Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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grämen, vb.

grämen vb
got. gramjan, ags. gremian, gremman, an. gremja. ahd. grem(m)en (praet. gremita, partiz. gagremit; zu Notkers gramda neben seltenerem gremeta vgl. Schatz ahd. gr. § 303); mhd. gremen, mnd. gremmen. gegenüber ahd. intrans. grisgramôn (s. ¹gramen) als faktitivbildung 'gram machen' zu gram, adj.der auch für andere bildungen aus dem bereich der wurzel gram- typische übergang der bedeutung von älterem 'erzürnen' zu jüngerem 'betrüben' fällt ins 16. jh.; er setzt sich schneller durch als bei gram, m. (s. d.), besonders im reflexiven und substantivierten gebrauch (s.C; D). die lexikographen des 17. und frühen 18. jhs. wie Henisch, Hulsius, Stieler, Kramer, Steinbach verzeichnen nur noch die jüngere bedeutung und verkennen dabei z. t. ihren etymologischen zusammenhang, vgl. auch Wachter gloss. (1737) 605. das wort ist mhd. nur spärlich überliefert, an seiner wachsenden verbreitung im nhd. scheint Luther, zumal mit seiner bibelübersetzung, maszgebend beteiligt. im 16. und 17. jh. vielfach noch gremen geschrieben; auch mit doppelkonsonanz gremmen (16. jh.) in: schweiz. id. 2, 732; (17. jh.) bei Fischer schwäb. 3, 787, wie noch in junger mundart, vgl. schweiz. id. 2, 732; Woeste westfäl. 85ᵃ, dazu grämmen Mozart br. 4, 349 Schiedermair. umgekehrt, mit dehnungs-h, gelegentlich im 17. und frühen 18. jh.: grehmen Bastel v. d. Sohle junker Harnisch (1648) 209; grähmen Paul Gerhardt in: Fischer-Tümpel 3, 422; Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 87. vereinzelt kremen mit unechtem k-anlaut Grimmelshausen 2, 343 Keller. mundartlich schwach bezeugt, kärnt. in der form grânen Lexer 120.
A.
in transitivem gebrauch und mit persönlichem subjekt; vornehmlich älteren gebrauchs, aber auch in junger sprache noch möglich.
1)
'erzürnen, reizen, ärgern', deutlich in der faktitivbedeutung 'gram machen' und im ganzen der wurzelbedeutung von gram noch nahe; fast ausschlieszlich vornhd.; in ahd. glossierungen für irritare, provocare, exasperare u. ä., vgl. Graff 4, 320 s. v. gramjan, dazu 321 s. v. gagramjan, argramjan: inritat kacremit; kremit (9. jh.) ahd. gl. 1, 175, 40 St.-S.; prouocabat gremida (9. jh.) ebda 297, 38; objurgaui gigremita (2. Esra 13, 17) (8. jh.) ebda 474, 25. häufig in Notkers psalmen: propter quid irritauit impius deum ... ziu leuues cramda got ter ubilo? Notker 2, 29, 29 P.; vgl. 298, 19; 318, 4; 453, 17 u. ö.; qui amaricant non exaltentur in semetipsis die got crement an iro sundon 2, 248, 4 P. (ps. 65, 7); vgl. 254, 10 (ps. 67, 7);
alle di got den guͦten
da in der einoten gremeten
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 68, 29 Diemer;
das volk ist gemeiniclich gegremit und vorbitterd von mancherlei schendunge und lesterunge (1454) acten d. ständetage Preuszens 4, 254; um die von Bern zu gremmen (1531) in: schweiz. id. 2, 732. ungewöhnlich mit genitivischem statt akkusativischem objekt:
ich sach nieman da grämen
dez andern in geuärden,
wann ich lugt ir gebärden
die warent also minicklich (von kosenden liebespaaren)
liedersaal 2, 224 Laszberg.
'reizen' in dem engeren sinne von 'feindselig machen': wir (der deutsche orden) wurden en (den erzbischof von Riga) nicht alleine, sunder ouch die andern (geistlichen würdenträger) ... desteme gremen und hessiger machen wedir uns und alle die unsern (1426) mon. hist. Warmiensis (Ermland) 9, 156;
dinen vient scaltu klemmen,
wedder dinen frunt nemede (keinen) gremmen
bei Schiller-Lübben 2, 143ᵇ.
vereinzelt in absolutem gebrauch:
drumb, scharr, gratz, nemm, gräm, rapp, sapp, sauff, rauff, stehl, hähl, trieg
Moscherosch gesichte (1650) 1, 418.
wohl mit ²grimmen (s. d.) gekreuzt, s. dazu auch unt. D 3 ende:
die red gremet den man im paüch
Hans Sachs s. fabeln u. schwänke 4, 385 ndr.
ein aus einem vereinzelten mhd. nachweis gefolgerter intransitiver gebrauch im sinne von gramen 1 'zürnen' musz angesichts der dunkelheit seines zusammenhanges fraglich bleiben:
den gesten varndiu habe müest vreches willen lachen,
die landen unt den liuten ouch, in selben swindes gremden
Frauenlob 77, 12.
2)
seit dem 16. jh. wechselt die bedeutung, wohl durch den analogen vorgang innerhalb des reflexivgebrauchs (s. u.C 1 c; d) veranlaszt, zu 'betrüben, traurig machen' hinüber: gleich wie eine, die um ihre ehre und magdthumb kommet, ihre eltern zu tode gremet und hermet Mathesius Jesus Syrach 1, 13ᵃ;
wer bleibt mir? dieser leib, der sich der jugend schämet.
entkräftet vor der zeit, im marke wund gegrämet
Haller ged. 180 Hirzel.
doch bleibt die grenze gegen 1 leicht unscharf, und auch in jüngerer sprache treffen sich 1 und 2 in der dazutretenden vorstellung 'kränken':
es scheint, ihr seyd
in ihrer gunst noch nicht gar weit
vorgerückt, dasz sie euch so zu grämen
über ihr herz erhalten kann
(die dame, die ihren ritter im stich läszt)
Wieland s. w. (1796) 21, 106;
erst schmeicheln sie uns (die männer den frauen); denn nicht mehr,
und schmähn und grämen uns so sehr
Herder 25, 166 anm. S.
archaisierend: es ist auch unfreundlich, dasz der Litauer dem deutschen orden in Livland hilft, nur um ihn (den zaren) zu grämen Blunck Wolter v. Plettenberg (1938) 84. kärnt. ân grân ̃ 'ihm kummer, gram, verdrusz machen'; der pue grânt die muoter àlla tàge Lexer 120.
B.
in unpersönlicher konstruktion: etwas grämt jemanden, nicht vor dem 16. jh. belegbar.
1)
der nur nhd. bezeugung entsprechend nur noch selten in der bedeutung 'erzürnen', und dann wohl mehr in dem milderen sinne von 'ärgern':
den bawren-knecht das selbig (das gebaren des edelmanns) grembt,
schwieg still und mercket alle ding
Hans Sachs 5, 129 lit. ver.;
gelt, herr doctor! was ihn das ärgern, grämen, grimmen musz, seinen hochmuth, der den wolken entgegenlief, niederstreichen musz maler Müller w. (1811) 2, 46.
2)
sonst durchweg 'betrüben, kummer bringen', von tiefergehender schmerzwirkung; auf eine vorübergehende gefühlswallung wie auf eine länger andauernde gemütsverfassung bezogen: sie thetens nur deste mher, si me (lat., 'wenn mich') gremet Luther 41, 473 W.; das grämte und betrübte dich einige wochen, dasz du beschimpft fliehen musztest E. M. Arndt geist d. zeit (1813) 3, 192;
was grämts dich so in tiefster seele?
dein sieg? dein fallen? einerlei!
Gutzkow ges. w. (1872) 1, 269.
mit gegenständlichem subjekt:
niemand soll diese predig gremmen (: nemmen)
sonder zu wahrer buss uns reichen
(1623) bei Fischer schwäb. 3, 787;
(Genovefa:) ... (zerreiszt das blatt) verwese, schlechtes, o nicht länger sollt du mich grämen maler Müller w. (1811) 3, 153; vgl. 1, 25. ungewöhnlich mit prädikativer bestimmung und sachlichem objekt:
es war ein langer unruhvoller mai,
er grämte ihre jungen wangen bleich
G. Etzel John Keats gedichte (1910) 43.
die intensität der bedeutung wird auch in den wendungen vorausgesetzt, die negierender oder einschränkender art sind: etwas grämt jemanden nicht oder wenig 'es macht ihm keine sorge, kümmert ihn nicht':
mein weib, das thut mich gar nicht gremen
Hans Sachs 17, 143 lit. ver.
auch hier mit sachlichem subjekt: da, sagt Livius, grämte die patricier das unglück des heeres wenig Niebuhr röm. gesch. (1811) 2, 424. ähnlich sich etwas nicht (wenig) grämen lassen 'etwas nicht schwer nehmen':
und die armee liegt hier in Böhmen,
pflegt den bauch, läszt sichs wenig grämen
(dasz der feind wesentliche erfolge errungen hat)
Schiller 12, 34 G.;
Zawisch, lasz euch das ding nicht grämen A. Sperl Budiwoj (1927) 277.
C.
am stärksten entwickelt ist der reflexive gebrauch, der sich in anfängen bereits im mhd. zeigt und dessen bedeutung sich aus dem faktitiven 'sich gram machen' mehr und mehr ins zuständliche verlagert.
1)
bedeutungsmäszig in verschiedenen richtungen entfaltet.
a)
'sich erzürnen', nur selten und früh:
ich weiz wol daz ez vbel stat
vnd vil vbel gezimet
daz ir vurgeben vch sus grimet
Herbort v. Fritzlar trojan. krieg 8266;
(wohl als gremen anzusetzen, vgl. v. 61f.: wirken: merken);
vor zorne schütt sie (die henne) ir gevider ...
also ist enem, der sich gremt
Seifrit Helbling 2, 1245 Seem.
gemildert soviel wie 'sich ärgern, über etwas böse sein'; im ersten beleg vielleicht mit ¹gramen (s. d. 3) gekreuzt: dat mene volk ... sic grammede, umme dat se hadden mit cledinghe grote koste dreven Lüb. chron. 1, 178;
des thet sich gremen
der abt, das in (seinen gast) sein narr het gschmecht
Hans Sachs s. fabeln u. schwänke 2, 222 Goetze; vgl. 4, 12.
b)
vereinzelt 'sich verhaszt machen', in der auch für gram, adj. (s. d. A 3) singulären passivischen bedeutung: (der schultheisz) hielt sich in etlicher masze szo homutig, das er sich dem provisori unde dem vitzthum gremte, also das der selbe provisor unde der vitzthum den ... schulteyszen in cleiden vorbrochten vor dem bischoff von Mentze (thüring. ca. 1450) Cammermeister chron. 35.
c)
'sich betrüben, traurig sein' im sinne einer heftigen, aber vorübergehenden gemütsbewegung, meist mit angabe des auslösenden anlasses, früher und ausgeprägter als der entsprechende gebrauch von gram, m. (s. d. 3); vom 16. jh. bis in die moderne sprache:
so thut sich ir (der geschlachteten sau, die sich als finnig erwiesen hat) der haussherr schemen,
und thut sich umb sein geltlich gremen
Hans Sachs 9, 403 lit. ver.; vgl. 14, 115;
greme di man nig, darffts di ok nieg den kop dreuer tubrecken
(dasz wir das haus, in dem Christus geboren ist, nicht kennen)
kurtze comedien v. d. geburt d. herrn Christi 41 Gerstmann;
was hette ich mich viel kremen sollen, da sich doch die andere um dess krancken hinfahrt nicht viel bekümmerten? Grimmelshausen 2, 373 Keller;
sobald ein rauhes lüftlein weht,
grämt sich das mädel tief
Schubart s. ged. (1825) 3, 73; vgl. 2, 147;
Hänsel aber sprach: sey still, Gretel, und gräm dich nicht, ich will uns helfen br. Grimm kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 50; bei diesen worten grämte sich der herzog Fontane ges. w. (1905) I 2, 506. gelegentlich auch ungewichtiger: ich grämte mich daher auch wenig des gewölkes wegen (das nach erfolgreicher gipfelbesteigung die aussicht benahm) Barth Kalkalpen (1874) 446. in der wendung sich grämen, etwas zu tun soviel wie 'etwas mit trauer, sehr ungern tun':
jungen wittwen, die sich grämen
flohr und trauer um zu nehmen
Lessing 1, 107 L.-M.;
gräme dich nicht, zu verlassen die seligen thale des friedens
wo zu tugenden dich bildete red und gesang
J. H. Voss s. ged. (1802) 2, 18.
d)
vorherrschend jedoch auch hier, wie bei gram, m. (s. d. 2), als bezeichnung einer andauernden gemütsverfassung tiefer betrübnis, zehrenden kummers.
α)
seit dem 16. jh., mehrfach schon in der Luther- bibel: ich greme mich, das mir das hertz verschmacht, stercke mich nach deinem wort ps. 119, 28; vgl. 1. Sam. 2, 33; Jer. 8, 21; 22, 10;
ich musz mich grämen fort und fort
vnd mein leid in mich fressen
bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 27;
warum solt ich mich denn grämen?
Paul Gerhardt ebda 3, 361ᵃ;
eines (der waisenkinder) ... schickte ich ins waisenhaus zurück. es grämte sich aber dort so lange, dasz ich ... für sein leben besorgt wurde J. Möser s. w. 2, 265 Abeken; übrigens grämt sie sich im stillen Holtei erz. schr. (1861) 1, 33; dasz jemand leidet, sich grämt usw., kann ich nicht anders wissen als aus der äuszeren sachlage, in der er sich befindet, oder aus äuszeren anzeichen in seinem verhalten N. Hartmann ethik (²1935) 415. eine abstrakte eigenschaft kann an stelle eines persönlichen trägers subjekt sein:
wann gleich grosz noth vorhanden ist,
sie (die geduld) doch sich drumb nicht grembt noch frist
Gottinger bei L. Darnavius amphitheatrum (1619) 1, 761ᵃ.
von der bedeutung a ausdrücklich unterschieden: der ευκολος ... wird über den unglücklichen sich nicht ärgern, noch grämen Schopenhauer w. 4, 368 Gr.
β)
die feste wendung sich zu tode grämen setzt die bedeutung des zehrenden, schleichenden kummers voraus, vgl. jüngeres vor gram sterben unter gram, m. 2 b. im eigentlichen sinne: also hat sich auch Carolstadt zu tode gegrämet Luther tischr. 6, 73 W.; vgl. 336; Alexander hätte ... sich selbst durch enthaltung vom essen zu tode gegrämet Lohenstein Arminius (1689) 1, 136ᵇ; vgl. 251ᵃ; die anekdote, dasz Racine sich zu tode gegrämt habe, weil Ludwig der vierzehnte ... ihn seine unzufriedenheit fühlen lassen Göthe I 21, 289 W.; da ward der vater wahnsinnig und grämte sich todt br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 234; die mutter aber verhängte die fenster (nach dem tod des einzigen sohnes) und grämte sich zu tode Gorch Fock Nordsee (1916) 154. daneben in blosz hyperbolischer ausdrucksweise, einen hohen grad des grams bezeichnend: derselbige seuffet das lob und lust gar in sich und lachet sich zu tode, wenn man jn rhümet und preiset, dort, da man jn lestert, da gremet sich denn einer zu tode Luther 17, 1, 238 W.; vgl. br. 9, 409 W.; Araspas (hat) ... sich geschemet, vnd vor wehmuth ... fast todt gegremet Barth weiberspiegel (1565) G 6ᵇ; ich hätt mich tot gegrämt O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 350. auf der gleichen linie:
wenn es mein mädle wüszt,
dasz ich schon sterben müszt,
sie thät sich grämen
mit mir ins grab
Aurbacher ein volksbüchlein (1835) 253;
begibt sich, das ein schade einfellt, das ehr (ein reicher) umb 100 fl. oder zwey kompt, da ist jammer unnd noth, da schlefft ehr niht, da ists ehr niht, da gremet ehr sich kranck Luther 47, 358 W.; dennoch hat er (ein pfarrer) bessere stellen ausgeschlagen, weil er nicht von den armen, verwilderten menschen lassen will, obschon er fast nichts als undank erntet und sich blasz und mager grämt (1839) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 368 Schulte-K.; ich habe mich fast zu schanden gegrämt, dasz ich so gar nichts mehr kann (1773) Bürger br. 1, 101 Strodtmann. nur älter:
ich thu mich schir zum narrn gremen
Ayrer dramen 282 Keller.
γ)
seltener mit der unter gram, m. 2 häufigen anspielung darauf, dasz der gram das aussehen des menschen verändert: wer sich stets gremet, der wird bald graw Friedrich Wilhelm sprichwörterreg. (1577) F 2ᵃ. ungewöhnlich mit innerem objekt: der bruder Melchior wird sich auch nicht graue haare grämen Alexis Roland (1840) 1, 388.
e)
abgeschwächt im sinne von 'sich um etwas sorgen, gedanken machen', von c wie von d her möglich:
sein beutel ist nicht schwer'
doch auch nicht allzu leer. so darf er sich nicht grämen'
wo er den unterhalt von kleidern her soll nehmen
Fleming dt. ged. 1, 130 lit. ver.;
Auff Curiosum.
Curiosus grämt sich sehr, was ein andrer hat zu leben;
Curiosus grämt sich sehr, was ein andrer hat zu geben;
Curiosus grämt sich sehr, was ein andrer führt für lehre;
Curiosus grämt sich sehr, was ein andrer hat für ehre;
Curiosus grämt sich nichts; hat nicht wol das brot zu leben;
Curiosus grämt sich nichts; hat viel schuld und nichts zu geben
Logau s. sinnged. 224 lit. ver.;
wein und würfel daher! wer grämt sich um morgen
Geibel w. (1888) 5, 162;
ich habe nicht zeit, mich über punkte wie diese zu grämen (sich darüber gedanken zu machen, ob sein freitod oder ein leben in unehre standesgemäsz ist) Fontane ges. w. (1905) I 5, 103.
2)
in bestimmten anwendungsformen.
a)
häufig in synonymer, seltener in gegensätzlicher zuordnung. vor allem in der verbindung mit härmen, wie sie besonders der bedeutung 1 d entspricht:
sich härmen vnd gremen,
sich schewen vnd schemen
Voigtländer oden u. lieder (1642) 30;
Caroline br. 1, 163 Waitz; verzeih! hast dich so um mich gegrämt, hast dich zu tod gehärmt um mich W. Raabe s. w. II 2, 173 Klemm. anderes mehr gelegentlich: das wir (christen) uns tag und nacht darumb gremeten und betrübeten, das die welt so tobet und wütet wider das euangelion Luther 45, 709 W.; Pietsch geb. schr. (1740) 211; darüber die eltern für hertzleid sich zu tode gremen vnd kümmern theatr. diabol. (1569) 261ᵃ; M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 1, 141;
dasz ich ohn ruh
mich kränck und gräme fast von sinnen
Simon Dach 720 lit. ver.
so konnte Giglio das fatale bild von dem jungen, närrisch bunten haushahn ... nicht loswerden ... und ärgerte und grämte sich darüber E. T. A. Hoffmann s. w. 11, 30 Gr. wortspielerisch: die schelmen mögen sich grieszgramen und grämen maler Müller w. (1811) 1, 196. häufig in der reimverbindung sich schämen und grämen, wobei grämen weniger eine synonyme, als eine verstärkende beziehung herstellt, wie bei scham und gram s. v. gram, m. 5 a:
nun müsen sich je schämen
all mein feind vnd sich grämen,
dazu erschrecken sehr
Fischart gesangbüchl. 157 Kurz;
narren schemen und gremen sich nicht Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Pp 8ᵇ; vgl. Jii 8ᵃ; da schämte und grämte er sich sehr M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 164. antithetisch vor allem zu sich freuen:
einige grämen sich um den langabwesenden könig,
andere freuen sich drob
J. H. Voss Odyssee 262 Bernays;
dich interessire eigentlich garnichts, und du grämest und freuest dich nicht O. v. Bismarck br. an s. braut u. gattin 95 H. v. Bism.
b)
mit abhängigem präpositional-, vereinzelt genitivobjekt.
α)
ursache und gegenstand des grams anzeigend, auf persönliches und sachliches bezogen. sich grämen um: weinet nicht vber die todten, vnd gremet euch nicht darumb Jer. 22, 10; Lehman floril. polit. (1662) 4, 249;
hinfüro ist das leben mein,
darff nicht, dasz ich mich grähme
vmb einger sünden lohn und soldt
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 422ᵃ;
er grämte sich nicht mehr um seine bücher und sammlungen in Mainz Ina Seidel labyrinth (1922) 385. auch speziell 'um jemanden liebeskummer haben': frau Prechtere gesteht Gläslern: dasz ihre tochter sich um Wolfgang gräme Göthe I 41, 1, 155 W. etwas jünger, aber dann noch geläufiger, sich grämen über:
zu letzt so reitet er von dannen sehr beschämt,
dasz er viel tage sich hernach noch drüber grämbt
Dietrich v. d. Werder ras. Roland (1636) 11;
Philistus grämte sich billig über diese wiewol nicht ungewöhnliche laune des glücks Wieland Agathon (1766) 2, 205; denn sie war bescheiden und demütig und grämte sich über den bloszen anschein von eitelkeit Fontane ges. w. (1905) I 6, 295; wie sinnlos und vergeblich er sich über etwas gegrämt hatte, das doch nun einmal nicht zu ändern war O. M. Graf unruhe (1948) 31. sich grämen von oder auf daneben ungewöhnlich:
ach mein hertz sich zu tode grämbt
vom greuel aller enden
bei Fischer-Tümpel kirchenlied 1, 77;
dasz ich nicht recht dran thue, dasz ich schon mit zaghafftigkeit mich auf das zukünfftige übel gräme Quirsfeld geistl. myrrhengarten (1717) 304. gelegentlich sich nach jmd. grämen geradezu 'sich nach ihm sehnen':
verlassen wirst du (Siegfried) bald nach mir dich grämen
Tieck schr. (1828) 2, 206;
Holtei erz. schr. (1861) 13, 39. in der verbindung mit in zugleich das zuständliche betonend: (er) grämte sich in seiner schmerzlichen erniedrigung und wähnte doch sie nötig Hölderlin ges. dicht. 2, 10 Litzmann;
man glaubt, dasz ich mich gräme
in bitterm liebesleid
H. Heine s. w. 1, 110 Elster.
β)
die modale verbindung sich grämen mit zielt auf tautologische ausdrucksweise: ihr gröste ergetzung musz seyn, sich mit sorg und bekümmernusz zu grämen Grimmelshausen Simpl. continuatio 20 Scholte; anstatt dasz eine andere frau sich darüber mit vergeblichem leid gegrämet hätte Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 420.
γ)
selten und nur älter mit abhängigem genitiv:
dess sich hernach die alten gremen,
sich irer sön denn müssen schemen
Hans Sachs 17, 308 lit. ver.; ders., fabeln u. schwänke 4, 12 ndr.
c)
unter ersparung des reflexivpronomens steht einfaches grämen für sich grämen, so namentlich im substantivierten gebrauch (s. u.D), aber auch sonst, vgl. graemen moerere Wachter gloss. (1734) 605: du betrübtes kind! was weinest du? was grämest du? was ängstest du dich? Scriver seelenschatz 2, 441; eine kummerhafte, grämende frau ist doch wohl eine der gröszten plagen, die einen braven mann, welcher ... frohsinn über alles liebt, treffen können Pestalozzi s. schr. (1819) 12, 324.
D.
als substantivierter infinitiv steht grämen, wie in anderen formen unter C 2 c, aber sehr viel häufiger als dort, für sich grämen und vertritt seit dem 16. jh. das zunächst noch wenig entwickelte gram, m., hält sich aber, zumal in poetischem gebrauch, bis in junge sprache. in Luthers bibel, die gram, m., nur als 'feindschaft' kennt, erscheint gremen, n., für 'trauer, kummer' z. t. schon früh (ps. 119, 28; spr. Sal. 17, 21), z. t. erst seit 1534 für älteres vnmut oder leyd (pred. Sal. 1, 18; 2, 23; 5, 16), z. t. wird freilich ursprüngliches gremen durch späteres trauren oder leid abgelöst (spr. Sal. 17, 25; 14, 13); obd. nachdrucke aus Basel oder Nürnberg zwischen 1522 und 1530 ersetzen Luthers gremen durch greinen, gruwen, trawren, weynen.
1)
meist von anhaltendem kummer, wie oben C 1 d, seltener von vorübergehendem schmerzaffekt, wie C 1 c: also sollen sie (die gottesfürchtigen) sich trösten, sonst machen sie inen ir leben saur und richten mit dem gremen lauter nichts aus Luther 16, 295 W.;
in solchem inwendigen gremen
thut er von tag zu tag abnemen
an leib und gmüt, ist mat und schwach
Hans Sachs 8, 307 lit. ver.;
also kan des menschen grämen
nichts von seinem leiden nehmen
Königsberger dichterkreis 83 ndr.;
wollst endlich sonder grämen
aus dieser welt uns nehmen
durch einen sanften tod
Matthias Claudius s. w. (1775) 4, 92;
das bäumlein spricht mit grämen
Rückert ges. poet. w. (1867) 3, 5;
wie ein kind ist sie eines dumpf hinbrütenden grämens noch nicht fähig W. Raabe ein frühling ⁷23. hierher wohl auch ein an sich doppeldeutiger beleg, der, transitiv im sinne von A 1 aufgefaszt, einigermaszen isoliert stehen würde: kayser Heinricus quintus setzt seinen vater ab, verfolget ihn und bracht ihn mit graemen unter die erden Luther 49, 321 W. vereinzelt mit dem negativen beisinn von grämeln (s. d.):
denn wehmuth ist nicht weichlichkeit,
und treuer schmertz kein schimpfflich grämen
J. Chr. Günther ged. (1739) 145.
2)
sehr häufig in synonymer reihung, nicht selten auch in gegensätzlicher zuordnung. zu den zahlreichen gelegenheitsbindungen treten, z. t. anders als oben unter C 2 a, mehr oder minder geläufige formeln:
mit sorgen und mit grämen
und mit selbsteigner pein
läszt gott jhm gar nichts nehmen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 373ᵃ; vgl. 369ᵇ;
auf! wirf dein schlechtes grämen,
dein eitles sorgen weg!
E. M. Arndt w. 5, 107 R.-M.;
hie stösset her furcht und sorge fur zukünfftigem vnfal. dort feret gremen her vnd traurigkeit, von gegenwertigem vbel Luther bibel 7, 319 (vorr. auf d. psalter) Bindseil;
o falsche lieb, o böse lieb!
was von der welt noch übrig blieb,
ist eitel trauer und grämen
W. Raabe s. w. I 2, 371 Klemm;
stellet das grämen und hermen bei seite
Ph. Zesen verm. Helikon (1656) 2, 108;
muthlos seufzet sie niederwärts
in argem schämen und grämen
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 1, 153;
Hebbel w. 6, 442 Werner; da half nun kein klagen, kein grämen Knigge roman m. lebens (1781) 3, 111;
das hertz im leibe weinet mir
für groszem leid und grämen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 416ᵃ.
antithetisch: das ende der freuͤde ist gremen Luther 29, 653 W.;
drum soll der christen grämen
noch stets voll freude sein
Schenkendorf ged. (1815) 145;
(gott) macht aus dem leide lauter freud
vnd lachen aus dem grämen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 393ᵇ.
3)
einige fälle, in denen das wort übrigens nicht reflexiv aufzufassen ist, lassen sich nicht sicher zuordnen. die gelegentliche bedeutung 'aufhebens machen, wesens machen' läszt beinahe an einflusz von gramanzen (s. d.) denken: hie hebet sich nun unter den schultheologen ein gremen und ein disputieren, das ohne gottes wahl noch willen niemand from noch bösz sein könne V. Weigel glaubensbek. (1618) 54ᵇ; viel grämens (wesens) machen storder le orecchie ad uno, fare smorfie, complimenti inutili. étourdir quelcun, faire des grimaces, des compliments inutiles Rädlein dt.-frz.-it. (1711) 404ᵃ. die verbindung grisen und gremen wohl als zerlegung in anlehnung an griesgramen, vgl. s. v. griesen und ²gramen:
fürwahr so möcht ich jhn (einen alten 'saurzapffeten' könig) nicht nemen,
zuhörn seinem grisen vnd gremen
Ayrer dramen 1617 Keller.
ein grämen als ein hörbares, wahrnehmbares scheint bei dem gleichen autor auch ohne beziehung auf griesgramen zu begegnen:
sie stelt sich eben, sam sie grein,
hat ein solchs seufftzen vnd lechtzen,
ein heimlichs gremen, winseln und echtzen
ebda 339.
in der verbindung grimmen und grämen tritt wohl die gleiche vermischung mit ²grimmen hervor wie ob. A 1 ende: ein solch grimmen und grämmen in jren därmen Fischart de magorum demonomania (1586) 473.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1957), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1778, Z. 20.

grammen, vb.

grammen vb.
'kratzen, verwunden', elsäss. neben krammen, teil 5, sp. 2004: die gründigen werden sich selbst beissen, grammen und fressen Fischart praktik 29 ndr.;
noch mus solch zancken, morden, gramen
füren den catholischen namen
vnd wöllen all lieb bruder heissen
Fischart s. Dominici artl. leben 150 Kurz.
vgl. noch grammen 'mit nägeln kratzen', grammer 'schramme vom kratzen' (Elsasz) Klein provinzialwb. 1, 158. auch das ältere schweizerisch kennt ein kramen, kromen in dieser bedeutung: möge man in (einer herben rede wegen) kramen, möge er's ouch lyden (1470) in: schweiz. id. 3, 818; (1571) kromen ebda. eher in der bedeutung von krammen 2 'krumm zusammenziehen': das lose podagram, das gramt und zi zi zi zi zippert mir die glieder dermassen, daz ich möcht von sinnen kommen Moscherosch gesichte (1650) 2, 436. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1957), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1812, Z. 5.

gramen1, vb.

gramen vb.
ahd. *gramôn nur in grisgramôn (Graff 4, 326 und s. v. griesgramen), zu gram, adj. und neben faktitivem grem(m)en (s.grämen); mhd. gramen, mnd. gramen, grammen. nhd. spärlich bis ins frühe 18. jh. hinein.
1)
'gram sein, zürnen':
wilt dich aber vor in schamen,
so werdent si dir vil gramen
d. teufels netz 2175 B. (var. werdentz dir veind und grame);
du verachtest got, du gramst wider jn Keisersberg bilgersch. (1512) 37. soviel wie 'wüten', der bedeutung von grimmen und griesgramen sehr nahe:
obschon dawider müchten brülln,
der teuffel mit seim gantzen heer,
soll man doch nicht thun sein beger,
sein drewen und gros gramen achtn
A. Pape Jonas rhythmicus (1605) B 1ᵇ.
vgl. dazu grameln, gramen 'mit den zähnen knirschen' Unger-Khull steir. 302ᵃ. mnd. et gramt mi 'ich bin zornig, ärgerlich', wenn man im folgenden beleg den olden als dat. pl. faszt und nicht als acc. sg., was den beleg nach 3 verweisen würde: eth gramet den olden, dat men se by deme barde tuth Schiller-Lübben 2, 139ᵃ. vgl. in junger mundart noch grammeⁿ 'mürrisch sein' Fischer schwäb. 3, 787.
2)
'traurig, bekümmert sein', jünger, aber nur selten; im ersten beleg auch objektiver deutbar, gram, m. 4 entsprechend im sinne von 'elend, not':
herr Lindholtz legt sich hin und schläft in gottes namen,
weisz nichts mehr von dem leid und von dem groszen gramen,
das itzt die welt durchstreicht
Paul Gerhardt ged. 252 Goedeke;
die pedantes ... werden ... bei denen Teutschen stubensitzer, calmäusser, dintenfresser genennet, dieweil sie gleichsam, wie die geister derer verstorbenen, ihr leben an schattichten, duncklen orten ... mit greinen und gramen zubringen Fassmann d. gelehrte narr (1729) 35.
3)
ein auffallender transitivgebrauch in älterer zeit führt zur vermischung mit grämen (s. d.). soviel wie 'feindselig behandeln, ärgern, kränken':
ich bit dich werder wibes name ...
daz du dich schams vnd mich nit grams
vmb mynes gedichtes willen
Muskatblüt 78, 71 Groote.
fraglich, ob transitiv oder intransitiv zu fassen:
ir baider (zweier recht liebender) sach ist so gestalt,
das triu und lieb hilt ze samen,
ir chains laszt vmb sich gramen
den schatz vnd den lieben hordt,
ob ir ains wol hört ain wort
vsz valschem mund her prechen,
damit man es tuͦt stechen
liederbuch d. Hätzlerin 284 Haltaus.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1957), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1777, Z. 28.

gramen2

gramen
in der redensart grises schlägt (gern) nach gramen. möglich als zerlegung aus griesgramen, vgl. dazu s. v. griesen und griesgramen 1; Fischer schwäb. 3, 787. doch bleibt eher wohl herleitung von der verbindung grisz und gromen zu erwägen, vgl. dazu griss 'grauschimmel' s. v. ¹greis, sp. 66 (bes. den Murner-beleg) und gromann, sp. 442 'graues pferd', ferner schweiz. id. 2, 732f. s. v. grammen. dahin weist auch die formvariante greis und gramen: greisz schlegt gern nach gramen Petri weiszh. (1605) Gg 6ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1957), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1778, Z. 10.

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