Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

höflich, adj. und adv.

höflich, adj. und adv.,
auf hofgemäsze weise, nach art eines fürstlichen hofes, mhd. noch ohne umlaut hovelîch, was auch in spätern nhd. quellen noch nachklingt: hofisch vel -lich curialis, curialiter. voc. inc. theut. k 3ᵃ.
1)
in allgemeiner bedeutung: unter den völkern, die nach höflichen rechten regiret werden, wüttet sie (die herschsucht) mit schlangen-stichen. Butschky Patm. 695; es sihet der hof eines potentaten, da verstand und gerechtigkeit zu rahte sitzen, dem hellen firmament ähnlich, wenn es mit dem strahl der sonnen seiner untertahnin, der erde, alle angenehme beförderungen tuht ... der prinz, als das güldne herz und leben eines so höflichen stats-himmels, leuchtet in seiner majestätischen klarheit ... 730.
2)
auf das äuszere ansehen gewendet, stattlich, ansehnlich, wie schon mhd. hoveliche kraft, hovelîche schar Lexer wb. 1, 1362; so die kleidung betonend: bischof Gebhard war ein höflicher her, trug gar schöne kleider an. ... graf Babo liesz seine 32 söhn anthun so höflich und hübsch es immer sein kunt. Aventin bei Schm. 1, 1062 Fromm.; schweiz. hofelig schmuck gekleidet. Stalder 2, 49. auch in bezug auf anderes: mit vil andern hoflichen essen. kuchenmeisterei a 2 (vgl. dazu Lessing 11, 322); das sein czwey essen gar hoflich von vischen gegeben. a 3; mach es von hoflichen varben, das stet wol czu gesichte. a 5.
3)
häufiger aber auf worte, unterhaltungskünste, sitten, betragen bezogen, wie sie einem hofe gemäsz sind, also fein, gesittet, artig: aulicus hofflich o. züchtig Dief. 61ᵇ; facetia ein hofelich geswetz ł schimpfrede. 222ᵃ; darumb was Jacob mit höflichen worten redet ... das redet Mose schlecht und einfeltig. Mathes. Sar. 2ᵇ; ich red allhie nit von schimpflichen höflichen bossen und fablen. Kirchhof wendunm. 227ᵇ; neben diesem haben Eumolphus, Museus, Orpheus, Homerus, Hesiodus und andere, als die ersten väter der weiszheit, wie sie Plato nennet, und aller guten ordnung, die bäurischen und fast viehischen menschen zu einem höfflichern und bessern leben angewiesen. Opitz poeterei 3; machet 16 schöner fabel, die voller weiszheit, guter lehre, und höflicher vermahnung sein. Schuppius 828;
die poetrey,
darinn an tag zu geben frei
manniches höfliches gedicht.
H. Sachs 4, 1, 124ᵈ.
von einem menschen, welcher sich durch derartiges auszeichnet: facetus ein kluger o. hoffelicher reder Dief. 222ᵃ;
dô nam ich der ritter war
und markte ir geverte gar.
si wâren hovelîch und gemeit.
Helmbrecht 921;
so können die Amsterdamer Achilles und Polyxena .. fasdem Seneca, und Terentio dem höflichsten under allen lateit nischen scribenten, an die seite gesetzt werden. Opitz (1624) an den leser Aᵃ; indem ich dieses (von Hiobs geschwüren) sag und noch mehr davon zu sagen hätte, werdet ihr vielleicht einen eckel empfinden, .. und denken, solche rede gehören ins hospital .. gesunden und höflichen leuten aber solle man damit nicht molest sein. darum brech ich ab. Schuppius 167;
denn artlich ist geziert dein leib,
höfflich bistu von sitten,
züchtig dein zung,   feins megdlein jung.
Ambraser liederb. no. 227, 43.
höflich adverbialisch: höflich wol und geschicklich reden, facete et commode dicere. Maaler 229ᵈ; drumb da unser Jotham sich bei wilden und groben leuten auch wolte hören lassen, denket er auf ein werkliche fabuln, darinn er Mosis, Josue, und seines lieben vatters Gideons treue dienst und unzehliche wolthat, höflich in den dreien fruchtbarn bäumen widerholet. Schuppius 833;
der buchsbom sprach: ich bin so fin,
usz mir macht man die krenzelin
und treit mich menche schöne jungfrow
gar hoflich zuͦ dem tanze.
Uhland volksl. 30;
dein lachen steht dir höfflich an.
Ambraser liederb. no. 227, 36;
und welcher gleich nit danzen will,
der hört doch höflich singen.
Garg. 88ᵃ;
die junkern giengen seichte,
sie waren nicht weit her, und zu erreichen leichte,
wanns höflich wo gieng zu, so klang ein reuterslied,
der grüne tannenbaum und dann der linde-schmied.
Logau 2, 13.
in den sinn leise, bescheiden übergreifend, wie noch jetzt schweiz. hofeli, hofelig, höfeli, was dann auch zu nicht ganz, kaum, mittelmäszig verläuft. Stalder 2, 49. Tobler 271ᵇ:
ear thät die thüra fein haofli auf,
schleicht d'steaga nauf,   man haerta nit tappa.
schwäb. lied gegen 1633, bei Fromm. 4, 88, 11.
4)
aus dieser bedeutung (no. 3) hat sich seit langer zeit schon die heute noch einzig gebliebene von höflich herausgebildet, die nur noch auf das feine, artige verhalten gegen andere, im umgang und gespräch mit ihnen, zielt; schon im 15. jahrh. liegt in urbanus hoflich Dief. 629ᶜ dieser übergang des sinnes angedeutet: bedankte sich der burger ganz höflich. Zinkgref apophth. 2, 86; (als er ihm) gern sein unvernüglichkeit höfflich zu verstehen geben wolte. s. 92; gar zu höflich sein wird grobheit. Schottel 1142ᵇ; er war ein feiner stattlicher mann; höflich und abgeschliffen, wie ein mann, der mit mancherlei arten von erdensöhnen umzugehen gelernt hat, zu sein pflegt. Wieland 19, 31; die Abderiten hattens gar zu gern, wenn man fein höflich mit ihnen sprach. 328; einer von ihnen sagte zu mir: 'aber herr Klotz ist doch immer so höflich gegen sie gewesen. sogar seine recension der antiquarischen briefe ist noch so höflich!' noch so höflich? der bauernstolz selbst hätte sie nicht gröber und plumper abfassen können. Lessing 8, 208; Mohr. eine ehre ist der andern werth. wenn jemand auf dieser halbinsel eine gurgel für euch überzählig hat, befehlt! und ich schneide sie ab, unentgeltlich. Fiesko. eine höfliche bestie! sie will sich mit fremder leute gurgeln bedanken. Schiller Fiesko 1, 9 (später in höllische bestie geändert); höfliche worte vermögen viel und kosten doch wenig. Simrock sprichw. s. 256;
selbst seine Vastola scheint ihn mit höflich kalten
formalitäten mehr zu scheuchen als zu halten.
Wieland 18, 204;
das alte sprichwort ist nicht hohl:
mit groben leuten höflich sein,
heiszt wasser gieszen auf einen stein;
der stein wird nicht durch wasser weich,
der laur nicht mild durch höflichkeit.
s. 374;
sei höflich, man bedient dich schlecht,
den grobian zur noth.
Göthe 1, 148;
ein mann in seinen besten jahren,
verbindlich und höflich und welterfahren.
H. Heine 15, 151.
5)
aus dem hofgemäszen hat sich in der früheren sprache auch die bedeutung des gewandten, geschickten, klugen entwickelt: da (nach einer treffenden antwort des Äsop) gedacht der magister wol, dasz Esopus ein höffliger und geschickter mann were. E. Alberus 3ᵇ; dieser wird schamlosz, .. yhener wirt hofflich und naszweisz, dasz er vor groszer weiszhait zum narren wirt. S. Frank laster fij;
und rat den jungen meiden auch,
wo sie sehen ein jungen gauch,
der wol gelt und gelts wert hab,
das sie dem hoflich straifen ab.
fastn. sp. 390, 23.
selbst von einer manuellen fertigkeit: es sy denn das einer so hofflich mit einer vedersnuͦr (angel) sy, das er ân als (ohne alles) kerder und feimen vischen könne. weisth. 1, 156 (Einsiedeln 15. jahrh.).
6)
höflich in der sprache der bergleute, aus höfflich verderbt, s. d. sp. 1672:
ich weisz das höflichste berkwerk,
ist fündig überreich.
Uhland volksl. 893.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1874), Bd. IV,II (1877), Sp. 1688, Z. 71.

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Zitationshilfe
„höflich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/h%C3%B6flich>, abgerufen am 19.10.2021.

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