Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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häring

häring,
s. hering.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1869), Bd. IV,II (1877), Sp. 478, Z. 64.

hering, m.

hering, m.
clupea harengus.
1)
die form. ahd. hâring und herinc, hering, herinch, mhd. herinc; ags. hæring und hêring, engl. herring, niederl. haring; den nordischen sprachen abgehend, die dafür altn. sîld, dänisch sild, schwed. sill haben. nhd. steht neben der form hering (auch häring geschrieben) das unnasalierte härig halec Maaler 206ᵃ;
si hand ze Dorneck ein härig gessen,
darnach erst zStraszburg trunken.
Uhland volksl. 442;
und das der zuerst genannten ahd. form gleiche haring allec. voc. inc. theut. i 1ᵇ, was in dem neuerdings in komischer rede aufgekommenen alterthümelnden harung nachklingt:
o harung, armer harung!
Scheffel gaudeamus.
dasz hering ein aus dem lat. halec übernommenes und durch anlehnung an das heimische heer umgedeutschtes wort sei (gramm. 2, 350. Wackernagel umdeutschung 51), ist die allgemeine annahme. sie wird gestützt durch die älteste hochdeutsche form, der wahrscheinlich langes a beizulegen ist, sowie durch den umstand, dasz das wort zufrühest nicht den von uns darunter gemeinten fisch, sondern einen andern salzfisch bezeichnete.
2)
lat. halec gieng u. a. theils auf eine art thunfische, die im schwarzen wie im mittelländischen meere seit undenklichen zeiten in massen gefangen und mariniert weithin verführt wurden, daher spanisch noch heute aleche die makrele; theils auf verschiedene arten der gattung clupea, alse, die man namentlich in küstenorten des mittelländischen meeres auf dieselbe art zubereitete und in handel brachte; die letztere bedeutung bewahrt noch ital. alice sardelle. der handel mit solchen salzfischen muste sich schon früh auch nach Oberdeutschland gezogen haben, ahd. wird sowol halec als sardinia durch hâring, hering glossiert (Graff 4, 1016), und wenn noch im Meraner stadtrechte aus dem 14. jahrh. häringe und dürre vische erwähnt werden: ouch sol der veiltrager nemen ze lôn, sô er häringe oder dürre vische zelt, von dem hingeber von einem hundert häringe oder dürrer vische einen visch âne geværde. Haupts zeitschr. 6, 419, so sind unter den ersteren wahrscheinlich die aus Italien herübergekommenen alsen und sardellen zu denken; ebenso bei Seifrid Helbling:
her wirt, ich muoʒ iuch rœsten
als einen herinc ûf der gluot.
1, 706.
auch der norden Deutschlands lernte diese salzfische kennen: sarda ags. hæring Dief. 512ᶜ; sardinus beringas (lies heringas) Haupt 5, 198ᵃ. der fremde name gieng dann auf einen ähnlichen heimischen fisch über, der in mengen an den englischen und norddeutschen küsten zu einer gewissen zeit sich zeigte und den küstenbewohnern als ein hauptnahrungsmittel diente (misratener heringsvanc in Preuszen im j. 1313 als strafe gottes aufgefaszt. Jeroschin 25455). vielleicht dasz die anfänge in der kunst des einsalzens dieses heimischen fisches von den südlichen salzfischen her gelernt wurden; eine kunst die in den anfängen jedenfalls viel weiter als bis ins 14. jahrh. hinauf reicht. Megenberg kennt den häring bereits in der heutigen bedeutung, erwähnt aber weder seine einsalzung noch handel mit demselben: allec haiʒt ain härinch .. die pesten häring gênt pei Schottenlant und die aller poesten pei däutschen landen. 245, 9. (der verfasser des lateinischen originals zu Megenbergs buch war ein Niederländer des 13. jahrh., vergl. Pfeiffers vorrede zu Megenberg s. xxix.) erst zu anfang des 15. jahrh., als die Holländer in der kunst des einsalzens und verpackens dieses fisches vollkommenheit erreicht hatten, wird derselbe ein wichtiger handelsartikel, und so bedeutend ist nun seine verbreitung, dasz der umgedeutschte name des fisches in die romanischen sprachen eindringt: ital. aringa, span. arenque, provenz. arenc, franz. hareng.
3)
das aufkommen dieses handelsartikels in Deutschland seit dem 15. jahrh. zeigt sich sprachlich dadurch, dasz hering, wie andere waarennamen, als collectivum behandelt wird: meinen factoren hab ich bevolhen, dasz sie an dem see hering kauften und den gen Nurenberg füerten und in Franken; so ist so vil und so grosz hering von dem Rein komen, dasz der mein veracht ist. d. städtechron. 3, 97, 22 (rede eines kaufmanns an den kaiser; der kaiser antwortet in nicht technischer sprache: füer dein hering wider da sie kauft seind worden. 31); item das man keinen alden hering alhir, wenne der nuwe zukommen ist, nôch Michaelis, vor kaufmannsgut hir keufen adder vorkeufen sulle. urkundenb. d. stadt Leipzig 1, 314 (v. 1464); von einer tonna herings ein hering (abgabe). Arnstädter stadtr. bei Michelsen rechtsdenkm. aus Thür. 1, 56. 57; heringhes ene gude tunnen. Mone schausp. d. mitt. 2, 90.
4)
hering heiszt schechtweg und eigentlich der eingesalzene fisch (sonst böckelhering, salzhering);
salz im tode, salz im leben
ist dem hering immer eben:
witz in freuden, witz im leiden
sollen menschen nimmer meiden.
Logau 3, 250, 180.
grüner, weiszer, frischer hering heiszt der hering wie er aus dem wasser kommt, vergl. Nemnich 2, 1071. hering ist geringe und fastenkost: (dasz unter kaufmannswaare) ouch hering gesin sint, welhe der koufman ser hoch gelopt, wie eʒ so guot vasten spise si und gar liht on allen uncosten zuo bereiten. Germ. 13, 76;
so esz wir ainn hering für ain rephun (zu aschermittwoch).
fastn. sp. 622, 1;
herr wirt, wir kumen nit her ümb sust,
wann ich clag selber meinen verlust.
ich waisz nit, wie uns ist geschehen,
das wir hering und zwifel sehen
und uns di krapfen sein entwichen.
628, 7.
als leckerbissen aber gilt der gebratene hering, vorzüglich in Düringen (vergl. unten heringsfresser, -nase):
halec assatum   Thuringis est bene gratum,
ex uno capite faciunt bis fercula quinque.
alte verse bei Steinbach 2, 111.
daher sprichwörtlich: man musz oft den bauern ein hering braten (das maul schmieren). Lehmann 72. die zubereitung eines solchen richtet sich nach individuellem geschmacke, daher wieder: er konnte einem jeden einen hering braten, nach dem der mann war. er machte es also, dasz keiner grosze ursach hatte über ihn zu klagen. Schuppius 28; dasz er wisse, wie man einem jeden einen hering braten solle, nachdem der mann ist. 31. — rostiger hering (vgl. unten rostige heringsnasen unter dem letzteren wort): unzahlich vil häringsthonnen von gewässerten, bezwybelten, beessigten, gesalzenen, frischen und roschtigen häringen und böckling, welche rochen, wie deiner magd pfu. Garg. 55ᵃ; in einer redensart: aber es war zu drange und kunnte nicht zukomen und asz einen rustigen hering dafür. Luther br. 4, 153. Dem frischen, neuen hering steht sonst der alte, faule gegenüber (vgl. die stelle aus dem Leipz. urkundenb. 1, 314 oben unter 3): sie wären siebenfache spitzbuben, alte, obwohl in milch eingeweichte häringe, die sich dadurch für frische gäben. J. Paul flegelj. 1, 50;
die fulen hering man vermyscht
das man verkouft sie gar für frysch.
Brant narrensch. 102, 75.
heringe werden gekakt (gesalzen), geschlichtet, in tonnen geschlagen, gepackt (Nemnich 2, 1072), gewrackt (nach der güte sortiert, vergl. unten heringswracker). die enge der verpackung zeichnet eine redensart: weil die besten statuen in einem schuppen von bretern, wie die heringe gepacket, standen. Winkelmann 2, 406.
5)
zusammensetzungen von hering nach der beschaffenheit des fisches: jacht-hering, jungfern-h., hohl-h., schosz-h., voll-h., tonnen-h., brand-h. (vergl. theil 2, 298). das holländische, jetzt vielfach ins deutsche übergegangene maatjes-haring bezeichnet dasselbe was jungfern-hering.
6)
einen dürren menschen vergleicht das volk einem hering: solch ein hering!
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1872), Bd. IV,II (1877), Sp. 1104, Z. 41.

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Zitationshilfe
„häring“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/h%C3%A4ring>, abgerufen am 28.10.2021.

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