Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

handschuh, m.

handschuh, m.
1)
chirotheca, manica. Neben der form ahd. mhd. hantscuoh, hantschuoch entwickeln sich schon frühe andere. zunächst mit umlaut, auf ein früheres hantiscuoh, hentiscuoh zurückweisend, mhd. hentschuoch (plur. hentschuohe Heinzelein minnelehre 492), nhd. hendschuh, händschuh: chirotheca ein stauch, hendschuͦch Alb.; cheirotheca ein händschuͦch Dasyp.; darnach den pastoral, die infel, die hentschue mit allem andern daz er umb und an het seinen gesellen herausgab und den pischof nacket in einem hemde liesz. Steinhöwel 88, 34 Keller; hatt weder kappen noch hendtschuch, derhalben in dann gar hart frieren ward. Wickram rollw. 141, 15 Kurz; das link ohr und den rechten händschuch. Fischart groszm. 74;
mein rock, mantel, hut und hentzsuch.
H. Sachs 3, 2, 168ᵈ.
von dieser form aus entsteht, indem der zweite vocal des wortes tonlos wird, durch ein hinschug, henszag chirotheca Dief. 123ᵇ. hindurch ein händschich, mundartlich weit verbreitet, so in Düringen, Obersachsen, Schwaben, das noch weiter in händsche, hendsche (oft in starker form, daher auch für den plural bleibend) in der Wetterau und am Rhein gekürzt erscheint. zu dieser form steht nahe das unumgelautete hansche Dief. 123ᵇ; hansch im Meisznischen.Neben der starken form zeigt aber schon das ahd. für den plural eine schwache: hantscuhen, hantscun chirothecae Graff 6, 419, und aus ihr, die bereits den zweiten theil des compositums verkürzt hat, geht eine weitverbreitete andere: handschken, hendschken, henschen, in Obersachsen handschchen, händschchen hervor, ursprünglich nur im plural angewendet, doch ist die form jetzt auch für den singular gebräuchlich (z. b. schweizerisch händschen neben händsche Stalder 2, 19; niederd. handsken, hansken brem. wb. 2, 590); altmitteldeutsch cirotece henschen Germ. 9, 28; manica händschken Dief. 347ᵃ; es sigen panzer, huben, kessel, hüett, henschen, armzüg, und wʒ harnesch ist und harnesch heiszet. weisth. 4, 363 (schweiz., v. j. 1398); von streuflingen und hendschken ij groschen (macherlohn). Leipz. stadtordn. 1544 A 3ᵇ; englische hänschen. Möser patr. phant. 1 (1798) 27;
spigel, henschen ende gewant
salt du balde van dir duen.
Haupt 3, 331 (mittelrhein., 14. jahrh.).
handschuhe, seit den ältesten zeiten als schmuck und auszeichnung, wie zum schutz getragen, sind nach stoff und form unterschieden: seidene, lederne handschuhe; hatte seine hirschlederne winter-occasion händschuch an. Simpl. 4, 37 Kurz; tvêne wüllene hantschu unde en mesgrepe is der dagewerchten bûte. Sachsensp. 3, 45, 8;
auf den langen krebesscheren
händschen, so durch perfumiret,
und mit ziebet woll beschmieret.
Memel lust. gesellsch. (1701) 347;
sie bedecken als ziergegenstand auch den vorderarm:
zwêne niuwe hantschuoh er unz ûf den ellenbogen zôch.
Neithard 75, 13;
eiserne handschuhe als theil der rüstung: ciroteca ferrea ein ysern hantschu Dief. 123ᵇ; nach beschehner predig namen die ritter all ir waffen auszerhalb den eysin hendschuch zu sich. Amadis 417. dem mit fingern versehenen handschuh, fingerhandschuh (3, 1658) steht der fausthandschuh (3, 1383) gegenüber, auch zweifingerig genannt, weil blosz der daumen besonders ist, die übrigen finger eine gemeinschaftliche hülle haben: bedarfst ein zwenfingerigen grawen fischerhändschuch. Fischart groszm. 37. — handschuhe werden, wie andere kleidung, angezogen, ausgezogen; zog meinen handschuch an. Simpl. 3, 323 Kurz; der professor, in die handschuhe fahrend. Freytag handschr. 1, 325; streifte langsam ihren weiszen handschuh von der hand. H. Heine werke 2, 168. Von der symbolik die nach altdeutschem rechte dem handschuh anhaftete und über die rechtsalterthümer 152—155 gehandelt wird, ist der neueren zeit wenig geblieben. mittelalterlicher brauch ist der wurf des handschuhs als aufforderung zum kampf, derselbe ist bis jetzt unvergessen:
lasz sehen, wer er ist, der sich im tapfern übt,
und meinem sohn Rodrig anheut den handschuh gibt?
wer wil der kriegsheld sein? wer darf es sonder zagen
mit meinem sohn Rodrig in einem kampfe wagen?
Greflinger Cid D vij;
hier werf ich ihm vorläufig meinen handschuh hin. H. v. Kleist Käthchen 1, 1;
statt meiner steht mein handschuh vor gericht.
1, 2;
und stündet ihr nicht hier in kaisers namen,
den ich verehre, selbst wo man ihn schändet,
den handschuh wärf ich vor euch hin, ihr solltet
nach ritterlichem brauch mir antwort geben.
Schiller Tell 3, 3;
vgl. fehdehandschuh. — Die übergabe des handschuhs als pfand für erfüllung von pflichten: dâ ein frî Swêbenne êwet ain Swâb, der ist ain frî man, dâ muoʒ er im siben handscuohe han. mitten gît er siben wete nâch dem swâbeschen rehte. Müllenh. u. Scherer 239, blickt auch noch in dem von Göthe geschilderten, aber anders gedeuteten brauche des pfeifergerichts in Frankfurt a. M. durch: so brachte auch hier der abgesandte einen schön gedrechselten hölzernen pocal mit pfeffer angefüllt. über demselben lagen ein paar handschuhe, wundersam geschlitzt, mit seide besteppt und bequastet, als zeichen einer gestatteten und angenommenen vergünstigung, dessen sich wohl der kaiser selbst in gewissen fällen bediente. 24, 35; er denkt an die übersendung eines handschuhs von seiten des kaisers zum zeichen der gewährung: ok sal die koning durch recht sinen hantscho dar to senden (zu der stätte wo man münzt), to bewisene dat it sin wille si. Sachsensp. 2, 26, 4. Redensarten sind manigfach. ein geschenk, trinkgeld, eine belohnung wird mit der formel bezeichnet: etwas für ein paar handschuh, wie engl. glove-money trinkgeld, span. guantes ein geschenk über den bedungenen lohn, auszerordentliche belohnung bedeutet; man weisz den schenkalien gar feine glimpfliche namen zu geben und anzustreichen, als ein baar handschuch, ein hut, ein schärpe. Moscherosch bei Gumpelzhaimer gymn. de exercit. acad. 79; schweizer. ein paar händschen geben, ein geschenk, trinkgeld nicht von der gemeinsten art. Stalder 2, 19; daher mit der formel der nebensinn des bestechens verbunden wird. Schm. 2, 207: er hat der gnädigen frauen, durch welche alles gehet, auf ein paar handschuch gespendiret. Abr. a S. Clara etwas für alle (1699) 443; wenn jemand will fortkommen, so heist es: mein, seie mir der herr geneigter als dem andern, es gilt was auf ein baar handschuh, thut mir der herr in diesem anbringen favorisirn, es gilt was auf ein baar handschuh, bitte umb einen guten bescheid, es gilt ein baar handschuh; ei so handschuh! ei so handschuh! unter diesen handschuhen wird das geld verstanden. Neiner tändlmarkt 316; franz. avoir les gants d'une chose, en avoir la première idée, ou le mérite, ou le profit. Littré 1, 1827ᵇ. — handschuh machen, in eine hülle greifen, sie gleichsam als handschuh für sich anwenden, so in verliebtem gebahren: da tappen sie mit blinden henden über all rumb, und dasz ichs treuge sage, machen hentzschken so warm sie die erleiden können. von der leffelei (1593) 18. satz; manuum in sinum immissionem (handschuh machen nostrates vocant). facet. facet. 1645 s. 486; mit ihr unter der schürze oder im busen spielend, welches wir sonst handschuh machen nennen. herrl. triumphwagen 60; aber auch um zu stehlen (vgl. handschuhmacher):
wir wölln des kaufmans beutel steln,
dem junkherrn musz einmahl auch fehln,
eh und er in von uns empfacht
hab wir ein handschuch drausz gemacht.
H. Sachs 5, 341ᵇ;
das schickt sich eben wie sechs finger in ein händschuh. Fischart bienk. 173ᵇ; auch nl. dat sluit als zes vingers in een handschoen. Harrebomée 1, 283; von etwas zartem sagt man, es will mit handschuhen angefaszt sein; dieser erro et mendicus beschämt uns, die wir mit einem rauhen handschuh, so zu sagen, uns haben ins bockshorn jagen lassen. Höfer die gute alte zeit (1867) 1, 287; er war jetzt in seinem benehmen gegen sie wie ein umgekehrter handschuh (völlig verwandelt). Pestalozzi 4, 377; von Napoleon I. lief das wort er regiere mit eiserner hand, nur mit einem sammetnen handschuh darüber. hand und handschuh sein, vergl. sp. 342. niederdeutsch ist he verlüst hôt un hannsch alles was er hat. Schütze 2, 99. Schamb. 74ᵃ. in Oberdeutschland sagt man, um eine rede abzubrechen, weil jemand zugegen, der sie nicht hören soll, es liegt ein handschuh hinterm ofen, auch mit dem zusatze er möcht verbrennen Schm. 2, 207 (ähnliche redensarten 322. 371): es liegen handschuh hinterm ofen. ihr versteht mich. Meyer geschichte der salpetrer, herausg. v. Schreiber, s. 26.
2)
handschuh in Baiern ein fäszchen zu weiszem bier, ohngefähr 30 masz oder eine halbe achtel haltend. Schm. 2, 207.
3)
unserer lieben frauen handschuh heiszt der ackelei, aquilegia vulgaris, glockenblume. Nemnich 1, 393.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1869), Bd. IV,II (1877), Sp. 416, Z. 29.

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Zitationshilfe
„handschuh“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/handschuh>.

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