Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

glaubenslos, adj.

glaubenslos, adj.;
im 16. und 17. jh. herrscht die form glaublos stark vor, die noch ins späte 18. jh. hineinreicht.
1)
zu glaube I A 1 u. 2, 'ohne (rechten) religiösen glauben'; wo steht das geschrieben? das ein gottloser, glaübloser mensch müge daher tretten und auff der kirchen glauben und meinung consecrirn? Luther 38, 202 W.; die spitzen und glaublosen sophisten 11, 450; eines glaublosen hertzen ahnen 28, 586; wie die patriarchen von Adam bis auf Moysen schrifftlosz, und dannocht nit glaubenlosz gewest seyn H. Emser wyder d. falsch genanten eccles. (1524) I 4ᵇ;
dargegen aber der gottlosz,
verstocket, glaublosz sünder grosz ...
H. Sachs 18, 42 K.-G.;
die tode, glaubenlose schaar
hat hier kein ewig leben
M. Rinckhart bei Fischer-Tümpel kirchenlied 1, 457;
die glaublosen in der angst hin- und herpamplen Dannhauer cat.-milch (1657) 1, 134; vergebens bemühe sich eine glaubenslose wissenschaft, ... die ursachen nachzuweisen D. Fr. Strausz ges. schr. (1877) 3, 209; unser glaubloses zeitalter Jean Paul w. 44, 33 (Hempel); die welt wird immer glaubensloser Rosegger schr. II 2, 314; vom handeln eines solchen menschen: gott mit glaublosen, faulem, nichtigem werck spotten Luther 30, 2, 389 W.; vernunfft-, lieb- und glaublose viehische lust H. Ammersbach teutscher vielfrasz (1664) 64; manches gebet ist nur ein glaubloses geplapper Kramer t.-ital. 1 (1700) 531ᵃ;
packt euch, ihr glaubenslosen sorgen,
aus meiner gottgeweihten brust
B. Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 831.
2)
zu glaube II B 3 u. D, 'ohne redlichkeit, treulos, wortbrüchig'; vgl. perfidus eyn tru- vel globloser (voc. v. ende d. 15. jhs.) bei Diefenbach gl. 425ᶜ; treüwlosz, glaublosz nulla fide esse Frisius dict. (1556) 884ᵃ; im 16. jh. verbreitet, später nur vereinzelt: weil sie treulosz unnd glaublosz an ihm geworden wären J. Pomarius postilla (1590) 3, 161ᵃ; trauet den Walen nicht, es seind glaublose leut J. Petersen chronica (1557) 92; es sei nur ein leichtfertig gericht gewesen, damit man treubrüchig und glaublosz zuͦ werden ein farb gesuͦcht Wurstisen Pauli Aemilii ... historien (1572) 2, 264; obwol dieser glaublose mann mit seiner vergifteten zunge den Chytraeum ansticht Paullini philos. luststunden (1709) 1, 20; mit glaube II B 1 sich mengend, 'kein vertrauen, ansehen besitzend': (gelübde,) weliche ein ieder by glouben und frommkeit halten schuldig ist oder aber er wirt gloublos vor den menschen Zwingli dt. schr. 1, 330; zu glaube II B 2 'ohne kredit', nach älterer quelle wiedergegeben: durch seine wortlosigkeit (wortbrüchigkeit) und gewaltthätigkeit wären ihrer viele güterlos, erblos, glaubenlos gemacht Dahlmann gesch. v. Dännemark 3, 224.
3)
zu glaube III A 1 von etwas, dem man keinen glauben schenken, das man nicht für wahr halten kann, 'unglaubhaft'; im religiösen bereich: warum hand sy das wort gottes gloubenlos gemacht, indem dasz sy zwungen hand, man sölle irem wort als vil gloubens als gottes wort geben? Zwingli dt. schr. 1, 224; profan: rathet und lüget zu, so ihr je einige glaublose lügen noch in euer meisterlichen lügentaschen habt J. Adrian send- u. warnungsbrieff (1609) 16, wo aber auch 2 möglich scheint;
... er stürtzet mann und pferd
und wirket wunderwerk und gar glaublose dinge
Joh. Freinsheim t. tugentspiegel (1639) bei Schottel haubtspr. 62;
thaten glaubenlos machen Michaelis bei Kinderling reinigk. d. dt. spr. (1795) 395; die bibel, ... die abgeschabte, glaub- und nutzlose urkunde des ausschweifenden morgenlandes! Herder 6, 196 S.
4)
vereinzelt zu glaube III B 1 c, 'ohne hoffnungsvolle erwartung': da gedenckt die glaublosz seel aller hoffnung einicher erlösung (aus der türkischen gefangenschaft) entsetzet, ... es sey mit yhr ausz und ladet auf sich verzweiflung und abfall Seb. Franck weltbuch (1534) 102ᵃ, wo jedoch auch 1 hereinkreuzt; durch einen ... aberglauben, dasz ich ein unternehmen nicht aussprechen dürfe, wenn es gelingen solle, verschwieg ich selbst Schillern diese arbeit, und erschien ihm daher als untheilnehmend, glauben- und thatlos Göthe 35, 91 W.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1939), Bd. IV,I,IV (1949), Sp. 7866, Z. 64.

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Zitationshilfe
„glaubenslos“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/glaubenslos>, abgerufen am 23.10.2020.

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