Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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heucheln, verb.

heucheln, verb.
adulari; simulare.
1)
das wort, im ahd. und mhd. unbekannt, hat mit seiner sippe die heimat in den mitteldeutschen gegenden, von Schlesien durch Meiszen und Düringen bis nach Franken, von wo aus, erst seit dem 16. jahrh., es sich in die allgemeine schriftsprache eingebürgert hat. rücksichtlich der grundbedeutung ist seit Stieler allgemein bis auf jetzt zusammenhang mit hauchen anhelare angenommen worden: heucheln (eigentlich häucheln) scheint vom achzenden, die sprache unterbrechenden hauch (seufzer) abgeleitet zu sein. Kant 5, 269. doch zu unrecht. heucheln ist vielmehr iterativbildung zu hauchen sich ducken, schleichen (oben sp. 562), bair. hauchen, kopf und obertheil des körpers sinken, vorwärts hängen lassen (Schm. 1, 1041 Fromm.), kärntn. hauchat mit gebücktem haupte, niedergeschlagen. Fromm. 2, 517; vgl. hess. huchen zusammensinken. Vilmar 177, und das niederd. hüchel hockende stellung. Schambach 87ᵃ, und will demnach das demütige ducken, bücken und kriechen vor andern ausdrücken. In diesem sinne wird es z. b. recht anschaulich im schlesischen dialecte verwendet: meine Lusche (eine hündin)! .. se wedelte su mit em zahle wen ich hem kam aus der stodt oder von hofe, se hüppte, se sprang, se heuchelte mer, se that asz wen se mich wolde wilkummen heszen. A. Gryphius dornrose (erster druck) s. 11; und noch Gellert hat:
der eh wir bitten, hilft, uns liebt, doch uns nicht schmeichelt,
ja, träf ihn unser zorn, nicht unsern lüsten heuchelt,
sich vor ihnen nicht bückt, sich ihnen nicht unterordnet.
2)
so ist die bedeutung schmeicheln, vornehmlich auch mit falschem herzen schmeicheln, seit lange bei mitteldeutschen schriftstellern gebräuchlich, und die Schlesier Hederich und Steinbach verzeichnen dieselbe als erste neben der unten folgenden; fuchsschwänzen, heuchelen, adulari, assentari Henisch 1273, 31; meinstu er werde dir viel flehens machen, oder dir heuchlen? Hiob 40, 22; heuchelten im mit irem munde. ps. 78, 36; und er wird heucheln und gute wort geben den gottlosen. Dan. 11, 32; machten ein löblich bilde des herrlichen königes, auf das sie mit vleis heuchlen möchten dem abwesenden, als dem gegenwertigen. weish. 14, 17; und da er bei dem könige in gnaden kam, heuchlete er im, und brachte das hohepriesterthum an sich. 2 Macc. 4, 24; wenn solchs diese propheten hören, so mus es papistisch, und den fürsten geheuchlet heiszen. das sie aber den unordigen pöbel erwecken, und rottisch machen, das heiszt nicht geheuchlet, denn es sol nicht ehe ungeheuchlet heiszen, wir leren denn den pöfel, er solle fürsten und herrn tod schlahen. Luther 3, 40ᵃ; sondern wil euch zu dienst wider ein papist werden und dem papst getrost heucheln. denn meine lieben schwermer werden mirs doch nicht anders deuten, denn das ich dem bapst hiemit heuchele (mit verwerfung der widertaufe). 4 (1556) 408ᵇ; dasz er dem bapst mehr heuchelte umbs bauchs willen. tischr. 259ᵇ; in welchen (briefen) er Bucero heuchelte und hoch lobete. 287ᵇ; wer in nicht heuchelt und den rachen und feuste füllet ... der gilt bei inen nichts. Mathesius Sar. 152ᵃ; ich muste schweigen, weil Springinsfeld aus einem teutschen aufrichtigen herzen mir die warheit so getreulich sagte und nicht heuchelte. Simpl. 1, 302 Kurz;
kumpt der fuchs, wil ich im sein heucheln
und sein fuchsschwenzen wol verdütteln.
B. Waldis Esop 4, 99, 420;
anders sein und anders scheinen,
anders reden, anders meinen:
alles loben, alles tragen,
allen heucheln, stets behagen.
Logau 1, 210, 71 (heutige weltkunst);
wo ist die freiheit hin? die freiheit derer ort
ein honigsüszer mund, ein schmeichler eingenommen,
der durch sein heucheln ist auf diese stelle kommen,
die meine faust erwarb.
A. Gryphius 1698 1, 15;
ein niederträchtig blat
bestürmt sein felsenherz mit ungerechten schmeicheln,
als sucht es gott und ihm den himmel abzuheucheln.
Günther 389;
wer glück und bessrung wünscht, der musz sich selbst nicht heucheln.
476;
die schäfer weihen ihm (Morpheus) gesänge,
er heuchelt ihrer zärtlichkeit,
und spottet unsrer keuschen strenge,
die manch vergnügen uns verbeut.
Uz 1, 108;
auf, maienlüftchen, aus den blumenbeeten!
wo deine küsse Florens töchter röthen,
wo du so liebetraulich allen heuchelst,
und duft entschmeichelst!
Bürger 4ᵃ;
mutwilliglich heucheln und fuchsschwenzen. Luther tischr. 129ᵃ, und, mit auffallendem anklange hieran, als vereinzeltes beispiel eines süddeutschen dichters:
dasz du mit list und kunst fuchsschwänzest, heuchlest, liegest.
Weckherlin 239.
3)
neben der bedeutung mit falschem herzen schmeicheln ergab sich auch der sinn falsch handeln, falsch mit einem verfahren: wer mit seinem nehesten heuchelt, der breit ein netz zu seinen fuszstappen. spr. Sal. 29, 5;
ich merk ir heuchelt all mit im.
H. Sachs 3, 1, 69ᵇ.
namentlich aber sich verstellen, durch verstellung bei andern eine günstige vorstellung von sich erwecken. in diesem sinne, ebenso wie in dem no: 2, ist das wort zunächst auf mitteldeutsches gebiet eingeschränkt (oberdeutsche schriftsteller des 16. jahrh., die worte dieser sippe brauchen, vergl. heuchler, heuchlerei, heuchelthum, sind anhänger Luthers und nehmen sie von ihm herüber), und wird erst seit dem vorigen jahrhundert allgemein in der schriftsprache, oft dann recht frei, verwendet: und ob er sich schon stellet als thue er gut, ists doch erlogen, betrogen, und geheuchelt. Luther 1, 410ᵇ; wolle er selig werden, so müsse er gleuben und nicht heucheln. 4 (1556) 413ᵃ; und heuchelten mit ihm die andern Jüden, also, das auch Barnabas verfüret ward, mit inen zu heucheln. Gal. 2, 13; schrieben i. f. g. mir wieder ich heuchelte und liesze mich abhalten. Schweinichen 1, 294; Karl. aber wie kann er sich bei dem neuen herrn behaupten, der ein so würdiger mann ist? L. R. wie? mit heucheln. der weisz sich nach seinen leuten zu richten, und seinen charakter nach den umständen zu verändern. Schiller parasit 1, 2. sprichwörtlich wer nicht heucheln kan, kommt nicht fort, qui nescit simulare, nescit regnare. Stieler 794;
wie heuchelt sich der thor, der keiner tugend kraft,
kein wahres mitleid fühlt, und scheint sich tugendhaft!
Hagedorn 1, 44.
In der neuern sprache auch transitiv, etwas heucheln: tritt her, maler! .. so trotzig stehst du da, weil du leben auf todten tüchern heuchelst. Schiller Fiesko 2, 17; präsident heuchelt eine schuldlose miene. kab. u. liebe 4, 5; der zierliche topf nimmt manchen strauch, manche zwiebel auf, um in winterhafter häuslichkeit den sommer zu heucheln. Göthe 33, 152; sie ist unter dem schild eines geheuchelten druckortes: Köln, ohne jahrzahl .. herausgekommen. 35, 370;
befiehlt mir gleich die klugheit und die pflicht ...
dasz ich mein wahres herz vor ihm verberge,
ein falsches hab ich niemals ihm geheuchelt!
Schiller Piccol. 1, 3.
Wieland wagt selbst:
du erfuhrst noch nicht,
dasz der schmerz sich oft zu wollust heuchelt.
9, 341 (306).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1873), Bd. IV,II (1877), Sp. 1279, Z. 39.

hüchel, m.

hüchel, m.
in Oberhessen und der grafschaft Ziegenhain ein haufe von getreidegarben, welche alsbald nach dem schnitt gebunden und zum dürrwerden und nachreifen im freien felde zusammengestellt werden. Vilmar 176. das wort gehört, wie gleichbedeutendes hocke sp. 1648 zu hocken, so zu hessischem huchen, zusammensinken, kauern, und wie für das letztere sonst schriftdeutsch hauchen steht, so brauchen hessische quellen für hüchel auch heuchel. a. a. o.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1875), Bd. IV,II (1877), Sp. 1858, Z. 27.

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Zitationshilfe
„hüchel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/h%C3%BCchel>, abgerufen am 14.06.2021.

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