glühen verbum
Fundstelle: Lfg. 3 (1941), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 441, Z. 7
herkunft. ahd. gluoen, mhd. glüen, as. gloian (in gloianden candentem ahd. gl. 2, 718, 73; 10. jh.), mnd. glöyen, glö͏̂jen, glôen, mnl. gloeyen, nl. gloeien gehen zurück auf germ. *glōjan zur basis idg. ghlō-; dagegen gehören zur basis ghlōu- ags. glōwan red. vb. und altwestnord., aschw. glóa (norw., schwed. dial., dän. glō) aus *glōwōn (oder *glōwēn; vermutlich liegt ursprünglich starkes vb. zugrunde, das zu den schwachen übergetreten ist); neben ghlōu- steht ablautendes ghlēu- in altwestnord. glǣ(f)a 'glänzen', s. Noreen aisl. gr.⁴ 148. nicht eindeutig bestimmbar ist die grundform von altfries. glīande 'glühend', vgl. van Helten z. lexikologie d. altostfries. 154 f. da ghlō- und ghlōu- vor konsonanten zusammenfallen, ist nicht zu entscheiden, ob das zugehörige verbalabstractum sowie die weiteren germanischen verwandten zu ghlō- oder ghlōu- zu ziehen sind: aisl. glōđ, ags. glēd, ahd. gluot; ags. glōm 'zwielicht, dämmerung'; mit ablaut aisl. glāmsȳni, f., 'eine sehschwäche, welche die dinge anders als in wirklichkeit erscheinen läszt, täuschung, illusion'; glāmr mond, eigentlich der 'blaszgelbe'. sicher stellen sich zu ghlōu- nd. glû (s.glüh), nhd. dial. glau (vgl. teil 4, 1, 4, sp. 7772) und glauch (s. d.). ghlō- und ghlōu- gehören zur idg. wurzel *g̑hel- 'glänzen', die, auch erweitert, im germ. unter anderen noch vertreten ist in gelb, gold, glanz, glatt, glaren, glas, glast, norw. glósa 'funkeln, leuchten, blicken', glimmen, gleiszen, gleiten, glotzen; auszerhalb des germanischen sind noch anzuführen gr. χλωρός 'hellgrün', besonders von der jungen saat; cymr. glo 'kohle'. weiteres sieh bei Walde-Pokorny 1, 624 ff.
form und verbreitung. ahd. gluoen entwickelt frühzeitig in offener silbenscheide wie alle verba pura übergangslaute, so ein i (j), das allmählich auf alle formen übergreift und zu mhd. glüejen neben glüen führt, vgl. gloͮiant ahd. gl. 2, 455, 20 (11. jh.); cluoientes ebda 1, 642, 1 (10./11. u. 11. jh.); die folge uoi, uoe, uoa (erhalten oder wiederhergestellt in argluoit ebda 1, 555, 20 [9./10. jh.] und cluôit Notker 2, 535, 19) wird meist zu uo, ue, ua oder ui vereinfacht: cluontes ahd. gl. 1, 642, 1; gluontero ebda 657, 58 (beide 10. u. 12. jh.); clûonte Notker 2, 582, 20 — gluent ahd. gl. 1, 657, 60 (12. u. 13. jh.); gluentaz ebda 2, 669, 70 (11. jh.) — gluant ebda 2, 455, 20 (11. jh.) — gluintun ebda 2, 440, 29 (11. jh.), das präteritum erscheint ohne bindevokal in cluotost Notker 2, 248; irglota ahd. gl. 2, 66, 13 (11. jh.), daneben mit bindevokal und vereinfachung des diphthongs gluita ebda 2, 440, 32 (11. jh.); vgl. zu diesen ahd. lauterscheinungen Bremer in: P.-B. beitr. 11, 70 f.; Braune ahd. gramm. § 40 anm. 4; 117 anm. 1; Schatz ahd. gr. § 24; 300; 474; Wilmanns dtsche gramm.³ 1 § 156; Krüer d. bindevokal u. s. fuge 244ff. in mhd. zeit heben sich landschaftlich geschiedene dialektformen heraus. umlautlosigkeit und monophthongierung ist vor allem dem mitteldeutschen (einschlieszlich d. ostfränkischen) eigen, läszt sich jedoch aus der überlieferung nicht immer eindeutig feststellen. belege für den gebrauch im präsens: ergluen: muen passional 107, 27 K.; gluet: bluet Daniel 40; 1301 Hübner; Nicolaus v. Landau sermone 35 Zuchold. im präteritum: glûte(n), gluote u. s. w. Eneide 97, 24; 101, 13 Ettmüller; passional 237, 55; 352, 67 K.; Hugo v. Trimberg renner 8806 E. die anschlieszenden jahrhunderte setzen diese tradition fort, vgl. glute Sigenot 174 Schade (nach dem Nürnberger druck); pruna gluende kole vocab. lat.-germ. (md., 15. jh.) Diefenbach gl. 469ᵃ; K. Stolle thüring. chron. 25 lit. ver.; Grunau preusz. chron. 3, 234. — im 12. jh. finden sich formen ohne umlautsbezeichnung auch im obd., vgl. muoet: gluoet vom recht 244 Waag; guote: gluote Vorauer sündenklage 685 Waag; gluotez Freidank 67, 5 Grimm. mit nhd. diphthongierung des ahd. mhd. glûen ˂ gluoen: glauen besonders im ostfränkischen und in teilen des bairischen, vgl. aus neueren mundarten s glaumd 'es glimmt' bei Gerbet mundart d. Vogtlandes 147:
die schlösser wurden glauen,
allererst da wurd ein grauen,
wer brennen kann,
der war ein mann,
hätt wohl gethan
(Würzburg 1525) bei Wolff samml. hist. volksl. (1830) 239;
da musz man bald das glawend köllin leschen C. Huberinus spiegel d. hauszucht (1553) 167ᵇ;
wo kolen bey fewer leit,
die weren glauend kurtzer zeit
Hans Sachs 21, 143, 18 lit. ver.;
ferner fabeln u. schwänke 3, 4; 5, 100 ndr.; w. (1560) 5, 374; (1612) 5, 3, 75 (klawend);
mein reinigkeit zu offenbarn,
will ich gehn auff geglauten scharn
(als gottesurteil) Ayrer dramen 1, 681, 6 Keller;
unsicher, ob hierhin:
da hörte ich dasz mir thet grawen
und noch davon die ohren glawen,
einer der schrye: tolle, tolle,
der ander: amen, crucifige!
Theophilus Justanus Klösels kunstbossen (1619) b 3ᵇ.
das mitteldeutsche (ostmd., rheinfr. und mittelfränk.) kennt w als konsonantischen zwischenlaut: er wird aus dem vorausgehenden û entwickelt sein (Wilmanns 1³, 515; als analogisch faszt das w Wrede beitr. z. germ. sprachwissensch. 1924, 89 f.), s. unten die belege für glûwen aus dem buch der Maccabäer 8970, Karlmeinet 1743 K. und Hermann v. Fritzlar heiligenleben (dtsche mystiker 1, 218 Pfeiffer); vgl. hierzu scintillare gluwen rheinländ. vokab. (1476) Diefenbach nov. gl. 330ᵇ; ferner ignire gluwen md., vokabular (15. jh.), glowen vocab. lat.-germ. bibl. (md., 15. jh.) bei Diefenbach gl. 285ᵇ; im späten 15. und im 16. jh. erscheint vermutlich unter dem einflusz der md. druckersprache obd. die mischform glüwen, vgl. Petrus de Crescentiis (1493) n 6ᵇ, Joh. Adelphus mörin (1512) 28ᵃ; Caspar Hedio chronicon germanicum (1530) 3ᵃ; Braunschweig chirurgia (1539) 91ᵃ. im compositum durchglüewen findet sie sich vereinzelt neben ständigem glüen bei Berthold v. Regensburg, vgl. 1, 127, 28; 413, 11; hier spiegelt sich in dieser form wahrscheinlich die reichere mundartenkenntnis des fahrenden wanderpredigers wider. die formen mit j als konsonantischem übergangslaut sind für das alemannische sprachgebiet bezeugt, vgl. Gottfried v. Straszburg Tristan 15525 Ranke; Rudolf v. Ems weltchron. 9051; Alexander 4840; sieh ferner die unten angeführten belege aus Rudolf v. Ems Barlaam 244, 26 Pf.; Tristan als mönch 1642; Seuse dt. schr. 224 Bihlmeyer. in frühnhd. zeit: Zürch. bibel (1531) 1, 328ᵃ (2. Makk. 7 a); bei H. R. Manuel weinspiel 4205 (Zürich 1548); Joh. Frisius dict. (Zürich 1556) 179ᵇ; 190ᵇ; 1413ᵇ; Maaler teutsch spraach (Zürich 1561) 186; Konr. Gesner thierbuch (Zürich 1563) 119; 132; Joh. Wetzel reise d. söhne Giaffers 107 lit. ver. (Basel 1583); Äg. Tschudi chron. Helvet. 1 (Basel 1734) 346. in der schreibung tritt für j bisweilen g (d. i. der palatale reibelaut) ein (bei den andern verba pura schon ahd., s. Schatz ahd. gr. § 300), vgl. für die mhd. zeit Konrad v. Würzburg Partonopier 8519; Nicolaus v. Straszburg in den dt. mystikern 1, 296, 4 Pfeiffer; Straszburger goldschmiedordnung v. 1363 bei Ch. Schmidt elsäss. wb. 151. für die frühnhd. periode: Niclas v. Wyle translationen 269 Keller; Gersdorff wundarzney (1517) 61ᵇ; der ewigen wiszheit betbüchlin (Basel 1518) 17ᵃ; Geiler v. Keisersberg drei Marien (Straszburg 1520) 16ᵃ; Nicolaus Manuel ablaszkrämer 309; 311 Bächtold; Thomas Murner von den fier ketzeren 117; 3238 Fuchs. seit dem späten 13. jh. tritt g als stimmhafte spiransaltem j) auch auf nd. boden in erscheinung (vgl. Sarauw lautlehre der nd. mundarten 258 f.; 349): glogende (d. i. glöjende) als spätere variante im Sachsenspiegel, lehnrecht I 39; glogen (d. i. glöjen) candescere, ignire, scintillare vocab. ex quo (nd., 15. jh.) Diefenbach-Wülcker 629; gloygende rod totum candens imitatio Christi 6, 1 Hagen; vgl. ferner s. v. glühendig. die formen ohne bezeichnung einer zwischenkonsonanz (vgl. ahd. gluoen, mhd. glüen) sind über das ganze sprachgebiet verbreitet und beherrschen seit dem ausgang der mhd. periode die schriftsprache. ihre letzten ausläufer reichen bis in das späte 18. jh. hinein, vgl. glüet Lessing 6, 181 M.; L. A. Gottsched br. 3 (1771) 160 Runkel; M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 3 (1778) 201; (1781) J. Möser über d. dtsche sprache u. literatur 17 Schüddekopf; der junge Schiller gebraucht die form häufig, vgl. 1, 28; 234; 302; 3, 33; 404; 4, 25; 213 G. daneben steht aber in einigen frühen gedichten, die Schiller mit weniger sicherheit zugeschrieben werden, auch die schreibung mit h, die später normal durchgeführt wird, vgl. 1, 192 u. ö. im 19. jh. ganz vereinzelt:
wir sind der vielen worte müd;
du weiszt, wonach der Deutsche glüt
Herwegh ged. 1 (1842) 125.
die nhd. form mit unorganischem h (vgl. Paul dtsche gramm. 1, 317; Wilmanns dtsche gramm.³ § 156, nr. 1) läszt sich seit der wende vom 16. zum 17. jh. nachweisen und tritt zuerst in obd. drucken auf, vgl. Calepinus XI ling. (Basel 1598) 1183ᵇ: pruna glühende oder brennende kol (dagegen candesco gluͤyend oder feüwrig werden [1579] 200ᵃ); Spreng Äneis (Augsburg 1610) 172ᵇ; 195ᵇ; Henisch (Augsburg 1616) 1669. die schreibung breitet sich im laufe des 17. jh. weiter aus, Opitz (opera [1646] 1, 172) und Ph. Zesen (rosenmând [1651] 152) lassen sie drucken, doch bleibt sie gegenüber der form ohne zwischenkonsonanz vereinzelt; erst im laufe des 18. jh. kann sie sich allmählich schriftsprachlich durchsetzen und schlieszlich behaupten; vgl. das nebeneinander von glüen, glühen bei Henisch (1616) 1669; Stieler stammbaum (1691) 671; Noel Chomel (1750) 4, 1178; dagegen: gluͥhen, gegluͥhet (nicht gluͥen) bei H. Braun orthograph. wb. (1793) 125ᵃ. die verteilung der formen in den heutigen mundarten lehnt sich an den mittelhochdeutschen bzw. frühneuhochdeutschen lautstand des wortes an. j als zwischenkonsonanz ist noch heute im alemannischen und teilweise im westmitteldeutschen (rheinischen) und niederdeutschen sprachgebiet herrschend, vgl. schweiz. idiotikon 2, 621. mit entrundung (vgl. die form gliegen bei Geiler v. Keisersberg) glieje(n) Ch. Schmidt Straszburger ma. 43; Christa Trierer ma. 99; rhein. wb. 2, 1286. mit niederdeutscher lautgebung glöjen (vgl. Sarauw lautlehre der nd. mundarten 258; Lasch - Borchling mnd. handwb. 1, 122) Crecelius Oberhessen 427; Bauer-Collitz waldeck. wb. 40; rhein. wb. 2, 1286; Jensen nordfries. 158. ostfriesisch in der form glojen, vgl. Doornkaat-Koolman 1, 633. im westfälischen, besonders im Osnabrücker land, entwickelte sich das j im hiat zur spirans ʒ mit kürzung des vorangehenden vokals, vgl. Sarauw a. a. o. s. 259: glöggen Strodtmann idiot. Osnabrugense 73; glöggern Woeste 81. mitteldeutsches w ist heute noch in Hessen geläufig, vgl. Vilmar 131. umlautlosigkeit wird für die Altmark bezeugt, vgl. glûn bei Danneil altmärk. 65. mhd. glüen (ohne zwischenkonsonanz) lebt fort in obd. dialekten, vgl. Schmeller-Fr. 1, 969; Jakob Wien 70; Lexer kärnt. wb. 117; Fischer schwäb. 6, 2051; Ruckert unterfränk. ma. 62. mit entrundung obd. und md., vgl. glien bei Fischer 3, 719; Schön Saarbrücken 84; Hofmann niederhess. wb. 108; im rhein. wb. 2, 1286; für das Erzgebirge vgl. Müller-Fraureuth 1, 427. mit niederdeutscher lautgebung glöen (jlø̄·ə) im rhein. wb. 2, 1286; bei Mensing 2, 397. diphthongiert zu gloien (gläuen, gleuen) innerhalb der niederdeutschen diphthongierungsgebiete, vgl. rhein. wb. 2, 1286; Schambach Göttingen 65; Mi Mecklenburg. 27; Woeste westf. ma. 80; bremisch-niedersächs. wb. 2, 519; Mensing 2, 397; Doornkaat-Koolman 1, 633; Siebs Helgoland 226; mit entrundung gleien, vgl. rhein. wb. 2, 1286; für das ostfriesische Doornkaat-Koolman 1, 633.
bedeutung. glühen umfaszt wie die sinnverwandten glaren (s. d.), glimmen (s. d.), glosen (s. d.) und gloren, glören (s. Falk-Torp 1, 329; Mensing 2, 398) die bedeutungen: 'leuchten, glänzen, rot schimmern' und 'in glut stehen; feurig sein' (d. i. 'flammenlos brennen'), die einander sachlich nahe stehen. der idg. grundwurzel *g̑hel- kommt zunächst die bedeutung 'glänzen' zu; innerhalb des germanischen sprachenkreises kennt die altisl. poesie für glóa nur die bedeutung 'glänzen, strahlen', von gold, sonne, waffen, s. lexicon poeticum (²1931) 189; Finnur Jónsson ordbog (1928) 137; in der prosa ist daneben 'in glut stehen, feurig sein' gut bezeugt, s. Fritzner ordbog 1, 612; ags. glōwan glossiert 'fulminavit' (in einer Aldhelmglosse d. 11. jh.) und wird sonst von glühendem eisen und glühenden kohlen gebraucht, s. Bosworth-Toller suppl. 476; Murray 4, 2, 234 (in der ags. poesie fehlt das wort ebenso wie im Heliand). im ahd. gibt gluoen candere, ardere, aestuare, ignire wieder (s. u.); im mhd., mnd., mnl. fast nur in der bedeutung 'in glut stehen, feurig sein' bezeugt (auch hier besonders zu beachten die verbindung mit îsen und kol), vgl. mhd. wb. 1, 551; Lexer 1, 1040; Schiller-Lübben 1, 122; Verwijs-Verdam 2, 1997.
I.
intransitiv.
A.
in glut stehen, feurig sein.
1)
eigentlich. seit alters überwiegt in der anwendung bei weitem das partic. praesentis.
a)
vom glühzustand des feuers, brennbarer stoffe und metalle, vgl. die ahd. glosse gluontero aestuantis (incendii) (10. jh.) 1, 657, 58 St.-S.
α)
gern in verbindung mit sinnverwandten substantiven und verben, in älterer sprache nicht immer streng begrenzt auf die bedeutung 'glimmen, glosen':
er hiez dem kúnege ein gluͤjenden brant
gen in die hant
Rudolf v. Ems weltchronik 9051;
wan ist, daz man glüend gluot mit des paumes (juniperus) aschen bedecket, sô wert si ain jâr Konrad v. Megenberg buch d. natur 325; im bilde:
ze gote stuont sô gar sîn muot,
daz er als ein glüendiu gluot
begunde in gotes minnen
ie mêre und mêre brinnen
Rudolf v. Ems Barlaam 376, 4 Pf.;
es wart nie fuͤr so grosz usz cleinen funken ...
es gluͤt ein schedelich fuͤr, wil mich bedunken,
giesz waszer drin
(v. j. 1437) histor. volkslieder 1, 359 Liliencron.
glühender brand in späterer zeit häufig lexikalisch, vgl. Hulsius dict. teutsch-ital. (1618) 139ᵇ; Widerhold nouv. dictionnaire (1669) 148ᵃ; Dentzler clavis linguae latinae (1716) 137. glühende funken: stricturae gluͤende fuͤncklein, die unter dem schmieden von eisen fallen Zehner nomencl. (1645) 151; (er) wirfft aschen ausz einem eymer oder sacke mit gluͤenden funcken vermischt auff die zuseher J. Prätorius Blockesberges verrichtung (1668) 477; in übertragener verwendung bei Niclas v. Wyle: umb daz ich nit (so ich ains alten füres äschen uftrechen wölt) in mir find ainen gnaiste noch glüynde und lebend translationen 20 Keller. neben bedeutungsverwandten verben:
ez (das tal) was ouch vollez gluote ...
dâ was unreiner stanc ...
hei wie ez gluote unde bran
Alber Tnugdalus 560 Wagner;
do (Moses) sein schaf zusamen treip in ein tal und ruͦen wolt, do sach er den busch gluͦen-und niht verbrinnen Nicolaus v. Landau sermone 35 Zuchold; feür ..., das in vil tag roch und glüet Seb. Franck Germ. chron. (1539) 290ᵃ. verbindungen der eben genannten art sind seltener geworden, denn heute tritt die vorstellung des glühenden, lodernden brandes zurück hinter der einer verglimmenden glut, vgl.: die ruinen von der kirche stehen noch und sind ausgebrannt, aber noch acht tage lang glühte das feuer darin Wilhelm Grimm briefwechsel aus d. jugendzeit (1881) 180 (v. j. 1809); auch im kamin fiel das feuer zusammen und glühte nur noch dunkel Fontane ges. w. I 6, 258. hierher wohl auch: unnd will ein zerknirscht rohr nit zerbrechen, ein gluͤenden butzen nit aussloͤschen (nach Jes. 42, 3) Paracelsus opera (1616) 2, 92 H.
β)
wie glimmen, glosen, schwelen vom flammenlosen feuer in der anwendung auf brennbare stoffe; im bilde:
ez glüen der simonîen koln
Frauenlob 337, 16, s. festschr. für Siebs (1932) 63;
es ist not, das das köllin (der liebe) gliege Geiler v. Keisersberg drei Marien (1520) 16ᵃ. eigentlich: verbande er haimlich ainen gelügenden zunder in das wercke, dar von es bald enzündet gantz an huͦb zebrinnen Niclas v. Wyle translationen 269 Keller; die Germanen gewannen auf diese art salz, dasz sie das salzhaltige wasser auf glühende bäume gossen br. Grimm dtsche sagen (1891) 2, 9. in ähnlicher verwendung: castanien aus der glüenden asche (langen) Treuer dtscher Dädalus (1675) 1, 62; eine lange Virginia, die, wie gewöhnlich, nicht ins glühen kommen wollte Marie v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 3, 397. fest geworden ist die verbindung glühende kohle, mit dem synonym zander schon bei Notker, vgl. clûonte zanderen carbones ignis 2, 582 Pf.: do sprach der engel: sich swer ain stucke der leber uf ainen gluͤgenden kolen leget dtsche pred. 2, 18 Grieshaber; ferner bei Konrad v. Megenberg buch d. natur 339, 19; Ortolff v. Beirlandt arzneibuch (Augsburg o. j.) 32ᵃ; Petrus de Crescentiis (1493) n 6ᵇ;
ein gewaltger herd mit glühnden kohlen
und zwei helle kerzen auf dem simse
C. F. Meyer ged. (1900) 26.
rein visuell im vergleich: ein geswer ... rot als ein gluͦgende kole voc. lat.-germ. (md., o. j.) Diefenbach gl. 639ᵃ; der dolle fähnrich ... so roth wurde, wie eine glühende kohl Grimmelshausen Simplicius 102 Scholte. der redensartliche gebrauch der wendung glühende kohlen auf jemands haupt sammeln geht zurück auf Römer 12, 20 hoc enim faciens, carbones ignis congeres super caput eius: dann wirst du glühende kohlen auf sein haupt häufen Rösch kathol. bibel (Paderborn 1927) (fewrige kolen bei Luther, Eck und Dietenberger); wer nur in gedult seine sachen gott machen lasset unnd auszhalten lernet, der schüttet seinen feinden glüende kolen auffs haubt (1563) Mathesius ausgew. w. 2, 115 Lösche; vgl. Campe 2 (1808) 410; das gebeth der noth ... häufet glühende kohlen auf des unterdrückers haupt Herder s. w. 26, 337 S. mit eigenartiger umkehrung des gedankenganges:
so sammle ich den hasz wie glühende kohlen
auf meinem haar ...
Weinheber vereinsamtes herz (1935) 46.
auf glühenden kohlen stehen, sitzen: wenn ich ein geheimnis weis, so stehe ich auf lauter glüenden kohlen Gottsched dt. schaubühne (1741) 3, 100; Hans Unwirrsch sasz auf glühenden kohlen, (denn) er wuszte, wo der lieutenant den Moses Freudenstein ... gesehen hatte W. Raabe d. hungerpastor (1864) 2, 92.
γ)
vor allem in der anwendung auf metalle und metallene gegenstände. hier wird auch die grenze zu glimmen, glosen und schwelen sichtbar, deren gebrauch stets einen verbrennungsprozesz voraussetzt:
durch wort ein îsen niemen mac
gebrennen, gluotez allen tac
Freidank 67, 6 Bezzenberger;
auff das macht der jüngling das eysen im feuwr wol glüyendt Joh. Wetzel reise d. söhne Giaffers 107 lit. ver.; in der bekannten sprichwörtlichen fassung zuerst bei Seb. Franck: wann das eisen gluͤet, sol man es schmieden sprichw. (1541) 2, 153ᵃ;
ich war erhaͤrtet wie zumahl
durch wasser ein gluͤnder stahl
Wolfh. Spangenberg bei Dähnhardt griech. dramen 2, 94;
viel flammen aber müssen
daz würcken, wo der stahl sol glühn
Lohenstein Ibrahim sultan u. a. ged. (1679) 7.
als adjektivisches partizip in der festen verbindung glühendes eisen (vgl. oben glühende kohle):
vertriuwet daz gerihte
zem glüejenden isen
Gottfried v. Straszburg Tristan 15525 Ranke;
daz glogende ŷseren zu tragene Sachsenspiegel landrecht I 39; in der hand des schmiedes verträgt (das gefühl) ein fast glüendes eisen A. G. Kästner verm. schr. (1772) 2, 111. im vergleich: bei jeder anspielung wichst du von fern schon aus, als käm dir ein glühendes eisen zunah Mörike w. 3, 48 Göschen.
δ)
vom glühzustand metallener gegenstände und waffen, vgl. in den ahd. glossen gloianden (as., 10. jh.) 2, 718, 73 St.-S.; gluentaz ebda 669, 70 (zu Vergils Äneis 12, 91: candentem ensem); verbindungen wie glühender ofen (s.ofen teil 7, sp. 1155), glühende zange (s. zange teil 15, sp. 217), glühende kugel sind oft bezeugt:
der ofen der dâ gluote
Vorauer sündenklage 685;
tiuvel, die wecke dort dîn glüendiu zange
ein alt meistergesangbuch, s. mhd. wb. 1, 551;
do muesst er stät sehen in zwai glüende peck, davon er gantz erplindt (1481) Füetrer bayr. chronik 108 Spiller; accensa patella ein gluwende pfann Melber vocab. predic. (1486) a 3ᵃ; (sie) machten dy pfeile gluende, do sy mete schossen Konrad Stolle thüring. chron. 25 lit. ver.; messinn thrat, der geglüwet ist gewesen H. Braunschweig chirurgia (1539) 91ᵃ; er ward auf des scharfrichters karren gesetzt, mit glüenden zangen gerissen Chr. Weise die drey klügsten leute (1675) 318; mit glüenden kugeln schieszen M. Kramer teutsch-ital. dict. 1 (1700) 543; das treffliche geschütz, die glühenden kugeln brachten die besatzungen (der festungen) in verzweiflung Ranke s. w. 2 (1867) 302; dazu vgl. 'glühende kugeln als brandgeschosse aus geschützen waren schon im 16. jh. bekannt' v. Alten hdb. f. heer u. flotte (1909) 4, 82; ferner Wolff mathem. lex. (1716) 678; Fäsch kriegslex. (1735) 118ᵃ. als epitheton in eigenartigem vergleich: got ist ein glüender backofen foller liebe, der da reichet von der erden bisz an den himmel (1522) Luther 10, 3, 121 W.; ähnlich 15, 499; die göttliche natur ... ein glüender bachofen von lauter lieb Dannhawer catechismusmilch (1657) 1, 84.
ε)
von erhitzten steinen: die gluintun steina ahd. gl. 2, 440, 29 St.-S. als glosse zu Prudentius peristephanon 13, 78: saxa recocta vomunt ignem niveusque pulvis ardet; man leit einen stein zuo einem fiure. gât nû daz fiur in den stein? nein ez, diu kraft des fiures gât in den stein, daz er rehte glüegende wirt Nicolaus v. Straszburg, s. dtsche mystiker 1, 296 Pf. in redensartlicher wendung: denn wer sich des kaysers brunst zu dämpffen unterstehen wil, der geust nur öl ins feuer und wasser auff glüende steine Ziegler d. asiatische Banise (1689) 530; aber (diese bemühungen) sind tropfen auf einen glühenden stein Fr. L. Jahn w. 2, 605 E.
b)
von der atmosphärischen wärme. glühen wird, oft nur in steigerndem sinn, als typisches verbum bei schilderungen von wärmezuständen im reich der natur angewandt; von der sonne:
die erd gar dick on fewr enbrint
von heisem glüwen und sonnen glitz
J. Adelphus mörin (1512) 28ᵃ;
dort hängt mein graues haupt, dem ungestümen regen,
dem glühnden sonnenschein und bittern schnee entgegen
Göthe I 16, 35 W.;
der eindruck von hitze herrscht vor, während das visuelle moment, wie im voraufgehenden, ganz fortfällt oder sich doch nur beiläufig bemerkbar macht: die nachmittagssonne glühte in seinen haaren Storm w. (1899) 1, 98;
reife goldorangen fallen sahn wir heute, myrte blühte,
eidechs glitt entlang der mauer, die von sonne glühte
C. F. Meyer ged. (1900) 205.
von landstrichen und zonen südlicher breiten: daher der contrast der moral der glühenden zonen mit der moral der kalten länder Wieland Agathon (1766) 1, 117;
durch wüsten, die von hitze glühn
Hölderlin ges. dicht. 1, 33 Litzmann.
übliche verbindungen mit dem adjektivischen partizip: er ist ein opfer allzu groszer anstrengungen geworden in dem glühenden clima (Griechenlands) Jacob Grimm an Dahlmann briefwechsel 1, 403; in dieser einsamen, todtstillen wüste ... mit deren flugsand ein glühender mittagswind die mühsame spur des kameeles verwehet, liegt wie im meere ein grünes eiland Droysen gesch. Alexanders d. Groszen (1838) 212; insbesondere glühende hitze für die sommerliche oder mittägliche temperatur: (die truppen) muszten am 25. august in glühender hitze 50 km und mehr zurücklegen A. v. Mackensen br. u. aufzeichn. (1938) 46. das adjektivische partizip ist in dieser umgebung auch umgangssprachlich geläufig geworden, während die finiten verbalformen das gewähltere ausdrucksmittel bleiben:
dort athmet kühle, liebliche kühle, wenn
der sommer glühet
Herder w. 27, 41 Suphan;
und immer schwächer und stiller glühte der mittag C. F. Meyer Jürg Jenatsch (1901) 4; der glühende sommertag hatte jetzt alles in die dunkeln schatten gescheucht Hölderlin ges. dicht. 2, 125 Litzmann. wohl von hier aus übertragen: bald werd ich mich wieder baden in deinen glühenden düften, herrliches land (Italien), du heimat aller kunst! E. T. A. Hoffmann s. w. 7, 205 Grisebach; anders, steigernd:
im kelche der blume, im farbigen, nun
das stille verschlieszen, das liebliche ruhn!
und wenn ich entsteige der thauigen gruft,
umströmt mich, entbunden, der glühendste duft
Hebbel w. 6, 254 Werner.
c)
glühender wein 'heisz gemachter wein, glühwein', vgl.geglühter wein sp. 453 und glühwein: glüender wein vinum defruttum Frisch teutsch-lat. 1 (1741) 358; auch hatte man einen sogenannten glühenden wein, der mit vielerley gewürzen und dazu geklopften gelben eyerdottern gekochet und bey kalter und neblicher witterung ... getruncken wurde Fr. S. Bock naturgesch. v. d. kgr. Ost- u. Westpreuszen (1782) 1, 275. in übertragenem sinne 'feuriger wein': wir verzehrten hierauf einen glüenden wein nebst dem schmackhaftesten gebackenen der Leipziger avanturieur (1756) 1, 223;
Rheinwein ... du
bist glühend, nicht aufflammend,
taumellos, stark, und von leichtem schaum leer
Klopstock oden 1, 117 M.-P.;
du entbehrst dort dieser warmen luft, dieses heitern himmels, dieses glühenden weins Tieck schr. (1828) 3, 37. vom visuellen her bestimmt ist ein verbaler gebrauch wie z. b. der wein glüht im glase, vgl. unten I B 2, sp. 452.
2)
übertragen.
a)
von physischen zuständen. in der umgangssprache und in den mundarten allgemein verbreitet. die beiden bedeutungen, 'erhitzt sein' und 'rot (im gesicht) aussehen', fallen hier zusammen:
alsz dan sitzt er da, glüet und schwitzt
Wolfh. Spangenberg bei Dähnhardt griech. dramen 1, 128;
steil wird der pfad, die wandrer glühn
Annette v. Droste-Hülshoff w. 2 (1879) 89;
die kerzen brennen und die geigen schreien,
es theilen und es schlieszen sich die reihen,
und alle glühen; aber du bist blasz
Storm ges. schr. (1884) 1, 26.
als folge genossener geistiger getränke: sie hatten sich so voll gesoffen, dasz sie glüheten wie die rothen zinszhäne Joh. Riemer d. polit. maulaffe (1679) 64; vgl. Hennig preusz. wb. (1785) 87. mit scherzhafter übertreibung: sie marschieren wie trunkenbolde bei nacht, die keine andren laternen haben, als ihre glühenden nasen Eichendorff s. w. (1864) 4, 376. in der redensart glüht wie Rastenburg von einem, der viel getrunken hat bei Schemionek elbing. 13; Frischbier preusz. 1, 215; zur entstehung vgl. Wander dt. sprichw.-lex. 1, 1781. — auf den inneren zustand übertragen: sein ganzes wesen glühte noch von dem geistigen weine Wackenroder herzensergieszungen (1797) 237. mundartlich gern im drastischen vergleich: du glöstja asn legghen Mensing schlesw.-holst. wb. 2, 397; vgl. dazu aus dem 16. jh.: denn ihr (der bettler) angesicht gluͤet offt wie eine leggehenne A. Pape d. bettel- u. garteteuffel (1586) m 4ᵇ; he glögget as een backauve Strodtmann idiotikon Osnabrugense (1756) 73; Schambach Göttingen 65; ähnlich: Brendicke Berliner wortschatz 128; rhein. wb. 2, 1286; vgl. auch Ruckert unterfränk. ma. 62. im fieber glühen: ein heftiges wundfieber ergriff ihn nun. er glühte die ganze nacht durch Kretschmann s. w. (1784) 5, 306. auch mit adjektivischem partizip vom fieber selbst: sie kannte seine eifersucht, diese krankheit, die ihn verzehrte von den ersten tagen ihrer ehe an, wie ein glühendes fieber in seinen eingeweiden H. v. Kahlenberg d. familie Barchwitz (1902) 11.
b)
glühen von äuszeren körperlichen vorgängen und zuständen, die eine innere erregung widerspiegeln, vgl.:
wie schlägt mein herz, wie glüht mein blut
Göckingk ged. (1780) 1, 261.
α)
üblich von heiszen tränen:
fühlst du (schnee) meine thränen glühen,
da ist meiner liebsten haus
Wilhelm Müller ged. 115 Hatfield;
mehr vom visuellen eindruck:
manche träne — aus Pandoras büchse —
sieht man dort (im dom) am rosenkranze glühn
Schiller s. schr. 1, 192 G.;
als adjektivisches partizip:
doch des sieges lauf
hielt schnell ein glühnder strom von thränen
unwiederstehlich auf
Göthe I 37, 30 W.
β)
von einzelnen körperteilen, meist den seelisch-körperlichen gesamtzustand charakterisierend, ohne dasz der ursächliche zusammenhang immer erkenntlich wird; umgangssprachlich allgemein üblich: wie mein angesicht glühet und wie mein geist nach den rosen lechzet, welche auff ihren lippen blühen Ziegler d. asiatische Banise (1689) 483; beyde erschraken, und ihre wangen glühten von einem tiefern roth Heinse w. 5, 289 Schüddekopf; ein um das anderemal muszte sie in der arbeit innehalten, die glühenden wangen kühlen Ganghofer almer u. jägerleut (1900) 184;
am birnbaum sitzt mein töchterchen im gras;
die märchen liest sie, die als kind ich las;
ihr antlitz glüht, es ziehn durch ihren sinn
Schneewittchen, Däumling, Schlangenkönigin
E. Geibel ges. w. 3 (1883) 238.
vielleicht redensartlich: herr oberster, das ist die natur und art unsers Gallofrancken, dasz sie nichts gelten, als in erster hitz, wann ihnen die köpff noch glüen Fischart Gargantua 423 ndr.
c)
breiten raum gewinnt die verwendung des wortes bei der übertragung auf die gefühlswelt des menschen.
α)
das visuelle bedeutungselement wird nur gelegentlich deutlich, so im sinne von 'errötend glühen (vor scham)':
er lac, dêst âne lougen,
von schame in hitze glüegende
und als ein rôse blüegende
Konrad v. Würzburg Partonopier 8519;
die fürstin erzählte (ihr erlebnis), vor scham glühend, ihrer amme Klopstock gelehrtenrepublik (1774) 293; vgl. ferner Herder: wenn wir in spätern sprachen den zorn als phänomenon des gesichts oder als abstractum in den wurzeln charakterisieren, z. e. durch das funkeln der augen, das glühen der wangen usw., und ihn also nur sehen und denken: so höret ihn der morgenländer! s. w. 5, 70 S.
β)
in der regel treten alle äuszeren begleiterscheinungen zurück: er glühte durch sein ganzes ich, und nachtwolken sollten es kühlen Jean Paul s. w. (1826) 7, 118; dann hatte sie sich, weil sie wohl sah, wie er glühte, losgemacht Wilhelm v. Scholz erzähl. (1924) 99; ein tiefer entschlossener mann, der unter äuszerer kälte innen glüht Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 1, 341. in dichterisch erhöhtem sprachstil mit umschreibendem subjekt:
doch was hilffts in blut geschrieben?
wenn mir disz getreue lieben
weder furcht noch hoffnung zieht.
kranke mögen sich beklagen,
nur mein herz soll garnichts sagen,
ob es noch so heftig glüht
J. Chr. Günther ged. (1735) 250;
dasz auch fern vom goldnen tage
wo die schatten traurig ziehn,
liebend noch der busen schlage
zärtlich noch die herzen glühn
Schiller s. schr. 11, 203 G.;
diesz wird die letzte thrän nicht sein,
die glühend herz aufquillet
Göthe I 4, 95 W.;
es ist die knappe, die herbe, die von liebe zu diesem land glühende seele meines volkes, die zum erstenmal aus deinem gedicht zu mir sprach, Theodor Fontane, — du Märker, in diesen boden gesenkt wie ich Agnes Miegel werden u. werk (1938) 21. gewöhnlich treten nähere gefühlsbestimmungen hinzu (glühen von liebe, zorn, hasz u. s. w.), die in gehobener sprache selbst zum subjekt werden können. beide gebrauchsweisen laufen von je nebeneinander her:
wan in begunde enzünden
diu wâre gottesminne:
diu lac in sînem sinne
brinnend unde glüejende
Konrad v. Würzburg Alexius 215 G.;
dise freüd gottes leit in irem hertzen und gluͤet Tauler sermones (1508) 37ᵇ; (die) so von dieser begierde (des forschens) fast glühen Butschky Pathmos (1677) 181;
ja ja, du liebst, du glühst von liebe
Schiller s. schr. 15, 1, 22 G.;
von seeligen entwürfen glühte dir,
von tausend goldnen träumen deine brust
Hölderlin s. w. 1, 146 v. Hellingrath;
wie sie alle vor dir knien
und von früher andacht glühen
Schubart s. ged. (1825) 1, 24;
seine fantasie glühte Fr. H. Jacobi w. (1812) 5, 319; dieser hasz (gegen die Franzosen) glühe als die religion des deutschen volkes E. M. Arndt schr. für u. an s. lieben Deutschen (1845) 1, 371; fühl ich dich recht heraus, so glühst du eigentlich vor sehnsucht Bettine Clemens Brentanos frühlingskranz (1844) 131. ganz üblich ist im neueren schrifttum die verbindung eines abstractums mit dem adj. partizip: (die) glühende leidenschaft einer mächtigen und reizenden nebenbuhlerin Wieland Agathon (1766) 1, 18; Archyta hatte niemalen weder eine glühende einbildungskraft noch heftige leidenschaften gehabt 2, 308; ihre (der schauspielerin) heisze liebe, ihren glühenden enthusiasmus Göthe I 40, 95 W.; (den) busen voll glühender unerschöpflicher liebe Schiller s. schr. 3, 404 G.; mein wesen mattete sich um so schrecklicher ab, je mehr ich meine glühenden wünsche verbarg Hölderlin ges. dicht. 2, 62 Litzmann; wenn ich mir das alles so denke, dann überströmt mich ein glühendes gefühl Görres ges. br. (1858) 1, 23; glühende menschenliebe und menschenverachtung beseelten ihn (Friedrich den Groszen) zu gleicher zeit Fr. Meinecke Boyen 1, 13. hierhin rechnen auch die verbindungen glühender patriot, glühender freund u. ä., vgl.glühend A, sp. 455. das bildhafte moment, das im voraufgehenden nur angedeutet wird, tritt gelegentlich auch stärker hervor: von dem dichterischen feuer, welches in diesem gemählde glühet Wieland Agathon (1766) 1, 288; bald aber war es, als strahle der glühende funke himmlischer begeisterung durch mein inneres E. T. A. Hoffmann s. w. 2, 28 Gr.
γ)
in verbindung mit ausdrücken wie rede, wort u. ähnl. charakterisiert glühen die hinreiszende und zündende gewalt der sprache. althochdeutsch in anlehnung an den lateinischen grundtext: din uuort cluoit unde zundit harto unde din scalhc minnota iz. ignitum eloquium tuum vehementer et servus tuus dilexit illud Notker 2, 535 Piper; Wieland schien mir in seinen ersten versuchen ein unwahrer dichter; seine rede glüete mehr und sein colorit war weit lebhafter als seine empfindung J. Möser über d. dtsche spr. u. literatur 17 Schüddekopf; (Winckelmann) der in einer eigenen glühenden, tief eindringenden sprache schrieb Ernst Brandes in den Göttinger gelehrten anzeigen (1806) 491.
δ)
gelegentlich auch bei begriffen, die erst durch verbindung mit glühen in die gefühlswelt einbezogen werden und dadurch eine inhaltliche steigerung erfahren:
eure tugend glühte schon, da noch eure jugend blühte
S. v. Birken ostländischer lorbeerhäyn (1657) 365;
altes recht sich breitet aus, treu und glaube glüen
Neumark neuspr. teutsch. palmbaum (1668) 30;
während im norden die neue gläubigkeit glühte W. Schäfer d. 13 bücher d. dtschen seele (1925) 205. in eigenartigem zusammenhang bei Göthe: ein schwärmerischer ernst glüht auf dem gesicht (des apostels Paulus von Raphael) I 47, 229 W.;
was mit glühendem ernst die liebende seele gebildet,
reizte dich nicht
I 5, 282 W.
vom leben in seiner höchsten steigerung: alles ist vergänglich, aber keine ewigkeit soll das glühende leben auslöschen Göthe I 19, 179 W.; versöhnung ist mitten im streit und alles getrennte findet sich wieder. es scheiden und kehren im herzen die adern und einiges, ewiges, glühendes leben ist alles Hölderlin s. w. 2, 291 v. H.; so sind jene antiken sarkophage zu verstehen, die mit ihren bildern des glühendsten lebens dem klagenden betrachter zurufen Schopenhauer w. 1, 362 Grisebach.
d)
selbständige bedeutungen, vor allem in verbindung mit präpositionen.
α)
glühen für:
tausend hände belebt ein geist, in tausend brüsten
schlägt, von einem gefühl glühend, ein einziges herz,
schlägt für das vaterland und glüht für der ahnen gesetze
Schiller s. schr. 11, 78 G.;
für das vaterland habe ich als kind in frommer ergebung gebetet, als knabe geglüht, als jüngling mit sehnungen und ahnungen geschwärmt, als mann geredet, geschrieben, gefochten und gelitten Fr. L. Jahn w. 2, 728 E.;
und wie der mensch, soll er sich nicht verflüchtgen,
für etwas hohes glühen musz und würdges,
weih ich mein ganzes sein dem reinsten triebe
Bauernfeld ges. schr. (1871) 5, 85.
auch mit persönlichem objekt:
sie glühten für einander und ich fachte
selbst odem ihren leidenschaften zu
Göthe I 9, 302 W.
vereinzelt in poetischer sprache mit reinem dativ:
wenn eines ganzen volkes kraft
für seines gottes heiligthum
die lanze hebt so schaft an schaft,
wer glühte nicht dem schönsten ruhm?
Annette v. Droste-Hülshoff w. (1878) 1, 58.
β)
glühen als petere. aus verbindungen wie den in sp. 449 genannten vor sehnsucht, verlangen, begierde glühen hat sich schon früh eine eigene bedeutung entwickelt im sinne von 'brennend (nach) etwas verlangen', vgl. den ähnlichen vorgang unter brennen teil 2, sp. 368. im mhd.:
der gotes engel im erschæin,
unt sæitim aber, er solde hæim
ze der ewigen hæimüete,
dar sein gedanch ie glüete
sider sich ihtes versan
Servatius 1626 Fr. Wilhelm;
in späterer zeit: es brauchte wenig mühe diejenige zu entzünden, die vorhin in voller brunst nach gold und silber glüheten Er. Francisci d. hohe trauersaal (1665) 1, 991;
wie glühst du nach dem schönen munde,
der bald verstummt und nichts versagt
Göthe I 1, 50 W.;
mundartlich bei Schmeller-Fr. 1, 969. bisweilen auch mit folgendem infinitiv:
ich glühe tags nicht mehr dir immer nachzuziehen
Joh. Nik. Götz verm. ged. (1785) 1, 51;
mein herz glüht an dem seinigen zu schlagen
Schiller s. schr. 13, 253 G.;
vgl. auch 6, 405 G.; manche rasche südländerin mochte glühen, ihr herz und ihr glück an seine brust zu werfen Stifter s. w. (1901) 3, 192.
B.
leuchten, glänzen, rot schimmern. diese bedeutungan sich ursprünglicher als A (sieh oben sp. 444), und in vielen alten verbindungen wie glühendes feuer, eisen, kohle in éiner anschauung untrennbar mit A vereinigtist auf allen sprachstufen vorhanden; im ahd. nur vereinzelt greifbar: (scintillae quasi adspectus aeris) candentis cluoientes ahd. gl. 1, 642, 1. 2 St.-S. (10. jh., zu Ez. 1, 7); im mhd. selten und nur im vergleich (s. u. 1); für die frühneuhochdeutsche zeit in synonymer verbindung bezeugt: es ist nit das end, es ist aber der weg, es gluwet und glintzt noch nit alles, es fegt sich aber allesz (1521) Luther w. 7, 537 W.; häufiger seit dem 18. jh.:
alles gläntzet, alles glühet,
alles funckelt, alles blühet
durch der sonnen gegenwart
Brockes irdisches vergnügen in gott 5 (1770) 35;
vgl. auch 8 (1746) 27; ganz unabhängig vom politischen gedräng und gemächte ist alles im groszen geblieben, drängt, treibt, glüht, schimmert: oktobertage — sie kennen sie (aus Paris 1920) Rilke br. (1937) 323; in bildhafter übertragung:
was dort (im original) durchsichtig glänzt und glüht,
hier (in der kopie) wie ein alter topf aussieht
Göthe I 16, 152 W.
in neuerer zeit zumeist so gebraucht, dasz die vorstellung von A mit hereinspielt oder gar zugrunde liegt.
1)
vom lichtschimmer: ein funke des mondlichtes glühte auf dem rande ihres bechers wie ein goldner tropfen Levin Schücking an Annette v. Droste-Hülshoff, s. br. (1893) 12 Schücking; der lichtschein glühte durch die fenster und die offene tür der (eisen-)hütte Paul Ernst zehn geschichten (1933) 44. vom licht der gestirne und ihrem widerschein, besonders vom morgen- und abendrot:
die falben wolken glühn von blitzendem rubine
und brennend gold bedeckt das feld
A. v. Haller ged. 4 Hirzel;
der heitere nachthimmel von unendlichen sternen glühend Göthe I 7, 164 W.;
bis des dunkeln stromes welle
von Aurorens farben glüht
Schiller s. schr. 11, 201 G.;
wenns kaum im osten glühte,
die welt noch still und weit
Eichendorff s. w. (1864) 1, 243;
wenn die glühende mondesscheibe ober ihr (der stadt) stand und auf sie niederschien Stifter s. w. (1901) 3, 11; da glühten im letzten abendscheine griechische giebelfelder und gotische türme G. Keller ges. w. (1889) 2, 136; an einem blauen und windstillen sommertage musz man turm, giebel und mauern sehen, die bei trübem licht farblos und altersgrau erscheinen; da flammen sie auf, glühend jubiliert der backstein, die sonne spielt im lindenlaub, das wasser leuchtet Werner Bergengruen dtsche reise (1934) 11;
doch oben in den ländern gestirnerblüht
ist wandern von gewändern, das wolkig glüht
Weinheber vereinsamtes herz (1935) 22.
vgl. dazu auch die zusammenrückung alpenglühen von der letzten sonnenspiegelung auf den gipfeln des gebirges bei Fontane ges. w. I 4, 318; dazu ferner: als wir auf dem Rigi, umgeben von dem abendglühen der alpen, standen und abschied nahmen Stifter s. w. (1901) 1, 1, 57. glühen ist seit älterer zeit stehender ausdruck für das leuchten und funkeln der augen; im vergleich:
sîn ougen glûten sam die kolen,
daz fûre im ûz dem munde flouch
Heinrich v. Veldeke Eneide 97, 24 Ettm.;
sein volles auge glühte
von muth und hoffnung
Göthe I 10, 67 W.;
und ach, zwei mädchenaugen glühten! —
da wars geschehn um dich, gesell!
W. Müller ged. 116 H.;
mit adjektivischem partizip: da steigt sie schon mit munterem schritt und glühendem blick den hügel herauf Göthe I 13, 1, 270 W. übertragen auf den schimmernden glanz von edelsteinen; mhd. im vergleich:
vier edele steine ...
die gelîchten wol der sunnen
und lûhten sam sie brunnen,
sie glasten als ein glüendiu gluot
herzog Ernst B 2597;
in neuerer zeit:
am krönchen goldig, perlich,
und am scepter blitzend herrlich
lacht smaragd und glüht rubin
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 123.
2)
von der leuchtkraft der farben: Giorgio Barbarelli da Castel Franco ... bediente sich noch glühenderer tinten Göthe II 3, 359 W. besonders vom purpur:
dein purpur müsse stetig glühen,
der itzt so lichte funken streut
Amthor bei Weichmann poesie d. Niedersachsen 2, 57;
der schlag ist offen und eben sieht
sie im portale verschwinden
eines kleides falte, die purpurn glüht,
und den schleier, segelnd in winden
Annette v. Droste-Hülshoff w. (1879) 1, 310.
in freierer verwendung von dem farbenreichtum der natur:
wenn die blüthe nun blüht, wenn in dem strahle des sommers
sich die ebene röthet, wenn der begeisternde herbst glüht
Giseke poet. w. (1767) 24 Gärtner;
nun glühen schon des paradieses weiten
in überbunter pracht
Göthe I 3 78 W.
ebenso von früchten und blühenden blumen, vor allem der rose:
kennst du das land, wo die citronen blühn,
im dunkeln laub die goldorangen glühn
Göthe I 21, 233 W.;
deine (der mutter erde) gesparte kraft flammt auf in üppigem frühling,
rosen glühen und wein sprudelt im kärglichen nord
Hölderlin s. w. 2, 27 v. Hellingrath;
da glühen die blumen am weg von mir zu dir Bettine d. Günderode (1840) 1, 203; einzelne knorrige apfelbäume stehen mitten im gras, gebückt und schwer, mit allen äpfeln glühend Rilke tagebücher 1899 -1902 (1931) 296;
nun atmet alles land in lichtgefunkel,
und längs den wegen, satt von sommerduft,
glühn rosen rot aus ernstem laub heraus
Weinheber adel u. untergang (1937) 48.
von der funkelnden farbe des weins (s. oben sp. 447):
wo der wein im becher glühet
C. Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 124;
mädel, schenk mir den becher voll
bis zum rande mit wein!
rot glüht der wein und er glüht wie toll,
rosenjung mädel, schenk ein!
Liller kriegszeitung (1916) 74.
mit bildhafter übertragung: indesz hoffe ich, dasz man ... nicht überall gleich glühende farben des ausdrucks verlangen werde J. A. Cramer s. ged. (1781) 1, vorwort; mit glühenden farben zeichnet sich dieser hasz ... in der apocalypse Johannis Mommsen röm. gesch. (1894) 5, 520.
3)
in verbindung mit abstrakten begriffen vertieft sich die bedeutung:
nun glühte seine wange roth und röther
von jener jugend, die uns nie entfliegt
Göthe I 16, 166 W.
noch ganz bildhaft: mir ist die morgenröthe der jugend noch nicht untergegangen, ist ihre farbe auch nicht mehr so glühend, so ist sie um so sanfter und milder Klinger w. (1809) 11, 86; dagegen den oben sp. 450 angeführten belegen glühendes leben nahestehend:
denn sie erwacht mit mir zu neuer, glühender jugend,
meine schwester, die süsze natur
Hölderlin s. w. 2, 20 v. Hellingrath;
sie (Diotima) machte sich los. mein ganzes wesen flammt' in mir auf, wie sie so vor mir hinwegschwand in ihrer glühenden schönheit Hölderlin ges. dicht. 2, 128 Litzmann.
C.
unter dem einflusz des reimwortes blühen neigt glühen zu einer bedeutungsmäszigen angleichung an dieses verbum: o wie bald ist es umb ein rosenblümlein geschehn, also leicht ist auch ein mensch dahin, wanns noch so schön glüete und blühete J. Pollio christliche trostschr. (1609) h 6ᵇ; er darf nicht glühendes blühendes wort mit dem toten ausreiszen (aus der Lutherbibel) R. Binding kraft dtsch. wortes (1933) 13. wohl in nur lautspielerischer verwendung bei Brentano:
ein glühen und ein blühen,
ein friede und ein glanz,
dem herrn für seine mühen
der höchste siegeskranz
ges. schr. (1852) 2, 510,
und Fouqué: man sollte wohl vor dem glühen und blühen des abgrundes erschaudern, der man selber ist altsächs. bildersaal (1818) 4, 492.
II.
transitiv.
A.
zum glühen bringen, in glühenden zustand versetzen.
1)
in verbindung mit metall und metallenen dingen; übertragen schon bei Notker: quoniam probasti nos deus, ignisti nos sicut ignitur argentum. wanda du besuohtost unsih, cluotost unsih also man silber tuot 2, 248 P.; eigentlich:
smiden unde giezen,
glüejen unde vliezen
muoz ez (d. i. daz gesmîde) sich lâzen, swie er wil
Rudolf v. Ems Barlaam 244, 26 Pfeiffer;
der (münzmeister) nahm die geringe und verbotene schilling an, die (er) auf das neue gluete und im weinstein sotte Grunau preusz. chron. 3, 234. besonders vom eisen:
swie harte sich der muoet,
der daz îsen gluoet
vom recht 244 bei Waag kl. ged. 77;
wir wolten eysen glühn und nehmen in die hand,
den göttern eyde thun und gehn durch glut und brandt
Opitz opera poetica 1 (1690) 172;
lexikalisch bei Kramer teutsch-ital. 1 (1700) 543; das glühen der stähle ... den stahl ... in der temperatur unter 721° glühen L. Scheer was ist stahl? (1938) 18; von daher zahlreiche fachsprachliche bildungen wie glühform, -haube, -kasten, -topf u. s. w.; schornstein an schornstein, und überall wird geglüht, gehämmert und gefeilt Frenssen Jörn Uhl (1902) 383; ferner:
balde gebot er springen
so hin den oven gluen
Daniel 1301 Hübner.
2)
von mineralischen und chemischen stoffen (vgl. glühendig 1, sp. 458): nim wüelstein den man brucht zuͦ den beinbrüchen vnd leg den vff ein gluͦt vnd gluͤg in Gersdorff wundarzney (1517) 71ᵇ; nim galmeystein ein pfund: gluͤe den auff kolen sechsmal und lesche ihn allemal in ... wein ab O. Gäbelkover artzneybuch (1596) 2, 83; nimb das korn (des golderzes), fletzsch mit einem hamer, gluͤe es L. Ercker beschr. aller mineral. ertzt (1580) 52ᵃ; auf der Pfaueninsel glühte Johannes Kunkel rubinglas M. Krammer Berlin u. d. reich (1935) 58.
3)
vom wein, besonders in der adjektivischen partizipialverbindung geglühter wein (s. auch glühwein sp. 465): dem rieth Gelanor, er solte sich eine schale geglüeten wein bringen lassen Chr. Weise d. drei ärgsten erznarren 120 ndr.; man setzte sich hiernechst in einen kräysz und gebrauchte einen geglüeten wein Lohenstein Arminius (1689) 2, 1603ᵇ;
der thee macht alle geister flüchtig,
deszgleichen ein geglühter wein
Chr. Fr. Henrici ernst-, scherzh. u. satyr. ged. (1727) 1, 469.
vereinzelt auch von anderer flüssigkeit: in der woche aszen wir meist kartoffelsuppe, oder kartoffeln in der schale mit etwas geglühtem rüböl August Winnig frührot (1926) 69.
4)
in bildhafter und übertragener anwendung. von innerer erregung:
hier hebet schwärmerey und zärtliches verlangen
des ritters brust und glühet seine wangen
Alxinger Doolin (1797) 183;
ihr eignes blut, von wilder lust geglüht
Schiller s. schr. 1, 249 G.
mit umschreibendem objekt (vgl. oben glühen I A 2 c β, sp. 449):
wer gibt mir eine thränenflut,
dasz ich mein leid beweine?
wer glüt mein hertz mit krafft und glut,
und macht mich wieder reine?
Angelus Silesius heilige seclenlust 187 ndr.;
der engel dort mit seinem flammendegen
steht blankgerüstet noch, das thor zu hüten,
und wird dich mit den ernsten blicken messen,
die manches herze schon zu asche glühten
Eichendorff s. w. 396 Kosch.
streng bildhaft in besonderer inhaltlicher verwendung: ich habe für meine freunde ein schwert geglüht und mich nicht gefürchtet es mit meiner eigenen hand zu schwingen Bettine Ilius Pamphilius (1848) 2, 176; abstrakter:
und doch die not so brüderlich und gleich.
sie glüht aus vielen volk, aus volk das reich
Gerhard Schumann ein weg führt ins ganze (1933) 44.
B.
zu glühen I B 'leuchten, glänzen':
von kühnen felsen rinnen lichter nieder
die thäler zu ergründen,
und wo des feuers wilde quelle ziehet,
verglimmen bald des haines milde lieder,
denn alle töne schwinden,
bis sie des abends flammen rein geglühet
Brentano ges. schr. (1852) 2, 324.
mit innerem objekt:
des Orients thauträufende leuchter glühn
um deines (Alexanders von Ruszland) thrones hälfte den purpurglanz
A. v. Stägemann kriegsgesänge (1813) 22;
ähnlich: in den ausgespannten netzen der giftigen spinnen glühen zitternde tautropfen taumlige wirbel von grüngoldenen, roten und violetten rädchen Meschendörfer d. stadt im osten (1933) 279.
C.
als bewusztes stilmittel verwendet der junge Göthe transitives glühen in verbindung mit abstrakten objekten von besonderem empfindungsgehalt. diese umbiegung begegnet in feierlich-gehobenem sprachstil seit Klopstock auch bei rein intransitiven verben, vgl. z. b. ¹strömen B teil 10, 4, sp. 58:
wenn ...
hoch flog
siegdurchglühter
jünglinge peitschenknall,
und sich staub wälzt,
wie vom gebirg herab
kieselwetter ins thal,
glühte deine seel gefahren, Pindar,
muth
(1774) Göthe I 2, 71 W.;
hast du nicht alles selbst vollendet,
heilig glühend herz?
und glühtest jung und gut,
betrogen, rettungsdank
dem schlafenden da droben?
(1774) ebda 77 W.;
so auch:
da kömmt er, kömmt mit hast, glüht heitre freude
(1779) Lessing w. 3, 99 M.;
sonst ganz vereinzelt:
und der groszen werkstatt schmiede
glühten zorn auf den zerbrecher (Amor)
Gleim w. (1812) 6, 200 Körte;
ihre augen glühen zorn (von der katze) Brehm tierleben (1890) 1, 432 P.-L.
Zitationshilfe
„glühen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gl%C3%BChen>, abgerufen am 24.09.2019.

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