glau adj
Fundstelle: Lfg. 8 (1939), Bd. IV,I,IV (1949), Sp. 7772, Z. 1
form. im ahd. glou (flektiert glouwêr) und jünger gilou, vgl. Schatz ahd. gr. 154, wo die verschiedenen ahd. formen verzeichnet sind; mhd. selten: gelower ahd. gl. 3, 260, 34 (summarium Heinrici, 12. jh.) St.-S., in glouheit 2, 614, 33 (12. jh.) wohl auf grund älterer glossen; älternhd. vereinzelt: glauw Kertzenmacher alchimia (1574) 45, glawen 46, glawes Guarinonius greuel (1610) 423, glau Harsdörffer poet. trichter (1647) 2, 143 und ebenso später. das von Schmeller-Fr. 1, 969 aus Muskatblüt angeführte glaw (: graw) weicht im vokalismus ab, die Trierer hs. (ed. Groote 18, 37) bietet statt dessen bla. got. *glaggwus in den adverbien glaggwo, glaggwuba, glaggwaba; ags. glēaw, awnord. glo̦ggr, gløggr, aschwed. in gluggutter 'scharfsichtig', adän. glu dass., as. glau; mnd. mnl. unbezeugt. in nd. (und vielleicht auch westmd.) mundarten als glau erhalten.
herkunft. gemeingerm. wort *glau̯u̯u- (der u-stamm bezeugt durch got. glaggwuba, das seltene awnord. gloggr sowie die ostnord. formen; der i-umlaut in der normalen awnord. form gløggr stammt aus obliquen casus, vgl. got. hardjana: hardus sowie Kock umlaut u. brechung 222 f., 232; die aufstellungen van Heltens PB beitr. 30, 245 sind abzulehnen) aus idg. *ghlou̯ú- (s. Trautmann germ. lautgesetze 44) zur wurzel idg. ghleu-, die der groszen sippe ghel- 'glänzen, schimmern' angehört, s. Walde-Pokorny 1, 624 ff.; verbindung mit lit. žvel̃gti 'glänzen, blicken' (so Brugmann berichte d. sächs. gesellsch. d. wiss., phil.-hist. cl. 49, 23 anm. 1) ebda 627 mit recht verworfen. nächste germ. verwandte sind aisl. gluggr 'lichtöffnung', aschwed. glugger dass.; aisl. glōa 'glühen, glänzen, leuchten'; ags. glōwan 'leuchten', as. glōian, ahd. gluoen u. s. w., vgl. unten glüh, glühen, glut; norw. dial. glȳma 'finster, drohend, lauernd blicken', schwed. dial. gluna, glyna 'starr, scheel blicken', dän. dial. glyne 'stieren', ostfries. glūmen 'verdeckt und heimlich blicken, lauern'. auszergerm. verwandte wie lat. luridus, ir. gluair 'klar, rein', bret. glaou 'kohle' s. bei Walde-Pokorny 1, 627.
verbreitung. das auf hd. boden seit dem spätahd. fast ausgestorbene wort ist im nd. mundartlich bewahrt und von hier aus bei einzelnen, meist norddeutschen autoren in schriftsprachlichen gebrauch aufgenommen worden, ohne sich jedoch durchzusetzen; vgl. 'glau ist ein niedersächsisches wort, welches wir auf alle weise in unsere büchersprache aufnehmen sollten. es heiszt so viel als hell, scharf, und wird besonders von den augen gebraucht' Lessing 16, 83 M. ob das westmd. glau hierher gehört, bleibt ungeklärt, s. unten 6. neben glau stehen mit z. t. gleichen, z. t. abweichenden bedeutungen mundartliche wörter derselben wurzel wie glüh (gluh) und glauch, adj.; man vergleiche auch die verwandten glatt, glanz adj.
bedeutung. die der wurzelbedeutung entsprechenden konkreten bedeutungen 'glänzend, hell, glatt' u. s. w. treten erst in jüngerer sprache zutage, sind jedoch alt; gemeingerm. zeigt sich eine abstrakte bedeutungsreihe entwickelt, die anscheinend vom 'glänzenden, hellen, scharfen blick' des menschen ausgeht und ags. in 'klug, weise, erfahren, kunstreich, gut', ahd. as. in 'scharfsinnig, gewitzt, aufmerksam, klug, einsichtig', aisl. in 'gescheit, klar, deutlich, sorgfältig, geizig (= scheel blickend?)' einmündet und auch in den got. adverbien mit dem sinn 'genau, sorgsam' ausgeprägt ist.
1)
'scharfsinnig (vom verstand), gewitzt, klug, gescheit', in älterer deutscher sprache die allein bezeugte bedeutung; ahd. glossiert glou lat. perspectus, ingeniosus, pervigilis, prudens, suspectus, industrius. diligens, intentus, attentus, sollers, instructus, versutus, gnarus, providus, vgl. Graff 4, 294 f. und 2, 35; belege aus ahd. glossen s. bei Schatz ahd. gr. 154, dazu die glossierungen des 12. jhs.: sollers gelower vel listiger 3, 326 St.-S., astuciam glouheit 2, 614 (gegenüber ahd. glouwî, glouwida Graff 4, 295); prudentes glauua Wadstein 49, 4, ingeniosum glauuuan ebda 107, 2. über die bedeutungsdifferenzen im ahd., as. und ags. s. Jost Trier d. dt. wortschatz im sinnbezirk des verstandes (1931) 84 ff. anm. und 98f., wo weitere belege. rein auf die geistige tätigkeit bezogen:
... hebbead iuwan môd wiđar thêm,
sô glawan tegegnes, sô samo sô the gelowo wurm
Heliand 1878 Heyne;
meist aber im Heliand mit stark ethischem gehalt:
... bistêd thâr óđar man,
the is imu jung endi glau,   endi habƀad imu gôđan môd
sprâkôno spâhi   endi wêt iuwaro spellô giskêd
2466, vgl. 5718 u. s. w.;
oft als formelhaftes ethisches epitheton:
swîđo glawa gumon
442, 542 u. ö.;
'vorsichtig': tractet abbas prudenter cloulicho interlinearversion d. Benedictinerregel bei Steinmeyer kl. ahd. sprachdkm. 270, 5; 'aufmerksam':
'goumet', quad er, 'thero dato   joh weset glawe thrato'
Otfrid IV 7, 9, vgl. V 23, 15;
'scharfsinnig, spitzfindig': sollers quod conterat. i. perfringat ordinem fandi ambiguis kelouuiu, waz zwivelchosondo dia rihti des kechoses irre Notker 1, 795, 16 P. ob der entsprechende mundartliche gebrauch im nd. die alte bedeutung fortsetzt oder sekundär von 2 aus entwickelt ist, läszt sich nicht entscheiden, vgl.glau 'klug' Stürenburg ostfries. 70, Vollbeding plattdt. 26, ten Doornkaat-Koolman 1, 632, he is n gansen glauen ein ganz heller, ein pfiffikus Mensing schlesw.-holst. 2, 387; hierher wohl: sein gesicht bekam dabei einen immer, was man nennt, glaueren ausdruck, wie ein kluger mann, wenn er einen, der sich auch für klug hält, auf eine sandbank abgesetzt zu haben glaubt W. Alexis ruhe ist d. erste bürgerpflicht⁵ 2, 5;
und an der neuen wache, glau und schlau
wer will an ihm vorbei? — die krügersfrau
Fontane ged.⁷ 70.
2)
von den augen, vgl. ags. him âdimmiad þa eágan þe ær wæron beorhte and gleáwe on gesihđe (um 1023) bei Bosworth-Toller suppl. 474 und die isländische redensart glöggt (scharfblickend, spähend, prüfend) er gests augat Cleasby-Vigfusson 206ᵃ; vgl. auch die aisl. composita glöggskygn scharfsichtig, glöggleikr scharfsichtigkeit ebda. 'glänzend, hell, hellsehend', vom auge, vgl. Mensing 2, 387, Vollbeding 26, Köppen Dortmund 23, Liesenberg Stieger ma. 146, fast immer zugleich 'scharfsichtig, scharf', vgl. Schütze holst. 2, 38, ten Doornkaat-Koolman 1, 632 u. a.; hierzu:
ihr augen blöd und blau
seht nur den tag voll trug —
die unsern nächtig glau
erspähn den innern fug
Stefan George d. siebente ring (1909) 50;
sie sehen so glau (hell, klar) aus den augen wie immer A. v. Droste-Hülshoff briefe 394 Cardauns; oft mit dem beisinn des munter, schelmisch, heiter, vergnügt blickens, so namentlich von kindern, vgl. Woeste westf. 80, rhein. wb. 2, 1259, Mensing 2, 387 (Elbmundarten); entsprechend wohl:
sah ihn so glau und pfiffig an,
und blinzelt vor behagen:
Emanuel, du hampelmann,
willst du mir denn nichts sagen?
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 1, 228.
allgemeiner 'scharf von sinnen', auch auf das gehör angewendet, vgl. Stürenburg ostfries. 70, Krüger Emden 54, Woeste westf. 80.
3)
von personen im sinne von 'sauber, nett', vgl.glau 'schmuck, frisch' Mi mecklenburg. 27 und in gleicher verwendung glei (s. unter glüh), gern auf behäbiges, wohlgenährtes aussehen bezogen; deutlich von der bedeutung 'glatt' ausgehend und zunächst wohl auf tiere bezogen, vgl.glau as n āl ten Doornkaat-Koolman 1, 632, he is so glau as n oktobervoss Mensing 2, 387: als 'blank und voll' für das westpreuszische verzeichnet bei Frischbier preusz. wb. 2, 524: den jungen Ponto (ein hund) betrachtend, fand ich, dasz er nie so wohlgenährt, so glau ausgesehen E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 312 Gr.; haben wangen weisz wie milch, sind glau wie kätzchen Gaudy s. w. (1844) 2, 112; bildlich: die oper ... verschluckte ... die neuromantik ..., deren genusz ihr ... ein glaues ansehen gab R. Wagner ges. schr. u. dicht. 3, 284; oft in der paarung glatt und glau (s. oben glatt sp. 7712): denn in der that noch jetzt sieht die alte für ihre jahre glatt und glau genug aus E. T. A. Hoffmann s. w. 14, 64 Gr.; der gestrenge herr sasz glau und glatt im verschwiegenen amtskämmerlein, umfangen von eines lehnsessels weicher umarmung Wiener früchtel im morgenblatt v. 19. märz 1850 bei Schmeller-Fr. 1, 969; sie selbst (ist) äuszerst glau und wohlhäbig H. v. Olfers ein lebenslauf 2, 426 Abeken;
(Alberich zu einer der Rheintöchter:)
schein ich nicht schön dir,
niedlich und neckisch,
glatt und glau —
hei! so buhle mit aalen
R. Wagner ges. schr. u. dicht. 5, 205;
ich könnte ... der glauen pachterstochter mein herz offerieren E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 252 Gr.; glau sind sie gewaschen (Ruth und Toby) und haben so was wie prinz und prinzessin Fontane ges. w. I 6, 177; schon mit leicht ethischem akzent: diese päffchenträger sind malitiöse kerle, und je glauer sie aussehen, desto mehr 1, 199; deutlich 'geschmeidig, verbindlich liebenswürdig', auch mit dem beisinn des trügerischen, s.glatt E 2, vgl. glier und glau Mensing 2, 387 und hê is sô glau, dat hum gēn düfel fangen kan ten Doornkaat-Koolman 1, 632: wenn er nur nicht so glatt und glau wär. er ist so munter und spricht so viel und kann alles. ihn ficht nichts an Fontane ges. w. I 6, 393; ähnlich: als könnt einer das kaiserwunder, ... in arme worte fangen; und müszten noch obenein glatt und glau und gefällig sein, dürften beileibe nicht mehr sagen als jeglicher esel meint Eberhard König Thedel v. Wallmoden 280; he deit so glau von einem scheinheiligen Mensing 2, 387; vereinzelter 'lebhaft': eins jener schönen weiblichen wesen, die uns zum glück noch oft begegnen: nicht originell, nicht begünstigt von der natur, etwas ernst, schwer und nachdenkend im begreifen: nicht einmal besonders arrondiert in den weiten gebieten des wissenswerthen; aber glau und munter sich dafür interessirend Gutzkow ges. w. 9, 228; alles war heiter, glau, behäbig Fontane familienbriefe (1905) 2, 89.
4)
der wurzelbedeutung am nächsten stehendes 'hell' ist auszer von den augen nur spurweise bezeugt, vgl. auchglauch, adj., glauen, glüh; jlou Liesenberg Stieger ma. 146 ist diphthongiertes glū: glau von dem heitern himmel brem.-ns. wb. 2, 516; die luft wird so glau (hell, heiter) Krünitz 19, 4; anscheinend ist dieser gebrauch jüngere übertragung oder von glüh her beeinfluszt.
5)
einige anwendungen stehen auszerhalb der gängigen bedeutungen und sind vielleicht z. t. erst sekundär durch mischung mit glauch bzw. glüh veranlaszt; etwa 'blasz, fahl, bleich', vgl. dazu glauch 1 b α und e, sowie Schmeller-Fr. 1, 192: ein bleyches, glawes, blödes ... volck Guarinonius greuel d. verwüst. (1610) 423; 'glatt, blank (?)', vgl.glüh: das thu so lang, bisz die feces aber zerflieszen auff dem glawen blech P. Kertzenmacher alchimia (1574) 46ᵃ; als 'klar, durchsichtig (?)': und mache das feuwer je länger je gröszer, bisz das glasz glauw, und nit mehr darvon flieszen wil Kertzenmacher alchimia (1574) 45; glau, durchsichtig, dünn Ph. Harsdörffer poet. trichter (1647) 2, 143; adverbiell 'leicht, mühelos, unschwierig', wohl nach glatt C 2: ich möchte nicht einmal, dasz es so glau abginge O. Ludwig ges. schr. 3, 503; unverständlich bleibt: dieser legte wieder die langen vertrockneten finger auf die tasten, ... und bald darauf entwickelte sich aus glau ineinander zitternden klangwellen heraus ... der gewaltsamste angriff auf die menschlichen nerven, den die tonkunst kennt F. v. Saar s. w. (1908) 262.
6)
die teil 4, 1, 2, 2872 unter gelau und 5, 1018 unter klau aufgeworfene frage, ob das westmd. adv. glau (klau) durch ge- (s. teil 4, 1, 2, 1623) verstärktes lau (s. teil 6, 285) darstellt, ist nicht völlig zu klären; wahrscheinlich kreuzt aber lau erst sekundär hinein, wie in gelaw tepidus Alberus nov. dict. (1540) g g 4ᵇ, glau 'lauwarm' Kehrein Nassau 166, die mëlch ëass glau 'lau, lauwarm' Crecelius oberhess. 423. eine entwicklung von glau 'glänzend' über 'glatt' zu 'angenehm' erscheint als durchaus möglich, vgl. etwa ags. glæd 'glänzend, erfreulich, angenehm'; Kehrein gibt zudem auch 'glatt' als bedeutung an. gewöhnlich mit tun verbunden: das tut (ihm) glau (klau) 'angenehm, gütlich, wohl', vgl. Kehrein a. a. o., Crecelius a. a. o., Reinwald henneb. 2, 71, Autenrieth pfälz. 2, 1259; ähnlich: er duht sich glau 'läszt sichs wohl sein' ebda.
Zitationshilfe
„glau“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/glau>, abgerufen am 17.10.2019.

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