Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

hülle, f.

hülle, f.
decke, umhüllung; substantivbildung zu dem folgenden hüllen.
1)
wie ahd. hulla (aus hulja), mhd. hülle und gekürzt hül (Lexer wb 1, 1380. 1381), bezeichnet nhd. hülle zunächst ein den körper schützendes stück zeug, als theil der kleidung oder als decke.
a)
eine art mantel, ahd. hulla palla Graff 4, 849: calipson hulle Dief. 90ᶜ; teristrum sluck ł hulle 579ᶜ;
trüegen si (die frauen) mentel oder hüllen an,
wie sölten danne die jungen man
uf den ahseln die schilte gesehen?
Renner 424.
b)
häufiger eine art kopfbedeckung, als nonnenschleier: velamen non-sleyer, augenduch, umbhank, hulle, hultuch Dief. 609ᵃ; oder als frauenkopftuch: capitalis ein hulle, hülle o. haubttuoch 97ᵇ; kopfbedeckung überhaupt: die hüllen, hauben, sunder der weibern, vitta Maaler 231ᵇ; hülle, rica, reticulum, peplum, taenia Stieler 864, mit der nebenform hulke, die vielleicht aus einem nieder- oder mitteld. hullige = hüllunge erwuchs, auch Schottel 1339 hat hulke, rica, reticulum, haarhaube; auch in der form höll rica Alb. Cc 4ᵃ, welche neben hülle sich noch in heutigen mundarten behauptet; niederd. hüll, hullen, hülle als kopfbedeckung, mütze, besonders auch weibliche und namentlich verheirateter frauen, under de hüll kamen einen mann bekommen, under de hüll trouen, von der trauung der gefallenen, die nicht den jungfernkranz tragen dürfen (entgegen in den haren trouen). Fromm. 5, 432; redensart he hett wat in de hüll (etwas im kopfe). 430; in der Helgoländer mundart hüll eine mütze mit rauchwerk, bündelhüll schwarze haube, mit perlen besetzt, kirchentracht der frauen, hüllenduk weisze haube, kirchentracht der mädchen. 3, 29ᵃ; nordfries. höl kopfbedeckung für frauenzimmer, nordschlesw. höl; auch bairisch hille, kopftuch, mütze, haube. Schm. 1, 1085 Fromm. in Luzern ist hülle eine kopfbedeckung für kinder, die verletzungen beim fallen vorbeugt, anderswo beulekappe. Stalder 1, 159.
c)
auch ein deckbett oder decklachen hiesz hülle: hul oder hulle damit man sich bedeckt, tegumen, lodex. voc. inc. theut. k 4ᵇ, wie noch jetzt bairisch hille deckbett, oberbett. Schm. 1, 1085 Fromm.; kärntn. hüll, hülle Lexer 145.
2)
alle diese specialbedeutungen faszt hülle in der verbindung futter und hülle, oder in der reimenden formel hülle und fülle zusammen, wo es das den körper schützende im allgemeinen, kleidung, decke und auch obdach bezeichnet (vgl. dazu auch die stelle aus Steinb. 1, 791 unter 4): derhalben nicht sorgen noch geizen nach dem verdamlichen gut, wenn wir haben futer und hül, daran wöllet gnuͤgig sein. (L. Keiser bei) Luther 3, 421ᵃ; der halben solten wir auch denken, das einem menschen nichts besser ist denn armut, das wir nicht uberleng haben, sondern nur hülle und fülle, umb und an, damit davon. 4, 109ᵇ; da nun die vierzehen jar umb waren, und er keinen lohn verdienet hatte, denn hülle und fülle, futter und decke. 168ᵃ; wenn man inen hüll und fülle gebe, so weren sie versehen und versorgt. tischr. 183ᵇ; wir sollen uns genügen lassen, wenn wir hülle und fülle haben. 373ᵇ; der bischoff soll dann die armen kranken, die yr brot nit mögen erarnen, so vil yhm immer müglich ist, mit hüll und füll damit (durch das opfer) erhalten. S. Frank chron. (1531) 359ᵃ; demnach merk, gott hat fuͦter und deck, hüll und füll genuͦgsam im vorrhat vorsehen. paradoxa 162ᵃ; wer aber umb solche zeitliche gaben recht beten wil, der musz es dem genedigen willen und wolgefallen gottes heimstellen und umb hüll und füll und sein bescheiden theil wie der weise könig Salomon teglich bitten. Mathesius Sar. 40ᵃ; wie gottes segen die füll und hüll, ja reichthumb gibt. Agr. spr. 102ᵇ; hülle und fülle, rock und kropf, juppe und suppe, kleider und narung ist zu diesem leben genug. Petri der Teutschen weiszheit (1605); wenn ein fraw ihren mann soll lieb und werth halten, musz er hüll und fülle können schaffen. Lehmann 163; wenn es dahin kommt, dasz man die hülle und die fülle verdienen sol. Chr. Weise kl. leute 52;
was von auszen kummen soll, kumm euch auch mit mildem haufen,
leben, gnügen, freude, trost, segen, hülle, völl und taufen.
Logau 3, 86, 53 (hochzeitswunsch);
weib, geld, gut, vieh, hülle, völle,
und was sonst erwarb sein wille.
128, 52.
3)
seit man mit fülle in der angegebenen formel nicht mehr den begriff der nahrung, sondern den des überflusses verband, ist hülle und fülle die bezeichnung für ein überaus groszes masz geworden, wobei hülle freilich nunmehr in der bedeutung ganz zurücktritt (vgl. über die entwickelung auch unter fülle theil 4¹, sp. 492. 493): wir wollen ihm leinwand zu weben verschaffen die hülle und die fülle. Kotzebue dram. sp. 3, 253; sie hatten von allem die hülle und fülle. Bechstein märch. 144; in hülle und fülle leben, in überflusz;
da trieb es der junker von Falkenstein
in hüll und in füll und in freude.
Bürger 60ᵇ.
4)
die neuere sprache braucht hülle im gegensatz zu der verwendung 1 entschieden als gewählten, ja als poetischen ausdruck. bei Steinbach 1, 791 das letztere noch neben dem volksmäszigen, wenn er aufführt mein kleid ist eine alte hülle, mihi amictus est obsoletum tegmen, er hat eine schlechte hülle um, male vestitus est, woneben das gewählte eine hülle des leibes, corporis tegumentum; so begegnet schon früher:
was hilft es dir, dasz du ein geistlich kleid wilt tragen,
und wilt im herzen dich der laster nicht entschlagen.
unnöhtig, dasz du wilt in wülner hülle gehn,
dein herz sei from, dein kopf mag wie ein Tarter sehn.
pers. rosenth. 2, 12.
später, seit der mitte des vorigen jahrhunderts,
a)
hülle kleidung, kleidungsstücke: mein leichtes gewand war in kurzer zeit völlig durchnäszt, .. und ich säumte nicht, es mir ganz vom leibe zu reiszen. die pantoffeln warf ich von mir, und so eine hülle nach der andern. Göthe 24, 96; ich hatte schon seine hübschen kleider, wie sie über den stuhl hingen, längst beneidet, und wär er von meiner taille gewesen, ich hätte sie ihm vor den augen weggetragen, mich drauszen umgezogen und ihm meine verwünschte hülle, in den garten eilend, zurückgelassen. 25, 350;
(Thomas) war auf die schwelle gesunken. er deckte
mit der hülle sein antlitz.
Klopstock 6, 51;
und ihr mitleid gab mir wenig speis und wenig hülle nur.
Stolberg 14, 270.
b)
der leib ist das kleid, die hülle der seele:
welch ideal aus engelsphantasie
hat der natur als muster vorgeschwebet,
als sie die hüll um einen geist gewebet,
den sie herab vom dritten himmel lieh?
Bürger 69ᵃ;
die seele ward mir aus dem leibe gezogen, und ich eilte in jene gegenden. .. nun ist mein geist wieder hier, verbunden mit der irdischen hülle, die inzwischen als ein lebloser klotz zurückblieb. Göthe 14, 160;
du starbst? o nein! du warfst die hülle von dir,
die mit der körperwelt dich höhern geist verband.
Ramler 2, 40;
ein finstres grab, dort wo die linde winkt, umfaszt,
der schönsten seele schönste hülle.
Hölty 48 Halm;
wanke näher an das sterbebette,
wo Lucindens hülle starrt.
141.
c)
allgemeiner jedes deckende, bergende, umschlieszende, oft mit ausdrücklicher anlehnung an die bedeutung a: es ist nicht jedem auge gegeben, die hülle zu durchschauen, in welche der dichter eine wahrheit zu kleiden für gut findet: aber wenn eine dergleichen hülle einmal für den körper selbst gehalten worden, so ist ganz begreiflich, wie sich mehrere hintergehen lassen. Lessing 8, 519; Themistokles besasz eine vorzügliche geschicklichkeit, durch die hülle der zukunft zu sehen, was dienlich oder nachtheilig sein würde. Heilman Thucyd. 158; die hülle der religion für die religion selbst nehmen. Kant 1, 244; vom thron gottes bis zum gewürm der erde kann alles lügenbeweis, pfeil und hülle des allbetrügers werden. Herder;
aber seitwärts an dem gebirge kam Abbadona
in den hüllen der schweigenden nacht.
Klopstock 3, 269;
als er die hangende hülle des allerheiligsten wahrnahm (den vorhang).
4, 52;
doch, hülle vor gottes
wegen, du hängest herab, und dich hebet einst das gericht nur.
5, 352;
du hattest, o festliche nacht, des mitleids viel,
und nahmest in deine hüllen auf
die blutigen legionen.
9, 203;
des winters hülle deckte
nicht mehr die öde flur.
Göthe 1, 26;
Pyl. warum hast du nicht
ins priesterrecht dich weislich eingehüllt?
Iph. als eine hülle hab ichs nie gebraucht.
Göthe 9, 71;
dasz uns mit fabeln oft ein fremder täuscht,
musz auch der wahrheit schaden, wenn wir sie
in abenteuerlicher hülle sehn.
363;
leis komm ich her in deine stille,
du schön belaubtes buchenzelt,
verbirg in deiner grünen hülle
die liebenden dem aug der welt!
Schiller das geheimnis;
erstiegen ist der wall, wir sind im lager!
jetzt werft die hülle der verschwiegnen nacht
von euch, die euren stillen zug verhehlte.
jungfrau 2, 4.
d)
in aufgetragener rede hülle selbst vom papierumschlage um waaren:
du (dichter in deinen werken) magst mit Klopstocks fluge der ewigkeit
entgegenfliegen oder braunem
pfeffer und würze zur hülle dienen.
Hölty 88 Halm.
5)
hülle, in der botanik, involucrum, eine art umschlag welcher eine oder mehrere blumen umgibt, vornehmlich bei den doldenpflanzen. Nemnich 3, 244; auch in anderm sinne: die äuszere hülle und der innere faden (des leins) steigen stracks und innigst vereint hinauf; man gedenke welche mühe es kostet, eben diese spreu vom faden zu sondern, wie unverweslich und unzerreiszbar derselbe ist, wenn die äuszere hülle, selbst mit dem gröszten widerstreben, den durch die natur bestimmten zusammenhang aufgeben soll. Göthe 55, 114. In der anatomie ist hülle die sackförmige umkleidung eines innern körpertheils.
6)
hülle, in Baiern, der deckel eines krugs. Schm. 1, 1085 Fromm.; fülls in einen krug mit einer hülle, wie man sie sonst zum wasser sieden brauchet. Hohberg 1, 246ᵃ.
7)
hülle, in Kärnten, schutzgebäude für garben, sonst harfe (sp. 476). Lexer 145. hier steht hülle wol für hille, vgl. sp. 1331 am ende.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1875), Bd. IV,II (1877), Sp. 1896, Z. 1.

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Zitationshilfe
„hülle“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/h%C3%BClle>, abgerufen am 06.07.2020.

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