grau n.
Fundstelle: Lfg. 14 (1958), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 2101, Z. 54
seit dem mhd. neben den häufigen flektierten substantivformen des adj. als selbständiges substantiv ohne flexion. ein (unorganischer) pl.: in ... wässerigen graus Rilke br. 1902 —06 (1929) 199 ebenso vereinzelt wie ein reimbedingter d. sg. im reinsten graue (:fraue) Strachwitz ged. 288 Weinhold.
1)
oft als die abstrakte farbqualität, grau, adj. A 1 entsprechend: in der dämmerung aber verschwindet das minimum des specificierten blau: es wird zu einem grau und das unterliegende weisz gewinnt seine kraft Göthe IV 28, 199 W.; vgl. II 2, 24; schattierung also (ist hier) durch grau, nicht durch reine helligkeitsverminderung erreicht Pinder kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 256. fachsprachlich: in grau mahlen ist eine art von al fresco, darinnen man das basso relievo in der bildhauerey nachzumachen trachtet Noel Chomel öcon. lex. (1750) 4, 1330 (vgl.grau in grau malen ob. sp. 2089). die farbe negativ wertend:
und alles bild ich nach, genau,
und kleid es in ein scheuszlich grau
Schiller 11, 276 G.;
schwarz und weisz, eine todtenschau,
vermischt ein niederträchtig grau
Göthe I 2, 219 W.
2)
in den konkreten beziehungen der für das adj. als farbbezeichnung geltenden anwendungen. das grau meint hier oft nicht nur die einem körper oder gegenstand eigene farbe, sondern zugleich das körperliche und gegenständliche selbst.
a)
in mehr gelegentlichem, unspezifischem gebrauch. auf körperliche merkmale des menschen bezogen, wie grau, adj. A 2:
hätt ich heut vor fünf und zwanzig jahren
so viel grau gehabt in meinen haaren
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 639;
soweit das rote, stark mit grau durchsetzte haar- und bartgestrüpp es zuliesz, konnte Lennacker ein hageres und zerfurchtes braunes gesicht erkennen Ina Seidel Lennacker (1938) 154; das hübsche gesicht des mädchens verzerrte sich bei der erzählung, das weiche grau der augen bekam einen schielenden, grünlichen schiller Cl. Viebig d. schlaf. heer (1904) 1, 197. älter fachsprachlich für die iris des auges: uvea ist der zirckel oder das graw in den augen Ryff anatomi (1541) M 2ᵃ. die farbe von tieren oder pflanzen kennzeichnend, entsprechend grau, adj. A 5; 6:
könnt ich ihn mit dem grau der mäuse decken
H. v. Kleist w. 3, 62 E. Schmidt;
durch alter birken falbes grau,
durch schwarzer tannen trauerbau
Kind ged. (1817) 1, 31.
grau, adj. A 8 entsprechend: in verwittertem grau strebte die felswand vor ihnen zur himmelsbläue empor Scheffel ges. w. (1907) 1, 196; eine einzige wilde wasserwüste, deren schaumkämme blendend weisz gegen das trübe grau der wogen abstechen Allmers marschenb. (1900) 33.
b)
stärker ausgeprägt in dem grau, adj. A 9 entsprechenden atmosphärischen und meteorologischen bereich, wobei besonders hier oft das grau über die blosze farbbezeichnung hinaus vergegenständlicht gedacht ist. von der morgen- und abenddämmerung:
nû hete sich der tac erhaben ...
der sunnen schînen het verirt des tages grâ
Lohengrin 2029 R.;
nein, jenes grau ist nicht des morgens auge,
der bleiche abglanz nur von Cynthia's stirn
Shakespeare 1 (1797) 113 (Romeo u. Julia 3, 5);
o pracht, wann du der berge blau
mit goldnem saume zierst,
bevor du dich ins matte grau
der dämmerung verlierst
Salis ged. (1793) 41;
endlich ... erblaszten die fürchterlichen sterne, und das schwache grau des morgens war in der luft Stifter s. w. 2 (1908) 179. artikellos:
durch die gärten lispeln zitternd
grau und gold des späten tags
Stefan George stern d. bundes (o. j.) 87.
witterungserscheinungen wie wolken, nebel, regen kennzeichnend:
wo sie (die musen) fliehen, welkt sein (des himmels) reines blau
und stirbt in freudeleerem grau
Wieland s. w. (1853) 3, 175;
willkommen, milder regen!
es rauschet gottes segen
von tiefgewölbtem grau!
Stolberg ges. w. (1820) 2, 13;
dem winter ...,
der stürmend floh und hinter sich aufs land
den nebelschleier warf, der flusz und au
und berg in kaltes grau
versteckt
Göthe I 5, 35 W.;
die eiche dräut mit zorngebärden,
schilt rauschend in das grau hinauf;
und hört nicht bald der regen auf,
will ich nur sehn, was draus soll werden
O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 95;
bald sasz ich im dichten grau, und wenn diese art von aussicht unerfreulich genug ... war Barth Kalkalpen (1874) 18. artikellos und in sonst ungewöhnlichem plural: (wir) betrachteten von einer weit in das stille meer hinausgebauten holzbrücke den abend, der in lauter wolkigen und wässerigen graus verging (1904) Rilke br. 1902 —06 (1929) 199. seltener für das räumlich ferne, verschwimmende:
er (der schiffbrüchige) sieht das land wie dämmerungen
enttauchen und zergehn in grau
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 1 (1879) 320.
c)
früh und differenziert für tuche, stoffe und menschliche kleidung, vgl.grau, adj. A 7 a; b.
α)
mhd. grâ, n., meist in der verbindung grâ unde bunt für ein pelzwerk aus dem 'fell des grauen eichhörnchens, wovon die rückenpartie als grau, die weisze mit grau gesäumte bauchpartie als bunt bezeichnet wurde' M. Heyne hausaltert. 3, 281; vgl. auch grau, adj. A 7 a ζ; b u. grauwerk:
si trûgen grâ unde bunt
Straszburger Alexander 6069 Kinzel;
dô gap man sînen degenen ze kleidern grâ unde bunt
Nibelungenlied 59, 4 Bartsch;
sulch droich bunt unde (sulch) dat gra
unde leissen al ir pent alda (ertappte diebe)
(Köln um 1280) städtechron. 12, 60;
ysci dz graw daz der kaiser an tret (obd. 14. jh.) bei Diefenbach nov. gl. 175ᵃ.
β)
'graue kleidung' in verschiedenem sinne, meist in der früh gefestigten verbalwendung grau tragen. für die tracht der armen stände, zu grau, adj. A 7 a α: ein baur auch graw tregt, daran sihet man die demut nicht (1539) Luther 47, 800 W.; alsdann verordnete er über die bauleute (bauern): schwarz oder grau sollten sie tragen, und nicht anders, einen spiesz daneben, rinderne schuhe Grimm dt. sagen (1891) 2, 80. vgl. in metonymischer erweiterung: dat grau der gemeine pöbel ... eigentlich das bootsvolk, weil sie in grauen kitteln gehen (Lübeck) brem.-nds. wb. 2 (1767) 538. 'mönchskleidung', zu grau, adj. A 7 a β: der (mönch) tregt graw, der schwartz, der weysz (1522) Luther 10, 1, 1, 677 W. älter und jünger mit bezug auf den symbolwert der grauen farbe: zwuͦ junckfrawen kamen ze samen, aine truͦg rott an vnd was frölich mit singen von lieb und triu, die ander truͦg graw an und wand trauriclich ir hennd von lieb (die rote rühmt die freuden der liebe, die graue beklagt die mit ihr verbundenen leiden) liederb. d. Hätzlerin 88 Haltaus; Wilhelm hatte seit dem verlust Marianens alle muntern farben abgelegt, er hatte sich an das grau, an die kleidung der schatten, gewöhnt Göthe I 21, 185 W. nur älter symbolisiert graue kleidung die unbeständigkeit, den wankelmut:
scholt sie (die blaue farbe als die der stetigkeit) durch stet mancher tragen,
so müst er tragen gra,
den man siht tragen pla
fastnachtspiele 776 Keller (spiel v. d. 7 farben);
im letzten stande war ein fraw:
bekleidet fast in lauter graw ...
vnd ist gantz wanckelbar darbey (das tierkreiszeichen krebs)
W. Spangenberg ausgew. dicht. 83 Martin.
mit anderem symbolwert als farbe des demütig liebenden, im anschlusz an grau als farbe der armenkleidung, vgl. dazu und zum ganzen der mittelalterl. farbensymbolik, in der grau nur am rande mitspielt, W. Wackernagel kl. schr. 1, 143 ff.; Gloth d. spiel v. d. sieben farben 44 ff.; 87 f. in: Teutonia 1 mit weiteren nachweisen. neutral: Fabricius, ein ganz in grau gekleideter kleiner mann Ina Seidel Lennacker (1938) 343.
γ)
für eine tuchsorte, vgl. unter grau, adj. A 7 b: Vredrik van Ampleve Hans van Reyneshusen, disse schindeden ... Hennig Repenersmeyer ... unde nemen oͤn ... xv elne grawe und wit (ein zu Braunschweig fabriziertes tuch) (Braunschw. 1380) städtechron. 6, 48.
d)
auch die unter grau A 10 erscheinende verbindung grau in grau begegnet gelegentlich als substantiviertes neutrum: alles ist verwischt in dem grau in grau dieser monoton sich abwickelnden perioden Justi Winckelmann (1866) 1, 198; hohe dünung auf der reede, im grau des landes erkennt man nur schwach die stadt. graubraun auch diese, ein einziges ewiges grau in grau Plüschow segelfahrt ins wunderland (1926) 159.
3)
uneigentlicher gebrauch beschränkt sich auf die herleitung aus dem meteorologisch-atmosphärischen gebrauch des adjektivs.
a)
vereinzelt für das in ferner zukunft oder ferner vergangenheit liegende, s.grau, adj. B 2 a u. b:
und (der bote gottes) lasse mich das bild geliebter todten,
und durch ein ahnend grau
den lohn der wahren tugend (sehen)
Denis lieder Sineds (1772) 240;
es lag im grau, was hier geschaffen und geschwitzt worden war Zillich zw. grenzen u. zeiten (1936) 28.
b)
häufiger in der grau, adj. B 3 gemäszen gefühlsbetonten anwendung, wobei der sinnliche ausgangspunkt mehr oder weniger deutlich bleibt. für eintöniges, lebloses: das ist aber doch farbe und wahrheit, und besser als das unterschiedslose grau Gentz schr. 5, 36 Schlesier; denn das, was hier (im grabenkriege) tatsächlich geschieht, ist sehr eintönig und gleichmäszig, ein stumpfes grau, zuweilen von roten punkten durchglüht E. Jünger d. wäldchen 125 (1928) 189. in der charakterisierung des bedrückenden, hoffnungslosen: da (im alter von 36 jahren) glänzte noch das leben, durchleuchtet vom hellsten schein der hoffnung, die nun in eitel grau sich verwandelt hat (1874) Müllenhoff in: briefw. 271 Leitzm.; im vorraum standen frauen und kinder, auf denen das grau der armut und entbehrung lag Winnig frührot (1926) 460.
grau adj
Fundstelle: Lfg. 13,14 (1958), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 2071, Z. 69

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graubebartet · graubehaart · graubekrönt · graubewimpert · graublond · graugeboren · graugelockt · graugemischt · graugreis · grauhaar · grauhäuptig · graulockicht · graumeliert · grauschädel · grauschopf · graustoppelig · grauumbartet · grauumlockt · grauäuglein · graublasz · graubleich · grauamsel · grauartsche · graudrossel · grauentchen · grauente · grauentlein · graueule · graufalke · graufink · graufischer · grauhänfling · grauhäutel · graukauz · graukehlchen · graukrähe · graulerche · graumeise · graunacken · graupapagei · graurücken · grauschwanz · grauspecht · graustelze · grauwürger · grauassel · graubär · graubarsch · graufuchs · graukarpfen · grauklappe · graulachs · grauparder · graurüszler · grauvieh · grauwal · grauwild · grauvogel · grauwolf · graubärtchen · graubein · grauhans · grauhund · graukopf · graunase · grauohr · graupelz · graurock · grautatze · grautier · grauapflig · graubäuchig · graubehaart · graubeinig · grauborstig · graubunt · graufüszig · graugeapfelt · graugeschildet · graurückig · grauschnäblig · grauschwänzig · graubart · graubinse · graubirne · graudettling · graudorn · grauerle · graufusz · grauhafer · grauholz · graukresse · graupappel · grauschmiele · grauweide · graublättrig · grauborstig · graufilzig · grauflaumig · graurindig · grauzottig · graugekleidet · grauhütig · graujacke · graukittelig · graukleid · graumützig · graurock · graurockicht · grauröckig · grauhären · graulaken · grauleinen · grauloden · grauloder · grauseiden · grautuch · grautuchen · grauwollen · graubraunstein · graubraunsteinerz · graueisen · grauerz · graufels · grauflusz · grauglimmer · graugold · graugolderz · graugültigerz · graugusz · graukalk · graukupfererz · grauliegendes · graumanganerz · graumetall · graunicht graunichts · grauschlacke · grauschwefel · grausilber · grauspieszglanz · grauspieszglanzerz · graustuck · grauerdig · grausandig · grauschiefrig · grauschwefelig · grausteinigt · graudämpfen · graufärben · grauhämmern · graumachen · graugestein · graugipfel · graumarmorn · grauschlammig · grauwogend · graubesaumt · graubewölkt · graudämmernd · graudunst · graudunstig · graudüster · graugewölk · graugewölkt · grauhimmel · grauregnend · grautagend · grauverhüllt · grauwolke · graubraungelb · graubraungrünlich · graudunkel · graudunkel · graufahl · graugolden · graugraugelb · graugrünlichgelb · graugrünlichweisz · graulila · graurötlichweisz · grausilber · grautrübe · grauviolett · graubeschilft · graubestaubt · graufleckig · graugebunden · graugefleckt · graugepudert · graugestrichen · graugetüncht · graugrundiert · grauledern · grausammeten · grauscheckig · grauscheckicht · grauschillernd · grauschimmernd · grausprenklich grausprenklicht · grausteinern · grauverstaubt · grauverwittert · graudünn · grauehrwürdig · grauglasig · graugrämig · graugrollend · graukalt · grauschmutzig · graustirnig · grauwelk
herkunft und form. ahd. grâo (pl. grâwe), as. grâ, grê, afries. grē, ae. grǣg (engl. gray), anord. grár, mhd. grâ (pl. grâwe), mnl. gra, grau, nl. grauw. — mit anderen farbbezeichnungen wie blau, gelb als wa-stamm, germ. *grēwa-, wobei in ae. grǣg lt. Sievers in PBB 9, 204 und Jellinek ebda 14, 584 auch mit einem wja-stamm gerechnet werden musz. auszergerm. stellt sich lat. rāvus am nächsten, dessen ā freilich noch der erklärung bedarf. zur gleichen idg. wz. *gher-, *ghrē- 'strahlen, glänzen' gehören lit. žeriù, žeréti 'im glanze strahlen', aksl. zarja, zorja 'glanz, strahl', pl. 'morgenröte' u. a., vgl. Walde-Pokorny 1, 602; Pokorny 441; Walde-Hofmann 2, 421 f.; Trautmann bslav. wb. 366. in den flektierten formen erscheint ahd. und mhd. der stammauslautende konsonant (halbvokal) w noch fast ausnahmslos: ahd. grâwêr, mhd. grâwer. wahrscheinlich bereits im frühnhd. erfolgt die vokalisierung des -w-, -aw- wird zum diphthong -au-, so dasz das -w- in den auch im 15. u. 16. jh. noch fühlbar überwiegenden -aw-formen nur noch graphisch zu werten und als -u- zu lesen ist, vgl. dazu Paul dt. gr. 1, 225; V. Moser frühnhd. gr. § 22; § 131, 2. -aw-schreibung begegnet noch bis in die zweite hälfte des 17. jhs. (z. b. grawe Lehman flor. pol. [1662] 3, 442), tritt aber seit 1600 mehr und mehr hinter -au- zurück, das seinerseits seit dem 15. jh. vereinzelt auftritt: dem grauen haubt erste dt. bibel 3, 426 Kurr.; grauer schwalbenstein Diefenbach n. gl. 83ᵇ und im 16. jh. an umfang gewinnt. pleonastische formen treten vom 12. bis ins frühe 17. jh. auf: lachin grauwer (12. jh.) ahd. gl. 3, 344, 34 St.-S.; des grauwen orden passional 398, 64 K.; in grouwen menteln (Straszb. 1362) städtechron. 8, 137; häufig im 16. jh., dann noch vereinzelt: der grauwen völcker Stumpf Schweizerchr. (1606) 305ᵃ; zur beurteilung des -w- in den älternhd. formen dieser art vgl. V. Moser a. a. o. § 131, anm. 6. intervokalisches -b- für -w- erscheint am häufigsten in bair.-österr. u. ofränk. quellen des 15. u. 16. jhs., vereinzelt auch früher (graben loden [1350] Regensburg. urkd.-buch 1, nr. 1272, vgl. noch Niewöhner in: der Teichner LII N.), ist aber hier lediglich als graphische angleichung an den nur im auslaut (s. u.) erfolgenden wirklichen lautwandel w ˃ b zu werten; als gesprochener verschluszlauf -b- anstelle des reibelautes -w- intervokalisch nur im schwäb. und schles., etwa in: 4 graber phenning (1465) bei Fischer 3, 808, vgl. V. Moser a. a. o. § 131, anm. 13. ausfall des inlautenden -w- ist nach länge bereits ahd. möglich, vgl. Braune ahd. gr. § 110, anm. 1; § 254 anm. 1 (mit verweis auf crâiu statt crâwiu [8.—9. jh.] ahd. gl. 1, 274, 17 St.-S.), vom 14. bis 16. jh. ist er in formen wie groe, groen, graem u. ä. verhältnismäszig oft bezeugt. als intervokalische übergangslaute anstelle des ausgefallenen -w- sind zu beurteilen -j- (-g- geschrieben) in: dem grogen rock Orendel 3862 (var. v. j. 1477) Berger; de grage monnyk (Lüneb. 16. jh.) bei Borchling mnd. hss. 1, 161 (dazu Lasch mnd. gr. § 347 III; Holthausen as. elementarb. § 173 anm. 3) und wohl auch -h- in: grohan Carlstadt v. verm. d. ablas (1520) A 2ᵃ; grohe (sc. kuh) Schweinichen denkw. (1820) 3, 105; von ... grahen pünden (1531) in: schweizer. id. 2, 831. dem obd. und md. im spätmhd. und frühnhd. häufigen vokalwechsel von â ˃ ô entsprechen die formen groe, groen, growen (B. Waldis Esopus 1, 213 Kurz), elsäss. auch grouwen ([hs. 14. jh. Straszb.] städtechron. 8, 137; Murner schelmenzunft 18 ndr.). gelegentlich zeigen sich umgelautete formen: ausz gröben orden (Nürnberg 15. jh.) städtechron. 1, 345; zun gröen munchen (1496) Röhricht pilgerr. 324; gräuwer Stumpf Schweizerchron. (1606) 609ᵇ. — im flexionslosen gebrauch lautet das wort ahd. grâ (˂ grâo), mhd. grâ, im 15. und 16. jh. so noch gelegentlich: gra fastnachtsp. 776 K.; Er. Alberus dict. (1540) E 2ᵇ; gro Bock kreutterb. (1539) 40, hierher ferner in einer auch sonst (s. u.) nicht seltenen schreibung. mit epithetischem -e: grae (Nürnb. 1426) städtechron. 2, 15ᵃ; Fierrabras (1533) D 3ᵃ. im übrigen treten, vereinzelt schon im 14. jh., das stammauslautende konsonantische -w oder seine stellvertreter aus den flektierten formen jetzt auch in den auslaut der flexionslosen: -w in graw (: praw, plaw) Oswald v. Wolkenstein 9, 5 Schatz; (: schaw) Hätzlerin 1; vom 15. bis zum 17. jh. bleibt graw die vorherrschende schreibung, in der aber, wie bei den flektierten formen (s. ob.), das w im allgemeinen als vokalisiert aufzufassen ist. die schreibung grau gewinnt im 16. u. 17. jh. nur langsam an boden; gelegentlich erscheint eine unflektierte form grawe mit angehängtem -e, vgl.(Braunschw. 1380) städtechron. 6, 48; Fabri eigentl. beschr. (1557) 166ᵃ (ein frühes der wolf grawe des Wiener exodus in: fundgr. 2, 87, 18 ist wohl als schw. flektiert aufzufassen). vor allem bair. und ofränk. tritt im auslaut für konsonantisches -w der verschluszlaut -b ein (nicht, wie bei den flektierten formen, nur als graphisches zeichen): alt und grab (:ab) der Teichner 327, 93; 370, 31 N.; grab har (bair. 1432) in: zs. f. dt. maa. 4, 294ᵃ Frommann; grab parcket (1507) Tucher haushaltb. 75 lit. ver.; grab esel H. Sachs 17, 161 lit. ver., s. dazu V. Moser a. a. o. § 131, 3. auch spuren der in den flektierten formen an die stelle des -w- getretenen übergangslaute (s. ob.) finden sich im unflektierten gebrauch: apfelgrog (obd. 1492) Diefenbach gl. 544ᵇ; in formen mit angehängtem -e: grahe (md. 15. jh.) ebda 96ᵇ; grohe (: nohe = nahe) Luther tischr. 3, 434 W. -o- für -a- als stammvokal in gro Marienb. treszlerb. 34 J.; Fischart Gargant. 71 ndr., elsäss. grow Murner narrenbeschw. 241 ndr. und s. ob. apfelgrog. — seit dem 18. jh. sind schriftsprachlich alle spuren stammauslautender konsonanz des wortes verschwunden (eine jüngere schreibung grawblaw Blancard lex. med. renov. [1735] 420 ist regelwidrig), während die maa. sie z. t. festhalten, z. b. das w aus- und inlautend im obd. (ohne das schwäb.), inlautend auch im thür. und obersächs., in- und auslautend das b für w nach ausweis der wbb. im schwäb., bair.-österr., schweizer. und obersächs., das j (g) im nd., bes. im ond. (grag Flemes Kalenb. 337; Mi Mecklenb. 28; Dähnert plattdt. 159ᵇ; graͦch Kück Lüneb. 606; graag, grō̜Χ Mensing 2, 472), als j, i im elsäss., vgl. Martin-Lienhart 1, 265, als nachschlagendes i im schweizer., vgl. schweiz. id. 2, 832, ferner lothr. und moselfränk. grøy, gráï, grø̄:χ Follmann 217ᵇ; rhein. wb. 2, 1368. zu schweizer. formen mit inlautendem -n- anstelle eines ausgefallenen -w- vgl. schweiz. id. 2, 831. eigentlich adverbialer gebrauch des wortes widerspricht der qualitativen grundbedeutung 'graufarbig'; selbst eine wendung wie dasz ich so grau sehe Göthe IV 24, 153 W. ist wohl eher prädikativ als adverbial zu deuten. das gleiche gilt wohl für eine verwendung, bei der die eigentliche, qualitative bedeutung des adjektivs mit einer zweiten, eher uneigentlichen eines scheinbaren adverbs verbunden ist, eine doppelbeziehung auf ein subst. einerseits, ein vb. andererseits, die das sprachgefühl über adjektivische oder adverbiale funktion des wortes in zweifel bringt. das zwielichtige dieses in poetisierender sprache begegnenden gebrauchs bedeutet einen gewinn an stimmungsgehalt:
und hinter uns kam grau die nacht geschlichen
Eichendorff s. w. (1864) 1, 507;
und regen regnet grau dahin
Weinheber s. w. 2, 320 Nadler.
schlieszlich scheint auch in partizipialverbindungen wie grau gekleidet, grau besäumt, grau durchklüftet u. ä. kein eigentlich adverbialer gebrauch vorzuliegen, sondern eine attributiv zu deutende beziehung des adj. grau auf das dem part. zu entnehmende substantiv.
A.
als farbbezeichnung im eigentlichen sinne. grau bezeichnet verschiedengradige mischungen von schwarz und weisz, aber auch stark verblichene andere farbtöne, allgemeiner schlieszlich jede schmutzfarbe. aus der fülle möglicher gebrauchsweisen im umkreis des sichtbaren sind im folgenden nur die häufigsten ausgewählt.
1)
als abstrakte farbqualität. in der glossierung lat. farbbezeichnungen seit dem ahd. besonders für canus, z. b.: cana grai (l. wohl graiu) (9. jh.) ahd. gl. 1, 79, 12 St.-S.; vgl. ebda 2, 709, 28; canus graw oder weysz von elte Frisius dict. (1556) 182ᵇ. andere, ebenfalls mehr weiszliche farbtöne glossierend: pallidum satcra Notker 1, 472, 12 P.; grau albus Wachter gl. (1737) 609. für mehr bläuliche oder grünliche farbschattierungen, besonders für glaucus: glauci grauvin (11. jh.) ahd. gl. 2, 636, 63 St.-S.; (12. jh.) ebda 688, 55; glaucus, subviridis, caeruleus ... gra, wie katzen augen Er. Alberus dict. (1540) E 2ᵇ. für ins schwärzliche spielende farbbezeichnungen: criseus grawer (12. jh.) ahd. gl. 3, 419, 55 St.-S.; grau griseus ... in der mischung etwas mehr schwarz als weisz habend Behlen forst- u. jagdk. (1840) 3, 487; murinus color graw, meuszfarb Frisius dict. (1556) 858ᵇ. anderes vereinzelt. als abstrakte farbbezeichnung vor allem in der verbindung graue farbe:
schiltes rantt,
der waz von grawer farw erkant
Göttweiger Trojanerkrieg 18 616 Koppitz;
die grauen schmutzigen farben ... miszfallen ihm Herder 22, 60 S. jünger in der substantivierung das graue, wofür aber das grau, n. (s. d. 1) sehr viel geläufiger ist: dasz das graue den schatten repräsentire Göthe II 5, 1, 63 W.
2)
in der anwendung auf den menschen ist eigentlicher gebrauch nur in der farbbezeichnung für bestimmte körperteile gegeben.
a)
vom ergrauten haupt- und barthaar.
α)
als blosze sachverhaltsbezeichnung, aber oft auf alter, sorge oder auch erschrecken als ursachen des grauwerdens anspielend. am geläufigsten in der attributivverbindung graues haar: craiu harir (canos) (gen. 42, 38) (8./9. jh.) ahd. gl. 1, 274, 17 St.-S.;
ir (der minne) sint vier unt zwênzec jâr
vil lieber danne ir vierzec sint,
und stellet sich vil übel, sihts iender grâwez hâr
Walther v. d. Vogelweide 57, 31 Kraus;
besser graw haar, denn gar keines Petri d. Teutschen weiszh. (1605) K 6ᵃ; ich (Schiller) bin der einzige sohn, und mein vater fängt an graue haare zu bekommen (1780) Schiller br. 1, 14 Jonas. sprichwörtlich:
sorge machet grâwez hâr,
sus altet jugent âne jâr
Freidank bescheidenheit 119 Bezzenberger;
vil sorg vnd jar machen grawe har
S. Franck sprichw. (1545) 1, 44ᵃ.
daneben:
nu bistu gar ein alder man
an manigen grawen locken
passional 299, 49 Köpke;
noch steht er vor mir mit dem redlichen antlitz von grauen lokken umflogen Schubart leben (1791) 2, 126;
das treppenhaus vertheidigt der portier
und schüttelt grimmig seine graue mähne
moderne dichtercharaktere 154 Arent-C.-H.;
deine grauen schläfen sind gefährlicher (als die jugend eines nebenbuhlers) Hechenröder du mich bitte auch (1955) 37. bildlich grauer schnee der haare:
und eh es halb vergangen,
was man zu leben hat, bedeckt der graue schnee
die vorhin gelben haar
Gryphius trauersp. 386 Palm; vgl. 422;
du feyrst im grauen schnee, der deine haare deckt
(1747) Wieland I 1, 1 akad.
grauer bart: eyme herolde mit eyme langen groe barte (1406) Marienburger treszlerb. 415 Joachim; sein grauer bart fiel bis zur brust herab Mörike w. 3, 32 Göschen. seltener:
der alte schwieg. das haupt gesenkt,
die grauen wimper thränen-getränkt
Dingelstedt ged. (1845) 213.
in den gleichen beziehungen auch prädikativ, in den verbindungen grau sein, werden, sich färben:
im widergienc ein ritter alt,
des bart al grâ was gevar
Wolfram v. Eschenbach Parzival 446, 11 L.;
es seye jhm auch bart und haar dieselbe nacht (in der gesellschaft von geistern) gantz grau worden, wiewol er den abend als ein dreissig jähriger mann mit schwartzen haarn zu bethe gangen seye Grimmelshausen Simpl. continuatio 76 Scholte; seine haare fiengen erst an sich grau zu färben Pfeffel pros. versuche (1810) 5, 10; ihr haar ist grau und dünn Gerhart Hauptmann Rose Bernd (1904) 38. auch grau von haaren, älter des haares (sein):
ih bin sô alt der jâre niht,
sô man mich grâ des hâres siht
minnes. 1, 105ᵃ v. d. Hagen;
sieh! wer sind denn diese da, so grau von haaren
Schiller 13, 13 G.
β)
in mehreren redensartlichen wendungen ist die beziehung auf die sorge als den grund des grauwerdens vorausgesetzt (s. auch 3 b γ). namentlich sich kein graues haar oder keine grauen haare (über etwas) wachsen lassen u. ä. 'sich über etwas keine sorge machen': lasz dir kein graw har darumb wachsen sprichw., schöne weise klugreden (1548) 35ᵇ; wegen beschaffung des textes hat sich der alte natürlich kein graues haar wachsen lassen Fontane ges. w. (1905) I 5, 24. vereinzelt in positiver aussageform: wohlsein eines jeden! dasz sie (die fürsten) sich nur darum graue haare wachsen lieszen! Göthe I 8, 32 W. älter auch das haar mit dem bart auswechselnd: Carolstat darff im auch keyn grawen bart wachsen lassen, wie wir bey got vorantwurten wollen, das wir der heiligen bilder in seyn hausz setzen H. Emser verantwortung (1522) D 1ᵇ. mundartlich mit anderer nuance und in anderer form: nau kri awer graue hor! (ausruf der verwunderung) rhein. wb. 2, 1369. daneben in entsprechender bedeutung etwas macht jmd. graues haar u. ä.:
sîn vil lôsez lunzen
machet mir vil grâwen loc,
swenne er in ir schôz sich leit
Neidhart lieder 116 Wiessner;
welches (die furcht, vater mehrerer unehelicher kinder zu sein) mir nit wenig graue haare machte Grimmelshausen Simpl. 403 Scholte; staatsgeschäfte werden uns keine grauen haare mehr machen Schiller 3, 24 G.
γ)
in anderer anwendung kann die verbindung graues haar in einer art synekdoche geradezu den begriff 'alter' vertreten: hätte er nicht (recht), so müszte man doch seinen grauen haaren etwas zu gefallen thun (1780) Mozart br. 2, 8 Schied. hier gern mit anspielung auf das alter als die lebensstufe der weisheit: klugheit unter den menschen ist das rechte grawe har, und ein unbefleckt leben, ist das rechte alter (vulgata: cani sunt sensus hominis) weish. Sal. 4, 9; nebst der weisheit meiner grauen haare C. F. Meyer d. heilige (1910) 31. von dorther im älteren sprichwort, das an den spätantiken topos puer senilis anknüpft, vgl. dazu E. R. Curtius europ. liter. u. lat. mittelalter ² 109f. (s. vor allem unten B 1 c β): grawe har stehen wol auff einem jungen kopff sprichw., schöne weise klugreden (1548) 150ᵇ.
δ)
graues haar, grauer bart stehen daneben metonymisch für ihren träger, den alten menschen; wiederum im anschlusz an bibellat. vorbild (genesis 42, 38). frühmhd. substantiviert:
so muͦzzen mine grawe (canos meos)
weinente faren zungnaden
altdeutsche genesis 4798 Dollmayr.
im übrigen:
zühte wellent grâwen bart
Spervogel in: minnesangs frühling 21, 32;
wenn jm ein unfal auff dem wege begegnete, da jr auff reiset, würdet jr meine grawe har mit hertzeleide in die gruben bringen 1. Mose 42, 38; vgl. 1. kön. 2, 6; 9; graue bärt schlagen den feind nicht Grimmelshausen Simpl. 47 Scholte;
wenn jetzt von flucht was, und verräterei
an meinem grauen haar zu tage kommt,
so ist mir das so neu, ihr herrn, als euch
H. v. Kleist w. 1, 395 E. Schmidt.
b)
seltener in der kennzeichnung anderer teile des menschlichen körpers, attributiv und prädikativ. am häufigsten von den augen, hier gern mit den nebentönen des hellen, des scharfblickenden, des klugen u. ä.:
die ougen lieht unt grâ
bei Lexer 1, 1063;
entgegen aber Pallas schnell
mit jhren grawen augen hell
Spreng Ilias (1610) 68ᵃ;
breite stirn und breites kinn, graue, kluge leuchtende augen, kurz geschnittenes, graues, sprödes haar und ein bart von gleicher art und farbe W. Raabe s. w. I 3, 6 Klemm. vom gesicht:
da sieht das falt'ge antlitz er erbleichen;
rauh tönt der graue mund (eines greises) mit herbem spott
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 233;
die wangen der schönen frau waren grau Gutzkow ritter v. geiste (1850) 6, 431; mit einem ... ausdruck tiefinnerster zufriedenheit in seinem ... grauen gesicht M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 5, 116; unsre gesichter sind grau, verfallen, von qual zerstört Ernst Wiechert d. todeskandidat (1934) 25. in anderer beziehung nur gelegentlich: seine grauen soldatenfinger stopfen alles zurecht Voigt-Diederichs mann u. frau (1923) 95.
c)
speziell in medizinischer fachsprache, attributiv in der benennung krankhafter erscheinungen oder anatomischer einzelheiten am menschlichen körper. bereits seit dem 16. jh. als grauer star (im unterschied zum schwarzen und grünen) name einer augenkrankheit, bei der die pupille einen grauen reflex gibt: der grawe star, cinerea cataracta, so dieser star recht zeitig und reiff wird, so erscheinet er im anschawen graw, als eine asche oder büchene rinde Bartisch augendienst (1583) 49ᵃ; er ist fast ganz blind, will sich im nächsten frühjahr den grauen staar operiren lassen (1888) G. Freytag br. an seine gattin (1912) 267. die graue substanz des gehirns oder rückenmarks: im rückenmark liegt die graue substanz zentral, die weisze an der oberfläche. im gehirn finden wir die graue substanz an der oberfläche (als rinde) und im innern (als zentrale graue kerne) ... die graue substanz des zentralnervensystems besteht vorwiegend aus nervenzellen A. Waldeyer anatomie d. menschen (1942) 1, 75. anders: die basis des hirntrichters ist von einem ringförmigen blutbehälter umgeben, welcher kleine venen aus dem grauen höcker, dem trichter, dem hirnanhange und dem keilbeine aufnimmt Sömmerring menschl. körper (1839) 3, 2, 274.
3)
von grau als bezeichnung einer haarfarbe her in metonymisch erweiterter anwendung auf körperteile des menschen oder auf seine ganze person im sinne von 'graufarbige haare tragend'.
a)
namentlich seit alters graues haupt, grauer kopf.
α)
'haupt mit ergrautem haar':
du (Apollonius) wurst kunig da,
das hab auff meinem haupte gra
(bei meinem grauen haupte)
Heinrich v. Neustadt Apollonius von Tyrland 4861 Singer;
ein bawersmann, der ein graw haupt und einen schwartzen bart hett Kirchhof wendunmuth 200 Öst.; dann stützte er den arm auf das knie und den grauen kopf in die hand, um sich zu sammeln Ric. Huch kampf um Rom (1925) 126. mit dem nebenton 'weise' oder 'ehrwürdig':
Friederich mag sein graues haupt
hinsenken in die zukunft
Klopstock oden 2, 22 M.-P.;
wenn sie ihn gefangen nähmen, als rebell behandelten, und sein graues haupt — Lerse, ich möchte von sinnen kommen Göthe I 8, 148 W.
β)
in noch weitergehender übertragung metonymisch für den alten menschen selbst, ähnlich wie oben 2 a δ: mîn sun andonde (kränkend) daz mîn grâuua houbet Notker 1, 691, 13 P.; nur das unwürdige weib, das schon so viel kummer über sein graues haupt gebracht, verliesz ihn nicht Treitschke dt. gesch. (1897) 3, 252; was aber die grauen köpfe im rat bewegte, das war dieses W. Raabe s. w. I 6, 178 Klemm. auch hier die bedeutung 'ehrwürdig' einbeziehend: stee auff vor dem grauen haubt: vnd ere das bilde des allten erste dt. bibel 3, 426 Kurr., vgl. 3. Mose 19, 32; du solt den grawen kopff ehren Luther 53, 212 W.; nachdem uns 6 graue häupter zur bewillkommung entgegengeschickt waren Schnabel insel Felsenburg 4 (1744) 201.
b)
auf den ganzen menschen bezogen, ist grau im sinne von 'grauhaarig' oft von der uneigentlichen bedeutung 'alt, bejahrt' (s.B 1 a) nicht sicher zu unterscheiden.
α)
in attributiver anwendung, oft in der verbindung alt und grau, die für grau den sinn 'grauhaarig' zu bewahren scheint, während sie ihn im prädikativen gebrauch (s.B 1 a β ββ) fühlbar preisgibt. am geläufigsten in der verbindung mit mann: canus, ein grob man uel grab har (bair. 1432) in: Frommann zs. f. dt. maa. 4, 294ᵃ; es waren viel grawer alter menner und weiber, auch wol bettler und böse buben zu Jerusalem, da Salomon, ein jüngling bey 20 jaren, ein herrlicher könig ward Luther 53, 479 W.; da sie nicht weit von dannen ein hausz erblickten ..., für selbtem einen alten grauen mann ... antraffen Lohenstein Arminius (1689) 1, 1123ᵃ. anderes mehr gelegentlich:
im widergienc ein rîter alt,
des part al grâ was gevar ...
Parzivâl bôt sînen gruoz
dem grâwen rîter der dâ gienc
Wolfram v. Eschenbach Parzival 446, 23 L.;
ist diese wahrheit allgemein,
und trifft sie auch die grauen alten ...
was darf sich denn die jugend viel (beklagen)
Gottsched ged. (1751) 1, 279;
nun litt ich das, ihr herren, um jenes grauen, unwirschen alten willen H. v. Kleist w. 9, 190 E. Schmidt; Raphaels ewiger vater steht wie ein grauer greis: ist das der gott, der da bleibet, wie er ist? Herder 3, 256 S.
β)
in der substantivierung gelegentlich hierher, meist freilich zu B (s. d. 1 a γ): canus eyn grawe (nd. 15. jh.); grawer (s. l. e. a.) Diefenbach gl. 96ᵇ;
wie gfelt mein alter grauer dir,
der verdrossen karg neidisch hund?
Ayrer dr. 2262 lit. ver.;
und der alte mann nahm die alte graue (frau) beim vertrockneten ohr G. Keller ges. w. (1889) 3, 132.
γ)
prädikativ und halbprädikativ in einer reihe verbaler wendungen. grau sein, grau werden:
dô sach er sitzen dâ
einen man, der was grâ,
sîn hâr von alter snêwîz
Hartmann v. Aue Erec 275 Haupt;
im alter ist er (Karl d. Grosze) ganz grâb gewesen, ist im wolund êrlich angestanden Aventin bayer. chron. 2, 151, 27 Lexer; der arme Fritz ist ganz grau geworden. geht mir übrigens ebenso Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 6, 414. in präpositionaler erweiterung den anlasz des grauwerdens bezeichnend:
ach, Minne, lâ mir gelingen!
ich bin grâ von den dingen
daz diu liebe smâhet mich
alsô vesteclich
Uolrich v. Winterstetten in: dt. liederdichter d. 13. jhs. 512 Kraus;
des huoten zwêne rîter dâ,
die wâren beide von alter grâ,
baz danne hundert jâr alt
Wirnt v. Gravenberc Wigalois 7090 Kapteyn;
ich bin schir graw worden vor sorgen
Hans Sachs 17, 44 lit. ver.;
durch dein sehnliches entbehren
werd ich vor den jahren grau
J. Chr. Günther ged. (1735) 263.
in der kopulativen wendung alt und grau werden weist grau stärker nach B (s. d. 1 a β ββ). in halbprädikativer verwendung unfest:
dasz weiber gern dem staate sich ergeben,
und leben, um geputzt zu leben,
darüber sorgt der mann sich grau
Gellert s. schr. 1 (1784) 297.
in der wendung die sorgen machen grau, auf der grenze zur uneigentlichen bedeutung 'alt'; sprichwörtlich: der ist arm, den sorgen graw machen Lehman floril. polit. (1662) 3, 38; kummer und sorgen machten ihn lange vor der zeit grau U. Bräker s. schr. (1789) 1, 168. die wendung jmd. oder etwas macht jemanden grau u. ä. hat, wie die entsprechende verbalbindung unter 2 a β, die prägnante bedeutung 'jmd., etwas macht einem sorge, kummer':
Condwîr âmûrs vrumt mich (Clâmidês) grâ
Wolfram v. Eschenbach Parzival 219, 23 L.;
die weil jch gepredigt hab, hat man mich auff eyner seyten gescholten eynen heuchler der herren, auf der anderen einen heuchler der gmayne, jch lass mich sollichs wölfs heulen nit graw machen Eberlin v. Günzburg s. schr. 3, 259 ndr.
c)
viel seltener, im anschlusz an 2 b, im sinne von 'graue gesichtsfarbe habend' auf den ganzen menschen bezogen. so in der wendung etwas macht jemanden grau: Auguste stand der brautstaat nicht vorteilhaft, das milchweisz des starren kleides machte sie grau Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 61. ähnlich in reflexiver wendung:
haar-poudre.
welt ist mit ihr selbst nicht einig; grauen macht ihr sonst ein grauen;
ietzo siht man grau sich machen junge jungfern, junge frauen
Logau sämtl. sinnged. 113 lit. ver.
4)
in anderer metonymischer erweiterung von personen oder auch gemeinschaften in grauer kleidung, soviel wie 'grau gekleidet'.
a)
vornehmlich von bestimmten mönchsorden nach der grundfarbe ihrer tracht, vom mhd. bis ins 16. jh., jünger nur historisierend oder unbestimmt; terminologisch, aber nicht einheitlich und konstant. satirisch von der vielzahl der ordenstrachten: wiewol etliche in schneeweisz, etliche in kohlschwartz, die andere in eselgraw, inn grasgrün, in fewrrot ... gekleidt gehn, ... der eine mönch graw wie ein spatz, der ander hellgraw wie ein klosterkatz Fischart binenkorb (1588) 26ᵃ.
α)
grauer mönch. so zunächst und zumeist von den zisterziensern (die aber auch weisze mönche genannt wurden) im unterschied zu den schwarzen (benediktiner-) und weiszen (prämonstratenser-)mönchen, vgl. dazu Gaupp german. abhandl. (1853) 94 ff.; Buchberger lex. f. theol. u. kirche 10, 1078: al vare he ut binnen enem jare, alse grawer monecke recht stat Sachsenspiegel I 25 § 3 (dazu Gaupp a. a. o.); ein munich von Citirz hette unser wrowen lip van alle sime herzen ... da sag er (im himmel) aller der hande orden di man uf ertriche kan winden: swarz orden und wize ... van sin orden, grawe muͦniche, sag er dinhein sele in himelriche d. hl. regel 61 Priebsch; in disser duren spiseden de grawen monnike (des zisterzienserklosters Riddagshausen) ... alle dage mer denn veirhundert volkes mit brode (14. jh.) städtechron. 7, 186; grawe munich u. ä. für cisterciensis mehrfach in hd. und nd. glossaren des 15. jhs., vgl. Diefenbach gl. 124ᵃ. historisch referierend: das sumpfige waldtal ... das war die echte zisterzienserlandschaft; sie in kulturland umzuwandeln, das war die aufgabe des klosters. daraus erhellt die bedeutung der 'grauen mönche', wie sie ursprünglich von der farbe ihres skapulieres hieszen, für die deutsche ... bodenkultur Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 97. daneben für die franziskaner und andere bettelorden, die wahrscheinlich zunächst graue statt der späteren braunen tracht trugen. gelegentlich wohl schon in mhd. zeit, wenn der folgende nachweis auf bettelmönche zielt (s. auch unt. γ):
ze Wienne, sô man ezzen wil,
sie strîchent umbe nâch der pfrüent,
vor der herren tisch sie lüent
sam die kelber nâch den küen.
ein grâwen münich möht ez müen
Seifried Helbling 111 Seemüller.
durchweg im 16. jh.: die franciscaner und grauen mönche haben erstlich sich gerühmet, als lebeten sie nach dem euangelio Christi Luther tischr. 4, 165 W.; 5, 676; 3, 466; zu den grawen münchen, die man barfuser nennet odder minores Luther 18, 236 W.;
vnd sag mir hie fein kürtzlich an,
was doch die vrsach gründlich war
des zorns in der beschornen schar
der schwartzen münch (der dominikaner) hie mit den grawen (den franziskanern)
Fischart St. Dominici leben v. 261 Kurz.
so in der jüngeren lexikalischen tradition, vgl. Henisch (1616) 1733 s. v. grawbruͦder, grawmünch; Campe 2 (1808) 445ᵃ. daneben für einen bestimmten zweig der benediktiner: ebenso hieszen die vallombrosaner graue mönche Buchberger lex. f. theol. u. kirche 4, 654. in den gleichen spezifischen anwendungen neben graue mönche auch graue brüder, vgl. Buchberger a. a. o. 4, 654. jünger an die vorstellung einer bestimmten ordenstracht nicht mehr gebunden und wohl überhaupt komplexer empfunden:
grauer mönche chor
kniet betend, kerzen flammen hoch empor (bei einer totenfeier)
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 211.
β)
entsprechend graue nonne zunächst wohl auf die gleichen orden zu beziehen wie unter α, wenn auch in den nachweisen nicht immer erkennbar: ich enpfilhe euch der von Wirtenberg schwester, ain hailige grawe nunnen, der mich got und die mir got gar geträulich geben hat (1346) Heinrich v. Nördlingen in: Margaretha Ebner 249, 63 Strauch; cisterciensis grawe nonne, num (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 124ᵃ; zu den grawen nonen sol der Plarer ... gan (1528) bei Fischer schwäb. 3, 808. graue nonne, graue schwester daneben aber in speziellerer anwendung: graue schwestern (od. g. nonnen), seit dem spätmittelalter volkstüml. name für spitalschwestern in Nordfrankreich u. den Niederlanden ..., auch für beginen gebräuchlich, ferner in neuerer zeit für die barmherz. schwestern ... stehende bezeichnung ist dieser name für die schlesischen grauen schwestern v. d. hl. Elisabeth Buchberger lex. f. theol. u. kirche 4, 654; da es ihr nicht möglich wurde, ... eine 'graue schwester', diakonissin oder schwanenjungfrau zu werden, so hatte sie es ... mit der politik Gutzkow ritter v. geiste (1850) 4, 47.
γ)
in den älteren (uneigentlichen) verbindungen grauer orden, graues leben, auch hier vornehmlich von den zisterziensern:
den grâwen orden er enpfienc
in dem klôster Zîtes
(13. jh.) Marienlegenden 106, 6 Pfeiffer;
got selbe der gab uns die ê ...
dô gap nâch der selben frist
sant Bernhart daz grâwe leben
Seifried Helbling 97 Seemüller;
ain manscloster Citeler ordens, in den gaistlichen rechten genant der grau orden (1531) Knebel chron. v. Kaisheim 8 lit. ver. im folgenden beleg wohl nicht auf die zisterzienser zielend, sondern in früher anwendung auf die bettelorden:
welch ein orden
bist dû, werde ritterschaft! vil herter dan Franzisse
und aller grâwen orden sî,
Benedic, Dominic, Augustîn dâ bî,
swer dich mit wird wil tragen sunder misse
Lohengrin 5378 Rückert.
jünger ist grauer orden das mönchsleben überhaupt:
der Isegrim derselbe war,
auf eine zeit ein munch geworden:
weil ihm das glük zu wieder gar,
vnd lautbar war sein grausam morden:
drum dasz er nicht kehm in gefahr,
erwehlet er den grauen orden
Reinicke fuchs (1650) 185.
auch eine frühe übertragung auf die herbstliche natur läszt schon an mönchisches leben schlechthin denken:
des hat diu heide sich begeben in grâwen orden
der von Buwenburc 6, 6 in: Schweizer minnesänger 262 Bartsch.
δ)
graues kloster zisterzienser- oder franziskanerkloster: ein herre waz ungenedic eime grawen closter d. hl. regel 75 Priebsch; dat men dat grauwe closter (der franziskaner) uplopen wolde und de monneke darut vorjagen (1531) städtechron. 36, 458; dieses 1271 gestiftete franciscanerkloster (in Berlin), welches von den grauen kappen der mönche, das graue kloster genannt wurde Büsching gesch. d. Berlin. gymnasii im grauen kloster (1774) 2.
b)
in der kennzeichnung anderer grau gekleideter personen.
α)
vor allem als graues männlein u. ä. für kobolde, erdgeister, vorwiegend von der kleidung her:
ein graues männlein pflegt bey nächtlicher frist
durch verschlossene thüren zu ihm einzugehen,
die schildwachen habens oft angeschrien,
und immer was groszes ist drauf geschehen,
wenn je das graue röcklein kam und erschien
Schiller 12, 29 G.;
wie aus allen winkeln des zimmers ein kleines graues männchen sie geneckt und gehöhnt habe E. T. A. Hoffmann s. w. 1, 203 Gr. komplexer als kennwort für die geister und für die ganze sphäre des geisterhaften, gespenstischen, spukhaften, wobei zur vorstellung grauer kleidung auch diejenige grauer gesichtsfarbe (s. ob. 3 c) treten kann und der gebrauch sich manchmal uneigentlicher bedeutung nähert, ohne sie ganz zu erreichen: denn hager, grau, wie ungebleichtes leinen, breitköpfig war der geist! ein spinnwebengesicht hatt er! augen hatt er nicht; aber wol eine nase Klopstock gelehrtenrepublik (1774) 390; er ist, wie ein wandelndes hochgericht, das unschuldige freuden mordet, wie ein schwark, wie ein grauer spukgeist, als ein wehrwolf und angehender wütrich Fr. L. Jahn w. 2, 696 Euler. substantiviert: der graue (überschrift einer gespensterballade) A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 1 (1879) 286; br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 185. speziell die graue eminenz. zuerst als l'eminence grise von dem kapuziner pére Joseph, Richelieus berater; wohl von 4 a her, aber zugleich mit dem beisinn des unheimlich im hintergrund wirkenden. von da her auf politiker ähnlicher artung übertragen, so auf Friedrich v. Holstein (†1909), vgl.: J. v. Kürenberg die graue eminenz (²1934) titel.
β)
im anschlusz an die verbindung grauer rock für die feldgraue uniform des ersten weltkriegs (s. unt. 7 a η) auch zur kennzeichnung ihrer träger: zwei landser von der feldküche unterhalten sich mit ein paar grauen jungens aus dem schützengraben Liller kr.-ztg., d. lust. büchel (1916) 16; vertraut als graue kameraden (von soldaten) O. Paust dt. verse (1936) 72. hier auch substantiviert, der graue 'der soldat in feldgrauer uniform': und als das regiment zum weitermarsche antrat, da waren die 'grauen' all eins Liller kriegsztg. kriegsflugbl. inf.reg. 457 (okt. 1917) nr. 4. westfront.
5)
in der anwendung auf tiere. in streng eigentlicher beschränkung zur bezeichnung eines körperteils nur selten, meist in metonymischer erweiterung das ganze tier kennzeichnend. im sinne von 'graue haare, graues fell, graue federn habend'.
a)
vorwiegend, aber nicht ausschlieszlich, in fester attributiver verbindung.
α)
eine bestimmte tierart kennzeichnend, wie den wolf, den esel, die taube u. a., deren wesentliches kennzeichen die graue farbe ist:
ioͮ der wolf grawe   ne dorfte dare gahen
exodus in: fundgr. 2, 87, 18;
lasz dem grauen wolf die herde
und dem hunger dein gesinde!
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 37;
der esel ist graw im mutterleib id. Austriac. 77;
da sprach der graue herr (der esel), dein bauch ist voll und satt,
und deine weisheit stammt aus dem gefüllten magen
(dafür i. d. ausgabe von 1762: das graue thier)
Lichtwer Äsop. fabeln (1748) 121;
ein grawe taub war ehe sein bott
Rollenhagen froschmeuseler (1595) F 1ᵇ;
schon über offene matten
laufen erdspinnchen grau
Carossa stern üb. d. lichtung (1947) 9.
streng eigentlich von bestimmten körperteilen eines tieres: der schnabel (einer nicht benannten vogelart) sihet, wie desz reigers: die füsse fallen, wie der gänse, grau und hornfarb Er. Francisci lust. schaubühne (1697) 3, 210;
grau sind seine (des wolfes) zotteln fürwahr, doch sucht man die weisheit
nur vergebens dahinter.
Göthe I 50, 163 W.
β)
daneben zu spezieller unterscheidung innerhalb ein und derselben art:
so ist daz dritte ros gra
(13. jh.) kl. mhd. erz., fabeln u. lehrged. III nr. 186, 194 Rosenhagen;
erstlich ein grawes pferdt er meidet,
dann allzeit er ein falbes reitet
Fischart w. 2, 116 Hauffen;
den graben hasen und rebhuen soll der richter lassen verpieten (zu jagen) (Wangen 1338) österr. weist. 5, 202; vgl. (1474) 450; (1565) 2, 143; auch zeigtte mann ... eine weisse mauss, auch eine grawe (1491) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 231; die groen wachteln seind vil leichter zu zämen dann die gesprängten Sebiz feldbau (1579) 118;
kumpt ir katzen, schwartz vnd grauw,
vnd singen mauw vnd aber mauw
Murner v. d. groszen lutherischen narren 149 Kurz;
ein zahmes reh erschien neugierig unter der thür, eine prachtvolle graue katze folgte G. Keller ges. w. (1889) 1, 179;
uns (in der Mark) beschäftigt nicht der pfauen,
nur der gänse lebenslauf;
meine mutter zieht die grauen,
meine frau die weiszen auf
Göthe I 1, 147 W.
substantiviert: habe also dem alten sprüchwort nachgelebet: wer zu hofe sein wil, musz itzo oben bald unten liegen und wie jener sagte: die grohe (d. i. die graue kuh) musz ziehen, wohin sie gespannt wird Schweinichen denkw. (1820) 3, 105; schweiz. id. 2, 831; die morgenröthe brach an vnnd herfür, welche ... den armen Santscho Panssa ... sehr betrübt ... machte, alldieweiln er seine grawe zu vermissen begunte Bastel v. d. Sohle junker Harnisch (1648) 306; da er ... beim nächstfolgenden viehmarkte den wohlbekannten grauen (esel) ... in fremde hände gerathen sah ..., so hielt er weitere verwarnungen für unnöthig Holtei erz. schr. (1861) 14, 168.
b)
graue tiere im vergleich und im sprichwort, meist in unmittelbarem anschlusz an a:
der von alter was gevar
alsam ein grîsiu tûbe grâ
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 10 739;
kibitzeneier ... werden vom kibitz, einem vogel gelegt, der ungefähr so grosz wie eine taube und grau wie eine schnepfe ist Brentano ges. schr. (1852) 5, 112; su gr(au) wie en esel rhein. wb. 2, 1368. übertragen:
wie mögt ir (bauern) so grab esel sein,
dass ir alle habt selbert frawen
und thut doch all im schalcksberg hawen (und seid ehebrecher)
Hans Sachs 17, 161 lit. ver.
sprichwörtlich: ein grawer schimmel zeucht eben so wol, als ein roter fuchs Petri d. Teutschen weiszh. (1605) V 3ᵃ; in der nacht sind alle katzen graw Faber thes. (1587) 996ᵃ; Kern sprichw. (1718) 33; es sieht es ja keiner; bei nacht sind alle katzen grau und es darf bloss nich 'rauskommen Fontane ges. w. (1905) I 6, 40;
wer kennt den schelm in tiefer nacht genau?
schwarz sind die kühe, so die katzen grau
Göthe I 15, 20 W.
6)
seltener im pflanzlichen bereich.
a)
allgemein als farbbezeichnung für pflanzen oder pflanzenteile: der zam und recht scharlach wachszt inn gärten ... bringet zwey kleiner grawer blettlein Bock kreutterb. (1539) 19;
es neigt ein weidenbaum sich übern bach,
und zeigt im klaren strom sein graues laub
Shakespeare 3 (1798) 318 (Hamlet 4, 7);
wie ein beet voll lebendiger pilze, roter, blauer, grauer O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 14. sprichwörtlich: im winter werden die bäum auch graw, der stamm bleibt doch gesundt Lehman floril. polit. (1662) 1, 14. hierher der poetische topos von den gräsern und wiesen, die der tau des frühen morgens grau färbt, seit dem humanismus im anschlusz an
dum mane novum, dum gramina canent,
et ros in tenera pecori gratissimus herba
Vergil georg. 3, 325.
vgl. schon: so der grauuo rifo uuirt an demo eccheroden touue (cum candens pruina glaciatur tenero rore) Notker 1, 787, 28 P.;
der meie hât gekrœnet
berc und tal mit manger blüete wilde,
die man sach von rîfen grâ
Chuonrat v. Kilchberg in: dt. liederdichter d. 13. jhs. 234 Kraus;
in vere ist das allerkostlichste ding, quando aurora venit et ros cadit et coelum ist lauter, et tamen in gramine sihet man, wie es fein graw und kraus die bletter Luther 49, 24 W. (wohl hierher und nicht zu grauen, vb.); dum mane novum, dum gramina canent morgen in aller frühe, wann die wiesen vom thaw gar graw sind Corvinus fons lat. (1646) 145; vgl. ferner bei Schönaich ästhetik 27 Köster; alle gräser waren noch grau vom thau Kahlenberg Eva Sehring (1901) 35.
b)
daneben in spezieller kennzeichnung bestimmter pflanzenarten oder fruchtsorten: cana mala grawa epphila (12. jh.) ahd. gl. 2, 676, 40 St.-S.; eine gewisse sorte grauer kleiner äpfel, die er seit vielen jahren der fürstin witwe zu verehren gewohnt war Göthe I 24, 304 W.; cicera ... schwartzlecht kicheren, graw erbs Calepinus XI ling. (1598) 236ᵃ; rumex scutatus L. grauer ampfer Dietrich vollst. lex. d. gärtn. (1802) 8, 325. von weintrauben: 'graue' Clevner, im unterschied von schwarzen schweiz. id. 2, 831. substantiviert: die gute graue (birnensorte) Dietrich vollst. lex. d. gärtn. (1802) 7, 691; Fischer schwäb. 3, 808.
7)
in der anwendung auf menschliche gebrauchsgegenstände an mehreren stellen sehr ausgeprägt.
a)
besonders von der kleidung und einzelnen kleidungsstücken, meist in attributiven verbindungen wie graues kleid, grauer mantel, besonders grauer rock, aber auch prädikativ.
α)
ärmliche kleidung und die tracht von personen niederen standes, besonders die der bauern kennzeichnend, vgl. dazu W. Wackernagel kl. schr. 1, 190 ff.:
nû wil ich iu sagen umbe den bûman,
waz er nâch der pfaht solte an tragen:
iz sî swarz oder grâ,
niht anders reloubet er (Karl d. gr.) dâ
kaiserchron. 14793;
er (ein ritter) waz mulich gevangen
und beschatzet also sere
daz er niht het mere
wan vil bœse grawe cleit
und ein so armes pfert reit
(13. jh.) kl. mhd. erz., fabeln u. lehrged. III nr. 175, 19 Rosenhagen;
trugen auch bettler ... kleydungen, welche graw Zinkgref-Weidner teutscher nation weish. 3 (1653) 35;
(Morolf) verbarg ...
sîn vil schône wât
ein grâwen roc leit an der wîgant,
zwêne grôze schuͦwe
Salman u. Morolf 701, 4 Vogt;
solts darzuͦ noch eyn schand vnd vnrecht sein, mit den eynfeltigen vnd armen bauren eyn grawen rock tragen? a. d. kampf d. schwärmer gegen Luther 43 ndr.;
hie vor in kurzen jarn
was kain paur so reich,
si muosten all geleich
grabe mäntl an tragen ...
ain grabe kappen und ein pösen huot
und ain kittl hänfein
und ein joppen leinein.
fastnachtsp. 440 Keller.
historisierend: wie Andreas Bodenstein von Karlstadt, der den doktorhut mit dem grauen filzhut des bauern vertauschte W. Riehl d. dt. arbeit (1861) 211. im sprichwort:
grae rock reysz nit
herrn huld erbt nit
Tappius adag. cent. septem (1545) R 5ᵃ;
es stecket offt grosse weisheit vnder einem grawen mentelein Friedrich Wilhelm sprichwörterreg. (1577) C 1ᵇ. hierher wohl (und nicht von b her) in einem älteren sprichwort, in dem graues tuch für den träger desselben steht: dem grauen tuͦch muͦsz mann also thuͦn, es kemen sonst die schaben drein (zu 'demut') S. Franck sprichw. (1541) 1, 121ᵇ; schweiz. id. 2, 831.
β)
die gleichen oder entsprechende verbindungen begegnen für geistliche gewandung oder sonst für eine bestimmte, aus religiösen gründen gewählte kleidung, nicht ohne inneren zusammenhang mit α. so für die tracht des pilgers, des büszers und des freiwillig armen, vgl. dazu W. Wackernagel a. a. o. 183:
ouch dede hey an dar na
eynen alden kotz gra
der was des armen (pilgers) gewesen
Karlmeinet A 259, 30 Keller;
von ungelucke ez dô quam,
daz im (Tristrant) der grâwe rock zureiz,
dar dorch man abir, got wol weiz,
sach scharlachin glîzzin
Eilhart v. Oberg 7823 Lichtenstein; vgl. 7446;
und soltent alle die die do werent in dem rote, mit krutzen gon barfuͦz in grouwen menteln ... und so der krutzegange zerginge, so soltent sü ... die grouwen kleider armen lüten geben (Straszb. 1362) städtechron. 8, 137; als der mey kam, nam herr Tristrant grauwe kleyder an sich, als ein bilgram buch d. liebe (1587) 101. historisierend:
hilf himmel! schwester Berta, bleich,
im grauen pilgergewand (d. h. als bettlerin)
Uhland ged. u. dramen (1876) 2, 169.
bei Luther gern von der bewuszt einfachen kleidung der schwärmer und wiedertäufer, deren wahl er einer falschen religiösen demut zuschreibt: (Karlstadts anhänger) zihen einen grawen rock ahn, setzen einen grawen hudt auff, unnd stecket doch ihr hertz voller hoffart unnd begirt nach grosser ehr w. 47, 359 W.; vgl. tischr. 6, 15; alle bücher u. schr. (1556) 6, 317. vor allem, ob. 4 entsprechend, vom mönchsgewand, allgemein oder auf einen bestimmten orden zielend:
sin cleit was ein kutte gra
und lag sin closter nahen da
Ulrich v. Türheim Rennewart 8887 Hübner;
in groen parfuserkutten (Nürnberg 1480) städtechron. 10, 360;
kum har, begin im grawen kleid
Niclas Manuel 7 Bächtold;
das die orden beid
im grawen vnd im schwartzen kleid
auch wider einander predigen (franziskaner u. dominikaner)
Fischart s. dicht. 1, 144 Kurz.
einen grauen rock antun, anziehen u. ä. 'mönch werden': und (ich) solt einen grawen rok antuͦn Tauler pred. 255 V.; wie man soll fromm werden, darnach fraget man. ein barfüszermönch spricht: zeuhe eine graue kappe an, trag ein strick und platte Luther tischr. 6, 156 W.; vgl. w. 47, 800. in einer polemischen wendung der reformationszeit stehen die grauen röcke prägnant für die mönche: gott gebe das sie zürnen müssen, biss die grawen röck vergehen (d. h. immer, ohne ende) Luther 11, 247 W.; Petri weiszh. (1605) Ss 1ᵃ. ebenso:
so sag mir eins du grawe kutt,
was stellest du nach meinem blut? ...
die zeyt ist noch nit gangen hin
das werd gerochen alles leyd,
das sey dir gsagt du grawes kleyd
(randbem.: zu den barfüszern klöpperen)
Hutten schr. 3, 510; 511 Böcking.
γ)
für sich steht die verbindung grauer rock als bezeichnung des legendären gewandes Christi, des 'ungenähten rockes', wohl in der sprache der pilger, vgl. W. Wackernagel a. a. o. 183: zu sante Johanse zu Rôme dô ist ... der grâwe rok unses herren, in der kappellen di dô heizet zu Salvatori (1343—49) Hermann v. Fritslar in: dt. myst. 1, 69, 11 Pfeiffer; vgl. noch anm. zu 345, 39. so namentlich im Orendel, hier auch für den könig Orendel selbst als den finder und träger des rockes:
do er in (Orendel) von ferren ane sach,
gern mügent ir hœren, wie er sprach:
'got grüez iuch, hêr Grâwer Roc'
Orendel 842 Berger.
δ)
grauer rock als gewand des armen sünders:
und sol in drei tag danach setzen
bei der fleischprucken in den stock
anlegen ein langen groen rock
fastnachtspiele 157 Keller (vgl. auch s. v. rock sp. 1097).
ε)
als charakteristische farbe für die kleidung der witwen oder älteren frauen, in jüngerem gebrauch:
und im grauen witwenhemde schleich' ich durch den grünen wald
W. Müller ged. 219 lit.-denkm.;
ich sehe eine alte frau im grauen kleide Storm s. w. (1899) 1, 59.
ζ)
im gegensatz zu α, aber viel seltener, als farbe von pelzgewändern oder modisch vornehmer kleidung (s. noch unt. b): (der geist eines toten) hat ein weise schlaffhauben ufgehapt, einen weisen bart und dann ein langen, groen nachtbelz Zimmer. chron. ²4, 173, 11 Barack;
grau engelisch wil ich mich kleiden
(1531) bergreihen 99, 34 ndr.
fraglich, ob hierher, das engelsch grow bei Th. Murner narrenbeschw. 241 ndr., vgl. dazu den kommentar des herausgebers. hierher vielleicht die wendung sich einen grauen rock verdienen als lohn für angeberei, verleumdung, wie entsprechendes sich einen roten rock (die hoftracht) verdienen durch augendienerei, vgl. s. v. rock I 5, sp. 1096 u. unten graurock:
weicht ausz, ir frummen erbren gsellen,
die grouwen reck nit verdienen wellen!
disser standt hort myr hie zuͦ,
das ich manch vnnutz schwetzen thuͦ.
doch hab ich etwas guͦtz dor von:
eyn groen rock nym ich zuͦ lon
Murner schelmenzunft 18 ndr.
η)
von der uniform des deutschen soldaten seit dem und besonders im ersten weltkrieg, abkürzend für feldgrau, vor allem in poetischer sprache:
was tust du, kind, im grauen rock,
in dem dein bruder stritt und litt? ...
mein bruder starb im grauen rock,
drum ist's ein zweifach ehrenkleid
Flex im felde zw. nacht u. tag (1918) 6;
schnitterfäuste greifen
hart ins gewehr, das überm grauen kleid
am riemen hängt zu schlag und schusz bereit
ebda 56.
θ)
in unspezifischer anwendung jüngerer sprache: deine wäsche schicke nur gerade her, dein graues beinkleid ist wenigstens noch im hause zu tragen (1823) Beethoven s. br. 4, 322 Kalischer; zwei junge menschen in gewöhnlichen grauen überröcken Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 128; es war ein langer, hagerer, grau gekleideter mann O. Jahn Mozart (1856) 4, 566.
b)
in der anwendung auf graufarbige tuche und stoffe: lach ingrau wer (sacellum crisium) (12. jh.) ahd. gl. 3, 344, 34 St.-S.; item 12 m. deme vischmeister us der Scharffow vor eyn gro laken deme meister Marienburger treszlerbuch (1399—1409) 34 Joachim; die wände waren bis zur halben höhe mit grauem stoff bespannt Carossa d. tag d. jungen arztes (1955) 126. häufig, a α entsprechend, mit bezug auf die kleidung des armen, des bauern, des bedienten:
man urloubt im (dem bauern) hûsloden grâ
und des vîrtages blâ
Seifried Helbling 69 Seemüller.
dies namentlich in der häufigsten verbindung graues tuch, vgl. fachsprachl. graues tuch für ungefärbtes, weniger wertvolles s. v. tuch II C 2 b α, sp. 1469 f. u. A. Schulz höf. leben ²1, 324:
er (der herzog) sol sich bewegen
an sîniu bein ze legen (wie ein bauer)
zwô hosen von grâbem tuoche
Ottokar österr. reimchron. 20 020 Seemüller;
verdinget ein beghartsrock und kappen zuͦ machen von einem wuͤsten groben grawen hotzentuch Wickram w. 2, 377 lit. ver.; gleichsam, als wenn es recht eigentlich auf seine demüthigung abgesehen wäre, wählte man ihm graues bediententuch zum kleide Moritz Anton Reiser 145 lit.-denkm. auf den geringen wert des grauen tuchs spielt das sprichwort an: an worten vnd grawem tuͦch geht vil ein S. Franck sprichw. (1541) 1, 88ᵃ; vgl. Körte sprichw. (1837) 502. substantiviert, wohl ohne rücksicht auf die qualität: unde de rat scal om gheven ... vij elne grawes (ein in Braunschweig fabriziertes tuch) Mychaelis (Braunschw. 1417-26) städtechron. 6, 250; Lützelburger grawes wollenstoff aus Luxemburg (15. jh.) schweiz. id. 2, 831. seltener kennzeichnet grau die kostbaren pelze oder stoffe vornehmer gewandung (doch s. noch unt. grau, n. 2 c α u. grauwerk):
roc und mantel wâren lanc:
breit swarz unde grâ
zobel dervor man kôs aldâ
Wolfram v. Eschenbach Parzival 168, 13 L.;
Gottfried v. Straszburg Tristan 10 927 R.; dorczu eyn feschen mit groem wergk vnd sust acht falken (1428) urkundenb. d. st. Lübeck 7, 249; vgl. (1457) 9, 519 (s. unten grauwerk); de vrouwe schal nene hermelen noch grawe rugghe (d. i. rückenfelle des grauen eichhörnchens) dregghen ebda 9, 212; vgl. (1467) 11, 320; item der Tomasin hat mir 4 eln grau damast geschenckt zu einen wammes Dürer tageb. (1884) 9. so auch graues tuch, als 'standesgemäsze farbe der junker' für das 16. jh. nachgewiesen in: schweiz. id. 2, 831.
c)
von nahrungs- und genuszmitteln, vor allem in spezifizierender anwendung, art oder sorte bestimmend. so graues brot (anders unter 8 b), graues mehl ohne weizengehalt: im jar 94 haben die säw bei Carlstatt am Mayn ein materi in der erden funden, das sie gefreszen etc., darausz man auch brot, doch graw, gebacken (vorher ist die rede von weiszem brot) Kirchhof wendunmuth 2, 471 Öst. im vergleich: pfui, und der staub! man watete wie durch graues mehl Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 8. ferner: überdem einig saltz stârcker als das andere saltzet, wie denn das graue stärcker als das weisse allg. haush.-lex. (1749) 1, 25ᵃ. substantiviert von einer weinsorte: grauer (d. i. Klävner wein) Metzger pflanzenk. 915; vgl. schweiz. id. 2, 831; es zieht des wirts grauer die gäste bald wieder an die tische, und die gäste machen sich mit mut hinter des wirts sauern grauen in schönem glauben, der graue sei ein ungeschwefelter, ungemischter wein Jer. Gotthelf s. w. 14, 205 Hunziker-Bl.
d)
auch in der beziehung auf viele andere dinge des menschlichen gebrauchs dient grau dazu, eine spezifische art zu bezeichnen, so z. b. grauer pfennig älternhd. im unterschied zu weiszem (s. auch grauweisz): 4 graber phenning (1465) bei Fischer schwäb. 3, 808; der newen graben Wienner pfenning. und der weissen Wienner phenning und ander phening (1479?) monum. Habsburg. I 3, 342 Chmel; vgl. 341, ferner v. Schrötter wb. d. münzkde (1930) 618. älter für eine bestimmte art von salben: nim rein gepüluerte thucia ... rhür die thuciam (in die butter) ... rhürs stehts, bisz es kalt würdt, so würdts ein grawes sälblin Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 92; grau driackel empl. diachylum simplex (droge) Walbaum synonima id. Lubecensia (1769) 375 in: arch. d. pharm. 149 (1859) 375 Bley. zur kennzeichnung einer papiersorte: graw papir ... papyrus nigra Henisch (1616) 1734; man ... wiederhole das experiment mit weiszen, schwarzen, grauen papieren Göthe II 2, 33 W.; daher löste ich meine groszen gefärbten oder grauen kartons von den blendrahmen G. Keller ges. w. (1889) 3, 75. hierher innerhalb der künstlichen unterscheidung meistersingerlicher töne nach farben: Regenpog in dem graben don III lied Bartsch meisterl. d. Kolmarer hs. 105 passim; Hans v. Nor:(lingen) graben thon Regenpogen Hans Sachs gemerkbüchl. 3 ndr. (ebda guelden radweis; rotten thon Zwingen; ebda 5: schwarczen thon Hans Fogl u. ä.).
8)
auf gegenständliches im bereich der unbelebten natur angewandt.
a)
fachsprachlich oder halb fachsprachlich in spezifizierender zuordnung zu bestimmten mineralischen, metallenen oder chemischen stoffen: chelonitis grauer schwalbenstein (obd. 15. jh.) Diefenbach nov. gl. 83ᵇ; vnd ist dasselbe ertz (alaun) ein grauwer vnd schwartzer, harter, steiffer stein Thurneysser magna alchymia (1583) 67; der graue ackerboden, so ein wenig fahlbig mit aussiehet, als wie mörgel Hohberg georg. cur. 3 (1715) 7. buch 13ᵃ; das ist zwar nichts neues, wann unter dem grauen aschen gluͤende kohlen verborgen liegen Abr. a s. Clara etw. f. alle (1699) 1, 239; die graue wacke an dieser seite ist glimmerig Göthe II 9, 155 W. grauer schwefel 'erdiger rohschwefel': item wiltu eylendts ein feuwerwerck ausz einer büchsen schiessen, so mach ein kugel mit weissem hartz vnd grawem schweffel Fronsperger kriegsb. 2 (1573) Ll 1ᵇ; (man) nimmt dazu alt schmeer und pech ... grauen schwefel allg. haush.-lex. (1749) 2, 627ᵃ; nimb desz grawen galmeystein vnnd der alexandrinischen tutiae oder galmeyflug, jedes zwey loht Würtz wundartzney (1624) 298; spodos, spodium graw nichts oder graw hüttenrauch Zehner nomencl. (1645) 151; grauer nicht; spode, la tutie Schwan nouv. dict. (1783) 1, 786ᵇ (vgl. nicht, m., n. teil 7, sp. 712 sowie graunicht[s]); das graue ... roheisen besitzt ... körnigen bruch Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 2, 772; vgl.graues syn. mit gares roheisen Scheuchenstuel id. d. österr. berg- u. hüttenspr. (1856) 107.
b)
in der bedeutung 'schimmlig' bezeichnet das wort einen chemischen vorgang an organischen körpern, besonders älter lexikalisch und jung mundartlich, aber auszerhalb der eigentlichen fachsprache, vgl. dazu auch unter gräue, ¹grauen, ¹graueln, ¹graulicht. mit der bedeutung 'grauhaarig' spielend: mucidus ... nüchtlächt, graw, schimlig Frisius dict. (1556) 843ᵃ; Henisch (1616) 1733; Aler dict. (1727) 1, 978ᵃ; schweiz. id. 2, 831; Loritza id. Viennense 53; kein gut stück fleisch kriegten wir auff den tisch, sondern nur das jenige, so acht tag zuvor von der studenten tafel getragen, von denselben zuvor überall wol benagt, und nunmehr vor alter so grau als Mathusalem worden war Grimmelshausen Simpl. 284 Scholte. besonders vom brot (graues brot anders s. ob. 7 c): wenn maⁿ lang grōbs brod esst, so werd man alt (starch) schweiz. id. 2, 831; ähnliches bei Fischer schwäb. 3, 808. substantiviert: do schnitten sy (die geizigen hauswirte) den uszwendig (an dem verschimmelten brot) das graw ab, gabens uns zuͦ essen. do han ich offt grossen hunger ghan Thomas Platter 27 Boos. in vergleichbarer anwendung: de drauwe gen grō (die trauben sind mit der edelfäule behaftet) rhein. wb. 2, 1369. auch in übertragenem sinn: der muss et geld rehren (umrühren), dass et em net grō werd (so reich ist er) rhein. wb. 2, 1369. hierher wohl auch: grau scharf, beiszend, z. b. von faulem käse Hertel Thür. 109; rhein. wb. 2, 1369.
c)
auch von graufarbigen natursteinen, die vom menschen verarbeitet oder bearbeitet werden: zu Mecca besuchen sie ... das grab Mahomets, das nit in der höhe hengt, ... sondern in der erden, und darüber ein gebew von grawen steinen ist gemacht Kirchhof wendunmuth 2, 101 lit. ver.; insbesondere zog eine korinthische marmorsäule meinen blick immer wieder auf sich, die, wie eine gefangene in den gewaltigen viereckigen turm eingeschlossen, mit reizender wehmut aus den grauen steinen hervorsah Ric. Huch triumphgasse (1902) 9; auff dieser ... historienseul, die von grawem marmor ist, steht eines keysers triumph auszgehawen Schweigger reyszbeschr. (1619) 124. von hier aus auch auf gebäude oder gebäudeteile ausgedehnt, doch wiegt hier der uneigentliche wortsinn vor (s. u.B 1 b): sy (die heiden) hatend all an wis schuben und gross hüllen um ir höbter und so wier aso den grosen lustigen grawen estrich besechen mit vil anderen gebüwen (1486) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 157;
aus der stadt mit grauen thürmen,
aus der reichsstadt finsterm thor
in den goldnen sonntagsmorgen
wandelt alt und jung hervor
Uhland ged. (1898) 1, 290;
die andere straszenseite verstellt mit hohen grauen häusern das licht Carossa d. tag d. jungen arztes (1955) 215.
d)
von formen der erdoberfläche, landschaftlich-morphologischen gebilden, hier gelegentlich mit leisem unterton von B her: das gros pirg, so von den Lateinern und Kriechen Corax und Caucasus genant wird, haben die Teutschen gehaissen das grau, crau pirg, das alweg schnê dran ligt Aventin bayer. chron. 1, 221 Lexer; (er) hatt recht zu halten und zu holzen unter der graben stainwant pisz an Moszwög (1573) österr. weist. 6, 153, 2; du fluss! der du mit blendendem silberglanz hinter jenen grauen bergen hervorrauschest Sal. Gessner schr. (1777) 1, 108;
da liegen sie alle, die grauen höhn,
die dunkeln thäler in milder ruh
Uhland ged. (1898) 1, 6;
nur da, wo die rinnsale der wasserbäche, erkennt man ... auf diesen grauen, braunen einöden die aderige verästelung der wenigen flüsse Ritter erdk. (1822) teil 1, 109. besonders grauer fels: vnd kompt der vrsprung auss dem grund der quellen, vnd dasselbige entweders auss rotem sand oder grawem felsen Sebiz feldbau (1579) 14;
einsam stand ein grauer felsen
mitten in das meer gesät
A. Grün ged. (1847) 76.
oft in flurnamen, vgl. schweiz. id. 2, 831.
e)
häufig von gewässern. zufrühest in einer glossierung nd. herkunft: ceruleus grau als die zee (1421) Diefenbach nov. gl. 87ᵃ. auch sonst gelegentlich in älterer sprache: vonn rechter trübe ist es (das wasser des Nil) gleich grawe als mistlach, sie ist aber nütze die trübe (durch fruchtbare erde, die mitgeführt wird) Fabri eigentl. beschr. (1557) 166ᵃ; graw wie ein eysz, eyszgraw Friedrich Wilhelm sprichwörterreg. (1577) t 1ᵇ. seit der mitte des 18. jhs., z. t. wohl unter dem einflusz Homerischer epitheta und ihrer übersetzung, in fester beziehung auf meer, see, welle, woge, flut; vornehmlich in poetischer sprache und mehr oder weniger von dem zu B 2 gehörigen gefühlston bestimmt:
aber Achilleus
setzte nun weinend sich, von seinen freunden gesondert
an das graue meer (ἐφ' ἁλὸς πολιῆς)
Bürger s. w. 190 Bohtz (Ilias I, 350);
am grauen strand, am grauen meer
und seitab liegt die stadt;
der nebel drückt die dächer schwer,
und durch die stille braust das meer
eintönig um die stadt
Th. Storm ges. schr. (1884) 1, 9;
von perlen baut sich eine brücke
hoch über einen grauen see
Schiller 11, 351 G.;
wenn sie (die ruder) bald abwärtsgehn, bald auf der fläche streiffen
mit offter züge zahl die grauen wellen häuffen
Pietsch geb. schr. (1740) 12;
(d. gefährten des Odysseus) saszen in reihen (auf dem schiff)
und schlugen die graue woge mit rudern
J. H. Voss Odyssee 154 Bernays:
zweimal des tages kamen die grauen fluten und bedeckten alles Allmers marschenbuch (1900) 26.
9)
sehr charakteristisch und vielfach bereits mit einem symbolischen ausdruckswert, aus dem weithin der uneigentliche gebrauch des wortes lebt (s.B 2; 3), erscheint grau im bereich atmosphärischer und meteorologischer erscheinungen; z. t. schon mhd., in einer fülle stehender verbindungen oder fester beziehungen namentlich poetischer sprache seit dem 18. jh., denen allen aber die eigentliche farbbezeichnung zugrunde liegt.
a)
den zustand zwischen hell und dunkel, dämmerung oder morgengrauen bezeichnend, z. t. in den gleichen verbindungen wie unter b. schon mhd., hier besonders im rahmen der tageliedsituation:
der hêrre ân allez slâfen lac,
unz er erkôs den grâwen tac:
der gap dennoch niht liehten schîn
Wolfram v. Eschenbach Parzival 36, 4; ebda 800, 1;
niht langer sie beliben solten,
da in die wahter taten kunt ...
daz diu wolken wærn gra
und daz der tag sine cla
hete geslagen durch die naht
Ulrich v. Türheim Rennewart 25 279 Hübner;
si sprach 'owê, ich wæn der tac
uns aber wil nâhen; des bin ich sendez wîp unfrô'.
diu reine süeze wachte alsô
daz grâwe lieht si beide an sâhen
Bruno v. Hornberg in: liederdichter d. 13. jhs. 24 Kraus;
holder tag, brich an!
sobald mir nur dein graues licht erscheint,
räch ich den hohn, und strafe meinen feind
Shakespeare 1 (1797) 250 (sommernachtstraum 3, 2);
noch kam nicht der gott der gluten aus der purpursee heraus.
endlich aber fieng sein glanz an des horizontes flächen
durch die graue dämmerung purpurroth hervorzubrechen
Schönaich Heinrich d. Vogler (1757) 18;
schon schweigt das käuzlein und neugierig schaut
der dämm'rung graues auge durch die fichten
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 257;
das kirchendach versank nach und nach in grauen schatten, das licht klomm an dem türmchen hinauf G. Keller ges. w. (1889) 1, 34. von da her auf tageszeiten bezogen:
du weiszt, uns haben jüngst die grauen abendstunden
im garten, den du liebst, geliebter H(irsch), gefunden
Uz s. poet. w. 220 Sauer;
vor uns (zwei liebenden) das thal, das hoffnungsreiche, weite,
und hinter uns kam grau die nacht geschlichen
Eichendorff s. w. (1864) 1, 507;
am andern morgen, in der grauesten frühe, vor eröffnung der festungstore, rasselte ein fuhrmannswagen gegen das Ostertor heran W. Raabe s. w. I 6, 462 Klemm.
b)
auf witterungserscheinungen, namentlich wolken, nebel und regen bezogen:
der mond verbirget sich, der nebel grauer schleier,
deckt luft und erde nicht mehr zu
Haller ged. 3 Hirzel;
allerseelen.
grauer, feuchtkalter nebel
umhüllt das land
Saar s. w. 2, 88 Minor;
doch unten senkt sich grau und grauer
aus wolkenschicht ein regenschauer
Göthe I 4, 30 W.;
der graue regen übt seinen einflusz auf mich, dasz ich unwillkührlich in den grämlichen doctrinären ton eines alten onkels verfalle O. v. Bismarck br. an s. braut u. gattin 34 H. v. Bism.; grau zogen die wolken über die dächer hin Fontane ges. w. (1905) I 4, 4; den gröszten teil des jahres wölbt sich ein grauer wolkenumzogener himmel über den marschländern Allmers s. w. (o. j.) 1, 54. grauer reif s. ob. A 6 a mitte.allgemein das wetter und die atmosphäre im sinne des farblos trüben oder kühlen charakterisierend: es ist zu summer zeiten grimm kalt, gantz trüb und graw S. Münster cosmogr. (1550) 401;
ihr (der Venus) wagen stäht alhihr, ihr wagen fol rubihn,
dehn durch die graue luft zwe weisse schwäne zühn
Zesen adriat. rosemund 232 ndr.;
hat sich denn das graue, kalte wetter bis zu ihnen nach Königsberg am himmel ausgedehnt? (1821) Jac. Grimm in: briefw. 1, 297 Leitzm.;
der nebel steigt, es fällt das laub;
schenk ein den wein, den holden!
wir wollen uns den grauen tag
vergolden, ja vergolden
Th. Storm s. w. (1899) 8, 191;
stiller, linder, grauer tag (8. febr. 1939) Jochen Klepper unter d. schatten deiner flügel (1956) 722. substantiviert: der sprühregen schlug uns heftiger ins gesicht ... man führte uns drüber (über einen weg) weg und ins graue hinein Göthe I 33, 67 W.; und beide doktoren hatten das kinn auf den stockknopf gestützt und starrten ins graue (eines regnerischen februarnachmittags) W. Raabe s. w. I 6, 441 Klemm.
c)
das undeutlich verschwimmende, das kontur- und gestaltlose räumlicher ferne charakterisierend, kaum vor dem späten 18. jh., in den verbindungen graue ferne, graue weite: auf einem hügel, von dem man noch in grauer ferne Venedig sehn konnte Meissner skizzen (1778) 3, 159; in grauer ferne beschlosz das gebirge den horizont Fr. Schlegel Florentin (1801) 1, 33;
und wagst du dich vom sichern ufer ab,
reiszt dich der strom in seine grauen weiten
Grillparzer 5, 147 Sauer.
d)
in den verbindungen grauer winter, grauer norden, die auf witterung, atmosphäre und jahreszeit zugleich zielen, klingen die nebentöne des unwirtlichen, unfreundlichfreudlosen, rauhen so deutlich mit auf, dasz fast die grenze zum uneigentlichen gebrauch (s.B 3 a) erreicht wird:
wann aber mit dem eisz und rauhen scharpffen winden
der grawe winter kompt, so kan er doch was finden,
auch mitten in dem schnee, das nutzet und ergetzt
Martin Opitz teutsche poemata 29 ndr.;
und so möge uns denn eine gedeihliche thätigkeit durch den grauen winter geleiten Dahlmann in: briefw. zw. Jac. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 1, 343; und doch denkt ihr vielleicht sehnsuchtsvoll nach dem grauen norden, denn schlieszlich sind es doch die menschen und nicht die gegend, welche die hauptsache sind Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 4, 171;
ist die drossel weggezogen,
fahl und kahl der wald geworden,
o wie ist die welt so stille,
o wie ist so grau der norden
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 195.
10)
für sich steht die verbindung grau in grau (s. auch grau, n.).
a)
schon seit dem 16. jh. in der wendung grau in grau malen 'mit grauer farbe auf grauen grund malen', als terminus technicus für die grisaillemalerei. grau scheint hier beidemal unflektiertes adj., wird aber möglicherweise, besonders im zweiten glied der verbindung, auch als substantiviertes adjektiv aufgefaszt, wie ebenfalls in der verbindung in grau malen (s.grau, n. 1): 2 täfelin mit geschnitten auszzügen und grau in grau gemalet, dasz ain sezet abt Conrad auf s. Bernhartsaltar, dasz ander auf der hailigen triveltigkait altar (1531) Knebel chron. v. Kaisheim 372 lit. ver.; ferner sah ich hier Garrick's bildniss von unsrer landsmännin Angelika Kaufmann grau in grau gemalt Sturz schr. (1779) 1, 9. mit dem gefühlston 'trüb, traurig': ein kunstmaler ..., der in der umgegend ... habe landschaftern wollen und auch mehrere hübsche ansichten, allerdings etwas traurig, grau in grau gemalt, zustande gebracht habe Th. Mann Faustus (1948) 327. von hier aus: es ergab sich, dasz er (der maler) gar kein auge für die farbe hatte, sondern alles grau in grau sah Gutzkow Blasedow (1838) 1, 402. im vergleich:
der morgen so stumm,
nebel ringsum,
die luft so kalt,
farbe nirgends und nirgends gestalt,
die welt wie grau in grau gemalt
Gerok d. letzte strausz (⁴1886) 25.
aus der verbalen bindung gelöst: es sind einzelne bilder auf leinwand, grau in grau, mit wasserfarben aufgetragen Göthe I 49, 412 W.
b)
die maltechnische anwendung wird jünger auch in anderen zusammenhang übertragen, gewinnt aber dann den von grau B 3 b her beeinfluszten uneigentlichen sinn von 'trübe, düster darstellen, negativ beurteilen': der Clemens hat Wieland ... grau in grau gemalt Bettina die Günderode (1840) 1, 38; der letztere hat uns in seiner weise den congresz und seine persönlichkeiten grau in grau gemalt, und doch ... schwerlich ein wort übertrieben Häusser dt. gesch. (1854) 2, 159.
c)
aus der ursprünglichen terminologischen verwendung gelöst, intensive graue farbtönung umschreibend.
α)
etwa soviel wie 'mit verschiedenen grautönen'. von haar- und bartfarbe eines menschen: da hatte er noch blonde haare ..., eine bläuliche färbung des abrasirten bartes ... nun aber in wirklichkeit spielte bei dem schon tief vierzigjährigen alles grau in grau Gutzkow zauberer (1858) 5, 60. von der kleidung: einer der brunnengäste, grau in grau gekleidet Storm s. w. (1900) 8, 108; vgl. Ina Seidel labyrinth (1922) 185.
β)
einfaches grau im sinne von 'ganz grau, nur grau, immer wieder grau' verstärkend; so besonders von der atmosphäre, dem wetter u. ä., oben 9 entsprechend. im ersten beleg noch mit der maltechnischen bedeutung spielend: die ringe, die er (der regen) unermüdlich grau in grau auf die wachsenden pfützen zeichnete O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 193; ein regentag in Arles! ... grau in grau war die provenzalische landschaft, als ich von Nîmes über Tarascon nach Arles fuhr Samosch provenz. tage (1893) 43; eine grau in grau gehüllte hochebene Hassert reise durch Montenegro (1893) 5.
B.
der stark entwickelte uneigentliche gebrauch des wortes, dessen grenzen zum eigentlichen hin im einzelfall freilich flieszend sein können, entwächst ganz bestimmten gebrauchsweisen von A.
1)
seit alters, wenn auch vornehmlich jünger, kann das wort von der bedeutung 'grauhaarig' zu der von 'alt' hinüberwechseln und sich hier, je nach dem anwendungsbereich, weiter nuancieren.
a)
in der anwendung auf menschen, wobei die eigentliche bedeutung 'grauhaarig' als mitgegeben zu denken ist.
α)
attributiv in festen oder gelegentlichen verbindungen. selten schlechthin 'alt, bejahrt' ohne nebenton:
ich stand dabei, als in Toledos mauren
der stolze Karl die huldigung empfieng,
als graue fürsten zu dem handkusz wankten
Schiller 5, 8 G.
so in der gegenüberstellung zu jung: vor bloszen bauchpfaffen, sagt ein grauer hofmann zu seinem jungen vetter, ... hütet euch br., die neueste litt. betr. 18 (1764) 49; junge burschen, graue männer in phantastischen uniformähnlichen anzügen Carossa d. tag d. jungen arztes (1955) 44. oft schwingt die vorstellung 'weise, erfahren, erprobt' fühlbar mit:
ob dich ein grâ wîse man
zuht wil lêren als er wol kan,
dem soltu gerne volgen
Wolfram v. Eschenbach Parzival 127, 21 L.
besonders in den verbindungen grauer held, grauer krieger u. ä.:
wohl oft ermahnte mich
der graue kriegesheld Lykaon einst
Bürger s. w. 161 Bohtz;
graue krieger mit ehrenvollen narben geziert Fr. L. Jahn w. (1884) 1, 3;
des grauen helden gottgeweiht erbleichen
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 237;
hierher? (oder einfach 'alt' wie unter A 3 b? oder ganz speziell?): so sol keinem grauwen rittmeister oder herrn vber 10. oder 12. pferdt ... zugelassen oder gut gemacht werden Fronsperger kriegsb. (1596) 3, 8ᵃ. auch prägnant 'erfahren', mit dem nebenton 'leidenschaftslos, abgeklärt': aber Maximilian (v. Bayern) war ein zu grauer staatsmann, um, wo die klugheit allein sprechen durfte, die leidenschaft zu hören Schiller 8, 410 G. grauer vater mit dem beisinn 'ehrwürdig':
... was wird mein grauer vater sagen?
Gottsched dt. schaubühne (1741) 1, 13;
er hat sich's zur freude gemacht, seinen grauen vater zu ehren Engel schr. (1801) 5, 27. auch negative nebentöne fehlen nicht; mit bezug auf menschen, die als bösewichter und sünder alt geworden sind und erfahrungen gesammelt haben: wie er in hab hayssen liegen als ainen alten grawen boswicht (1471) bei Fischer schwäb. 3, 808; ihn groen bösswicht (1533) ebda; (Jesus,) der manchem grauen sünder trost und neue lebenslust in die reuende seele gosz Lavater handbibl. f. freunde (1793) 1, 294. abgeschwächt: der alte graue sünder, der college Eckerbusch W. Raabe Horacker (1876) 110. hierher auch: ich (Serlo) will einen solchen grauen, redlichen, ausdauernden, der zeit dienenden halbschelm (wie Polonius) aufs allerhöflichste vorstellen und vortragen Göthe I 22, 174 W.
β)
entsprechend in prädikativen wendungen.
αα)
vor allem grau werden in, an, bei, unter etwas u. ä., eine tätigkeit, einen beruf, einen dienst kennzeichnend, in denen jemand lange gestanden, erfahrungen gesammelt hat und alt geworden ist: dann war noch mit ihnen dort ein mann, der an höfen grau geworden ist Knigge roman m. lebens (1781) 1, 168; sein amt als staatssecretair, in welchem er grau geworden Ranke s. w. (1867) 16, 93; männer, ... die unter dem harnisch grau geworden sind Göthe I 45, 45 W.; Blücher meinte, er sei unter waffen grau geworden, habe wohl 60 jahre gelebt, verstehe aber in einer viertelstunde zu sterben, wenn es die pflicht gebiete Häusser dt. gesch. (1854) 3, 14; ich bin im handwerke (des falschspielens) grau geworden, und weisz, was gold ist Klinger w. (1809) 1, 108. anders, mehr moralisch getönt, in der seit alters durchstehenden wendung in, mit ehren grau werden 'auf ehrenhafte weise, unter bewahrung der ehre alt werden':
swer ja spricht unde schiere ez tuot,
der wirt in eren gra
Friedrich v. Sunnenburg in: minnesinger 3, 73 v. d. Hagen;
um diesem ... mit ehren grau gewordenen dichter ... ein compliment zu machen Hippel lebensläufe (1778) 1, 115;
in ehren, herr, bin ich hier grau geworden — —
so laszt uns denn von andern dingen reden
Eichendorff s. w. (1864) 4, 366.
in gegenteiligem sinne:
des wirt gra
sin lib mit sünden unde in schanden alt
minnesinger 3, 38ᵃ v. d. Hagen.
seltener ohne nähere bestimmung: ja, ich (gott) wil euch tragen bis ins alter, vnd bis jr graw werdet Jes. 46, 4. vereinzelt in halbprädikativer verbalbindung:
dasz euch (ein hochzeitspaar) Phöbus balde schau
immer fruchtbar, langsam grau
Fleming dt. ged. 1, 66 lit. ver.
ββ)
in der kopulativen wendung alt und grau werden oder sein (selten in umgekehrter wortfolge), in der, anders als bei attributiver verwendung (s. ob. A 3 b α), grau den ursprünglichen sinn von 'grauhaarig' aufzugeben und mit alt zu verschmelzen scheint:
wann der man wıͤrt alt und grab
so wᵉrt er ein chind, wi weis er waͤr
Heinrich d. Teichner 327, 93 Niewöhner;
du bist zuͦ grae vnd alt Fierrabras (1533) D 3ᵃ;
verhoffet alt vnd graw zu werden
Spreng Äneis (1610) 207ᵇ;
will mich mein vater, soll er auch nur kommen,
und lernen auch, ist er gleich grau und alt
Grillparzer s. w. 8, 76 Sauer;
vgl. Martin-Lienhart elsäss. 1, 265ᵃ.
γ)
im 17. und 18. jh. gern substantiviert, vereinzelt schon früh: aniles gravua (11. jh.) ahd. gl. 2, 660, 20 St.-S.;
die jungen, wie die grauen
sind stets dem tode reif
Fleming dt. ged. 1, 38 lit. ver.;
jung und graue müssen sterben;
wohl! wann sie den himmel erben
Knittel kurtzged. 2 (1674) 31;
bis mit den sternen sie (die sonne) nicht satt
gebuhlt und liebgeäugelt hat
eh pflegt sie ihren grauen (den mond)
nicht einmal anzuschauen
Blumauer ged. (1782) 68.
b)
in der anwendung auf gebäude, orte, städte u. dgl. tritt über die sachlich vorauszusetzende bedeutung 'graufarbig' hinaus (s. ob. A 8 c) der uneigentliche sinn von 'alt-ehrwürdig, historisch geprägt' in den vordergrund; durchweg in jüngerem poetisierendem gebrauch: die grauen mauern meines schlosses, ... auf denen die zeit gedankenvoll zu ruhen scheint Klinger w. 4 (1815) 59;
ein zwillingsstern auf Burnecks grauer veste
blinkt Alhard mit der süszen nachtigall
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 210;
innerhalb der wälle und thore der stadt stand noch eine zahl grauer türme der früheren ringmauer und alter thore G. Keller ges. w. (1889) 6, 23; durch die gassen der alten grauen stadt Gutzkow ges. w. (1872) 3, 218. hierher: jeder reisende ... wird diesz mit vergnügen bemerken, wenn er Bayern, diese ehrwürdige graue provinz durchreist Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 121.
c)
begriffe charakterisierend.
α)
an die bedeutung 'alt, bejahrt' als eine stufe des menschlichen lebens anknüpfend, besonders in der sprache des barock.
αα)
mit zeitbegriffen verbunden. graues alter in tautologisch verstärkender verbindung; im ersten beleg noch von der eigentlichen bedeutung her gefärbt:
o das grawe alter, ist noch weit
von meinem krausen haar
Petrarca zwei trostbücher (1551) 1ᵇ;
weszwegen niemand seine sterbensbereitung dem grauen alter zuschieben musz, noch dieselbe verspahren, bisz auf ein vorzeichen desz sterbens Er. Francisci d. höll. Proteus (1693) 999; bis in sein graues alter herrschte er siegreich J. v. Müller s. w. (1810) 2, 232. mit dem gefühlston von 3 b: aber das graue alter schleicht langsam heran Nietzsche w. 1 (1933) 182. für den alten menschen selbst:
schertz ist hie befehlichshaber, hie hat kurtzweil oberhand,
hie wird auch ein graues alter offt in kindheit umbgewand
(bei einer hochzeit)
Simon Dach 727 Öst.;
die wiederhergestellten und geheilten müssen es (das spital) wieder verlassen, die unheilbaren und das graue alter finden nahrung, kleidung und obdach bis ans ende des lebens H. v. Kleist br. an s. braut 72 Bied. in verbindung mit anderen zeitbegriffen den begriff 'alter' umschreibend:
segen-reiche graue jahr,
Jesu! gieb dem liebsten paar
S. Bornmeister bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 5, 121;
der gehorsam, den du von kind auf im ersten hauptstück gelernt und bis in deine grauen jahre noch nicht dargebracht hast W. Löhe evangelienpostille (1848) 2, 96ᵃ;
dasz dereinst bey grauen tagen,
lieb und ehstand frucht getragen
Gottsched ged. (1751) 1, 256.
ββ)
in erweiterter anwendung auf personifizierte abstracta:
weil man schone bey den alten
reine treu für grau gehalten,
was ists wunder dieser zeit,
dass sie schon im grabe leit?
Logau sinnged. 134 lit. ver.;
und diese flamme brenne in deinem busen, bis die ewigkeit grau wird Schiller 2, 96 G. so auch menschliche affekte und eigenschaften kennzeichnend, die für den träger derselben stehen:
die übel, die sich gern zu grauer liebe gesellen,
begannen bald bey ihm sich reichlich einzustellen;
je wärmer Röschen ward, je mehr ihr alter schmolz
(ihr alter ehemann)
Wieland s. w. (1794) 22, 271;
indesz die graue schande, dem sarge nah,
noch siegreich frevelt — stürzet im edlen gang
die tugend, zu erhaben ihrer
zeit, die sie ach! zu beglücken brannte
Conz ged. (1806) 77.
β)
'alt' in dem spezifischen sinne von 'lebenserfahren, weise'; dies vor allem im anschlusz an den spätrömischen topos puer senilis (s. ob. A 2 a γ), der vom mhd. bis ins 17. jh. nachwirkt. in der beziehung auf herz, sinn, verstand, weisheit u. ä.:
wer daz ieman in der jugent
von tugenden mochte wesen wis
so was er gra vnde gris
in sime hertzen binne
Herbort v. Fritslar liet von Troye 132 Frommann;
vgl. passional 111, 21 K.;
sinne grâ was iuwer jugent,
daz ir ez kundent wol verstân
Flore und Blancheflur 2264 Sommer;
junges gesichte, graues hertze Winckler 2000 gutte gedancken (1685) H 12ᵇ;
ist er von jahren jung, und grüne von gestalt,
so ist der bräutgam doch an grauer weisheit alt
P. Fleming dt. ged. 90 lit. ver.;
meine geliebte, die du unter blonden haaren, und unter so zarten gebehrden einen grauen verstand und ein männliches herz verbirgst (übers. aus Tassos Armida 4. ges. 23. stanze) Heinse s. w. 3, 282 Sch. auszerhalb der vorstellung vom jungen menschen mit der weisheit des alters:
ihm war unter den erdegebornen keiner zu gleichen
in der kunst, die geschildeten und die reuter zu ordnen,
als der einzige Nestor, der held von grauer erfahrung
Stolberg ges. w. (1820) 11, 71.
für den träger der altersweisheit selbst:
die graue weisheit hört nicht auf den jungen herrn
Müllner dram. w. (1828) 6, 168.
γ)
'alt' im sinne von 'althergebracht, altüberliefert', nur in attributiver bindung. auf begriffe des herkommens, der sitte, der überlieferung angewandt:
tut, was heiszt der graue brauch
P. Fleming dt. ged. 1, 348 lit. ver.;
und Maria brachte die reinen tücher und wand sie um den gewaschenen toten nach grauer sitte Lavater ausgew. schr. (1841) 8, 145;
sie boten ihm die hand, und nannten ihn
den schützer ihrer grauen rechte
Schubart s. ged. (1825) 2, 282.
komplexer, von der vorstellung zeitlich ferner vergangenheit (s. u. 2 b) mit beeinfluszt, in der anwendung auf begriffe wie fabel, sage u. ä.:
er (Sokrates) hoffte! war vielleicht (verzeih der kühnen frage!),
war seiner hoffnung (auf die unsterblichkeit der seele) grund nicht eine graue sage?
(im gegensatz zur lehre d. christentums)
J. P. Uz s. poet. w. 272 Sauer;
ihr wiszt vom blitze eine graue märe,
der im granitnen leibe des giganten,
herabgeschleudert aus azurner sphäre,
zum strahl verkörpert ward des diamanten
Strachwitz ged. 344 Weinhold.
in personifizierter vorstellung:
also spricht der mund der grauen sage,
die im nebel die Bretagne durchwandert
Agnes Miegel ges. ged. (1927) 12.
ähnlich in der kennzeichnung geistiger überlieferung aus dem bereich des denkens und urteilens: geht nicht über wolken einher, wie der tiefdenkende späher grauer wahrheiten des Orients Lose schattenrisse (1783) 1, 109. hier besonders mit dem negativen beisinn des überholten, rückständigen, unaufgeklärten, 2 b vergleichbar:
ihr, die kein vorurtheil, kein grauer wahn berückt,
die ihr mit freyem aug auf alle wesen blickt
Löwen schr. (1765) 1, 34;
dieser lobenswürdige fleisz nun, der in den bibliotheken, den literarischen gottesäckern, nach altem unrath scharret (d. h. nach mhd. dichtern), wird auch auf unsere nachkommen erben. dann werden die künftigen freunde des grauen unsinns, die jetzigen freunde desselben belohnen Jean Paul s. w. (1826) 5, 12.
2)
andere uneigentliche bedeutungen wurzeln in grau als einer farbbezeichnung für atmosphärische und meteorologische erscheinungen, besonders in A 9 c, indem grau als kennzeichnung der verschwimmenden räumlichen ferne auf zeitbegriffe übertragen wird, wobei nur gelegentlich die zu B 1 gehörige vorstellung 'alt' noch hineinkreuzt.
a)
als 'in ferner zukunft liegend', in einer blick- und redeweise, die vor allem für das 17. und ältere 18. jh. charakteristisch zu sein scheint: solche ehrensäulen erwerben und aufrichten, welche bisz in die graue ewigkeit währen und bestehen können Rist d. friedejauchz. Teutschl. (1653) 220;
ja sein verdienst will sich allein
mit grauer ewigkeit vermählen
Triller poet. betracht. (1750) 2, 540;
die graue zeit sol schliessen,
gelehrt durch deinen fall, dasz (ob es spät gescheh)
gott doch tyrannen nicht stets durch die finger seh
Gryphius trauersp. 174 lit. ver.;
würde nicht der Hunnen ruhm bis in graue zeiten schimmern?
Schönaich Heinrich d. Vogler (1757) 7;
ewigkeiten — grauen welten
wirds ein weiszer marmor melden
Schiller 1, 328 G.;
wie du in grauer ferne,
o volk, dein heil erschaust
br. von u. an Herwegh (1896) 277.
substantiviert:
tönet sein ewiger namen hinüber ins graue der nachzeit
Denis lieder Sineds (1772) 57.
b)
mit umgekehrter blickrichtung, aber in den gleichen oder ähnlichen attributivverbindungen, soviel wie 'in fernster vergangenheit liegend'. seit der aufklärung und in ihr gern mit dem beisinn des finsteren, barbarischen, unaufgeklärten, vor allem aber in der geniezeit und in der romantik, und hier oft mit dem nebensinn des naiven, glücklichen, unverdorbenen. graue zeit:
ich seh, ihr (philologen) sucht mit trübem blicke
des schönen werkes grösztes stücke,
von dem ein theilchen zu euch kömmt.
ihr müszt nicht mit dem schatten streiten,
schimpft nicht die misgunst grauer zeiten
Schwabe belust. (1741) 1, 239;
vor grauer undenkbarer zeit beherrschte
ein guter geist, des höchsten gottes liebling,
der erden geister
Wieland ges. schr. 1, 354 akad.;
wer darf dem fluge der begeisterung verbieten, dasz er sich nicht in jene graue zeit, in jene einfalt der natur, in jene heiligen eichenhaine, zu jener quelle unsrer nazionaldichtkunst hinanwage? Kretschmann s. w. (1784) 1, 6. in spezielleren, besonders für romantisierende sehweise bezeichnenden verbindungen:
ein böses wesen
hat seinen wohnsitz unter diesem baum
schon seit der alten grauen heidenzeit
Schiller 13, 175 G.;
ich hört ein märchen
aus einer alten grauen dichterzeit
Körner w. 3, 133 Hempel;
ewig: das weist in die gleiche richtung; wir sind die glieder einer aus grauester vorzeit stammenden kette V. Klemperer l. t. i. (1949) 262. seltener: scheu blickte man zu ihnen auf wie zu mythischen wesen, die aus grauer vergangenheit herüberragten in eine neue zeit jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 5, 223. am häufigsten das graue altertum, im wesentlichen frühe, vorchristliche geschichtsepochen bezeichnend: so halte gäntzlich dafür, dasz um deszwillen sich wohl keiner zu solcher ungewöhnlichen art solte verleiten lassen, lieber zu lateinisiren als teutsche verse in reimen zu schreiben, davon auch das graue alterthum allein estim gemacht Neukirch anfangsgründe z. teutschen poesie (1724) 28; man sieht es auch ... an den überbleibseln des grauen alterthumes, z. b. in der ägyptischen und phönicischen bauart Reimarus wahrh. d. nat. religion (1766) 65; die linienspiele der tierornamentik des grauen altertums Dehio gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 37. vor, seit, aus grauen jahren, tagen, im sinne eines unbestimmbar weit zurückliegenden zeitpunktes, ohne nebenton:
vor grauen jahren lebt' ein mann in osten,
der einen ring von unschätzbarem werth
aus lieber hand besasz
Lessing 3, 90 L.-M.;
das bildnis eines unbekannten gottes,
das dort seit grauen jahren aufgestellt
Grillparzer s. w. 5, 71 Sauer;
es ist aus grauen tagen
dein stammsitz schon bekannt,
in liedern und in sagen
durchs ganze deutsche land
Hoffmann v. Fallersleben ged. ⁹98.
substantiviert: es (der blick der Karstens) war ein blick, der sich nicht an der erscheinung genügen liesz, an der form des seienden. er ging rückwärts bis ins graue und vorwärts bis ins dunkle Ernst Wiechert d. kl. passion (1953) 6. hierher (oder auch zu a) vielleicht die sonst nicht belegbare wendung etwas bis ins graue treiben 'bis an die äuszerste grenze': dagegen werden wir aber eines Engländers habhaft, der die bizarrerie bis ins graue treibt Vollhann lebensbilder (1826) 2, 11. wohl damit vergleichbar: dat möt ein bet in de grawe grund ansürten (angesäuerter) kirl sin Reuter w. 2, 396 Seelm.
3)
erst seit dem späten 18. jh. kommt eine mehr gefühls- und stimmungsmäszige deutung und negative wertung der grauen farbe zum durchbruch, die weithin den gleichen ansatz hat wie 2 und mit dem neueren naturempfinden bzw. seiner sprachlichen bewältigung in engster verbindung steht. sie knüpft aber auch an andere eigentliche gebrauchsweisen an, so an A 1 als die farbvorstellung allgemein und an A 7 a α u. β mit der kennzeichnung ärmlich-häszlicher oder düsterer kleidung; ein grau anhaftender negativer symbolwert bereitet sich schon älter vor (s. bes. unter grau, n. 2 c β).
a)
im sinne von 'farblos, glanzlos, eintönig, langweilig, unlebendig': gegen die briefe gehalten, ist diese praktische anweisung mit ihrem register von büchern und lehrmitteln trocken und grau Herder 12, 379 S.;
grau, theurer freund, ist alle theorie,
und grün des lebens goldner baum
Göthe I 14, 95 W.;
diese graue sphäre der mittelmäszigkeit Nietzsche hist.-krit. ges.-ausg., abt. briefe 3 (1940) 18; wäre ich zu dem grauen leben des alltags wieder erwacht kriegsbr. gefallener stud. (1928) 289; vgl.grauer alltag. auf bildhafter stufe: so kommt er (der schmerz) im traurigen, grauen gewande des überdrusses und der langeweile Schopenhauer w. 1, 408 Gr. substantiviert: das schlimmste war das ewige einerlei, das ewig graue Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 322. leicht nuanciert als 'unscheinbar, unauffällig', in der beziehung auf personen: aber warum habe ich mir nicht freunde gewählt, die keine verdienste haben, und die auf dem flecke unbekannt und grau sterben, auf dem sie geboren sind? Rabener s. schr. (1777) 6, 150; mit dem grundbesitz steht und fällt unser stand (der niedere adel) ... sind wir erst mal runter von der scholle, dann sinken wir zurück in die graue masse, aus der sich unsere vorfahren erhoben haben Polenz Grabenhäger (1898) 1, 369; der redakteur Nothgroschen war dran. grau und unauffällig war er plötzlich da Heinrich Mann d. untertan (1949) 231.
b)
eher soviel wie 'bedrückend, trübe, düster': aber lasset uns unsre graue zeit verlassen Herder 6, 268 S.; das tagebuch wird mir ein asyl sein für jene grauen, hoffnungslosen tage, die mir oft in stumpfem nichtstun vorübergehen G. Keller br. u. tageb. 2, 103 Ermat.; dennoch lag graue bedrückung auf allen (geschwistern) im schlafen und wachen Werfel geschw. v. Neapel (1931) 126; da trottelt einer hinter'm andern her (im schwarm der aufständischen weber), wies graue elend Gerh. Hauptmann d. weber (1892) 102. graues elend für 'katzenjammer' s. bei Storffer im dickicht d. sprache (1937) 24; vgl. rhein. wb. 2, 1369. seltener in der kennzeichnung von personen: unsere grauen, düstern ascetiker vom Rauhen Hause in Hamburg Gutzkow ges. w. (1872) 10, 297. noch stark vom eigentlichen wortgebrauch her: vier graue weiber treten auf (mangel, schuld, sorge, not) Göthe I 15, 306 W. in verbaler bindung: verzeihen sie mir, dasz ich so grau sehe; ich thue es, um nicht schwarz zu sehen Göthe IV 24, 153 W.; manches von den schilderungen ... hat der verfasser sicher seinen eigenen erlebnissen entnommen, wenn er auch hie und da etwas ins graue gezeichnet hat Kögel in: Grimmelshausen Simpl. xii ¹ndr.; bi dem siᵉʰt s gräu us mit dem steht es schlecht (in den vermögensverhältnissen) Martin-Lienhart elsäss. 1, 265ᵇ.
4)
uneigentlich noch in gewissen sonderverbindungen.
a)
der graue bund. vor allem für den 1424 gegründeten oberen oder grauen bund in der Ostschweiz, mit dem sich später zwei weitere benachbarte bünde zum grauen bund oder zu den grauen bünden (daraus der eigenname Graubünden) zusammenschlossen. die deutung der benennung bleibt ungewisz. die älteren erklärungsversuche knüpfen nicht an grau 'alt' oder 'zeitlich fern' (s. B 1; 2) an, sondern an grau als farbe von gewässern (s. ob. A 8 e), vgl. schweiz. id. 2, 831: wie die grawen pünd mit unseren finden uf der Malser heid gestritten hand (1499) ebda (mit weiteren nachweisen); kam der bischoff von Kur und mit im der grau bunt, und waren auch mit im im bunt die aidgenossen, und nam das dorf ein (Augsburg 1499) städtechron. 23, 425, 12; ebda 426, 1; Campe 2 (1808) 445ᵃ. vereinzelt variierend: in der grauwen völcker (jetzt Grauwpündter genent) väldboden Stumpf Schweizer chron. (1606) 305ᵃ. singulär als eine sonst nicht nachweisbare benennung für den schwäbischen bund: die ein parthie nante sich der grauwe bunt ind waren die Swaven ind die sweveschen richstede (Köln 1499) städtechron. 14, 885. vielleicht von dem schweizer. vorbild veranlaszt als name einer städtischen partei, hier aber mit deutlicher anknüpfung an grau als kleiderfarbe (s. ob. A 7 a): etlich vom rath und ir anhänger sein etwan lang beschrait und der graue bund ... gehaissen worden, als sy dann mit sonder farben und kleidung erzeigt haben (Nördlingen 1528) bei Fischer schwäb. 3, 808.
b)
andere uneigentliche verbindungen wie der graue orden, das graue kloster, das graue leben s. ob. A 4 a γ; δ.
C.
zusammensetzungen mit grau im ersten wortglied treten vornhd. nur vereinzelt auf, so in mhd. grâwerc (s.grauwerk), grâhäutel Megenberg buch d. nat. 210, 4 Pf., grâvar ebda 5. vom 15. bis zum ende des 17. jhs. bleibt der zustrom neuer bildungen begrenzt, erst im 18. jh., zumal in seiner zweiten hälfte, wird er kräftiger, und das 19. jh. bringt mehr zusammensetzungen hervor als alle übrigen zusammengenommen. substantiva und adjectiva bzw. adjektivisch gebrauchte participia praeteriti halten sich etwa die waage, zu ihnen treten nur wenige participia praesentis und (substantivierte) verba. ihrer bedeutung nach gehören nahezu alle bildungen in den eigentlichen gebrauch von grau (s. d. A). — die form der komponierung ist ausschlieszlich die fugenlose. ältere bildungen treten vielfach mit den unter 'herkunft und form' behandelten form- bzw. schreibungsvarianten auf, z. b.: mit gro- in grolaken Marienb. treszlerb. 586 Joachim; grolöcket G. Alt b. d. cron. (1493) 250ᵇ; grobarsch B. Faber thesaur. (1587) 1033ᵇ, mit grö- in grömönchen S. Grunau pr. chron. 1, 202 Perlbach, mit graw- in grawendten B. Faber thesaur. (1587) 52ᵇ; grawfärbig Hulsius (1618) 141ᵇ, mit grauw- in grauwentle Heusslin Gesners vogelb. (1557) 34ᵃ, mit grag- in grageslen H. Braunschweig chir. (1498) 68ᵃ, mit grab- in grâbschôpf Hartmann volksschausp. in Bayern 268 usw.
kompositionstypen.
1)
im anschlusz an grau A 2 und 3 entstehen bildungen, die auf den menschen bezogen sind.
a)
vorwiegend solche zusammensetzungen, die das graue haar des menschen und damit meist zugleich sein vorgeschrittenes lebensalter bezeichnen; die meist adjektivischen bzw. partizipialen bildungen sind nicht nur, wie unter grau A 2 a, dem haupt- und barthaar unmittelbar, sondern oft, wie in den erweiterten gebrauchsweisen grau A 3 a und b, bestimmten körperteilen oder dem ganzen menschen zugeordnet:
graubebartet
Rosegger laszt uns von liebe reden (1909) 148,
graubehaart
(anders s. u. 2 d): graubehart (von der zeit) Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch (1647) 116; graubehaart (ein kopf) Gutzkow zauberer (1858) 3, 168,
graubekrönt
(von einem alten ehepaar) poesie d. Nieders. (1721) 4, 157 Weichmann,
graubewimpert
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 7,
graublond
Gutzkow zauberer (1858) 5, 123; Werfel geschw. v. Neapel (1931) 87,
graugeboren
(als greisin geboren) Göthe I 15, 186 W.,
graugelockt
Göthe I 12, 300 W.; Rosegger schr. (1895) II 8, 136,
graugemischt
(vom bart) Storm s. w. (1898) 3, 22,
graugreis adj.
grawgreys Lundorff wiszbad. wisenbrünnle 1 (1610) 109,
grauhaar (als m.
beiname Apollos) Herold heydenweldt (1554) r 4ᵃ; grauhaar Immermann w. 13, 112 Hempel,
grauhäuptig
grawheuptig H. Emser wyder d. falschen genanten ecclesiasten (1524) A 4ᵇ; grauhäuptig Lohenstein hyazinthen (1680) 52,
graulockicht
grolöcket G. Alt b. d. cron. (1493) 250ᵇ; graulockicht Holtei erz. schr. (1861) 22, 193; graulockig J. H. Voss s. ged. (1802) 3, 223; G. Keller ges. w. (1889) 10, 146,
graumeliert
graumelirt (1702) bei Schulz-Basler dt. fremdwb. 2, 97; graumeliert St. Zweig welt v. gestern (1947) 65,
grauschädel
Rosegger schr. (1895) I 10, 13,
grauschopf
grâbschôpf Hartmann volksschausp. in Bayern 268,
graustoppelig
P. Dörfler d. lampe d. tör. jungfr. (1930) 194,
grauumbartet
E. Strausz d. schleier (1931) 151,
grauumlockt
Holtei erz. schr. (1861) 11, 140.
b)
seltener grau A 2 b entsprechend, in bildungen, die die farbe des auges oder des gesichts betreffen: grauauge Jean Paul w. 27/29, 141 Hempel,
grauäuglein
Anzengruber ges. w. (1890) 2, 368,
graublasz
Hebbel w. 8, 88 Werner,
graubleich
Gutsmuths meine reise (1799) 65; A. Zweig einsetzg. e. königs (1950) 377.
2)
die gröszte zahl von zusammensetzungen bildet sich im bereich grau A 5 und dient der benennung oder kennzeichnung von tieren, wobei grau, meistens im sinne von A 5 a β, zu spezieller unterscheidung innerhalb der gleichen art verwendet wird; entweder die färbung des ganzen tieres oder die eines körperteils bildet den ausgangspunkt der benennung.
a)
bei der mehrzahl der bildungen handelt es sich um meist fachsprachliche vogelnamen: grauammer (emberiza miliaria) Naumann vögel (1822) 4, 213; (emberiza calandra) Brehm tierl. 4, 342 P.-L.; gold- und grauammern H. Seidel v. Perlin n. Berlin (1895) 136,
grauamsel
(turdus merula) Naumann vögel (1822) 2, 326,
grauartsche
(fringilla cannabina) Nemnich wb. d. naturgesch. 208,
graudrossel
(turdus merula) Naumann vögel (1822) 2, 326,
grauentchen
(anas crecca) Nemnich wb. d. naturgesch. 208,
grauente
grawendte (querquedula) B. Faber thesaur. (1587) 52ᵇ; grauente (anser torquatus) Naumann vögel (1822) 11, 392,
grauentlein
grauwentle Heusslin Gesners vogelb. (1557) 34ᵃ,
graueule
(strix aluco) Nemnich wb. d. naturgesch. 208,
graufalke
(falco lagopus) Naumann vögel (1822) 1, 360,
graufink
(fringilla petronia) Nemnich wb. d. naturgesch. 208; (fringilla subcana) Campe 2 (1808) 446ᵇ,
graufischer
(ceryle rudis) Brehm tierl. 5, 60 P.-L.,
grauhänfling
(linaria fera, saxatilis) Adelung vers. 2 (1775) 784; (fringilla cannabina) Nemnich wb. d. naturgesch. 208,
grauhäutel
grâhiutel (pelikan) Megenberg b. d. nat. 210, 4 Pf.,
graukauz
(syrnium cinereum) Brehm tierl. 5, 162 P.-L.,
graukehlchen
(sylvia gula grisea) Adelung vers. 2 (1775) 784; (accentor modularis) Naumann vögel (1822) 2, 952,
graukrähe
(nebelkrähe, corvus cornix) Unger-Khull steir. 304ᵇ,
graulerche
Birlinger schwäb.-augsburg. wb. 201ᵃ,
graumeise
(parus fuscus, cinereus, palustris) Adelung vers. 2 (1775) 785; (parus fruticeti) Brehm tierl. 4, 178 P.-L.,
graunacken
(larus canus) Adelung vers. 2 (1775) 785,
graupapagei
(psittacus) Brehm tierl. 5, 314 P.-L.,
graurücken
(corvus cornix) Naumann vögel (1822) 2, 65,
grauschwanz
(falco rufus) Naumann vögel (1822) 1, 378,
grauspecht
(s. an alphabet. stelle),
graustelze
(motacilla alba) Brehm tierl. 4, 236 P.-L.,
grauwürger
(lanius minor) Brehm tierl. 4, 489 P.-L.
b)
in ähnlicher weise, aber viel seltener, von anderen tieren, von säugetieren oder fischen: grauäsche (mugil cephalus) Brehm tierl. 8, 161 P.-L.,
grauassel
grageslen (acc. pl.) H. Braunschweig chir. (1498) 68ᵃ,
graubär
(ursus cinereus) Brehm tierl. 2, 233 P.-L.,
graubarsch
grobarsch, grawbersig B. Faber thesaur. (1587) 1033ᵇ; graubars (perca fluviatilis) Nemnich wb. d. naturgesch. 208,
graufuchs
(canis cinereus, virginianus) Oken naturgesch. (1839) 7, 1549; (vulpes cinereo-argentatus) Brehm tierl. 2, 206 P.-L.,
graukarpfen
Oken naturgesch. (1839) 6, 67,
grauklappe
(chinon cinereus) (eine art käfermuschel) Voigtel wb. (1793) 2, 128ᵇ,
graulachs
(salmo salar) Nemnich 208,
grauparder
(leopardus poliopardus) Brehm tierl. 1, 502 P.-L.,
graurüszler
(sitones lineatus) (ein käfer) Brehm tierl. 9, 140 P.-L.,
grauvieh
Mürzthaler grauvieh Schwerz ackerbau (1882) 697,
grauwal
(rhachianectes glaucus) Brehm tierl. 12 (1915) 508,
grauwild
(birkhuhn, tetrao tetrix) Behlen forst- u. jagdkde (1840) 3, 494. seltener auszerhalb fremdsprachlichen gebrauchs: graurosz Fouqué bildersaal (1818) 1, 271; Liliencron s. w. (1896) 7, 149,
grauvogel
Freytag ges. w. (1886) 8, 23,
grauwolf
Freytag ges. w. (1886) 9, 148.
c)
anders in mehr volkssprachlicher oder vertraulichkosender benennung solcher tiere, für die ein graues fell oder einzelne graufarbige körperteile kennzeichnend sind; das grundwort steht als pars pro toto, gelegentlich ist es auch ein appellativ: graubart (s. an alphabet. stelle),
graubärtchen
(auster) Gottsched dt. schaubühne (1740) 4, 457,
graubein
(der wolf) Laistner nebelsagen (1879) 90,
grauhans
(der wolf) d. bauernstandes lasterprobe 102,
grauhund
(s. an alphabet. stelle),
graukopf
(s. an alphabet. stelle),
graunase
(eine ziegenart) Martiny wb. d. milchwirtsch. (1907) 47,
grauohr
(der esel) Weigand d. löffelstelze (1919) 3,
graupelz
(für einen kater) E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 128 Grisebach; (in Norddeutschland f. d. wolf) zs. f. dt. wortf. 9, 54,
graurock
(s. an alphabet. stelle),
grautatze
(der wolf) Laistner nebelsagen (1879) 90,
grautier
(s. an alphabet. stelle).
d)
auch eine anzahl adjektivischer bzw. partizipialer zusammensetzungen dient der (meist fachsprachlichen) kennzeichnung im bereich a und b (s. dazu auch unten 8):
grauapflig
grauäpflicht (von einem schimmel) Lohenstein Arminius (1689) 1, 1368ᵇ,
graubäuchig
graubäuchiger seidenschwanz Behlen forst- u. jagdkde (1840) 3, 488,
graubehaart
(von insekten; anders s. ob. 1 a) Ratzeburg forstinsekten (1844) 1, 194,
graubeinig
graubeinige waldschnepfe Naumann vögel (1822) 8, 372,
grauborstig
(anders s. unt. 3 b) (von einem eber) A. Nagel bürgeraufruhr in Landshut (1782) 31,
graubunt
(vgl. noch unt. 5 b) (vom gefieder bestimmter vögel) Naumann vögel (1822) 6, 421; Oken naturgesch. (1839) 7, 90; 110,
graufüszig
graufüsziger zäger (totanus glottis) Naumann vögel (1822) 8, 145,
graugeapfelt
(ein schimmelgespann) Göthe I 45, 140 W.,
graugeschildet
(von einem graugefleckten pferd) theatrum amoris (1626) 1, 153,
graurückig
graurückiger steinschmätzer Krünitz öcon. encycl. (1773) 237, 57,
grauschnäblig
grauschnäbliger bussard Naumann vögel (1822) 1, 367,
grauschwänzig
grauschwänziger stelzenläufer Naumann vögel (1822) 8, 191.
3)
in ähnlicher, aber nicht so ausgeprägter bildungsweise von pflanzen, innerhalb des bereichs grau A 6.
a)
in meist fachsprachlicher benennung von pflanzen oder pflanzenteilen, entsprechend 2 a und b: grauapfel schweiz. id. 1, 369,
graubart
(s. an alphabet. stelle),
graubinse
Perger namen d. pflanzen 3, 76,
graubirne
Metzger pflanzenk. (1841) 756,
graudettling
(eine apfelsorte): grawdetling Diefenbach gl. 354ᵇ; graudettling schweiz. id. 1, 378,
graudorn
Blunck sprung üb. d. schwelle (1931) 34,
grauerle
(betula alnus incana) Adelung vers. 2 (1775) 784; Hoops waldbäume (1905) 27,
graufusz
(ranunculus repens) Pritzel-Jessen pflanzen 326,
grauhafer
Adelung vers. 2 (1775) 784; (avena strigosa) Holl pflanzenn. 143ᵇ,
grauholz
(pinus sylvestris) Nemnich wb. d. naturgesch. 208; Holl pflanzenn. 101ᵃ,
graukresse
(berteroa incana) Meigen pflanzenn. (1898) 53ᵃ,
graupappel
Metzger pflanzenk. 325,
grauschmiele
(aira canescens) Nemnich wb. d. naturgesch. 208,
grauweide
(sarothamnus vulgaris) Fischer schwäb. 3, 816.
b)
in adjektivischen bildungen botanischer fachsprache, 2 d vergleichbar: grauästig: grauästige klapperschote Dietrich lex. d. gärtn. u. botan. 3 (1803) 415,
graublättrig
graublättrige keulpalme Dietrich lex. d. gärtn. u. botan. 5 (1805) 528; 633; 689 u. ö.,
grauborstig
(von einem pflanzenteil; anders s. ob. 2 d) Schlechtendal flora 30, 164,
graufilzig
(von blättern) Ratzeburg standortgewächse (1859) 62; (von ästen) Schlechtendal flora 10, 54,
grauflaumig
(von blättern) Oken naturgesch. (1839) 3, 2, 1110; (vom stengel) Schlechtendal flora 18, 172,
graurindig
graurindiger weiszdorn allg. dt. bibliothek (1765) 84, 237; (von einer wurzel) Schlechtendal flora 14, 225,
grauzottig
(von blättern) Schlechtendal flora 30, 402.
4)
bildungen im anschlusz an den sehr ausgeprägten bereich A 7, in dem grau auf menschliche gebrauchsgegenstände angewendet wird, sind nicht sehr zahlreich.
a)
auf menschliche kleidung bezogen, entsprechend A 7 a, aber nicht in allen dort verzeichneten spezialanwendungen: graubehandschuht Rosegger nixnutzig volk (1906) 359,
graugekleidet
Jean Paul w. 15/18, 666 H.; Ina Seidel labyrinth (1922) 89,
grauhütig
M. Hauptmann br. an Fr. Hauser 1, 52 Schöne;
graujacke
(für einen gefangenen) Fontane ges. w. (1920) II 3, 31,
graukittelig
Rosegger schr. III 9, 398,
graukleid
grawkleid Henisch (1616) 1734,
graumützig
Robe könig Og (1839) 1, 52,
graurock
(s. an alphabet. stelle),
graurockicht
Eschenburg Shakespear (1775) 12, 37,
grauröckig
A. Ruge s. w. (1847) 7, 106.
b)
etwas häufiger sind zusammensetzungen, die tuche und stoffe kennzeichnen, vgl.A 7 b:
grauhären
Mörike w. ²1, 65 Maync,
graulaken
grolaken Marienburger treszlerb. 586 J.; 466,
grauleinen adj.
Stifter s. w. 3 (1911) 143; v. d. Steinen naturvölker Zentralbrasiliens (1894) 51,
grauloden m.
grolode städtechron. 11, 819 (Nürnberg 1516),
grauloder m
(verfertiger von grauloden) städtechron. 10, 366 (Nürnberg 1482),
grauseiden
Gaudy s. w. (1844) 10, 103; A. Seghers d. toten bleiben jung (1950) 90,
grautuch
(ungefärbtes): grawtuch Henisch (1616) 1734,
grautuchen
Stifter s. w. 3 (1911) 327,
grauwollen
H. Heine s. w. 7, 448 E.; Carossa d. tag d. jungen arztes (1955) 18.
5)
zahlreich sind zusammensetzungen, die in den chemischmineralogischen bereich und verwandte sachgebiete gehören, vgl.A 8 a.
a)
in eigentlicher benennung, fast ausschlieszlich in jüngerer fachsprache: grauamber Oken naturgesch. (1839) 7, 1048,
graubraunstein
Zappe miner. handlex. (1817) 2, 251,
graubraunsteinerz
Zappe miner. handlex. (1817) 1, 406; Muspratt chemie 8 (1905) 1408,
graueisen
Muspratt chemie 2 (1889) 1109,
grauerz
(minera argenti grisea) Nemnich wb. d. naturgesch. 208; (im unterschied zu braunerz) Muspratt chemie 1 (1888) 1605,
graufels
allg. dt. bibl. (1765) 96, 10,
grauflusz
Muspratt chemie 8 (1905) 1182,
grauglimmer
D. Cranz historia v. Grönland (1770) 1, 72,
graugold
Zappe miner. handlex. (1817) 1, 140,
graugolderz
Zappe miner. handlex. (1817) 1, 140; Campe 2 (1808) 446ᵇ,
graugültigerz
(s. an alphabet. stelle),
graugusz
Muspratt chemie 2 (1889) 1109,
graukalk
Helfft wb. d. landbaukunst (1836) 160,
graukupfererz
Mothes baulex. (1882) 2, 519,
grauliegendes
(sandsteinart) Zappe miner. handlex. (1817) 2, 109; Schönermark-Stüber hochbaulex. (1902) 882,
graumanganerz
Zappe miner. handlex. (1817) 1, 192; Muspratt chemie 1 (1888) 1046,
graumetall
Mothes baulex. (1882) 2, 519,
graunicht graunichts
(s. an alphabet. stelle),
grauschlacke
Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 1, 574,
grauschwefel
Muspratt chemie 7 (1900) 1042,
grausilber
(anders s. unt. 8) Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 4, 156,
grauspieszglanz
Muspratt chemie 1 (1888) 1054,
grauspieszglanzerz
grauspiesglanzerz (antimon) Pansner frz.-dt. miner. wb. (1802) 9; grauspieszglanzerz Hoyer-Kreuter techn. wb. (1902) 1, 311,
graustuck
Helfft wb. d. landbauk. (1836) 160.
b)
in adjektivischen bestimmungen aus dem gleichen sprach- und sachbereich: graubunt (vgl. ob. 2 d): graubuntes (d. i. grau und weisz gemischtes) roheisen Hoyer wb. d. artillerie (1804) 2, 111,
grauerdig
Ritter erdk. (1822) 8, 295,
grausandig
Frenssen Jörn Uhl (1902) 469,
grauschiefrig
Thaer landwirthschaft (1809) 2, 104,
grauschwefelig
grauwschwefelisch Thurneysser magna alchymia (1583) 107,
grausteinigt
M. Krämer leb. u. tapfere thaten (1681) 547.
c)
in meist substantivierten verbalbildungen, die sich auf technische färbungsprozesse beziehen: graubeizen Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 1, 198,
graudämpfen
Muspratt chemie 8 (1905) 836,
graufärben
(der seide) Krünitz encycl. 19 (1780) 792; Muspratt chemie 7 (1900) 562,
grauhämmern
(von sensen) Prechtl techn. encycl. (1830) 15, 27; grauhammerln Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 8, 225,
graumachen
(von diamanten) Prechtl techn. encycl. (1830) 16, 344.
6)
sonst im bereich der unbelebten natur mehr in gelegentlichen bildungen, A 8 b bis e entsprechend; besonders in junger poetisierender sprache: grauflut H. Löns tal der lieder (1925) 68,
graugestein
Nietzsche w. 8 (1919) 344 Kröner,
graugipfel
Lienhard Wasgaufahrten (1902) 185,
graumarmorn
Dehio gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 326,
grauschlammig
P. Ernst kaiserbuch 2, 1 (1927) 306,
grauwogend
W. Raabe s. w. I 6, 113 Klemm.
7)
atmosphärische und meteorologische erscheinungen kennzeichnende zusammensetzungen im anschlusz an A 9:
graubesaumt
(von wolken) Herder 25, 550 S.,
graubewölkt
Kinderling reinigk. d. dt. spr. (1795) 61,
graudämmernd
Bodmer d. Noah (1752) 352,
graudunst
Frenssen Jörn Uhl (1902) 483,
graudunstig
J. Schlaf frühlingsblumen (1901) 17,
graudüster
B. v. Münchhausen balladen u. ritterl. lieder (1920) 116,
graugewölk
Harries Thomsons jahreszeiten (1796) 35,
graugewölkt
Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 2, 12,
grauhimmel
H. Löns tal der lieder (1925) 71,
grauregnend
mod. dichtercharaktere 194 Arent-C.-H.,
grautagend
Göthe I 15, 204 W.,
grauverhüllt
M. Greif ges. w. (1895) 2, 245,
grauwolke
Lienhard Wasgaufahrten (1902) 116.
8)
dem gebrauch A 1 als bezeichnung einer abstrakten farbqualität steht eine gruppe von bildungen nahe, in denen grau mit anderen farben oder farbtönen zusammentritt (s. an alphabet. stelle graublau, graubraun, graugelb usw.), um sich zu nuancieren oder bestimmte mischungen mit einer oder zwei anderen farben zu bezeichnen; viele dieser fast ausschlieszlich adjektivischen bildungen gehören in den zoologisch-fachsprachlichen gebrauch 2 d: graublauschwarz Bismarck br. an s. braut (1900) 14,
graubraungelb
Liliencron s. w. (1896) 4, 189,
graubraungrünlich
Naumann vögel (1882) 12, 236,
graudunkel adj.
J. H. Meyer mahler. reise (1793) 6,
graudunkel n.
Frenssen Jörn Uhl (1902) 395,
graufahl
graufahle grasmücke Naumann vögel (1822) 2, 951,
graugolden
W. v. Scholz d. spiegel (1908) 134,
graugraugelb
Liliencron s. w. (1896) 1, 198,
graugrünlichgelb
Brehm tierl. 1, 543 P.-L.,
graugrünlichweisz
Naumann vögel (1822) 12, 310,
graulila
P. Hille ges. w. (1916) 398,
graurötlichweisz
Naumann vögel (1822) 5, 127,
grausilber n.
(der ölbäume) (anders s. ob. 5 a) W. v. Scholz erzählungen (1924) 294,
grautrübe
Sven Hedin abenteuer in Tibet ¹⁶20,
grauviolett
P. Dörfler abenteuer d. Peter Farde (1929) 51.
9)
eine letzte, umfangreiche gruppe von zusammensetzungen, die ausschlieszlich adjektivische und partizipialadjektivische bildungen umfaszt, ist nicht eigentlich an bestimmte gebrauchsweisen von grau A gebunden.
a)
bildungen mit enger beziehung zwischen erstem und zweitem wortglied, wobei grau die farbe des im grundwort steckenden substantivs bezeichnet: graubefiedert (vom pfeil) Göthe I 37, 75 W.,
graubeschilft
Ahlwardt Ossian (1811) 2, 118,
graubestaubt
Rosegger schr. (1895) I 15, 77,
graufleckig
P. Dörfler Apollonias sommer (1932) 369,
graugebunden
(von büchern) Gutzkow ges. w. (1872) 5, 4,
graugefleckt
Ph. O. Runge hinterlass. schr. (1840) 1, 349,
graugepudert
Zachariä poet. schr. (1763) 1, 360, gestreift Göthe I 34, 285 W.,
graugestrichen
Kahlenberg Eva Sehring (1901) 52,
graugetüncht
G. Hauptmann d. weber (1892) 5,
graugrundiert
W. Raabe s. w. I 1, 31 Klemm,
grauledern
Gutzkow zauberer (1858) 2, 344,
grausammeten
Jul. Mosen s. w. (1863) 7, 189,
grauscheckig, grauscheckicht
grauscheckicht Schrader dt.-frz. 1 (1781) 571; grauschäckig Regis Rabelais (1832) 1, 590,
grauschillernd
Ratzeburg forstinsekten (1844) 2, 146,
grauschimmernd
Gutzkow ritter (1850) 2, 377; Rosegger schr. (1895) I 12, 322,
grausprenklich grausprenklicht
grausprenglicht Bucholtz Herkules (1666) 1, 774; grausprencklich Göchhausen notabil. venator. (1741) 106; grausprenklicht Nehring tundren u. steppen (1890) 99,
grausteinern
R. M. Rilke tageb. 1899 —1902 (1931) 297,
grauverstaubt
A. Miegel ges. ged. (1927) 31,
grauverwittert
(ein altes gesicht) Hamerling s. w. (o. j.) 3, 16.
b)
in anderen bildungen stehen bestimmungs- und grundwort selbständig und in gröszerem innerem abstand, gleichsam mit ersparung der kopula: grauduftig Grasz sizil. reise (1815) 49,
graudünn
Schottel haubtspr. (1663) 75,
grauehrwürdig
(von einem gemäuer) Holtei erz. schr. (1861) 5, 25,
grauglasig
(von der luft) R. M. Rilke tageb. 1899 —1902 (1931) 334,
graugrämig
Traudt winkelbürger (1917) 161,
graugrollend
(von einem gesicht) A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 251,
graukalt
Rückert ges. poet. w. (1867) 8, 319,
grauschmutzig
Jean Paul w. 49/51, 225 H.,
graustirnig
Freiligrath ges. dicht. (1870) 2, 137,
grauwelk
Poppenberg maskenzüge (o. j.) 343.
grau m.
Fundstelle: Lfg. 14 (1958), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 2104, Z. 32
durch furcht oder abscheu verursachter schauder; das solchen schauder erregende. zu grauen, vb. (s. d.). nicht immer sicher von graue, f. (s. d.) und grauen, n. (s. d.) zu trennen. mhd. grûwe (umgelautetes griuwe [:ungetriuwe] Virginal 274, 10 dt. heldenb. 5 ist unsicher; vgl. die anm. zur stelle); seit dem ende des 14. jhs. in diphthongierten formen, bis ins 16. jh. hinein graw, grawe, seltener grauw(e), später vereinzelt noch grawen (akk. sg.) Walther Daniel (1645) 1, 736; grau seit dem frühen 16. jh.flexion als sw. m.; der nom. sg. endet seit dem späten 15. jh. gelegentlich auf -en. neigung zur starken flexion: dat. sg. gruwe md. Hiob 1668 Karsten; grawe Cronberg schr. 65 ndr.; akk. sg. grawe (obd. 15. jh.) Diefenbach gl. 430ᵇ; Folz meisterl. 210 Mayer; grau (1522) Egranus ungedr. pred. 102 Buchwald; Logau s. sinnged. 172 lit. ver.; gen. sg. gruwis Claus Cranc prophetenübers. 224 Ziesemer, sonst bei jüngeren lexikographen graues Adelung vers. 2 (1775) 782; Campe 2 (1808) 445ᵃ. — bezeugung des wortes vom 13. bis 17. jh., darüber hinaus im sg. nur vereinzelt und in einigen maa. (s. unt. 1 b u. 2 a); seit dem 16. jh. zunehmend durch reicher entwickeltes grauen, n. (s. d.) zurückgedrängt. ob der pl. grauen, der seit der zweiten hälfte des 18. jhs. bezeugt ist und, wenn auch selten, bis heute begegnet, zu grau, m. oder zu grauen, n. gehört, ist nicht zu entscheiden.
1)
als subjektive empfindung.
a)
der durch einen hohen grad der furcht, des schreckens verursachte schauder angesichts einer tatsächlichen oder vermeintlichen gefahr. lexikalisch: perterrere grawe machen (obd., anf. 15. jhs.) Diefenbach gl. 430ᵇ; obhorrere gruwen han (15. jh.) ebda 387ᵃ; noch grau (der, usitatius est das grauen) horror Steinbach dt. wb. (1734) 1, 636.
α)
im sinne einer existentiellen furcht angesichts einer gefahr für leib und seele: (die sünden) machent den grûwen unde den grûsen sô grôz, daz ez alliu diu werlt niht vollesagen kan Berthold v. Regensburg 1, 202, 7 Pf.;
ich sach den aller grœsten viez;
daz in der tiuvel wurge!
er was grôz und dâ bî lanc:
sîn muot was ungetriuwe.
dô muoste ich lâzen mînen ganc:
mich bestuont der grœste griuwe
der mir iemer mê beschiht
Virginal 274, 10 in: dt. heldenb. 5, 52;
mir wart von gote kunt eyn wort ...
eyn gesichte mich ane vacht
in grozem gruwe bin der nacht ...
ich bibte und vorchte mich hart,
al myn gebeyn irschrecke wart
md. Hiob 1668 Karsten;
wer nit den weg durch diese pforten (zum reich gottes) pawe,
leit we, clag, angst, forcht, grawe,
schmercz, pein, gotlicher trawe
er ewiclichen dort verdirbt
Folz meisterlieder 210 Mayer;
wehr ist doch jhe szo herczenhafftig gewest, dehr nit ein grau hett gehabtt vor ungluck und vor dem tode? es ist mentschlich, das man sich vor dem tode entsetztt und ein grauen hatt. solcher grau und entsetzungh hatt den hern schwitzendigk gemachtt, jha ein blutigen schweisz (1522) Egranus ungedr. pred. 102 Buchwald; die angefochtenen koͤnnen es manchmal nicht auszreden, wie sie gedencken, sondern sprechen nur, wie ihnen gar bange sey, und haͤtten einen grossen grau, und sey ihnen zu sinn, als wenn sie grosse ubelthaten auff sich haͤtten Scriver seelenschatz (1681) 2, 804.
β)
weniger existentiell bezogen. heftiger schrecken:
küng Rachis der Lamparter worcht
den Römern grawen, schrick vnd forcht
Folz in: fastnachtsp. 1315 lit. ver.;
ir haubtman ... haut allen Römern, so erschlagen warn, die grint (köpfe) ab, lies (si) allenthalben auf den zaun, so umb das römisch geleger gieng, stecken, macht ainen grossen grauen und schrecken den andern Römern Aventin bayer. chron. 1, 605, 1 Lexer. blasser, furcht schlechthin:
das er wurde understehn sich,
den gems vor so vil schön frauen
zu fällen an allen grauen
Teuerdank 48 G.;
der vierzehnender ist gestellt;
stark ist er, und auch schlau;
doch, brave hund, euch überfällt,
nicht wahr? nicht furcht noch grau
Goekingk ged. (1780) 3, 13.
mit eigener nuance, furchtschauder angesichts des unheimlichen, unbekannten:
mir sint erschrocken alle glider.
ich pit euch freundtlich, lieber gast,
cur khunst (wein hervorzuzaubern) ir also pleiben last ...
offentbart nur den teuffel nit!
dann mir möcht sunst khumen ein grau
Probst dram. w. 36 ndr.;
(nach einem bericht des Tacitus wird eine german. göttin) in einem verborgenen see gewaschen ..., woselbst knechte zu dienst bestellt seyn, und nach verbrachter arbeit stracks von vermelter see verschlungen werden. daraus entstehet ein heimlicher grauen, und eine heilige vnwissenheit, weil sonst niemand was daselbst geschicht nicht sihet, als die ... ersauffen muͤssen Prätorius ber. v. katzenveite (1665) D 7ᵇ. wohl mehr im sinne von 'argwohn' (vgl. ²grauen, vb. B 1 b):
ein alter mann ob seiner frawen,
die jung war, hett ein grossen grawen,
als obs zu fruͤe kaͤm mit eim kind,
vnd sprach: nit redlich ich dich find,
denn wenn ich recht rechne nach,
so kombst zu fruͤ mit diser sach,
ich nimb das kind nit von dir an
Sandrub hist. u. poet. kurzweil 71 ndr.
b)
auf ekel, abscheu, abneigung beruhender schauder. lexikalisch besonders in der bedeutung α: nausea grawen (obd. 1486) Diefenbach nov. gl. 262ᵃ; gruw (md. 15. jh.) ders., gl. 376ᶜ; fastidium, nausea ... graw, eckel Er. Alberus dict. (1540) HH 1ᵃ; vomitus vnwill, vndaw, graw Schöpper synon. (1550) d 5ᵇ; grawen, m. eckel ... einen grawen vnd eckel haben Hulsius-Ravellus teutsch-frz.-it. (1616) 145ᵃ; grau, m. noch von Adelung vers. 2 (1775) 782; Voigtel hd. wb. (1793) 2, 127ᵇ; Campe 2 (1808) 445ᵃ verzeichnet als ungewöhnlich bzw. in nur mundartlichem gebrauch. jünger vorwiegend in omd. maa., meist in der wendung der grau geht einen an, vgl. Weinhold schles. 29ᵇ; Anton Oberlausitz 1, 12; Knothe Markersdorf 44; Hertel Thür. 109; Regel Ruhla 199; Jecht Mansfeld 44ᵃ; als vereinzelt, in unklarer zuordnung, jedenfalls nicht in der engen bedeutung 'ekel' bezeugt bei Vilmar Kurhessen 135; ferner grû Fischer Samland 53; grauᵉ, m. 'ekel'; eⁱnᵉⁿ graueⁿ ab etwas hauⁿ Fischer schwäb. 3, 809. dazu mundartliche adjektivbildungen wie gräuig, gräuisch 'schrecklich, greulich' vgl. Hertel a. a. o., Regel a. a. o.
α)
übelkeit, ekel als körperliche empfindung:
dan so das weib mit eim kind get,
graw vnd vnteuen ir zu stet
Folz in: fastnachtsp. 1219 lit. ver.;
die von einem wuͤtenden hunde gebissen, drauff anfiengen nicht allein einen grauwen ab dem wasser, sonder auch einen rechten vnwillen ab allem tranck zuͦgewinnen Heyden Plinius (1565) 207; so bald sie sehen, das sie so lange ob den zweyen hauchholdern (kothaufen) in der milch getruncken hatten, kam sie ein grawen an, speyeten und kotzten alles, das sie in vier wochen hieuor gessen hatten Hertzog schiltwache (o. j.) F 5ᵇ;
er (ein guter koch) trägt verdecktes essen auff und essen nur zu schau,
geust söder auff und senff daran, die dienlich für den grau
Logau s. sinnged. 172 it. ver.;
darum musz er (der mann) ... nichts unflaͤtiges, unsaubers uͤbel anstaͤndiges in ihrer (der frau) gegenwart, weil sie leicht zu abscheu und grauen zu bewegen, vor ihrem angesicht, sagen oder thun Hohberg georg. cur. (1682) 1, 94ᵇ.
β)
abscheu im religiösen sinne:
es muss der mensche die gedancken sin
in gotes liebe alle ziid keren, ...
unnd sine sunde sich lassen ruwen,
so gewinnet her kegen der unkuscheit gruwen
Johannes Rothe lob d. keuschheit 3012 Neumann;
got hat ain solchen grossen grawen ab der sünde gehebt (1524) mon. Germ. päd. 20, 72; das alles ... wol bekand haben, gehet nicht leer ab, ohne vielfaltigen seligen nutz, denn es soll uns billich für dem bösen gewissen einen grawen machen M. Walther erläut. d. proph. Daniel (1645) 1, 736.
γ)
widerwille, abneigung, ablehnung: (wir sollen nicht blutiges fleisch essen,) das wir nicht blutsuͤchtig wuͤrden und auch einen grawen gewuͤnnen menschen blut zuvergissen (zu 1. Mos. 9, 4ff.) Luther 24, 201 W.;
es ist dem frommen alle frist
ein freud, zu thun, was nur recht ist;
aber der ubelthäter (schaw!)
ob recht-thun hat forcht, schew und graw
Hans Sachs 19, 319 lit. ver.;
mehr hat mich grau und scheu nicht schreiben lassen wollen (von kriegsverwüstungen).
und dererwegen auch die nach uns kommen sollen,
(wo dasz die schlimme welt noch länger kan bestehn)
will ich und musz auch viel mit schweigen übergehn
Opitz opera (1690) 3, 268;
sie (die geliebte) hat den grauen angenommen,
seit wir so kurz vonsammen sein,
da wir uns doch so freundlich hatten,
als Luna spielte mit dem schatten.
nu Föbus mahlt der luͤffte tohr,
stellt sie sich fremde, wie zuvor
Stieler geharnschte Venus 145 ndr.;
er hat einen grauen vorm weibernehmen detestatur nuptias, nauseat amores Stieler stammb. (1691) 696. anders im hinblick auf den liebesschmerz, in unsicherer zuordnung; vielleicht im anschlusz an ²grauen, vb. B 1 b oder C 1 b:
wen wie hoch ich bw,
so tuͦt mir der grv,
dvrch den ich laid bin tragen
(Ulm 15. jh.) in: Alemannia 3 (1875) 87.
2)
das, was einen schauder der furcht, des schreckens, des abscheus erregt, im religiösen und profanen bereich. so auch, und in jüngerem literarischem gebrauch fast nur, im plural.
a)
in persönlicher beziehung. von einer person, die andere schreckt, zu der andere ein feindseliges verhältnis haben:
wîlent lobte man guoter liute leben ...
sô spottet man ir nu, swâ si gênt ...
swer nû wil sîn ein frumer man,
den muoz ez gar sûr kumen an,
wenne er muoz sîn der werlde grûwe
und muoz sich riuhen als ein hûwe
Hugo v. Trimberg d. renner 5721 Ehrismann;
gegrusset seistu (Maria), forcht und graw
in helscher aw
aller verdampten geist,
die deinen namen flihen, fraw,
wo man dich nent
Folz meisterlieder 221 Mayer.
von einer person, die abscheu, widerwillen erregt:
mein fraw ist mein zier und wol-lust,
ist offt mein graw und suppen-wust
Hans Sachs 4, 333 lit. ver.;
sondern dieser Christus ist jnen ein eckel, ein grawe, vnd schewsal gewesen J. Gretter erkl. d. ep. S. Pauls a. d. Römer (1566) 614. noch mundartlich 'gräulicher mensch' Hertel Thür. 109.
b)
in der beziehung auf unpersönliches.
α)
furcht und schrecken erregendes, schrecknis: (Wigalois will gegen einen gefährlichen feind kämpfen, man rät ihm ab) dye graͤfin bat mit grosser bete, vnd saget jm vil grawen Wigoleys (1493) c 2ᵇ; die kinder von Israel ... schicken derhalben kundschaffer ins land (Canaan), so ... des landes und der leute gelegenheit erforschten. als die nun wider kamen und jnen den grawen gros machten, da wolten sie nicht fort, sondern furchten sich, das sie wuͤrden den heiden zu schwach sein Luther 28, 540 W.;
ja darf man dem gerüchte trauen,
so schwärmt in blassem schein
des nachts in fürchterlichen grauen,
ihr (eines mädchens aus der 'ritterzeit') geist noch um den stein; ...
da macht die furcht dem wandrer flügel
allg. dt. bibl. (1765) 4, 179;
(Veldeke) bestaunt das selbst, dessen schilderung dem hörer erstaunen auspressen soll, fürchtet die grauen, die der leser nicht empfindet Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 274. mit dem beisinn des schwindelnden erstaunens: (in Tyros) waren ettwan auch so grosz marmelsteyne suͦlen, daz esz eyn gruwen vnd wunder was zuͦ sehen Breidenbach d. heyl. reyszen gen Jherusalem (1486) 47ᵃ. häufig mit genitivischem attribut: indem uns der immerwerend schreck und graw des gegenwertigen oder nahenden tods manet und erschrecket Alt buch d. cron. (1493) 260ᵇ; (gott) wird dich mit seinen fittichen decken ..., das du nicht erschrecken muͤssest fur dem grawen des nachts, fur den pfeilen die des tages fliegen ps. 91, 5;
lasz dichs nicht schröken, Semele, wenn er (der gott)
die grauen seiner gegenwart, die feuer
die um ihn krachen, dir die donner die
den kommenden umknallen, zu popanzen
aufstellen wird, ...
das sind nur leere schrecken Semele
Schiller 1, 326 G.
β)
abscheu erregendes, scheuszliches, verabscheuungswürdiges; älter besonders im religiösen bereich; vgl. rancor graue vnd graulender gestanck (1723) Diefenbach gl. 484ᵃ: ein grawe (abominatio) wird im in seinen tagen das prot (Hiob 33, 20) Wenzelbibel bei Jelinek mhd. wb. 329; ein grawe (abominatio) ist es (das falsche opfer) deinem herren got (5. Mos. 17, 1) ebda; alles das sich us dem leren der menschen lasst für guet ansehen, das ist vor gott ein grüwen Zwingli in: schweiz. id. 2, 835. der sing. in jüngerem gebrauch ganz vereinzelt:
doch das widrige, den grauen (eine erlegte schlange)
so verwirklicht anzuschauen,
nimmt entfremdend mich von mir
Grillparzer s. w. I 5, 45 Sauer-B.
mit genitivischem attribut: wann sein gewesne nunn etwann in sich gangen ist, vnd den schaw vnd graw jres trewlosen abfals vom gaist ins flaisch betrachtet, sich für ein sünderin erkandte J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 3, 94ᵃ; es war ein kalter, rauher, dunkler frühlingsmorgen ... aber doch war die nacht noch königin, und ihre grauen noch fürsten und begehrten, noch dunkle thaten zu thun Frenssen Jörn Uhl (1917) 316; frau welt tritt (in Konrads von Würzburg 'der welt lohn') als ein weib auf, das vorne voll lockender schönheit ist, im rücken aber alle grauen der verwesung zeigt de Boor-Newald gesch. d. dt. lit. 2 (1953) 87.
3)
syntaktische verbindungen.
a)
in verbalen verbindungen.
α)
(einen) grauen machen, wirken, im frühnhd., zur bedeutung 'furcht, schrecken', s. unter 1 a: (15. jh.) Diefenbach gl. 430ᵇ; fastnachtsp. 1315 lit. ver.; Aventin bayer. chron. 1, 605, 1 Lexer.
β)
verbindungen, in denen grau als subjekt fungiert, bilden sich seit dem mhd. zur bedeutung 'furcht' (1 a) heraus: mich bestuont der ... griuwe Virginal 274, 10 dt. heldenb. 5; eyn grow gink Israhel an (Hos. 13, 1) Claus Cranc prophetenübers. 314 Ziesemer; erste dt. bibel 10, 25 Kurr. var.; groser grue quam si an (Dan. 10, 7) Claus Cranc prophetenübers. 293 Ziesemer; mir möcht ... khumen ein grau Probst dram. w. 36 ndr.; euch überfällt ... nicht ... grau Goekingh ged. (1780) 3, 13. der grau 'ekel' geht einen an in jüngeren maa., s. 1 b.
γ)
einen grauen haben (gewinnen) (gegen, vor, ab, ob, an etwas oder jmd.), seit dem frühen 15. jh.; zur bedeutung 'ekel, abscheu, abneigung', s. die belege unter 1 b. gelegentlich zur bedeutung 'furcht': dehr nit ein grau hett gehabtt vor ungluck und vor dem tode Egranus ungedr. pred. 102 Buchw. unter 1 a α.
b)
in präpositionalen verbindungen, nur in der bedeutung 'furcht' (1 a): in grozem gruwe md. Hiob 1668 Karsten;
daz sy vor gruwen icht geworcht
hette keynerhande ding
ebda 1286 (wenn hier nicht der substantivierte infin. von gruwen [s. ²grauen, vb.] vorliegt);
vor grawe Cronberg schr. 65 ndr.; fur graw vnd angst (16. jh.) bei Wackernagel dt. kirchenlied 3, 185ᵃ.
c)
in festen substantivischen verbindungen.
α)
in der bedeutung 'furcht' (1 a) oder 'schrecken erregendes' (2 a; b α): den grûwen unde den grûsen Berthold v. Regensburg 1, 202, 7 Pf.; grawe vnd forchte d. ackermann a. Böhmen 1 Hübner; nicht furcht noch grau Goekingk ged. (1780) 3, 13; grawen, schrick vnd forcht Folz in: fastnachtsp. 1315 lit. ver.; grauen und schrecken Aventin bayer. chron. 1, 605, 1 Lexer; grau und entsetzungh Egranus ungedr. pred. 102 Buchwald; graw vnd angst (16. jh.) bei Wackernagel dt. kirchenlied 3, 185ᵃ.
β)
in der bedeutung 'ekel, abscheu, abneigung' (1 b) oder 'abscheu erregendes' (2 b β): graw vnd vnteuen Folz in: fastnachtsp. 1219 lit. ver.; vndaͤwung, widerwille, grawe vnd eckel Petrarca trostbücher (1559) 40ᵇ; grawen vnd eckel Hulsius-Ravellus t.-it.-frz. (1616) 145ᵃ; forcht, schew und graw Hans Sachs 19, 319 lit. ver.; schaw vnd graw J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 3, 94ᵃ; grau und scheu Opitz opera (1690) 3, 268; abscheu und grauen Hohberg georg. cur. (1682) 1, 94ᵇ.
Zitationshilfe
„grau“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/grau>, abgerufen am 16.11.2018.

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