harsdörfer lust- u. lehrreiche gesch. 179; ausz so gewinnsichtigen und niemahls ersättigten geitzspielen. 182; gegen gewinnsüchtigen karten und würffelspielen. gesprächspiele 8, 25; das laster des gewinnsüchtigen spielens. Butschky Pathmos 320; das gewinnsüchtige spiel. Herder ideen (19, 5) 4 (1791), 258; gewinnsüchtige spiele. Jablonski 737ᵇ.
b)
den einzigen wirth ausgenommen, dem er alle die gewinnsüchtige geschmeidigkeit seines handwerkes beigelassen hat. J. v. Sonnenfels briefe über d. Wienerische schaubühne (Wiener neudrucke 7) 82; bald soll er den Pharisäern und ihrer gewinnsüchtigen heuchelei die ernstlichsten strafpredigten halten. Lavater (thaten Christus.wahrheit) ausgew. schr. 1, 86 Orelli; sobald nicht wahre liebe zum wunderbaren gestein und metall den bergmann zur arbeit antreibe, weitete man mit gewinnsüchtiger gier die gruben immer mehr und mehr aus. E. T. A. Hoffmann (Serapions-brüder 1: bergwerke zu Falun) 6, 186 Grisebach; wer als befehlshaber einer wache, als schildwache ... eine strafbare handlung begehen läszt, wird ebenso wie der thäter selbst bestraft und diese strafe noch verschärft, wenn er die handlung in gewinnsüchtiger absicht hat geschehen lassen. kriegsart. f. d. preusz. heer (35), s. bundesgesetzbl. des nordd. bundes 1867, s. 314; dasz irgend ein gesichtspunkt gewinnsüchtiger absicht ausgeschlossen erschien. Georg Reicke das grüne huhn (2, 10)² 170. auffallend ist: die (spiele) aber nur allzu offt, zu üppigem zeitverderb, oder gewinnsüchtigem vortheil gemiszbrauchet werden. Jablonski 737ᵃ.
Zitationshilfe
„gewinnsüchtig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gewinns%C3%BCchtig>, abgerufen am 17.10.2017.

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