grüszen vb.
Fundstelle: Lfg. 7 (1933), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 1001, Z. 1
salutare.
herkunft und form. grüszen, germ. *grōtjan ist causativbildung zu got. gretan, an. gráta (dän. græde, schwed. graͦta, norw. graͦte), as. grātan, ags. grǣtan weinen. ob mhd. grāzen, schw. vb., schreien, rasen hierher gehört, ist fraglich. das causativum ist zwar im got. nicht belegt, darf aber als gemeingermanisch angenommen werden; ahd. gruozan anreden, angreifen Graff 4, 377 ff.; mhd. grüezen Lexer 1, 1099; as. grôtian anreden, anrufen Sehrt 211; Wadstein 58, 23; mnd. groten, gruten Schiller-Lübben 2, 156; mndl. groeten nötigen, grüszen, angreifen, ndl. groeten Verwijs-Verdam 2, 2158; woordenboek 5, 865 ff.; afr. greta grüszen, klagen Richthofen 783; ags. grētan in berührung kommen mit, angreifen, grüszen Bosworth 488ᵇ, engl. greet. — als idg. wurzel ist *ghrēd-, *ghrōd- anzusetzen. eine sichere verwandtschaft mit dem wortschatz anderer idg. sprachen besteht nicht, wenn auch mögliche parallelen vorliegen. am wahrscheinlichsten ist die verwandtschaft mit ai. hrādatē 'tönt, rasselt', av. zrādañh- 'ringpanzer', eig. 'der klirrende', npers. zirih 'panzer', wenn auch hier die beziehung zu gr. κέχλᾱδα, καχλάζω, air. ad-glādur möglich ist. andere verbindungen sind: zu pehl. grīstan 'weinen' Johansson idg. forsch. 14, 298, zu apreusz. gerdaut 'sagen', gr. φράζω Uhlenbeck ebda 13, 218, vgl. zum ganzen Falk-Torp 1, 339 s. v. graad und Walde-Pokorny 1, 659. — eine nebenform mit affricata liegt vor in: got gruetze dich altd. pred. 46, 157 Wackernagel; vielleicht auch schon ahd. provocare gigruozan, gigroizin usw. gl. 1, 626, 4; die form ist besonders dem alemannischen eigen, s. für die heutige mundart Staub-Tobler 2, 812; Fischer schwäb. 3, 887, für ältere zeit die glossare zu Haimonskinder 289 Bachmann; Morgant d. riese 381 Bachmann; dtsche volksb. 494 lit. ver.; vgl. auch Paul u. Braunes beitr. 28, 435.
bedeutung. die bedeutungsdifferenz zwischen nordgerm. grøta 'weinen machen' und westgerm. grōtjan 'grüszen', ahd. auch 'reizen', antreiben, veranlassen' (s. u.A 1), ist erklärlich, wenn man als ausgangspunkt die causative bedeutung 'zum sprechen veranlassen', 'zum klingen bringen' usw. annimmt, wodurch auch der anschlusz an ai. hrādatē 'tönt', 'klingt' erreicht wäre. ein bedeutungsübergang von 'zum sprechen bringen' zu 'grüszen' steht nicht vereinzelt, vgl. an. kveđja 'grüszen', eigentlich 'reden machen', kveđja 'grusz', as. queddian 'grüszen' zu an. kveđa, ags. cweđan usw. reden; ebenso got. goljan 'grüszen' zu ahd. galan 'rufen'. zu beachten ist, dasz 'der ankömmling in der regel erst sprechen durfte, nachdem der hausherr ihn mit dem heilgrusz angeredet hatte' Neckel eddaglossar s. v. kveđja. vgl. auch Kl. Ströbe altgerm. gruszformen Paul u. Braunes beitr. 37, 173f. die sonderentwicklung im ahd. (s. u.A 1) bleibt freilich auch bei annahme dieses gemeinsamen ausgangspunktes ungeklärt.
A.
grüszen in der bedeutung 'an jemand in bestimmter absicht herantreten', ohne den sinn freundlichen entgegenkommens:
1)
jemand antreiben, aufreizen, häufig im ahd. zur wiedergabe von irritare, agitare, provocare, sollicitare, concitare, excitare, lacessere, suscitare, s. Graff 4, 338; 342, wie die nachfolgenden belege zeigen, durchaus nicht nur als verbum des sprechens:
flant ni luccer kacruazze
wanchontem ruachon mendinum
(hostis ne fallax incitet
lascivis curis gaudiis)
Murbacher hymnen 15, 3 Sievers;
cruozta si sia chuzelondo an dero niderun stete ze nietegi (pruritui subscalpentem circa ima corporis i. circa genitalia apposuerat voluptatem) Notker 1, 699 Piper; mit angabe des zieles oder ergebnisses:
wan za kaheizzam cacruaze
(spes ad promissa provocet)
Murbacher hymnen 5, 5 Sievers;
unde geruozton in ze zorne ufen iro buolen, dar sie abkotdienist uobton Notker 2, 321 Piper; 317; nehein guot netate ih, negegruozti er mih darazuo 223; mit unpersönlichem object:
kapuluht noc paga kakruazze
kitagi noh wamba kaanazze
(iram nec rixa provocet,
gulam nec venter incitet)
Murbacher hymnen 4, 5 Sievers;
gigruoztez sollicitum (mare) ahd. gl. 2, 644, 13. übergehend in die bedeutung heimsuchen, quälen, beunruhigen, besonders neben abstracten: so aber die sorgun gruozent (pulsant) tiu herzen Notker 1, 788, 3 Piper; menniskon sorga negruozent sie (deos) 1, 817, 7; geluste gruozzent 2, 598, 2; ubel minna, ubel forhta 158, 13. daher auch molestiam urdreoz odo cruozisal, kruozzisal ahd. gl. 2, 100, 22; 111, 54 und grusz als 'leid, not', s.grusz A. vgl. auch gigruozis concuties (me per visiones horrore) ahd. gl. 1, 501, 43; gigruozent confundent (venti furorem ejus, qui fecit illos) 1, 581, 24. vgl. auch die bedeutung 'strafen' unten c. über das ahd. und mhd. hinaus hielt sich die bedeutung antreiben, aneifern, herausfordern in bestimmten verwendungen, und zwar
a)
in der verbindung den hund grüszen:
dô gruoztern (den löwen) als ein suochhunt
und volgt im von der strâze
Hartmann Iwein 3894;
ob sich noch Lust lieze hœren
und daz ich in mit jagen solte grüezen
Hadamar v. Laber jagd 385 Schmeller;
jaget ein man en wilt buten deme vorste unde volgent ime die hunde binnen den vorst, die man mut wol volgen, so dat he nicht ne blase noch die hunde nicht ne grute Sachsenspiegel² 1, 167 Homeyer. in dieser oder ähnlicher form auch in anderen gesetzlichen bestimmungen, s. weist. 3, 224; S. Meichszner land- und lehnr. (1566) 76ᵇ.
b)
besonders in der kampfes- und gerichtssprache.
α)
als 'zum kampfe reizen, herausfordern':
dô hôrter daz geriten quam
des selben waldes herre.
der gruozt in harte verre
als vîent sînen vîent sol
Hartmann Iwein 1002;
swer iuch dar umbe grüeze,
dem ir vil lasters hât getân,
der woltez doch durch vorhte lân
Wolfram Parz. 89, 24;
über das mhd. hinaus erhalten geblieben ist kampflich, kämpflich, kämpferlich, zu kampfe u. ä. grüszen, d. h. zum kampfe, auch zum gerichtlichen zweikampf herausfordern: sve kampliken grüten wille enen sinen genot, die mut bidden den richtere Sachsenspiegel 1, 91 Homeyer; ebenso 207; also verwint man den ok, die to kampe gevangen unde gegrot is 96; also überwindet man auch den, der ze kampfe gevangen oder gegrüezzet ist Schwabenspiegel 404, 48 Wackernagel; kämpferlich grüszen est capitis accusare et duellum indicere Stieler stammbaum 712; kampferlich grüszen capitis accusare, criminis accusare, indicere duellum Henisch 1771; 'kämpflich grüzzen heiszt einen auf kampf um leib und seele ansprechen, das der angesprochene, ohne verlust seiner ehre, nach alten rechten nicht ausschlagen kann' Westenrieder (1816) 280, vgl. 220; einen kämpflich grüszen ihn herausfordern und, wie noch jetzt im nd., zum trunk auffordern, zuwinken Heinsius 2, 560. vgl. Haltaus 757; Fischer schwäb. 3, 887; mein vater hatte andere ursachen seinen herren amtsbrüdern kein rappier anzubieten oder sie kämpflich zu grüszen Hippel lebensl. 1, 79.
β)
weiterhin auch 'angreifen' mit und ohne nähere angaben, und zwar:
αα)
das mittel, womit, oder die art, wie man grüszt, ist nicht näher erläutert:
alse den leun oder die lêvinnen iemen getar wekchen,
sos er ligit ruͦwen   mit offenen ougen:
same giturrin viante din   iuweht dich giruͦzen
genesis in Hoffmanns fundgr. 2, 77;
Wate stuont niht müezic,   des ich gelouben wil.
er hete ir vil gegrüezet   des lîbes an ein zil
Kudrun 1429 Martin;
dô rach der künec Vruote   sînen alten haz.
er sprach: ich sage dir, Gunther,   ich wil dich grüezen baz,
sît du mir hie bist komen   ûf des strîtes vart
rosengarten d 370 Holz;
den so wend wir in dem namen gocz die heiden grüeszen
dtsche volksb. 209, 18 Bachmann;
aber tag und nacht ritte der soldan mit seiner ritterschafft, auff dasz er Dagobertum, den koͤnig ausz Frankreich, desto ehe moͤchte gruͤsen (feindlich mit ihm zusammen kommen)
buch d. liebe (1587) 11ᵈ;
die zugen auch für Basel hin den balg zu wagen vnd jhren feynd zu gruͤszen
Stumpf Schweizer chron. (1606) 699ᵃ.
ββ)
das mittel oder die art des grüszens wird durch passendes subject, adverbial oder durch eine präpositionale verbindung ausgedrückt:
in gruozet hiute mîn swert:
ih pringe in in nôt
other iz ist ther mîn tôt
Rolandslied 6179 Bartsch;
disen hie dort ienen
gruzter mit grozzen slegen
Herbort v. Fritzlar liet v. Troye 8813;
(ich) wil an iuch gern,
daz ir mich grüezet mit den spern
Ulrich v. Lichtenstein 462, 6 L.;
ich wil dich hiute grüezen mit dem swerte mîn,
daz ist geheizen Balmunc und gît liehten schîn
rosengarten d 512 Holz;
es hat auch mancher erfarn, wie vbel ich yhn gegruͤst hab auch yn wenig bösem geschrey
Eberlin v. Günzburg 3, 142 ndr.;
als sie aber vermerckten, dasz sie nichts damit schafften vnd fruchteten, machten sie jhre schleudern losz vnd fiengen an, jhme das gehoͤr mit faͤuste groszen steinen zu gruͤszen (steine an den kopf zu werfen)
Bastel v. d. Sohle Harnisch (1648) 205;
wer einen mit einem schwerd grüst, dem danckt man mit einem rappir
Lehman flor. polit. (1662) 2, 611;
die furcht laͤst keine hoffnung gruͤnen,
da mich das unglück feindlich gruͤst
A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 854.
c)
besondere anwendungen in älterer zeit:
ich danck dem herren lobesan,
das er mich also grüeszt,
mit dem ich mich versündet han,
das mich dasselbe püeszt
Oswald v. Wolkenstein 84, 14 Schatz;
ein alder was gewonlich dicke siech und eines jares vermeit in der siechtum. do weinet er unde sprach: herre hastu mich verlazzen, das du in diesem jare mich nicht woldes gruzen? der veter buoch 24 lit. ver.;
swer danne hat behalten
sine sunde ungebuzzet
untz in daz alter gruzzet,
der stirbet danne lihte
ane riwe und ane bihte
Docen misc. 2, 215;
so in diu suht grüeze, bint im den (riemen) umbe den hals arzneibücher 66 Pfeiffer.
2)
jemand ansprechen, anreden, anrufen, ohne den sinn der bewillkommnung, stets ein verbum des sprechens: alloquor. ich sprech zu, gruͤsz Alberus dict. (1540) 27ᵇ; gruszen, grüszen compellare, alloqui Wachter 621: inti gruozta (vocavit) einan fon then scalcun inti frageta waz thiu warin Tatian 97, 6, ebenso 17, 5; hare horen alle zuo, unsih unde sie gruozet got Notker 2, 337 Piper; mit angabe des zieles:
stunta kiwaldaniu sehstuntom
unsih za petonne cruazzit
(hora voluta sexies
nos ad orandum provocat)
Murbacher hymnen 12, 1 Sievers;
waz tuo wirs nu, so siu hirates scal gegruozet (var. gefraget) werdan? Williram 141, 3 Seemüller; als 'befragen':
gab er (Christus) mo (Nicodemus) antwurti mit mihileru milti,
joh er mo iz al gisuazta   so wes soso er nan gruazta
Otfrid II 12, 28;
ähnlich in einer dorfsatzung: wann das wär, das ainer zu dem dorfrechten (gerichtssitzung) nit käm und den dorfmaister nicht gegrieszet und sein willen nit hiet, den sol er (der umsager) pfenden österr. weist. 5, 159, weitere belege s. u. bei Otfrid auch in der bedeutung 'in der erzählung berühren', 'berichten':
sie thiu bede (Gregor und Augustin) gruazent   joh uns iz harto suazent
thesses, thi ih nu hiar giwuag,   es ist uns follon thar ginuag
V 14, 29, ebenso 12, 1; IV 1, 24 und an Hartmut 97.
bereits mhd. spielt fast stets die bedeutung der begrüszenden anrede hinein:
er küene, træclîche wîs
(den helt ich alsus grüeze)
er wîbes ougen süeze
Wolfram Parz. 4, 19.
in späterer zeit tritt die bedeutung der reinen anrede am deutlichsten wohl in der verbindung jemanden um etwas grüszen hervor. der sinn ist: jemanden wegen etwas ansprechen, ihn um etwas bitten, nach etwas fragen: ... ainen abgot darausz machten, den wir in allen spänen rhatfrageten, sonder das wir jn darumb gruͤszen, und gelaszen den verstandt suͦchen S. Franck paradoxa vorr. 3; umb den verstandt und ausslegung rhatsfragen und grüszen S. Franck Erasmi v. R. lob d. thorh. (1534) 114; ich wils yhn auch keynen danck nicht wissen, noch sie (die concilia) drumb grüszen noch von yhn begehren Luther 12, 238 W.; vgl.gehen daher in ihrer vermessenheit und gruszeten gott nicht ein mal drumb ebda 15, 370, 14;
aber ich bin gar ungewisz,
weisz keinen den ich darumb gruͤsz
Fischart 1, 2698 Kurz,
vgl.: den herren vogt zuvor darumb grüeszen und fragen (1581) bei Staub-Tobler 2, 812; um des grüsz i die net! Fischer schwäb. 3, 887. hierher gehört auch die bei Staub-Tobler 2, 813 verzeichnete bedeutung 'zur rede stellen'. möglich, aber unwahrscheinlich ist die bedeutung des reinen anredens in fällen wie: er gruͤst jn in nachfolgender maszen hertzog Aymont (1535) c 1ᵇ; im sprichwort: wie man dir rüfft oder dich grüszt, also antwort Franck sprichw. 2, 109ᵇ; schöne weise klugreden (1548) 43ᵇ; antworte, wie man dich grüszet Friedrich Wilhelm sprichwortreg. (1577) a 1ᵇ.
B.
jemandem durch wort oder tat freundlich entgegenkommen, sich ihm freundlich nähern, ihn begrüszen. in den glossaren durch salutare u. ähnl. übertragen: Diefenbach 509ᶜ s. v. salutare; salutare, persalutare, salutationem facere, ferre salutem alicui, salutem impertire Maaler 194ᵃ; salutare, salutem alicui dicere, nunciare, salvere jubere Stieler 712; salutare, salutem precari aliis Haltaus 757. ahd. ist die bedeutung 'salutare' nur in glossaren des 11. u. 12. jhs. belegt, s. ahd. gl. 2, 609, 46; 611, 50.
1)
jemand bewillkommnend anreden, ohne den beisinn des gesellschaftlich-conventionellen. die belege unterscheiden sich von den unter A 2 angeführten durch die hinzutretende bedeutung der bewillkommnung:
a)
diese bedeutung ist ahd. bereits da:
so Petrus thaz tho gisah   fon themo skiff er zi imo sprah,
gruazta baldo (ih sagen thir thaz)   then meistar, so er giwon was
Otfrid III 8, 31;
mit zusatz: daz sie mih friuntlicho gruozton ... unde sie doh trugelicho dahton Notker 2, 121 Piper;
dîn wârhafter munt
den werden und den süezen
mit rede nu sol grüezen
Wolfram Parz. 781, 26.
b)
in späterer zeit tritt diese bedeutung in bestimmten constructionsweisen und bei bestimmten zusätzen noch deutlich hervor:
α)
mit dem doppelten accusativ construiert bedeutet grüszen 'jemanden als träger einer bestimmten eigenschaft, eines titels usw. anreden, nennen'. stets ist der sinn der begrüszenden anrede eingeschlossen. schlieszlich kann sich die bedeutung 'zu etwas gratulieren' ergeben. parallel gebräuchlich ist die verbindung 'jemanden als etwas, für etwas grüszen'.
αα)
doppelter accusativ: die jn ein vatter gruͤsztind vnd nenntind qui se patris appellatione salutarent Frisius 105ᵇ; er fuͤrt unseglich grosz guͦt ausz Egipten mit jm gen Rom, darumb ward er Augustus gegruszt S. Franck chron. Germ. (1538) 16ᵃ; 27ᵃ u. ö.; nach disem sieg ward er ein vater des vatterlands, ein herr und imperator von iederman grüszt ebenda 86ᵇ; liesz sich gleichfals ein koͤnig gruͤszen, wiewol er nit ein erwelter koͤnig war Stumpf Schweizerchronik 222ᵇ; haben ihn zu einem könige und römischen keyser erwelt, bestetigt, angenommen ... und ihn Augustum gegrüszet Hossmann von keyserl. wahl u. krönung 196;
hört wunder, hört des königs sohn,
der sprang herab von seinem thron
und liesz sich schäffer grüszen
Angelus Silesius seelenlust 196 Ellinger;
würd er ...
bekennen, dasz dir, held, nichts kayserliches mehr
ermanglet dan der nam, und dich selbs Caesar grüszen
Weckherlin ged. 1, 429 Fischer;
und froh bestürzt (wird er)
sich einen dichter grüszen hören
Ramler lyr. ged. (1772) 86;
zum pfande noch gröszerer ehren, ... soll ich dich graf von Cawdor grüszen Bürger 290 Bohtz; er grüszte sie brüder Schiller 2, 77 G.; denn sein rufen soll eine gar gefährliche vorbedeutung seyn, und wen jückt es nicht ein bischen an der stirne, wenn er sich kuckuck grüszen hört Shakespeare 1, 225;
bis superintendent irgend ein städtchen ihn grüszt
Rückert ges. ged. 2, 279.
ββ)
für etwas, als etwas grüszen: es wolte aber nicht jederman allenthalben jhn für ein bapst grüszen vnd halten Kirchhof wendunmuth 1, 457 lit. ver.; zwei edle, die ... den Macbeth als than von Cawdor grüszen Herder 23, 368 S.; Bettina von Arnim kam, grüszte mich als minister der auswärtigen angelegenheiten, rieth aber gleich dringend, ich möchte es nicht annehmen Varnhagen v. Ense tageb. 5, 186; als der führer der Göttinger sieben von seinem eide nicht lassen wollte, da grüszten ihn seine studenten als 'den mann des wortes und der that' Treitschke hist. u. polit. aufsätze 1, 348.
β)
mit namen grüszen, d. h. mit dem oder einem besonderen namen grüszend anreden, bei namen grüszen mit namen anreden: dieser (hat mich) mit meinem eigenen namen ... gegrüszet theatrum amoris (1626-31) 127;
darf ich zum erstenmahl dich mit dem süszen,
vertrauten namen: männchen! grüszen
Gotter 1, 288;
Paris und London! — wo man ohrfeigen einhandelt, wenn man einen mit dem nahmen eines ehrlichen mannes grüszt Schiller 2, 35 G.; als er eines abends ... sich zum schlummer niederstreckte, erschien ihm jemand im traum, grüszte bei namen und forderte ihn zum gesang auf J. Grimm kleine schr. 1, 109; mit dem jarlsnamen grüszend Dahlmann gesch. v. Dänemark 2, 306; jeden bürger der hauptstadt wuszte er beim namen zu grüszen Mommsen röm. gesch. 3, 14.
γ)
mit worten grüszen jemanden mit bestimmten worten anreden: als nun der engel zuͦ jro (Maria) hinynkommen ist, hat er sy gruzt mit disen worten Zwingli dtsche schr. 1, 92;
und ich euch hie mit wortten gruͤsz:
sagt, acht halb schoff, wie vil hatz fuͤesz? (beginn eines rätselstreites)
pfarrer v. Kalenberg 26 ndr.;
singularisch:
ich sprach: monsieur, monsieur (es war mir schon bewust,
dasz man mit diesem wort alleine gruͤszen must)
Rachel sat. ged. 88 ndr.;
die bedeutung des höflichen grüszens gesellschaftlicher art (s. u. 3) ist deutlicher vertreten in: nun grüszten wir einander mit ein paar worten Heinse 9, 199 Schüddekopf.
c)
in religiösem zusammenhang: ein göttliches wesen, einen in den bereich des cultischen gehörigen gegenstand grüszen, d. h. ihm seine ehrfurcht durch anrede (gebet) oder aufmerksamkeit bezeugen, grüszen adorare Henisch 1771:
wir knien nider tzu deinen füeszen
und wellen dich all hye grueszen
altd. passionssp. aus Tirol 120 Wackernell;
ich man iuch bi Marien klage,
daz ir si grüezent alle tage
schausp. des mittelalters 1, 250 Mone;
bucken sich vast höfflich gegen der ampel, grüszen die heiligen Judas Nazarei 41 ndr.;
warumb tregt diser hertzog doch
ein schweres unverschuldtes joch,
musz frembde sünd und unthat büszen,
der doch die goͤtter pflegt zu grüszen,
mit gaben und gebett diemuͤtig
Spreng Ilias (1610) 284ᵃ;
wie gewisse völker bey keinem bilde eines heiligen vorbeigehen, ohne ihn zu grüszen Joh. E. Schlegel 3, 479;
sonst erschienen uns (menschen) die götter ...
wann wir mit festlicher pracht der hekatomben sie grüszen
Voss Odyssee 122 Bernays;
räumen sie ihr (der Nemesis) eine stelle im lararium ihres herzens ein und grüszen sie sie jeden abend Herder 15, 331 S.; wenn du nach Einsiedeln kommst, grüsz mir d mutter gottes! lege auch für mich fürbitte ein Fischer schwäb. 3, 887. vgl.:
ere wy de rede begynnen,
so grote wi erst de koninghinne
myt eynem 'pater noster' vorwar
vnde myt eynem 'ave Maria' clar
Theophilus 22 Petsch.
2)
grüszen im sinne von begrüszen im allgemeinen, seiner freude über ein ereignis durch wort oder gedanken ausdruck geben. das conventionelle ist in diesen fällen nicht eingeschlossen:
a)
in gehobener oder poetischer sprache, 'freudig willkommen heiszen', auch 'preisend besingen', 'preisen'.
α)
land, stadt usw. beim wiedersehen oder erstem erleben grüszen:
du heimath süsze,
du lieber ort,
ich grüsz dich, grüsze
mit bitterm wort
Fouqué zauberring (1812) 1, 5;
ich grüszte ... die gegenüber liegenden küsten E. M. Arndt s. w. 1, 91;
nuͦn grusz ich dich von hertzen,
du edles Wittenberg!
Wackernagel deutsches kirchenlied 3, 75.
β)
natur, sterne, die aufgehende sonne usw. grüszen:
o liebe sonne, sey gegrüszt!
Becker mildh. liederb. (1799) 3;
mutter erd und mutter Lucina, ich grüsz euch beide!
Herder 26, 22 S.;
... wie glücklich ich aufgestanden bin und die schöne sonne gegrüst habe ... Göthe IV 3, 33 W.;
dort, wuszt er, grüszten muntre zecher
oft Eos strahl bei vollem becher (durch zutrinken)
Kind ged. (1817) 1, 93;
wie freudig gruͤsz ich nun das licht des tages
Tieck 3, 482;
o! wann grüszest du den morgen wieder?
schöngelockte wirst du lange ruhn?
Bettine die Günderode 1, 120;
und grüszt ihr einstens dort das morgenroth,
so denkt der schwesterhand, die es euch bot
A. v. Droste-Hülshoff 2, 232 Sch.
der grusz geschieht mit hilfe von musikalischen instrumenten:
all warens freudig, das mans wag,
vnd grüszten da den lieben tag
mit trummen vnd trommeten schall
Fischart glückh. schiff 8 ndr.;
mit jungem muth
begleitet sie der hirt, und grüszet
seine gefilde mit neuen tönen
Herder 27, 70 S.
γ)
das subject des grüszens ist die natur, ein tierisches wesen, ein abstractum.
αα)
der gesang, das lied, das jauchzen, der segen usw. grüszen. das akustische moment tritt hervor:
ich kann sie kaum erwarten
die erste blum im garten,
die erste blüth am baum.
sie grüszen meine lieder ...
Göthe 1, 23 W;
dasz er kalt an meinem leichensteine
stehet, und des modernden gebeine
keines jünglings stiller segen grüszt
Hölderlin 1, 56 Litzmann;
heilger boden, dich grüszt mein gesang!
Körner 1, 109 H.;
ein allgemeines lautes jauchzen grüszt
den theuren ort
A. v. Droste-Hülshoff 2, 235;
und immer heller grüszt sie der gesang
2, 235.
vgl.:
ich grüeze mit gesange die süezen
die ich vermîden niht wil noch enmac
kaiser Heinrich in minnesangs frühl. 5, 16.
ββ)
sehr reich vertreten ist die gruppe mit tieren, meist vögeln als grüszenden wesen. der gesang der vögel, das brüllen des viehs u. s. w. wird als ein zeichen des gruszes aufgefaszt:
in dem tal
hebt sich aber der vogele schal.
sî wellent alle grüezen nû den meien
Neidhart 6, 21;
laszt ewrer bunten vögelschaar
die welt mit tausent liedern grüszen
R. Roberthin in Königsb. dichterkreis 85 ndr.;
das vieh verlaͤszt den stall,
und gruͤszt das nahe thal
Schwabe belustigungen (1741) 3, 142;
und ihr, gefiederte sänger der büsche und wälder, ... stimmt eure tonreichen kehlen, ihrer erscheinung entgegen zu grüszen Bode gesch. d. Th. Jones 2, 14;
ein bach, von raben nur gegruͤszt,
der am bereiften ufer flieszt
J. G. Jacobi sämtl. w. 1, 132;
dagegen die Glarner fütterten ... ihren hahn, dasz er freudig und hoffärtig den morgen grüszen könne (mit hahnenschrei sollte der grenzlauf mit den Urnern beginnen) Grimm deutsche sagen 1, 193;
gleich wie die lerche grüszt den ersten funken,
der aus dem aug des jungen tages bricht
Herwegh ged. eines lebendigen (1843) 2, 3;
unsichtbar aus der luft die eule grüszt
A. v. Droste-Hülshoff 2, 112.
γγ)
musikalische, klingende instrumente grüszen:
und grüszend vertönet das horn
Geibel (1888) 1, 7;
drauszen schlug soeben die uhr vom thurme, als wollte sie mit dem wohlbekannten klange grüszen Eichendorf (1863) 3, 359.
δδ)
die natur und ihre erscheinungen grüszen. optische oder akustische eindrücke vermitteln die anwendung, so wird der strahl der sonne oder die welle des stromes als grüszend aufgefaszt: die sonne (begann) si ... mit anmuthigen blikken zu grüszen Zesen adriat. Rosemund 12 ndr.; die anmuthige morgenroͤthe grüste den tag mit lachendem munde Lohenstein Arminius 1, 146ᵇ;
Aurora, wenn sie kaum der berge spitzen grüszt
Neukirch anfangsgr. (1724) 497;
die sonne grüszt die fluren,
beginnet neuen lauf
R. Z. Becker mildh. liederb. (1799) 82;
dort wo der alte Rhein mit seinen wellen
so mancher burg bemooste trümmer grüszt
Böhme volksthüml. lieder d. Deutschen 30;
freundlich grüszend und verheiszend
lockt hinab des stromes pracht
Heine 1, 33 E.;
Sirenen buhlen mit der fahrt gesellen,
aus bergestiefen grüszt sie das metall (blinkt grüszend entgegen)
Brentano 2, 304;
das weisze häuschen schaute freundlich grüszend aus den dunklen linden herüber Stifter 3, 160; vgl. auch: jene stuckornamente, die ... vom plafond herab grüszten Fontane I 1, 390.
εε)
abstracte begriffe als subject:
seht, die milde himmelsgunst
euch mit holden blicken grüst ...
Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 21;
dasz die güte spaht und früe
mag die treue grüszen
Adersbach bei Fischer-Tümpel 3, 101;
unser dank, und wenn auch trutzig,
grüszend alle lieben gäste,
mache keinen frohen stutzig
Göthe 3, 64 W.;
doch lächelnd grüszt der friede die gefilde
und streut die goldne saat
Schiller 11, 362 G.;
jauchzend um die blumenhügel
grüszten gram und sorge dich
Hölderlin 1, 118 Litzmann.
ζζ)
der blick, die augen, das herz als subject:
leb wohl! dich grüszt mein letzter blick!
leb wohl und liebe mich in unserm theuren sohne!
Schiller 6, 383 G.;
soll mein auge noch einmal ihr antlitz grüszen?
Bodmer Noah 16;
o hertz des königs aller welt,
des herrschers in dem himmelszelt,
dich grüszt mein hertz in freuden
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel 3, 412ᵃ;
dein augen, deinen mund,
den leib, der noch verwundt,
da wir so vest auf trauen,
das werd ich alles schauen,
auch innig hertzlich grüszen
die mahl an händ und füszen
ders. 3, 404ᵃ.
b)
in gehobener, pathetischer oder poetischer sprache begegnet als freudige anrede sei mir gegrüszt! sei gegrüszt!, auch abgekürzt gegrüszt!, dem lat. salve oder ave entsprechend. in älterer zeit bis gegrüszt usw. im sinne von 'sei mir willkommen'.
α)
belege in älteren wörterbüchern: gegrust systu gemma gemmarum (1508) c 2ᵇ; sey von uns allen gegrüszet salve ab omnibus nostris Stieler 712; vgl.sey gegrüszt von uns allen Henisch 1771; pisz, bysz, syest, seyest, sist, wisz gegruszet Diefenbach 509ᵇ, vgl. auch s. v. ave 60ᵃ.
β)
belege für den älteren imperativ des hilfsverbums:
Juden künig, pis von mir gegrüszt!
altd. passionsp. aus Tirol 71 Wackernell;
bis wolkomen oder gegruͤszt, merer des rychs, ein keiser vnd gebieter Riederer spiegel d. wahren rhet. (1493) m 2ᵃ; wer redt hie: Misis biss gegrüsset? (quis hic loquitur? Mysis salue) Terenz deutsch (1499) 16ᵇ; bisz gegrüszt (vale) erste deutsche bibel 11, 388, 45 lit. ver.;
du holdselige, bisz gegrüszet
H. Sachs 1, 258 lit. ver.
γ)
sei gegrüszt, du seist gegrüszt, sollst gegrüszt sein u. ähnl.
αα)
als anrede von menschen oder personifiziertem, meist poetisch: sey gegrüszet Demea Boltz Terenz deutsch (1539) 96ᵃ;
seit all gegrüszet in gemein
H. Sachs 21, 17 Götze;
gegrüszet seystu, lieber herr,
sonst weis ich dir zu thun nicht mehr
B. Krüger action (1580) c 7ᵇ;
o du geliebter vatter mein,
in frewden wir gedencken dein,
gegrüszet seyest heut von mir,
der himmel ist bescheret dir,
gegruͤszet sey dein seel vnd geist
Spreng Äneis (1610) 85ᵃ;
ihr weisen, seyd geküsset,
ihr lehrling, seyd tausendmal gegrüszet
Neumark fortgepfl. mus.-poet. lustw. 1, 182;
was hat jener rabe zum Augustum mehr können sagen, als ave Caesar, sey gegrüszet kayser Prätorius winterflucht d. sommervögel (1678) 41;
zarter erstling, süszer knabe!
du, des himmels eigne gabe,
die so schön als edel ist;
sey willkommen, sey gegrüszt!
Gottsched ged. 1 (1751) 106;
gegrüszet seid mir, edle herrn,
gegrüszt ihr, schöne damen!
Göthe 1, 162 W.;
sein sie mir nach einer so langen abwesenheit herzlich gegrüszt 23, 208;
tapfre Preuszen! tapfre Preuszen!
heldenmänner seyd gegrüszt!
E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen 1, 314;
gegrüszt, ihr herren! zur gelegnen stunde
find ich euch hier versammelt all
Eichendorf 4, 579;
gegrüszt, liebe schwester Göthe 24, 319 W. häufig ist die bedeutung 'sei gepriesen, sei besungen', besonders bei der anrede an Maria, dem ave Maria entsprechend: gegrüszt seistu vol der genaden: der herr ist mit dir erste deutsche bibel 1, 197 lit. ver.;
du holdtselige, sey gegrüszet,
vol genaden gar ubersüszet!
H. Sachs 11, 167 lit. ver.;
gegrüst seystu, o heyl der welt,
viel tausent grüsz ich dir vermelt
Bäumker kath. kirchenlied 1, 495.
ββ)
als anrede der natur oder freudige begrüszung von naturerscheinungen; poetisch:
gegruͤszet seist du, schoͤnster strahl!
Zesen verm. Helikon (1656) 1, 241;
sey uns tausendmahl gegruͤszet
suͤszer tag, geliebtes licht,
Morhof unterricht v. d. dtsch. spr. (1682) 2, 154;
sey mir gegrüszt mein berg mit dem röthlich strahlenden gipfel
Schiller 11, 76 G.
3)
als allgemeiner ausdruck der höflichkeit bekannten oder geschätzten personen gegenüber. gegrüszt wird im vorübergehen, beim treffen als einleitung einer unterhaltung, beim abschied. je nach zeit, sitte, stand geschieht das grüszen durch formel, hand- oder kopfbewegung, hutabnehmen usw.
a)
in worten, von person zu person, meist durch gebrauch einer der gewöhnlichen gruszformeln:
du solt dich site nieten,
der werlde grüezen bieten
Wolfram Parz. 127, 19;
den vriunden niht mit dienste laz,
dâ bî in zühten wol gezogen,
und grüeze, den dû grüezen solt
Winsbecke 39, 9 Leitzmann;
besonders im minnedienst ausgebildet als ausdruck des wohlwollens, der huld einer frau, s.grusz B 1:
swer wirde und fröide erwerben wil,
der diene guotes wîbes gruoz.
swen si mit willen grüezen muoz,
der hât mit fröiden wirde vil
Walther v. d. Vogelweide 90, 17;
swenn ir munt ein grüezen bôt,
der brâhte sælde unz an den tôt
Wolfram Willehalm 155, 11.
'den ankommenden begrüszen' führte zur bedeutung 'empfangen':
ir heizet Sîfriden   zuo mîner swester kumen,
daz in diu maget grüeze:   des habe wir immer frumen.
diu nie gruozte recken,   diu sol in grüezen pflegen
Nibelungenlied 288, 2;
ebda öfter: 104, 4; 1156, 3. 1657, 3 überliefern C D enphâhen statt grüezen. als offt er zuͦ seinen jungern komen, hat er sy gegrüeszt mit dem frid Berth. v. Chiemsee theologey 92 Reithm.; als er nu von der kirchen wider in den palast keret, das niemandt so kuͤn was ym nachzufolgen oder jn auff dem weg anzusprechen, ... oder anschreyen und grüszen, wie die Roͤmer pflegen zu thon, vivat rex (die rede ist von einem türkischen könig, der sich aus hochrufen usw. nichts macht) S. Franck chron. u. beschr. d. Turckey (1530) d 2ᵇ;
der knecht Matthies spricht bona dies,
wan er gut morgen sagt vnd grüst die magd
Moscherosch gesichte (1650) 2, 123;
dann darumb grüszet man bona dies, dasz der ander antworte semper quies Fischart Garg. 63 ndr.; an der pforte des stalles empfieng sie der kutscher Andreas, that sein pferdemaul auf und grüszte die gnädige comtesse Zachariä poet. schr. (1763) 1, 293;
ein bäuerlein ...
grüszt mich ganz froh und munter
'ein guten abend, ein gute zeit'
Cl. Brentano (1852) 2, 4;
dann grüszte sie mich mit städtischem accente G. Keller 1, 186. mit poetischer subjectsverschiebung. es findet eine berührung mit den unter B 2 verzeichneten gebrauchsanwendungen der gehobenen sprache statt:
bald grüszt beruhigt mein verstummter mund
den schlichten winkel ...
Mörike (1905) 1, 47 Göschen;
der mund grüszet dich, das hertz flucht dir Henisch 1771; die zunge, die gruͤszet zwar lieblich und saget: mein lieber bruder, es ist niemand den ich lieber solte und moͤchte sehen als dich Reinicke fuchs (1650) 411;
wenn seine lippen grüszen,
dann schwindet alles leid
Neukirch ged. (1744) 43;
hier ist die bedeutung 'küssen' möglich, vgl. mit dem munde grüszen. in älterer zeit sehr häufig in verbindung mit verben des sagens: wann so ir eingeet in das haus, so grüszt es sagent: fride sey disem haus erste deutsche bibel 1, 36 lit. ver.; er aber grüszet sie freundlich und sprach, gehet es eurem vater dem alten wol 1. Mos. 43, 27; (sie) Thedaldo sachen unter seiner tür sten, im entgegen gingen und grüsten und zuͦ im sprachen Arigo decamerone 215, 32 Keller; im freuntlichen zuͦsprach und grüszet Wickram 1, 14 lit. ver.; ein reuter, der ongeferd für ritt, der grüszt sie und sagt Frey gartenges. 88, 20 Bolte; grüsze gern und sprich den leuten freundtlich zu Barth weiberspiegel (1565) l 6ᵇ; findet (ihn) auff der ... zugbrücken stehen, grüszet ihn und spricht Hennenberger preusz. landtafel (1595) 47; es kompt auch der fuchs dahin (zu dem löwen), grüszet den alten und spricht Olearius verm. reisebeschr. (1696), Lokmans fab. 112.
b)
durch gebärde, bewegung, besonders handbewegung, hutabnehmen usw.: und weil er (der priester) die ... kappen an halsz gestreifft ... den hut, als ob er sie (die frau) grüszet, ein wenig rücket Kirchhof wendunmuth 2, 159 lit. ver.; (er ist) freundlich mit den leuthen, neigt sich allmahl und gruͤszt alle welt Paracelsus opera (1616) 1, 238ᶜ;
wer lobt mir Engeland? da grüst man durch den kusz
Logau sinnged. 342 lit. ver.;
wo er das frauenzimmer mit so tieffen reverentzen grüszen wird Chr. Weise erznarren 36 ndr.;
die höflichkeit braucht jährlich einen hut.
man grüst sich arm
Stoppe Parnasz (1735) 241;
er redte mit sich selbst. vergebens grüszt man ihn,
es fehlt ihm an der zeit, den huth herabzuziehn ...
Rost verm. ged. (1769) 40;
er legte seinen hut vor seinen bauch und beide hände in den hut, grüszte die anwesenden mit einem halbtiefen bücklinge Nicolai Seb. Nothanker 1, 45; sie bog bescheiden zurück ... und machte eine bewegung, als ob sie mich grüszen wolte Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 3, 246; ihn grüszte sie (Mignon) ... mit über die brust geschlagenen armen Göthe 21, 172 W.; und ihn tief grüszte Alexis Roland 1, 106 u. ö.; sitte ist, was sich in dem menschen festsetzt ..., ihre herrschaft beginnt von dem sessel, worauf er sitzt, von dem topf, worin er kocht, ... von der verbeugung, womit er grüszt E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen 2, 153;
und freundlich grüszend mit des hauptes neigen
Grillparzer 6, 78;
Stine stand oben am fenster, er grüszte mit der hand und stieg dann ... hinauf Fontane I 5, 94; Frey (steht mit paketen da): guten abend, gnädige frau. pardon, wenn ich nicht grüsze ... G. Hirschfeld die mütter (1896) 27. vom militärischen grusz: wenn die generalität oder ein anderer groszer herr vor einigen trouppen vorbey fährt oder reitet, wird solcher entweder in stehen oder marchieren von ober- und unterofficiers und von denen gemeinen mit dem gewehr gegruͤszet Fleming vollk. soldat (1726) 425; als der fähnrich die beiden erblickte, hob er sich wie zum tanz, senkte grüszend die fahne und liesz das tuch in kunstvollen wellen durch die luft sausen G. Freytag 11, 8. weiterhin bei der hand grüszen, d. h. mit händedruck begrüszen: die hochzeitsgäste bei der hand grüszen Reiser sagen d. Allgäus 2, 258. mit dem munde grüszen bedeutet 'küssen': hättestu mir meine meynung gebilliget, wolte ich dich mit dem munde gegrüszt haben Prätorius bericht v. Katzenveite (1665) l 7ᵃ.
c)
in den meisten fällen wird die art des grüszens nicht näher erläutert: vnd ob ir alleine grüszt ewer brüder: waz thuͦt ir mer? (et si salutaveritis fratres vestros tantum, quid amplius facitis) erste deutsche bibel 1, 21 lit. ver.;
werfen die ougen hin und her,
lachen, gaffen alle winkel an,
und thout eins ums ander traben,
damit verführens die knaben,
die sie grüszen und gaffen an
S. Brant narrenschiff 4, 13 (interpol.) Zarncke, vgl. 2, 11;
die ehre stehet nit in gruszen oder neygen allein Luther 26, 487 W.; kumpt iemans zuͦ vch vnd bringt nit mit im dise lere, so entphohent in nit in uwer husz, auch grieszent in nit Murner an den adel 47 ndr.; ir sollen in nit gryeszen noch zuͦ herberg und haus entpfahen Eberlin v. Günzburg 3, 69 ndr.;
spricht: habt acht auff die schriftgelerten,
die gern gehn in langen kleydern
vnd lassen sie auch grüszen gern
am marck und gassen, wo sie stan
H. Sachs 6, 375 lit. ver.;
was ist es, das so murrisch bist?
ich glaub fuͤrwar, das dich verdries,
das ich dich nicht gnug höflich grüs
Fischart 1, 250 Kurz;
es ist ein böszhafftiges ding der menschen, dasz sie einander die mäntel vnd kleyder grüszen, aber sich nicht selbsten Lehman flor. polit. (1662) 3, 140;
gedenke bey dir selbst, kommt jemand angegangen
noch fremd und unbekant, er wird gar wol empfangen,
bescheidentlich gegrüszt
Rachel sat. ged. 91 ndr.;
und halt nicht flugs mit ihr ein peinlich halsgerichte,
wenn ein bekannter mensch auch euer weibgen grüst
Henrici ernst-scherzh. u. sat. ged. 1, 249;
kein mensch so wild und roh, der, wenn er ihn nur grüszte,
nicht auch zugleich empfand, dasz er ihn lieben müszte
Neukirch ged. (1744) d 5ᵃ;
und machte sich fertig, uns zu danken, wenn wir ihn etwa grüszen würden A. v. Knigge roman meines lebens 1, 35;
soll ich sie grüszen? soll ich vor ihr fliehen?
Göthe 2, 158 W.;
ich, der vernünftige, grüsze zuerst
Schiller 14, 21 G.;
Renot ... ward etwas betroffen, als ihm ein heiterer, schöner jüngling frey und offen entgegentrat, ihn anständig grüszte Klinger w. 8, 109; allgemein reden sich die thiere herr und frau an, grüszen und bewillkommnen sich J. Grimm Reinhart fuchs, vorr. 41; die Walpurgis stand an der gartenhecke und grüszte, indem wir vorübergingen Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 55; doch plötzlich faszte er die beiden anwesenden ins auge, grüszte verbindlich ... und ging davon Holtei erz. schr. 3, 189; er sah sie starr an, ohne sie zu grüszen Ranke s. w. 4, 135;
nach Sevilla, nach Sevilla,
wo die letzten häuser stehen,
sich die nachbarn traulich grüszen, ...
dahin sehnt mein herz sich sehr
Laube 8, 12;
er grüszte und wollte neben ihr vorbeistürzen G. Freytag 4, 97; er schien fast ein fremder; denn von den vorübergehenden grüszten ihn nur wenige Storm 1, 3.
d)
im sinne des zutrinkens, als ausdruck der höflichkeit: der wein ist treflich gut, vnnd laszt euch nicht verdrieszen, ausz einem fasz, aus einem glasz thu einer den andern gruͤszen Fischart Garg. 70 ndr.;
er nam ein becher voller wein,
gruͤszet damit Achillem fein
Spreng Ilias (1610) 112ᵇ.
e)
der briefschreiber übermittelt dem empfänger zu beginn oder am ende seines schreibens seinen grusz:
die zeilen, welche mir ietzt aus der feder flieszen,
sind von mir abgeschickt, herr bruder, dich zu grüszen
Canitz ged. (1727) 117;
die zehn minuten, die mir bleiben, kann ich nicht besser anwenden, als dich in gedanken noch recht herzlich zu grüszen Moltke 6, 3; Philippi war eyn eynige stadt und hatte viel bisschoffe, wilche Paulus hie gruͦst Luther 8, 500 W.; wo wird z. e. ein handlungsbedienter itzt an seinen herrn schreiben wohledler und ihn am ende des briefes freundlichst gruͦszen allg. deutsche bibl. 1, 2, 297.
f)
vom schiffs- und kanonengrusz, 'der seemännische grusz gilt entweder von schiff zu schiff oder einer einzelnen persönlichkeit, bes. einer fürstlichkeit oder einem höheren seeoffizier; gegrüszt wird entweder mit kanonenschüssen, dippen der flaggen oder streichen der segel, bei hochgestellten persönlichkeiten mit hurrarufen' Kluge seemannsspr. 338: endlich kam nach uns von mittag gegen norden ein holländisches schiff, dieses schnurrte, ohne uns zu grüszen, behend vorbey, und setzte seinen weg gegen Balassor ganz unerschrocken fort Stöcklein weltbott (1726) 4, 94ᵃ, s. auch Krünitz encycl. 20, 244; endlich fielen die anker, und die festung grüszte mit einem königlichen salut unsere trauerflagge Moltke ges. schr. u. denkw. 1, 199.
4)
jemanden im auftrage einer dritten person grüszen, einen grusz von jem. an jem. bestellen, ihm ein zeichen der höflichkeit, des gedenkens übermitteln. diese übermittlung kann mündlich oder schriftlich vor sich gehen.
a)
Fabius grüszete sie sehr von seinen eltern Bucholtz Herkuliskus 129; vor lauter kopfweh, schnuppen und herzenleid hab ichs vergessen, alle ihre wahre freunde zu grüszen Schubart briefe 1, 101 Strausz; kinder und enkel befinden sich übrigens wohl und grüszen Göthe IV 34, 130 W.; er grüszt sie — liebt sie — wir sind über wenig menschen so einig Caroline 1, 80 Waitz.
b)
besonders häufig imperativisch: grüsz mir, grüsz von mir, grüsz!, d. h. vermittle meinen grusz an den und den:
herre, zuo dem rîtent ir
unde grüezent in von mir
Hartmann Iwein 5114;
leyve suͦestergin, gruͦesze mir vrauwe Geyrdrut inde sayge ir, dat sy bei Steinhausen privatbriefe 1, 5;
... eile nach dem norden,
grüsz mir mein vertrautes kind,
hörst du disz, mein sudenwind
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. 1, 278;
grüszen sie mir den auserwählten mann S. v. Laroche gesch. d. frl. v. Sternheim 1, 100; grüsze ihn von meinetwegen Adelung lehrg. 2, 123;
grüsz alle deine lieben mir
Schubart sämmtl. ged. (1825) 2, 127;
grüszen sie herzlich alle die unsrigen Göthe 24, 107 W.; grüszt alles, ich bin in gedanken immer mit euch, und liebt mich ebda 32, 110; grüszen sie Göthens Sylli Gleim briefw. 1, 223 Körte;
so sagt nur, ich käm in zwei tag oder drei
und grüszt mir mein bübel und rührt ihm den brei!
Mörike (1905) 1, 35 Göschen;
doch magst du sie, wenn du es mit schick machen kannst, immerhin von mir grüszen; ein grusz bedeutet heut zu tage nicht viel mehr wie ein 'guter tag', den man auf der strasze ohne unterschied einem jeden zuwirft Hebbel briefe 1, 16 W.; wie gehts Adelen? grüszen sie recht herzlich, wenn sie schreiben A. v. Droste-Hülshoff briefe 96 Schücking.
c)
grüszen lassen, grüszen heiszen: er heiszt dich grüszen avere te iubet, mein sun Cicero laszt dich gruͤszen salvebis a meo Cicerone, unser gantz hauszfolck laszt dich grützen domus te tota nostra salutat Maaler 194ᵃ; avere te iubet heiszt dich grüszen, sagt dir ein grusz Frisius 138ᵇ; er laszt dich grieszen dausentmal Wickram 4, 39 Bolte; er lest euch ewre Sidonia wiedrumb gar freundlich grüszen engl. kom. (1624) z 8ᵇ; er laszt dich grüszen il vous salue affectueusement, plurimam tibi salutem dicit Wiederhold (1669) 152ᵇ; 'guten tag, Melle, dein buntes lamm läszt dich grüszen!' (der unbekannte hatte es gestohlen und verspottet jetzt den eigentümer) W. Grimm deutsche sagen 1, 152; der Raspelmeyer laszt sie grüszen, und laszt ihr einen schönen guten morgen wünschen Seb. Brunner erz. u. schr. 1, 97; das ganze dorf läszt grüszen! Freytag 3, 27.
5)
freundlich, teilnehmend entgegenkommen.
a)
in der sprichwörtl. redeweise gott grüszt die menschen, sie wissen es aber ihm nicht zu danken u. ä., seit Luther in verschiedenen variationen: gott grüszet alle welt, aber wenig dancken jm 24, 393 W.; gott grüszt offt einen, aber weiszt ihm nicht zu antwortten deus saepe nobis offert praeclaram occasionem rei bene gerendae, consequendae, sed nos nolumus eam amplecti, repudiamus eam Henisch 1772, vgl. Lehman flor. polit. (1662) 1, 283. in ableitungen: gott grüszet uns gnädiglich, danken wir ihm nicht, so werden wir uns hoͤchlich versündigen Luther briefe 4, 382; weil jn gott grüszet und beut jhm das fercklein, soll er gott dancken Mathesius Sarepta (1571) 23ᵇ; wenn einen gott und das glücke grüszet, so soll man beyden billig dancken Joh. Hoffmann polit. Jesus Syrach (1740) 8.
b)
die gelegenheit, das glück grüszt die menschen, d. h. bietet sich freundlich, gibt eine chance, die genutzt werden sollte. im sprichwort: wenn die gelegenheit einen grüszet, soll er jhr dancken Lehman flor. polit. (1662) 1, 283, vgl. Wille sittenlehre (1781) 76. heute in süddeutschen mundarten: wenn di d'glegenheit grüezt, so dank ere Staub-Tobler 2, 812; wenn die gelegeheit grüszt, musz ma ihr danke Fischer schwäb. 3, 887; ihr bruͦder, das glück grüszet uns, wir muͦssen jhm dancken Harsdörffer frauenz. gesprächsp. 2, 288; vgl. auch unter a. hierher ungeschick läszt grüszen Schmeller-Fr. 1, 1014 u. ö.
c)
gott als die menschen grüszend erscheint dem lat. dominus tecum entsprechend in der heute in Süddeutschland weit verbreiteten gruszformel: gott grüsze dich, grüsz gott usw., d. h. gott sei dir wohl, helfe dir:
α)
belege aus glossaren: avete got grüesz üch, grusz euch gott obd. 15. jh. Dief. 60ᵃ; gott gruͦsz dich salve, salvus sis Maaler 194ᵃ; gott gruͤsze dich, ave, salve, salvus sis! Stieler 712; gott grüsz dich, gott behüte dich Henisch (1616) 1771; ave gott grüsz dich Frisius 138ᵇ. in modernen mundarten: grüsz gott Fischer schwäb. 3, 887 ('im hauptgebiet geläufigste bewillkommnung unter gleichstehenden. antwort darauf ebenso oder grosz dank! gott dank! dank (dir, ihne) gott! die formel wird nicht beim abschied gebraucht'); gott grüez-i, grüez gott Staub-Tobler 2, 812ᵇ, vgl.god groet(e) u! woordenboek 5, 871 s. v. groeten; Verwijs-Verdam 2, 2158.
β)
küng fründ, got grüsze dich
Friedr. v. Schw. 5609 Jellinek;
got grüsz üch, fräwen mein!
ebda 6025;
'dominus tecum' sicut nos dicimus: got grust dich, got helff dir Luther 17, 1, 153 W.; got grüsz dich auch mein herr und mein ernerer Albr. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) h 5ᵃ;
gott geb, gott griesz, ich sags fürwar,
nüt schedlichers dann ein gelerter narr
Murner narrenbeschw. v. 119 Spanier;
nun griesz dich got, min vatterland
Murner badenfahrt 24, 72 Michels;
Barbali, gott grüetz dich in din herz
N. Manuel 142 Bächtold;
sij spotten sein, sagent, gott grüsz dich künig der Juden erste deutsche bibel 1, 119, 19 lit. ver.; die Juden ... sprachen: gott grüsz dich, Judenkönig Luther 11, 444 W.; grüsz dich gott Eppendorf Plinius (1548) 23; gott grüsz euch Friedrich Wilhelm sprichw. reg. (1577) t 1ᶜ;
gott grüsz üch schone hie in einer gmeyne,
uf disem plone, alle grosz und kleyne
schweiz. schauspiele d. 16. jhs. 1, 59 Bächtold;
gott grüsz euch, jungfrau reine!
A. v. Arnim 21, 4 Grimm;
grüsz dich gott! siegesgreis,
grüsz dich im heldenkreis
deutsches gestirn! (gemeint ist Blücher)
Cl. Brentano 2, 48;
grüsz gott, grüsz gott, liebs schätzelein,
was machst du hier im bettelein?
Mittler dtsche volkslieder (1865) 139;
'gott grüsze dich, Erich, und dank für dein willkommen!' Storm 1, 25. mit lasziv verhüllender bedeutung: gott grüszens machen, d. h. beiliegen: soll ich dir (gott helff uns) gott grüszens machen? Schumann nachtbüchlein 17 Bolte.
d)
umgekehrt wird von dem menschen gesagt, dasz er gott, der ihm begegnet, oder das sich bietende glück nicht zu grüszen, d. h. ihm seinerseits entgegenkommen, ihm freudig willfahren, ihm guten willen entgegenbringen vermag. in sprichwörtlicher redensart: gott begegnet uns täglich darmit, wir konnen in aber nit grüszen Luther 18, 6 W.; das dis sprichwort war ist: gott begegnet uns offt, wer yhn künde grüszen 24, 573; und wilche solch sein werck und wege nit leyden, die treiben von sich seine gnaden und kunden gott, der yhn begegnet, nit gruszen und seinen grusz noch vorstehn noch dancken 7, 365, 4. das sprichwort erscheint in mannigfacher variation: gott begegnet manchem, wer yhn grüszen kondt Agricola teutsche sprichw. (1534) b 6ᵃ; es begegnet manchem unser hergot wol, wann er jn grüszen möcht S. Franck sprichw. (1541) 1, 99ᵇ; vgl. schöne weise klugr. (1548) 36; Friedrich Wilhelm sprichw. reg. (1577) s 2ᶜ; eine erklärung des sprichwortes bei Aler dict. (1727) 1, 285ᵃ: gott begegnet manchem, wan er ihnen nur grüszen könte, das ist, gott thut allen gut, wan sie es nur erkennen könten. vgl. nd. gott begegent mennieen, de em man gröten kunn Mensing 2, 497;
gar manchem thut das glück begegen,
und bringt mit im ein guten segen,
damit er möcht sein kummer büszen,
er weisz es aber nit zu grüszen
Burkard Waldis Esopus 1, 191 Kurz.
6)
in berührung kommen mit, daher betreten, besuchen, auch gedanklich streifen.
a)
besuchen, betreten. angewandt in poetischer oder gehobener diction. der sinn des freudigen wiedersehens ist meist eingeschlossen:
als wir das ufer nu gegrüszet
Stieler geharn. Venus 57 ndr.;
neun jahre sind vorbey geschossen, ...
dasz ich die liebe vaterstadt
nicht habe, wie ich sol, gegrüszet
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 173;
bis, mit dem siegskranz in der hand,
ihr wieder grüszt das vaterland
König ged. (1745) 102;
ach himmel! lasz mich doch die thäler grüszen.
wo ich den lenz des lebens zugebracht
Haller ged. 6 Hirzel;
ich hab sie gebeten, diesen sommer noch einmal Königsberg zu grüszen Hippel briefe 14, 365. vgl. auch: in Jena halte ich mich nicht länger auf als nötig ist, Knebel und Hendrich zu grüszen Göthe IV 21, 387 W.
b)
hierher gehört wohl auch die redewendung das handwerk grüszen, d. h. bei einem berufsgenossen vorsprechen, ihn besuchen: er findet noch musze, gelehrte zu besuchen? — nun, nun, schwester, er musz doch das handwerk grüszen Kotzebue sämmtl. dram. w. (1828) 18, 248; vgl. auch unter grüszer und gruszlied; sowie Fischer schwäb. 3, 1137.
7)
sprichwörtliche redensarten: wie man dir rufft oder dich grüszt, also antwort S. Franck sprichw. (1542) 2, 109ᵇ; ebenso schöne weise klugr. (1548) 43ᵇ; wie du mich grüszt, so wil ich dir danken Franck sprichw. (1545) 1, 30ᵇ; dem lat. prospicere tantum et a limine salutare d. h. nur oberflächlich sich auf etwas einlassen (Seneca ep. 49, 6) entspricht vor dem geschwell grüszen Franck sprichw. (1545) 1, 1ᵇ; Eyering 2, 276; schöne weise klugr. (1548) 135ᵇ. in anderer formulierung: under der thür grüszen Friedrich Wilhelm sprichw. reg. (1577) ff 1ᶜ; der wolff grüst kein schaaf Lehman flor. polit. 1, 334, vgl. ebda 3, 73: es grüszet kein wolff ein lamb, s. auch Henisch 1771; den zaun wegen dem garten grüeszen bedeutet nach Schmeller-Fr. 1, 1014 jem. aus geheimen absichten schön thun: ma grüszt de zaun wegem garten Fischer schwäb. 3, 887. älter: der geiszbock grüszet den zaun um des gartens willen Moscherosch ges. (1666) 1, 9ᵇ; man soll kein hungerigen ansprechen oder grüszen schöne weise klugr. (1548) 142ᵇ; freundlich grüszen kostet nicht vil Henisch 1771, vgl. Staub-Tobler 2, 812.
8)
besondere constructionsweisen:
a)
construction mit dativobject, entgegen dem üblichen gebrauch des accusativobjectes: dem ersamen man, bruder Conrade von Hornecke, kelner zu Marburge, odir bruder Frideriche von Salzberg gruzen ich, bruder Ditmar von Gemunden, mit allin truwin in gote (c. 1300) hess. urkundenb. 2, 1 Wyss-Reimer; Thusnelda grüszt ihnen J. H. Merck an herzogin Amalie v. Sachsen-Weimar 2, 166 Gräf;
wir fallen ihr (Maria) zu füszen,
der wir grüszen
Mittler deutsche volkslieder 304;
es stehen dreu sternlein am himmel,
die geben der lieb ihren scheun,
gott griesz dir schönster engel mein
deutsche erz. d. 18. jahrh. 80 Fürst.
b)
reflexiver gebrauch ist mundartlich, z. b. im obersächs. nach Müller-Fraureuth 1, 447ᵇ: der grüszt sich nicht (vor mir) er grüszt mich nicht, ich hab mich gegrüszt, er tat sich nicht griszen.
Zitationshilfe
„grüszen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gr%C3%BCszen>, abgerufen am 17.10.2019.

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