Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

grabstichel, m.

grabstichel, m.,
grabstickel, zu graben, vb., seit mhd. zeit und im wesentlichen dem hd. sprachgebiet zugehörig. fugenvokal begegnet nur in älteren quellen: grabestickel Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 3424 Weinhold; ebda 3428; Heinrich von Mügeln d. meide kranz 1014 Jahr; d. ackermann a. Böhmen 8 Hübner; (Leipz. 1517) Diefenbach gl. 116ᵃ s. v. cestrum; grabestichel (md. 15. jh.) ebda 111ᵇ s. v. celtes. grabstickel und -stichel stehen in älterer zeit nebeneinander; grabstickel begegnet bis ins 17. jh. hinein, lexikalisch sogar noch bei Steinbach dt. wb. (1734) 2, 698 und, neben grabstichel, bei Kramer t.-ital. 2 (1702) 920ᶜ. die bildungen mit spirans, bis zum 16. jh. nur vereinzelt bezeugt, z. b. grabestichel (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 111ᵇ; grabstichel (1559) Val. Schumann nachtbüchlein 198 Bolte, setzen sich in der zweiten hälfte des 17. jhs. durch (über das formale verhältnis beider grundwörter zueinander vgl.stichel, m. und stickel, m.). grabstückel Albinus meiszn. bergkchron. (1590) 178; Bech Agricolas bergwerckb. (1621) 401 beruht auf mundartlicher rundung. ein abweichender akk. pl. grabstichels bei Göthe IV 16, 182 W.
1)
bezeichnung eines ackergeräts. für die gartenhacke oder -haue; vgl. bipalium ein hauwen, grabschaufel, oder grabstickel Frisius dict. (1556) 157ᵃ; grabstickel ein hacken, ein karst, bidens, a duobus dentibus instrumenti fossorum, bipalium Henisch thes. (1616) 1719. für den spaten; vgl. bipalium, instrumentum quo terra foditur ein grabescheit, spaten, grabstickel Faber thes. (1587) 109ᵇ; grabstickel (aliis grabscheid) bipalium Steinbach dt. wb. (1734) 2, 698:
swer wil einen brunnen graben,
der muoz haben howen und bickel,
schûfel unde grabestickel
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 3424 Weinhold;
die alt komt, tregt ein kreutlein und grabstickel in henden ...
wann ich wolt nach dem meyenregen
etlich würtz graben vor der sunnen
Hans Sachs 21, 18 lit. ver.
bildlich vergleichend:
der sünden riwe ist der bickel,
diu hellevorhte ein grabestickel
Lamprecht von Regensburg tochter Syon 3428 Weinhold.
2)
ein meist stählerner, an der spitze geschärfter griffel für gravier-, ziselier-, dreharbeiten u. ä., insbesondere das werkzeug des kupferstechers; vgl. scalprum grab stikel (obd. 15. jh.) Diefenbach nov. gl. 329ᵃ; grabstickel (Lpz. 1517) ders., gl. 516ᵃ; celtes grabstickel (15./16. jh.) ebda 111ᵇ; celium (grabstickel) sicut aurifabri vtuntur Brack voc. rer. (1491) 37ᵃ; cœlum ein grabstickel oder treybpuntz Frisius dict. (1556) 171ᵇ; cœlum ein grabstiechel, schroteisen Bentzius thes. lat. (1596) 1, 201. zur sache und über die verschiedenen arten des grabstichels vgl. die technischen wbb., z. b. Jacobsson (1781) 2, 144ᵃ; Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 2, 684; 4, 158; Bucher kunstgewerbe (1884) 167ᵃ; Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 4, 751.
a)
als technisches werkzeug: ein solches (aufbewahrendes) hertz ist der junckfrowen Marie gewest, in welchem dise wort ('friede auf erden ...') bliben sind, als weren sie mit ein grabstickel hineingegraben (1544) in: Luther 52, 60 W.; das offt einer ein grabstichel, senckeysen, püntzlein, meyssel, feylen vnnd dergleichen werckzeüg hat erst in der handt gehabt Val. Schumann nachtbüchlein 198 Bolte; nimb ein grabstickel, der kuͤpffern sey, und stich durch den stein (1657) bei Fischer schwäb. 6, 2061; der kupffer-stecher (arbeitet) mit dem ... grabstichel Abr. a s. Clara etw. f. alle (1699) 2, 220; die künstler selbst werden niemals etwas taugliches leisten, wenn sie nur mit pinseln und grabsticheln, nicht aber zugleich mit dem kopfe arbeiten anmuth. gelehrsamk. (1751) 8, 667 Gottsched; es ist bekannt genug, dasz der kupferstecher auf eine ... kupferplatte, vermittelst der, mehr oder weniger stumpflaufenden, aber sehr schneidenden spitze eines gehärteten stahls, dem man den namen grabstichel gegeben, die striche eingräbt, die zur zeichnung ... nöthig sind Sulzer theorie (1792) 3, 116; das aluminium widersteht der directen einwirkung des grabstichels Muspratt chemie (1888) 1, 730; wie beim kupferstich wurden (beim schrotblatt) die striche mit dem grabstichel vertieft in eine metallplatte eingetragen Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 274. ein zur bearbeitung von metallen verwendeter meiszel: zuletst so legt man daz silber ... auff den stock, vnd hauwt ausz mit eim grabstuͤckel zwey stuͤcklin Bech Agricolas bergwerckb. (1621) 401; jedes erz, wenn es gegossen ist, musz mit hammer und grabstichel nachgearbeitet werden Göthe I 44, 176 W.
b)
seit dem 18. jh. steht grabstichel gern in umschreibungen, die in irgendeinem sinne auf die kunst und arbeit des kupferstechers zielen: ich warte nur auf ihre erlaubnis, mein herr, um den grabstichel in die hand zu nehmen; die platte ist schon fertig bei Lessing 8, 265 L.-M.; solche männer aber sind nothwendig, wenn pinsel, radirnadel, grabstichel rechenschaft geben soll von den zarten übergängen, wie gestalt in gestalt sich wandelt Göthe II 6, 172 W.;
du (Hermann Schütz) führst mit reger liebe den emsigen
grabstichel und leihest ebenbürtigen kunstschöpfungen dauer
Platen w. 1, 258 Hempel.
während an den technischen charakter des werkzeugs kaum gedacht wird, steht grabstichel in solchen umschreibungen meist metonymisch. diese zielen auf die kupferstecherkunst: hr. Wille, der schon durch seinen grabstichel sehr berühmt war anmuth. gelehrsamk. (1751) 5, 717 Gottsched; so kann dieser zug so schwer zu fassen, und ganz unmöglich mit dem pinsel, geschweige mit dem grabstichel und mit worten, auszudrücken sein Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 144; meisterstücke des grabstichels Thümmel reise (1791) 259; es hätte eines gereizten briefes der Lydia nicht bedurft ..., um mir die lust am grabstichel zu nehmen W. Schäfer erz. schr. (1918) 3, 166; andere ausgezeichnet schöne arbeiten des grabstichels haben sich in der pfarrkirche zu Mettlach und in St. Matthias in Trier erhalten Dehio gesch. d. dt. kunst (1919) 1, 364. im hinblick auf die kunstfertigkeit und technik des kupferstechers; gern in der verbindung mit auszeichnenden attributen: wenn in diesen (kupferstichen) herr Fritsch zu Hamburg, durch seinen künstlichen und feinen grab-stichel, sich als einen meister erwiesen in: Besser schr. (1732) 1, ix; die lumpen eines zerrissenen rocks würden durch den feinen und genauen grabstichel eines Wille ausgedrückt, eher beleidigen als gefallen Lessing 14, 357 L.-M.; seine zeichnung ist richtig und edel, seine hand kühn, sein grabstichl sicher, angenehm, wechselnd, sanft, aber auch nachdrücklich, wenn es das subjekt fordert Sonnenfels ges. schr. (1783) 2, 158; von den schärfsten und kleinsten brüchen bis zu den breitesten verflächungen ist alles überlegt und mit dem verständigsten grabstichel jeder theil nach seiner eigenschaft ausgedrückt Göthe I 47, 233 W. mehr auf den künstler selbst anspielend: eine philosophirende Therese (in einer franz. schrift) wird die predigerin der unzucht, und ein unseliger grabstichel hilft der einbildungskraft derjenigen nach, welche ohne seine schilderungen das ärgernisz nur halb treffen würde Lessing 4, 395 L.-M.; leider haben wir schon manche Chodowieckische zeichnung durch andre grabstichel verunglimpft, und, dasz ich so sagen darf, aufs sauberste verhunzt gesehen Kretschmann s. w. (1784) 5, 397; das liebliche bild wäre eines guten grabstichels würdig Stifter s. w. 14 (1901) 99.
c)
in bildlicher anwendung:
des sinnes grabestickel fur
uf iren (der personifizierten natur) heften hin und dar
Heinrich von Mügeln d. meide kranz 1014 Jahr;
nim vur dich, du tummer man, prufe vnd grab mit sinnes grabstickel in die vernunft, so findestu: ... d. ackermann aus Böhmen 8 Hübner; ob ich nu nicht geprauchen kan den scharfen grabstickel geplüemter red ..., so vleiss aber ich mich mit grob und unbeschnitten worten zu beleiben bey dem stil der lautteren und gerechten warhait Füetrer bayer. chron. 4 Spiller; bei dem feinen philosophischen system (in 'dichtung und wahrheit') mag er (Goethe) wohl jetzt, wie bei dem märchen im ersten band, mit dem grabstichel nachgeholfen haben Görres ges. br. (1858) 2, 362. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1957), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1649, Z. 26.

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Zitationshilfe
„grabstichel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/grabstichel>, abgerufen am 24.01.2021.

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