hefe f. und m
Fundstelle: Lfg. 4 (1871), Bd. IV,II (1877), Sp. 763, Z. 1
faex. ahd. nur als masc. gebraucht: ahd. heffe fex, hephen feces Graff 4, 828, aus früherem hafjo, hefjo emporheber von hafjan, heffan entstanden; mhd. hebe, hefe, hephe (masc. und fem.) Lexer mhd. handwörterb. 1, 1198. die geschlechtsschwankungen bei diesem worte beginnen früh, vielleicht durch den umstand hervorgerufen, dasz der sing. im gebrauche gegen den plur. sehr zurücksteht. das alte männliche geschlecht tritt an mehrfachen beispielen bis auf unsere tage hervor: und ist ein überflusz, wie der heff im wein. Paracelsus opp. 1, 825ᶜ; es blieb kein hefen von bedenklichkeiten übrig. Hippel 8, 60; denn allgemein genommen ist der charakter der nation hier der unerträglichste am ganzen mittelländischen meer. hier ist der hefen von Spanien. Lenz 1, 224;
wein, den die bosheit ausgedacht ...
in dem des hefens aufruhr tobt.
Hagedorn 3, 46;
wenn nun mit dem taumelkelche der rache
gott kommt, und, bis zum hefen hinab, sie ihn trinken, und sterben!
Klopstock 5, 154;
nach der letzten öhlung soll
hefen mich noch färben.
Bürger 120ᵇ (variante v. 1789 zum zechliede);
während wiederum hefe als femininum, wie es jetzt ausschlieszlich gebraucht ist, schon früh nachgewiesen werden kann: die heff und der gesamelt unflat alles menschlichs geschlechts, die Hunen. deutsche städtechron. 3, 52, 19 (15. jahrhundert); fex, truͦsen, häpffe, .. feculentus vol hepfe oder truͦsen, unsauber. Dasyp.; die truͦsen, häpfen faex Maaler 411ᵃ; die hefe, fex Stieler 805; von wein, darinne keine hefen ist. Jes. 25, 6; die häfen stöszt auf, fermentum protrudit spumam, den wein von der häfen abziehen, vinum defaecare. Frisch 1, 393ᵃ. hefe bezeichnet
1)
durch gährung entstehende absonderung einer flüssigkeit, namentlich an wein und bier, die mundartlich auch bärme (1, 1134), drusen (2, 1461), gest, gerbe, habe (sp. 45) genannt wird: fex heben, heven, heve, hefen, heffe, heff, heffen, häpfen, hove Dief. 232ᶜ; nl. heffe, hevel, faex, sedimentum, et cremor sive flos cerevisiae, fermentum cerevisiarium Kilian; ags. bezeichnet häfe den sauerteig: lociađ, and warniađ fram Pharisea and Herodes häfe. Marc. 9, 15, was zum niederl. heffe, heve fermentum (Kilian) tritt, während hierfür hochdeutsch hebel, hefel (sp. 720) statt hat; es wiederholt sich dieser wechsel in der bedeutung an altn. kvikur, dän. kväger, norw. kveik, schwed. kvikka hefe, bair. östreichisch keck, kick, kikel sauerteig, vergl. theil 5, 376. (ein teig) mit pyerhefen erhaben oder mit medthefen. kuchenmeisterei c iiij; wie essig aus den weinhefen zu machen. Hohberg 1, 384; frische hefen, faex recens Steinbach 1, 722; hefen einrühren, in einen teig, zum gähren;
do ich an irem pett entslief,
die frau zu eim pirpreuen lief
und pracht ein gelten vor (lies vol) heffen; ...
die heffen gosz sie unter mich,
dasz ich darinn lag lesterlich.
fastn. sp. 116, 17.
hefen brennen, branntwein aus ihnen bereiten (vgl. unten hefenbranntwein): von yedem tag, so er soliche heffen geprennt oder den vermeinten wein davon verkauft hat. Nürnb. poliz.-ordn. 270. unterscheidet man rücksichtlich des getränkes in dem die hefe sich bildet, weinhefe, bierhefe (weiszbierhefe, braunbierhefe), methhefe, cyderhefe, branntweinhefe, so kennt man in bezug auf den ort, wo die hefe gefunden wird, oberhefe (auf dem bier schwimmend), unterhefe, spundhefe (am spundloch eines fasses), fasz-, grund- oder bodenhefe; nach dem gebrauch den man von der hefe macht, stellhefe (dem biere zum bessern gähren zugesetzt), preszhefe.
2)
uneigentlich heiszt auch der bodensatz beim auspressen des öles hefe, s.ölhefe; ferner: hepffe der salb magma Dasyp.; hefe beim thran, der unterste, zäheste theil desselben, s.hefenthran; in ähnlichem sinne von dem bodensatze des kaffees: jetzt nach vier uhr tritt er aus dem hause voll kaffee, den er in Hukelum nur der mutter wegen trank, die diesen weiblichen wein noch zwei tage darauf über die hefen des bodensatzes abzog. J. Paul Qu. Fixlein 137.
3)
hefe ist in ausgedehnter bildlicher verwendung.
a)
an die hefe als gährungsmittel lehnen an: sie war zu heftig ereifert, nur wandte sich jetzt ihr zorn gegen ihre schwester, die zu demselben eigentlich die hefen eingerührt hatte. Arnim kronenw. 1, 385;
sein (des bejahrten mannes) herz, von hefen rein,
wird geistig nur, nicht sauer.
er wird, wie edler wein,
veredelt durch die dauer.
Voss poet. werke (1835) 204ᵇ;
und so war Weyermann; und ich gönnte ihm gern die hefe (die gerichthalterei), die seinen ganzen teig aufhob und über den backtrog trieb. J. Paul biogr. belust. 1, 127; indesz werden (in mehr als einem sinne) deutsche hefe und französischer schaum bald sich senken, und das geistige ungetrübt nachlassen. friedenpr. 45.
b)
weit mehr bilder knüpfen sich an den umstand, dasz die hefe vielfach als bodensatz einer flüssigkeit erscheint:
des lebens wein ist abgezogen,
und nur die hefe blieb der welt zurück.
Schiller Macbeth 2, 9;
einen kelch bis auf die hefen leeren; denn der herr hat einen becher in der hand, und mit starken wein vol eingeschenkt, und schenkt aus demselben, aber die gottlosen müssen alle trinken, und die hefen aussaufen. ps. 75, 9; stehe auf, Jerusalem, die du von der hand des herrn den kelch seines grimmes getrunken hast, die hefen des daumelkelchs hastu ausgetrunken, und die tropfen geleckt. Jes. 51, 17; ich neme den daumelkelch von deiner hand sampt den hefen des kelchs meins grimmes, du solt in nicht mehr trinken. v. 22;
weil sie denn also ganz noch erfahren nicht ist die erfahrung,
ganz ihr bitterer kelch
bis zu den hefen hinab noch nicht getrunken.
Klopstock 2, 159;
du dachtest an uns, barmherziger, als wir
hatten bis zu den hefen den kelch des todes getrunken!
5, 45;
geusz auch ihnen, vergelter! der rache taumelkelch voll!
lasz sie bis zu den hefen hinab ihn trinken, und sterben!
5, 124;
vielleicht, weltrichter, haben sie,
in ihrer stolzen, bangen müh,
den taumelkelch bald ausgeleert,
bis auf die heefen ausgeleert!
7, 137;
leidig ist ihr trost, denn ach! sie nippten
nur vom liebeskelch, und tranken nicht,
tranken nicht, wie ich, mit süszem beben
ganz ihn leer, bis auf den hefen ganz!
Schmidt v. Werneuchen alm. 1798 s. 64;
die letzte hefe soll ich noch genieszen
im schmerzensbecher.
Platen 104;
erst als die lust gehetzt bis zur entseelung,
der freudenkelch geleert bis auf die hefe.
Uhland ged. 435;
um die einförmigen freuden einer einzigen, mit romanhafter treue in gerader linie sich fortschleppenden leidenschaft bis auf die hefen zu erschöpfen. Wieland 2, 175;
bereit, bis auf die hefen sein ritterlich blut zu verspritzen.
4, 87 (102);
auch sein spotteten sie, und gaben ihm, als er in durste
rufte, nicht galle nur, sie gaben die untersten hefen
ihres hohnes ihm auch in seinen qualen!
Klopstock 5, 124;
auf die hefen kommen, gehen, zur neige gehen: wer den wein hat getrunken, der sol auch vor gut haben, wann es auf die hefen kommt. Lehmann 172; wenn ein ding zu end ist kommen, so sagt man, es gehet auf die häfen. 195; man befleiszt sich insgemein in allem thun dasz der anfang gut sei, darnach gehets auf die hefen. 24; das sie (die stifte) zuletzt, wie sie wirdig sind, komen auf die hefen. Luther 1, 308ᵃ; es ist mit dem endechrist auf die hefen komen, und Christus wil sein ein ende machen. 4, 352ᵇ; da es nu mit Rom und welschem lande auf die hefen und todte neigen komen war. 8, 246ᵇ; denn die welt mit ihren kindern, sonderlich in itzigen hefen und grundsuppen, do es alles auf die neige kommen ist, hat ihre eigene weise und regel. Roth hausmütter abc G; herwiderumb so wer das bistumb zu Wurms in abnemen bisz auf die heffen. deutsche städtechron. 3, 117, 22; unterdessen ... ist sein sohn hier guter dinge. der wird zwar nun wohl auch allmählig auf die hefen gekommen sein; aber es ist schon recht. ein sammler will einen zerstreuer haben. Lessing 1, 502; er sitzt auf der hefe, in summa calamitate est. Serz 65ᵇ; mein Franzose kam, und es fand sich, dasz der arme teufel mit seiner börse auf den hefen war. Seume spaziergang 1, 121. — hefe als symbol des unreinen, widrigen: aber höre .. wo du dein bier getrunken, muszt du auch deine hefen vergieszen; du betrinkst dich an fremden orten und dann kommst du zu mir und machst spektakel. Prutz Holberg 399; hört, mein herr, wo ihr euer bier getrunken habt, da verschüttet auch eure hefe. 462; der wäscht sich mit hefen (= ists ihme unrecht, so ist mirs nicht unrecht). Lehmann 203; sich mit dreck weschen. den hindern mit häfen wüschen. sich mit kolen weisz machen. wann ein unflat sich mit dem andern wil schön machen. Agr. spr. (1560) 16ᵇ. als bild für trübes, in einer redensart:
im traum ich heinte hab gesehn
einen kochtopf zerbrochen stehn,
der war nicht wie er gestern war,
was bdeuts, sagt mirs ohn hefen klar.
Weller 30jähr. krieg s. 70 (v. 1620).
auf seinen hefen liegen: Moab ist von seiner jugent auf sicher gewest, und auf seinen hefen still gelegen, und ist nie aus einem fas ins ander gegossen, und nie ins gefengnis gezogen, darumb ist sein geschmack im blieben, und sein geruch nicht verendert worden. Jer. 48, 11; zur selbigen zeit, wil ich Jerusalem mit laternen durchsuchen, und wil heimsuchen die leute, die auf iren hefen ligen, und sprechen in irem herzen, der herr wird weder guts noch böses thun. Zephanja 1, 12. Die hefe als bild für das unterste, gemeinste einer gesellschaftsclasse (wie lat. faex plebis, faex civitatis): da fiel der geist der geitigkeit durch die augen ein in das herz der weinbuben, tabernierer, füller, spiler, gaszentretter, freiheiter, jaufkinder, galgenschwenkel, luderer, und was solcher heffen was. deutsche städtechron. 3, 142, 21 (15. jahrh.); kerl, den man mit recht den schaum und die hefen des gesamten adels nennen konnte. ehe eines weibes 77; die hefe des volkes. Platen 302; suche dir ein weib aus der hefe des volks. F. Lewald Stella 361; jetzt leider scheint man in beiden städten (Ulm und Nürnberg) das fasz des staats, weil der obere bierhahn sauers gesöff herausliesz, unten einen zoll hoch über der hefe des pöbels angezapft zu haben. J. Paul Sieb. 1, 75; die hefe vom menschengeschlecht. Fr. Müller 2, 10; das häszliche teufels- und hexenwesen, das nur in düstern ängstlichen zeitläufen aus verworrener einbildungskraft sich entwickeln und in der hefe menschlicher natur seine nahrung finden konnte. Göthe 46, 133;
bedenk doch herr, dasz du uns, wir dir thewer,
bedenk dein wort, volk, hausz,
und wendend deine hand von uns, wirf nu dein fewer,
und geusz die höffen ausz.
Weckherlin 326.
hefe, das letzte, der rest, in bezug auf zeit: ob nu aber wol in diesen trüben letzten hefen der welt nicht mehr viel leute sind, die mit solchen augen die jünger und diener Christi anschauen. Selneccer christl. psalmen (1587) vorr.; die hefe des winters .. auf dem lande genossen. Herders lebensb. 1, 2, 246.
Zitationshilfe
„hefe“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/hefe>, abgerufen am 12.12.2019.

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