Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

H

H
Der achte buchstabe des lateinischen, sowie des gothischen alphabets (in letzterem auch mit dem zahlwerte 8), der siebente des altnordischen runenalphabets; in dem erweiterten ags. runenalphabete nimmt er die neunte stelle ein. das h ist der jetzigen hochdeutschen sprache theils der reine hauchlaut (das h ist ein scharpffer athem, wie man in die hende haucht Ickelsamer gramm. B 1ᵃ), theils hat es gar keinen phonetischen wert mehr, insofern es (z. b. in sehen, wehen, ziehen, blühen, hoher, floh) stumm geworden ist, theils steht es oft nur als zeichen der dehnung eines vocals, nicht einmal mehr mit etymologischem werte. der buchstabe ist nach seiner entwickelung und geltung kurz vorzuführen.
1)
reiner hauchlaut von den ältesten zeiten her ist vorhanden in den mit h anlautenden echten interjectionen, also in ha, haha, ho, hu, huss, hum, in aha, ahî u. a. auch das altindische zeigt die gleichen naturlaute auf: hâ, hahî, ahahâ, ahê, ahô; der Grieche lacht ἃ ἅ und der Lateiner ha ha he; unserm oho gleicht bei den römischen komikern eho und unserm hm, hum derselben hem. Ferner ist h ursprünglicher hauchlaut da, wo er überflüssig vocalischem anlaute vorgetreten ist. wie diese erscheinung schon in den ältesten hochdeutschen zeiten auftaucht (huns, za habande für uns, za abande Hymn. 17, 3. 18, 1; reichliche andere beispiele bei Weinhold alem. gramm. 193. bair. gramm. 192), so zeigt sie sich auch, obwol im ganzen selten, in der nhd. schriftsprache. für mhd. eischen hat sich schon seit dem 14. jahrh. heischen ergeben; helfenbein für elfenbein als eine bereits im mhd. gebrauchte und bis ins 17. jahrh. dauernde form ist 3, 413 angeführt; haberraute ist aus abrotanum geworden, neben aberklaue ist haberklaue gebräuchlich, wie für eidechse auch heidechse gilt; und dasz häckel und heikel von eckel, ekel nicht zu trennen ist, wird unter diesen wörtern besprochen. die mundarten weisen mehr der fälle auf. so sagt der Baier henchel, henkel für enkel knöchel, der Schweizer heigen für eigen haben, und in vielen theilen Deutschlands lautet der fremde abschiedsgrusz adieu ade hadjes, hadje; bei Haupt 1, 25 ist darauf aufmerksam gemacht, dasz eine im friesischen vorkommende nebenform zu atha vater mit anlautendem hauche heitha heita dem jetzigen hessischen heite, häte vater gleicht; aus Mecklenburg: bi'n pohlsches hulahnen-regiment Reuter festungstid 10; andere beispiele aus Westfalen bringt Woeste bei in Fromm. zeitschr. 5, 345. — In einem falle ist dagegen h an einem eingebürgerten fremdworte gewichen, an uhr aus lat. hora, s. unter hor. vgl. ferner das 3, 52. 692 zu ehr, er für hêr, her dominus und er für die partikel her bemerkte. Dasz der hauchlaut h ein ursprüngliches s vertritt, wie der griechische spiritus asper, ist eine wol nur auf die bairischen mundarten eingeschränkte und wenig häufig vorkommende erscheinung: hänt sie sind aus Niederösterreich und andere verzeichnet Fromm. 5, 106. 3, 107. Weinhold bair. gramm. 192.
2)
unser h ist zu dem jetzigen hauchlaute aus einem reibelaute geworden, welcher aus dem indogermanischen k entstand, wahrscheinlich durch die aspirata kh hindurch gieng und schon im gothischen als h sich zeigt, doch wol, wie auch später noch, mit etwas anderer aussprache als bei uns, die unserm ch näher kam. möglicherweise ist die aspirata kh = goth. h noch den merovingischen Franken gerecht gewesen, die dafür die schreibung ch gewähren; man vergl. Childebert = Hildebert, chrêo-mûsido leichendiebstahl der malberg. glosse mit goth. hraiv, ahd. hrêo cadaver; chengisto hengst ibid. mit ahd. hengist; ficho vieh ibid. mit goth. faíhu, ahd. fihu. Der verlauf dieses h ist nach seiner stellung im anlaut, inlaut und auslaut zu ermessen.
a)
anlautendes h = goth. h, indogerm. k. die aussprache dieses lautes musz je nach ort und zeit schon im althochdeutschen geschwankt haben. auf einen harten reibelaut weist es hin, wenn h für ch stehen kann, wenn also hreftî für chreftî, harag für charag geschrieben wird. der name eh, den der buchstabe h in Pariser glossen führt (erus magis per h scribitur, maer duruh eh scrîpan Graff 4, 683) bestätigt diesz, denn nur wer den laut mit rasura gulae sprach, konnte ihn eh nennen, wer ihn hauchte, brauchte den namen ha. auf der andern seite sprechen für schon frühen übergang des reibelautes in den hauchlaut der umstand, dasz h oft einem mit vocal anlautenden worte überflüssig vortrat (s. oben), so wie der, dasz die anlautenden verbindungen hl, hr, hn, hw sich schon frühe in einfaches l, r, n, w wandeln. so wird hladan zu ladan, laden, hros zu ros, ross, hnîgan zu nîgan, nîgen, huër zu wër; nur in einem sichern falle hat sich von der letztern verbindung das h erhalten, weil der folgende labial sich frühzeitig vocalisierte: ags. hvôsta ist ahd. huosto und unser husten.
b)
im in- und auslaut tauchen seit den ältesten historischen zeiten unserer sprache zweierlei h auf. etymologisch einem indogermanischen k entsprechend ist es in ahd. zehan, goth. taíhun, lat. decem, in ziohan, goth. tiuhan, lat. dûcere, ahd. skuoh, goth. skôhs schuh u. a. die frucht einer assimilation ist es in der verbindung ht, wenn dieselbe nicht indogermanischem kt entspricht (wie in ahd. naht, goth. naht-s, altind. naktam), sondern aus gutturale und dentale geworden ist, so in goth. mahta, ahd. mohta, welches für mag-da, mog-ta steht, in goth. þahta, ahd. dâhta für þak-da, dak-ta; ahd. starhta stärkte für starkta, starchta u. a. dieses assimilirte ht besteht ebenso wie das echte in gleicher schreibung durch das mittelhochdeutsche hindurch, ist aber seit dem 15. jahrh. zu cht geworden.Zu diesen beiden arten von h tritt nun noch im ahd. ein drittes in mihil grosz, zeihan zeichen, pouhan signum, joh joch, welches indes nur mehr vereinzelte schreibung für mihhil michil, zeihhan zeichan, pouhhan pouchan, joch ist, in der rauheren aussprache des h, die dem ch nahe kam, seinen grund hat, und etymologisch nicht auf indogerm. k, sondern auf goth. niederd. k, indogerm. g zeigt. dieses h für ch, wie es sich nie allgemeiner hat festsetzen können, geht zu gunsten des letzteren bald wieder unter, wenn auch noch spät spuren davon anzutreffen sind, z. b. steht gmahet für gemachet bundsch. 42; es hat aber noch in einem beispiele in der nhd. sprache nachgewirkt, in geruhen, ahd. ruohhan curare, welches wort im altsächs. rôkjan, ags. rêcan lautet, wo also das h ein ursprüngliches ch, niederd. k vertritt. Das inlautende echte, nicht aus anderm laute assimilierte h ist nun im nhd. theils geblieben, theils zu einem andern laute gewandelt. geblieben, aber stumm geworden zwischen zwei vocalen und vor r, l, m, n: nahe, schwäher, zehe, sehen, geschehen, leihen, ziehen, geflohen, schuhe, ähre, zähre, stahl, zehn, trähne; in oheim tönt es noch, in der verkürzten nebenform ohm nicht. vor s und t ist, gerade entgegen ahd. mhd. brauche, für h schreibung und laut ch eingetreten: ahd. naht—nacht, ahd. nâhist—nächst, ahd. dehsala beil—dechsel, dîhsala—deichsel; goth. aúhsus, ahd. ohso, mhd. ohse—ochse; alts. ahd. lioht, mhd. lieht—liecht, licht; goth. leihts, ahd. lîht—leicht. — Beachtung verdienen übergänge eines alten echten h in g, die nicht mit einer gewissen regelmäszigkeit erscheinen, sondern sich auf einzelne worte oder wortfamilien beschränken, aber alt sind. goth. ganôh-s genug mit seinem verbum ganôhjan ist ags. schwankend genôh und genôg; ahd. ganuog, ginuogan, doch blickt das alte h noch hindurch in der schreibung ginuoch (Graff 2, 1006), wie es sich in dem von éiner wurzel stammenden verbum ganah es genügt, goth. ganah, ags. geneah erhalten hat. mhd. nur genuog, genuoc, genüegen, nhd. genug, genügen. flüssiger als in diesem worte ist das verhältnis zwischen h und g geblieben in schwäher, ahd. swëhur, mhd. swëher (lat. socer) und schwieger, ahd. swigar, mhd. swiger; schwager, mhd. swâger. einige starke verben mit wurzelauslaut h lassen denselben bald mehr, bald weniger häufig in g wandeln: gegenüber goth. slahan, praet. slôh, slôhum, part. slahan-s ist im ahd. sowie im altniederd. zwar noch in den präsensformen h erhalten in slahan schlagen, slah plaude, arslahit occidit, irslahe interficiat, aber die präteritalformen haben g angenommen: sluog, wofür nach den auslautsgesetzen auch sluoc (neben sluoch) gilt, sluogun, part. gislagan; uns ist das g auch ins präsens gedrungen: schlagen, ich schlage, schlug, geschlagen; aber präsentiale formen mit h halten sich noch bis ins 17. jahrh. Luther gewährt den inf. schlahen 1 Mos. 8, 21. 2 Mos. 9, 15. 12, 12 u. ö., die form ich schlahe 2 Mos. 12, 13 neben schlage 1 Sam. 17, 9; du schlechst 5 Mos. 7, 2 neben schlegst ps. 3, 8, schlegt 2 Mos. 21, 12. 15. imp. schlag 2 Sam. 1, 15; B. Waldis wiltu dich schlahen III, 3, 13, art schlecht nicht von art IV, 3, 25; das h fällt aus: zu boden schlan (: abe lân ablassen) Opel u. Cohn 344, 207; selbst in der participialform geschlan (ibid. 262, 64), was auf früheres geschlahen für geschlagen hinweisen kann. der wechsel zwischen h und g in diesem verbum ist auch den heutigen mundarten noch eigen: osterländisch schlahen und schlân, imper. schlag und schlâ; so auch schwäbisch schlag schlage und schlâ, schlechst du schlägst oder schlaist, inf. schlage und schlã Fromm, 2, 113. weniger durchgedrungen als bei diesem verbum ist der gleiche wechsel bei ziehen, goth. tiuhan, praet. tauh, taúhum, part. taúhan-s; im ahd. entspricht ziohan, praet. zôh und zôg, zugum, part. zogan gazogan. wir haben das h in den präsensformen gerettet ziehen, in den präteritalformen hat sich g fest gesetzt zog, gezogen, wieder nicht ohne ausnahme; in dem studentenliede 'das jahr ist gut, braunbier ist geraten' begegnet
da thu ich vor freuden die mütze abziegen (: vergnügen),
und bei B. Waldis steht zoh für zog III, 29, 1, zohe II, 27, 50. III, 8, 10; auch später noch: durch diesen discurs der sich weit auf ein mehrers erstreckte und auseinander zohe. Simpl. 2, 229 Kurz. Luther hat die form zoch Marc. 12, 1. 13, 34 u. ö., in einigen ersten drucken findet sich auch zog; ich zoch meine schuh wieder an. Simpl. 3, 328 Kurz. nominalableitungen haben teils h teils g: ziehe educatio, ein kind in die ziehe geben, aber zeug, zeugen, zug, zügel, welches letztere wort ahd. schwankte: zuhil und zugil. — Gegen diese verben hat fliehen, ahd. fliohan sein h rein zu erhalten gewust, ungleich dem ags. brauch auch hier in den präteritalformen den wurzelauslaut zu g zu wandeln, wodurch die formen flugon, geflogen formell denen von fleógan fliegen gleich werden. nur mundartlich erscheinen von geschehen formen mit g: es is êmal geschegen sagt man im Osterlande; und das das geschege Stolle thür. chron. 115. gedeihen hat sein wurzelhaftes h wieder hergestellt, wir sagen es gedeiht, es gedieh, gediehen, was dem mhd. dîhen, dêch, digen, gedigen gegenüber steht; reste des mhd. brauches retten sich in das nhd. hinüber: welches ihn darum nicht besser machte oder ihm zur warnung gedige. Simpl. 2, 154 Kurz; das alte part. gedigen verwenden wir als gediegen heute als adjectiv und trennen es vom part. gediehen auch der form nach. Auslautend duldete das mhd. kein h, sondern setzte es in ch um, wodurch das letztere sowol der vertreter eines goth. h als auch eines goth. k wurde. das nhd. hat gestrebt, das auslautende h wieder in sein altes recht zu setzen; es ist ihr meist, nicht immer, gelungen: nicht in hoch, goth. hauh-s, ahd. hôh, mhd. hôch, gegen hoher, mhd. hôher; in doch, goth. þaúh, noch goth. naúh; die präp. nach steht neben dem adj. und adverbium nahe, nah, goth. nêhva. auch hier lange schwankendes nachklingen des mhd. brauchs: floch (floh) 1 Sam. 4, 10; der imper. fleuch findet sich noch bei Gotter (1, 13 gegen fleuh Weckherlin 815); und sich (sieh) das niemand zu dir kumb B. Waldis I, 24, 9, rauch rauh III, 14, 9, schuch schuhe IV, 69, 95, händschuch Garg. 281ᵇ gegen schuh ibid.; dasz ihm die schuchsohlen hätten herunter fallen mögen. Simpl. 3, 72 Kurz. in durch haben wir die mhd. form behalten (goth. þaírh, ahd. duruh), in mähre equus ist das schlieszende h untergegangen: ahd. marah, ags. mearh, mhd. march. Wo nun im nhd. auslautend das alte etymologisch berechtigte h wieder erscheint, ist es stumm: sieh, sah, geschah, der zeh, verzeih, vieh, floh, schuh, rauh. die volkssprache läszt jedoch hier gewöhnlich, in fortsetzung der mhd. gewohnheit, das h als ch lauten und sagt sich, er sach, es geschach u. s. w., und auch die sprache des gebildeten verschmäht die form viech nicht, wenn sie damit eine komische wirkung erzielen will. Aus- oder abfall hat h erlitten in scheuen, mhd. schiuhen, gegen das transitive scheuchen, welches sein h zu ch gewandelt zeigt; in scheu, abscheulich, scheusal; ferner in befehl, befehlen, goth. bifilhan, ahd. bifelahan, für welche beide wörter bis ins 17. jahrh. die form befelch, befelchen gebräuchlich war (1. 1251—55, das im inlaute beider wörter stehende h kann für nichts als ein dehnungszeichen genommen werden), in scheel und schielen, ahd. scelah und scilahan, bair. noch schelch und schilchen (Schm. 3, 352). mähre equus wurde schon genannt.
c)
besonders häufig hat sich h im nhd. in bildungssilben an stelle anderer spirantischer laute ergeben; meist des j: mhd. blæjen, blüejen, brüejen, brüeje, dræjen, vrüeje, glüejen, kræjen, mæjen, müejen, næjen, wæjen ist nhd. zu blähen blühen brühen brühe drehen frühe glühen krähen mähen mühen nähen wehen geworden, dieser übergang aber von j in h ist bereits von lange her, schon seit ahd. zeit vorbereitet: neben ahd. blâjan geht blâhan in arplâhant (Graff 3, 235), neben blôjan blôhan, bluohan, neben muojan muohî mühe (2, 602), mhd. wechseln müejen, müehen, müewen mit einander und für vrüeje findet sich auch vrüehe, wie überhaupt der wechsel der bildungslaute j h w weit durch die deutschen dialecte greift. das nhd. kennt diesen wechsel nicht mehr, ihm ist, wie eben gezeigt, nur h gerecht oder der bildungslaut ist ganz ausgefallen wie in säen gegen ahd. sâjan sâhan sâwan. vertreter eines w ist ahd. h in ruhe ruhen, mhd. ruowe ruowen; ferner in frôh, mhd. vrô, vrôwer, neben welcher letzteren form sich doch auch schon mhd. der acc. frôhen findet (Ben. 3, 414ᵃ). zweifelhaft ist es ob in ehe matrimonium das h hierher gehört und vertreter eines alten w ist, ahd. êwa, wofür Notker die form êha aufweist; 3, 39 ist dies verhältnis geläugnet und das h des wortes nur als dehnungszeichen genommen worden. nhd. wehe ist vielleicht doch von dem mhd. subst. wêwe schmerz nicht zu trennen, wofür md. die form wêhe gebraucht wird.Im 16. jahrh. finden sich noch mehrere alte w durch h, und zwar im auslaute vertreten: Luther schreibt kalh calvus, mhd. kal kalwer (Micha 1, 16); falh, ahd. falo, falawer, doch neben falb, in welcher form sich das alte w zu b erhärtet rettet (offenb. 6, 8); melh, mhd. mel, melwes: ein epha ungeseuerts melhs richter 6, 19; das ungeseuert melh 21; bei diesen wörtern tritt das h später nur als dehnungszeichen in den inlaut, gerade wie bei befehl, befehlen, s. oben. umgekehrt findet sich ein altes ableitendes h in b gewandelt, was aus w verhärtet ist; für scheel (schelh Agric. spr. 29ᵃ ausg. v. 1560) schreibt Maaler schälb, uberzwerch 345ᵃ, schelb ansähen 349ᵇ.
3)
h als dehnungszeichen. seit den ältesten hochdeutschen zeiten kommt es bisweilen vor, dasz schreiber einem worte ein h einfügen, welches keine etymologische berechtigung hat. manchmal steht es ganz ohne ersichtlichen grund, theils nach einem unzweifelhaft kurzen vocale wie in magaht-heiti, kiduhlt (Weinhold alem. gramm. 199), theils sogar zwischen zwei consonanten, z. b. in Liutmunht für Liutmunt (verbrüderungsbuch von St. Peter 43, 3); öfter erkennt man die absicht, durch den hauchlaut die dehnung eines vocals anzuzeigen: deohmuatî, hûhs (Weinh. a. a. o.). dieses überflüssige h ist bis zum 14. und 15. jahrh. noch nicht häufig: erst im 16. wird es sehr gewöhnlich in der absicht verwendet, die länge des vocals dadurch anzuzeigen. die stellung des h ist hierbei oft willkürlich, teils vor, teils hinter dem vocale, dessen dehnung angezeigt werden soll; es begegnen die schreibungen nehmen und nhemen, jhar und jahr, raht, rhat und rath, nuhr und nhur für nur. schon im 16. jahrh. regelt sich der gebrauch dieses dehnungszeichens, das übrigens nicht mit consequenz, sondern nach der laune des schreibers ebenso gebraucht wird, wie die verdoppelung eines consonanten um dadurch die kürze des vorhergehenden vocals anzuzeigen, dergestalt, dasz es hinter dem betreffenden gedehnten vocale seine stelle erhält. ein rest des frühern brauchs, es vor denselben zu stellen, ist uns bis auf heute geblieben in der schreibung th, das, wie man weisz, mit dem niederdeutschen und englischen th nichts zu thun hat, sondern einfach willkürlich die hochdeutsche tenuis t vertritt: unser that ist gleich taht und soll nur tât ausdrücken, ebenso wie thun, thor, thüre nur für tûn, tôr, tü̂re stehen. es wäre besser, wenn wir diese schreibung ganz fallen lieszen, um so mehr, als sie ohne allen sinn auch in den fällen einrisz, wo ihr diphthong folgte, also ein vocal, dessen länge nicht besonders bezeichnet zu werden brauchte, in thau, theuer, theil, thier, oder wo ursprüngliche kürze blieb, z. b. in thurm, oder zwischen zwei consonanten, wie in thran, thräne (wo die schreibung trähne wegen der etymologie, altsächs. trahan, berechtigt ist), oder endlich im in- und auslaute nach voraufgegangenem consonanten, in wirth, bewirthen, wirthschaft. man hat gleichlautende wörter verschiedener bedeutung, die, von verschiedener abstammung, erst im laufe späterer sprachwandlung lautlich zusammen flossen, pedantischer weise durch die schreibung geschieden: thau ros schreiben wir mit th (mhd. tou), das aus dem niederdeutschen aufgenommene tau funis mit einfachem t; -thon argilla mit th, ton sonus ohne solches; und doch hat noch niemand gefürchtet ein thor stultus werde mit thor porta verwechselt werden können.Das in- und auslautende th dieser art scheint sich eher abschütteln zu lassen als das anlautende, bereits seit längerer zeit machen sich schreibungen wie mut, miete, wirt, wirtschaft in büchern und zeitungen geltend; die schreibungen bluth (sanguis) geblüthe, die in schriften des vorigen jahrhunderts mehrfach begegnen, haben nie festen fusz fassen können. In einigen fällen hat dieses dehnungs-h eine eigentliche silbenzerdehnung herbeiführen können; in den verben gehen, stehen, mit ihren präsentialformen ich gehe, du gehest, wir gehen, ich stehe, du stehest, wir stehen, gegen das ahd. gân, stân, mhd. gên, stên, ich gê, stê, wir gên, stên; ferner in ehe prius, mhd. ê, vergl. 3, 36. 38. ehe matrimonium und wehe dolor sind zweifelhaft, s. oben. solche silbenzerdehnung scheint von Mitteldeutschland ausgegangen zu sein, und Luther, der sie gewöhnlich anwendet und sie in die nhd. schriftsprache eingeführt hat, fuszt hierbei augenscheinlich auf düringischem brauche; es finden sich hierfür beispiele aus dieser landschaft bereits aus dem 15. jahrh., meist zwar nur vor r: die statuten von Nordhausen gewähren âne vahere ohne gefahr, zeitschr. des sächs. thür. altertumsvereins VI, 2, 56; Stolle hat: die wile der werder gewonnen wehere (wäre) s. 96; wehere geldes und gutis gnug in der stad Nusz ibid.; sie hetten mehir (mehr) gewonnen ibid.; wolten nicht meher storme (stürmen) 73; aber auch anderweit: alle bliben stehen 65; under dem wasser gegehen 67; lissen die dorumb gehen 71; das stehit 104, gegen das stet gleich darauf; nu merket mehe (: sehe) 112. da nun derselbe chronist auch wehe schreibt: thad on (ihnen) also wehe 68, hatte on gar wehe gethon 87, so giebt diesz freilich eine vermutung ab, dasz auch hier eine solche silbenzerdehnung vorliege.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1868), Bd. IV,II (1877), Sp. 1, Z. 1.

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Zitationshilfe
„h“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/h>, abgerufen am 02.04.2020.

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