glucke f.
Fundstelle: Lfg. 2 (1941), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 278, Z. 26
bruthenne. wie klucke (s. teil 5, 1258) späte postverbale bildung zu klucken, glucken, die in den übrigen germ. sprachen (auszer holländ. klok, kloek, das noch bei Kilian fehlt, und engl. dial. clutch neben dem gleichlautenden verb clutch 'brüten, brüten wollen', das seit dem 18. jh. bezeugt ist, s. Wright 1, 670ᵇ, Murray 2, 541) ohne parallele bleibt (entsprechende romanische bildungen s. teil 5, 1258). mit anlautendem g gegenüber spätmhd. klucke erst seit dem 16. jh. belegt. die sich ergänzenden formen klucke, glucke sind auf nahezu dem gesamten deutschen sprachgebiet heimisch, nur der überwiegende teil des schweiz. hat stattdessen die bildung gluckerin (s. d.), das auch sonst daneben begegnet, während das wort für das bairische nicht verzeichnet wird. nach ausweis der mundartenwörterbücher herrscht die form kluck(e) durchgehends im nd. (vereinzelt glucke Berghaus 2, 163ᵃ), ferner in einem teil des westmd., so im köln., aach., luxemb.; im übrigen md. sowie im obd. (ausnahmen s. oben) wiegt glucke (mit mundartlichen spielformen wie trier. glugk, lothr. gluck, niederhess. glugᵊ, nordthür. glucken, schweiz. gluggeⁿ, gluggi u. s. w.) durchaus vor (gelegentlich neben klucke: Bernd Posen 76 u. 129; Lambert pennsylv. 66).
1)
glucke bleibt (abweichend von seinem herkunftsverb glucken) auf das brütige, brütende oder seine jungen führende huhn beschränkt. in älterer zeit vorzugsweise von der henne nach vollendetem brutgeschäft: das freundliche locken vnd mütterliche stimme der glucken, damit sie ihre hünlin oder küchlin zu sich locket Er. Alberus vom basilisken zu Magdeburg b 1ᵃ; nachdem aber die hünlin auszgeschloffen sind, sol man einer muͦter zweyer oder dreyer glucken hünlin geben zuͦ erneren P. Heuszlin Gesners vogelbuch (1557) 92ᵃ;
die glucke führt ihr völcklein aus
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel evangel. kirchenlied 3, 398ᵃ;
die glucke ... ist eine henne, so junge hüner führet Gueintz deutsche rechtschreib. (1666) 75; wann die hüner ausgebrütet sind, heiszet die alte, so sie führet, die glucke, die jungen aber küchlein Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 907;
liebender tauben geseufz, und der gluck anlockendes schmeicheln
Voss Luise (1857) 195;
da kam eine glucke heraus (aus einem wunderei) mit zwölf küchlein ganz von gold brüder Grimm kinder- u. hausmärchen (1812) 2, 14; die küchlein laufen der glucke nach Düringsfeld sprichw. (1875) 1, 461ᵇ; wenn die glucke mit jungen hinkelchen ging W. Holzamer vor jahr u. tag (1908) 288. besonders in neuerer zeit ebenso gern auf die brütende oder brütige henne bezogen: die glucke hätte schon 20 tage auf den eiern gesessen und noch wäre keins ausgekommen Göthe I 46, 257 W.; das ... raugraf Gockelsche erbhühnernest, in welchem die glucke Gallina über den dreiszig eiern brütete Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 21; was kostet es vor müh, wenn wir nur wollten im backofen ein kleines hünchen ausbrüten ohne glucke Bettine dies buch gehört d. könig (1843) 1, 83; nun geht die glucke von den eyern W. Körte sprichw. (1837) 161; glucken, die nicht sitzen wollten Helene Voigt-Diederichs auf Marienhoff (1925) 102; lothr. e gluck setzen 'einer henne bruteier unterlegen, sie brüten lassen' Follmann 209 (auch schriftsprachlich).
2)
in vergleichen:
und, unter einer fichte eng
die häupter aneinander drückend,
stand, einer glucke gleich, die rotte der rebellen
und brütete, die waffen plusternd,
gott weisz, welch eine untat aus
H. v. Kleist 2, 425 E. Schm.
besonders beliebt ist der vergleich mit der fürsorglichkeit der glucke für ihre küchlein und mit deren zutrauen zum mütterlichen schutz: wie ... das hünlein unter den fittichen seiner glucken, so nimmt der glaube seine ruhe in den wunden Jesu Heinrich Müller geistl. erquickstunden (1667) 65;
er strafte
sie nicht im zorn! er wollte sie sammeln, so sammelt die glucke
unter ihre flügel die jungen
Lavater ausgew. schr. 1, 125 Orelli;
ich will dich hüten wie der jungen schar
die glucke schützt
Grillparzer s. w. 7, 88 Sauer;
sie (die kinder) drückten sich an die mutter wie küchlein um die glucke H. Zillich zw. grenzen u. zeiten (1936) 407. mehr vom optischen eindruck: und das dorf, die unscheinbaren kathen vom stattlichen herrenhause bewacht wie hühnchen von der glucke W. v. Polenz Grabenhäger (1897) 2, 66; wie die kücken um die glucke, so gruppieren sich die alten häuser um das verwitterte münster J. Goebbels Michael (1931) 15. vergleich mit der glucke, die enten ausgebrütet hat: was ich für ein wunderliches und schwaches werkzeug von vater bin, läszt sich gar nicht denken. eine wahre glucke, der man enteneyer untergelegt Hamann schr. 6, 125 Roth.
3)
übertragen auf menschen.
a)
zunächst von der schützenden fürsorge aus. von Matth. 23, 37 und Luk. 13, 34 (beidemal ὄρνις, vulgata gallina und avis, Luther beidemal henne) angewandt auf Christus: er nennet Herodem einen fuchs, ... sich eine glucke, einen guten hirten Rollenhagen froschmeuseler (1595) a 8ᵇ;
du (Jesus) wilst noch heute locken,
du holde glucke du.
drum lasz uns nicht verstocken,
und führ uns selbst herzu,
dasz unter deinen flügeln
wir stets versammlet stehn
B. Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 453.
von fürsorglichen frauen, besonders müttern, vgl. glukke eine familienmutter in scherzhafter rede Berghaus Sassen 1, 579; älteres mädchen, das gern mit kleinen kindern spielt Hofmann niederhess. 108; mutter, um die viele kinder herumlaufen Dähnert pomm.-rüg. ma. 238: ich umarme dich herzlich, liebe glucke Bürger an Anna Elderhorst, briefe 3, 174 Strodtmann.aber auch als spottname für (alte) frauen: alte kluck Betcke Königsberger ma. 38; Frischbier preusz. wb. 1, 382; alta gluck Ruckert unterfränk. ma. 62; eine alberne klucke alberne mutter ihren kindern gegenüber Gutzeit Livland 2, 55ᵇ.
b)
vulgär, vom stillsitzen der brütenden henne aus übertragen. für einen stubenhocker, z. b. ein Göttinger junge zum andern: na so komm doch mal runter, du alte glucke, wir spielen herrn und damen mündlich; für ein weib, das gerne hocken bleibt rhein. wb. 4, 786. auch stärker für einen faulpelz, vgl. altmärk. oll kluck 'faulpelz' Danneil 106.
4)
die plejaden, das siebengestirn; übertragen vom bild der um die henne dichtgedrängten küchlein; so auch in mundarten, vgl. Follmann lothr. 209; Schön Saarbrücken ²84; rhein. wb. 4, 786; Kehrein Nassau 167. häufiger gluckhenne (s. d.), vgl. auch gluckerin: er macht den wagen am himel vnd Orion, vnd die glucken vnd die stern gegen mittag (dazu marginalie die glucken oder die henne sind die sieben kleine gestirne) Hiob 9, 9; die glucken vnd Orion Amos 5, 8; in teutscher sprache nennet man sie die glucken oder die henne oder die küchlein mit der henne Prätorius reform. astrologia (1665) 144. bildlich: (bei betrachtung der reize einer frau)
er schauet nach der glucken,
besieht den angelstern, merkt, wo der milchweg geht
und wo das helle licht der jungferähre steht
P. Fleming dtsche ged. 1, 71 lit. ver.
5)
bombyx pini, zur gattung phalaena gehöriger nachtfalter; benannt danach, dasz der schmetterling im sitzen die flügel so herunterhängen läszt wie eine brütende henne, vgl. Ratzeburg die forstinsecten (1839) 2, 138; Behlen forst- u. jagdkde (1840) 3, 464.
6)
gaunersprachlich glucke mit küken 'der suppenlöffel mit den eszlöffeln zusammen' Avé-Lallemant 4, 545; vgl. auch Ostwald rinnsteinsprache 60.
7)
'tannenzapfen, kiefernapfel', wegen der ähnlichkeit der schuppendecke mit dem aufgeplusterten gefieder der henne (mosel- u. rheinfränk.) rhein. wb. 4, 786; Scholl Ottweiler 109; Schön Saarbrücker land (²1928) 84.
8)
im rhein. die herbstzeitlose, colchium autumnale, sowie der dachlauch, sedum sempervivum rhein. wb. 4, 786.
9)
luxemb. kluck haufen von 12 garben (nach dem aussehen) luxemburg. wb. 231ᵃ.
10)
luxemb. kluck 'krug, krucke', besonders für lase, engster, krug mit engem halse, vom gluckenden ausströmen des wassers luxemburg. wb. 231ᵃ; Gangler luxemburg. umgangssprache 242.
Zitationshilfe
„glucke“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/glucke>, abgerufen am 20.11.2017.

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