Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

hören, verb.

hören, verb.
audire.
I.
Formelles.
1)
das wort geht über alle deutsche dialekte: goth. hausjan; altsächs. hôrian; ags. hŷran, engl. hear; fries. hêra; niederdeutsch niederländ. hôren; altnord. heyra; schwed. hôra, dän. hôre; ahd. hôrran (für hôrjan), hôran, mhd. hœren, prät. hôrte, eine rückumlautende form die bis ins nhd. reicht:
herr bischof, nu gebt antwort,
wann ir die clag habt wol gehort.
fastn. sp. 643, 5;
do schlug si auf der lauten
gar freudenreiche wort,
die heiden sprachen all überlaute:
si hetens besser nie gehort.
Uhland volksl. 788;
als nun Ruggier ...
auch nunmehr innen ward, dasz sie bereit sich fort
und weg begeben hat, und daṡz sie ihn nicht hort.
D. v. d. Werder Ariost 11, 13, 4;
es werte wenig noch, dasz er am dicksten ort
des waldes einen lerm und grosz getümmel hort.
11, 15, 8.
Das unumgelautete präsentische hôren, mitteldeutsch, aber auch oberdeutsch bezeugt: audire horen, horn neben hören Dief. 60ᵃ; horen audire voc. inc. theut. k 3ᵇ;
do si zesamine chômen,
er bat si ime hôren.
fundgruben 2, 53, 29;
darf vielleicht mit der schweiz. interj. hor, still, zur besänftigung einer wilden kuh oder eines wilden stieres gebraucht (Stalder 2, 54) in bezug gebracht werden, eine interjection die sich der bedeutung unten II, 10 anschlieszen würde: da schrie es neben ihm auf: uy, du donner! hor du kuh! J. Gotthelf schuldenbauer 283. Die zusammenstellung des wortes mit griech. ἀκούειν aus ἀκούσειν wird von den meisten etymologen vertreten, kann aber nicht als sicher gelten.
2)
wie bei haben sp. 74 näher ausgeführt, steht in verbindung mit jenem hilfsverbum statt des part. präteriti gehört oft der infinitiv hören, wenn ein anderer infinitiv vorhergeht oder folgt. ich habe rufen hören, statt ich habe rufen gehört; wir haben in hören sagen, Jhesus von Nazareth wird diese stete zustören. ap. gesch. 6, 14; ich habe erzehlen hören. pers. rosenth. 1, 4; mir träumete, ich hätte dich hören predigen. 4, 12; ich habe beides wol nennen hören. Klinger 7, 64;
doch hab immer sagen hören, dasz
geberdenspäher und geschichtenträger
des übels mehr auf dieser welt gethan,
als gift und dolch in mörders hand nicht konnten.
Schiller Karlos 1, 1;
eine fügung, die auch der alten sprache nicht unbekannt ist:
ich hân des jehen hœren.
Gudr. 637, 3;
ir habt eʒ ofte hœren sagen.
rabenschlacht 98, 4,
vgl. dazu die von Martin weiter beigebrachten beispiele, heldenb. 2, 329. aber das particip gehört in diesem falle, obgleich es uns hart klingt, wird doch auch von guten schriftstellern gesetzt: von der ertödtung der sinnlichkeit, wovon er ehmals den Plato zu Athen sehr schöne dinge sagen gehört hatte. Wieland 1, 88 (73); ich habe davon reden gehört. Klinger 7, 57; ich habe degen blinken gesehen und kugeln um mich surren gehört. Schiller räuber 3, 2; wechselnd mit dem infinitiv: freilich hat er lauten hören: nur zusammenschlagen hat er nicht gehört. Lessing 11, 527. ist das hilfsverbum unterdrückt, so steht gewöhnlich das particip: diejenigen, welche den Virgilius behaupten gehört, die erde sei rund und auch auf der andern halbkugel bewohnt. Wieland 6, 295 (264); Bolingbroke .. gedenkt mit beifall eines gelehrten, den man einst .. gott auch dafür danken gehört, dasz er die welt mit lexiconsmachern versehen habe. Lessing 6, 7.
3)
der infinitiv einmal in passivem sinne: eine rede, ob sie schon lieblich, .. und würdig ist zu hören. pers. rosenth. 4, 6.
II.
Bedeutung.
1)
hören, den sinn des gehörs haben, durchs gehör wahrnehmen können: er hört nicht, er ist taub; da selbs wirstu dienen den göttern, die menschen hende werk sind, holz und stein, die weder sehen noch hören. 5 Mos. 4, 28; ich aber mus sein wie ein tauber, und nicht hören. ps. 38, 14; der das ohre gepflanzt hat, solt der nicht hören? 94, 9; sie haben ohren und hören nicht, sie haben nasen und riechen nicht. 115, 6; seine ohren sind nicht dicke worden, das er nicht höre. Jes. 59, 1; wer ohren hat zu hören. Matth. 11, 15; die tauben macht er hörend. Marc. 7, 37; gut, leise, fein, übel, schlecht, schwer, hart, grob hören; du hörst übel, ich musz dich einmal zum bade führen. Simrock sprichw. 261; nit wol hören, auribus parum audire Maaler 228ᶜ;
die einfalt kann nicht sehen;
ihr lachen nicht die thäler und die höhen.
sie hört auch grob, und in der melodie
der nachtigall erschallt kein ton für sie.
Hagedorn 1, 62.
in groszer verwirrung oder wildem treiben vergeht einem hören und sehen; ich weisz nicht wie mir geschah, mir vergieng hören und sehen. Göthe 24, 95; die postillons fuhren dasz einem sehen und hören verging. 27, 32;
und wagen auf wagen mit allem geräth,
dasz einem so hören und sehen vergeht.
1, 196;
und in den sälen, auf den bänken,
vergeht mirs hören, sehn und denken.
12, 94.
die bibelsprache belebt gern das ohr, indem sie ihm, statt dem menschen, das hören zuschreibt: augen die da sehen, und ohren die da höreten. 5 Mos. 29, 4; ein hörend ohr, und sehend auge. spr. Sal. 20, 12; denn dieses volks herz ist verstockt, und ire ohren hören ubel. Matth. 13, 15; selig sind ewer augen, das sie sehen, und ewr ohren, das sie hören. 16.
2)
hören, durchs gehör wahrnehmen, etwas mit dem ohr vernehmen; in verschiedenen verbindungen.
a)
mit sächlichem object, eine stimme, ein wort, gesang, musik u. s. w. hören: alles, was wir fühlen, sehen, hören, schmecken und riechen. Wieland 9, 283; ich hörete deine stimme im garten, und furchte mich. 1 Mos. 3, 10; ich hab der kinder Israel murren gehöret. 2 Mos. 16, 12; das ir die posaunen höret. Jos. 6, 5; das man kein hamer noch beil, noch irgend ein eisen gezeug im bawen hörete. 1 kön. 6, 7; wenn sein donner gehört wird. Hiob 37, 4; der wind bleset wo er wil, und du horest sein sausen wol. Joh. 3, 8; ich merkte wol, dasz disz lob von den gedachten patribus mit unwilligen ohren gehöret wurde. Simpl. 3, 384 Kurz; ich will nicht länger ... ihnen eine nachricht vorenthalten, die sie vielleicht schon lange zu hören gewünscht haben. Gellert 4, 410; Tellh. ihr familienname? bed. den habe ich noch nicht gehört. Lessing 1, 521;
sechs schritte fehlten noch zum markte,
so hörte sie ein blind geschrei.
Günther 162;
die sterbeglocke schallt mirs, nächtlich
hör ich ihr schallen.
Hölty 79 Halm;
doch hörten sie kein sterbenswort.
Göthe 47, 85;
das klimpern hör ich
doch gar zu gerne.
10, 232;
selbst ein schweigen hören, weil durch das ohr auch die abwesenheit ein geräusches wahrgenommen wird:
ich hör ein groszes schweigen (beim wettsingen),
das krenzlein will mir bleiben.
Uhland volksl. 11.
Mit unbestimmtem object: das hör ich; du hast es gehört; aber etliche lose leute sprachen, was solt uns dieser helfen? ... aber er that, als höret ers nicht. 1 Sam. 10, 27; das letzte höre ich gern. Gellert 3, 149; ich lese ja laut, recht laut. .. hätte er das nicht hören können? 152; was höre ich? Lessing 1, 581. 599;
gläubstu, dasz für ihrem tode, wie man schreibt, die schwanen singen?
ja, wo du mir einen möchtest, der es selbst gehöret, bringen.
Logau 2, 91, 66;
zauberin. sah sie dich auch? Alcindor. sie schlief. ihr hört es ja.
Lessing 113;
die lampe losch, der herd verglomm,
zu hören ist nichts, zu sehn.
Göthe 47, 85.
dieses object wird durch einen abhängigen satz näher bestimmt: o wenn sies nur hätten hören sollen, wie er dem himmel dankt, dasz er ihn aus der gefangenschaft errettet hat! Gellert 4, 413.
b)
früher hiesz es auch bücher hören, mit bezug auf ihr vorlesen, vergl. mhd.
als wir diu buoch hôren schrîben.
H. v. Melk erinnerungen 133;
noch bei Murner:
(die drucker) lond myn ernstlich bücher lygen, ...
und sprechen das mans (man sie) hör nit gern.
Scheibles kloster 8, 1119;
daher: streben wider den glauben, welcher allein die gnade gottes erlanget, on alle werk, wie gehört ist (er hat das eine seite vorher nachgewiesen). Luther 3, 400ᵃ: wie oben am 73. blatt gehört. Fischart bienk. 111ᵇ; gehörter maszen. Götz v. B. 56; ob nun zwar, gehörter maszen, der aberglaube der menschen damals gros gewesen. Butschky kanzl. 763. man sagte auch rechnung hören: die rechnung hören, oder rechnen von gälts wägen, rationem argentariam putare. Maaler 228ᵇ; nun laszt unsern herren frei kommen, rechnung zu hören, wan er wil. bienk. 148ᵃ.
c)
mit acc. der person, einen hören, der durch irgend welchen ton seine anwesenheit kund gibt: er ist weder zu hören, noch zu sehen; wir zaudern. ich höre ihn schon. Lessing 1, 599;
auf einen hohen altan trat,
davon ihn jedermann hören kundt.
mückenkr. 1, 453;
ein bild der deinen, das in deiner seele
noch nicht verloschen, sollte mehr vermögen,
als die ich sehn, und greifen kann, und hören,
die meinen?
Lessing 2, 261;
Sal. nun so rede!
es hört uns keine seele. Nath. möcht auch doch
die ganze welt uns hören!
275;
ich will heut nacht zum schlosz von Villa Bella
mich heimlich schleichen, will versuchen ob
Lucinde mich am fenster hören wird;
und hört sie mich, erhört sie mich wohl auch,
und läszt mich ein.
Göthe 10, 219;
gleich hör ich einen auf dem gange.
12, 92;
ich hör meinen schatz,
den hammer er schwinget.
Uhland ged. 31.
d)
das object wird durch ein adjectiv oder particip näher bestimmt: ich höre ihn schon nahe (höre, dasz er nahe ist). Klinger 1, 452;
wir sorgten alle für das edle kind!
ich freue mich, sie mir verwandt zu hören.
Göthe 9, 254;
ich hörte mich gerichtet.
Shakesp. Lear 2, 3;
I heard myself proclaim'd.
e)
hören, mit einem infinitiv verbunden (vergl. unten hörensagen): und ganz Israel höret sagen, Saul hat der philister lager geschlagen. 1 Sam. 13, 4; wer ... höret fluchen, und sagets nicht an, der hasset sein leben. spr. Sal. 29, 24; ich höre gar nicht gern von dem sterben reden. Gellert 3, 204; ich habe nie fürchterlicher fluchen hören, als sie lachen. Lessing 1, 578. dieser infinitiv kann seinerseits wieder einen objectsaccusativ nach sich ziehen:
von küener recken strîten muget ir nu wunder hœren sagen.
Nib. 1, 4;
nhd. wir hören sonderbare nachrichten verkündigen; er hörte so manches erzählen, was ihm nicht gefiel; Büffon hörte ich mit groszer verehrung nennen. Göthe 25, 66;
so hört und sieht man dich beneiden.
Günther 278.
f)
hören mit wirklichem acc. cum inf.:
mhd. ich hôrte ein waʒʒer dieʒen.
Walther 8, 28;
nhd. das ... man auch nicht ein vieh schreien höret. Jer. 9, 10; ich höret die flügel rausschen, wie grosze wasser. Hes. 1, 24; wir haben ihn gehöret lesterwort reden wider Mose und wider gott. ap. gesch. 6, 11; ich hab nit ein einigs dingle darvon hören reden, ne tenuissimam quidem auditionem de ea re accepi. Maaler 228ᶜ; als ich die arme (pauperes) überall höre angeklagt werden, dasz sie das allmusen schändlich verthun. Schuppius 749; wenn man sie reden und schmähen hört, so sollte man glauben, sie hätten keine religion. Gellert 3, 208; sie kommt, ich höre sie leise herschleichen. Sturz 2, 242;
wie angenehm wird sie erschrecken,
wenn sie mich reden hört!
Gellert 3, 132;
ich hör ihn schreien! er ist da!
ich hör ihn keichen! jetzt ergreift er mich!
Ramler 2, 13;
ich höre nun die leisen tritte rauschen.
Göthe 9, 241;
ich höre degen
und waffen klingen.
10, 235;
die frauen haben ein geräusch der waffen,
ein ächzen tönen hören.
238.
g)
statt des acc. c. inf. steht ein abhängiger satz: ich hörte, das sie sagten, laszt uns gen Dothan gehen. 1 Mos. 37, 17; (ihr werdet) hören, wie man die drometen blasen wird. Jes. 18, 3; man höret, das ire rosse bereit schnauben zu Dan. Jer. 8, 16; ich höre, wie mich viel schelten. 20, 10; hören sie denn nicht, dasz alles erdichtet ist? Lessing 1, 598; er lauschte an der thüre und hörte dasz sie von ihm sprachen; daneben hörte ich, man solle reden wie man schreibt. Göthe 25, 58;
sie .. hörten nicht, wenn deine schwestern schlugen,
o nachtigall!
Hölty 57 Halm.
h)
in gewissen verbindungen fehlt auch das object ganz: dasz man meines hörens wenig von politik redet. Niebuhr leben Nieb. 1, 182; hören sie? sie klingelt. Lessing 1, 585;
'mein Adelstan! ich armes blut!'
er sah und hörte nicht.
Hölty 15 Halm.
i)
reflexiv, sich hören: er hört sich selbst gern; er hört sich gern reden; das auge sihet sich nimer sat, und das ohr höret sich nimer sat. pred. Sal. 1, 8. — Anders ist etwas hört sich, mit bestimmendem beisatze, wird gehört:
eine hohe noblesse bedien ich heut mit der flöte,
die, wie ganz Wien mir bezeugt, völlig wie geige sich hört.
xenien in Schillers musenalm. 1797 s. 271.
k)
die verbindung hören lassen, machen dasz etwas gehört wird, ist manigfach: ir solt kein feldgeschrei machen, noch ewr stimme hören lassen. Jos. 6, 10; vom himel hat er dich seine stimme hören lassen. 5 Mos. 4, 36; mit unterdrücktem object: sie sprachen zu im, gib dein retzel auf, las uns hören. richt. 14, 13;
Carlos. mir bleibt
noch manches zeugnis. Pedro. lasz mich hören.
Göthe 10, 269.
auch mit abhängigem satze: lasz hören, was du aufgesetzt hast. dafür hören machen:
sein hohe tapferkeit, rath, that und grosze sachen,
(wann ihr das ohr verleiht) will ich euch hören machen.
D. v. d. Werder Ariost 1, 4, 6.
verschieden ist hören lassen, nicht hindern, dasz etwas gehört werde: wann du in deiner verwirrung auch ihn das hättest hören lassen! Lessing 2, 136.
l)
namentlich auch reflexiv, sich hören lassen: rufet nicht die weisheit, und die klugheit lesst sich hören? offentlich am wege und an den straszen stehet sie. spr. Sal. 8, 1; die dordeltaube lesst sich hören in unserm lande. hohel. 2, 12; gehe hinauf auf den Libanon und schrey, und las dich hören zu Basan. Jer. 22, 20; da mein seliger mann die zeitlichkeit verlassen sollte: so hat er (der todtenwurm) sich drei tage zuvor hören lassen. Gellert 3, 160;
o thor! läszt Zevs sich zornig hören,
wird dich der nahe pfeil nun lehren,
ob ich dem sturm zu viel erlaubt?
Gellert 1, 75.
auch vom auftreten eines sängers, virtuosen: die sängerin hat sich öffentlich hören lassen; heute abend läszt sich ein berühmter geigenspieler hören.
m)
prägnant: das läszt sich hören, gleichsam wird gut, als etwas gutes gehört, wobei hören schon in die folgende bedeutung hinüberspielt: mutter (die gleichfalls von zeit zu zeit auf den gesang gemerkt). wie meinst du alter! ich dächte das liesze sich hören. Göthe 11, 283; auch in bezug auf gründe und darlegungen: das läszt sich hören, daran ist etwas wahres;
hum! sagte der kaiser, der grund läszt sich hören.
Bürger 67ᵃ;
Faust. allein ich will. Meph. das läszt sich hören!
Göthe 12, 89;
Pedro. ich gebe treu und wort,
dasz ich, was ich verspreche, pünktlich halte.
Basco. das läszt sich hören; nur hier ist der platz
zu der verhandlung nicht.
10, 265.
3)
hören, in stärkerer bedeutung, mit aufmerksamkeit hören, auf etwas gehörtes achten, anhören; wieder in manchen fügungen.
a)
absolut: rede herr, denn dein knecht höret. 1 Sam. 3, 9; sei ruhig und höre weiter. Schiller räub. 2, 1; um seine aufmerksamkeit recht hervorzuheben, heiszt es scherzhaft: ich höre mit beiden ohren, wie entgegengesetzt, um zerstreuung auszudrücken, er hörte nur mit halbem ohr; alles war still, hörte, horchte. Göthe 15, 327;
Nath. du hörst doch, sultan?
Sal. ich hör, ich höre!
Lessing 2, 278;
sag an, was du verlangst, ich höre gern.
Göthe 10, 268;
im imperativ höre!: höre Israel, der herr unser gott, ist ein einiger herr. 5 Mos. 6, 4; hör o himmel und los auf o erdtrich: dann der herre redt. Zürcher bibel 1530 320ᵃ (Jes. 1, 2); höre nur, Paul; dem wirthe hier müssen wir einen possen spielen. Lessing 1, 525; hören sie nur kurz. 582; hör sie doch, mein schönes kind! wie gefällt ihr der spasz? 549; mit anklingen an die bedeutung 1 (die auch sonst hervortritt: wer regiren wil, der muͦsz hören und nicht hören, sehen und nicht sehen. Agr. spr. 174ᵇ): hör und schweig. Schottel 1125ᵇ;
hör und sei nicht taub
aber langsam glaub.
Simrock sprichw. 261;
verstärkte alte form höra: aber höra, hieher zu trinken, zu trinken her. Garg. 247ᵃ;
wil andern das gefallen nit,
so sprich, hörah, das ist mein sit.
grobianus (1568) B iiijᵃ (b. 1, cap. 4).
b)
mit sächlichem object: herr neige deine ohren und höre, thu deine augen auf, und sihe, und höre die wort Sanherib. 2 kön. 19, 16; gott höre mein gebet. ps. 54, 2; er hörte die stimme der leidenschaften, um den befehl der religion nicht zu hören. Gellert 4, 301; höre viel und rede wenig. Simrock sprichw. 261; zurückweisend sagt man: ich will nichts hören!; sie will von den zehntausend thalern gar nichts hören. Gellert 3, 163.
c)
so namentlich auch in festen verbindungen: einen vortrag hören; eine predigt hören; vorlesungen hören; er hört eine vorlesung bei professor N., oder mit knappem ausdrucke er hört bei professor N.; da sollte ich denn philosophie, rechtsgeschichte und institutionen und noch einiges andere hören. Göthe 25, 51; beichte hören; (die frau) hört ihn selbs beicht. Garg. 72ᵃ.
d)
mit persönlichem object: wenn sie zu mir schreien, wil ich sie nicht hören. Jer. 11, 11; mein herr könig, höre mich. 37, 20; höret ewren vater Israel. 1 Mos. 49, 2; höre den armen gerne, und antworte im freundlich und sanft. Sir. 4, 8; sundiget aber dein bruder an dir, so gehe hin und strafe in .. höret er dich, so hastu deinen bruder gewonnen. Matth. 18, 15; welche euch nicht aufnemen, noch hören, da gehet von dannen heraus. Marc. 6, 11; warum hörst du solche leute? cur his hominibus aures praebes? Steinbach 1, 782; fassen sie sich doch, und hören sie mich. Lessing 1, 596; doch er darf mich ja nur hören. 597;
M. höre mich, mutter. C. mutter, höre mich!
Schiller braut von Mess. v. 394.
einen redner, einen vorleser hören; dieser prediger wird gerne gehört; Agrippa aber sprach zu Festo, ich möchte den menschen auch gerne hören, er aber sprach, morgen soltu in hören. ap. gesch. 25, 22.
e)
statt des accusativs ein genitiv; diese im mhd. nachgewiesene fügung (mhd. wb. 1, 711ᵃ. Lexer 1, 1339) kommt auch nhd. noch vor:
wenn ihn (den mann) jäher muth empört,
er nicht mehr des freundes hört.
Stolberg 1, 30.
f)
es folgt ein abhängiger satz: er sprach zu inen, höret, lieben, was mir doch getreumet hat. 1 Mos. 37, 6; hören sie, mein fräulein, was ich fest beschlossen habe. Lessing 1, 579;
nu hör was ich dich hie wil leren.
Gengenbach 137, 390;
höre, wie zu lust und thaten
altklug sie rathen!
Göthe 12, 83.
g)
häufig auf jemand oder etwas hören:
ach ja! kind knecht und magd, die stehen und verstarren,
die schweine sehn empor, küh, kälber, ochsen, farren
und alles federvieh, hört mit verwundern drauf,
wie ihre kluge frau gibt einen guten kauf
am zuwachs edler wort.
Logau 2, 71;
bei ratschlägen oder befehlen: sihe und höre vleiszig auf alles was ich dir sagen wil. Hes. 44, 5; (ein vater), welcher nicht mehr weis, wie er seinen kindern helfen soll, die auf ihn nicht hören wollen. Rabener sat. 4, 340;
hör uff (das) was dir thuͦt sagen got.
Gengenbach 62, 320;
aber auch bei der benennung eines hausthieres, das von aller menschlichen rede nur den klang seines namens beachtet: der hund hört auf den namen Waldmann.
h)
nach etwas hören, aufmerksam das gehör wohin richten: es kompt die zeit, spricht der herr herr, das ich einen hunger ins land schicken werde, nicht einen hunger nach brot, .. sondern nach dem wort des herrn zu hören. Amos 8, 11; er hörte nach der thüre, aber es blieb drauszen still.
4)
dieses hören = anhören steht namentlich häufig auch in der gerichtlichen sprache in bezug auf den richter, mit dativ der person, oder, wie in der neueren sprache gewöhnlich, mit accusativ: clagen si ouch zu mâle, daʒ stêt an deme richtêre, wilcheme her êr hôren wolle. Sachsensp. 1, 61, 2; keine person solt ir im gericht ansehen, sondern solt den kleinen hören wie den groszen. 5 Mos. 1, 17; sie ... verdammen mich, ohne mich gehört zu haben. Gellert 3, 213; wer sich an ihren richterstuhl wendet, ... wird gehört. Gotter 3, 64; wer nicht rechtmäszig gehört ist, wird nicht rechtmäszig verdammt. Simrock sprichw. 261;
eines mannes rede ist keine rede,
man musz sie hören alle beede.
auch mit sächlichem object, ein zeugnis, eine klage, vertheidigung hören;
ich sprich das man darnach auch wol
des mannes zeuknus auch horen sol.
fastn. sp. 542, 24.
in freierem sinne, wenn jemand einen schiedsspruch abgeben, ein urtheil sich bilden soll: wenn ich diesen höre, so hat er recht, höre ich jenen, so hat der auch recht; aber wenn man seine nichtfreunde in Prag und Wien hörte, wäre er ein .. geck. Seume spazierg. 415.
5)
aus der bedeutung des anhörens flieszt die des folgens, gehorchens, das verbum steht theils absolut: wer nicht hören will, musz fühlen;
die schreckenstage die ein reich erfährt,
wo jeglicher befiehlt und keiner hört.
Göthe 4, 49;
theils mit dativ: noch hat er (der pudel) keinen bissen brod aus meiner hand bekommen; und doch bin ich der einzige, dem er hört, und der ihn anrühren darf. Lessing 1, 520;
es hört don Florisel der Helena befehlen.
Logau 2, 13;
theils mit accusativ: die kinder sollen den vater hören, liberi obsequium parentibus debent. Stieler 857; verlogene kinder, die nicht hören wollen des herrn gesetz. Jes. 30, 9;
den die säw vor hörten nicht,
wann er sie stall-ein getrieben,
der hat fürsten jetzt vernicht.
Logau 2, 244.
6)
dann auch die des zugehörens, eigen seins, sich schickens, in der alten sprache häufig: al seczen dâ die lûte manger hande ding zû, daʒ dar zû nicht en hôret. Sachsensp. 1, 22, 4; swer in deme hôsten gerichte vervestet ist, der ist in alle den gerichten vervestet, die in daʒ gerichte hôren. 3, 24, 1;
ze samen hœrt nicht arm und rîch.
Boner edelst. 77, 48;
daʒ trœstet mich, dâ hœret ouch geloube zuo.
Walther 66, 12.
auch der ältern nhd. sprache noch geläufig, doch selten bis in unsere zeiten reichend: es höret viel in ein haus. Luther br. 2, 600; so hört es (das almosen) armen leuten und nit euch (den pfaffen). Schade sat. u. pasqu. 2, 141, 33; wo hört er zu hause? Musäus physiogn. reisen 4, 99; der verlag (vom Götz) hört Mercken, der ist aber in Petersburg. Göthe u. Werther 174;
und asz in (den kuchen) mehr denn halber auf,
und sprach: ein guter trunk hört drauf.
B. Waldis Esop 4, 19, 80;
ach vetter, das sein dorechte wort,
und hören nit an dises ort.
Murner luth. narr 4541;
nicht jedes gleich ein handwerk heiszt,
was einen kleidet oder speiszt,
sondern was einen ehrt und nehrt,
dasselb eins handwerks namen hört (schickt sich zum namen eines handwerks).
Fischart groszm. 63;
auch hörend nit in gottes reich,
die mit huͦrey befleckend sich.
R. Wonlich das himmelische Hierusalem (1584) str. 24.
7)
hören, mit besonderer betonung der wirkung des hörens, hörend entnehmen, vernehmen, erfahren; in verschiedenen verbindungen.
a)
mit einem sächlichen accusativ, meist nur allgemeiner art: und Sara sprach, .. wer es hören wird (dasz ich schwanger sei), der wird mein lachen. 1 Mos. 21, 6; Delos also ist eine stadt? das ist das erste, was ich höre. Lessing 3, 438; komm nur, du sollst dein wunder hören! 1, 525; ich hörte so was, wenn ich mich nicht irre, schon heute vormittage. 575; was ich nicht höre! ... also auch schelmen erkennen gesetze und rangordnung? lasz mich doch von der untersten hören. Schiller Fiesko 1, 9; ich habe die geschichte gehört, kann sie aber nicht glauben; ich habs vom vater gehört, e patre audiebam Maaler 228ᶜ; etwan dreimahl des jahres daher was hören, inde vix ter in anno audire nuntium. Steinbach 1, 782. das object wird durch ein adjectiv oder particip näher bestimmt, so dasz die oben 2, c belegte construction auch hier auftritt: bei dem Dante hören wir die geschichte als geschehen. Lessing 12, 192;
ich höre Orleans bedroht, ich fliege
herbei aus der entlegnen Normandie.
Schiller jungfrau 1, 1.
statt des objects ein adverb der art: verabschiedet sind sie? so höre ich. Lessing 1, 575.
b)
häufig von (d. h. über) etwas oder einem hören: wenn du hörest von irgend einer stad, .. so soltu fleiszig suchen, forschen und fragen. 5 Mos. 13, 12; die hauptleute höreten von irem sieg und groszen thaten. 1 Macc. 5, 56; ein weib hatte von im gehört, welcher töchterlin einen unsaubern geist hatte, und sie kam. Marc. 7, 25; eher von eines anderen unglücke hören, als er selber, prius de alicujus malis audire, quam ipse. Steinbach 1, 782; du sollst ein ander mal mehr davon hören. Schiller räub. 2, 1; der prinz Heraklius musz ja wohl von dem major Tellheim gehört haben. Lessing 1, 524; nach allem, was wir von ihm hören, musz es ihm übel gehn. 536; ich will von Justen nichts hören. 550;
o herr doctor, seit ir der man,
von dem ich lang gehöret han.
H. Sachs 1, 466ᶜ.
c)
mit abhängigem satze: ich höre es sei in Egypten getreide veil. 1 Mos. 42, 2; da Balak hörete, das Bileam kam, zoch er aus im entgegen. 4 Mos. 22, 36; ich hab gehöret, das du schafscherer hast. 1 Sam. 25, 7; er höret, wie ehrliche thaten sie gethan wider die Gallos. 1 Macc. 8, 2; ein .. pfaff stalt nach einer guͦten reichen pfarr, dann er hort, wie sy so vil inkommens hette. Wickram rollw. 56, 5 Kurz; wenn du nun von mir hörst: dasz die Marloffin, heute ganz früh, selbst bei mir gewesen ist? Lessing 1, 554; der mann, der mich ietzt mit allen reichthümern verweigert, wird mich der ganzen welt streitig machen, sobald er hört, dasz ich unglücklich und verlassen bin. 564; ich fliege herzu, und höre, dasz der graf Appiani verwundet worden. 2, 171; durchstrich flüchtig den markt, um zu hören, was kauf und lauf sei. Gotthelf Uli der knecht (1870) 82;
will hören, ob ichs recht gemacht.
Lessing 2, 274;
in zwischensätzen: er ist, wie ich höre, glücklich zurückgekehrt.
8)
hören betont aber auch das vermögen des folgerns aus etwas gehörtem, es heiszt hörend schlieszen, merken; in der verbindung aus etwas hören, vgl. auch heraus hören sp. 1035: ich hörte aus seiner art zu reden nunmehr sehr wohl, dasz er ein edelmüthiges herz hatte. Gellert 4, 408;
Quadruncus sticht gemein gelehrte männer an;
ausz diesem hör ich wol, dasz er gewisz nichts kan.
Logau 2, 100, 1.
auch in anderer fügung: ich höre es schon, sie sind ein indifferentist. Gellert 3, 176.
9)
eigen ist hören in folgendem:
ich will, sprach Grimhart, allezeit,
herr könig, euch bedienen;
der fuchs hört übel weit und breit,
doch wil ich mich erkühnen,
hin zu ihm gehn mit einem brief.
Reinecke fuchs (Rostock 1652) 107,
ist übel berufen; gewis nur nachahmung des lat. male audire, griech. κακῶς ἀκούειν.
10)
hören = aufhören ist seinem entstehen und seiner fortdauer nach bereits th. 1, 670. 671 besprochen. es ist noch bairisch (Schm. 1, 1155 Fromm.), schwäbisch (Schmid 286), vorarlbergisch (Fromm. 2, 569) und allgemein schweiz. (Stalder 2, 54. Tobler 274ᵇ, vergl. auch oben unter I, 1 sp. 1806):
uff hören (auf aufhören) sei ein ieder gerist,
so der schimpf am besten ist.
Murner luth. narr 95;
o lieber narrenbeschwerer, höre,
durch got nit also hert beschwere.
260.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1875), Bd. IV,II (1877), Sp. 1806, Z. 9.

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höllenstrafe
Zitationshilfe
„hören“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/h%C3%B6ren>, abgerufen am 06.07.2020.

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