graf m
Fundstelle: Lfg. 11 (1957), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1698, Z. 52
die frühesten zeugnisse für das wort liefern, in latinisierter form, merowingische und karolingische quellen vom 6. bis zum frühen 9. jh.: grafio, graphio, graffio, grauio, gravio, grafionus, vgl. lex Salica, sp. 617 Hessels; lex Ripuaria pass.; cap. reg. Franc. 1, 9, 21; 23; 25; 27; 1, 25, 31; dipl. imp. 1, 58, 40 Pertz; dipl. Karolin. 1, 9, 21; 1, 262, 9; script. rer. Langob. 156, 18; script. rer. Merov. 2, 141, 26; 4, 730, 8 u. a.; vereinzelt garafionem (a. sg.) lex Salica 32, 5 (cod. 5; 6). dazu stimmen ahd. krauio (obd. 9. jh.) ahd. gl. 2, 103, 21 St.-S.; graueon (n. pl.) (alem. 8. jh.) ebda 1, 245, 20; afries. grēva und das im älteren nl., nd. u. westl. md. weithin geltende umgelautete grêve, aus dem anord. greifi und dän. schwed. greve entlehnt werden. wenn diese formen somit auf eine jan-bildung schlieszen lassen, so steht daneben, namentlich im obd., nicht umgelautetes, auf einfache an-bildung weisendes ahd. grâvo, mhd. grâve, wozu die kompositionsform gra(f)scaf(t), s.grafschaft. auszerhalb des germ. begegnet das aus dem dt. entlehnte wort namentlich in slaw. sprachen: tschech. hrabie, hrabě; daraus poln. hrabia, obersorb. hrabja, kleinruss. (aus dem poln. entlehnt) hráb'a, hrábl'a. jüngere entlehnungen sind poln. graf, gróf, russ. граф, kleinruss. weiszruss. hrap, ndsorb. groba, serbokroat. groòf. sloven. gròf; vgl. Berneker slav. etym. wb. 1, 379; Bielfeldt d. dt. lehnwörter im obersorb. (1933) 253; Vasmer russ. etym. wb. 1, 304. die etymologie des wortes ist ungeklärt. zu erwägen ist eine beziehung zu got. gagrêfts 'beschlusz, verordnung' (vgl. Kluge-Götze etym. wb. ¹⁵276ᵇ), das allerdings das dem dt. graf gleichbedeutende ags. gerēfa unerklärt läszt. das ags. wort erweist sich als eine präfixbildung, deren grundwort zu germ. *rōva, ahd. ruova 'zahl' in einem ablautverhältnis stehen könnte und zu der u. a. Kögel in: zs. f. dt. altertum 33, 23 f. auch ahd. grâvo, grâvio stellen möchte; freilich sind die ahd. formen nicht mit sicherheit als präfixkomposita nachzuweisen. nach einer alten (Vossius 1645), noch immer erwägenswerten deutung, die M. Heyne dt. wb. 1, 1230 und Brøndal substrater og laan (1917) 145 ff. wieder aufnehmen, beruht mlat. graphio auf dem byzant. hoftitel γραφεύς, und das dt. und ags. wort sind daraus entlehnt. beachte: notarius scriuer. scriba idem. scribo idem. graphio idem ahd. gl. 3, 379, 5 St.-S. und anm. in den deutschen mundarten beschränken sich die umgelauteten formen im wesentlichen auf das nd. (vorwiegend greve) und das md. (vorwiegend grebe, grefe, greffe); hier behaupten sie sich namentlich im westen, im hessischen sogar bis in die jüngste zeit hinein; das siebenbürgische hat dementsprechend grêf, vgl. Kisch vergleich. wb. 94ᵇ; 96ᵃ. auszerhalb dieses gebietes begegnen sie selten: grefe, greffe, greff (obd. 15. jh.) Diefenbach gl. 134ᶜ s. v. comes; grefen (Nürnberg 15. jh.) städtechron. 2, 35; ebda 482. die obd. mundarten zeigen von anfang an nicht umlautfähige formen: ahd. crafo, crauo, grauo in glossen seit dem 8. jh., s. unt. 1 b γ; auch das ostfränk. des Tatian hat grauo, s. ebda. in der literatursprache beginnen sich diese formen früh auch im md. gebiet durchzusetzen; vgl. grâbin (:plâgin) Eilhart 3087 Lichtenstein; grâven (: lâge) ebda 5957; grâve Joh. Rothe düring. chron. 261 Liliencron. Luther scheint sie ausschlieszlich zu gebrauchen. in jüngerer zeit dringen sie unter hochsprachlichem einflusz auch in die mundarten des alten grêve-gebietes vor, vgl. graͦf Kück Lüneburg 1, 602; Woeste westf. 85ᵃ; Schmidt-Petersen nordfries. 54ᵃ; im rhein. steht hd. grā:f neben mundartl. grō:f u. ä. rhein. wb. 2, 1342. der vokal zeigt in den nicht umgelauteten formen seit frühnhd. zeit die üblichen schwankungen; im schwäb. häufig grauf: graͮff (St. Gallen 1429) in: dt. rechtswb. 4, 1053; graufe Zimmer. chron. ²3, 41, 24 Barack; auch in jüngerer mundart, vgl. Fischer schwäb. 3, 783; ebenso oberpfälz., vgl. Schmeller-Frommann bair. 1, 987. vokaltrübung ist weit verbreitet: grofen Marienburger treszlerb. 485 Joachim; Murner narrenbeschwörung 23 ndr.; groue (1420) Diefenbach nov. gl. 48; grofe (md. 1440), grof (obd. 15. jh.) ders., gl. 134ᶜ s. v. comes; sie findet sich weiterhin in fast allen jüngeren mundarten. die im mhd. herrschende form grâve begegnet im 16. jh. noch recht häufig, im 17. jh. dagegen nur noch selten, z. b. Zinkgref apophthegmata (1628) *3ᵃ. apokope im nom. sing. kann, vom obd. ausgehend, schon mhd. eintreten: graf Rudolf v. Ems Willehalm 4881 Junck; sie wird aber erst im 15./16. jh. häufiger: graff (1491) Röhricht pilgerreisen (1880) 168; graf Berthold v. Chiemsee theol. 549 Reithm.; (1538) bei Luther br. 8, 248 W.; schriftsprachlich setzt sie sich dann rasch durch. gleichzeitig löst das auslautend regelmäszige f bei flektierter form die stimmhafte spirans auch im inlaut ab: grafen (1302 bair.) in: urk. z. gesch. d. territorialverf. 3, 20 Sander-Spangenberg; Luther 47, 494 W.; ebda 46, 786. vereinzelt steht spätes gravens (gen. sing.) Stoppe Parnasz (1735) 22; 23. die seit dem 15. jh. nachweisbare gemination des inlautenden und auslautenden f ist im 16. jh. sehr häufig und begegnet noch bis zum ende des 17. jhs. der nom. sing. graffe ist nur im älteren nhd. bezeugt, z. b. (Wetterau 1409) weist. (1840) 3, 450; Arigo decameron 73 lit. ver.; nomencl. lat.-germ. in us. schol. (1634) 503. seltener ist grafe, z. b. Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 46ᵇ; (1544) bei Luther 52, 55 W.; aber auch noch vereinzelt in jüngeren quellen wie Stoppe Parnasz (1735) 1; ebda 13; 16; 209; Immermann w. 4, 62 Hempel. abweichungen von der regelmäszigen flexion des wortes als eines schw. mask. finden sich vor allem im gen. sing., der, in anlehnung an die st. mask., hier und da auf -s endet: gravens Stoppe Parnasz (1735) 22; 23; grafens Reuter Schelmuffsky (vollst.) 16 ndr.; Jean Paul w. 20/23, 204 Hempel. der dat. sing. lautet gelegentlich nur graf, z. b. Klinger Otto 13 dt. lit.-denkm.; der akk. graf steht vor allem bei Zachariä häufiger, z. b. poet. schr. (1763) 2, 96; 99; 101; vgl. H. Paul dt. gramm. 2, 34; 54. vor dem eigennamen bleibt graf, ebenso wie andere titel, oft unflektiert: des edeln graf Heinrich von Swarczburg (1353) urkundenb. d. st. Friedberg 1, 190 Foltz; in graffe Ryols heer Tristrant u. Isalde 130, 13 Pfaff; zu graff Georgen von Zweyenbruck (1521) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 386; grave Friderrichen und graf Wolfen (dat. sing.) Zimmer. chron. ²3, 527, 26 B.; sampt dem streitbarn helden graff Hansen Schweigger reyszbeschr. (1619) 37; graff Rolanden (dat. sing.) Dietrich v. d. Werder hist. v. ras. Roland (1636) 5; zum graf von Hold zu gehn Zachariä poet. schr. (1763) 2, 99. die geschichte des wortes graf ist hinsichtlich seiner verwendung überwiegend von der sache her, d. h. durch die geschichte des grafenamts und des grafenstandes bestimmt. diese wiederum ist in ihren sehr verwickelten und regional sehr verschiedenartigen verhältnissen für die ältere zeit, besonders bis zum 13. jh., im wesentlichen nur anhand der lat. bezeichnung comes der zeitgenössischen rechtsquellen rekonstruierbar. somit bleibt die ältere geschichte des dt. wortes graf notgedrungen lückenhaft. in sachlicher hinsicht ist auf die rechtsgeschichtliche literatur zu verweisen, besonders H. Brunner dt. rechtsgesch. 2 (²1928); Schröder-Künszberg lehrb. d. dt. rechtsgesch. (⁷1932); W. Schlesinger d. entstehung d. landesherrschaft (1941); H. Conrad dt. rechtsgesch. 1 (1954); zu den problemen der jüngsten, wieder in flusz geratenen forschung über die grafeninstitution u. a. v. Guttenberg iudex h. e. comes aut grafio in: festschr. f. E. E. Stengel (1952) 93—123; Th. Mayer in: blätter f. dt. landesgesch. 89 (1952) 87—111.
1)
der graf in amtsrechtlicher stellung.
a)
in frühmerowingischer zeit ist graf bezeichnung eines polizei- und vollstreckungsorgans: et tunc ipse qui testauit super furtuna sua ponat et roget grafionem ut accedat ad locum ut eum (den ausgewiesenen) inde expellat lex Salica 45, 2 Hessels; si quis ad placitum legitimi fidem factam noluerit soluere, tunc ille cui fides facta est ambulet ad grafionem loci illius in cuius pago manet et adprehendat fistucam et dicat uerbum: ... ebda 50, 3; si quis grafionem iniuste ad res alienas tollendas inuitat et rogauerit ambulare ... VIII M din. qui fac. sol. CC culp. iud. ebda 51, 1. auch die verwahrung von gefangenen gehört zu den obliegenheiten des grafen: si quis ligatum per superbiam aut per uirtutem ad (l. a; vgl. cod. 10) graphione tulerit ..., de uita sua redimat ebda 32, 5 (cod. 6).
b)
im zuge des ausbaus des merowingischen verwaltungs- und rechtswesens wird graf seit dem 6. jh. bezeichnung desjenigen königlichen beamten, der als iudex fiscalis, als gerichtsvorsitzender, den thungin, den alten volksbeamten mit richterlicher funktion, ablöst und der in lat. quellen in der regel comes genannt wird. mit dem richteramt des grafen können administrative und militärische aufgaben verbunden werden.
α)
das anfängliche nebeneinander von comes und graf in aufzählungen und namentlich in den adressen fränkischer urkunden scheint im wesentlichen durch das nebeneinander einer gallo-römischen und einer fränkischen sprachtradition, vielleicht aber auch durch einen zwischen den richterlichen beamten zunächst bestehenden unterschied in rang und funktion bedingt zu sein. der graf rangiert hinter dem comes: cum nos in dei nomene Valencianis in palacio nostro (im königsgericht Chlodwigs III.) una cum apostolicis viris in Christo patribus nostris ... (12 namen) episcopis; seu et inlustribus viris ... (12 namen) optematis; ... (9 namen) comitebus; ... (8 namen) grafionibus; ... (4 namen) domesticis; ... (4 namen) refrendariis (693) mon. Germ. hist., dipl. imp. 1, 58, 40 Pertz; Pippinus rex Francorum vir inluster omnibus ducibus comitibus graffionibus domesticis vecariis centenariis vel omnes agentes tam presentibus quam et futuris seu et omnes missus nostros de palacio ubique discurrentes (753) mon. Germ. hist., dipl. Karolinorum 1, 9, 21; notum igitur esse volumus cunctis fidelibus nostris, episcopis videlicet, abbatibus virisque inlustribus, ducibus, comitibus, domesticis, grafionibus, vicariis, centenariis (816) mon. Germ. hist., formulae Merowingici et Karolini aevi 307, 23. ferner lex Ripuaria 88 unter β. die im dt. rechtswb. 4, 1051 bereits für 479 angezogene königsurkunde ist eine spätere fälschung: notum sit omnibus episcopis abbatibus et illustribus viris, magnificis ducibus comitibus domesticis vicariis grafionibus centenariis mon. Germ. hist., dipl. imp. 1, 113, 22 Pertz. die bezeichnung graf wird vorwiegend für den ostfränkischen verwaltungsbeamten und richter gebraucht (wie sie nach der karolingischen reichsteilung überhaupt auf das deutsche sprachgebiet beschränkt bleibt): decrevimus, ut secundum canones unusquisque episcopus in sua parrochia (es sind ostfrk. bischöfe gemeint) sollicitudinem adhibeat, adiuvante gravione qui defensor ecclesiae est, ut populus dei paganias non faciat (742) mon. Germ. hist., capit. reg. Franc. 1, 25, 31; cum comite Baioariorum, quem illi gravionem dicunt Paulus Diaconus hist. Langob. 5, 36 in: mon. Germ. hist., script. rer. Langob. 156. seit dem 7. jh. kann graf auch einen westfränkischen comes bezeichnen, freilich nur in erzählender literatur: (der gefangene) Meroeus secrecius iusso Chlotariae in Neptrico (Neustrien) perducetur; eodem amplectens amore ... Ingobode graffione commendatur, ubi plures post annos vixit Fredegar chron. 4, 42 in: mon. Germ. hist., script. rer. Merov. 2, 141, 26; quidam etenim vir illustris Garefredus graffio (der vorher comes genannt wurde) veniens ad basilicam sancti antestitis vita Eligii episcopi Noviomagensis 2, 55 in: mon. Germ. hist., script. rer. Merow. 4, 730, 8. im 9. jh. verschwindet graf bzw. seine latinisierte form aus den lat. rechtsquellen zugunsten des lat. comes.
β)
in richterlicher funktion erscheint der graf seit dem 6. jh.; zuerst in jüngeren zusätzen zur lex Salica, und zwar neben comes: in mallo iudici, hoc est comite aut grafione lex Salica 72 Hessels; (bei einem mordfall) debet iudex, hoc est comis aut grafio, ad loco accedere et ibi cornu sonare debet ebda 74. in mehreren aus der lex Salica übernommenen bestimmungen der lex Ripuaria fungiert der graf bereits als iudex fiscalis (der mit dem 'comes' identifiziert wird), aber ihm sind noch zuweilen aufgaben des alten grafen als eines exekutivbeamten (s.a) vorbehalten: de eo qui grafionem ad res alienas invitat. 1. si quis iudicem fiscalem ad res alienas iniuste tollendas ... invitare praesumpserit, 50 solidis multetur lex Ripuaria 53 (cod. B) in: mon. Germ. hist., leg. 5, 238, 17; de gravione iniuste invitatio. si quis gravionem ad res alienas iniuste tollendas invitaverit, 45 solidos componat, et similem restituat lex Ripuaria 86 (cod. B) ebda 5, 265, 26; de eo qui grafionem interficerit. 1. si quis iudicem fiscalem, quem comitem vocant, interfecerit, 600 solidis multetur lex Ripuaria 55 (cod. B) ebda 5, 239, 11. ebenso wohl: et graphio cum VII rachymburgiis antrutionis bonis credentibus aut quis sciant accionis a casa (l. ad casam) illius (der die urteilserfüllung verweigert und dessen besitz gepfändet werden soll) ambulent et pretium faciant et quod graphio tollere debet (573/574) mon. Germ. hist., cap. reg. Franc. 1, 9, 21. sonst als richter neben dem comes und anderen beamten: ut nullus obtimatis, maior domus, domesticus, comes, gravio, cancellarius vel quibuslibet gratibus sublimitas (!), in provincia Ribuaria in iudicio resedens munera ad iudicio pervertendo non recipiat lex Ripuaria 88 in: mon. Germ. hist., leg. 5, 267, 8. in der poenformel: et si quis fuerit comes vel domesticus seu grafio, vicarius vel tribunus seu qualicumque iudiciaria potestate succinctus (782) mon. Germ. hist., dipl. Karol. 1, 192, 37. die fränkische grafschaftsverfassung setzt sich, anhand des lat. comes nachweisbar, im deutschen raum nur bedingt durch. das dt. graf bietet nur gelegentliche anhaltspunkte; vgl. Paulus Diaconus unter α. bereits unter anderen voraussetzungen als denen der fränkischen zeit zeigt der Sachsenspiegel des 13. jhs. den grafen als vorwiegend richterlichen beamten: svenne die greve kumt to des gogreven dinge, so sal des gogreven gerichte neder sin geleget Sachsenspiegel, landr. 1, 58 § 2 Homeyer; over achtein weken sal die greve sin ding utlecgen buten den gebundenen dagen to rechter dingstat, dar de scultheite unde die scepenen unde die vrone bode sin ebda 3, 61 § 1; den koning küset man to richtere over egen unde len ... die keiser ne mach aver in allen landen nicht sin, unde al ungerichte nicht richten to aller tiet, dar umme liet he den vorsten grafscap unde den greven scultheitdum ebda 3, 52 § 2. zur richterlichen funktion des grafen im hohen mittelalter vgl. im übrigen unter 2 c.
γ)
der graf kann zugleich militärischer und ziviler befehlshaber im königlichen auftrag sein. dafür spricht schon eine stelle bei Fredegar: (Dagobert) cum exercito de regnum Austrasiorum de Mettis urbem promovens, transita Ardinna, Magancia cum exercito adgreditur, disponens Renum transire, scaram de electis viris fortis de Neuster et Burgundia cum ducebus et grafionebus secum habens Fredegar chron. 4, 74 in: mon. Germ. hist., script. rer. Merov. 2, 158, 17. in diesem sinne setzt der ahd. Tatian graf für das die römischen statthalter Pilatus und Cyrenius bezeichnende lat. praeses: inti leittun inan (Jesus) gibuntanan in frithof inti saltun themo Pontisgen grauen Pilate Tatian 192, 3 Sievers; thie kenphon thes grauen intfiengun then heilant in themo thinchus ebda 200, 1; thaz giscrib iz êristen uuard gitan in Syriu fon đemo grauen Cyrine ebda 5, 11. allgemeiner: inti zi grauon inti zi cuningon uuerdet ir geleitte thuruh mih in zi giuuiznesse inti thiotun ebda 44, 12. auf entsprechende funktionen der grafen weisen ahd. glossierungen mlat. beamtenbezeichnungen hin: tribunus crafo (zu exod. 18, 21) (8./9. jh.) ahd. gl. 2, 293, 28 St.-S.; princeps milicie crauo (8./9. jh.) ebda 1, 276, 51 s. v. comines; procurator, provisor secularis honoris krauio odo sculdheizzo (9./11. jh.) ebda 2, 103, 20ff.; vgl. ebda 2, 118, 22; comes vel preses gᵃuo (13. jh.) ebda 3, 427, 32. das summarium Heinrici ordnet die grafen nach ihrem range ein zwischen palatinus, dux, prefecti und marchio, patronus, centurio; zugleich werden durch die stellung bedingte rangunterschiede unter den grafen selbst greifbar: presides grauen; comes grauo ahd. gl. 3, 134, 20ff. St.-S.
c)
als bezeichnung für den königlichen beamten, dessen administrative und richterliche befugnisse in der fränkischen grafschaftsverfassung begründet sind, ist graf in jüngerer zeit nur noch in historisch referierenden quellen und als fester terminus in der geschichtswissenschaft gebräuchlich: grave ist ein alt deutsch sechsisches wort, heist so viel als richter M. Dresser sächs. chron. (1596) 134; nach dem könig waren die herzoge und grafen die ordentlichen richter M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 312; die 'comites' (in Thüringen), die Willibald (in der vita Bonifatii) nennt, können nicht grafen gewesen sein Schlesinger d. entstehung d. landesherrschaft (1941) 47; sowohl der umfang des gaugebiets wie auch die sprengel der grafen schwankten anscheinend ebda 60.
d)
seit im hohen mittelalter eine stärkere differenzierung im instanzenwesen der gerichtsverfassung eintritt, kann graf besonders in md. und nd. gebieten gewählte oder ernannte amtspersonen mit niederer richterlicher gewalt bezeichnen, die von dem inzwischen eingetretenen feudalisierungsprozesz der grafeninstitution (s. 2, 3, 4) nicht oder nur bedingt erfaszt werden. in sachlicher hinsicht bestehen erhebliche regionale unterschiede. charakteristisch für diesen anwendungskomplex des wortes ist die bildungsmöglichkeit einer vielzahl von zusammensetzungen mit graf als zweitem glied wie deich-, dorf-, feld-, holz-, wassergraf usw. (vgl. die zusammenstellung im dt. rechtswb. 4, 1055), für die gelegentlich das simplex eintreten kann (s. unter α und bes. β).
α)
graf als benennung zumeist nichtadliger vorsitzender in niederen gerichten über dörfer, kirchspiele, hofmarken u. ä. so in Hessen bis ins 19. jh. hinein, fast durchweg in der form greve, grebe u. ä., für den amtmann oder dorfvorstand; vgl.grebe, teil 4, 1, 6, sp. 1: den grebin spulgete man iares rocke zcu geben (Marburg 1374) in: zs. d. ver. f. hess. gesch., n. f. 29, 210; Contze Becker graffe des graffengerichts Assenheim (Wetterau 1409) weist. (1840) 3, 450; die vorgenante dorfere hant iglichs sinen amptman mit namen, die man nennet greven, und die dorffgreven mit iren nachgeburen richten und wysen uber das, als ir einer von dem andern, odir sust ander lude vor dem greven clagen (Wetterau 15. jh.) ebda 457; bey Cassel liegt ein dorff, Heilgenrodt genennt, da wohnete ein schultheisz, die man auff den dörffern im land zuͦ Hessen greben nennet Kirchhof wendunmuth 1, 178 Öst.; ebda 2, 170; sollen unsere beamten ... in ihren anbefohlenen aemtern mit zuziehung des raths in den städten und dann greben und vorstehere in den dörffern sich miteinander vergleichen (hess. 1683) in: dt. rechtswb. 4, 1053; die bestellung der greben und anderer dorfbedienten geschieht vom justizbeamten gemeinschaftlich mit dem rentereybeamten hdb. z. kenntn. d. hess.-cass. landesverf. 4 (1800) 518ᵇ; vor langer zikt wor ech 'mol in N. un besochte den gräwe — jetz heissen de leide borgemeister Bauer-Collitz Waldeck 244ᵇ. von einem zentgrafen (s. d.): ob sich begebe, dasz einer den andern kempflich an das gericht hische, der kampf mag nit volfurt werden ân einen graven von der von Stein wegen (Würzburg 1534) weist. (1840) 6, 80. von einem gografen (s.gaugraf u. gograf): of die landliute den gravin von einer stat zo eime gravin kiesen, der ne mac an der graschaft nehein len behaldin; sin gerichte ne wirt nicht lengir wan einen tac unde eine nacht; also ob des landis richtaris da gebrichit; ist er da, so ne mag jenir nicht gerichten Görlitzer landrecht 41 § 10 Homeyer (die entsprechenden stellen im Sachsenspiegel, landrecht 1, 55 § 2; 1, 56; 1, 57 haben gogreve). von gewählten oder ernannten gerichtsvorsitzenden in einigen niedersächsischen gebieten: eynen greven up dem Leynenberger landgherichte plegen to settende unde to keysende der herscop van Brunswyg besloteden unde andere erbare lude ..., de vor dat gerichte horet (15. jh.) Göttinger statuten 255 v. d. Ropp. namentlich in den marschländern, die bis ins 19. jh. hinein ihre eigene gerichtsbarkeit bewahrten: de greuenschatt yn dem lande to Kedingen, yn Hinrik Brummers richte, dar he de stichtes greue ys, lopt syck vpp 15 lub. mark 3 schillinge (um 1500) Bremer. gesch.-quellen 2, 6 Hodenberg; im Bützflether teil (von Kehdingen) wurde die zivil- und kriminalgerichtspflege durch den gräven, welchen die regierung ernannte, und die hauptleute der kirchspiele verwaltet Allmers marschenb. ⁵367; noch bis zum jahre 1832 war (im Alten Land) alles nach altgermanischer weise eingerichtet. es gab gräfen, hauptleute, vögte, schöffen, findungsmänner ebda 372. die Zipser und Siebenbürger Deutschen behalten die alte bezeichnung für ihre gewählten gerichtsvorsitzenden bis ins 19. jh. bei: von ersten an hab wir (Zipser) die gnade und das recht ..., das uns Zipser kein mann ader niemant umb keinerlei sach zu hofe hat zu laden, sonder er soll ein recht suchen, vor des königs grofe, der burggrof ist in dem Zips (1370) Ofner stadtrecht 221 Michnay-Lichner; dieser dreizehn (Zipser) städt richter kommen jährlich zusammen und wählen einen grafen, da besonders auf einen friedfertigen und häuslichen mann gesehen wird, und dieser graf bleibt ein jahr, hält er sich wohl, so bleibt er zwei jahr (1683) ungar. oder dacianischer Simpl. 72 Seiz; die vaterländische fahne der Siebenbürger-Deutschen ..., welche ... 1790 dem neuernannten grafen der sächsischen nation ... überreicht ward Rohrer vers. über d. dt. bewohner d. österr. monarchie (1804) 2, 214; die Hermanstädter tanzten um ihren richter, den neuernannten grafen einen tanz ebda 2, 215. von dem vorsitzenden eines westfälischen freigerichts: darauf sagte der frohnbote: herr grafe, es steht drauszen ein mann, der begehr am ding und gericht hat Immermann w. 4, 62 Hempel.
β)
das simplex graf kann, oft an stelle eines häufiger begegnenden determinativkompositums, den vorsitzenden eines gerichts bezeichnen, dessen zuständigkeit durch die obliegenheiten eines mit diesem verbundenen, meist genossenschaftlichen amtes bedingt ist. für häufigeres salzgraf (s. d.) von dem vorsteher und gerichtsvorsitzenden eines salzwerks; im älteren nhd. für Halle bezeugt: wen der greffe belehnt wirdt durch unsern gnedigen herrn von Magdeburg, so richtet er nicht in peinlichen, sondern in börgerlicher clage (Halle 1476) gesch.-quellen d. prov. Sachsen 11 (1880) 175; do hiesche der bornmeister die schöppen und den greffen und sazten das stücke saltz uff 7 grosse groschen (Halle 1477) ebda 231; anno 79 ... wardt Karle von Einhausen zu einem greffen gemacht vom rathe mit vollwort meins herren; und der alte greffe ..., den satzte der rath abe (Halle 1479) ebda 415; darmit das saltzwerck wohl regieret ... werden moͤge, so ist von alters hero ein graͤfe (welches ein alt deutsch sächsisch wort, und ... einen obersten und richter bedeutet) ... gesetzet Hondorff d. saltz werk zu Halle (1670) 109. in Niedersachsen für den deichgrafen (s. deichgräfe), den vorsteher eines deichbezirks: derselbe musz bey denen gräffen, als von wegen irer königl. majest. obristen teichrichtern, seinen eyd ablegen (1690) in: dt. rechtswb. 4, 1053. für sonstiges holzgraf (s. d.) als bezeichnung des vorsitzenden eines holzgerichts: diese grauen mochten auch comites syluestres, holtzgrauen oder forstgrauen heissen, waren von den königen gesetzte voͤgte, verwalter oder richter vber die gewildnissen, gehoͤltze vnd waͤlde C. Spangenberg adelsspiegel (1591) 321ᵇ; ob auch das (holz) in gegenwart des gräfen und sämmtlicher geschworenen angewiesen und mit den waldhämmern gezeichnet worden (Verden) bei R. Hesse entwickl. d. agrar-rechtl. verhältn. (1900) 188. für den zunftvorsteher, gildemeister in älteren nl.-ndrhein. quellen: een bastaert en mach geen grave zyn, noch gulde broeder, noch segeleer, noch inbrenger voor die gulde (1755) coutumes du comté de Looz 3, 618 Crahay. ebenso griev, greve (hist.) bei Müller-Weitz Aachen 74. ähnlich wird in älteren nd. und nl. quellen das oberhaupt eines Zigeunerstammes graf genannt: ghegeven den grave van den kleyne Egipteneers, omme dat hy zyn volck soude doen vertrecken ende ruminghe doen uut der stede ... 6 [[undefined:poundsign]] (1454) in: dt. rechtswb. 4, 1055; de wolgeborne here her Johan grafe von Rothenburg uthe Cleinen Egipten (Braunschweig 1508) bei Lasch-Borchling mnd. hdwb. 1, 2, 159.
2)
seit der Karolingerzeit wird das allmählich erblich werdende grafenamt in das lehnswesen einbezogen und mit der verleihung territorialen besitzes verbunden. im zuge dieser entwicklung, deren anfänge nur anhand der lat. bezeichnung comes nachzuweisen wären, wird die sich auf landbesitz und herrschaft (gerichtsbarkeit) stützende machtposition der grafen begründet.
a)
bis zum ende des 12. jhs. ist der graf in der regel lehnsmann des königs:
herzogen unde grâven
die hiez er alle gâhen
daz si im mit minnen
hulfen sînes willen
d. altdt. exodus 3033 Kossmann;
do heter (Rother) ein grauen,
der half ime wol zǒ waren,
mit listen grozer eren; ...
er was sin man vnde mac
an deme stunt ovch sin rat
könig Rother 45 Frings;
Plisnm unde Suuruen
gaz (l. gaf) he (Rother) zen grauen
die mit Luppolde waren
ouer mere geuaren
ebda 4843;
he (Tristrant) wart besagit und belogin
von dren bôsin herzogin
und von vîr grâbin
de des koninges hofes plâgin
Eilhart v. Oberg 3087 Lichtenst.
b)
seit dem ende des 12. jhs. werden die grafen mediatisiert, sofern sie nicht, etwa als reichsgrafen, in geringem ausmasz reichsunmittelbar bleiben oder reichsfürsten sind oder werden, z. b. als pfalzgrafen, landgrafen, markgrafen. der graf ist somit lehnsmann eines landesherrn: dehein wider worfen vrteil, dv́ vor einem grauen wider worfen wirt, die mag man nivt geziehen an den marcgraven, ez habe danne der grave die graueschaft von dem marcgrauen Schwabenspiegel, landrecht § 114 Laszberg; diz selbe reht (gerichtstage zu halten) hant sie (die fürsten) ouch vmbe grauen, vnde vmbe vrien, vnde vmbe dienest man die so getan guͦt in ir lande hant, daz búrge vnde stete sind ebda § 139; der koning sezit die fursten, die fursten vorbaz die greven, dy greven vorbaz die gogreven zu richtere, do sy nicht selber gesien mogen (14. jh.) sächs. weichbildrecht 1, 217 Daniels-Gruben; dez egenanten hertzogen Ludwigs grefen und herren, die mit im zugen (Nürnberg 1421) städtechron. 2, 35 anm. 6; und gehet, wie es jm regiment gehen sol, keisar uber fursten, fursten uber graven, ritter, eddelleut Luther 34, 2, 389 W.
c)
der graf ist im besitz der von einem landesherrn verliehenen herrschaft über land und leute einer grafschaft (s. d.). seine stellung ist im wesentlichen in der gerichtsherrschaft begründet, freilich ohne dasz ein unmittelbarer zusammenhang mit dem fränkischen richteramt des grafen (s. 1 b β) vorauszusetzen wäre: ez sol nieman zu des rihtærs noch zu des graven geriht chomen mit harnasch oder mit armsten (bair. 1281) mon. Germ. hist., constitutiones 3, 274, 6; sol in (den landfriedensbrecher) der erzebischof ... zu banne tun und der kunig zu ahte dun, und der furste oder der grave, in des gerihtet er sitzet, zu ahte dun (1287) ebda 3, 376, 12;
do was ein greve uberz lant
bose unde ungeloubec gote
passional 498, 38 Köpke;
diser obgnanter Lodewigk vitzthum zu Doryngen ... koufte vil dorf dornoch unde gerichte umbe sich von den graven unde freien unde irbarn lewten Joh. Rothe düring. chron. 256 Liliencron; zu dem ersten ist ein grebe von Zygenhain, daselbst ein erbevoit und richtet uber hals und uber hand ... auch alle die bede die da gefellet, die sint eines greben zu Ziegenhain gleich halb (Hessen 15. jh.) weist. (1840) 5, 727; ein grave vom Hailigenberg ... hat ... sein grafschaft ... (einem) grafen von Werdenberg, genannt Hugo, umb fünfhundert mark silbers zu kaufen geben Zimmer. chron. ²3, 41 Barack; vnter einem krummen stab, vnd vnter graffen ist gut wohnen Chr. Lehman floril. polit. (1662) 3, 443; der bischoff zu Sitten ... sich einen grafen des landes nennet (1757) in: dt. rechtswb. 4, 1053.
3)
graf kann standesbezeichnung sein, seit die grafen infolge der begrenzung des reichsfürstenstandes am ende des 12. jhs. auf einen eigenen adelsstand beschränkt werden.
a)
allgemein in appellativem gebrauch; für die mhd. belege ist eine abgrenzung zur bloszen amtsbezeichnung kaum möglich:
do begunde der tôt in den tagen
einen grâven beclagen ...
den von dem Swarzen Dorne
Hartmann v. Aue Iwein 5626;
ein sîdîn tweheln wol gemâl
die bôt eins grâven sun dernâch:
dem was ze knien für si gâch
Wolfram v. Eschenbach Parzival 237, 11 L.;
als der zit ein teil verlief
eime greven do gerief
sin mutwille an der maget
passional 297, 74 Köpke;
der ander was ein graff, der fuͦrt ayn ainsidel leben Keisersberg granatapfel (1510) gg 5ᶜ;
da sah ich ein schifflein schweben,
darinn drey grafen sasz'n
bei Herder 25, 133 S.;
sie (werden) der schwiegervater eines grafen Fr. L. Schröder dram. w. (1831) 1, 40; 'n graf is er, aber was hab ich davon, ich mag ihn doch nich H. Mann d. blaue engel (1950) 140.
b)
aufzählungen adliger standespersonen beachten die in der heerschildordnung begründete rangfolge, nach der die grafen träger des vierten heerschildes sind:
die wale geven dorsten,
hertogen ende grâven,
den speleman sî gâven
grôtîke
Heinrich v. Veldeke Eneide 13 195 Behaghel;
krieget er (der könig) mit ieman vmbe guͦt ... daz dez riches ist, da svln vber sprechen fúrsten, vnde vrien, vnde graven, vnd dez riches dienest man Schwabenspiegel, landrecht § 124 Laszberg; fursten, greven, frien herren, rittere und alle de burghe habn in dysem lande (1336) urkundenb. d. st. Göttingen 1, 127 Schmidt; des wizen festis gar vru kumen alle kunige, vurstin, herczogin, markgrevin, grevin, bayorn und alle amachtlute der provincien md. Marco Polo, 23, 8 Tscharner; also in dem gewalt seind mancherlei empter, der ein ist künig, der ein hertzog, der ein graue Keisersberg brösamlin (1517) 1, 109ᵇ; der baur will ein burger, der edelman ein grafe, der fuͤrst ein keyser sein bei Luther 52, 55 W.; worunter zwei kuhrfuͤrsten, zwei und dreisig hertzogen, zwei pfaltzgraffen, vier marggraffen, vier landgraffen, siebenzehn fuͤrsten, zwei und dreissig graffen, ohne etliche hundert andere adeliche ritter-standes personen Rist d. friedewünsch. Teutschl. (1647) 9; darauf hat die stadt die benachbarten fürsten, städte, grafen, freyherrn, und die vom adel (zum fest) gebeten Rehtmeier braunschweig-lüneb. chron. (1722) 2, 752; wo (in Heilbronn) über zwölf reichsstädte, und eine glänzende menge von doktoren, grafen und fürsten sich einfanden Schiller 8, 310 G.;
den weber kann niemand entbehren,
kein fürst, kein graf, noch edelmann
dt. volkslieder (1865) 943 Mittler.
c)
angehörige eines niederen adelsstandes können in den grafenstand erhoben werden; vgl.grafen, vb.: keisser Conradt der machte dornoch den vitzthum zu Doryngen unde zu Hessin Lodewigen gnand mit dem barte zu eyme graven von seynes slosses wegen Schowinburgk unde ander gerichte die her hatte vor dem walde, unde wart do gnant der grave von Doringen Joh. Rothe düring. chron. 256 Liliencron; ain kuͤener streyter (verdient), daz er zuo ritter gschlagen vnd aus jm ain graf gemacht werde Berthold v. Chiemsee theol. 549 Reithm.; Wolfgang von Kolberg, zum grafen erhoben, starb doch im gefängnis Ranke s. w. (1867) 1, 135. diesen personen wird der titel eines grafen verliehen, vgl. 4: nunmehr wird aber auch der ehrentitel eines grafen sowohl von den kaisern, als auch von königen, oft personen verliehen, welche keine grafschaft besitzen Krünitz öcon. encycl. 19 (1780) 697. auf die armut eines in den grafenstand erhobenen adligen anspielend: ein armer kompt offt ehe zum hausz, den ein graff zur graffschafft Petri d. Teutschen weiszh. (1605) S 6ᵇ; ein handwercksmeister kan ehe zu hausz vnd hoff kommen, als ein gemachter graff zur graffschaft Lehman floril. polit. (1662) 1, 396.
d)
mit dem stand des grafen verbindet sich gern die vorstellung von reichtum, stolz und vornehmheit, so dasz graf auch den adligen und vornehmen schlechthin charakterisieren kann.
α)
grafen und (frei) herren, die ursprünglich den gleichen heerschild besaszen, werden, als die 'magnaten', gern zusammengefaszt, oft in beziehung auf die adligen überhaupt; vgl. die glossierungen von magnas, -tes mit grauen (obd. 13./14. jh.) und mit frij herre (md. 15. jh.) u. ä. Diefenbach gl. 343ᵇ: ipsi futuri grosse herrn, graven, qui habituri satis zuessen, pecuniae, argenti, auri Luther 47, 737 W.; ich bin, wie wol alt und schwach, anher gne (l. gen) Mansfeld komen um dem teglichen grossen geschrey von der uneinigkeit unter euch herrn und graven bewegt Luther br. 11, 189 W.;
darzu er lud an den Reinstram
graffen und herren allesam
Hans Sachs 17, 224 lit. ver.;
uf ain zeit kamen vil grafen und herren geen Constanz, die hielten ain tag alda Zimmer. chron. ²2, 483 Barack; das die graven und freiherren in allen sessionen und stimen des hailigen reichs ... ain gleichen standt, auch in gleicher würde ie walten here geacht und gehalten sein worden ebda 2, 99; jetzt haben vnser etliche schloͤsser wie die graffen oder freyherren discursz etzl. personen (1661) A 3ᵇ; heut ..., wo jeder denkt, er sei graf oder herr und könne tun, was ihm beliebt, und sei kein unterschied mehr Fontane ges. w. (1905) I 6, 34.
β)
in vergleichen und ähnlichen konstruktionen charakterisiert graf eine person als vornehm oder stolz, oft, namentlich jünger und mundartlich, mit dem nebensinn des dünkelhaften:
si ist ein wîp
daz ir lîp
zæme wol ze minne einem grâven
Neidhart 41, 16 Wiessner;
ich will mich gleich halten einem grossen hertzogen oder graffen engl. comedien u. tragedien (1624) M 8ᵃ; da sasse mein herr Simplicius wie ein junger graf Grimmelshausen Simpl. 59 Scholte; einer liesz jhm ein landschafft mahlen, vnd sich dazu, vnd meynt er wäre ein graff, weil er so schoͤn land hett Lehman floril. polit. (1662) 2, 531; die vornehme welt hält viel auf einer schönen equipage. zwei pferde dran sind schon was, für vier aber musz man ein graf sein Jer. Gotthelf ges. schr. (1855) 13, 316; die Badekows waren ja gerade von den schlimmsten: stolz wie grafen Cl. Viebig die vor den toren (1949) 20; er tut wie e graͦf bei Müller-Fraureuth obersächs. 1, 434ᵇ; de kuͤt doherstolzert (tritt op) wie ene graf in: rhein. wb. 2, 1342; er chunnt dethër wie-n-e graf in: schweiz. id. 2, 707; iᶜʰ haⁿ 's (ich lebe) wie 'nen grof! (1844) ebda. von hier aus: sich einen grafen einbilden bei Fischer schwäb. 3, 784. mundartlich in ironisierender übertragung, 'straszenjunge, liederlicher strick' rhein. wb. 2, 1342.
γ)
ein sprichwort betont den abstand vom reichtum des adels:
arm man mag nit graf seyn,
darumb, gesell, gehab dich wol,
mein trew dich nimmer sol
darumb in keinen weg versmachen
altdt. wälder 2, 140 Grimm;
reben sol man falgen
vnd mit mist dungen,
dez bin ich gar verdrungen
von der lieben frowen min,
arman mag nit graff sin
liedersaal 3, 564 Laszberg.
das sprichwort scheint durch den nl. Reinaert ins deutsche zu kommen:
ic at cranke have.
arem man dannes gheen grave
Reinaert I 564 Martin; vgl. ebda II 620;
id was rynge spyse, dar ik nu by leue;
eyn arm man en is yo neen greue
Reinke de vos 554 Prien;
kümmerlich frist ich mein leben; ich leid es aber geduldig,
ist ein armer mann doch kein graf!
Göthe I 50, 18 W.;
vgl. Tunnicius sprichw. nr. 463 Hoffmann; Petri d. Teutschen weiszh. (1605) S 7ᵃ.
4)
graf als titel.
a)
in der verbindung mit dem namen. vgl. schon für die fränkische zeit verbindungen des namens mit der amtsbezeichnung wie Ingobode graffione; Garefredus graffio (oben unter 1 b α), die an die stellung der comes-bezeichnung beim namen in lat. quellen anschlieszen.
α)
beim personennamen oder, vor allem bei verliehenem titel, beim bloszen familiennamen: der mare crabo Georio Georgslied 6 in: kl. ahd. sprachdenkm. 94 Steinmeyer;
sprach Arnolt der grave
könig Rother 1409 Frings;
den grêven (hs. grefen) Wezzel he (herzog Ernst) zu ime nam
herzog Ernst A II 35 Bartsch;
sus wart dem grâven Âliere
ungenædeclichen schiere
gevangen unde erslagen sîn her
Hartmann v. Aue Iwein 3759;
der graffe und ritter Allessander Arigo decameron 73 Keller; es wil grafen Albrechts prophezey war werden Luther tischr. 3, 405 W.;
fuͤr wenig tagen war da zwischen graff Rolanden,
und dem Rinaldo gleich ein bittrer hasz entstanden
Dietrich v. d. Werder hist. v. ras. Roland (1636) 5;
der junge graf Löbau S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 61; nachher kam graf Purgstall aus Kopenhagen (1796) Schiller br. 4, 387 Jonas; der gewählte gesandte hiesz graf Keller, von geburt kein Hesse Jac. Grimm kl. schr. (1864) 1, 13; neben dem gute des polnischen grafen Plater (1877) C. F. Meyer an Rodenberg 10 Langm.
β)
aus der dem titel mit von oder zu angefügten, auf amtsbereich oder territorialbesitz des betreffenden grafen weisenden herkunftsbezeichnung entwickelt sich der geschlechtername: Willem bi der gratien gods koning van Rome end altoes Augustus ende greue van Holland (Dordrecht 1254) corp. d. altdt. originalurk. 1, 56, 23 Fr. Wilhelm;
von Tygerlant ein grâve wert,
Emelius geheizen,
kam zuo der lande creizen
mit zweinzic kielen ûz erkorn
Konrad v. Würzburg d. trojan. krieg 28 846 Keller;
do mete unser homeyster den grofen von Nassaw erete Marienb. treszlerb. 485 Joachim; ich hab dem D. Pomer, pfarrher geschrieben, wie der graue zu Schwartzburg einen pfarrher gen Greussen bittet (1540) Luther br. 9, 168 W.; Friederich, graff zu Wittin, versoff mit Brunone seinen vettern (1579) Chr. Entzelt altmärk. chron. 145 Bohm; herr Ludwig fuͤrst zu Anhalt, graf zu Askanien, herr zu Zerbst und Bernburg Neumark d. neuspross. teutsche palmbaum (1668) 13; da gibt es hier nun sehr liebe leute, eine familie grafen von Thurn (1835) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 159 Schulte-K.; das unlängst von einem grafen von Calw gegründete Schwarzwaldkloster Dehio gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 103.
γ)
der titel steht vor dem personen- und geschlechternamen: denn edelen manne greven Ottin von Waldecke (1303) urkundenb. d. st. Göttingen 1, 40 Schmidt; wir graͮff Fridrich von Toggenburg, graͮff ze Toggenburg, ze Brettengoͤw und uff Thavaͮs (St. Gallen 1429) in: dt. rechtswb. 4, 1053; grave Albrecht von Mansfelt Luther 19, 279 W.; sampt dem streitbarn helden graff Hansen von Huniad Schweigger reyszbeschr. (1619) 37; diese (macht) lag vielmehr in den händen der grafen Godwin von Kent und Leofric von Mercia Ranke s. w. 14 (1877) 25.
b)
den titel gefürsteter graf führt ein in den fürstenstand erhobener graf: gefürsteter graf (comes et princeps) (Tirol 1511) in: dt. rechtswb. 4, 1053; wann aber sonst geistliche oder weltliche fürsten, auch gefürstete prälaten und grafen ihre lehen und regalia empfahen (1550) ebda 4, 1054; wir Ferdinand von gottes gnaden ertzherzog zu Osterreich ... gefürster graf zu Habspurg, zu Tirol (Tirol 1573) ebda; gefuͤrsteter graf comes in numerum principum receptus Stieler stammb. (1691) 692; vgl. Schwan nouv. dict. (1783) 1, 782ᵇ. in gleicher bedeutung fürstenmäszige grafen Frisch t.-lat. (1741) 365ᵃ.
c)
in der anrede:
her greue, wie liden vngemach
graf Rudolf Cᵇ 19;
er sprach edler graff ir sollen nit schweren Hug Schäpler (1500) 22ᵇ;
mächtiger graf, sechend mich an,
den reisigen zug lond still stan
N. Manuel 10 Bächtold;
hoch-wohlgeborner grave, gnaͤdiger herr Zinkgref apophthegmata (1628) *3ᵃ; graf, lieber graf, kennt ihr Gianetten nicht, dasz ihr euch krümmt und ziert? Klinger Otto 14 lit.-denkm.; ne ne, graf, das geht nicht Fontane ges. w. (1905) I 5, 120; wenn ich sage zu ihnen, herr graf, das ist kein fehler. weil sie auch ohne zacken sind ein graf E. Wiechert missa sine nomine (1950) 61.
d)
der titel ohne zusatz des namens kann eine bestimmte und als bekannt vorausgesetzte person kennzeichnen:
deme greuen wart sin volc irslagen
graf Rudolf δᵇ 25;
aber der graf und seine leute achten des euangelions nicht mehr (1538) in: Luther br. 8, 248 W.; er sagte, dasz der graf, als bräutigam, zuvor discurriret Riemer polit. maulaffe (1679) 232;
der graf nun so eilig zum pförtchen hinaus,
was mag er im arme denn haben?
Göthe I 3, 3 W.;
es prunkte und prahlte der graf beim wein
mit dem töchterlein sein und dem edelgestein
H. Heine s. w. 1, 26 Elster;
Amadeus gegenüber sasz der alte graf, blasz, kränklich und mit vielen orden E. Wiechert missa sine nomine (1950) 367.
e)
in uneigentlicher anwendung.
α)
graf Ego, scherzhaft und verstärkend für das ich (lat. ego) in redensartlichen und sprichwörtlichen wendungen; im sinne von 'was kümmert es mich':
wer fitelt vnd verbuͤsset
sin hosen selb ein armer man
was gat ez grav Egen an
liedersaal 3, 563 Laszberg;
was geht das graf Ego an (non est curae Hipoclidi) Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 23ᵇ; vgl. Friedrich Wilhelm sprichwörter-reg. (1577) h 2ᵃ; Eyering proverb. copia (1601) 1, 776. etwa im sinne von 'selbst ist der mann': wer woͤlle daz im geling, luͦg selbs zu seim ding ... graf Ego bawet wol vnd hat schoͤne pferd schöne weise klugreden (1548) 19ᵈ; graff Ego hoͤrt, siehet vnd thut alles am besten Lehman floril. polit. (1662) 1, 271.
β)
graf teufel in mundartlichen redensarten könnte an die alte richterliche funktion des grafen erinnern: geh zum, beschwer dich, verklag mich beim graf teufel Kehrein Nassau 171; un wan tn kraaf taifl khumt Meisinger Rappenau 76.
5)
als bürgerlicher familienname in mannigfachen lautvarianten; die umgelauteten Gräfe, Greef, Grebe, Gräbe u. ä. scheinen ihren ursprung vornehmlich in der in md. und nd. gegenden, besonders in Hessen, bis in jüngere zeit hinein geltenden amtsbezeichnung (s. 1 d) zu haben; vgl. E. Schröder dt. namenkunde (1944) 150; E. Schwarz dt. namenforschung 1 (1949) 123. nicht umgelautetes Graf dürfte sich eher als übername von angehörigen und bediensteten von grafen eingebürgert haben; vgl. E. Schwarz a. a. o. 145.
6)
in der komposition zeigt graf als bestimmungswort durchweg die form des gen. sing. grafen- (bzw. die mundartlichen oder orthographischen nebenformen greven- usw.), mit dem die seltenen fälle einer zusammensetzung mit dem gen. plur. wie grafenbank, -kollegium, -tag lautlich zusammenfallen. als kuriosum ist die unorganische form grafenstags abschieden (dat. pl.) Harsdörffer d. teutsche secretar. (1656) 2, 270 anzumerken. vereinzelte und neben der genitivzusammensetzung auftretende fälle echter komposition sind im wesentlichen auf das ältere nd. beschränkt; vgl. grave-, greve-, gräfding unter grafending, graefgedinghe unter grafengedinge, gravegeld unter grafengeld. jünger ist nur gräfeherr (s.gräfenherr). auszerhalb des nd. begegnet greveampt neben grafenamt (s. d.). auf echte komposition weist auch gekürztes grascult (s.grafenschuld), und echtes kompositum ist ursprünglich grafschaft (s. d.). die komposition bewegt sich, von gelegenheitsbildungen abgesehen, im rahmen weniger typen. ein besonders im mittelalter, in ausläufern aber bis in die gegenwart hinein produktiver kompositionstyp betrifft bildungen, die rechte und obliegenheiten des grafen bezeichnen. unter diesen dominiert eine bis ins ältere nhd. hinein bestehende gruppe von bezeichnungen für geld- und sachabgaben, die an den grafen zu leisten sind oder von ihm erhoben werden; z. b. grafenbede, -futter, -geld, -holz, -korn, -pfennig, -schatz. diese bezeichnungen bleiben oft auch nach der ablösung oder umwandlung einer gräflichen herrschaft in den betreffenden gebieten gebräuchlich für eine landesherrliche steuer überhaupt. zu diesem typ gehört ferner eine kleinere gruppe von bildungen, die sich auf gräfliche machtbefugnisse und die in diesen begründeten einrichtungen beziehen, so in älterer zeit grafenamt, -bann, jünger grafengewalt, -recht, versachlicht grafending, -gedinge, -gericht, anders grafenkollegium, -tag. — ein zweiter, erst seit dem frühnhd. bezeugter kompositionstyp umfaszt bezeichnungen für gegenstände, die sich im besitz eines grafen befinden. ältere bildungen sind grafenland, -lehen; im 18./19. jh. schlieszen sich an grafenburg, -haus, -saal, -schlosz usw. diese gruppe wuchert weiter in singulären bildungen wie grafenbett Pocci komödienbüchl. (1859) 1, 82; -helm Schwabe belust. (1741) 3, 300; -schwert Brentano ges. schr. (1852) 5, 27. — ein dritter kompositionstyp betrifft bezeichnungen aus dem bereich der genealogie und verwandtschaft; schon frühnhd. bezeugt in den bildungen grafengeschlecht und grafenkind, sonst seit dem 18. jh.: grafenfamilie, -frau, -sohn, -stamm u. a.weniger umfangreich ist ein seit dem 17. jh. nachweisbarer typ von bildungen für die kennzeichen der gräflichen würde und des gräflichen standes wie grafenhut, -krone, -stuhl, ähnlich grafenbrief.
Zitationshilfe
„graf“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/graf>, abgerufen am 22.11.2019.

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