haschen verb
Fundstelle: Lfg. 3 (1870), Bd. IV,II (1877), Sp. 524, Z. 47
capere, prehendere. unter erhaschen 3, 839 ist, da das wort im ahd. und mhd., ebenso in oberdeutschen idiotiken nicht bekannt ist, und erst später auftaucht, entlehnung aus den romanischen sprachen und zusammenhang mit ital. cacciare, franz. chasser angedeutet. doch bleiben zweifel; und wenn die nebenform hatschen, hätschen, die in erhätschen 3, 840 erscheint, die ältere ist, aus der haschen erst verstümmelt ward, so ist das wort wol ein echt deutsches, und führt auf eine iterativbildung von hassen, ahd. haʒôn, goth. hatan, etwa ahd. haʒezan zurück, die später die spirans der ableitungssilbe verdickte, etwa wie muckschen aus früherem muckezen, muckesen sich erklärt, die ursprüngliche bedeutung von hassen ist ja verfolgen; s. unten hasz, hatz und hetzen. der abstammung nach liegt ab kaschen und käscher (5, 247. 248). haschen wird gebraucht:
1)
transitiv von der ergreifung eines zufällig aufstoszenden gegenstandes: ich hasch capio Alberus p 4ᵇ; tut er aber eines andren mannes arbait und vindet er den schatz so von geschihte (zufällig), so hasche er es halb und gebe das ander halb tail da es geburt. richtsteig landr. 2, 6 bei Senkenberg corp. jur. germ. 2, 212; noch bei Wieland:
indessen hätte gewisz der grosze Demosthen
in diesem falle so gut dem knaben ähnlich gesehn,
der blumen brach und eine natter haschte,
als Amadis.
4, 162 (neuer Amad. 7, 24).
2)
von der ergreifung eines gefangenen nach vorausgehender verfolgung: darumb haschen, henken, morden, geiszeln, creutzigen Christum die Wittemberger. Luther 3, 50ᵇ; die jüden, so Christum im garten wollten hasschen. 4, 494ᵃ; da Jesus nu merket, das sie komen würden, und in haschen (griech. ἁρπάζειν, goth. vilvan), das sie in zum könig machten, entweich er abermal. Joh. 6, 15; sie haben den dieb gehascht, deprehensus est fur, in custodiam miserunt praedonem. Stieler 778; fliegen haschen, capere muscas das.; eine katze, wie solche mit einer von ihr gefangenen mausz spiele ... sie bald ein wenig laufen lasse, bald wieder hasche. Wesenigk böse spielsieben (1702) s. 9; haschet, haschet doch jenen gröszten schelm. Felsenb. 2, 471; und lieber wollt ich, wie meine katze, mir zum frühstück ein paar mäuse haschen. Kotzebue dram. spiele 1, 308;
auf der meerfluth
fuhren wir hurtig im schiff, die heilige früh erwartend,
unruhvoll, wo wir etwa Telemachos haschten und meuchlings
tödteten.
Odyssee 16, 369.
3)
in gleichem, aber gemildertem sinne, so dasz das erbitterte und strenge der verfolgung wegfällt: wir füllen diesen korb mit blumen, setzen Amorn drauf, und tragen ihn nach hause, und sagen, dasz wir ihn unter den blumen gehascht haben. Wieland 10, 52; Gustchen, die einen schmetterling haschen will. Kotzebue dram. sp. 1, 83; ich hasche dich doch. Göthe 14, 293; da hascht er mich — und kitzelte mich. s. 297;
gaukelnd hüpf ich dahin, hasche den schmetterling,
der am busen der rose trinkt.
Hölty 73 Halm;
und haschen will ich, nymphe, dich,
im tiefen waldgebüsch.
Göthe 2, 187.
ein gesellschaftsspiel ist sich untereinander haschen, vergl. haschemann:
indes die schnitter und mädchen
ihre kleider suchten, sich haschten, und scherzten, und sangen.
Hölty 40 Halm.
4)
in bezug auf dinge: er haschte ihre hand und drückte einen kuss darauf; er sprang nach dem garten und haschte unterwegs nur etwas von der vorkost, die der diener für die gäste brachte. Göthe 21, 93; wer auf trewme helt, der greift nach dem schatten und wil den wind hasschen. Sir. 34, 2;
aber sobald aufstrebte der greis, mit den händen sie haschend (die früchte),
schwang ein stürmender wind sie empor zu den schattigen wolken.
Odyssee 11, 591;
da hasch ich heute
schnell reim auf reim
für meinen Gleim.
Gökingk 1, 177;
übertragen und unsinnlicher: wartet in geduld solche augenblicke ab, und haschet sie, wenn sie kommen. Wieland 8, 38; dieses bunte lotto des lebens, worein so mancher seine unschuld und seinen himmel setzt, einen treffer zu haschen. Schiller räuber 3, 2; dein weigern ist das signal, das die provinzen mit einmal zu den waffen ruft, das jede grausamkeit rechtfertigt, wozu Spanien von jeher nur gern den vorwand gehascht hat. Göthe 8, 223;
drum hasch die freuden, eh sie der sturm verweht.
Hölty 106 Halm;
die welt wird nie das glück erlauben,
als beute wird es nur gehascht.
Schiller das geheimnis;
dasz man begierig diesen vorwand hascht.
Piccol. 2, 7;
die mahlerei hat .. den andern
das neidenswerthe amt hinweg gehascht.
Rückert 65.
5)
haschen auch intransitiv, wo dann das wort weniger die ergreifung, als die verfolgung hervorhebt:
und hascht, und sucht und findet immer,
doch ach! sich selber findt er nicht.
Arndt ged. (1840) 465;
mit der praep. nach verbunden: er haschte nach der fliege, ohne sie zu fangen; er hascht vergebens nach dem glücke; wenn sie nach entfernten und immer entferntern tropen haschen, so wird es baarer unsinn. Göthe 6, 105.
6)
Stieler kennt haschen auch als euphemismus für stehlen, clam surripere, furari. 778; seinem nachbar die hüner haschen, vicini gallinis insidiari das.
häschen n
Fundstelle: Lfg. 3 (1870), Bd. IV,II (1877), Sp. 525, Z. 67
dimin. von hase, lepusculus. Steinbach 1, 704.
1)
im eigentlichen sinne:
sasz ein häschen in dem strausz,
guckt mit seinen äuglein raus.
kinderlied;
die insolvente bevölkerungszunft, die für ihr häschen gern ein gräschen auf fremdem grund und boden pflückt. Musäus kinderkl. 3; — namentlich auch in der redensart: mich hat ein häschen geleckt, es ist mir etwas angenehmes widerfahren (s. unten hase 1 sp. 528).
2)
bildlich von einem jungen mädchen, einem närrchen, vergl. hase 2, b:
und nun wird das gute häsgen
als ein spott der stadt genannt,
weil sie ihr verliebtes näsgen
vor der zeit zu hoch gespannt.
Picander 3, 325.
3)
häschen für narrheit (vergl.hase 2, b am ende): wenn jemand aus liebe einöden sucht, mit dem monde im ernst plaudert, so steckt gewiss das häschen irgendwo im kopf, denn eine schwachheit steht selten allein. Lichtenberg schriften 1, 131 (über die macht der liebe).
4)
häschen für eine lustige anecdote, schnurre: ein häschen erzählen. s.hase 3.
Zitationshilfe
„haschen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/haschen>, abgerufen am 22.10.2019.

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