habe f
Fundstelle: Lfg. 1 (1868), Bd. IV,II (1877), Sp. 42, Z. 43
ahd. haba Graff 4, 737, mhd. habe, fries. hava Richth. 798; seinem verbum haben entsprechend, in mehreren bedeutungen, die sich um die begriffe halten und besitzen, zu eigen haben, gruppieren.
1)
halt, anhalt, stütze, festigkeit:
schaw das der held nyndert kein hab
moeg gefinden.
Theuerdank 47, 48;
er gieng durch ain sonderen gang
von dem hohen gepyrg herab,
das pyrg was faul und het kein hab.
69, 73;
der tachstul sänkt sich sehr, hat durchaus fast kein hab.
Rompler 98;
laszt ihr die glieder nehmen ab,
so hat der leib kein stärk noch hab.
Opel und Cohn 368, 10.
2)
das was etwas hält oder woran etwas gehalten wird, heft, griff, henkel: ein trinkgeschirr mit zueen haben, carthesium Diefenb. 100ᵃ; kesselhab 86ᵇ ist die eisenstange über dem herde, die den kessel hält; bair. die axthab stiel an der axt. Schm. 2, 136;
nimm kelche, von des meisters hand gemacht,
und kränze beide haben und den rand.
Stolberg 13, 236.
habe etiam significat manubrium et ansam rei alicujus. Stieler 723. vergl. handhabe.
3)
ort zum halten, zum bergen; jeder platz an dem etwas aufbewahrt oder geborgen wird: so mhd. diu habe der speicher Ben. 1, 602ᵃ; der kerker der hölle:
des wart vil manic tôte
behalten in der helle habe.
MSH. 2, 368ᵇ.
ein geschützter platz im walde: du solt (die hirsche) suochen uf den rechten haben in den waelden, da vindt man sie och gern. von den zeichen des hirsches (ed. Karajan) 58; auch geschützter platz der fische im wasser: haben oder backen seind löcher unter der erde, wohin die fische sich zu verschliefen pflegen: zuweilen finden sich dergleichen haben auch unter den steinen, felsen, baumwurzlen oder unter denen mühlen, gemeiniglich aber und meistentheils zwischen zwei wässern. jagds-ergötzungen 5 p. 6. am häufigsten wird, wie schon mhd., unter habe noch im 16. jahrh. der halteplatz der schiffe darunter verstanden, bis im 17. jahrh. hafen (s. d.) sich dafür verbreitet: haben, schifflendinen portus, insel die komliche haben oder schifflendinen hat, ratibus clemens insula. Maaler 204ᵇ;
das schiff sich nach dem himel gab
als zu einer glückselgen hab.
B. Waldis das päpstl. reich 3, 15;
fand on gefehr ein kleinen nachen:
derselb thet in freundtlich anlachen.
den dacht er zführen in sein haben;
ein gute fracht thet im geloben.
Esopus 4, 89, 17.
Ungewöhnlicher aber geht habe dann in den begriff hülle überhaupt über:
als der Ruggiero nun mit armen sie umgabe,
da fiel der mantel ab, sie blieb in zarter habe.
Dietr. v. d. Werder Ariost 7, 28, 6;
come Ruggiero abbracciò lei, gli cesse
il manto, e restò il vel sottile e rado.
4)
besitztum jeder art im allgemeinsten sinne: eigne hab, gewunnen guͦt mit arbeit, peculium Dasyp.; umb hab und guͦt kommen, naufragium facere rerum suarum ibid.; hab und guͦt, reichthuͦmb, substantia, opes, divitiae, facultates, pecuniae Maaler 202ᶜ; eines yetlichen haab und gut census, farende hab res mobiles, grosz haab und guͦt, schatz und reychthumb gaza, kleine und schlächte hab brevis census, eim sein haab und gut nemmen depeculiari ibid.; es leret disz sprichwort, dasz sich ein jeglicher an seiner hab soll lassen benügen (an dem was er hat). Agric. spr. (1650) 110ᵃ; also nam Abram sein weib Sarai und Lot seines bruders son, mit aller irer habe die sie gewonnen hatten. 1 Mos. 12, 5; da namen sie alle habe zu Sodom und Gomorra und alle speise und zogen davon. 14, 11; füret weg alle sein vieh und alle seine habe, die er zu Mesopotamia erworben hatte. 31, 18, ähnl. 46, 6; und alle ire habe, alle kinder und weiber namen sie gefangen, und plünderten alles was in den heusern war. 34, 29; denn die heuser in stedten der Leviten sind ihre habe unter den kindern Israel. 3 Mos. 25, 33; sol wider komen zu seinem geschlecht und zu seiner veter habe. 25, 41; und sie verlieszen ire vorstedte und habe, und kamen zu Juda gen Jerusalem. 2 chron. 11, 14; die zugenge seiner habe werden schmal werden. Hiob 18, 7; hunger wird seine habe sein und unglück wird im bereit sein und anhangen. 18, 12; viel andere die inen handreichung thaten von irer habe. Luc. 8, 3; das ir bei euch selbs eine bessere und bleibende habe im himel habt. Ebr. 10, 34; ire güter und habe verkauften sie. apost. gesch. 2, 45; ob ein beschädigter sein haab, die im unzweifelich zustünde, .. von dem thäter wider zu wegen brächt. Carolina art. 214; ein übelthäter mit gestohlener oder geraubter haabe. art. 218; ein staat ist nicht, wie der boden, auf dem er seinen sitz hat, eine habe (patrimonium). Kant 5, 415; das grosze vorrecht, nach seinem tode noch über seine habe zu disponiren. Göthe 17, 288;
euch geb ich allen preisz für meine ganze habe,
für leben, glück und stand, euch brech ich palmen abe.
Fleming 200;
und ehre, glück und habe
verläszt mich doch im grabe.
Gellert 2, 208;
einen blick
nach dem grabe
seiner habe
sendet noch der mensch zurück.
Schiller 78ᵇ;
guter fliehender menschen, die nun, mit geretteter habe
leider das überrheinische land, das schöne, verlassend ...
Göthe 40, 233;
die manichfaltige habe,
die ein haus nur verbirgt, das wohlversehne.
40, 239;
denn es verläszt der mensch so ungern das letzte der habe.
ibid.
in verächtlichem sinne von einer person gesagt: die frau war auch eine leichte habe. Agricola spr. (1560) 146ᵇ; wir sagen jetzt leichtes gut, gewöhnlicher aber eine leichte waare. Häufig entwickelt auch habe eine prägnantere bedeutung: man meint damit das wertvolle eines besitztums, kostbarkeiten, schätze, und bestimmt es oft näher durch ein entsprechendes adjectiv:
und hiesz ausz rufen grose hab
wer im der sucht mecht helfen ab.
fastnachtssp. 1146;
sie sprach alle hab ich ganz fermischt (verachte)
und ere neur (nur) den der ob uns ist.
ibid. 1147;
nu haben wir (o süsse haab!)
des lebens süsse frucht empfangen.
Weckherlin 311;
mit tugent (spricht er) und mit haab
thu mich, o Jupiter, begaben.
ibid. 452;
in der wogenleeren höhlung wühlten sie empor die erde,
senkten tief hinein den leichnam mit der rüstung auf dem pferde,
deckten dann mit erde wieder ihn und seine stolze habe.
Platen 33ᵃ;
gieb acht, gieb acht, o lieber knabe,
dasz du nicht dastehst trauernd einst
und um die beste, schönste habe
des menschenlebens bitter weinst!
Lenau vermischte gedichte: 'einem knaben'.
habe von den gütern des geistes und herzens:
mit lieb umfaszts (das herz) die gegenwart
und dünkt sich reich an habe.
die habe, die es selbst sich schafft,
mag ihm kein schicksal rauben ...
A. W. Schlegel poet. werke 1, 13.
Formelhaft wird mit habe verbunden fahrt (vergl. 3, 1265) und gut; das erstere selten, bei Klinger: sich mit hab und fahrt, mit herz und seele hingeben. 1, 421; hab und fahrt verprassen. 3, 94; vor einiger zeit brannten häuser mit habe, fahrt und der eingeführten ernte ab. 8, 44; das letztere ungemein häufig, wobei es ungewöhnlicher ist, dasz habe die zweite stelle einnimmt:
bald leut und land man im eingab,
das er gnug hett an gut und hab.
B. Waldis 4, 90, 218;
was sollt ihm gut und haabe?
Musäus kinderkl. 108;
die bürger schauten zum fenster heraus,
sie saszen eben in saus und braus
auf gut und habe.
Göthe 3, 191.
vgl. ire güter und habe (καὶ τὰ κτήματα καὶ τὰς ὑπάρξεις). apost. gesch. 2, 45; gemeiniglich wird gesagt hab und gut Dasyp., Maaler 202ᶜ, eine jener tautologischen formeln, 'in der der gedanke des ersten wortes durch den gleichen oder verwanten eines zweiten wiederholt wird, wodurch der ganze satz erhöhten, belebtern sinn und mehr stärke und festigkeit gewinnt' (RA. s. 14): er bringt sich um hab und gut. Lenz 1, 90; wie geschwister, deren die meisten zu guter wirthschaft geneigt wären, eins aber, leicht gesinnt, hab und gut der ganzen familie sich zuzueignen und zu verzehren lust hätte. Göthe 22, 170; die bauern standen auf, als sei der feind da und bewehrten sich, um hab und gut zu schützen. Riehl culturgesch. nov. 349;
ich bin ümm hab und gut, und allen vorrath kommen.
Fleming 116.
Bemerkenswert ist, dasz in dieser verbindung ein vorgesetztes, auf beide begriffe bezügliches adjectiv, pronomen oder der artikel gewöhnlich im neutro steht, worin vielleicht eine freie anwendung der regel zu suchen sein möchte, dasz zu zwei subjecten verschiedenen geschlechtes adjectiva oder pronomina im neutro treten (gramm. 3, 315. 4, 283); es wird gesagt das hab und gut jemandes; mein hab und gut, mein ganzes hab und gut;
hab ich mein hab und gut verthan.
Schwarzenberg 144, 1;
ist alles kummers frei,
dasz nicht sein hab und gut im meer ertrunken sei.
Opitz 1, 154;
nachdem in dieses land des papstes liga kam
und unser hab und gut eins nach dem andern nahm.
Opitz u. Cohn 284, 2;
euer hab und gut sind nur wie darlehn zu betrachten. Holtei Chr. Lammfell 152; mit allem mobilen hab und gut. Göthe 30, 52. doch gibt es ausnahmen von dieser fügung:
und hat dafern es glückt, von aller haab und guth
den beutel in dem maul.
Rachel sat. (1700) s. 50.
Man hat wol die bedeutung der formel hab und gut dahin gefaszt, dasz nabe das bewegliche, gut das unbewegliche, liegende eigentum ausdrücken solle; allein dieser unterschied, der erst zu ende des vorigen jahrhunderts ausgespürt worden zu sein scheint (Eberhard synon. handwörterb. 419), ist willkürlich und pedantisch. zwar bezeichnet fahrende habe, ahd. faranti scaz, nd. auch rorende have (Kindlinger hörigk. 382) res mobiles und gieng ursprünglich wol auf den viehbestand (vergl. 3, 1258. 1259), allein wie sich findet liegende oder farende haab statuten der stadt Weiszenfels v. 1619 4, 7, liegende und fahrende habe Wieland 8, 142, so wird auch umgekehrt schon mhd. gewährt varende guot Walther 8, 14. 60, 35. Parz. 267, 10; ir varend guͦt Altdorfer weisthum von 1439, weisth. 1, 13; und ebenso unfarende habe: was in, von sulchen teilen, von unfarender hab geburd, es sein hofe, huser, acker und ander unfarender hab. Haltaus 767. Der fahrenden habe setzt man liegende gründe gegenüber: er setzte eine dreijährige schatzunge auf erbe, liegende gründe und farende habe. Schütz Preuszen 88.
5)
wenn mehrmals habe auch in der bedeutung schaar, haufen steht, so knüpft sich diese bedeutung ungezwungen an die unter voriger nummer erörterte an, indem der begriff des besitzes, der wie wir sahen, auch zu dem der schätze, kostbarkeiten empor steigt, andrerseits zu dem begriffe fülle, menge überhaupt, schaar sich wenden kann:
si zugend über ein heid hinab,
der Schwaben was ein grosze hab,
sie hand sich nit wol ghalten.
Uhland volksl. 441, 7,
während es in einer andern fassung desselben liedes heiszt:
si zugend an dem grünen wald har,
der Osterrichern was eine grosze schar,
si hand sich unerlich gehalten.
Liliencron volksl. 2, 401, 12;
weist du nit, dasz in aller hab
guot und bös man finden mag.
ring 18ᵇ, 24;
pox velten! was kömpt dort für ein schwarzes her! ...
es ist eine seltsame gesante hab.
ich mein dasz der teufel mit seiner mutter her drab.
Schade pasqu. 1, 58, 136;
Jupiter sah von oben herab,
wie wunderlich und seltzam hab
sich auf der erden thun bewegen,
die thier sich durch einander regen.
B. Waldis Esopus 1, 81.
6)
völlig von dem bisher erörterten liegt ab: die haab, ein gemächt von hopfen, darmit die pfister (bäcker) das weisz brot auftrybend. Maaler 202ᶜ, es ist dasselbe was das nhd. fem. hefe, mhd. masc. hefe, ahd. hefo, und gehört nebst seinem diminutiv hebel (s. d.) zunächst zu dem starken verbum heben, wegen seiner emportreibenden eigenschaft. über die verwantschaft der verben heben und haben wird unter letzterm worte gesprochen.
Zitationshilfe
„habe“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/habe>, abgerufen am 22.11.2019.

Weitere Informationen …