herr m
Fundstelle: Lfg. 5 (1872), Bd. IV,II (1877), Sp. 1124, Z. 81
dominus, herus. ahd. hêrero, hêriro, hêrro, hêro; alts. hêrro; fries. hêra oder hera; ags. herra, hearra; altn. herra, bei Biörn harri und hari; mhd. hêrre, herre, gekürzt, besonders in der anrede, hêr, her, und er (vgl. unter der 10, theil 2, 979), welche letztere kürzung auch im ältern nhd. noch fortdauert, entweder in der eben angegebenen form (vgl.er th. 3, 692), oder in der dehnung ehr (3, 52); während umgekehrt bis auf jetzt in alterthümlichem und volksmäszigem ausdruck noch die form herre lebt: erhör uns lieber herre gott. Schuppius 680; herre, so müszt ihr nicht reden. Göthe 8, 200; dort steht eine zweite axt, sagte der hofschulze. nehmt sie, herre. Immermann Münchh. 4, 64;
ach herre gott, ach herre gott,
erbarm dich doch des herren.
Göthe 2, 194;
ein herre mit zwei gesind
er wird nicht wohl gepflegt.
5, 126;
eh, herre, was man sieht, das dächt ich, kann man wissen.
7, 107;
und als der herre mein ansichtig ward,
und mich erkannte.
Schiller Tell 3, 1.
die flexion des wortes leidet vollere und gekürztere formen neben einander, in den älteren quellen ist der gen. dat. acc. des sing. sowol herren als herrn, auch im plur. begegnet man beiden formen (belege sind in dem folgenden reichlich enthalten); seit Gottsched hat sich die praxis dahin entschieden, dasz man für die gleichlautenden obliquen singularcasus herrn, für die pluralcasus herren braucht, obschon nicht durchaus:
möchte selbst solch einen herren kennen.
Göthe 12, 90;
ihr herrn gesteht, ich weisz zu leben.
105.
der gen. sg. herrens gehört dem 17. jahrh. an: leere titul eines freiherrns. Schuppius 416; eines groszen herrens tochter. Hoffmannswaldau bei Steinbach 1, 740; noch Gottsched (kern der sprachkunst 1753 s. 107) führt ihn als seltenere erscheinung an. Dasz herr, ahd. hêrro nichts ist als die in substantive verwendung gekommene und contrahierte comparativform vom adj. hêr altus, ist um so unzweifelhafter, als Otfrid noch ungekürztes hêrero im sinne von dominus verwendet (s. unten I, 1). das adjectiv drückt hierbei das hervorragen rücksichtlich der gesellschaftlichen stellung aus (vergl.hehr 2 sp. 789). vermöge dieser bedeutung bezeichnet das alte hêriro, hêrro zunächst nur den höher gestellten gegenüber dem geringeren, den befehlenden gegenüber dem knechte, wie es noch bei Heinrich von Morungen heiszt:
si gebiutet und ist in dem herzen mîn
frouwe und hêrer danne ich selbe sî.
minnes. frühl. 126, 17,
während den höchst gestellten, den eigentlichen herrscher ursprünglich das ahd. truhtîn, alts. druhtin, ags. dryhten kennzeichnet. in demselben masze aber, wie truhtîn veraltet, seltener wird und in eingeschränkteren gebrauch kommt (schon im ahd. ist es meist nur noch auf gott und Christus bezogen, im mhd., so weit es hier noch lebt, durchaus), dehnt hêrro seine bedeutung aus, so dasz es nach und nach die bedeutung von truhtîn mit erlangt. Der zurückgang der form von hêriro in hêrro und sogar hêro (gen. plur. hêronô Tatian 85, 4) erklärt sich durch übergang der adjectiven stellung in substantive und durch häufigen gebrauch des wortes, ebenso die im mhd. schon theilweise erfolgte kürzung des stammvocals. schwierigkeit macht nur das verhältnis der ags. und altnord. wortformen hearra, herra, die sich nur dann in beziehung zur oberdeutschen bringen lassen, wenn man annimmt, dasz die letztere als titel für höhergestellte sich nach norden zu ausbreitete und in die genannten dialecte als lehnwort eindrang, eine annahme für die manches spricht. herr geht theils auf weltliche herren, theils auf den himmlischen, gott, Christus; die erstere anwendung musz als die ältere vorausgestellt werden.
I.
herr, der weltliche herr.
1)
im allgemeinen, dem knechte, diener, sklaven gegenüber gestellt: ahd.
ih bin eigan scalc thîn,   thu bist hêrero mîn.
Otfrid 4, 11, 22;
mhd. si kiesent künege unde reht,
si setzent hêrren unde kneht.
Walther 9, 7;
nhd. knechte, dy czu unczeitin von iren herren ghen. Magdeb. blume 1, 70; wy sich ein man vorantworten sol, ob in sein herre anspreche. 1, 117; wy ein herre seinen eigin qwingin (zwingen) mag. 2, 1, 65; da Jehu er aus gieng zu den knechten seins herrn. 2 kön. 9, 11; der jünger ist nicht uber seinen meister, noch der knecht uber den herrn. es ist dem jünger gnug, das er sei wie sein meister, und der knecht wie sein herr. Matth. 10, 24. 25; niemand kan zweien herrn dienen. 6, 24; diener oder knecht, der für und für auf seinen herrn wartet, acoluthus. Henisch 700;
aus der welt die freiheit verschwunden ist,
man sieht nur herrn und knechte.
Schiller Wallenst. lager 11. auftr.;
der wein er erhöht uns, er macht uns zum herrn
und löset die sklavischen zungen.
Göthe 1, 138;
herr und meister! hör mich rufen!
240 (der zauberlehrling);
ich habe den gesehn,
ihn, den, so bald er nur die augen auf mich wandte,
mein überzeugtes herz für seinen herrn erkannte.
Wieland 17, 169 (Idr. u. Zen. 3, 69);
ich gieng zur tempelhalle,
da hört ich christlich recht:
'hier innen brüder alle,
da drauszen herr und knecht'.
Uhland ged. 105;
man sagt nicht: herr general. man sagt: mein general! bürgergeneral! es ist kein mensch ein herr! 14, 271. — Im sprichworte: bin ich lieber herr als knecht. Schottel 1120ᵃ; kanstus geld brauchen, so ists dein knecht, wo nicht, so ists dein herr. 1125ᵇ; der früh wil herr sein, musz lange knecht sein. 1142ᵇ; der diener ehre ist des herrn ehre. Pistorius thes. par. 5, 93; ein fleisziger herr macht fleiszige diener. 9, 21;
das wetter kennt man bei dem wind,
den vatter bei dem kind,
und den herrn bei dem gesind.
8, 8;
bei Simrock 243. 244: wie der herr, so der knecht; getreuer herr, getreuer knecht; so lange kein herr, so lang auch kein knecht; der herr soll von Linden sein, der knecht von Eichen; ein lindener herr überdauert einen eichenen knecht; keiner mag herr sein, er sei denn zuvor knecht gewesen; wenn der herr kurzsichtig ist, so ist der knecht gar blind; je blinder der herr, je heller der knecht; tröste gott den herrn, den der knecht lehren musz; frühe herren, späte knechte; lieber vom herrn gekauft als vom knechte; besser kleiner herr als groszer knecht; wenn es auf den herrn regnet, so tröpfelt es auf den knecht; die herren sind schon gut, nur die diener sind des teufels; ei ein schönes paar zusammen! so herr, so knecht! A. Gryphius 1698 1, 776;
die Gibeoner gehn mit Levi éine bahn,
wie herr, so knecht.
559.
das verhältnis des herren zum knecht deutet auch das sprichwort an: untreue schlägt seinen eigenen herrn;
so wird an dir (des mag ich sagn)
untrew sein eigen herren schlagn.
B. Ringwald laut. warh. 30.
auch eine andere redeformel fuszt auf diesem verhältnis: ein hundert oder neune sein mein herr nicht (ich hänge nicht an ihnen, es kommt mir nicht darauf an). Filidor der vermeinte prinz 21;
bring mich nur zu der frauen dein!
ein taler soll mein herr nicht sein,
den ich dir wil geben und schenken.
J. Ayrer 457ᵇ (2298, 8 Keller);
mein Niclaus, ich will dich begabn,
und wilt du hundert gulden habn,
so sollen sie mein herr nit sein.
dess. fastn. sp. 160ᶜ (3128, 5).
2)
im speciellen bezeichnet herr zunächst vorsteher und oberhaupt einer familie, im bezug auf das hauswesen (vgl.hausherr), und gegenüber gesinde und arbeitern, wo ihm die frau (th.sp. 73) zur seite steht: die herrn und frawen sollen ire knecht, megde und erbeitsleut nicht wütender weise regiren. Luther 1, 250ᵇ; der hund spricht
mich liebet herr und frau: mein amt fällt gar nicht schwer
ich hüte haus und hof und halte nächtlich wache.
Hagedorn 2, 26.
aber das oberhaupt der familie ist auch gegenüber weib und kind der herr, und so dient das wort
a)
zur bezeichnung des ehegatten seitens der ehefrau (vgl.eheherr theil 3 sp. 44):
die vrouwe jæmerlîchen sprach ...
daʒ ich iemer keinen tac
nâch mîme herren leben sol,
dâ mite enist mir doch niht wol.
Iwein 1893;
(Sara) sprach, nu ich alt bin, sol ich noch wollust pflegen, und mein herr auch alt ist. 1 Mos. 18, 12; alle tugendsame pfarrfrawen, nach ihrer herren tode. B. Ringwald ev. A vᵃ; hir (in Paris) hat sich die fürstin von Siegen eine wüste klack angesetzt, sie war sehr coquet hir, das hat ihren herrn und sie brouillirt. Elis. Charl. v. Orl. 891; ich habe von meinem seligen herrn .. ein einziges kind. Rabener sat. 3, 31; Elisabeth. gott vergelt euch die lieb und treu an meinem herrn (Götz von Berlichingen). Göthe 8, 163;
do des edlen ritters frawe
das fingerlein im becher sach,
sie begund es eben schawen,
nu mugent ir hören wie sie sprach:
'mein herr, der Moringer, ist hie'.
Uhland volksl. 782;
es haben alle dich so gern,
die alten und die jungen,
und deinem lieben, braven herrn
ist alles wohl gelungen.
Schiller 1, 302 Kurz (an die kirchenräthin Griesbach):
mein lieber herr und ehewirth!
W. Tell 1, 2;
mönch (zur Hedwig). seid ihr allein? ist euer herr zu hause?
5, 2.
b)
zur bezeichnung des vaters, von seiten der kinder:
der ouch die lêhen hæte von Hagenen mînem hêrren.
Gudr. 611, 3 (vorher mîn vater Hagene 610, 2);
deszglichen thuͦnd ouch ewre kind. wenn sye noch uch frogen, so sprechent sye: wo ist der vatter, oder der herr? wo ist die muͦter? Keisersberg post. 1, 22ᵃ. vgl. ahnherr.
c)
die vorstehend genannten verschiedenen seiten der würde faszt die formel herr vom hause zusammen, welche den vorsteher einer haushaltung bezeichnet: so will ich dem herrn vom hause rufen. Immermann Münchh. 3, 185;
der teufel hol den herrn vom haus!
Göthe 13, 83;
dafür auch herr des hauses (verschieden von dem sinne unten 5):
o so rettet den herrn des hauses!
Herder zur sch. litt. 6, 100.
d)
das diminutiv herrchen, herrlein bezeichnet in vielen gegenden (hessisch Vilmar 165, bairisch Schm. 2, 231, rheinisch Kehrein 195) den groszvater; am Spessart ist groszherrchen urgroszvater. der junge herr ist bezeichnung für den sohn des hauses, der nach seinem vater die hausherrschaft antritt; vergl. unten junge herrschaft unter herrschaft.
3)
herr wird in weiterem sinne gebraucht für den befehlenden, gewalt habenden gegenüber den unterthanen.
a)
von obrigkeitlichen, regierenden personen schlechthin, namentlich von bürgern die im rat und regiment sitzen: unser herren vom rate gebieten. Nürnberger pol.-ordn. 24 und oft; es verbietent ouch mein herren, daʒ ieman ze den clostern iht mer denne ze ainem alter opfer oder messe frümen. 23; eʒ habent auch gesetzet unser herren der schulthaiʒ, der rat, die schepfen ... 31; unser herren, di burger vom rat. 40; meiner herren gericht. Eulensp. 20; die herren zu D. hatten einmal ihrer bürger einen etlich tag in das narrenhausz gefänglich verschlossen. Zinkgref apophth. 2, 90; wil derhalben zu den herren von Dortrecht gehen. Schuppius 405; die herren von Abdera wuszten sich (besonders gegen die fremden) nicht wenig damit, dasz sie ihren mitbürgern eine so schöne gelegenheit zu verfeinerung ihres witzes und geschmacks ... verschafft hatten. Wieland 19, 257; die herren vom rathe selbst verfehlen nicht ihren schultheisz zu begrüszen. Göthe 24, 129; die alten herren konnten regieren, seither hatten wir nur lausbuben. J. Gotthelf schuldenb. 270; vgl. rathsherr.
b)
auch ein heiliger ist herr rücksichtlich der seinem stift untergebenen leute, so wie der bischof, abt, probst als sein stellvertreter: darnach weist der andere schöff dem guten herrn st. Willibrot, seinem gotteshausz, unserm ehrwürdigen herrn dem abt und dem ganzen convent zu Echternach mann und bann. weisth. 2, 337 (und in diesem weisthum öfter); mein herr der abt. 398; item desz ersten, ist ain herr und abt desz gottszhaus sant Gallen rechter herr uber die gricht, zwing und benn zuo Rickenbach. 1, 209. vgl. auch chor-, dom-, stiftsherr.
c)
die geistlichen heiszen herren (vgl. kirchherr 2, th. 5, 818, pfarrherr), volksmäszig in vielen gegenden, z. b. in Baiern. Schm. 2, 230; ein herr werden, geistlicher werden. das.; in Hessen. Vilmar 165; in Schwaben. Schmid 274; in protestantischen ländern ist diese bezeichnung beim volke unüblich; köstliche besitzthümer der geistlichen herren, die früher als andere menschen klug waren. Göthe 27, 5; auch haben sich die geistlichen herren wohlbedacht. 7. von einem protestantischen pfarrer:
aber es saszen die drei noch immer sprechend zusammen,
mit dem geistlichen herrn der apotheker beim wirthe.
40, 277;
als nun der geistliche herr den fremden richter befragte.
289.
d)
vorzüglich aber heiszt herr der adeliche, der ohne souverain zu sein, unterthanen hat. die officielle ältere sprache versteht unter herr den reichsunmittelbaren, reichsfreien adelichen, der in der würde nach fürsten und grafen folgt, dem einfachen edelmann voraufgeht (vgl. Schm. 2, 231): die herren und die vom adel. reform. guter policei 1530 lit. xxxvi § 2, den churfürsten und fürsten entgegengesetzt; ein stattlicher vermöglicher graf, herr, oder vom adel. reichstagsabschied zu Speyer v. 1570 tit. 20; das. 28 herr oder junkher (edelmann); der gemeine adel, so dem herrn in kriegen und andern händeln mit dienst verpflichtet war. Löhneys regierkunst (1679) 78ᵇ; vgl. freiherr. die gewöhnliche sprache verwischt diesen unterschied, sie nennt auch den einfachen edelmann herr, mit beisetzung des gutes, das sein eigen oder sein stammsitz ist, der herr von Wildenfels, der herr von Gosegk;
do dem jungen herren von Neifen
disz abenteur ward bekant.
Uhland volksl. 783;
ebenso wie fürsten, grafen, herzöge:
zu Rom da sasz ein herre,
ein graf gar wol getan.
784;
feierlich sehn wir neben dem doge den nuncius gehen,
sie begraben den herrn, einer versiegelt den stein.
Göthe 1, 350;
er zog ihn herfür, dasz er der dritte grandis oder herr im lande sein solte. Schuppius 400; dann nicht lang ist es, das ich in dieses herren, der hie zunechst hof haltet, dienste gewesen bin. Philander 2 (1643) s. 173; das der obgeschriben commenthur und brüder tütsche herren (ritter des deutschen ordens) sollendt und mogendt geben und ordnen .. die mesz, den sester, und alle geweg. weisth. 1, 320; wer ouch herre ze Kilchzarten ist. 335. in bezug auf anmaszung adlicher würde und rechte:
la Hire. ein schlusz des parlaments erklärte dich
des throns verlustig, dich und dein geschlecht.
Dunois. ha frecher stolz des herrgewordnen bürgers!
Schiller jungfrau 1, 5.
die abhängigkeit des unterthanen zeichnet die formel unser herr, mein herr, von denen namentlich die letztere ähnlich wie das franz. monsieur behandelt wird und oft für einfaches herr oder der herr steht: unserm gnedigen herrn von Trire. weisth. 2, 440; uff donnerstag vor Remegij so erscheinent die hoeber vor meines gn. herrn hobe (hofe). 449; mein herr von Hanau. E. Alberus 84; mein herr von Hessen. 115. 124; mein herr von Königstein. ebenda; mein herr der schultheisz kam zum wagner. Schiltbürger (1599) s. 101. vgl. auch unten 4. der stand eines herrn wird durch adjectiva wie grosz, vornehm, edel, hoch noch besonders hervorgehoben: der junge herr (ein junger edelmann) zoge weiters: in eim anderen land begegnete ihm ein groszer herr, der war hätzen geritten. Philander 2 (1643) 164; wer heute groszen herrn, cavallirern und statisten die warheit geigt, dem schlägt man gemeiniglich den fidelbogen auf den kopf. Schuppius 400; die fürnemesten herren und rathsleüt. Dasyp. 163ᶜ;
die edeln herrn von Wart und Tegerfeld.
Schiller W. Tell 2, 2;
das schöne fräulein Kunigunde,
des grafen, meines hohen herren, braut.
H. v. Kleist Käthchen 3, 6.
der junge herr ist der sohn und erbe eines herrn in diesem sinne (ähnlich 2, b am schlusse oben): ehe junge herren das regiment antretten, solte man sie nicht zu hart anspannen. Zinkgref apophth. 1, 248. sprichwörtliches: herrn wollen vorteil haben, und man sol mit herrn nicht kirsschen essen, sie werfen einen mit den stielen. Luther 5, 271ᵇ; wo herren sein, da sein decklaken. Agr. spr. (1560) 19ᵇ; herren bleiben herren, und wann sie schliefen bis zu mittag. das.; es sol ein armer man die herren nicht wissen lassen, was er in seinem hause hat. 21ᵇ; jungen herren ist man holt. das.; der herren bitten ist gebieten. das.; vil herren, übel regiert. 22ᵃ; wer kleinen herrn dienet, der ist selbs herr mit. das.; herren hand reicht in alle land. 66ᵇ; groszer herrn ist guͦt müszig gehen. 93ᵃ; herrn hold erbt nit. das.; herren dienst erbet nit. 166ᵃ; wer den herren zu nahe ist, der wil ersticken, und wer weit von inen ist, der wil erfrieren. das.; grosze herrn denken lang. 184ᵃ; der herren sünd, der bauren buͦsz. wann die herren einander räufen, so müssen die underthanen das har herhalten. 318ᵃ; arm mit ehrn, sitzt bei herrn. Schottel 1116ᵇ; bei herren musz man sanftmütig reden, geduldig hören, und bedachtsam antworten. 1117ᵇ; grosze herren thun nicht unrecht. 1122ᵇ; man sol der herrn genieszen, dasz sie auch bei brot bleiben. 1133ᵇ; mit groszen herrn klein kundschaft. 1134ᵇ; klarem himmel und lachenden herren trau nur keiner nicht. Otho 972; grosze herren, grosze sorgen. Pistorius thes. par. 5, 79; ein jeder herr ist kaiser in seinem land. 7, 30; herren gebott geht allen vor. 7, 94; herren können wohl schaden, aber keinen schimpf leiden. 9, 7; gestrenge herren regieren nicht lange. Simrock sprichw. 246;
ein bauer ist ein lauer,
der bei vielem guth
thut gott und seinem herren selten gut.
Pistorius thes. par. 2, 61;
wann die unterthanen verderben,
kann der herr nichts von ihnen erben.
9, 99;
groszen herrn und schönen frauen,
soll man wohl dienen, doch wenig trauen.
Simrock sprichw. 245.
e)
dem herrn steht das gericht über seine unterthanen zu, wie es sprichwörtlich heiszt: wer dich richtet, ist dein herr. Pistorius thes. par. 4, 46 (vgl. auch gerichtsherr, bannherr);
und als der herre (der landvogt) mein ansichtig ward,
und mich erkannte, den er kurz zuvor
um kleiner ursach willen schwer gebüszt.
Schiller W. Tell 3, 1;
er ist herr über hals und haupt: zum ersten weisen sie einem hern zu Castelburgh vur einen obersten hern uber hals und buych und uber alle freveliche sachen uff disze zeit. weisth. 2, 436. dieses recht der aburtheilung und, damit verbunden, der begnadigung, deuten die verbindungen der gestrenge herr und der gnädige herr an: die weltlichen könige herrschen, und die gewaltigen heiszet man gnedige herrn. Luc. 22, 25; als die zeitung kam, ihr wärt gestorben, die der gnädige herr ausstreuen liesz. Schiller räuber 4, 3, formeln die heute nach untergang der alten verhältnisse nur noch in der anrede oder als leerer titel gebräuchlich sind. Stalder widmete den zweiten band seines idiotikons 1812 den hochgeachten, gnädigen herren, herren schultheiszen, klein- und groszräthen des hohen standes Luzern; nennt mich einer gnädiger herr, so weisz ich schon, dasz ich einen Wiener höre, der jeden bürgerlichen gentleman so anspricht, und lass ihm gern seine so unschuldige sitte. J. Paul flegelj. 1, 106;
kurfürsten
und königen wollen sies im prunke gleich thun,
und wo der fürst sich hingetraut, da will der graf,
mein gnädger herre, nicht dahinten bleiben.
Schiller Piccol. 4, 5;
gestrenger herr, ich bin dein waffenknecht.
Tell 3, 3.
f)
ist herr in den vorstehenden beispielen (3, ae) standesbezeichnung, so verwischt sich diese mit der zeit mehr und mehr, namentlich in der anrede und als titel (vergl. unten 9, b) schon früh, bis man dazu gelangt, jeden mit herr zu bezeichnen, der nach auftreten oder aussehen einen guten oder nur anständigen eindruck macht: man nennet heutigs tags die bauren auch herren, sonderlich wenn sie zum anwaldsamt befördert werden, ... oder gern spendieren. gefl. finken 45; es ist so was abgemessenes und anmaszliches in dieser forderung, in diesem betragen, wie es die herren meistens haben, wenn sie aus fremden ländern kommen. Göthe 21, 110; nur musz der künstler niemals einen unbedingten beifall für das, was er hervorbringt, verlangen: denn eben der unbedingte ist am wenigsten werth, und den bedingten wollen die herren nicht gerne. 20, 106; wie leicht konnte ihn einer von den herren niederschieszen, an die er nach der jagd briefe (herausforderungen) schreiben wollte! Immermann Münchh. 1, 184;
das wollen alle herren sein,
und keiner ist herr von sich.
Göthe 4, 320;
man sagt heute gewöhnlich: ich bin auf der strasze einem herrn begegnet; vor der thür steht ein herr und fragt nach ihm; die damen sahen unverwandt nach Narcissen, die herren nach Landrinetten. Göthe 18, 152; die noble gesellschaft von herren und frauen. 16, 103;
der herr verstauchte sich die hand ein wenig.
die deichsel brach.
H. v. Kleist zerbr. krug, 2. auftr.
in diesem sinne alte herren, junge herren, elegante herren, süsze herren (stutzer, verliebte); eine studentische verbindung ladet ihre alten herren zu einem commerse ein; der schauplatz war so voll, dasz die jungen herren den schönen Abderitinnen auf dem schoosze sitzen muszten. Wieland 19, 266; die jungen herren (officiere) ersannen sich allerlei platte späsze. Göthe 18, 262;
wo ist sie hin die zeit, da noch zu ganzen schaaren
die süszen jungen herrn zu deinen füszen waren?
7, 51;
dann pflag der alte satanas
den süszen herrn zu spielen,
und wenn sie stand, und wenn sie sasz,
nach ihrer brust zu schielen.
Hölty 41 Halm.
g)
ironische verwendung von herr:
(ohn disciplin) leszt sich die jugend nicht erziehn,
man musz bisweiln den guten herrn
an ihrem ort die fliegen kehrn.
B. Ringwald laut. w. 223;
die herren ihres gleichen,
die schneiden meist für sich das ganze kornfeld um,
und lassen dann dem mann das privilegium.
Göthe 7, 106.
4)
da herr eigentlich ein comparativ ist, so wird von anfang an der höchste herscher nicht damit bezeichnet, und die Keronischen glossen geben monarchus durch den superlativ einhêrôsto wieder (Hattemer denkm. 1, 194ᵇ); ähnlich bei Tatian: ther hêrôsto thesses mittilgartes (princeps hujus mundi). 139, 8. aber schon früh geht herr auch auf den kaiser, könige, souveräne überhaupt: ahd. tyrannus hêrro Graff 4, 992; mhd.
wir hôrten iuch (den papst) der kristenheit gebieten
wes wir dem keiser solten pflegen,
dô ir im gâbet gotes segen,
daʒ wir in hieʒen hêrre und vor im knieten.
Walther 11, 11;
der künec mîn hêrre lêch mir gelt ze drîzec marken.
27, 7;
sô wir die minneclîchen   bî ir gesinde sehen,
sô sult ir helde mære   wan einer rede jehen,
Gunther sî mîn hêrre   unde ich sîn man.
Nib. 375, 3;
in der verbindung mîn herre, vergl. oben 3, d sp. 1128:
mîn herre wart gekrœnet sâ
und ouch diu küniginne guot.
g. Gerhard 5726 (vgl. 6042. 6114 u. ö.);
nhd. und die knecht des königs sind hin ein gegangen zu segenen unsern herrn den könig David. 1 kön. 1, 47; wie mein herr der könig geredt hat, so sol dein knecht thun. 2, 38; wann ein hof sol wolbestellet sein, so musz ein herr haben 1. leute die für die religion sorgen, 2. leute die das justitienwesen wol bestellen, 3. leute die den krieg verstehen, und das land beschützen können, 4. leute die eine gute hauszhaltung anstellen können. das sind die vier räder, darauf ein herr seine wolfahrt füret. Schuppius 26; die untreu, welche hiebevor die untersasse im stift Bremen ihrem alten gütigen herrn (den könig von Schweden) erwiesen haben. 385; der kaiser ist ein herr über könige, der Spanier über pferde, der Franzosz über esel, und der Engelländer über teufel. Pistorius thes. par. 6, 40; er ist der oberste herr, penes illum est summa potestas. Steinbach 1, 740;
ich pin der entkrist,
der aller werlt gewaltig ist ...
es ist umb mich also getan,
das ich pin ain herr über all herrn.
fastn. sp. 595, 32;
für den edlen ist kein schöner glück,
als einem fürsten, den er ehrt, zu dienen,
und so ist er mein herr, und ich empfinde
den ganzen umfang dieses groszen worts.
Göthe 9, 140;
wo liebe fehlet und vertrauen
und eintracht zwischen volk und herrn.
Uhland ged. 83,
vergl.landesherr, ↗oberherr. bildlich, vom menschen im allgemeinen:
stets zu wachsen an erkenntnis,
ist schon hier des menschen vorrecht,
krönet ihn zum herrn der erde.
Ramler 2, 33.
5)
der begriff des inhabers, besitzers, eigenthümers liegt in den vorstehend 1—4 gegebenen bedeutungen von herr mit beschlossen, er tritt in einer reihe von fällen scharf hervor, wobei eine betonung des standes oder der würde nicht gerade stattfindet oder doch nur soweit, als gröszerer besitz auf eine bessere sociale stellung weist (vergl.handelsherr, ↗kaufherr gegen handelsmann, kaufmann; fabrikherr gegen fabrikant). der besessene gegenstand, wenn er ausdrücklich angegeben, steht dabei im genitiv, seltener und weniger gut durch die praeposition von vermittelt: mhd.
dô hôrter daʒ geriten quam
des selben waldes herre.
Iwein 1001;
nhd. der herr des hauses. Marc. 13, 35; was wird nu der herr des weinberges den selbigen thun? Luc. 20, 15; so lange der erbe ein kind ist, so ist unter im und einem knechte kein unterscheid, ob er wol ein herr ist aller güter, sondern er ist unter den fürmünden und pflegen. Gal. 4, 1; wo solch thier jemand schaden thet oder entleibet, soll der herr desz thiers ... gestraft werden. Carolina art. 136; das der herr diser völker und reichthumbs allen, seines herkommens zwar nur eines weingärtners sohn gewesen. Philander 2 (1643) s. 166; habe der Marcus Crassus .. die schon verbrante und nahend verbrante ort oder gebäw gekauft, welche die herren, ausz forcht und ungewiszheit des zufalls, leichtlich hinweg gelassen haben. Schuppius 761; eine gefundene sache dem rechten herrn wieder zustellen;
den herrn von solchem garten.
Brockes 2, 79;
ganz spät, nachdem die theilung längst geschehen,
naht der poet, er kam aus weiter fern;
ach da war überall nichts mehr zu sehen,
und alles hatte seinen herrn.
Schiller theilung der erde.
sprichwörtlich: das guth folget seinem herrn. Pistorius thes. par. 9, 46; des herrn aug düngt den acker wol. des herrn fuͦsz macht das pferd feiszt. Agr. spr. (1560) 50ᵇ;
darum wer reich wil sein am gut,
auf sein ding sehen sol;
dan das alt sprichwort sagen tut:
des herren fusz dünget den acker wol.
H. Sachs dichtungen 1, 296, 60 Gödeke.
6)
in andern fällen bezeichnet herr nicht gerade den besitzer, aber den dem das verfügungsrecht über etwas zusteht, dessen befehle geltung haben und vollzogen werden. es wird in dieser bedeutung auch in bezug auf eine mehrheit verfügender facultativ der singular des wortes gesetzt, wo er dann distributiv zu fassen ist. mhd.
ir (ein pfaffe ist angeredet) söltint hêr und meister sîn
alles des mich beriete got.
edelstein 94, 18;
nhd. nicht das wir herren sein uber ewren glauben. 2 Cor. 1, 24; ich befind aber, das ir torechte leut seit, das ihr euch so schmelich und elendiglich von einem pfaffen regiren lasset, da ihr zuvor herr uber alles wahret. Zinkgref apophth. 1, 365; dasz der könig einen Alava zum herrn eines geheimnisses gemacht haben sollte. Schiller 840; wir sind nicht mehr herr über das was daraus entsprungen ist, aber wir sind herr, es unschädlich zu machen. Göthe 17, 350; die anscheinenden bemühungen der andern um sie gaben ihnen das ansehn, als wenn sie herr und meister der ganzen truppe waren. 18, 152; wollen sie mein kleines haus sogleich mit theilen, so sind wir herr und meister (steht es in unserm belieben). 20, 183; bei der gröszten enthaltsamkeit und der genausten diät war ich doch nicht, wie sonst, herr von meiner zeit und von meinen kräften. 19, 308;
ein jeder schurk ist herr von meinem leben,
wie Ravaillac von Heinrichs leben war.
Gökingk lieder zweier lieb. (1779) s. 38.
auch steht herr in dieser bedeutung von frauen: indessen nehme ich für bekannt an, dasz eine frau herrscht und herrschen musz ... die thätige, zum erwerben, zum erhalten geschaffene, ist herr im hause; die schöne, leicht und oberflächlich gebildete, herr in groszen cirkeln; die tiefer gebildete beherrscht die kleinen kreise. Göthe 15, 291;
du, Nantchen, nur bist herr von meiner ruhe,
nimmst du mir die, dann ists um mich geschehn.
Gökingk lieder zweier lieb. 40.
auch hier haben sich feste verbindungen gebildet. sein eigner herr sein, sui juris: (die bettler wollen lieber) frei eigen herren bleiben dann dasz sie eim meister die ganz wochen schaften. Frank sprichw. 2, 75ᵇ; dasz er sein eigner herr sei. Kant 5, 389; wäre ich mein eigner herr gewesen, so hätte ich gewisz vaterland und freunde verlassen, wäre zu ihm gezogen. Göthe 19, 327; verschieden ist herr über sich, von sich sein, sich zu beherschen wissen, was sich mit unten 8 berührt: ich war nicht mehr herr von mir selbst, war im begriffe, mich ihr zu füszen zu werfen. 16, 107; es kann und soll aber der mensch, über den kein anderer gesetzt worden, an ihm selber der herr und zuchtmeister sein. Immermann Münchh. 1, 184; herr im hause sein: ich war herr im haus. ich hätt meine tochter mehr coram nehmen sollen. Schiller kab. u. liebe 1, 1; dasz er .. kaum kurze zeit vor seinem tode, und noch gewissermaszen nur durch seine erwachsene tochter, wieder herr im hause ward. Göthe 20, 231;
der herr ist in seim hausz,
der sein weib kan bezwingen.
J. Ayrer fastn. sp. 143ᶜ (3051, 14 Keller);
do pin ich selbs ganz herr im haus,
ich gee recht ein oder gee ausz,
so tuot man alweg auf mich harren.
fastn. sp. 335, 24;
wie kommt er hier herauf? das gibt nen handel:
nur gut, dasz wir die herrn zu hause sind.
Göthe 10, 264;
eine frau spricht:
ich het auch ain man, das ist nit lang,
der mainat, ich wär im undertan,
da mit ich in oft betrogen han.
ich was rechter herr genant in meinem haus.
fastn. sp. 489, 16;
einem weibe aber gestatte ich nicht, das sie lere, auch nicht, das sie des mannes herr sei, sondern stille sei. 1 Tim. 2, 12; die frau ist herr, und nicht der mann, uxor imperat, herus tacet. Steinbach 1, 739. in Düringen und Obersachsen die volksmäszige redensart (mit anklang an die bedeutung 1 sp. 1125): diese sache heiszt mich nicht herr, ich habe nicht über sie zu verfügen.
7)
in der ältern sprache sagte man auch herr einer geschichte, einer begebenheit, als der, der der mittelpunkt einer solchen ist, wo wir jetzt held brauchen (sp. 934): mhd. der âventiure hêrre. Lexer mhd. wb. 1, 1259; nhd. nach verprachter malzeit liesz die kaiserlich majestat Wilbolten von Schaumburg den hern diser historien vordern. Wilw. v. Schaumb. 16; Wilwolt, der her dis buochs. 31; darvor (vor ein schlosz) wart aber freunt und her diser abenteur zu schanzmaister verordent. 43; der her diser geschichten. 64.
8)
die formel herr werden über einen oder etwas, bewältigen, unterdrücken, ist an stelle einer älteren mhd. eins her sîn, werden getreten, vergl. heer 1, sp. 752; es scheint sicher, dasz als in dieser letzteren verbindung heer exercitus nicht mehr scharf begriffen wurde, man mit glücklichem umdeutungsversuche herr dafür setzte. es muste das zu einer zeit geschehen sein, wo heer noch seine alte kürze bewahrte, so dasz beide vertauschte wörter, heer und herr, gleich lauteten; doch entgehen belege über das 16. jahrh. hinauf: das sie das gesetz erhielten, wider alle macht der heiden und königen, das die gottlosen nicht uber sie herrn worden. 1 Macc. 2, 48; er ist herr über ihn, dominus in eum constitutus est, dominatur ei. Stieler 810; nun erstrecken sie (die bäume) ihre äste bis in die galerien hinein ... ja durch thüren und fenster in die gewölbten säle, aus denen wir sie nicht vertreiben wollen, sie sind eben herr geworden und mögens bleiben. Göthe 15, 304; die atmosphäre ward über die wolken herr und der abend gar schön. 27, 31; der glaube hat die künste wieder hervorgehoben, der aberglaube hingegen ist herr über sie geworden, und hat sie abermals zu grunde gerichtet. 168; von denjenigen bewegungen am menschen, die der naturtrieb oder ein herrgewordener affect auf seine eigene hand ausführt. Schiller 1114; sichtlich war sein bestreben, über die anmahnungen des ihn zur unwahrheit verlockenden gelüstes herr zu werden. Immermann Münchh. 1, 144;
ihr wilden elemente, werdet herr!
W. Tell 4, 1.
auch die fügung eines herr werden, ist viel gebraucht: konnten seiner gleichwohl drei nachtwächter nicht herr werden. Klopstock 12, 50; wer mir den ehstand angreift, ... der hat es mit mir zu thun; oder wenn ich sein nicht herr werden kann, habe ich nichts mit ihm zu thun. Göthe 17, 107; doch liesz ich meinen dichterischen vorsatz nicht aus dem sinne und ich war des ganzen stücks so ziemlich herr geworden. 28, 88; herr seiner begierden sein, domitas habere libidines. Steinbach 1, 739. volksmäszig ist die fügung mit dem dativ: in Vorarlberg er ischt em hêr, ist ihm gewachsen, besonders im ringen. Fromm. 5, 484; in Tirol es einem hêrsein oder einen hêrhaben, ihm meister werden oder sein. 6, 149; in Baiern einem menschen oder einer sache herr werden. Schm. 2, 231, mit der nebenformel herr sein, figürlich auch von dingen, den vorzug haben, die übrigen übertreffen. auch der accusativ ist in mitteldeutschen dialecten volksmäszig, danach:
hätt ich sie jetzt nur hier, die mich sonst schikaniren,
ich würd sie alle herr!
Göthe 7, 94.
an der genannten formel hat sich ferner entwickelt herr bleiben eines dinges, es in seiner gewalt behalten: unsere truppen blieben herr des schlachtfeldes; ähnlich: herr im felde, victor in proelio, herr zur see, qui maritimi imperii dominatum habet. Frisch 1, 445ᵃ.
9)
das verhältnis von herr in der anrede und im titel erfordert noch einige bemerkungen.
a)
herr in der anrede und ohne weiteren namen oder titel stehend. es heiszt in höflicher sprache mein herr, plural meine herren, in allen fällen wo überhaupt herr als standesbezeichnung stehen kann (oben no. 2—4), wie mhd. mîn hêrre, hêrre mîn; im plural gilt auch ihr herren, jetzt noch in Süddeutschland gewöhnlich:
mein herr, wir habens wol bedacht.
fastn. sp. 366, 2;
lieber herre mein,
ir sült darum nit zornig sein.
366, 16;
herr, ich pit euch diemuotigklich.
431, 16;
ja, ihr herren, antwortete der kutscher. unw. doctor 102;
wol an, ir herren, an die schar!
fastn. sp. 428, 28;
der amtmann sprach: ihr herren,
kehrt in den gasthof ein.
Hölty 8 Halm.
mit beisetzung von adjectiven: lieber, werther, verehrter herr; gnädiger herr, gestrenger herr (vgl. oben 3, e sp. 1129); hoher, erhabener herr, von einem herscher; weiser herr von einem ratsmitgliede (3, a sp. 1127):
weise gunstig liebe herren
eurem urtheil volg ich geren.
Rebhun dramen s. 24, 187;
verbunden mit freund: ihr herren und liebe freunde;
herr meister, und ihr andern herrn und freund.
s. 157, 225.
in dringender und zorniger rede einem fremden oder nicht näher stehenden gegenüber heiszt es nur herr! zurück herr! Gotter 3, 94; herr, lassen sie uns! 3, 95;
herr, das ist gar nicht fein!
Göthe 7, 104.
seit dem 16. jahrh. kommt als höflichkeitsform statt der directen anrede herr, mein herr, die indirecte der herr mit beigesetztem verbum in der dritten person auf: o wie heilige kirschenstiel, die sie eim inn bart werfen. settigen einen mit worten ... der herr nem wasser, der herr netz sich, der herr setz sich, der herr ruck hinauf, der herr sei gedeckt, der herr greifs an, der salat wirdt kalt. Garg. 44ᵇ; der ein steht auf, ich will dem herrn ein dienstlichs trünklein bringen, so knapt der ander hinwider, des herrn diener, ich wils vom herrn dienstlich warten sein. 45ᵃ; Freymund aber sprach, ich bitte, mein herr, ehe er schliesze, noch um ein einziges wort. Philander 2 (1643) s. 169. aus dieser redeweise haben sich bekanntlich unsere pronomina reverentiae er und sie (plur.) entwickelt, vergl. unterer theil 3, 688. 689.
b)
in enger verbindung mit einem titel oder einem namen, und in derselben weiten anwendung, vom herscher bis zum bedienten hinab, der noch von andern als seiner herrschaft sein herr verlangt: T. Just! J. ich dächte ich wäre wohl herr Just für ihn! Lessing 1, 513; — unserm jetzigen herrn keiser. Mathes. Sar. 88ᵇ; machte er ein reverenz, und sagte, herr könig ... Schuppius 34;
herr könig, thue ein wenig gemach.
mückenkr. 1, 654;
in der anrede in verbindung mit dem artikel der: herr der könig u. s. w., worüber ausführliche nachweise th. 2 sp. 979; die seit dem 16. jahrh. feststehend ausgebildete titulatur hat diese unmittelbare verbindung von herr und kaiser und könig für die formelle rede beseitigt, so dasz sie für uns naiv klingt:
sein diener, herr kaiser, euch trügt euer sinn!
Bürger 67ᵇ;
es hatten sich viele verschworen,
euch, herr könig, zu morden.
Göthe 40, 69;
wenn nicht eine freiere fassung gewählt wird:
mein kaiserlicher herr! hier ist ein arm,
von kräften strotzend, markig, stahlgeschient.
H. v. Kleist Käthchen 5, 1,
vergönne, dasz wir unsern urlaub nehmen,
und Monsieur, unsern königlichen herrn,
mit der ersehnten freudenpost beglücken.
Schiller Maria Stuart 2, 2;
wir grüszen dich als könig, hoher herr!
Uhland ged. 183;
wol aber bestehen fügungen bis jetzt, wie herr herzog!; der herr herzog; der herr fürst; der herr graf; der herr baron, der herr freiherr, woneben auch nur der freiherr; mit andern titeln: heute war der herr kammerherr von N. hier; des herrn ratsherrn sohn; der herr amtmann; unser herr landrat; ein herr kreisrichter N. war heute im hause; und so kann herr mit jedem andern titel, amt, beruf, namen verbunden werden, seit diesem jahrhundert auch in bezug auf handwerksmeister, die man noch im vorigen durchweg mit meister bezeichnete und anredete; in höflichen wendungen des täglichen lebens: ihr herr vater suchte mich gestern auf; das sind die kinder ihres herrn bruders; nach den bestimmungen unseres herrn verwalters u. s. w.; bei den sanskritischen studien der Schlegel und ihrer herren freunde. H. Heine 6, 97;
herr bruder, sprach der eine (wunderthäter)
zum andern: laszt uns ziehn.
Hölty 10 Halm;
ich bitte, die zeche
billig zu machen, herr wirth!
Göthe 1, 338;
frisch, herr nachbar, getrunken!
40, 242;
aber ich wünsche,
dasz der herr pfarrer sich auch in eurer gesellschaft befinde.
281.
in höhnischer rede heiszt es selbst: ha, ha! herr mann, der in geschäften sitzt, besinnen sie sich nun? Lessing 1, 246;
Söller (mit hohn). herr freund von frauenzimmern,
sie ist nun meine frau, was kann sie das bekümmern.
Göthe 7, 105.
c)
diese ausgedehnte verwendung von herr im titel läszt das wort schon früh in ironische verbindungen kommen: selbst wenn man er Omnes (den pöbel) umb sonst neerete, würde er zu mutwillig und gieng aufs eisz tanzen. Luther 4, 220ᵇ; disz vilköpfig thier, herr Omnes, der doll, aufwegig, schwermend böfel. S. Frank paradoxa 142ᵃ; dem vilköpfigen thier herr Jederman. sprichw. 2, 171ᵃ; ein feind wird genannt herr von Zoren. Petr. 91ᵇ; von thieren und gegenständen: ei, riefen die andern springer (im schachspiel zum bauer), woher, herr schritt vor schritt? Lessing 1, 141;
wir (wölfe) kämpfen um den frasz, wann, mit vergnügtem muth,
die herren hunde sich in vollen küchen mästen.
Hagedorn 2, 26;
ein einzig wort, herr spaz!
Gellert 1, 270;
bons dies, herr spatz! ei, seht doch mal!
willkommen hier auf meinem saal!
Bürger 20ᵃ.
d)
anders ist, wenn volksmäszig der mond der hêr mân genannt wird (in ehrfurcht). Schm. 2, 230; der bär heiszt der gute herr. Becher 74.
e)
doppelte stellung von herr wird schon im mhd. beobachtet, und zwar derart, dasz das eine mal das wort als titel, das andere mal in der vollen bedeutung gebieter steht, im ersteren falle tritt die alsdann im mhd. übliche verkürzung zu her ein, im letzteren bleibt die volle form hêrre, herre, so dasz die verbindung her herre oder herre her entsteht: beispiele s. unterder 10, th. 2, sp. 779. nhd. bleibt dieselbe bedeutung der stellung, der unterschied aber in der wortform ist etwa nur noch im 15. jahrh. zu spüren: des hochgebornen herren herrn Ulrichs graven zuͦ Wirtemberg. Wyle transl. s. 7 Keller; später nicht mehr: dem .. durchleuchtigsten herrn, herrn Albrecht. Luther 1, 6ᵃ; an den woledlen herrn, herrn Heinrichen von Stange. Opitz 1, 124; herr bergmeister herr, ich bin der eltest im felde. Scheuchenstuel 138.
f)
flexionslosigkeit von herr vor namen tritt zuweilen auf, wenn diese letzteren selbst mit flexion versehen sind: das er her Jacoben von Landau zustunt. Wilw. v. Schaumb. 67; es würde ein sehr mittelmäsziges glück für herr Simonen sein. Gellert 3, 146; eher läszt sie herr Simonen und zehn andre freier wieder fortreisen. 147; mache er herr Justen den kopf nicht warm. Lessing 1, 512; vergl. den acc. er Omnes bei Luther oben unter 9, c.
10)
herr gebraucht vom kater: katter, ein her unter den katzen, murilegus. voc. theut. 1482 q iᵇ; herr kader den tenor und frau kaderin den alt singen könne. Abele unordn. 3, 21.
II.
herr von gott und Christus. es ist schon oben angedeutet worden (sp. 1125), wie man die göttlichen personen zufrühest mit dem alten namen des höchsten weltlichen herrn, ahd. truhtîn, mhd. trehtîn belegte, und hêrro herr nicht auf sie wendete. so braucht die übersetzung von Tatian aus dem 9. jahrh. dieses letztere wort niemals in bezug auf gott und Christus, sondern stets truhtîn (Tatian von Sievers s. 385ᵇ. 453ᵇ), die spuren des gebrauchs von hêrro in diesem sinne gehen nicht über das 10. oder 11. jahrh. hinauf: alsô ist ter vater hêrro, ist ter sun hêrro, ist ter heiligo geist hêrro, unde doch nesint sî trîa hêrro, suntir ein hêrro. Notkers catechismus, bei Müllenhoff u. Scherer 196, 72; unser hêrro Jêsus Christus. Ambraser predigten, das. 210, 1;
o lux in tenebris,
du hêrre du der samet uns bist,
du uns daʒ wâre lieht gibest.
Ezzos leich, das. 57, 1, 6.
der gebrauch des wortes wird in demselben masze häufiger, als truhtîn, trehtîn seltener wird; nach dem 13. jahrh. gilt nur noch hêrre, herre von den höchsten personen.
1)
herr von gott. die bibelsprache bietet für diese bedeutung eine sehr grosze anzahl belege fast auf jeder seite des textes, entweder in einfacher stellung oder in der doppelten herr herr, oder in den verbindungen herr gott: du bist der herr gott, der du Abram erwelet hast. Neh. 9, 7; herr Zebaoth (1 Sam. 15, 2 u. oft), herr gott Zebaoth (ps. 80, 5), herr der heerschaaren. ebenso die profane: (landgraf Philipp) zeigte mit der hand gen himmel und sprach: dieser ist ein herr, ich bin nur ein armer kaath. Zinkgref apophth. 1, 169; dasz ich meinen lieben herrn und gott so vielfältig und schwerlich erzürnet habe. Schuppius 454; die hand des herrn liegt schwer auf ihm. Göthe 8, 163; in diesem erzwindbeutel (Münchhausen) hat gott der herr einmal alle winde des zeitalters, den spott ohne gesinnung, die kalte ironie, die gemüthlose phantasterei, den schwärmenden verstand einfangen wollen. Immermann Münchh. 1, 167; dasz .. der herr noch jetzunder seinen spruch wahr macht, welcher lautet: ich will die sünden der väter heimsuchen. 183; in Baiern hat das volk die ausrufformel mein herr! wie sonst mein gott! Schm. 2, 231;
dieweil es gott, dem herrn der welt,
also gefallen und gefällt.
Brockes 2, 22;
der herr, der alles fleisch erhält,
wird mir, so viel ich brauche, geben.
Gellert 1, 218;
herr, meine burg, mein fels, mein hort,
vernimm mein flehn, merk auf mein wort:
denn ich will vor dir beten!
2, 93;
der herr des himmels und der erden.
98;
selig alle, die im herrn entschliefen!
Hölty 62 Halm (nach offenb. 14, 13);
ich erinnerte mich der frösche, deren gequake
bis zu den ohren des herrn im himmel endlich gelangte.
Göthe 40, 77;
und wenn die abendglocke hallt,
da red ich, herr, mit dir.
Uhland ged. 10;
der herr verläszt die seinen nicht.
74;
der tag des herrn, sonntag:
das ist der tag des herrn!
18.
die verbindung von herr und gott ist entweder eine lose, so dasz beide theile getrennt und besonders flectiert neben einander stehen: he klaget unseme herrengote. Schott 3, 183; claget unseme heren gode. Magdeb. fragen 31, 3; unserm herrn gott. Luther 5, 223ᵃ; es wäre freilich ein lächerliches beginnen, wenn ein erdenklos sich hinsetzen und aus thon oder stein — mit unserm herrn gott in die wette menschen machen wollte. Wieland 24, 231 (220);
si sprach: herr gott vom himel!
Uhland volksl. 876;
so hilf du mir, o herre gott!
902;
oder beide theile sind eng verbunden und das wort wird als ein compositum behandelt, s. unten herrgott.
2)
herr von Christus, der mit gott éine person ist, zunächst wieder nach der bibelsprache des neuen testaments: was heiszt ir mich aber herr, herr, und thut nicht was ich euch sage? Luc. 6, 46; mit beisetzung des namens der herr Jesus, herr Christus: Christus der herr. Schuppius 230;
sie suchten den herren Jesum Christ
der von dem tod erstanden ist.
Uhland volksl. 832;
herr Jesus Christ der heiland.
840;
wie du vom tod erstanden bist,
so werd auch ich, herr Jesu Christ,
am jüngsten tag erstehen.
Gellert 2, 206;
kein mensch vermag gott zu erkennen,
noch Jesum einen herrn zu nennen,
als durch den heilgen geist.
216;
in ausrufen: herr Jesu, welch unglück!, verstümmelt in herrje, herrjemine, herrich, s. unten an alphabetischer stelle; gottes lohn! gottes lohn! ei herr Jerem! Schiller räuber 4, 3; ohne beisetzung des namens:
ach herr du schepfer aller ding,
wie bistu worden so gering,
das du da ligst auf dürrem gras,
davon ein rind und esel asz.
Luther 8, 358ᵃ (weihnachtslied);
herr, der du mensch gebohren wirst.
Gellert 2, 154;
namentlich auch in der fügung zu des herrn tische gehen, des herrn leib nehmen, das abendmahl: schickte nach dem beichtiger, that heimlich lautere beichte und nahm darnach mit andacht des herren leib. Grimm deutsche sagen 1 s. 32 no. 29; auch von Christus wird natürlich herr gott gebraucht:
das hilf uns, lieber herre gott!
des bitten wir dich durch dinen tot.
Uhland volksl. 830;
also sprach gott der herre
wol zu der mutter sein.
841.
die bezeichnung geht über auf die bilder, namentlich bildsäulen des gekreuzigten, s. unten herrgott.
3)
auch der dreieinige gott heiszt herr (vergl. die stelle aus Notkers catechismus zu eingang von II sp. 1134):
wir loben dich, herr, allermaist,
gott vatter, sun, hailiger gaist,
dasz wir erlöst seind worden!
Uhland volksl. 839.
4)
in der bibelsprache werden auch die engel mit herr bezeichnet: ich antwortet und sprach zu dem engel, der mit mir redet, mein herr, was ist das? Sach. 4, 4; der sahe .. einen engel gottes zu im eingehen .. und sprach, herr, was ists? apostelgesch. 10, 4; auch die bösen engel: denn wir haben nicht mit fleisch und blut zu kempfen, sondern mit fürsten und gewaltigen, nemlich mit den herrn der welt, die in der finsternis dieser welt herrschen, mit den bösen geistern unter dem himel. Eph. 6, 12.
Zitationshilfe
„herr“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/herr>, abgerufen am 17.02.2019.

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