gleichmütig adj.
Fundstelle: Lfg. 10 (1948), Bd. IV,I,IV (1949), Sp. 8176, Z. 24
seit dem 15. jh. bezeugt.
1)
im sinne von 'gelassen' als ausdruck einer gleichbleibenden inneren haltung, eines keiner veränderung unterworfenen seelischen zustandes; in älterem gebrauch so neben anderen, aber nur spärlich belegten anwendungen (s. u. 2, 3), in jüngerer sprache auf diesez. t. freilich leicht variiertebedeutung eingeschränkt. zufrühest in unmittelbarer entsprechung zu lat.-mlat. aequanimis, aequanimus, animaequus: animequus gleichmütig (15. jh. obd.) Diefenbach n. gl. 24; equanimus, equanimis glychmutig gemma gemm. (1508) i 1ᶜ; im übrigen entspricht gleich III E 4 'gleichbleibend' sp. 7981 u. 7982, gelegentlich ist vielleicht auch mit dem einflusz von gleich VI E 5 'mäszig' als bezeichnung eines mittleren grades zu rechnen, vgl. z. b.: er ist gleichmütig moderati sensus est Steinbach dtsch. wb. (1734) 2, 91. —an mehreren stellen überschneidet der anwendungsbereich dieser bedeutung den von gleichgültig C.
a)
vor allem 'gelassen, ruhig, gefaszt, geduldig, unangefochten, frei von affekten, leidenschaften und launen', meist mit positivem wertakzent, sowohl zur bezeichnung einer für den charakter oder das temperament bezeichnenden grundhaltung wie einer besonderen, auf ein bestimmtes ereignis bezogenen seelischen haltung: sey zufrieden und gleichmütig, schürtz vnnd bereit dich allweg zum gröszern leiden Joh. Arnd Thomas a Kempis (1631) 151; wahre tugend ist in glück und unglück gleichmüthig Gottsched d. vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 256; schnalle auch meinen hirschfänger um, im fall der not ist das eine gute sichre waffe, wenn man nur gleichmütig bleibt E. T. A. Hoffmann s. w. 3, 185 Gr.; über Boileau ist der ausspruch des nie aufgebrachten, gleichmüthigen Fontenelle bekannt Herder 23, 242 S.; nicht der revolutionärste lärm erschütterte den conducteur, einen gleichmüthigen Baier H. Laube ges. schr. (1875) 8, 165; er ... war der beste gesellschafter: gleichmüthige heiterkeit begleitete ihn durchaus Göthe I 29, 168 W.; aber schon gingen viele schlaffen armes auf die flur. wozu denn sich plagen, wenn man die frucht nicht mehr nützen soll? ... wenige nur hatten sich die gleichmütige sorge um saat und vieh bewahrt Hans Watzlik d. alp (1923) 214. etwa 'unbeirrbar, beharrlich, stetig': der Europäer ... kann selten zu jener gleichmüthigen verfolgung eines einseitigen lebenszweckes kommen, der dem Amerikaner selbst in seiner jugend schon so viel praxis giebt Gutzkow säkularbilder (1846) 1. 29. mit moralischem gehalt 'treu, verläszlich': freund, die thiere sind gleichmüthig. wer viel betrogen ist, hängt sich an so etwas. es lebt, es bedarf unser, es macht seine kapriolen zur dankbarkeit —so viel thun die menschen nicht Iffland theatr. w. (1827) 5, 48. adverbial: diesz alles müssen wir gleichmüthig aufnehmen Göthe I 41, 2, 266 W.; gleichmüthig wie ein mann, der abends aus einem zimmer in das andere geht, um sich zur ruhe zu legen, mit der ganzen schrecklichen gelassenheit des irrsinns gab Heinrich Kleist der freundin und sich selbst den tod Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 112.
b)
als 'unbeteiligt, teilnahmslos, stumpf' kommt der wortsinn gelegentlich dem von gleichgültig (s. d. C 1, 2) nahe, hier, gegen die feststellung Adelungs wb. 2 (1796) 716, leicht mit pejorativem beisinn: ein braver mann ist .. in todesgefahr, und man bleibt völlig unberührt und gleichmütig dabei O. Ludwig ges. schr. 5, 364 Schm.-St.; die gleichmütigen und stumpfen sagten: 'es geschieht doch nichts mehr' Hans Grimm volk ohne raum (1926) 1, 493.
c)
der bedeutung 'unparteiisch, vorurteilslos, billig, gerecht' nahe, wie gelegentlich auch bei gleichgültig (s. d. C 3 d), sofern ruhige gelassenheit die innere voraussetzung eines gerechten urteils ist, doch spielt hier wohl auch die vorstellung 'gegen jedermann gleichgesinnt' hinein: die gerechtigkeyt betreffend, hat man sie gar ernsthaft ... inn der lincken ein wag haltend angebildet, anzuzeygen, das sie on ansehen der person gleichmütig vnd tapfers gemüts nur der himlischen gerechtigkeyt nachsinne vnd nachöme (nachahme) Fischart w. 3, 235 Hauffen; so sey .. mein schriftsteller beschaffen! furchtlos ... ohne weichherzigkeit, ein gleichmüthiger richter, allen gewogen so weit dasz er keinem etwas über die gebühr zuspreche briefe d. neueste litter. betreffend 20 (1764) 33; diese leidenschafftliche stellung (des weltrichters von Rubens) gibt einen unauslöschlichen eindruck von schwäche; sie hat nichts von der erhabenen, gleichmüthigen ruhe der gerechtigkeit G. Forster s. schr. (1843) 3, 51.
d)
häufig bezeichnet gleichmütig im sinne von a oder b als ausdruck eines inneren zustandes zugleich ein wirklich oder auch nur scheinbar entsprechendes äuszeres verhalten, gebaren oder aussehen. meist in adverbialer bestimmung von verben: ein schwan zog gleichmüthig auf der fläche umher Göthe III 12, 203 W.; 'Sebulon, erhitze dich nicht', sagte der herr gleichmüthig und freundlich Immermann w. 2, 93 Boxb.; er ... begann gleichmüthig zu pointiren (beim kartenspiel), ohne die innerliche aufregung irgend zu verrathen Holtei erz. schr. (1861) 27, 30; Troyna blickte gleichmütig hinüber Hans Grimm südafrik. nov. (1921) 165. auch attributiv: ihr gleichmütiges benehmen während ihres gemahls unruhe O. Ludwig ges. schr. 2, 577 Schm.-St.; allein sie hielt sich tapfer zusammen und bewahrte das gleichmütige aussehen G. Keller ges. w. (1889) 2, 215; dasz Kortüm ... seine unendlichen sorgen gelassen ein wenig beiseite zu schieben und der neugierigen welt das gleichmütige angesicht zu zeigen vermochte, das (war) ja zuletzt Kortüms geheimnis und kraft ... in der welt K. Kluge d. herr Kortüm (1938) 629; er las das fertige instrument (testament) mit einer sonoren, gleichmütigen stimme vor E. G. Kolbenheyer Paracelsus (1926) 3, 394.
e)
in vermenschlichender anschauung auch auf sachliches bezogen: die fabel strömt in ruhiger, unbewuster breite; sie ist gleichmütig, wird von ihrer innern lust getragen Jac. Grimm Reinhart fuchs (1834) vorr. xi; Adalbert Stifters ausführlicher roman 'nachsommer', eines der unbeeiltesten, gleichmäszigsten und gleichmütigsten bücher der welt R. M. Rilke briefe 1914 -1921 (1937) 146. namentlich in der verlebendigung naturhafter vorgänge oder eindrücke: die wolken ... ziehen gleichmütig darüber hin O. Ludwig ges. schr. 1, 193 Schm.-St.; ich ... sah in die grosze natur, die geduldig und gleichmütig den winter ertrug, und fühlte mich klein und einsam mit meinen sorgen A. Winnig frührot (1933) 285; seine (des Peloponnes) berge, um die himmlisches mit irdischem sich verträgt, wurden ausdruckvoller in ihrer gleichmütigen ferne R. M. Rilke briefe 1907 -1914 (1933) 229.
2)
im 16. jh. gelegentlich 'gleichgesinnt, einig, einträchtig': das wir eines sinnes, willens, wissens, gmüts und verstants werden, ... darmit als dann wir in der gleichmütigen eynigkeyt dich hymlischen vater ... mit einem mund preysen und loben mögen Luther 10, 2, 478 W.; so ist eine sollche einigkeit unter jnen und gleichmüthige neigung, daz sie mit gewalt und krieg ohne augenscheinliche und verterbliche gefahr nicht woll mögen angegrieffen werden Val. Thilo frantz. histor. (1584) 1, 45ᵃ.
3)
mehr komplex ist ein nur älterer sprache angehöriger gelegentlicher gebrauch, der die vorstellungen angemessener, gemäszer, gegen alle sich gleichmäszig verhaltender und maszvoll ausgeglichener gesinnung verbindet, s. auchgleichmütigkeit 3, gleichmut 2: wenn einer nun in einiger existimation (in einem guten leimuth) seinem amt und stand nach, sich befindet, musz er das, was er darinn zu thun und zu verrichten hat, gleichmüthig thun. gleichmüthig aber thut er, wenn er seinem stand und amt gemäsz thut E. Weigel wiener. tugendspiegel (1687) 50; die vernünfftige liebe ist gleichmüthig und bezeiget sich gegen ieden wie sie soll; die wollust ist knechtisch, der ehrgeitz hochmüthig und der geldgeitz bald närrisch stoltz oder auffgeblasen, bald schalcksnärrisch, schmarotzerisch Chr. Thomasius v. d. artzenei wider d. unvernünfftige liebe (1696) 166.
Zitationshilfe
„gleichmütig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gleichm%C3%BCtig>, abgerufen am 08.12.2019.

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