gleichwohl adv.
Fundstelle: Lfg. 11 (1949), Bd. IV,I,IV (1949), Sp. 8269, Z. 9
konj. zusammenrückung aus gleich wohl, mhd. gelîche wol 'ebensosehr, ebensowohl, ebenso', s. gleich II A 3 b und VIII A. dasz die zusammenrückung bereits etwas früher (1389, s. u. 4) bezeugt ist als die getrennte schreibung und dabei schon die später durchaus vorherrschende weiterentwicklung zur adversativen bedeutung 'dennoch, trotzdem' zeigt, kann nur zufall der bezeugung sein. zunächst mnd. ghelikewol (1389) Göttinger urkdb. 1, 363; gelykewol (1397) ebenda; glichewol (1435) henneberg. urkdb. 7, nr. 41 Brückner; (15. jh.) Cammermeister chron. 30 Reiche; Stolle thüring. chron. 20 lit. ver.; gleichwol O. Gäbelkover artzneyb. (1596) 2, 159; gligwol com. v. d. geb. Christi 44 Gerstmann; gleichwoll (1522) Egranus pred. 77 Buchwald; Alberus wider Jörg Witzeln (1539) F 8ᵇ. —die jüngere schreibung gleichwohl steht schon im 16. jh. neben der älteren gleichwol: gleichwohl (1528) M. Agricola musica instrumental. deudsch 12 Eitner; v. Schweinichen denkwürdigk. 6 Ö. u. ö., während anderseits gleichwol ab und an noch im 19. jh. begegnet: Immermann 1, 10 Boxb.; M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 1, 112. dem 17. und 18. jh. gehört eine erweiterte nebenform gleichwohlen an, vgl. gleichbalden neben gleichbald: gleichwoln Harsdörffer d. teutsche secretar. (1656) 2, 289; gleichwolen (1677) bei Ditfurth histor. volkslied. d. preusz. heeres (1869) 3; gleichwohlen J. D. Frisch harpfe (1719) 687; allg. dtsche bibl. (1765) 4, 139 u. ö. archaisierend: gleichwohlen (als nachahmung alten gerichtsstils) Wieland s. w. (1794) 8, 234. dazu Adelung: weilen, dieweilen, gleichwohlen ... sind ... im hochdeutschen verwerflich umst. lehrg. d. dtsch. sprache (1782) 2, 50. mundartlich ist gleichwohl nur ganz gelegentlich verzeichnet: glichewahl rhein. wb. 2, 1267.
1)
die ursprüngliche bedeutung ohne adversativen beisinn tritt nicht allzu häufig, aber noch bis in jüngere zeit hinein rein zu tage, vgl. dazu auch gleich VIII A: geraten di kindere wol unde werden fram, so werden si von den eldern glichewol rechte lieb gehalden (15. jh.) Griseldis (nach der Leipziger hs.) 5, 11 Schröder in: mitth. d. dt. ges. z. erforsch. vaterländ. spr. und alterth. 5, 147; haben mich mit vleisziger bethe ersucht, on (ihnen) das ungeld ... zw irlaszenn, hab ich gleichwol angesehenn ore zymliche bethe und alt fromlichs herkommen (Reichenbach 1487) in: Germania 28, 368; da seien etliche brief vorhanden gewest, die uf graf Albrechten haben gelaut, wie er, graf Albrecht, selbigen pfarrherrn (die gleichwol [ebenso wie er] auch seines ordens waren) die pfarren verlihen gehabt zimmer. chron. ²1, 140 Bar.; wie ihre kay. maytt. die gancze zeit dero hochlöblichen regierung von den gehorsamen fürsten vnd ständen in der that kein anders ... werden ... empfunden haben, als das sie ihrer kay. maytt. ehre, hohheit vnd majestet zu defendiren, ihnen zum allerhöchsten vnd eusersten angelegen sein laszen ... also erkennen sie sich gleichwol ehren, gewiszens vnd pflichten halber auch schuldig, ihre kay. maytt. ... zu erinnern, was in diesen ... sachen furgelauffen (1618) acta publica 1, 90 Palm;
es sind zwar mehr der kielen (nicht nur der poeten),
die auff dasz ferne spielen,
die hin nach ewigkeiten
gleichwol die fahrt bereiten;
doch dünckt mich, dasz poeten
noch mehr als andre röthen,
was todten asche blasset
Logau 531 Eitner;
dieses poetische gemählde stellet uns eine gar bekannte ... materie vor, doch bin ich versichert, dasz die höchste kunst des mahlers nicht fähig ist, viele besondere umstände desselben mit farben sichtbar vorzustellen, die gleichwohl dem gemählde ein besonderes licht und leben mittheilen, und also den begriff und eindruck vollkommener machen Breitinger critische dichtkunst (1740) 1, 24; warum sollte wohl Tacitus so genau die namen, wohnungen und andere unterscheidungszeichen der deutschen nationen ... aufgesucht haben, wenn er nicht geschichtsschreiber hätte seyn wollen? der allgemeine name der Scythen, oder gleichwohl der Deutschen, würde ihm viel bequemer gewesen seyn, seine satyrischen ausfälle zu maskieren (wenn er in der Germania nur eine fingierte, auf die römischen zustände abzielende darstellung hätte geben wollen) M. I. Schmidt gesch. d. Deutsch. (1778) 1, 9 vorrede. geringeren gewichtes: der verteufelte neid ist das älteste, gleichwohl auch das gemeinste laster Butschky Pathmos (1677) 68. für lat. propemodum: aber des hat man gleichwol auch wargenommen, dasz die menschen von jar zuͦ jaren jmmer kleiner werden (in trimatu suo cuique dimidiamesse mensuram futurae certum est, in plenum autem cuncto mortalium generi minorem in dies fieri propemodum observatur) Heyden Plinius (1565) 27. ganz ungewöhnlich gleichwohl ... auch hinwiederum etwa 'ebenso wie ... so auch': sol der abgesandte den obersten dahin erinnern vnd ermahnen, weil gleichwol von dieses landes Schlesien hülfe die soldaten ... mit baarem gelde gezahlet würden, dasz auch hinwiederumb die ankommenden soldaten aus Schlesien ... für allen anderen nationen befördert, gebraucht vnd vnterhalten werden (1618) acta publica 1, 6 Palm. im übrigen stehen schon die frühen belege oft im übergang von der bedeutung 'ebensosehr' zur adversativbedeutung 'dennoch, trotzdem', die sich überall dort von selbst ergab, wo etwas trotz voraufgehender einschränkung im nachsatz als 'ebensosehr', d. h. 'trotzdem' gültig bezeichnet wurde: so ensullen noch enwollen wir ... keynerley sture adir bete heischen ... doch vnschedelischen dem obgenanten vnserm oheyme, dem langgraven, vnd sinen erben an yren rechten, die alsdann zu uszgehen der funff iare glichwol jrre sture vnd bete hinder vns vnd vnsern erben von denselben vnsern lieben getruwen, den von Smalkalden, nach allem herkomen fordern vnd uffnemen mogen (1423) henneberg. urkdb. 6, nr. 159 Brückner; worde auch danne der gulden geldez darnach adir die gute, darane der gekoufft ... were, wuste, von was sachin wegen daz queme, dez sullen ... vnsir gotishusz ... ane schaden sien vnde blieben, doch sullen unde wullen wir glichewol den gulden geldez jarlich jnfordern (1435) ebenda 7, nr. 41; vgl. 177; unde die wile man an eyme ende streit, glichewol stormeten die Behmen an dem andern ende hefftiglichen die borg (15. jh.) H. Cammermeister chronik 30 Reiche.
2)
das ältere nhd. kennt noch gebrauchsweisen, in denen die adversative bedeutung geringeres gewicht hat oder eine konzessive bedeutung (s. auch 5) hervortritt.
a)
'freilich, indessen, jedoch': dasz die welt so einfeltig ist, so dasz einer meint, er woͤlle vil verheissen, ob er das gleichwohl nit thuͦn kan, woͤlle er das einem andren befelhen auszzuͦrichten ... da halff aber kein auszred, es muͦszt ein yegklichs sein burd selb tragen Wickram 3, 7 Bolte; disz ist an vilen leutten ... probiert worden. ist gleichwol ein vnlustige artzney, wers wissen sollte, was es were O. Gäbelkhover artzneyb. (1596) 2, 159; aus den überreichen, aber gleichwol annoch vielen verborgenen schätzen ... der natur Grimmelshausen 2, 329 Keller. so gelegentlich noch im späten 18. jh.: unser Creuziger hat mich letzthin ... von ihnen gegrüszt, mit einem tone gleichwohl, bey dem ich dachte, dasz sie es ihm wohl nicht möchten aufgetragen haben (1769) C. C. Lucius in: briefw. mit Gellert 602; ist der verschnittene gar so boshaft, deine so edle als kühne that, die gleichwohl zwey seiten hat, ... auf der gehässigsten vorzustellen, o so ist es um Indostan geschehen Klinger w. (1809) 5, 81. 'wenn auch, immerhin, allerdings': sonst die beicht und das interim, gleichwol etwas beschaidenlich (ziemlich vorsichtig), angeregt worden (Augsburg, mitte d. 16. jh.) dtsch. städtechron. 32, 51; dessen er sich, gleichwol wider sein willen, gehorsamiglich zu ton underwand und bewilligt hat (Augsburg, 16. jh.) ebenda 34, 98;
Sarpedonem sie brachten schon,
gleichwol mit groszer müh darvon
Spreng Ilias (1610) 65ᵃ; vgl. 97ᵇ;
wessen sich die vnberuffene ... richter ... gegen diesen meinen primitiis vnnd ersten, gleichwol vnzeitigen geburt (gemeint ist seine vorliegende schrift), vnterstehen werden L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 3 ndr.
b)
'doch, denn doch': weil wir aber nit für gewisz wissen, ... ap solchs also von konig auszugehen beuolhen, ... so haben wir gleichwol gnediger meinung nit vnderlassen wollen euch dauon anczaig zu thun, damit ir dauon auch wissens haben ... mochtet (1539) kurfürst Johann Friedrich bei Luther briefw. 8, 602 W.;
ich kan michs noch erinnern nicht,
das ich jhn kente von gesicht.
vnd moͤchte jhn gleichwol kennen gern
Hayneccius Hans Pfriem 33 ndr.;
doch lang von heimat bleiben ausz,
vnd endtlich bringen nichts zu hausz,
sonder heimziehen blosz vnd lehr,
ist gleichwol auch ein schlechte ehr
Spreng Ilias (1610) 18ᵇ;
doch stunde mir ... ein delicater schuncken an, den ich aus einem ... kessel fischte und meinen schuh ohne absatz darvor hinein steckte, damit ich meine speise gleichwol nicht gar umbsonst hätte Grimmelshausen 2, 428 Keller; vgl. 359. wenn gleichwohl 'wenn denn, wenn also': hier ward der advokat auch disjustirt, und fragte, wenn gleichwohl alles solte verachtet werden, wo man denn guten rath hernehmen wolle Chr. Weise erznarren 84 ndr. auch ohne ausdrückliche beziehung auf einen voraufgehenden satz, mit verstärkender, versichernder wirkung: tu quoque perparce nimium du bist doch gleichwol all zu karg, du bist dannoch all zu genaw (s. v. doch tamen etc.) Alberus dict. (1540) p 2ᵇ;
die neigungen.
wer ist, den nicht zu zeiten
gleichwol die affen reiten?
zum schliszen schadet eile;
zum schliszen dienet weile
Logau 551 Eitner;
sie (die diener) seynd gleichwol auch menschen, und uns will gebühren ... dasz wir ihnen mit raht und hülff beyspringen Grimmelshausen 2, 338 Keller; den gaden oder boden (der arche) must du auch machen, damit gleichwol die menschen und eseln nicht gantz beysammen wohnen Abr. a s. Clara etwas f. alle 2 (1711) 61. so noch Adelung: 'zuweilen mit verschweigung des satzes, worauf es (das wort gleichwohl) sich bezieht: was seyn soll, schickt sich gleichwohl. wo es oft die gestalt einer bloszen versicherung annimmt, welche sich auf eine dunkele art auf einen vorher gegangenen satz beziehet: mit dem tode ist gleichwohl nicht zu scherzen' wb. 2 (1796) 718; dazu noch Campe 2 (1808) 401ᵃ, doch fehlen literarische belege aus jüngerer zeit.
c)
in der verbindung gleichwohl ..., aber ... 'zwar ..., aber ...' tritt gleichwohl sogar in den vordersatz, der dadurch dem sinne nach zum konzessivsatz wird: nun wolten gleichwol sy, die graven, in diesem vall niemand lieber dann seinen fürstlichen gnaden willfarn, hetten aber denselven hievor laszen antzaigen, das ... (16. jh.) verhandl. über Thomas v. Absberg 6 lit. ver.; paradoxon ... heiszt bey den Griechen ein red, die gleichwol gewisz vnd war ist, die aber die gantze welt ... nichts weniger dann für war helt Seb. Franck paradoxa (1558) vorr. 1; diejenigen, so gleichwol von den burgerlichen, aber nit von den uralten oder neu gewelten erbern geschlechten von herrn herkomen (Augsburg 16. jh.) dtsche städtechron. 32, 134; vgl. 156; 299; 311; wölcher anschlag (der feindliche angriffsplan) gleichwol recht gewesen, aber aus gnaden des allmechtigen inen zu kainem sig und überwindung geraten ist ebenda 34, 58; nun ist er gleichwol ein grausamer vnnd böser, aber doch nur ein verzagter feindt Albertinus Lucifers königreich 21 nat.-lit.
3)
als adversativadverb 'dennoch, trotzdem, dessenungeachtet, nichtsdestoweniger', wie altes dannoch, dennoch und wesentlich späteres trotzdem. in jungem gebrauch durchaus als ein wort der literarisch gehobenen, ja der gewählten sprache. zur herleitung der bedeutung 'dennoch' aus 'ebensosehr, ebensowohl' s. gleich VIII A und oben 1.
a)
allgemein, in haupt- oder nebensätzen, stets in der rückbeziehung auf einen voraufgehenden satz: mocht aber die erstreckung (d. i. aufschiebung eines termins) ye nit fuglich geschehen oder erlangt werden, so wollen gleichwol wir Anna, eur muter, nit aussen pleiben, aber unns, eure brueder, wollet unsers aussenpleibens aus vermelter unnser verhindrung gutlich entschuldigt halten (1493) bei Steinhausen privatbr. 1, 301; das brott bleibtt in seiner krafftt, der wein auch, und ist gleichwoll auch do fleisch und blutt (1522) Egranus pred. 77 Buchwald; es ist besser, das wir Nebucadnezar dem grossen koͤnig dienen, und dir gehorsam sein, vnd lebendig bleiben, denn das wir umbkomen, vnd gewuͤnnen gleichwol nichts Judith 3, 3; (sie) fanden einen kerl ..., der weder nasen noch ohren mehr hatte, und gleichwol noch lebte Grimmelshausen Simplicissimus 40 Scholte;
dagegen Heinrich blosz im reiche churfürst war,
dem gleichwol nach der zeit noch keiner gleich gekommen
bei Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 33;
man verlangt von einem dichter, dasz er ein gelehrter ... mann sey; und ist gleichwohl unwillig, wenn man findet, dasz er wirklich so ein mann ist Lessing 8, 6 M.; diejenigen, welche den preis empfangen, erhalten gleichwohl ihre zeichnungen wieder zurück Göthe I 48, 6 W.; er wuszte das, und gleichwohl höhnte er, sie könne ja auch lügen O. Ludwig ges. schr. 1, 257 Schm.-St.; wenn ich meine frau nicht liebe, wie du die liebe verstehst, so ist sie mir gleichwohl über alles werth und theuer Holtei erz. schr. (1861) 2, 116. steht das gleichwohl in einem relativsatz, so hat dieser häufig die gleiche funktion wie ein mit obwohl eingeleiteter konzessivsatz: welches gleichwohl nichts hinderlich ist, das wir darumb nicht ... Sebiz feldbau (1579) 1;
in jhrer burg fand sie zumal
gar vil jungkfrawen an der zahl,
die sie bewegt mit jhr zu klagen ...
vmb Hectorem den fürsten klar,
der gleichwol noch bey leben war
Spreng Ilias (1610) 81ᵇ;
dasz er sich ... vor unsrer brüderschaft fürchtet, die er gleichwohl ohne unterlasz citiert Klinger w. (1809) 3, 154; aber die menschen fürchteten dieses masz das sie gleichwohl fühlten Binding erlebtes leben (1928) 249. ungewöhnlicher in abhängigem infinitivsatz: sie liebte die einsamkeit ... ohne gleichwohl die gelegenheiten zu versäumen, wo sie, ohne fremde gesellschaft, mit den personen ihrer familie allein seyn konnte S. v. Laroche gesch. d. frl. v. Sternheim (1771) 1, 5; ging man so in der aufstellung der menschenrechte höchst ... tappend zu werke, ohne gleichwohl zur erkenntnisz seines grundirrthumes durchzudringen Dahlmann gesch. d. franz. revolution (1845) 246. zur interjektion verselbständigt, antizipierend: und gleichwohl, wärs nicht besser, wir lieszen ihn herrufen? A. G. Meissner Alcibiades (1781) 1, 18.
b)
neben anderen adversativadverbien. im älternhd. nicht selten gehäuft, weil gleichwohl vielleicht noch nicht allgemein als vollgewichtig empfunden wurde, vgl. auch die älteren gebrauchsweisen unter 2: hat er sich dannoch gleichwol nicht destaweniger wider sein eigen gewissen zum bepstischen pfaffen zu Erfurt ... schmieren lassen Er. Alberus wider Jörg Witzeln (1539) F 8ᵇ; du meinest wol, das ... du keusche lebest, aber doch gleichwol wirstu solche gedancken, die dich zu sunden reitzen werden, in deinem hertzen wol fülen Luther 34, 1, 64 W.; in welchem gar kein sulphur, aber doch gleichwol ... essentz gefunden ... wird L. Thurneysser magna alchymia (1583) 3;
allein an zweyen (sternen) nur ist gleichwol mangel doch.
Opitz t. poem. 58 ndr.
in junger sprache ungewöhnlich: allein er ist doch gleichwohl jetzt in einer gesellschaft von menschen Iffland theatr. w. (1827) 1, 141. neben nur einem adverb: die weil ... fur eynen menschen kaum eyn eynige garb wechset, vnd ein yglicher doch gleich wol ausz zwey schock garben korns frisset J. Agricola 750 teutsch. sprichw. (1534) A 5ᵇ; und ist dennoch gleichwol dies land zuvohren viel ein herliches land gewesen Hennenberger ercler. d. preusz. landtaffel (1595) 2;
ihr kuntet ihn nicht hören,
an geistes ohren taub, doch gleichwol auch nicht wehren
P. Fleming dtsche ged. 1, 19 lit. ver.
aber gleichwohl, bis in jungen gebrauch: aber gleichwol möge darneben ... wol abgenomen ... werden, dasz ... dtsche städtechron. 34, 152; seine quellen gleichen denen gesundbrunnen, deren geschmack unangenehm ist, die aber gleichwohl fähig sind, eine verlohrne gesundheit wieder herzustellen Staudners rettung d. kanzleystils (1764) 28; aber die kinder waren gleichwohl glücklich mit ihrer rechentafel und ihrem neuen gesangbuch Storm s. w. 1, 261 Köster.
c)
mitunter ist gleichwohl in seiner rückbeziehung nicht auf einen satz, sondern auf eine nominalaussage, einen satzteil bezogen:
(der liebende) abwitzig und doch klug, ein mann und doch ein kind,
ein herr und gleichwohl knecht, mit hellen augen blind
Moscherosch gesichte (1650) 1, 111;
ja der soldaten böser brauch
dient gleichwol dir zum besten auch
Grimmelshausen Simplicissimus 15 Scholte;
der könig eines in seiner art geringen strichs landes ist gleichwol auch ein könig Gerstenberg recensionen 47 lit.-denkm.; die religion ..., die den verwandten, aber gleichwohl ... mit einander hadernden bevölkerungen eine gewisse einheit gab Ranke s. w. (1867) 14, 5.
d)
oft korrespondiert das adversative gleichwohl des nachsatzes einem einschränkenden bestimmungswort des vordersatzes; so der konjunktion eines voraufgehenden konzessivsatzes: wiewol das geschach mit des kúnges willen und wissen und durch seine anwissunge, glichwol quam unsz das armen liten zuͦ groszem schaden (zweite hälfte d. 15. jh.) in: mitteil. d. ver. f. gesch. d. Dtsch. in Böhmen 13, 132;
wiewol sichs der boͤs vnderstan
jhn dermaszen zu fechten an ...
hat jhn gleichwohl noch nie kein mal
vberweldigt in diesem fal
Thym Thedel von Wallmoden 55 ndr.;
wenn schon mein redliches gemüthe
sich in der melodie vergeht ...
du nimmst mein ungeschicktes wollen
gleichwohl mit gütgen händen an
Stoppe Parnasz (1735) 33.
häufiger noch entspricht gleichwohl in der verbindung mit aber einem zwar des vordersatzes: seinem weib nach zu fragen, die er zwar bey einem jungen spengler angetroffen, aber gleichwol nichts sagen dörffen Grimmelshausen 2, 349 Keller; ein herr musz zwar selbst mit zusehen, aber er kan die last der regierung gleichwol nicht allein tragen Schupp schr. (1663) 32; graf Wilhelm von Aquitanien, der ... in einer blutigen schlacht zwar besiegt wurde, aber gleichwohl das vordringen der feinde hemmte W. Scherer lit.-gesch. 183; eine nachricht ..., die zwar noch keine bestätigung gefunden hatte, die aber gleichwohl die gemüter aufs heftigste erregte W. Beumelburg reich u. Rom (1937) 210.
4)
als adversative konjunktion 'dennoch, trotzdem' an der spitze eines hauptsatzes, durchweg in der rückbeziehung auf einen voraufgehenden satz. so schon in der frühesten bezeugung des wortes überhaupt. wie unter 3 durchaus im gebrauch der hochsprache: (sollten auch an diesem brief ein oder zwei siegel fehlen,) ghelikewol scholde düsse breff in al syner macht blyven (1389) Göttinger urkdb. 1, 363; vgl. 397; es erschin aber der citirten kainer; gleichwol sante ain ieder sein anwald und entschuldigung zimmer. chron. ²1, 155 B.;
du thust ohn das, nach deinem mut
fürnemmen, was dich düncket gut,
gleichwol so musz besorgen ich,
Tethis die möcht verweisen dich
Spreng Ilias (1610) 11;
C. erwiese, dasz er und die käyserin unschuldig sey, gleichwohl wolte der käyser seine gemahlin nicht wieder zu sich nehmen Schupp Corinna 109 ndr.; ein tugendhafter entschlusz sichert mich gegen ihre zärtlichkeit und gegen ihren witz. gleichwohl will ich mich beiden nicht länger aussetzen Lessing 2, 286 M.; gewisz mochte er (Winckelmann) den weltweisen ... anders lesen als nachbar Fischer ... gleichwohl scheint es nicht, als ob ein commentar von Winckelmann über Platon ... beider namen würdig genug hätte ausfallen können Göthe I 46, 98 W.;
und glücklich immer habt ihr mich nach haus gebracht;
gleichwohl noch nie mit einem wörtchen dankt ich euch
Mörike ges. schr. (1905) 1, 181;
ich hatte den eindruck einer verbindung von utopie und mangel an erziehung. gleichwohl bewahrte ich innerlich meine nationalen empfindungen Bismarck ged. u. erinner. 1, 20 volksausg. in verbindung mit und:
disz weisz ich mehr als wohl, und gleichwohl führ ich klagen
P. Fleming teutsche poem. (1642) 105;
mich deucht, du horchst einem redenden zu, und gleichwohl seh ich keinen Klinger w. (1809) 3, 151. mit aber oder doch: könden aber nit wol glauben, dasz es allain an ime und seinen mitverwanten, wie er sich ruemen darf, gelegen gewesen ... gleichwol aber schämbt sich Österreicher kaines anzaigens, ime damit gunst, ruem und glimpfen zuͤ schöpfen (Augsburg, 16. jh.) dtsche städtechron. 32, 303; kein schauspieler kann roth werden, wenn er will: aber gleichwohl darf es ihm der dichter vorschreiben Lessing 10, 17 M.; sie war eine voll ausgewachsene mädchengestalt, aber gleichwohl reichte sie ihm nur bis an die brust Storm s. w. (1897) 2, 148;
ich ess und trincke nit kostlich noch niedlich,
doch gleichwol ich nicht hunger leid
Gabr. Voigtländer oden u. lieder (1642) 101.
gelegentlich auch als bindewort zwischen den gliedern eines mehrgliedrigen nebensatzgefüges: das er letzlichen daruon zu gehen willens war (als ihm eine herberge abgeschlagen wurde), gleichwol bei jhm selbst gedachte, solt er in eine schlimme herberg einkeren, ... würde jhm sein beutel wol ... ledig bleiben B. Krüger Clawerts werckl. histor. 14 ndr.; als ich ... in eines vornehmen herrn hoff ... umb eine resolution zu erlangen aufwartete, auff eine supplication, darinnen ich gar beweglich umb einen schreiberdienst gebetten ... gleichwol aber der gewünschte bescheid dermal eins nicht kommen wollte Grimmelshausen 2, 10 Keller; die apothecker, welche quid pro quo nehmen, und wenn sie dispensiren wollen, gleichwol aber nicht alle im recept benennete ... species beyhanden haben, andere medicamenta ... substituiren Schupp schr. (1663) 644.
5)
'obschon, obwohl', als einräumende konjunktion an der spitze eines konzessiven nebensatzes; seit alters nur in beschränktem gebrauch, aber bis in jüngste zeit durchstehend. fast nur im obd. bezeugt, vgl. auch Adelung wb. 2 (1796) 718: gleichwol er auch nit personnlich wollt darbei sein, noch dann so schickt er als ain verschwegerter margraf Rudolfen zu hilf etlich pferd zimmer. chron. ²1, 155 B.; vgl. 139; solt aber darumb ich oder ein anderer ... ein vnflat seyn, weil wir villeicht euch vnd euers gleichen vnfläter vnflätig beschrieben? (gleichwol [var. wiwol] solchs unserm handwerck nit schad, dann wir dörffen nit kochen) Fischart Gargantua 4 ndr.; gleich wiewol, gleichwol, quamvis Henisch (1616) 1640;
gleichwol mit unsern sünden
verdient wir haben die straaff,
doch schone deiner kinder,
im land uns frieden schaff
(Württemberg 1631) bei Weller lieder d. 30 jährigen krieges 202;
er (der hund) ... beleckte ihn wie einen willkommenen freund, gleichwohl er leicht ein feind des hauses sein könnte Rosegger wildlinge (1906) 177; gleichwohl sotane erklärung ... in keinem kirchenvater vorgefunden worden, so entschied sich doch dafür die mehrzahl derselbe, d. Höllbart (1903) 62. vereinzelt bei einem mitteldeutschen autor: weil ich nun in meine anmerkungen auch etwas italiänisches setzen wollte, gleichwohl mir nichts anders, als vorstehendes bekannt war Rabener s. schr. (1777) 1, 165. etwas schwächer 'wenngleich, wenn auch': wollt er nur wider ledig sein, do must er sich aller administration des lands verzeihen, gleichwol im dargegen ein järliche competenz an gelt geordnet ward zimmer. chron. ²1, 184 B.
6)
als teil einer mehrgliedrigen konzessivkonjunktion: ob ... gleichwohl, wiewohl ... gleichwohl, im 16. und 17. jh., vereinzelt auch jünger: ob man glychwol den predgenden haben muͦsz, so macht er doch das herz nit glöubig Zwingli dtsche schr. 1, 232 Schuler-Schulthess; jhr drewet vns, ob gleichwol jr in vnserm gewalt stehn Amadis 274 Keller; ich aber will diesen überlästigen scheltern die fisch fürwerffen, ... welche wir, ob sie gleichwol in wassern verborgen ligen, und auch im meer, doch fahend Ph. Bech Agricolas bergwerckbuch (1621) 10;
ob nun gleichwohl mancher von ihnen
meinem vater nicht verwerflich geschienen,
so fande indessen meine mutter jedoch
vieles an ihnen zu tadeln noch
Kortum d. Jobsiade (1799) 1, 160;
wiewol nun der junge gleichwol fast schön, leget er doch seine schöne viel mehr auff seine bücher, denn andere kurtzweil B. Hertzog d. schiltwache (16. jh.) t 3. ähnlich wohl: etzliche (komposita bestehen) gar aus sechs wörtern, als: un-wieder-ab-treib-lich-keit —etc. da es gleichwol wunderbar in unserer sprache ist, dasz zwey, drey, vier, fünf, sechs stammwörter zusammen können kommen, ein jedes verleurt, und bringt doch seine deutung Schottel haubtspr. (1663) 79.
7)
ganz für sich stehen vereinzelte, unter sich beziehungslose anwendungen in der bedeutung 'sehr wohl, sehr gut', vielleicht auch von gleich VII A 'sofort' aus: da kamen fünfftzehen wol gewaffneter ritter ... fielen vber sie, und sagten, ergeben euch, sonsten müst jhr sterben. als Amadis disz höret, erkannt er gleichwol, dasz man sie verrahten Amadis 1, 332 Keller; O.: merk dir wohl, was ich gesagt habe ... H.: jetzt weisz ich gleichwohl was ich zu thun habe Hafner ges. schr. (1812) 1, 138.
Zitationshilfe
„gleichwohl“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gleichwohl>, abgerufen am 08.12.2019.

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