gondel f.
Fundstelle: Lfg. 6 (1952), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 883, Z. 45
venezianische barke, nachen; entlehnt aus it. gondola (seit dem 11. jh. in Venedig, seit dem 13. jh. in Genua und Pisa bezeugt, seit dem 14. jh. gemeinitalienisch in der bed. 'kleine barke', 'beiboot'; die spez. bed. 'venezianische gondel' kommt erst im 16. jh. auf, vgl. B. E. Vidos storia delle parole marinaresche italiane passate in francese [1939] 430). im deutschen begegnet zuerst gondole (plur.) als fremdwort bei H. Kilian (1537) s. u.; seit der mitte des 16. jhs. erscheinen die eingedeutschten diminutivformen (vermutlich, weil die ital. form die auffassung als diminutivum nahelegte) gundelle (n.) Wickram s. u.; πλοιάριον, navicula gündelein Frischlin nomencl. (1586) 269ᵃ; gundelein Decumanus (1602) s. u.; gundole (n.) Zeiller (1643) s. u.ferner gondalen (plur.) Quad (1598) s. u.; mit einem venedischen nachen oder gondollen uberfahren Hulsius teutsch-it.-frz. (1616) 237ᵇ; gundel ein venedisch schifflein Henisch teutsche spr. (1616) 1778. seit dem zweiten drittel des 17. jhs. herrscht gondel; daneben im 17. und 18. jh. noch gondol sowie, seltener und abnehmend, gundel.
1)
venezianische gondel; seit dem anfang des 17. jhs. auch allgemein für barkenähnliche fahrzeuge, besonders kleine vergnügungsboote: wir halten und brauchen dise gondole (schiflen) ann stat der rosz, esel und wegelen Hans Kilian res publica Venetum (1537) b 5 a; und auffs letzte legen sie die truhen in ein gundelle und führens die gantze nacht in der statt (Venedig) umb Wickram rollwagenbüchl. 190 Kurz; uff die manier der venedischen gondalen M. Quad encheiridion cosmogr. (1598) 299; auff wenige bogen papier gehen mehr lugen, als zu Venedig gundelein sein Joh. Decumanus gründtl. warhaffte relation (1602) d 1ᵇ; dan der alte, so in der gondol zuvor tod lag, fienge an wider zu erwachen Weckherlin ged. 1, 20 Fischer; nach vollbrachter begrüszung ... stieg der könig ausz Sardinien in Meleanders gondel A. Friderici hist. v. Poliarchus u. Argenis (1631) d 1ᵃ; auff einem gundole oder schifflein M. Zeiller episteln (1643) 3, 461; wenn einer von Venedig abschiffete und weinen wolte, dasz er nicht ... die artigen brücken, die bequemen gondeln ... mehr sehen könte Chr. Weise drei klügsten leute (1675) 253; ich hab die gondolen zu Venedig probirt Callenbach quasi (1715) 39; wer zu Venedig ... ausfahren will, bestellet einen gondolierer (cymbulae ductorem), der ihn in seiner gondel (scapha, navicella) ... in der stadt umher führet Comenius orb. pict. (1737) 2, 74; wir sind nun bald genug in den gondoln gefahren (1770) L. Mozart in: br. W. A. Mozarts 3, 98 Sch.; dahero man (in Venedig) von einer gassen zur andern zu wasser auf den gundeln fahren muess (1780-1800) Zobel tagb. bei Schöpf Tirol 224; man sah die damen in ihrer blendend-muntern gondel gar bald wieder heranfahren. das wort gondel nehme man aber nicht im traurigen venezianischen sinne; hier bezeichnet es ein lustig-bequem-gefälliges schiff Göthe I 24, 363 W.;
diese gondel vergleich ich der sanft einschaukelnden wiege,
und das kästchen darauf scheint ein geräumiger sarg
ders. 1, 309;
es hangt die morsche gondel
an stricken in der halle
(1833) Platen w. 1, 20 Hempel;
eine glückgefüllte gondel
gleitet auf dem Canal Grande
(1878) C. F. Meyer in: s. br. 28 Langm.;
dann und wann schosz eine gondel pfeilschnell über die glitzernde wasserfläche (des Tigris) W. Raabe s. w. I 2, 127 Klemm; dinge, die ohne autor aus dem durch die menge hindurch gepreszten bedürfnis hervorgegangen sind: die gondel, die balalaika, ein schöpfgefäsz Rilke br. 1 (1950) 381; ich kam von Mailand nachmittags in die geliebte lagunenstadt. kein träger war zur stelle, keine gondel St. Zweig welt v. gestern (1947) 351. bildlich:
wie reich geschmückte gondeln ziehen langsam
die goldnen wölkchen durch den blauen himmel
Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 6, 184;
im Kaufmann von Venedig, in dem ich die bunte abwechslung der coulissen, die wie gondeln vorüberschieszen, nicht gern entbehrte Grabbe w. (1874) 4, 168 Bl.; die lebendige gondel, der schwan Jean Paul 1/2, 198 Hempel; unter akazien und götterbäumen bemerkte man einzelne gruppen festlich gekleideter menschen, welche von einem strom des entzückens wie gondeln dahingetragen und ohne ruder, nur durch den antrieb ihrer geselligen süchte, gelenkt zu werden schienen Langgässer d. unauslöschl. siegel (1946) 201.
2)
als technische bezeichnung auf den (anfangs bisweilen nachenförmigen) korb eines luftballons, dann auf den führerstand bzw. den fahrgastraum, die motorengehäuse eines luftschiffes übertragen; gelegentlich auch für taucherglocke: zur ersparung des raumes in der gondel (einer Montgolfiere) könnte man ja eine leichte einrichtung treffen, dies (das stroh als brennstoff zur warmlufterzeugung) aussen anzuhängen d. teutsche Merkur (1784) 2, 173; ich denke mir, das nächste, was wir erleben, sind luftschifferschlachten. wenn dann so eine gondel die andre entert. ich kann mich in solche vorstellungen geradezu verlieben Fontane ges. w. (1905) I 10, 203; da also gefiel Adrian sich in dem scherz, mir höchst anschaulich vorzuerzählen, wie er mit Mr. Capercailzie eine kugelförmige tauchergondel ... bestiegen habe Th. Mann Faustus (1948) 423; (der ungeheure atmosphärendruck der tiefsee) der beklemmend ... auf den wänden der gondel wuchtete ebda 427.
gondel f.
Fundstelle: Lfg. 6 (1952), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 884, Z. 72
eine muschelart, arca modiolus L., auch gondelarche: Nemnich 203; Campe 2, 424ᵃ.
Zitationshilfe
„gondel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gondel>, abgerufen am 21.05.2019.

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