Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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hammel

hammel,
vervex, multo.
1)
der begriff den wir heute mit dem worte verbinden, scheint ihm nicht von alten zeiten her eigen und noch im mhd. nicht bezeugt. ahd. begegnet das adj. hamal, durch welches mutinus (l. mutilus) übersetzt wird Graff 4, 945, mit einem compositum hamalstat richtplatz, calvaria 6, 641, was auch im mhd. hamelstat fortlebt, das auszer dieser bedeutung noch die des zerrissenen, abschüssigen terrains hat; ferner mit einem verbum pihamalôn truncare, mutilare, das auch im ags. hamelian, engl. hamble die knieflechsen durchschneiden und so lähmen, wiederkehrt. ein selten vorkommendes mhd. subst. hamel drückt einen abgehauenen stamm, klotz, stange aus, auf der ein habicht festgebunden wird:
eʒ stuont ze einen stunden
ein habech ûf einen hamel gebunden,
als man noch dicke sihet tuon.
Haupts zeitschrift 7, 356.
vergl. unten das verbum hammeln in der bedeutung 1.
2)
auf einen verschnittenen und so verstümmelten schafbock wird das wort erst, soviel ersichtlich, im spätern mittelalter bezogen (denn ein ahd. hamal muliones, was man in multones gebessert hat, Graff 4, 945, ist verdächtig): vervex hammel Diefenb. 615ᵃ; hamel muto (für multo), aries castratus voc. inc. theut. h 8ᵇ; vervex ein verschnitner widder, hammel Dasyp.; ein hammel wirdt auf teutsch genent der wider welchem verschnitten ist. Forer thierb. (1583) 142ᵇ; mit der mehrzahl die hämmel: der widder, der hemel, der böcke, der ochsen. Hesek. 39, 18; viel guter feiszter schaf und hämmel. Wickram rollw. 72; einige hämmel aus einer heerde wegzutreiben. Schiller 855; vorzüglich in der neuern zeit hat auch die mehrzahl hammel statt: wenn sie mir alle hammel von ganz Tibet versprächen. Kotzebue werke 18, 63.
3)
einige nebenformen finden sich schon früh, so ein r statt des auslautenden l: multo hamer Diefenb. 371ᵃ (niederdeutsch, 15. jahrh.); häufig und namentlich mitteldeutsch ist die umgelautete form hämmel im singular: vervex hemel Dief. 615ᵃ; er stahl einen hämmel. Musäus kinderkl. 91;
es gilt meinen besten hämmel,
gib nur einem bauren geld,
der kaum weisz was disch und schemmel,
wo ers nicht bringt in die welt?
Neumark lustwäldchen 103.
Die verlängerung der kurzen stammsilbe, die im schrifthochdeutschen nicht stattfindet, geht durch eine reihe von mundarten, namentlich durch alle niederdeutschen, so hamel bei Dähnert, Schambach, im brem. wörterb., haomel und häömel Danneil 77ᵃ, im Oldenburgschen hâmel, hömel Fromm. 6, 82; aber auch durch oberdeutsche, henneberg. hâmel (mit gleichem plural), am Düringer walde hæmel 4, 310.
4)
indes hat sich der begriff des wortes nicht durchgängig in der oben 2 genannten weise festgesetzt, in Baiern heiszt hämmel neben vervex auch ein männliches schaf das keine hörner hat, es sei verschnitten oder nicht. Schm. 2, 191, wie lat. mutilus zugleich verstümmelt und hörnerlos bezeichnet; im Oldenburgschen ist das wort mit verändertem stammvocal hummel auf hörnerloses rindvieh bezogen Fromm. 3, 496; vergl. hummel, hummelbock.
5)
hammel wird auch der unverschnittene schafbock, widder genannt: es stunden vil schöne grosze zottichte hammel, mit schwarzer woll bedeckt, ausz denen nam ich die aller sterkisten und rauhisten, knüpfte ye drei und drei .. mit widen oder pästen aneinander, und under drei hämmel band ich alle mal ainen menschen, also das der mitler hammel trug, die eussern zwen auf der seiten halten hulfen. under allen war ain wider, an lenge, grösze, sterke und schöne alle andere übertreffend. Schaidenreiszer Odyssea 39ᵃ bei Fromm. 6, 83.
6)
hammel für castrat, eunuch: allein es blieb dabei, er wolte kein hammel sein. Chr. Weise erzn. 50. vgl. hämmling.
7)
hammel, ein schimpfwort für einen unwerten menschen, in Tirol für einen geistesschwachen Fromm. 5, 447; in Nassau für eine unreinliche person Kehrein 183, in Schwaben für eine gutmütige, auch einfältige weibsperson Schmid 259. in dem folgenden aber für eine ausschweifende dirne: und eine jede dieser garstigen hämmel zeigete ein paar platte fleischlappen an der brust, welche, wann sie angekleidet waren, in die höhe gerückt wurden, jetzo aber auf den bauch hinunter hiengen. Happel acad. rom. 35.
8)
es wird aber auch als kosewort verwendet, so in Baiern: du lieber hämmel! Schm. 2, 191; namentlich häufig in der verkleinerungsform hämmelchen, s. d.
9)
man sagt sprichwörtlich er ist dumm wie ein hammel, geduldig wie ein hammel. eine redensart, mit der man ein vorher abgebrochenes gesprächsthema wieder aufnimmt: um auf besagten hammel zurück zu kommen, ist zunächst nicht einheimisch, sondern begegnet am frühesten in französischer fassung revenons à nos moutons, die sich nach Littré auf eine farce des 15. jahrh., l'avocat Pathelin von Pierre Blanchet zurückführen läszt, in welchem ein process wegen unterschlagener hammel verhandelt wird. Fischarts kehrt zu seinen hämmeln Garg. 129ᵃ, von dem knaben Gargantua gesagt, der seine kinderstreiche immer von neuem beginnt, ist mit anklang an diese redensart gebildet (Rabelais: retournoit à ses moutons). aber geläufig und sprichwörtlich verwendete er sie nicht, denn Rabelais' retournans à nos moutons, je dy que .. im 1. cap. des Gargantua umschrieb er frei: aber laszt uns den wider auf unsere hämel widerbringen, davon uns der bock gebracht hat. ich sprich das .. Garg. 30ᵃ. Recht eingebürgert in Deutschland scheint die redensart erst durch Kotzebues lustspiel die deutschen kleinstädter zu sein, wo dieselbe in frischer weise angewendet wird: der bürgermeister von Krähwinkel erzählt dasz der amtmann von Rummelsburg einen hammel der Krähwinkler stadtherde gepfändet habe, er wird in seiner erzählung unterbrochen, knüpft aber dieselbe mit den worten wieder an: wiederum auf besagten hammel zu kommen. werke 18, 62. in dieser oder freierer fassung erscheint die phrase nun öfter: doch um wieder auf besagten hammel zu kommen, im collegium des herrn geheimraths Schmalz hörte ich das völkerrecht. H. Heine 1, 247; besagten hammel anlangend, hat uns die solostimme recht freundlich angelächelt. Castelli allgem. musical. anzeiger, Wien 1831, s. 127.
10)
mundartlich weit verbreitet ist hammel in der bedeutung kotrend an einem kleide (vergl. behammeln 1, 1325), so wol in Niederdeutschland, brem. wb. 2, 575, als auch in Oberdeutschland, Schm. 2, 191; im Göttingenschen daneben auch bei thieren die klunkern von mist oder dreck, welche sich der wolle oder den haaren anhängen. Schamb. 73ᵃ. hier klingt das engl. hem saum, rand, einfassung an, das als eingebogener theil eines kleidungsstücks eben auch auf jenes mehrfach erwähnte alte ham krumm (sp. 307) zurückführt. das deutsche hammel, als weiterbildung hiervon, berührt sich hiernach mit dem oben 1—9 aufgeführten hammel vervex zwar nach wurzel und bildungslauten, hat aber selbständig einen weit abliegenden begriff entwickelt.
11)
im hennebergischen heiszt hammel auch der tannen- und fichtenzapfen. Fromm. 4, 311.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1869), Bd. IV,II (1877), Sp. 310, Z. 20.

hammeln, hämmeln, adj.

hammeln, hämmeln, adj.
vom hammel: vervecinus hämelin, vervecina caro hämelin fleisch Dasypodius.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1869), Bd. IV,II (1877), Sp. 312, Z. 42.

hammeln, hämmeln, verb.

hammeln, hämmeln, verb.
1)
beschneiden, verschneiden in allgemeinem sinne (nach hammel 1 sp. 310): bestreich die hepen, damit man die baum hamlet, mit knoblauch, oder henk knoblauch an die bäum, so thut inen kein vogel schaden. Herr feldbau 92ᵃ.
2)
zu einem hammel machen: hämmeln, die jungen lämmer männlichen geschlechts verschneiden. Jacobsson 2, 199ᵇ; hamelen, hemmeln, castrare arietes Stieler 748; niederdeutsch hameln, die böcke verschneiden. Dähnert 171ᵇ.
3)
bei Fischart auch in einem etwas andern sinne, als hammel leiten, führen: dieweil sie (Moscoviter, Indier u. s. w.) von den Romanisten nicht wöllen gewidert und gehämmelt sein. groszm. 131, wollen sie nicht für ihre leithammel ansehen, nach Rabelais' etre par les Romanistes belinez (belin leithammel).
4)
aber ein ganz anderes hammeln, das mit dem vorigen nicht zusammenhängt, braucht eben auch Fischart in der bedeutung hüpfen, springen: da danzten, schupften, hupften, lupften, sprungen, sungen, hunken, reieten, schreieten, schwangen, rangen, plöchelten, füszklöpfeten, gumpeten, plumpeten, rammelten, hammelten, voltirten .. sie. Garg. 82ᵇ; darnach wann er erwacht, gumpet, blitzet, strabelt, geilet, rammelt und hammelt er ein weil im bett herumb, die leblichkeit der sinn und mütigkeit des geistes und fleisches etwas aufzumuntern und zu erfrischen. 159ᵇ. die zusammenstellung mit gumpen, plumpen, rammeln, strabeln, blitzen zeigt dasz ein ungeschicktes thierisches springen mit dem ganzen beine gemeint ist, im gegensatze zu dem kunstvoll mit dem fusze ausgeführten tanzen; somit stellt sich das wort zu hamme sp. 309. vergl. hammelmaus, und das folgende hammelochs, sowie hampel, hampeln, auch humpeln.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1869), Bd. IV,II (1877), Sp. 312, Z. 44.

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Zitationshilfe
„hämmeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/h%C3%A4mmeln>, abgerufen am 19.10.2021.

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