Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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heer, n.

heer, n.
exercitus. goth. harjis; alts. altnfr. heri; fries. hiri und here; nd. hêr; ags. here; altn. herr, schwed. här, dän. hær; ahd. hari und heri, mhd. her. das wort, über alle deutschen dialecte gleichmäszig ausgebreitet, ist seiner etymologischen bezüge und seiner ersten bedeutung nach noch dunkel, da sichere vergleiche mit den urverwandten sprachen fehlen; nur zweifelnd ist es mit sanskr. kula herde, schwarm, menge, geschlecht, genossenschaft (Böhtl.-Roth 2, 351) zusammengestellt worden. heer wird gebraucht:
1)
von einer geschlossenen kriegerischen schaar: ahd. hari exercitus, heri militia, agmen, acies, ala, miles, hostis Graff 4, 983;
dannin wuhsin sint vreinkischi heri,
di wurden Cesari al unterdan.
Annolied 394;
mhd. die wellent zuo iu rîten mit her in dize lant.
Nib. 823, 3;
des wart das hiunische her
getwungen vil sêre.
Biterolf u. Dietl. 1394;
zuo dem here breit.
Alpharts tod 35, 2;
dô sach er her daʒ grôʒe, daʒ ûf dem velde lac.
Nib. 180, 1;
von kreuzfahrern:
sich schar von manegen landen
des heiligeistes her.
Walther 78, 3;
wie nhd. da must er mit dem frommen heer
durch ein gebirge wüst und leer.
Uhland ged. 328;
exercitus, ein here fulckes Dief. 216ᵃ; her, exercitus, vulg. geordent her voc. inc. theut. i 4ᵃ; mit rossen und wagen und allem heer des Pharao. 2 Mos. 14, 9; mehre dein heer und zeuch aus. richt. 9, 29; auch kamen alle tage etliche zu David im zu helfen, bis das ein gros heer ward, wie ein heer gottes. 1 chron. 13, 22; alle zu rosse, ein groszer haufe, und ein mechtiges heer. Hes. 38, 15; dagegen bracht Apollonius ein gros heer zusamen. 1 Macc. 3, 10; der könig mit seinem unüberwindlichen heere. 2 Macc. 1, 13; werden in helfen verderben, und sein heer unterdrücken. Dan. 11, 26; hierauf führt er sein heer ins feld. Garg. 265ᵃ; mit einem leichten heer von dreiszig tausend zu rosse und siebenzig tausend zu fusze. Zigler Banise (1700) 607; dem worte als massenbegriffe kann auch eine plurale fügung folgen: es sei die nachricht angekommen, das französische heer ziehe sich von st. Menehould auf Chalons, der könig wolle sie nicht entwischen lassen und habe daher befehl zum aufbruche gegeben. Göthe 30, 61;
seiner heldenthat
rühmt sich dein groszes heer.
Gleim 4, 144;
heere, lager, scepter, krone
schützen den verbrecher nicht.
Uz 1, 297;
ein sieghaft heer umgab mit jauchzendem getöne
den groszen Scipio.
2, 44;
ein heer von helden wird durch üppigkeit geschwächt.
s. 60;
die losung braust von heer zu heer.
Schiller 1, 52 Kurz;
mit trommelwirbel, trommetenschall,
so zieht das heer zum sturme.
Uhland ged. 68;
hei, sausende pfeile, klirrender schwerterschlag
bis Harald fiel und sein trotziges heer erlag.
351.
im heer liegen, als glied eines heeres zu felde liegen, streiten: also sol sich niemand entsetzen, sondern nur frölich sein, ob wir sehen, wie schendlich das evangelium verfolget wird, denn es ist so zuvor gesagt, das wir uns des trösten und frisch drauf wagen, man mus hie im heer ligen. Luther 4, 97ᵃ; zu heere gehen, sich schaaren, sich sammeln; übertragen auf den plötzlichen einbruch der nacht: alsbald die nacht zu here gieng, ingruente nocte. Frisch 1, 432ᶜ, aus einer quelle des 16. jahrh. über die allitterierende formel heer und hagel vergl. sp. 142. Der beisinn des gewaltigen, überwältigenden, den heer im mhd. entwickelt, und der namentlich in den formeln eins her sîn, werden (wb. 1, 661ᵇ) jemand überkommen, hervortritt, läszt sich für die spätere sprache durch beispiele nicht belegen; ein nachklang aber daher ist, wenn heerkuh (s. d.) schweizerisch die kuh heiszt, die der herde als meister vorangeht.
2)
auf biblischer anschauung beruht es, die engel als streitbares heer gottes hinzustellen, wie als gegensatz dazu auch der teufel sein heer böser geister zur verfügung hat: ahd. thô sliumo ward thâr mit themo engile menigî himilisches heres (lat. multitudo militiae caelestis). Tatian 6, 3;
sô quimit ein heri   fona himilzungalon,
daʒ andar fona pehhe:   dâr pâgant siu umbi (die seele).
Muspilli 4;
mhd. sô müeʒet ir gesegent sîn
von allem himelischen her.
Tristan 374, 27:
durch alleʒ himelisches her
hilf mir daʒ ich die sêle erner.
Freidank;
nhd. wolher, wolher, wolher,
alles teufelisches heer,
aus bechen und aus brüchich,
aus wiesen und aus rorich.
fastn. sp. 900, 14;
ich sahe den herrn sitzen auf seinem stuel und alles himelisch heer neben im stehen zu seiner rechten und linken. 1 kön. 22, 19; im folgete nach das heer im himel auf weiszen pferden. offenb. 19, 14; den christen wolte er (der teufel) gern durch sein höllisches heer abbruch thun. Schuppius 336;
all engel und himels heer,
und was dienet deiner ehr,
auch cherubim und seraphim,
singen imer mit hoher stim.
Luther 8, 367ᵃ;
des frevlers fluch fällt auf sein haubt,
der gottes heeren hohn gesprochen.
Hagedorn 1, 6.
3)
das gefolge des wilden jägers heiszt das wilde, wüthende heer:
das ist des wilden heeres jagd,
die bis zum jüngsten tage währt.
Bürger 71ᵇ.
die formel wird für vergleiche verwendet: es schien, als wenn das ganze alte schlosz vom wüthenden heere besessen sei. Göthe 18, 263; auch auf eine lärmende, wilde schaar übertragen: indem er auf einmal in diese stille, in der sie einsam und unbeschäftigt zu versinken schien, ein wildes heer hereinbrachte. 17, 226.
4)
heer, auch von einer sehr groszen nicht kriegerischen schaar, menschenhaufe:
von liuten was der zuolouf
sô grôʒ daʒ er bî gote jach
daʒ er nie grœʒer her gesach.
gut. Gerhard 1308;
ob in saʒ frouwen ein her
in den venstern ûf dem palas
und sâhen kampf der vor in was.
Parz. 541, 20;
haltet ob dem ungesewrten brot, denn eben an dem selben tage hab ich ewr heer aus Egyptenlande gefüret, darumb solt ir diesen tag halten. 2 Mos. 12, 17; da kam odem in sie, und wurden wider lebendig, und richten sich auf ire füsze. und ir war ein seer gros heer. Hes. 37, 10;
weh aber dem verstockten heer,
das sich hier selbst verblendet.
P. Gerhard 1, 6;
das schreib dir in dein herze,
du herzbetrübtes heer,
bei denen gram und schmerze.
3, 6.
'mich dürstet sehr.'
das alles hört der juden heer,
und weisz nicht, was er meine.
26, 22;
ich dräng im geiste mich zum tempel der Cythere,
durch schwärmender verliebten heere.
Uz 2, 283.
heer ist die steigerung von haufe und schaar:
haufen schauten; allein bald wurden die haufen zu schaaren,
bald die schaaren zu heeren.
Klopstock 6, 258.
heute hört man sehr häufig ein heer von müsziggängern; ein heer von gläubigern bedrängt ihn.
5)
heer, eine schaar von thieren: und teilet das volk das bei im war, und die schafe, und die rinder, und die kamel, in zwei heere. 1 Mos. 32, 7; ein heer der heuschrecken, locustarum multitudo. Frisch 1, 432ᵇ; auf eisschollen sanft gewiegt, schlummerte ein heer von walrossen. Petermann mittheilungen, ergänzungsheft 16, s. 42;
der bienen heer.
Gökingk 1, 177;
der vögel buntgefiedert heer
singt morgen mir vielleicht nicht mehr.
Uz 1, 292;
gestirn und erd und blaue fluten
und ihr bevölkernd heer.
2, 100;
liebe tönt der sänger heer
von den zweigen nieder.
Gotter 1, 73;
drei tage lag er blutig, und drei nächte so,
umflattert von der raben heer.
Stolberg 1, 89.
thierheer Brockes 7, 720; raupenheer 2, 461.
6)
heer von einer eng verbundenen menge gegenständen, und von abstracten begriffen, wenn sie personificiert gedacht werden.
a)
die bibelsprache nennt in solcher art die gestirne heer des himmels: sehest die sonne und den mond, und die sterne, das ganze heer des himels. 5 Mos. 4, 19; und hin gehet und dienet andern göttern, und betet sie an, es sei sonn oder mond, oder irgend ein heer des himels. 17, 3; bettet an allerlei heer am himel. 2 kön. 21, 3; bawet allen heeren am bimel altar. 5; du hast gemacht den himel und aller himel himel, mit alle irem heer. Neh. 9, 6; der ausdruck wird nachher auch mehr oder weniger frei von andern schriftstellern gebraucht: und bezeuget es das unzehlig himmlisch heer, also nenne ich hie das gestirn am firmament. Kirchhof mil. disc. 91;
wer ruft dem heer der sterne?
Gellert 2, 145;
und ringsumher die sterne,
das heer des himmels, machtest du!
Uz 1, 342;
der sonnen zahllos heer, die ihrem schöpfer sangen.
343.
b)
heer in bezug auf andere dinge und abstracta: nun aber trat auf einmal ein neues heer von kleinen buchstäbchen und zeichen hervor, von punkten und strichelchen aller art, welche eigentlich die vocale vorstellen sollten (im hebräischen alphabete). Göthe 24, 200; mit dem ganzen heer ihrer reize. J. Paul mumien 3, 19; ein heer von krankheiten;
und meiner sünden heer, mit mir in stehter schlacht.
Weckherlin 18;
so bricht aus tiefer höhlen schoosz
das heer der winde brüllend los.
Hagedorn 3, 130;
ein heer von schönen düften.
Zachariä poet. schriften 2, 290;
und von der seufzer heer darin (in der welt)
wünscht ich so viele nur zu hören,
als ich in lächeln umzukehren
..... fähig bin.
Gökingk 1, 215;
und schwarzer sorgen heer
stieg wolkicht vor ihm auf, wie staub am rothen meer.
Uz 2, 34;
doch wenn ich wieder sie ein heer verliebter schwüre,
das rauschende geschwätz und süszen unsinn führe.
s. 157;
was ist und war,
in himmel, erd und meere,
das kennet gott, und seiner werke heere
sind ewig vor ihm offenbar.
Gellert 2, 159;
die leichten heere schöner empfindungen.
Stolberg 1, 415;
jener küsse heer.
Gotter 1, 326;
mit heeren, in schaaren, mit haufen:
küssten immer in die wette,
bisz es Venus so verfügte,
dasz die küsse flügel nahmen,
hin und her mit heeren kamen.
Logau 3, 100 (ursprung der biene).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,II (1877), Sp. 751, Z. 49.

heer, adj.

heer, adj.
s.hehr.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,II (1877), Sp. 754, Z. 7.

heer, m.

heer, m.,
so ist für häher (sp. 158) bei Logau 2, 68 geschrieben.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,II (1877), Sp. 754, Z. 8.

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Zitationshilfe
„heer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/heer>, abgerufen am 29.11.2020.

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