hetzen verb
Fundstelle: Lfg. 6 (1873), Bd. IV,II (1877), Sp. 1272, Z. 16
venari, ahd. hazjan, mhd. hetzen (Lexer wb. 1, 1279). eine iterativbildung zu hassen in der alten bedeutung verfolgen (sp. 546), mhd. haʒʒen, die sich zu letzterem eben so verhält wie das verbum nassen, nässen madefacere zu netzen. ein mit hetzen gleichen sinn habendes altes hessen ist wurzelhaft verwandt, hat aber eine andere ableitung, vergl. die ausführungen bei Hesse sp. 1268. über eine nebenform hützen zu hetzen s. an alphabetischer stelle. hetzen ist, der bedeutung nach,
1)
zunächst technischer, weidmännischer ausdruck. venari heczen, hyczin Dief. 610ᵃ;
so thut auch kein jäger nit sagen
das man ein wiltes schwein thu jagen,
sondern man sagt, man thu es hetzen.
Ayrer 326ᶜ (1632, 11 Keller);
und steht
a)
absolut: eʒ verbut auch unser vorgenanter herr hezzer in dem winwachs, si riten oder gen, swen man aber darin funde hezzen, der git unserm hern ein pfund pfenninge. weisth. 3, 606 (14. jahrh.); nach weidmännischer redensart heiszet ins garn hetzen, wenn man ein vorholz mit garn fürrichtet, dasz der hase, wenn er sich vor den hunden ins holz retiriren will, nothwendig darein fallen musz; wenn·man aber im freien felde hetzet, so heiszet es vom strick aus hetzen. öcon. lex. 1008 (vergl. oben das verbum hessen 2, spalte 1269); bei nassen, windigten, üblen gewitter, soll man nicht zu hetzen reiten. 1009; was ist das alles gegen einen einzigen vergnügten tag auf der jagd ... wir müssen ehesten tags hetzen. Göthe 15, 42; sie hatten, in den hintern gebirgen jagend, die brandwolken aufsteigen sehen, und durch thäler und schluchten, wie auf gewaltsam hetzender jagd, den geraden weg nach diesem traurigen zeichen genommen. 321;
daheim ist dein ergetzen
ein buch, das lesens werth; im felde nimbt das hetzen
dir deine sorgen hin.
Opitz 1, 7;
man hetzt auf diesz geräusch zurück (bei der hirschjagd).
Hagedorn 2, 30;
sprichwörtlich:
er hetzet do er findet.
fastn. sp. 1428,
wie sonst er nimmt, wo er es kriegt; und sonst bildlich:
sie (die Jesuiten) hetzen ohne scheu
und fahren täglich fort mit ihrer jägerei
zu wasser und zu land.
Opel u. Cohn 286, 19.
b)
transitiv, mit dem accusativ des verfolgten thieres: der fuchs ... wird geludert, gehetzt, erschlagen. öcon. lex. 736; doch ist dem besitzer einer jagd in der marterwoche einen so genannten osterhasen zu hetzen erlaubt. 1009; wer zwei hasen zugleich hetzen will, der fänget gar keinen. Pistorius thes. par. 7, 26;
wann wer ein fuchs wil fahen bald,
der hetz in niht in dicken wald.
fastn. sp. 295, 2;
kömpt dann das mittagsmahl, so pfleget er zu leben
von diesem sonderlich, was ihm sein gut gegeben,
was etwan auf der jagt sein windspiel hat gehetzt.
Opitz 1, 62;
Leporinus reit mit hunden vetter hasen nachzusetzen;
immer dünkt mich, dasz die hunde würden ihn noch selbsten hetzen.
Logau 2, 117, 96;
der jäger macht schon rege
und hetzt das reh
durch blutbetriefte wege,
durch busch und klee.
Hagedorn 3, 109;
und, daran angeschlossen, auch: meine feinde haben mich gehetzt, wie einen vogel. klagel. 3, 52;
hinweg, du hund! schnaubt fürchterlich
der graf den armen pflüger an.
sonst hetz ich selbst, beim teufel! dich.
Bürger 70ᵇ,
so sollt es basz mein herz ergetzen,
euch stracks ins himmelreich zu hetzen.
71ᵃ;
in einem bilde:
herr, ir habt ein frume treue wirtin,
die ist ir eren ein treue hirtin ...
doch hett man ir ein garn gestelt;
sie liesz sich aber nit darein hetzen.
fastn. sp. 185, 28.
mit angabe der wirkung: das wild müde hetzen; einen wolf tod hetzen, lupum canibus dilacerandum et necandum dare. Frisch 1, 450ᶜ; im bilde:
erst als die lust gehetzt bis zur entseelung,
der freudenkelch geleert bis auf die hefe.
Uhland ged. 435.
sprichwörtlich: er ist mit allen hunden gehetzt. Simrock 267, von dem viel verfolgten und dennoch entgangenen wilde übertragen; der mensch ist noch nicht gehetzet, hic homo nondum in casum deductus, in flammam non injectus est, malorum rudis est et expers. Stieler 782.
2)
hetzen geht über in den sinn zur verfolgung antreiben, anspornen, bezüglich der zur verfolgung des wildes aufgebotenen hunde gesagt: die hund hetzen, anfüren, anweisen und muͦtig machen, canes hortari. Maaler 220ᶜ (vgl. oben den zuruf hetz an die hunde sp. 1270); auf den ball oder bail hetzen, beim sauhetzen die hetzhunde los lassen, wenn der saufinder einen laut von sich gibt, da denn die hetzhunde dem laute zueilen. Jacobsson 2, 256ᵃ, vergl.ball theil 1, 1091;
den wolf darf man an d schaf nit hetzen.
B. Waldis Esop 3, 61, 47;
ich hetze meinen hund auf euch.
Kotzebue dram. sp. 1, 27.
3)
von diesen beiden bedeutungen aus erlangt hetzen eine freiere verwendung, wobei die ursprüngliche weidmännische verwendung bald mehr, bald weniger deutlich hervortritt.
a)
intransitiv jagen, eilen, wie bei einer hetzjagd (vergl. oben hetze 4): rastlos nach gewinn hetzen; er hetzte umher, um die säumigen zur eile anzutreiben;
laszt mir so lange ruh, ihr unterirdschen,
die nach dem blut ihr, das von meinen tritten
hernieder träufelnd meinen pfad bezeichnet,
wie losgelassne hunde spürend hetzt.
Göthe 9, 28.
b)
transitiv, einen oder etwas jagen, verfolgen, treiben: alle sind gehetzt von geschäften und andern dingen. Niebuhr leben 3, 118; so hetzt eins das andre; und was man abzuwenden sucht, das macht sich erst recht. Göthe 8, 187; es hetzt mich alles! 16, 106; wir wollen es ruhen lassen und nichts hetzen. an frau v. Stein 3, 188; es ist bekannt genug, dasz der hof- und zuchthausprediger ein ordentliches lehrgebäude hatte, worin er den satz festgestellt, dasz .. teufelchen, oder boshafte geschöpfe, den menschen mit mikroskopischen wunden, mit elenden kleinigkeiten hetzen. J. Paul komet 3, 221;
wer unerbittlich, mit der kälte
des jägers, die geschlagnen hetzt.
Gotter 1, 98;
und ihr (der weisheit) triumph ist, wo sie kann,
das herz durch die vernunft zu hetzen.
441;
drum hetze dich nicht zur schlimmen zeit,
denn füll und kraft sind nimmer weit:
hast in der bösen stund geruht,
ist dir die gute doppelt gut.
Göthe 2, 196;
die sehnsucht trieb und hetzte mich.
Kotzebue dram. sp. 1, 303;
und ob ihr ins exil sie jagt, von lande sie zu lande hetzt.
Freiligrath dichtungen 3, 181;
sich mit einem hetzen:
herzog Johann George ...
sich mit dem feinde hetzet
bis er ihn endlich stürzet.
Opel u. Cohn 87, 14.
Abgeblaszt, mit spottworten treiben, aufziehen, vexieren: ich gedachte, er möchte mich vielleicht kennen und etwan ein edelmann von Soest sein und so sagen, mich zu hetzen, weil man die Soester mit dem groszen gott und seinem göldenen fürtuch zu vexiren pflegt. Simpl. 1, 256.
c)
ausgehend von der bedeutung 2, anreizen, anspornen, antreiben, ganz sinnlich gesagt:
der bawr mich mit der geiszeln hetzt (spricht das pferd);
wenn mich derselb nicht fort hiesz gahn,
deinthalben blieb ich wol bestahn.
B. Waldis Esop 3, 84, 12;
aber auch, und in alten beispielen, übertragen vom aufstacheln durch worte (vergl.anhetzen, aufhetzen):
disen herczog Albrechten sy
auf di frummen haczten mit mie (anstrengung).
Behaim Wiener 263, 13;
ich wil die Egypter an einander hetzen, das ein bruder wider den andern, ein freund wider den andern, eine stad wider die ander, ein reich wider das ander streiten wird. Jes. 19, 2; der gottlose verwirret gute freunde, und hetzet wider einander die guten frieden haben. Sir. 28, 11; einen an den andern hetzen, einen wider den andern zuͦ zorn reizen, iratum aliquem alteri facere. Maaler 220ᶜ; hieruff vermelt er, wie alles ergangen, auch wie Balais die junkfrauw erschlagen, die sie also an einander gehetzet. Amadis 264; die königreich an einander hetzen. Kirchhof wendunm. 378ᵇ; werden so unterschiedliche pfaffen nicht die ihrige hetzen? Simpl. 1, 263 Kurz; brauchte auch allerhand ränke uns zusammen zu hetzen. Felsenb. 1, 55; ein solches gesindel sollte meine plane zerschlagen, und ungestraft vater und sohn an einander hetzen? Schiller kab. u. liebe 2, 6; der magister, wie wir ihn schon kennen, überschreitet vollkommen die gränze, und da der baron immer fort hetzt, läuft es endlich auf persönlichkeiten hinaus. Göthe 15, 48; die emigrirten behaupteten, er habe tausend tode verdient, und hetzten deszhalb an den obersten behörden. 30, 43; nun fängt das gemeine, besonders weibsvolk, schon an, auf die untern angestellten (der veterinäranstalt) zu hetzen. an Voigt 366;
sondern die eignen räthe mein
mich heftig thäten hetzn und treibn,
also länger nicht hier zu bleibn.
Opel u. Cohn 69, 11;
die Ungern thät man hetzen
an Mähren und Österreich.
73, 8;
der rechte ritter sprengt heran
und warnt den grafen sanft und gut.
doch basz hetzt ihn der linke mann
zu schadenfrohem frevelmuth.
Bürger 70ᵇ.
auch vom anspornen zu etwas gutem: dieses wechselseitige, bis zur ausschweifung gehende hetzen und treiben (zu schriftstellerischen arbeiten). Göthe 26, 117; zu einer leidenschaft: doch wehrete ich mich ritterlich; nicht zwar ihme zu entgehen oder seinen begierden zu entrinnen, sondern ihn recht zu hetzen und noch begieriger zu machen. Simpl. 3, 21 Kurz.
Zitationshilfe
„hetzen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/hetzen>, abgerufen am 19.10.2019.

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