Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

gottverlassen, adj. u. adv.

gottverlassen adj. u. adv.
die als 1 und 2 geschiedenen bedeutungen haben den unterschied lediglich in einer akzentuierung, so dasz, namentlich unter 2, mit der einen bedeutung jeweils die andere mitgemeint sein kann.
1)
von gott verlassen, verworfen.
a)
zufrühest noch in unmittelbarer anlehnung an Matth. 27, 14 in der beziehung auf Christus, dann auch, in erweiterter anwendung, zur bezeichnung eines zustandes unverschuldeten verlassenseins von gott:
wie donnerts! — Jesu, nicht im tode,
ach, gottverlaszner, nicht im tode,
verlasz uns im gerichte nicht!
Cramer nord. aufseher (1758) 1, 140;
hing er (Christus) nicht am kreuze gottverlassen
unter menschenfluch und sünderhassen?
(1774) Herder 29, 436 S.;
epochemachend ist der gedanke, dasz es keine so niedrige stufe des seins gibt, die ... ganz gottverlassen und somit der aufmerksamkeit des künstlers ganz unwürdig wäre A. Hauser sozialgesch. d. kunst u. lit. (1953) 1, 244. in fortsetzung dieser linie sonst kaum noch; vgl. jedoch die scherzhafte substantivierung der gottverlaszmichnicht für einen kläglichen kerl: (die groszmagd erzählte) wie sie den D. verhöhnt habe, der dagestanden habe, wie der 'gottverlaszmichnicht' B. Auerbach schr. (1892) 13, 109; vgl. noch: Felder reich und arm (1868) 284; Fischer schwäb. 3, 761.
b)
mehr als bezeichnung einer selbstverschuldeten gottferne, im sinne einer religiös-moralischen wertung von dem, der seinerseits gott verlassen hat, vielleicht unter einflusz des älteren gottvergessen (s. d. 1 a α): (Werthers und des barons Eduard) miszverständnisz des heiligsten gefühls, der liebe, ist so entsetzlich, dasz es gewisz nur in einem ganz gottverlassenen herzen möglich ist Pustkuchen in: Goethe-gegner 38 lit.-denkm.; meine Berbenner sind nicht so gottverlassen, dasz sie des heiligen Franziskus kutte nicht in ehren hielten (sagt Jürg Jenatsch) C. F. Meyer Jürg Jenatsch (1901) 71. in dieser anwendung auch als prädikat menschlicher äuszerungen und handlungen mit sachlicher beziehung: und man nehme an, die jungen leute haben das schiff entwendet, um darauf ihre verzweifelte und gottverlassene hochzeit zu halten, abermals ein zeichen von der um sich greifenden entsittlichung und verwilderung der leidenschaften G. Keller ges. w. 4, 159 Fränkel; wer eine solche entsetzliche, gottverlassene that (selbstmord) wirklich im schilde führt, pflegt vorhero selten viel davon zu sprechen Holtei erz. schr. (1861) 15, 94. mit verblassen des religiösen bezugs in der bedeutung 'verwahrlost': Venedig ... musz er (Winckelmann) im gottverlassensten zustande gesehen haben Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 8. bis zum fluch- und kraftwort absinkend: wir hatten also Inder vor uns, weit übers meer gekommen, um sich auf diesem gottverlassenen stück erde ... die schädel einzurennen E. Jünger in stahlgewittern (1934) 163.
2)
ganz verlassen, vereinsamt, abgelegen (vgl. gottvergessen 2 b):
manch alter seemann, der schon weiland
verschlagen sasz auf wüstem eiland,
und den sodann ein rettend schiff
von seinem gottverlassnen riff
heimnahm
Freiligrath ges. dicht. (1870) 5, 154;
vgl. Fritz Reuter w. 6, 365 Seelmann; sie wissen doch, ich war damals pfarrer in diesem gottverlassenen städtchen und hatte keinen verkehr Langgässer d. unauslöschl. siegel (1946) 192. in der verstärkenden verbindung gott- und weltverlassen: so stand er (der mönch Festus) am ufer, gottverlassen, weltverlassen W. Raabe s. w. I 3, 57 Klemm; was hätt mir gebührt nach dem, was ich damals gegen das hilf- und ratlose, gott- und weltverlassene geschöpf gethan hab, das noch obendrein meine leibliche schwester war? Anzengruber ges. w. (1890) 3, 75.
3)
mit blosz steigernder funktion, adverbial: gelt, so gottverlassen dumm bin ich auch nicht, wie du meinst Herm. Hesse nachbarn (1909) 278. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1955), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1423, Z. 58.

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