grünen vb.
Fundstelle: Lfg. 6 (1932), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 939, Z. 18
virescere, virere, florere.
herkunft und form.
1)
gr., mhd. gruonen, grüenen, ahd. nur als intr. verb gruonên III. schw. kl. belegt, vgl. Graff 4, 300, ist auszerhalb des ahd. in den germ. schwestersprachen nicht zu bezeugen; ableitung inchoativen charakters vom adjectiv gruoni (vgl. sp. 640) zur verbalwurzel *grō-, die innerhalb des germ. in verschiedener ablautstufe als grundlage einer reichentwickelten wortsippe erscheint und in ahd. gruoen virescere Graff 4, 298, mhd. grüejen, mnd. grôien, afries. grōia, mnl. groeyen, anord. grōa, schwed. gro, ags. grōwan, engl. grow, sämtlich 'wachsen' (s. auch greien sp. 5) vorliegt; dazu stellen sich deverbative substantiva wie ahd. gruotî f. viror Graff a. a. o.; mhd. gruot f. 'frischer wuchs'; mnd. grôde 'begrüntes land'; anord. grôđi 'wachsthum', schwed. gröda; mnl. groede 'wuchs, wachsthum' (s. auch greede sp. 4) und das adj. gruoni ˂ *grōniz mit seinen ableitungen; dasz von einer idg. wz. *ghrō- auszugehen ist, wird durch die entsprechende ē-stufe in ags. græ̂de m. 'gras' Bosworth-Toller 486ᵃ wahrscheinlich gemacht, woraus sich mit dem folgenden die basis ghrē : ghrō : ghrə ergäbe; innergermanische verwandte aus gleicher wz. mit s-ableitung got., ahd., mhd., nhd., anord. gras n. 'gras, kraut'; ags. græs, gærs n.; mhd. gruose f. 'pflanzensaft, junger trieb', mnd. grôse dass., mnl. groese 'junges grün'; auszergermanisch sind gesicherte beziehungen spärlich, zweifelsfrei erscheint nur lat. grāmen aus *ghras-men und gerade von der bedeutung aus glaubhaft der zusammenhang mit der wz. gher 'hervorstechen'; vgl. zum ganzen Walde-P. vergl. wb. 1, 606 u. 645 f., wo weitere versuche nichtgerm. anknüpfungen verzeichnet sind.
2)
gruonên, gruonen (grüenen) beschränkt sich in ahd. und mhd. sprache deutlich auf obd. und md. gebiet und ist anscheinend mindestens dort alteingesessen, wo es heute in der ma. umlautlose form bewahrt; ein as. grōnian Gallée 120 existiert nicht (die glosse ist obd.), mnd. gronen Schiller-Lübben 2, 152 ist versprengter eindringling und mnl. groenen gleichfalls vereinzelt, vgl. Verwijs-Verdam 2, 2154; erst in neuerer sprache gewinnt gr. auf nd. gebiet an boden und steht auch nl. voll entfaltet neben groeien, vgl. nl. wb. 5, 840 ff.; auch ahd. drängt neugebildetes ahd. gruonên altes gruoen zurück, vgl. croent virent ahd. gl. 1, 266; groio vireo 4, 210; etewaz peginnet cruen Notker 1, 751; gruet und wahset 1, 178 und weitere belege bei Graff 4, 298; mhd. grüejen, ergrüejen selten, vgl. mhd. wb. 1, 580ᵃ und wie die folgenden fälle dialektisch bestimmt: (die) wurtsel, da die roed ist usz ghegruet br. Hans marienl. 605 (clevisch); ir werdet wider gruende Hesler apok. 18284; gruwen vigere Diefenbach nov. gl. 381ᵇ (voc. von 1476, rheinisch); ältester zeuge für gruonên ist die glosse cruaneton vernabant ahd. gl. 2, 13, jüngere belege s. Graff 4, 300; mhd. tritt neben gruonen ein trans. grüenen, refl. sich grüenen; die meist gebotene auffassung (Heyne wb. 1, 1269), dasz von trans. grüenen aus das intransitivum nach dem 13. jh. den umlaut übernommen habe, erregt bedenken, weil das trans. verb unhäufig war und das intr. in den obd. maa. noch heute weithin ohne umlaut gilt; wo sich der umlaut zeigt, wird er wie in der schriftsprache vom adj. grün her zu erklären sein; umlautlose formen, z. th. neben umgelauteten, bewahren das bair., vgl. Schmeller-Fr. 1, 1000 f.; Lexer kärnt. 125; Schöpf tirol. 217; Unger-Khull 302ᵃ; das alem., vgl. Staub-Tobler 2, 754 (wo neben länge grōneⁿ auch grŏneⁿ); Friedli Bärnd. 3, 217; Bühler Davos 53; Fischer schwäb. 3, 881 f.; Fulda idiot. 141 grunen für schwäb.; weniger md., vgl. grûne Crecelius 441; wo beide formen nebeneinanderstehen, ist die umlautsform in der regel der schriftsprache entnommen, was meist auch an der bedeutung erkennbar wird, vgl. Tschumpert bündn. 653; Martin-Lienhart 1, 277 u. 2,; Bacher lusern. 264; ebenso steht grünen neben dem alten grüejen in rhein. und nd. maa., vgl. Jos. Müller rhein. 2, 1456 u. 1444; Mensing 2, 497 u. 485; Dähnert 162 u. 161; Berghaus 1, 620 u. 615; so auch fries. grêne, grëîe Jensen nordfries. 169 u. 168; entsprechend zu werthen ist umlautlosigkeit in druckwerken, namentlich des älteren nhd.: das gantze land grunet und stehet lüstig Luther bei Dietz 2, 180ᵇ; grunen, grün werden verdoyer Hulsius-Ravellus lex. it.-gall.-germ. (1616) 147ᵇ; die meer wie sie wuͤten ..., die bäume wie sie grunen Meyfart himml. Jerusalem (1630) 2, 222; grunen gleichet dem wort gruͤnen, doch scheinet grunen der anfang zu der gruͤnung Harsdörfer poet. trichter 3 (1653) 247; das grunete und trieb, dasz es eine helle pracht war Jer. Gotthelf ges. schr. 19, 68.
bedeutung und gebrauch. als wurzelhafte bedeutung von germ. *grō- ist, im zusammenhang mit der wurzel *gher- und der bis ins nhd. hinein sichtbaren grundbedeutung von grün, 'hervorsprieszen, herauswachsen' in bezug auf die vegetation zu erschlieszen, eine art gegenstück zu der in ihren verbalen und nominalen ableitungen mannigfach ähnlichen verbalwurzel *blō- in blühen; hier der höhepunct, dort der beginn des pflanzlichen wachsthums; ahd. gruoen hat, wie in den übrigen west- und nordgerm. dialekten, bereits die weitere bedeutung 'wachsen, gedeihen', die auch in den rhein. und nd. maa. festgehalten ist; im mnl. erscheint neben ihr die ursprünglicher scheinende 'sprossen'; das adj. *grôniz erweist ebenfalls 'sprossend, frisch' als seine grundbedeutung (vgl. sp. 640), nicht 'grasfarbig' wie Falk-Torp 357 will; entsprechend bedeutet sein derivat gruonên 'grün werden' vom jungen, sprossenden pflanzenwuchs, übernimmt aber in späterer sprache daneben auch die bedeutungen 'wachsen, gedeihen', 'grün sein' und durativ 'grün bleiben'; in den maa. wie in neuerer umgangssprache erliegt gr. vielfach den verbalverbindungen grün werden, grün sein, grün gehen u. ä.; das factitiv mhd. grüenen 'grün machen' bleibt im ganzen selten und tritt mundartlich seine bedeutung auch an das umlautlose intransitivum ab, vgl. Martin-Lienhart 1, 277; Zingerle lusern. 33ᵃ.
A.
in der alten und bis in die heutige sprache bewahrten hauptbedeutung beieht sich der im verbum ausgedrückte vorgang auf die vegetation.
1)
im inchoativen sinne 'grün werden, sich mit pflanzlichem grün bedecken', wobei die grundbedeutung von grün neben dem optischen element lebendig bleibt.
a)
'ausschlagen, das erste junge grün bekommen, sich begrünen', namentlich von der erwachenden vegetation des frühjahrs.
α)
von bäumen, dem wald 'sich belauben':
in dem aberellen
sô die bluomen springen,
sô louben die linden
und gruonen die buochen
Heinr. v. Veldeke in: minnes. frühl. 62, 28;
ahî nu kumet uns diu zît
der kleinen vogellîne sanc.
ez gruonet wol diu linde breit,
zergangen ist der winter lanc
Dietmar v. Eist in: minnes. frühl. 33, 17;
sô si (sc. diu heide) den walt siht gruonen
Walther v. d. Vogelweide 42, 22;
welcher zwar unter allen bäumen im jahre der letzte zu gr. beginnet S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1645) )( 3ᵃ; schon fangen die büsche an zu gr. Moltke ges. schr. u. denkw. 4, 255; in der ersten hälfte des aprils, wenn eben die weiden zu gr. anfangen Naumann naturgesch. d. vögel 2, 1, 467.
β)
'sich mit grün bedecken, grün hervorbringen' von der erde, dem acker u. ä.: das erdrych ist gheiszen gruͦnen Zwingli dtsche schr. 1, 63; der acker fieng an ... zu gr. grillenvertreiber (1670) 46;
die erde regt sich, grünt und lebt
Novalis schr. 1, 81 M.;
Amalias liebe machte den brennenden sand unter ihm gr. Schiller 2, 150 G.; neu liesz den schutt sie (die freiheit) gr. Freiligrath ges. dicht. 5, 16; vergleichbar:
das wasser will, das unfruchtbare, grünen
Göthe 3, 78 W.;
übertragen auf die thätigkeit des frühlings als bringer des pflanzenwuchses: der frühling grünte zeitig Göthe 4, 5 W.; drauszen grünte der frühling G. Freytag verlor. handschr.⁵ 1, 353; woher gras und bäume und ein ganzer grünender früling noch ohne einen stral der sonne? Herder 6, 30 S.
γ)
unpersönlich es grünt 'es wird grün' bereits in älterer sprache:
wan ez gruonet in dem walde
v. d. Hagen minnesinger 1, 356ᵃ;
da war es recht ym lentz, das es daher grunet Luther 24, 155 W.; ye mehr der früling sein wärme herfür laszt und auszspeut, ye mehr grünt es allenthalb Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 137ᵇ;
dann grünt es über ein weilchen
Geibel w. 1, 52;
sobald es gr. wird, sagen wir es ihnen Gervinus in: briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 2, 237; vgl.as grounăt widăr Bühler Davos 1, 53; hierzu gehören auch folgende fälle:
swanne der winter abe ginc
und der sumer ane ginc
und iz begunde grunen
Straszburger Alexander 5249;
hir fengt es ahn, starck zu gr. überall Elisabeth Charlotte v. Orleans 3, 539 lit. ver.;
jetzunder geht das frühjahr an,
und alles fängt zu grünen an
Mittler dtsche volkslieder 657;
b)
specieller 'treiben, sprieszen, angehen, ausschlagen', vgl.gruonen pullulare Diefenbach 472ᵃ; grunen germinare 261ᵃ; gr., ausschlagen germinare, frondere Wiederhold dict. (1669) 152ᵇ; vgl.gruenen wurzel fassen, keimen, sprossen Schmeller-Fr. 1, 1000;
drú holcz dar an begunden
gruͦnen und gabent este
schweizer Wernher Mar. 3027 P.;
dar nach gab sie sich in eins hulczes art,
dar umb die rude gegrunet hat
Alsfelder passionsspiel 4723 Grein;
der stecken künde gruͦnen J. Agricola sprichw. (1534) y 7ᵇ; die grünende rut Mosis Fischart binenkorb (1588) 55ᵇ; und daz noch wunderlicher ist, fieng der mastbaum an zu gr. Gabr. Rollenhagen indian. reisen (1603) 145;
darnach wol auf den dritten tag
der stecken hub an zu grünen
J. Prätorius Blockesberges verricht. (1668) 23;
die schäfte (der speere) begannen zu gr. dtsches museum 2, 247 Fr. Schlegel; sprichwörtlich:
wenn gott es will,
grünt auch ein besenstiel
Binder sprichwörterschatz 21;
ein baum, der vom wetter geschlagen, schlägt doch wider ausz und grünet Lehman florileg. polit. (1662) 2, 797; dasz der abgehauene baum wohl noch einmal gr. könne O. Peschel völkerkde 309; dann auch 'keimen' vom samenkorn: si (die ameisen) peizent daz korn enzwai, daz si eintragent, daz es icht anderweid keimel und grüen K. v. Megenberg buch d. natur 302; der samen grunet erste dtsche bibel 1, 134 (lesart für keimet); der samen grünet und wechset bibel v. 1483, 487ᵃ; die lest samen, die auch zuͦ der selben zeit ligen in der bermutter der erden, die werden gr. und mit hilf der sonnen blüen und wachsen Petrus de Crescentiis teutsch (Speyer o. j.) 23ᵇ ('pullulant' im lat. original); überhaupt 'sprieszen, hervorwachsen': gaben des hailigen gaistes, die die pluomen Christum machten grüenend in der zarten schalen unser frawen K. v. Megenberg buch d. natur 84;
wann rechte zeit macht grunen ein iglichs kraut
fastnachtspiele 744 Keller;
es lasse die erd härfür gruͦnen grasz und kraut Züricher bibel (1531) 1ᵇ; das erste leben ist die wirckung der seelen, nach welcher ... die vegetabilien ihren saft an sich ziehen und gr. Prätorius anthropod. plutonicus (1666) 1, 411; der regen ... macht gras und gartenkräuter gr. Göthe IV 8, 78 W.; bildlich:
ein spröszling grünt aus seinen wurzeln (des stammes Isai)
allg. dtsche bibl., anh. 53-86, 2580;
swelch guottât ê verdorben was,
diu gruonet herwider als ein gras
Freidank 38, 2 Gr.
2)
die vorstellung vom beginn des wachsthums erweitert sich zu der des wachsens überhaupt, wobei nur theilweise noch das moment der quantitativen zunahme bestimmend ist, öfter dagegen der begriff des gedeihens hervortritt; auch diese verwendung ist alt: du bist wole slozhafter garto, suester min gemahela, ... also in demo garten allerslahto krut gruonent Williram 67, 4 Seem.; sie (die haare) gruonent ouch alliz ana quasi palma 88, 13; bildlich:
(da) grunet wol der edele stam
Passional 402, 51 K.;
dar us so wuͦchs ir herczen drut
und gronet in dem gard
Ph. Wackernagel kirchenlied 2, 279ᵃ;
kann auch ein simmes grunen on feucht erden? Luther bibel 1, 403 W. (Hiob 8, 11); was auf der erden und in theleren und auf den alben webert oder grunet, ist des erdenkreysz in superficie ehr und schmuck Mathesius leichenpred. (1561) y 3ᵇ; der zauberte ... ein lilien in den hafen, die grünete daher volksb. v. dr. Faust 97 Br.;
das küszkraut da wie blumen
an allen ecken grunt
schausp. engl. komöd. 250 Creizenach;
womit haben wirs verdienet,
dasz uns alles so grünet?
unser acker, recht zu sagen,
solte thorn und tisteln tragen
Gabr. Voigtländer oden u. lieder (1642) 96;
früchte, die im schatten und dunkeln plätzen gr., haben weder preisz noch geschmakk P. Winckler 2000 gute gedancken (1685) c 3; vertraut mit allem, was im walde ... grünt Herm. Schmid alte u. neue gesch. a. Bayern (1861) 41; sieh, wie auf einmal rosen auf dem mist gr. maler Müller w. 2, 114; sieht dieser baum da nicht dem ähnlich, der in S. vor unserm hause grünt? Tieck schr. 11, 351; daher auch gr. und wachsen als zwillingsformel: von der zeit an grünet und wächsset laub und gras wider herfür Sebiz feldbau (1579) 53; ein guter name kan ... wie ein wächsiger guter baum gr. und wachsen Aitinger jagdbüchlein (1681) )( 3ᵇ; sogar: von den orten, da das gold grünet und wächset Jos. de Acosta America (1605) 99.
3)
schon mhd. sprache eigen ist die verwendung, die gr. als einfache zustandsbezeichnung faszt, 'im grün der vegetation stehen, grün sein', vgl.gruonen o. grien syn virere Diefenbach 621ᶜ; gruonen frondere gemma gemmarum (1508) l 2ᵃ; gr., frondeo, φυλλοφέρω Decimator thesaurus (1606) 539ᵇ.
a)
mit vorwiegen des farbeindruckes:
anger gruonet unt diu liehte heide,
des stet wunneklich ir ougenweide
v. d. Hagen minnesinger 1, 357ᵃ;
mit schœner gruene gruenet tal, uz rœte rot da glestet
2, 69ᵇ;
das lant in gruͤner varwe lit
gruͦnende alse der gruͤne chle
Rudolf v. Ems weltchron. 1444;
auch laub und gras
das gruͤnet schon
Forster fr. teutsche liedlein 42 ndr.;
(wir) sechen gr. die preyten wisen Arigo decamerone 10 lit. ver.;
auch grunen beyde, weld und wiesen
Hans Sachs 1, 24 K.;
die au und auch der anger
rechtschaffen grünen fein
Ringwald christl. warnung m 6ᵇ;
das grasze grünt in vollem pracht
Opitz t. poemata 51 ndr.;
voll halme grünt das land
J. H. Vosz s. ged. 5, 2;
thäler grünen, hügel schwellen
Göthe 15, 1, 4 W. (Faust 4654);
und die erde grünte grüner
Tieck schr. 1, 275;
weil schön die wälder gr. Storm w. 2, 272; poetisch ganz frei verwendet:
es müssen lilien um ihre schläfe grünen
H. A. v. Ziegler asiat. Banise (1689) 837;
(es) grünt ihm der lorbeer, den der sieg ihm gab
Brentano ges. schr. 2, 488.
b)
entsprechend wird das partic., namentlich in poetischer sprache, attributiv verwendet, wobei im mehr oder minder bewuszten gegensatz zum adj. grün die reine farbvorstellung hinter die des pflanzlich im grün stehens zurückgedrängt wird; vgl. ein gruͦnend ort viretum Frisius 1387ᵇ; dicke sat und gruͦnende wisen, mögen der seel zuͦ staten komen Albrecht von Eyb spiegel d. sitten (1511) h 6ᵃ; auf beiden seiten lagen grünende felder und wiesen Nicolai reise 1, 46; die stadt N. ..., von grünenden gärten umgeben Meyr erzähl. a. d. Ried 1, 54; ihr grünenden bäume ..., euch rufe ich zu ... zeugen an Chr. Weise pol. redner (1677) 12;
wenn man im untern gange steht
und in der grünenden allee spazieren geht
B. H. Brockes 8, 23;
und das schönste gemisch von blühenden feldern
goldenen saaten und grünenden wäldern
Schiller 1, 219 G.; vgl. 11, 76;
eh ich noch daran dachte, war ich tief in die grünenden schatten hinein Fouqué jahreszeiten 1, 39; diese ... sangen aus grünenden zweigen lieder der freiheit gr. Stolberg ges. w. 3, 98; (sie) nahm ... der langen grünenden blätter einige Mörike w. 1, 266; mit seinem körper den grünenden rasen decken W. Hauff w. 1, 32.
c)
der grundbedeutung von grün nahe gilt gr. im gegensatz zu welken, verdorren auch in älterer sprache im sinne 'frisch bleiben, im saft bleiben' (vgl.grün I B 1), wobei der farbbegriff vielfach stark verblaszt:
das laub, das on den eschten stund,
das fieng da an zu pleichen,
und das es darnach nimmer grundt
Sigenot str. 79 Schade;
der (ulmbaum) hât die art, ... daz er gar gern grüenet, wan ist, daz er dürr worden ist, der in dann fäuht mit wazzer, er wirt wider grüen K. v. Megenberg buch d. natur 353; ein bluͦm des feldes, die heut in glück grünt und obschwebet, morgen verdorret, abgestorben ist Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 104ᵇ;
und folgte dazumahl dem baume von Japan,
der von dem regen stirbt und in der sonne grünet
Hoffmannswaldau-Neukirch 1, 126;
kaum einen tag hat diese kürbisstaude gegrünet Abraham a s. Clara etwas für alle 2, 41; bei einem oberhalb verdorrten, unten grünenden baum Herder 22, 78 S.; nebeneinander stehen, vereint gr. oder welken, alles das gehört zum walde Brentano Godwi 2, 27; oft mit einem temporalen adv. verdeutlicht: wie die bletter nicht immerdar grunen, sondern ... verwelcken und abfallen theatr. diabol. (1569) 511ᵇ; gleichwie wir sehen, dasz die bäume, so immer gr., von ihrem saft es haben J. Prätorius winterflucht (1678) 275; links strebte die immer grünende eiche zur breite wie zur höhe Göthe 49, 312 W.; etwas anders von der tanne, die ihr grün das ganze jahr bewahrt:
o tanne, du bist ein edler zweig,
du grünest winter und die liebe sommerzeit;
wenn alle beume dürre sein,
so grünst du, edles tannenbeumelein
Uhland volksl. 1, 1, 385 (um 1550);
die ... allzeit grünende tannen Neumark fortgepfl. mus.-poet. lustw. 1, 5; nur vereinzelt wie grün I B 2 im sinne 'noch nicht reif, unreif sein': was zeittig umbher war, liesz er abschneiden und zuͦ hauf füren, was aber noch grünet ..., liesz er alles zertretten und verderben Carbach Livius (1551) 266ᵃ.
4)
den gesichtspunct des vortrefflichen wachsens und gedeihens hebt mit gefühlsbetonter stärke die formel gr. und blühen heraus: jhe mehr der kreutter seind, jhe mehr sie gr. und blüen, jhe mehr wassers zu verhoffen ist Michael Herr feldbau (1551) 296; so grünet und blüet alles aus der erden Barth weiberspiegel (1565) k 1ᵃ;
die beume, die blühen und grünen mit macht
Zesen verm. Helikon 2, 118;
izt gr. und blühen wir als die blumen und müssen doch endlich widerum verdorren Butschky kanzelley (1666) 4, 64; man findet bäum, die auszwendig gr. und blühen, inwendig ist das marck gantz faul und verdorret Lehman florileg. polit. 1, 68; um sie grünte und blühte es H. Steffens was ich erlebte (1840) 1, 358;
grünt und blühet
schön der mai
Göthe 1, 80 W.
5)
das partic. präs. vertritt substantiviert in älterer sprache gelegentlich die collectivbezeichnung 'das grün, gewächs':
das er holz, korn unde gras
und swas da gruͦnendis was
zerslug ...
Rudolf v. Ems weltchron. 10275 Ehrism.;
welches, so es geschich, ist allen gruͦnenden vil nutz H. Österreicher Columella 264 lit. ver.; eim yeglichen grunenden erste dtsche bibel 2, 491 (variante zu einer ieglichen grüne); ich hab alles grunende geben euch zur speyse 1. Mos. 1, 32; vgl.grunende viretum (voc. v. 1420) Diefenbach nov. gl. 383ᵃ.
B.
wie beim adj. grün ist namentlich in älterer sprache eine reiche übertragung auf andere als pflanzliche objecte entwickelt; dasz aber neben der bildhaften anwendung auf personen, dinge, zustände und abstracta auch alte directe verbale ableitung von grün II A möglich ist, ergibt sich in vereinzelten fällen, wo die wurzelhafte bedeutung 'frisch sein' näher liegt: dasz man seinen körper noch gruͦnend und onverzert domalen fonden hab J. v. Watt dtsche hist. schr. 1, 153 G.; und gruͦnet sein fleisch, die weil er daran (tot am galgen) hieng der heiligen leben winterteil (1471) 27ᵃ; vgl. d rude gruneⁿ flieszen, von den nassen flechten Staub-Tobler 2, 754.
1)
von gr. A 1 her leitet sich die verwendung, die das schwergewicht auf den beginn eines zustandes legt; im bilde: wo dignitas peginnet dar virescere gruonen Notker 2, 389;
des lop gruonet unde valwet sô der klê
Walther v. d. Vogelweide 35, 14;
sie (die ehre) gruont niht wider als der clê,
als meien zît ân argez wê
meisterlieder 570 Bartsch;
alsdenn wird der glaub ausschlagen, der fried grunen Z. Theobald Huszitenkrieg (1609) 384; aber meist ohne unmittelbare metaphorische beziehung, vorab im älteren nhd. häufig, 'sprossen, erwachsen, aufblühen':
mein bart und auch mein hor begund
mir gleich zu grunen an der stundt
Wickram w. 8, 196 B.;
Cassandra ... wol abnemen kund, das die früntschaft irer tochter schon anhuͦb gegen der Lucia zuͦ gruͦnen 2, 219; dieweil ... fieng sein ungluck an zu gronen Knebel chron. v. Kaisheim 265 lit. ver.; im glück grünt übermuth W. H. v. Hohberg habspurg. Ottobert (1664) e 3ᵇ; rechten studiis, so zu unserer zeit wider gegrünet und an tag kommen Hutten opera 2, 213 B. (zeitgenöss. übersetzung); diser zeyt gruͦnet der tödtlich krieg zwüschen der statt Zürych und den eydgenossen Stumpf Schweizerchron. 109ᵃ;
die furcht läszt keine hoffnung grünen
A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 854;
am grünen donnerstage, an welchem unserer seelen heyl ... hat angefangen zu gr. B. Schupp schr. (1663) 64;
ich fordre keinen ruhm, der aus dem unrecht grünet
J. E. Schlegel w. 1, 241;
aus diesem haupte, wo der apfel lag,
wird euch die neue beszre freiheit grünen
Schiller 14, 383 G.;
plastisch:
im thale grünet hoffnungsglück
Göthe 14, 49 (Faust 905) W.
2)
einen vom vorigen fühlbar unterschiedenen bedeutungscharakter gewinnt gr., wenn der begriff des zunehmens, wachsens, der steigerung überhaupt im vordergrund steht und die metaphorik an A 2 anknüpft; so in der verbindung gr. und wachsen u. ä.:
Seneca sprichet, daz der git
gruͤnet, wahset alle zit
der sœlden hort 4854 Adrian;
daz lebin unses herren daz grunete und wuchs in der lûte herze Pfeiffer myst. 1, 4; ye mer in im (dem menschen) wachst und gruͦnet die goͤttlichen ding d. ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 66ᵇ; also sind wir alle yn Adam ... beraubet unsers ursprungs, das ist gottes, von wilches einflieszen wir sollten grunen und wachsen Luther 18, 509 W.; und dieses himmelliecht wird nicht abnemen, sondern immer ins helle klare gr., das ist wachsen und zunemen V. Herberger himml. Jerusalem (1609) 130; damit ins künftige ... die freyen studien wachsen und gr. mögen Happel akad. roman (1690) 227; alle freye künst erwachsen, grunen und zu vollstande gelangen Harsdörfer frauenzimmergesprächsp. 1, 10; der geistlich wird dann gr. und wirdt zunemen wie der mond Paracelsus opera 2, 608 H.; wie aber die Jesuwider ... gr. und zunehmen J. Prätorius Turcicida f 3ᵇ;
dardurch sein lob grün, blü und wachs
je lenger mehr, das wünscht Hans Sachs
Hans Sachs 21, 303 K.-G.;
ebenso auch gr. allein im älteren nhd. und mundartlich im sinne 'aufblühen, voran kommen, sich erholen' von menschen und dingen, vgl. gleichbedeutendes begrünen th. 1, 1313;
der gmein nutz fieng zu grunen an,
das sich frewd iedermann darab
Hans Sachs 8, 477 K.;
durch den gemainen ruͦf würt das werk wider gruͦnen Steinhöwel de clar. mul. 194 lit. ver.; wir vermeinten uns durch ihn zu bessern, zu gr. und aufzukommen Petreius historien (1620) 365; ihr sehet, das die falschen propheten ... nicht gr., nicht fürkommen Paracelsus opera (1589) 2, 83; ähnlich 'körperlich (und geistig) wachsen und gedeihen, erstarken, bes. von kindern, rekonvalescenten ...; das kind grunet, der kranke grunet wieder' Fischer schwäb. 3, 881; vgl.es gruenet -mu es fängt an, ihm gut zu ergehen Staub-Tobler 2, 754; s. auch Martin-Lienhart 1, 277; Fischer schwäb. 3, 881.
3)
nahe angrenzend, jedoch mit stärkerer betonung des zuständlichen, 'in kraft und frische stehen, gedeihen, florieren' entsprechend A 3, vgl.gr., ↗in seinem wäsen oder kraft seyn vigere Calepinus xi ling. (1598) 1542; so in den mannigfaltigsten beziehungen.
a)
von menschen und dingen, 'im zustand des wohlbefindens sein':
oder du gronest nimmer uff erd
und gewinst laster und schaden
Friedrich v. Schwaben 4344 Jellinek;
dar umb so mag er (der mensch) grunen nyt
Seb. Brant narrenschiff 38 anm. Z.;
es wird niemand verschonet,
wer noch ein wenig grunet,
musz auch erfahren groszes laid
Steiff geschichtl. lieder u. sprüche Württ. 538 (v. j. 1632);
etwas anders:
ihr brüder! auf! verjagt den ernst,
weil wir noch grünen
Ramler lyr. ged. (1772) 211;
in älterer sprache wie lat. florere im sinne 'in der blüte des lebens stehen, leben': er lebt und grünet zur zeit Tiberii Nic. Heiden Valerius Max. (1565) einl. 2; des propheten Anani sun hat zuͦ der zeit Baese oder Basse gegruͦnt Seb. Franck chron. zeytb. (1531) 58ᵇ; Demas ... grünete und lebete zur zeit desz groszen Alexandri Lehman florileg. polit. 4, 94; dieses königliche geschlechte (würde) nicht so viel hundert jahre gegrünet haben Lohenstein Ibrahim sultan, lobschr. g 1ᵃ; allgemein 'gedeihen, blühen, florieren' von zuständen und einrichtungen, socialen gebilden u. s. w.:
daher kan gruonen der gmain nutz,
dann wa man gottes wort lieb hatt,
so gruonet eine soliche statt
Fizion chron. v. Reutlingen 232 nach Fischer schwäb. 3, 881;
das es (das vaterland) ... noch heuntigs tags griene und wolstehe v. Brandis ehrenkräntzel (1678) 131;
und lange wird der frauen reich nicht grünen
Brentano ges. schr. 6, 129;
unsere alten deutschen stämme gr. seit einem halben jahrtausend Fr. L. Jahn 1, 285 E.;
lasz sein haus noch ferner grünen
Gottsched ged. (1751) 1, 327;
die ainigkait gepflantzet und ... alweg gronend erhalten wirt städtechron. 23, 380; da dan die gaistlichait und ordenszucht für ander ort gronet Knebel chron. v. Kaisheim 81 lit. ver.; zu dessen zeit die lateinische sprach und alle wissenschaften am vortreflichsten gegrünt und in herrlichster ziehrde geblüht Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch 17 vorr.;
hoch grünte kunst und wissenschaft
Fr. Kind ged. 5, 7;
schöner grünte sie (die cultur) nirgends G. Forster s. schr. 4, 186.
b)
'in voller, strotzender kraft (der jugend, gesundheit u. s. w.) stehen'; ähnlich auch im bezug auf das alter 'in rüstigkeit und frische sich befinden'; vgl. grunende sterck vigor Diefenbach 619ᵃ: nu grün ich, nu bin ich siech, nu leb ich, nu stirb ich czuhant J. v. Neumarkt soliloquien 21 Kl.; vorhin, da er annoch in bester kraft gegrünt, hat er sie nicht gemocht Caspar Abel Boileau (1729) 335; vgl.grüenen gesund sein Martin-Lienhart 1, 277; wie sie (die menschen) ... jetzt gr. und frisch sind Herder 17, 140 S.; der jung gruͦnend mensch Seb. Franck Germ. chron. (1538) 137ᵃ;
wollte gott, ich grünte noch jezt in der fülle der jugend!
J. H. Vosz Odüssee 267 Bernays;
damahls grunet mein jugent werth
J. Spreng Ilias (1610) 4. ges., 45ᵇ;
der grünenden jugend überflüssige gedanken Chr. Weise titel;
geniest die jugend, weil sie grüent
Königsberger dichterkreis 103 ndr.;
sein fleisch grüne wider wie in der jugent Hiob 33, 25;
wem die locken noch jugendlich grünen
Schiller 14, 49 G.;
daz alter ... benimpt ... doch di gruͦnenden kräft J. v. Schwarzenberg t. Cicero (1535) 67;
deine kniee noch folgten, noch grünte die stärke der jugend
gr. Stolberg ges. w. 11, 129;
eyn frolich hercze macht eyn gruende aldir sprichwörter der Freidankpredigten 50 Klapper; das gruͦnad alter mit sterck des libs H. Österreicher Columella 1, 9 lit. ver.; in grünendem alter Kirchhof wendunmuth 1, 379 lit. ver.;
weil ... noch mein alter grünt
Simon Dach in: Königsb. dichterkr. 19 ndr.;
es ist ... in der ordnung, dasz ... zuletzt das grünende alter als rückhalt sich aufstellt (als landsturm) Fr. L. Jahn 2, 474 E.
c)
'in vollem flor stehen, prangen, reich sein an etw.', in hinsicht auf gesinnung, stimmung, eigenschaften, tugenden u. s. w.; bildlich:
mir stolzt der muet von rechter gier
und gruenet als ain päm
Oswald v. Wolkenstein 269 Schatz;
dîn herze in sælden gruone
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 5707;
wan ir hertze gruͤnet
zuͦ hoher vræuden gluͤsten
Johann v. Würzburg Wilh. v. Österreich 9148;
doch gruͤnat er (der ritter) vil mer in der tugent seiner keuschait Hartlieb dial. miracul. 54 Drescher; du gruͦnest an allen tugenden d. heiligen leben winterteil (1471) 58ᵃ; weil sie (die Römer) an tugenden grünten U. Budrym kriegsregiment (1594) 8; seltener bei negativer wendung:
seit das in eitel falscheit grunt ir mut
Hans Folz meisterl. 140 M.;
blasser, 'in einem lebendig, vorhanden sein'; aber noch im halben bilde:
froͤd gronet mir nimmer mer
von Fridrichs schaiden in dürrem hertzen ser
Friedrich v. Schwaben 3631 Jellinek;
das in innen zuͦ dem päbstlichen stuͦl gantz kain gehorsam gronet G. Ortolff päpstlich bull (1509) a 4ᵃ; wo aber solch unnutz thorlich fragen noch in dir gronent Eberlin v. Günzburg s. schr. 2, 147 ndr.
d)
entsprechend auch von abstractis 'in der fülle, auf der höhe ihrer qualität stehen'; im bilde:
(tugenden) die nimmer vor im (gott) verlischen
und immer grunen und vrischen ...
sam ein naz ligende owe
Heinr. v. Hesler apokal. 8218 Helm;
ir wîplich êre gruonet
Lohengrin 6219 Rückert;
höchliches ehren, aufwarten und dienen,
... warlich! die machen die liebe stets grühnen
Venusgärtlein 16 ndr.;
doch grünt die frische lieb
A. Gryphius lyr. ged. 194 Palm;
allein je mehr dein preis in aller augen grünt
B. Neukirch ged. (1744) 189;
in der brust zufriedne demut grünte
Eschenburg beispielsammlg. 1, 292;
hoffnung grünt in schöne mild
A. v. Arnim 22, 21 Gr.,
wo grün als farbe der hoffnung hereinkreuzt (vgl. sp. 654): ihre freundschaft grünt wieder, seit sie vom könige berufen sind Dahlmann an Gervinus in: briefw. 1, 442; in einem lande ..., darinn der friede grünet Grimmelshausen 3, 390 Kell.; von hier aus gilt das part. geradezu als steigerndes adj.:
von welchen gelehrten man rühmlich hört sagen,
dasz sie itzo stehen in grünender ehr
Neumark fortgepfl. mus.-poet. lustw. 1, 259;
die grünende hofnung, dasz wir freud und wonne genüszlich empfinden werden Butschky hd. kanzelley (1666) 3, 129; feste formel ist das glück grünet (vgl. blüht):
wann das glück uns fügt und grünet
Paul Gerhard bei Fischer-Tümpel 3, 419ᵃ;
ihr glücke grünet in frembder luft Ziegler Banise (1689) 504;
seht, wie das glück den dummen grünet
Ramler fabellese 3, 12.
e)
einen besonderen reichthum entfaltet gr. in geistlicher sprache, wofür in biblischer metaphorik zahlreiche ansatzpuncte gegeben sind; 'in religiöser lebendigkeit stehen, nicht geistlich verdorrt sein', vgl. etwa Luc. 23, 31, psalm 1, 3 u. ä., vgl. gotzmann, ↗gode gegebin, grünender Nazarenus Diefenbach 377ᵃ; daz wir mit demuͦdekeide hie sullen gruͦnen uf ertriche Nic. v. Landau sermone 120 Zuchhold; alle creature grunen in gode parad. animae 114 Str.; zu bedeuten ihr grunend hertz zu gott Seb. Franck chron. (1585) 3, 520;
mein hertze sol dir grünen
in stetem lob und preis
Paul Gerhard bei Fischer-Tümpel 3, 324ᵃ;
also, sag ich, wird auch grünen,
wer in gottes wort sich übt
3, 362ᵇ;
anders 'ewig leben', wohl im anschlusz an psalm 92, 13 f.:
herr, es genügt mir nicht, dasz ich dir englisch diene
und in vollkommenheit der götter für dir grüne
Angelus Silesius cherub. wandersm. 14 ndr.;
keiner grünet, der nicht Christo dienet Abraham a s. Clara etwas f. alle 2, 298;
so werd ich dort in ewigkeit
bey dir im paradise grünen
Drollinger ged. 49;
noch anders, vgl.grün II A 1 b: ein grunender, der da one sund ist viridis Diefenbach 622ᵇ.
4)
von gr. A 3 c ausgehend entwickelt sich übertragenes gr. mit durativem charakter 'grün, unverwelklich, frisch bleiben'; so als typische formel entwickelt von der fortdauer des andenkens, vgl. Campe 2, 477; auch hier scheint eine biblische wurzel in Sirach 46, 14 mitzuwirken: die richter ... werden auch gepreiset; ir gebeine grunen noch imer, da sie ligen, und ir name wird gepreiset in iren kindern, auf welche er geerbet ist; auch im tode werden seine gebeine gr. pflichtsvorhaltung (1714); ihr (der toten) gedächtnis sei gesegnet, und ihr gebein grüne an seinem ort Scheffel ges. w. 2, 24; meist aber liegt directe übertragung von der vegetation her näher: hierzu kömpt die hoffnung vieler künftigen zeiten, in welchen sie (die poeten) fort für fort gr. Opitz poeterei 56 ndr.;
ihr nachruhm wird mit meinem grünen
Stieler geharnschte Venus 84 ndr.;
das grabmaal eines helden ..., dessen andenken bey uns im segen gr. wird Gottsched neuest. 1, 347;
sein angedenken grünt
J. N. Götz verm. ged. 3, 69;
vgl. im grünendsten andenken Herder 1, 14 S.;
soll seines nahmens ruhm auf späte nachwelt grünen?
J. D. Uz s. poet. w. 103 Sauer;
ähnlich auch im sinne 'fortdauern in frische':
o! dasz sie ewig grünen bliebe
die schöne zeit der jungen liebe
Schiller 11, 307 G.;
in unmittelbarer anlehnung an gr. A 3 c: ich werde gr. und ihr werdet dürr feygenbäm werden Paracelsus opera 1, 201 H.; die Deutschen sind gewohnt in glück und unglück farbe zu halten, wie das frauenhaar bey dürrer hitze zu gr. Lohenstein Arminius 2, 779ᵇ.
5)
seit alters beliebt und in fast allen schattierungen der einzelverben verwendbar das paar gr. und blühen; meist als affectvoller ausdruck für 'im zustande schönsten gedeihens stehen': und in der kraft ist got ganz blüende unde grüenende Pfeiffer myst. 2, 397; dafon grunit und bluwit und lebit alliz, daz in dirre werlinde ist paradisus animae 17 Strauch; vgl. Tauler pred. 98 V.; so gruneth und blueth die christenheit Luther 2, 114 W.; dieweil das gemeynd regiment und wesen der Römer blüet und grünet Carbach Livius 256ᵇ; da gr. und blühen die hertzen in güte und liebe Schupp schr. 153; philisterei ..., wie sie nur in irgend einem klubb gr. und blühen mag E. Th. A. Hoffmann s. w. 6, 11 Gr.; redensartlich ironischer wunsch: du sast grönen und blöen as'n stockfisch in Norwegen W. Lüpkes seemannsspr. 20; du schasst grönen un blöhen as en torfsood, is ok'n wunsch, seggt se in Holsteen Mensing 2, 497.
C.
im ganzen selten und zumeist poetische sonderbildung des farbbegriffes, 'grüne farbe haben'; nicht ganz sicher bereits so: die bihtere lúhtent in gruͦnender schonheit (angeblich im bezuge auf die grünen paramente am fest der bekenner) Seuse dtsche schr. 244 Bihlm.;
den grünenden smaragd und brennenden rubin
Opitz opera 3, psalmen 405;
können esel grünen?
Hagedorn poet. w. (1757) 2, 253;
wie diese wangen grünen!
wie blau der weite mund!
Wieland s. w. (1853) 15, 100;
zween (flügel) mit perlen im grünenden felde Gerstenberg recensionen 14 lit.-dkm.; die grünende farbe also von der verschiedensten art Göthe II 5, 2, 159 W.;
vor fäulnis grünt er (der see)
J. H. Vosz s. ged. (1825) 3, 218;
(die wasser) sie spielen in grünendem feuer
Mörike w. 1, 74;
etwas anders, 'in grüner farbe leuchten':
ihr harnisch, unter dem der hofnung farbe grünet
Joh. E. Schlegel w. 4, 29;
nur der smaragd allein verdient,
dasz er an deinem herzen grünt
Göthe 15, 1, 212 (Faust 9308) W.;
technisch sich gr. 'grüne farbe bekommen': wobei sich das öl zuerst grünt, später eine bräunlichschwarze farbe annimmt Karmarsch-Heeren techn. wb.² (1854) 2, 775.
D.
transitiver gebrauch erscheint als vereinzelte neubildung zu verschiedenen bedeutungen des adj.; vgl.stark o. lebendig machen, gruonen vegetare Diefenbach 608ᶜ; vegetiren, erfrischen, stärcken, kräftig machen, gr., erquicken F. Gladow à la mode-sprach (1727) 770ᵃ; in mhd. sprache grüenen 'frisch, neu machen':
doch wolt er kriege drije
gerner vil versuͤnen,
e das er einen gruͤnen
wolt von sinen schulden
bruchstück bei Pfeiffer forsch. u. kritik. 1, 80;
'wachsen machen': minne ich aber got, der stirbet niemer und belibet bi mir ... und grozet min minne und gruonet und hizzet min minne beichtbuch 91 Oberlin; zu grün I B 1 wird gehören gruenen ein eingetrocknetes hölzernes gefäsz durch einschütten von wasser wasserdicht machen Martin-Lienhart 1, 277ᵃ, d. h. das holz wieder grün, feucht machen: welcher (gerber) sein vasz grunen oder leder waschen will (aus einer alten Straszburger polizeiordnung) Frisch teutsch-lat. 1, 380ᵇ, vgl. ufgruenen im wasser aufquellen, von bohnen, erbsen Martin-Lienhart 1, 277ᵃ; technisch zu grün II B 1 'grüne farbe geben': die lösung ... grünt ... violensaft Liebig handb. d. chemie (1843) 436; deswegen musz die gefärbte wolle auszer der küpe gut gegrünet, d. i. gut ausgebreitet werden Jacobsson 2, 167ᵇ; reflexiv sich gr. im sinne 'sich erneuern' ab und an in älterer sprache:
do so stritet aller meist
mit dem libe hie der geist.
daz sich hie stete gruonet
und niemer wird versunet
Hugo v. Langenstein Martina 271, 81 K.;
gitekeit die gruͤnet sich
an allen luͥten steteklich
Boner edelstein 89, 50 Benecke.
grunen n.
Fundstelle: Lfg. 6 (1932), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 949, Z. 59
selten auftauchende bezeichnung älterer jägersprache für eins der zeichen der hirschfährte: disz zeichen (in der hirschfährte) halten der kunst erfahrne für gewisz hoch und gut, und nennen etlich jäger das grunen und etlich das burgstall neu jägerbuch (1590) 28ᵇ; es were ... noch viel zu sagen von den jägern, vor- und nachfährt, eylen, schreken, blenden ..., wagen, ragen, grünen, fedemlin Harsdörfer frauenzimmergesprächsp. 3, 117; bedeutung? herkunft?
Zitationshilfe
„grünen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gr%C3%BCnen>, abgerufen am 16.11.2018.

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