Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

gliederbau, m.

gliederbau, m.,
erst seit dem 18. jahrh. belegt, den mundarten fremd; vgl.gliedbau;
1)
vom menschlichen körper: der bau der glieder, die beschaffenheit der einzelnen glieder und ihre stellung zueinander
a)
allgemein: in ... dem ganzen gl. (des menschl. körpers) — ist soviel ... poesie gottes — dasz mir oft meine zitternde brust zu gluͤhen scheint Lavater physiogn. fragm. (1775ff.) 4, 185; selbst bei insekten hat man ein analogon des menschlichen gliederbaues gefunden Herder 15, 287 S.; vom menschlichen körper, von der zusammenstimmung seines gliederbaues habe ich nur einen allgemeinen begriff Göthe 19, 213 W.; dasz selbst lebensgewohnheiten einflusz auf das wachsthum üben und daher auch die gröszenunterschiede beim gl. als flüssige erklärt werden Peschel völkerkunde (1874) 91;
b)
zur kennzeichnung der wirkung auf das auge, bes. in verbindung mit adjectiven, wie zart, zierlich, schön, proportioniert, stark, kräftig, schlank u. s. w.: der gl. der Griechen war kräftig, breit und doch von schlanker linie Fr. Th. Vischer ästhetik (1846ff.) 2, 235; beyde geschlechter waren an gl. und gesichtsbildung muster von schönheit F. Th. v. Schubert verm. schr. 1, 266; die frau dieses nordischen mannes war braun und von zartem gl. Storm 4, 38; es war ein schöner, mächtiger knabe, hoch wie die männer waren, wenn auch noch von zartem gl. J. Gotthelf (1855f.) 16, 360;
betrachte den hals und die hüften,
den zierlichen gliederbau
Chamisso (1836) 3, 188;
wie der kleine knirps (klein Zaches) ... von allen für einen schönen mann von zierlichem gl. ... gehalten werde E. Th. A. Hoffmann 5, 29 G.; sie ... sind in ihrem schönen gl. ... noch bilder der schönheit gegen ... die weiter hinabwohnenden negervölker Herder 13, 231 S.; wohl gewachsen, von sehr proportioniertem gl. Forster (1843) 2, 143 vgl. 2, 23; starker gl., scharfe gesichtszüge, kleines blitzend verwegenes auge ... zeigten mir ein muster von seemann Heinse 4, 138 Sch.; kräftiger gl. v. Alten handbuch 4, 162; schlanker gl. Heine 1, 273 E.; groszer gl. Shakespeare 5, 12; seinen drallen, echt älplermäszigen gl. Rosegger (1895) 12, 163;
c)
umschreibung für körper, oft im gegensatz zu geist oder seele: man geduldet sich gern in dem zerbrechlichen gl., man weisz, er wird doch bald eingehen Zinzendorf Londoner pred. (1757) 2, 254;
... im lumpengewand
einher der wanderer,
bettelnahrung zu suchen
dem zerstümmelten gliederbau
Hölderlin ges. dicht. 1, 69 L.;
der gl. dient nur den trieben, bestimmt sie aber nicht Jean Paul 59/60, 174 H.;
trocknen gleich des leibes saͤfte,
hat der starke geist noch kraͤfte,
o so staͤrkt der hofnungsthau
auch zugleich den gliederbau
Fr. v. d. Trenck ges. ged. u. schr. 2, 217;
der menschen gliederbau zerfaͤllt,
mein geist eilt nun nach jener welt
B. Schmolcke s. trost- u. geistr. schr. 2, 69;
auf dann! sei unsrer seele licht,
in unserm schwachen gliederbau
uns stärke
Herder 29, 641 S.;
bildl. was wäre der schönste gl. werth, dem der kopf fehlt Alexis ruhe (1852) 5, 78.
2)
vom thierischen körper ebenso wie vom menschen: sie (die wassertreter) haben einen zarten gl. Naumann vögel 8, 235; der pongo hat den gl. eines menschen Brehm thierl. (1890) 1, 60; aber auch speciell auf die einzelnen abschnitte zwischen den gelenken bezogen: die stangen (im geflügelhaus) werden nicht rund, sondern entsprechend dem gl. der zehen mit rechteckigem querschnitt ... hergestellt Lueger 4, 139.
3)
von pflanzen:
der baum, nach dem mein lautes herz sich sehnte,
desz gliederbau sich rings in stolzem drang
unübersehbar in die lüfte dehnte
N. Lenau 43 B.;
4)
auf abstractes und lebloses übertragen:
a)
allgemein, häufig im sinn von organismus, innere form eines solchen: in denen (Shakespeares werken) ... der letzte scharfsinnige beobachter noch neue übereinstimmungen mit dem unendlichen gl. des weltalls ... finden wird Novalis schr. 2, 245 Minor.; ... denn die künste sind spezifische organismen, deren gl. im versuche der vereinigung (d. h. der gewaltsamen verquickung der künste) nur eine miszgeburt darstellen kann Fr. Th. Vischer ästhetik (1846f.) 3¹, 165f.; den ganzen inneren gliederbau derselben (d. wissenschaft) Kant 3, 15 acad. ausg.;
b)
in der baukunst: bau, der aus gliedern besteht: dieser gl. (wurde) ... mit einer antikisierenden decoration ausgestattet Karmarsch-Heeren 8, 667; auch die gotische kirche ist ein gl. nur in relativem sinne, erst allmählich in stark überwiegendem masze dazu geworden Schmarsow gotik in d. ren. (1921) 16;
c)
im sprachlichen bereich: rein bildlich: da auch dieses (buchstabensystem) noch eine ... andre ... analogie darbietet mit dem höhern princip des innern lebens und seinem ganzen organischen gl. Fr. Schlegel 15, 141; die deutsche sprache, die sich eines so gesunden gliederbaues erfreut, besitzt auch leider einen ganzen vorrat von solchen krücken und stelzbeinen J. Bayer lit. skizzenb. (1905) 8; von metrischen formen: schon sein (des sonettes) gl., sein reicher reim verkünden diese bestimmung E. J. v. Vaerst hundert sonette (1825) VIII; für periodenbau: den unendlichen gl. mechanischer reden Bettine dies buch gehört d. könig (1843) 1, 222; für aufbau: selbst der gl. (im letzten theil von W. Meisters lehrjahren) ist erhaben Fr. Schlegel Athenäum 1, 2, 176; nur einzelne stellen, gewisz nicht die grosze anordnung und der kunstreiche gl. des ganzen (machen Tasso) ... zum lieblingsdichter der Italiener Fr. Schlegel 5, 132.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1936), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 48, Z. 67.

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Zitationshilfe
„gliederbau“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gliederbau>, abgerufen am 07.06.2020.

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