Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

hoffnung, f.

hoffnung, f.
spes; mhd. hoffenunge, woneben eine berechtigtere form hoffung, dem niederd. hopinge, hoppinge (Dief. 540ᵃ unter sperantia) entsprechend, nur vereinzelt erscheint (Lexer mhd. wb. 1, 1322). das wort drückt aus
1)
nach hoffen 1 (sp. 1669) erwartung, hinsicht auf etwas künftiges: wenn nicht die hoffnung entweder zur guten belohnung oder strafe einen im zaum hielte. pers. rosenth. 1, 32. auch das streben nach etwas künftigem, zu erlangendem:
es lebt kein mensch so frei auf erden,
dasz er nicht auch (gewiser masz)
in hoffnung steck ohn underlasz
mit leibes- und gemüths-beschwehrden.
begürden plagen mann und weib;
ietz kommt die forcht, ietz kommt verlangen.
Rompler 41.
erwartung, rechtlicher anspruch an ein schon vorhandenes ding: dieselbige zankmeister haben meine vormünder, einfältige leut, einmal weisz nit mit was groszgeschwätziger hoffnung eingefüllet, ein mayerhof gehöre mir zu, nit allein von erbschaftgerechtigkeit, sondern vermög des testaments, welches mein vater .. gemachet habe. Schuppius 769;
darumb so gib dich heut zu ruh!
hast ein redliche hoffnung du,
so bring sie an morgen bei tag!
J. Ayrer fastn. sp. 3ᶜ (2350, 21 Keller).
2)
gewöhnlich nach hoffen 2, sp. 1669, aussicht und erwartung von etwas förderndem und angenehmen; mhd. noch ein nur landschaftlicher ausdruck: âne die selben tugent kan nieman behalten werden, und heiʒet gedinge eteswâ und eteswâ heiʒet eʒ hoffenunge, eteswâ heiʒet eʒ zuversicht, eʒ heiʒet in latîne spes. Br. Berthold 546, 17. nhd. allgemein: nu aber bleibt glaube, hoffnung, liebe, diese drei, aber die liebe ist die gröszest unter inen. 1 Cor. 13, 13; die hoffnung der heuchler wird verloren sein. Hiob 8, 13; seine hoffnung ist ein spinnweb. 14; züchtige deinen son weil hoffnung da ist. sprichw. 19, 18; seines herzen gedanken sind wie asschen, und sein hoffnung geringer denn erden. weish. Sal. 15, 10; hoffnung aber leszt nicht zu schanden werden. Röm. 5, 5; weilen weiter zu kommen, die leut weder mit begierd, noch hoffnung aufgemuntert werden. Schuppius 766;
wenn die hoffnung nicht wär,
so lebt ich nicht mehr.
volksl.;
wir sind nun göttlichen geschlechts,
durch dich des himmels erben.
diesz ist die hoffnung deines knechts.
Gellert 2, 206.
Eine reihe fester verbindungen erscheinen.
a)
die ältere sprache fügt zu hoffnung gern den genitiv des gehofften: das ist gar ein gros ding, im leiden nicht hülfe suchen von irgend einem menschen oder creaturen, sondern .. in gottes hoffnunge demütig der hülfe warten. Luther 3, 26ᵃ; war alle hoffnung unsers lebens dahin. ap. gesch. 27, 20; in der hoffnung des ewigen lebens. Tit. 1, 2; todtsieche menschen, daran kein hoffnung eins lebens meer ist. Frank weltb. 191ᵇ; wir hetten in summa gleichsam alle hoffnung des lebens von uns geworfen. 225ᵃ; weil die meinung desz überflusz unter den grösten ursachen der armut ist, und ausz hoffnung der gegenwertigen die rechte hülf verabsaumt worden. Schuppius 766. auch noch in der neuern sprache: wo ihn nicht hoffnung der beute unter ihre fahnen lockte. Schiller 880; aussicht auf glänzende beförderung und hoffnung der beute lockten .. abenteurer. 913;
das mädchen selbst,
mit welcher er mich körnt, mit deren hoffnung
er gern mir zu bezahlen schiene, was
ich nicht umsonst für sie gethan soll haben.
Lessing 2, 312.
b)
gewöhnlicher ist jetzt hoffnung auf einen oder etwas, was auch schon früher erscheint: das deine hoffnung sei auf den herrn. sprichw. 22, 19; hofnung auf eines andern hülfe. Schottel 1133ᵇ; hoffnung auf gewinn; er hat hoffnung auf eine reiche erbschaft; dafür auch hoffnung zu einem oder etwas: habe die hoffnung zu gott. ap. gesch. 24, 15; die natürliche liebe zum leben und die hoffnung zur verlängerung desselben. pers. rosenth. 6, 1; hoffnung zur dienstbarkeit (dienstwilligkeit). 1, 31; die goldmacher, welche alle das ihre umb hoffnung zu demselben (golde) drauf gehen lassen. Lokmans fab. 26;
er schlummert keine nacht,
als bis man ihm zum falken hoffnung macht.
Hagedorn 2, 175.
andere fügungen: wenn du einen sihest, der sich weise dünket, da ist an eim narren mehr hoffnung denn an im. sprichw. 26, 12; ich sprach, mein vermügen ist dahin, und meine hoffnung am herrn. klagel. 3, 18. mit accusativ: werde angeklagt uber der hoffnung an die verheiszunge. apostelgesch. 26, 6; und stehet unser hoffnung feste fur euch. 2 Cor. 1, 7; er macht sich von dem mägtchen gewisse hoffnung, spe certa puellae inducitur. Steinbach 1, 768;
sölchs hy (hier) ain jder frummer merk,
inn gott darmit sein hoffnung sterk.
Schwarzenberg 107ᵃ.
mit infinitiv durch zu vermittelt: in hoffnung, den Nürnbergern .. auf die kirchweich zuͦ kummen. S. Frank chron. 1536 1, 254ᵃ;
die hoffnung, die du nährst, dein schicksal zu bezähmen.
Wieland 17, 288 (Idris 5, 61);
die hoffnung, sie so bald zu finden, war sehr klein.
313 (5, 107).
mit abhängigem satze: die hoffnung, dasz er rechtzeitig eintreffen werde; wir durften auch dies mädchen mit der gegründeten hoffnung entlassen, dasz es auf dem guten wege beharren werde. evangel. kirchenzeitung 1866 s. 748;
ei! so steht die hoffnung fest,
dasz der finstre weg der todten
mich zu dir gelangen läszt.
Caniz 175.
c)
es heiszt hoffnung haben, behalten, geben, machen, nähren: ein jglicher der solche hoffnung hat zu im, der reiniget sich. 1 Joh. 3, 3; die wir .. halten an der angeboten hoffnung. Hebr. 6, 19; zum allgemeinen beifall .. konnte sich ein charakter, wie der seinige, niemals hoffnung machen. Schiller 764; nährte die stille hoffnung, sie bald wieder zu sehen. Göthe 25, 351; der (kranke) fürst gebe wieder hoffnung der genesung. J. Paul Tit. 4, 190;
von Pinabel red ich, der unser edle dam
hie in den bittern tod zu bringen hoffnung nahm.
D. v. d. Werder Ariost 3, 4, 8,
für sie, die schmeichelnd jedem hoffnung gibt,
weiht sich die jugend dem gewissen tod.
Schiller Maria Stuart 2, 3;
so lang sie lebt, die ihrem schwärmereifer
den vorwand leiht und ihre hoffnung nährt.
2, 5.
man setzt, stellt seine hoffnung auf einen oder etwas: wol dem, der seine hoffnung setzt auf den herrn. ps. 40, 5; das sie setzten auf gott ihre hoffnung. 78, 7; setzet ewer hoffnung ganz auf die gnade, die euch angeboten wird. 1 Petr. 1, 13; wol dem .. des hoffnung auf dem herrn seinem gott stehet. ps. 146, 5; in hoffnung stehen: der bei nachtzeiten seine begierige netze auszbreitet, stehet in hoffnung, dasz er heut oder morgen etwas fangen werde. pers. baumgart. 2, 18; man ist von hoffnung trunken:
der schon, von hoffnung trunken,
des oceans gebieter ist.
Ramler 1, 74;
die hoffnung verlieren, schwinden lassen, aufgeben, rauben; die hoffnung vergeht, erlischt; die hoffnung ist ihm in den brunnen gefallen, spes occidit. Frisch 1, 461ᶜ; wer vor zwanzig jahren nicht hübsch, vor dreiszig jahren nicht stark, vor vierzig jahren nicht witzig, und vor funfzig jahren nicht reich wird, bei dem ist alle hoffnung verloren. Steinbach 1, 769. in der ältern sprache eine hoffnung fürchten, für dieselbe fürchten, glauben dasz sie vergehe: dise haben mit stätem krieg und niderlag, so sy mit den Messenern hetten, alle hoffnung schier der nachkummen geforcht und den undergang all yres volks gesorgt. Frank weltb. 85ᵇ.
d)
man redet von einer schönen, sichern, unsichern, begründeten, geringen, eiteln, fehlgeschlagenen, falschen, leeren hoffnung; sind sie doch gewisser hoffnung, das sie nimer mehr sterben. weish. 3, 4; darf eine einzige fehlgeschlagene hoffnung uns gegen die welt so unversöhnlich machen? Lessing 2, 181;
oft sproszt ein junges reis mit grüner hoffnung aus.
polit. stockf. 148;
hat falsche hoffnung mich gewiegt?
Wieland 17, 238 (Idris 4, 51);
mein auge wendet sich
der ersten schönen hoffnung wieder zu.
Schiller Maria Stuart 2, 8;
ein junger prinz nur stand noch zwischen ihm
und seiner stolzen hoffnung.
Demetrius 1. aufz., v. 100;
früher auch gute hoffnung im allgemeinen sinne: ein guͦte hoffnung haben, esse spe bona, guͦter hoffnung, confidens Maaler 229ᶜ; sie sollen guter hoffnung sein, das du wöllest busze für die sünde annemen. weish. 12, 19; ich bin guter hoffnung, ich wöll .. inen beiden, chur- und fürsten die haar zusamen binden, sich mit ainander zu verainigen. Schertlin briefe 38; das vorgebirge guter hoffnung. der gegensatz böse hoffnung:
nicht hoffe, wer des drachen zähne sät,
erfreuliches zu ernten. jede unthat
trägt ihren eignen racheengel schon,
die böse hoffnung, unter ihrem herzen.
Schiller Wallensteins tod 1, 7.
jetzt ist gute hoffnung gewöhnlich nur noch auf schwangere frauen bezogen: wenn ich nur, sagte Philine .., keine frau mehr guter hoffnung sehen sollte! Göthe 19, 4; junge frauen .. die sich guter hoffnung befanden. 21, 24; doch wird Sara zuletzt guter hoffnung und bringt einen sohn. 24, 211; mit anklang an die allgemeine bedeutung: (ich musz hoffen) dasz Eduard sich wieder nähern werde. wie kann es auch wohl anders sein, da sie mich guter hoffnung finden. versteh ich sie recht? fiel Mittler ein — vollkommen, versetzte Charlotte — tausendmal gesegnet sei mir diese nachricht! rief er .. mehr als tausend worte wirkt eine solche gute hoffnung, die fürwahr die beste hoffnung ist die wir haben können. 17, 192.
e)
ein mensch von hoffnung, einer der zur hoffnung berechtigt, auf dessen künftige entfaltung man hofft: sein drittheil an der beute .. verschenkt er an waisenkinder oder läszt damit arme jungen von hoffnung studieren. Schiller räub. 2, 3.
f)
in der ältern sprache ist häufig der genitiv der hoffnung, spe: hab ich allen fleis angewand, dasselbige (buch) zu uberkommen, der hofnung es möchte mich dieser meiner arbeit vielleicht entschlagen. Fischart bienk. 6ᵇ; unangesehen desz schreiens, so der könig Garinter, der hoffnung ine abwendig zu machen, that. Amadis 15; also hab ich letzlich etlich zu mir zu gast geladen, der hoffnung, sie dahin zu bewegen .. Ayrer proc. 3, 1; betete für dich, .. der hoffnung, du würdest mich dessen widerumb geniesen lassen. Phil. Lugd. 3, 251. dafür in hoffnung: man hielt mehr als man versprochen hatte, in hoffnung, die blauen (eine partei) würden sich nicht geduldig genug miszhandeln lassen, um keine gelegenheit zu gröszern miszhandlungen zu geben. Wieland 7, 107 (92); einzelnheiten, die ich wie im fluge wegfing und sie niederlegte in hoffnung, dasz sie sich einmal irgendwo lebendig anschlieszen würden. Göthe 55, 326.
g)
etwas auf hoffnung machen: der da pflüget, sol auf hoffnung pflügen, und der da dreschet, sol auf hoffnung dreschen. 1 Cor. 9, 10; die ir auf hoffnunge gefangen ligt. Sacharja 9, 12; etwas auf hoffnung kaufen, vergl. unten hoffnungsbau, hoffnungskauf.
h)
der plur. des wortes ist häufig im gebrauche, wenn mehrere unter sich verbundene und aus éiner grundstimmung flieszende erwartungen bezeichnet werden sollen: unweise leute betriegen sich selbs mit törichten hoffnungen. Sir. 34, 1; ein lügenhaftes zusagen, wodurch unsern liebsten hoffnungen und wünschen geschmeichelt wird. Göthe 53, 129; schmeichelst du meinem wahn, meinen hoffnungen. 17, 171;
dasz ein orakel mich zu hoffnungen verpflichtet.
Wieland 17, 293 (Idris 5, 71);
wie weit ist diese königin gebracht,
die mit so stolzen hoffnungen begann.
Schiller Maria Stuart 2, 4;
so stürzen meine hoffnungen.
2, 8;
was sind hoffnungen, was sind entwürfe,
die der mensch, der vergängliche baut?
braut v. Messina, v. 1962.
i)
personification der hoffnung tritt mehr oder weniger deutlich öfter auf:
es reisten (wann? vielleicht zu unsern zeiten,)
die hoffnung und die furcht durchs land.
Hagedorn 2, 130;
die hoffnung führt ihn ins leben ein,
sie umflattert den fröhlichen knaben.
Schiller die hoffnung.
so wenn die hoffnung mit verben oder adjectiven versehen wird, die sonst thätigkeit oder eigenschaften des menschen zeichnen: die hoffnung regt sich, wird wach, täuscht, betrügt, lügt uns; feurige, rasche hoffnung;
so hat die hoffnung denn, die wir so lang genähret,
uns nicht getäuscht?
Wieland 17, 123 (Idris 2, 96);
da wird in mir die hoffnung wach, ob ich
sie jetzt noch retten könnte und besitzen.
Schiller Maria Stuart 2, 8;
bruder! ach in ewig tiefer pause
feiern alle deine hoffnungen.
elegie auf den tod eines jünglings;
ob seine rasche hoffnung eigenmächtig
sich diesen kühnen schritt erlaubt.
don Karlos 4, 9.
3)
hoffnung, die person oder der gegenstand, auf die man hofft: meine seele harret nur auf gott, denn er ist meine hoffnung. ps. 62, 6; an dem herrn, der ihrer veter hoffnung ist. Jer. 50, 7; welches ist Christus in euch, der da ist die hoffnung der herrligkeit. Col. 1, 27; denn wer ist unser hoffnung oder freude, oder kron des rhums? seid nicht auch irs fur unserm herrn Jhesu Christo, zu seiner zukunft? 1 Thess. 2, 9; aber die augen der gottlosen werden verschmachten, und werden nicht entrinnen mügen, denn ire hoffnung (was sie hoffen) wird irer seelen feilen. Hiob 11, 20;
wenn ich die gottes-äcker seh,
und alles könnte lesen,
was der, auf dessen gruft ich geh,
in seinem sinn gewesen,
was eingescharrt für hoffnung hier (liegt).
Canitz 44;
hier kann ich schaaf und rind in den begrünten auen,
die scheunen voller frucht, das feld voll hoffnung, schauen.
118;
o Trojas hoffnung (Hektor), die uns nie betrogen,
o du, nach dem das herz geschmachtet hat!
Schiller zerstörung von Troja 49.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1874), Bd. IV,II (1877), Sp. 1673, Z. 1.

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Zitationshilfe
„hoffnung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/hoffnung>.

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