herzlich adj. und adv
Fundstelle: Lfg. 6 (1873), Bd. IV,II (1877), Sp. 1252, Z. 41
dem herzen gemäsz, mhd. herzeclîch, herzelîch, herzenlîch (Lexer wb. 1, 1271. 1272), in verschiedener entwickelung des sinnes.
1)
das herz als sitz des gefühls ergreifend, das herz angehend: ein herzlich lied! Fr. Müller 1, 229; (meine mutter) fing, sobald ihr etwas zu herzen ging, einen vers eines geistlichen liedes .. zu singen an .. vor diesem hatte meine mutter, nach ihrer selbst eigenen relation, die gewohnheit gehabt, einen jeden herzlichen vorfall mit einem ganzen liede zu bezeichnen. Hippel lebensl. 1, 20; und der autor ist mir der liebste, in dem ich meine welt wieder finde, bei dem es zugeht, wie um mich, und dessen geschichte mir doch so interessant und herzlich wird, als mein eigen häuslich leben. Göthe 16, 29; als ichs (das lied) so von ungefähr .. aufschlug, da wards mir doch gleich so warm und herzlich dabei, dasz ichs den augenblick auswendig gelernt. Fr. Müller 1, 228; eine hierher gehörige ähnliche formel ist alt, mir ist etwas herzlich, es trifft mein herz, berührt mich innerlich: die frau und er gesegeten an einander mit den huptschten (höfischsten) worten, die si zu wegen bringen mochten, was in auch beden herzlich. Wilwolt v. Schaumb. 63; es müste mir wohl sehr herzlich sein (am herzen liegen). Schweinichen 2, 81.
2)
namentlich oft ist das innerliche, was in herzlich liegt, in gegensatz gebracht zu dem äuszerlichen der rede: denn so sol er die wort loszen fallen, und sol herzlich betten, und nitt wörtlich. Keisersberg postill 2, 7ᵇ; die selben gebett alsammen sollend wörtlich gebettet werden, und ist nitt gnuͦg das man sye allein herzlich bettet. sust andere gebett, dozuͦ man nitt pflichtig noch verbunden ist, die sol und mag man wol herzlich betten on wort. das.;
warumb der und der uns neiden,
jener auch nur falschen schein
desz gemütes von sich giebet,
herzlich hast und mündlich liebet.
Opitz 2, 197;
ich kehre mich nicht dran, was jener von mir zeugt,
der mündlich mich hat lieb und herzlich doch betreugt,
ein freundgestalter feind.
Fleming 164, 174 Lappenb.;
herzlich hassen, mündlich lieben,
ist der menschen meistes üben.
Logau 3, 242, 132;
in etwas anderem gegensatze: derwegen wil er, dʒ ein arzt nit allein mit kreutern, salben, tränken, und confecten gerüst sein sol, .. und nachgehends weil diese stück zu zeiten nit helfen, demnach das leid nicht euszerlich leiblich, sondern, welchs gefährlicher, innerlich herzlich ist: sonder auch wolgeberdig, holdselig, freundlich gesprächig. Garg. 12ᵇ.
3)
von personen liebevoll, voll warmen gefühls: gegen einander hilflich, freundlich, herzlich, willig. kriegbüchl. d. f. 55; der from mann und herzliche mensch ist doch ja wohl geplaget. Luther br. 3, 297; seid unternander freundlich, herzlich (εὔσπλαγχνοι, vulg. misericordes) und vergebet einer dem andern. Eph. 4, 32;
also das schlagen
kan kein lieb ertragen,
wer ein herzlich lieb wil han
der musz schlagen ansten (anstehen) lan.
Uhland volksl. 124;
leb ich, so leb ich!
dem herren herzlich;
dem fürsten treulich;
dem nechsten redlich;
sterb ich, so sterb ich!
Logau 1, 102, 22.
4)
von empfindungen und deren ausdruck, innig, warm, von ganzem herzen kommend: durch die herzliche barmherzigkeit unsers gottes. Luc. 1, 78; die brüderliche liebe unternander sei herzlich. Röm. 12, 10; das ir euch aber engstet, das thut ir aus herzlicher meinung. 2 Cor. 6, 12; ist herzliche liebe und barmherzigkeit. Phil. 2, 1; so ziehet nu an .. herzlichs erbarmen. Col. 3, 12; herzliche gebett, accuratae adorantium preces Maaler 220ᵇ; damit gab ich ihm gar einen herzlichen kusz. Simpl. 3, 38 Kurz; dann gibt sie dem schmollenden ziegenfüszler einen schmatz, dasz er vor herzlicher freude laut aufjauchzet. Fr. Müller 1, 148; zu den seinigen versammelt werden, ist ein so herzlicher ausdruck. Göthe 17, 213; daher er sie .. zur herzlichsten erbauung sämmtlicher zuschauer und bettler, weidlich durchdrosch. 19, 116; hatte die herzlichste schadenfreude, wenn er alle menschen .. zum besten haben konnte. 120; (ein lied) so recht von grund aus herzlich. 33, 192; da faszt er einen recht herzlichen hasz auf die armen leute. 8, 229; die herzlichste umarmung. 26, 22; dasz sie überall anknüpfungspunkte für ein herzliches verständnis finden. Freytag handschr. 1, 244;
hat Sixt mit herzlichem vergnügen
den hohen berg bereits erstiegen.
Wieland 9, 244;
füllte sie beide mit herzlichem kriegsmuth.
Stolberg 12, 6;
herzliche liebe verbindet uns stets und treues verlangen.
Göthe 1, 279;
seid ihr (blumen) ein herzliches liebespfand
aus der ferne von meiner süszen?
Uhland ged. 57;
man höret noch des kindes herzlich lachen.
173.
auch freier, selbst von den mitteln zum ausdruck der empfindung: ich erhielt sogleich antwort und erfreute mich ihrer (Friederikens) leichten, hübschen herzlichen hand. Göthe 26, 19; und abgeblaszt, dem sinne nach unten no. 6 verwandt:
schnell wuchsen, bei herzlichem zagen und pochen,
die stunden zu tagen, die tage zu wochen.
Bürger 66ᵇ.
5)
häufige adverbiale verwendung in der bedeutung 4: und redet herzlich mit inen und sprach, seid getrost und frisch. 2 chron. 32, 8; herzlich lieb habe ich dich herr. ps. 18, 2; ein weiser nimpt sich der leute herzlich an. sprüche Sal. 11, 30; mich jamert herzlich, das mein volk so verderbet ist. Jer. 8, 21; du solt bitterlich weinen, und herzlich betrübt sein. Sir. 38, 17; mich hat herzlich verlanget dis osterlamb mit euch zu essen. Luc. 22, 15; der so herzlich fur euch sorget. Phil. 2, 20; das wir uns herzlich fürchten für der oberkeit. Luther 4, 337ᵇ; mich herzlichst empfehlend. Göthe an Voigt 377; als sich die gelegenheit gab, meine so zärtlich geliebte recht herzlich zu küssen. werke 26, 21; Stähler lachte herzlich. Stillings jugend (1777) 11; das sagte er herzlich der gelehrten frau. Freytag handschr. 1, 153;
herzlich tut mich erfrewen
die frölich summerzeit.
Uhland volksl. 113;
der alle schuld damit du ihn verletzet,
dir herzlich schenkt und aus den augen setzet.
Opitz psalmen s. 192;
und wird sich einst mein ende nahn,
so nimm dich meiner herzlich an.
Gellert 2, 214;
oft ihn herzlich an ihre lippen drücken.
Ramler 1, 20;
bald reist ein schäfer übers meer,
bald hört er auf zu lieben,
und was dergleichen anlasz mehr,
sich herzlich zu betrüben.
Gotter 1, 88;
die sonne mag uns tausend segen schenken,
das wissen wir, und dankens herzlich ihr.
Bürger 55ᵇ;
diese schaut ich, thränen im blick, und bedauerte herzlich.
Odyssee 11, 87;
und wünsche jedem guten tag,
so herzlich und so warm.
Uhland ged. 10;
wärst du zu schrecken gekommen,
mir wär es herzlich leid.
227.
6)
oft ist, wann das adverb herzlich ein adjectiv oder ein anderes adverb näher bestimmt, die vorige bedeutung (5) abgeblaszt zu der äuszerst, höchst, sehr, im hintergrunde steht immer das volle gefühl, was bei der bestimmung einer sache mitwirkt:
nun sag, wie hast dus mit der religion?
du bist ein herzlich guter mann,
allein ich glaub du hältst nicht viel davon.
Göthe 12, 179;
so in der verbindung herzlich gern, dem von herzen gern oben sp. 1213 entsprechend, schon mhd.: herzeclîchen gerne. Br. Berthold 482, 28; willst du, sag, willst du? ei gerne, rief die nymphe, herzlich gerne! Fr. Müller 1, 148; ich hätte herzlich gern einen thaler für eine einzige ohrfeige gegeben. H. Heine 2, 66;
jungfern haben herzlich gerne, dasz man sie bedien und ehre:
jungfern haben herzlich gerne, dasz ihr schmuck sich täglich mehre.
Logau 3, 72, 86.
in ähnlichen fügungen: er (ein heiliger lehrer) plüet herzecleichen schôn in tugenden und in werken reht als ain wolgeladen mandelpaum in dem maien. Megenberg 63, 26; wie viel sind ir aber, die auch irre ziehen, denen es doch herzlich sawer wird, müssen weib und kind, leib und gut in die fahr setzen? Luther 4, 112ᵇ; weil du es (des wortes gottes) on das so herzlich wol darfest (bedarfst), wider den teufel und alle anfechtungen. 6, 34ᵃ; er ist uber aus herzlich wol an euch, wenn er gedenket an ewer aller gehorsam. 2 Cor. 7, 15; sie sind mit allem herzlich wohl zufrieden. Stillings jugend (1777) 22; sie asz und es schmeckte ihr herzlich gut. 60; dieses kurze, herzlich leidenschaftliche selbstgespräch aufzuklären. Göthe 21, 128; bitte mich aber so herzlich dringend als sie könne. 48, 51;
wär der gedank nicht so verwünscht gescheidt,
man wär versucht, ihn herzlich dumm zu nennen.
Schiller Piccol. 2, 7;
nein herr! ich find es dort, wie immer, herzlich schlecht.
Göthe 12, 23;
Marthe. ach ihr versteht mich nicht. Meph. das thut mir herzlich
leid!
164;
o hätt ich manchmal nur das gold besessen,
das diesen rahm jetzt übermäszig schmückt,
mit weib und kind mich herzlich satt zu essen.
13, 165.
Zitationshilfe
„herzlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/herzlich>, abgerufen am 20.06.2019.

Weitere Informationen …