Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

hofieren, verb.

hofieren, verb.,
mhd. hovieren und hofieren, ein seit dem 13. jahrh. mit fremder endung aus hof gebildetes verbum (vergl. J. Grimm kl. schriften 1, 357), verschiedener bedeutung.
1)
einem hofieren, allgemein einem dienste leisten wie sie bei einem hof (no. 5 und 7, sp. 1656) verlangt werden, aufwarten, sich um einen bemühen: die alle vor dem essen und der tafeln musten stên und hofieren. Rozmital im mhd. wb. 1, 701ᵃ; diese fastnacht würde mir sonst vieleicht nicht freudenreich gnug sein, ich hette denn solche mechtige, hochgeborne, gelerte larven und narren, die mir hoffirten, weis inen auch .. kein ander trankgelt zu geben, denn das ich bitte, sie woltens nur mehr machen. Luther 3, 331ᵇ;
wê (wie) man hovêren sach
de stalten ind manege lûde,
de dem keiser ind der brûde
dienstes plâgen zô der zît.
Berthold v. Holle Crane 2278;
wir wollen im gar hübsch hofieren.
Schmelzl verlorn. sohn 18ᵇ;
ob wir eim klotz wollen hofieren.
Froschmäus. Ji 4.
in einem substantiv gesetzten infinitiv:
ihr thron ist nun ihr (der fürsten) hohn, verachtung ihr hofieren
(= der hofdienst den man ihnen leistet).
Weckherlin 255 (nach ps. 107, 40).
im späten mhd. vom dienst gegen gott:
guot gesanc daʒ ist bî got sô schœn,
guot gesanc dringt durch die himel trœn,
guot gesanc daʒ ist ein edelstein, dâmit man got hofiere.
Regenboge in den minnes. 3, 350ᵃ Hagen.
2)
die bedeutung geht über in die: sich einem höflich, zuvorkommend, dienstbereit zeigen, einem schmeicheln (vgl. oben höfelieren und höfeln): die dir itzt hofieren, werden dich verachten, sie werden dir nach dem leben trachten. Jer. 4, 30; wenn den leuten etwas angelegen war, oder wolten den tyrannen hofieren, gaben sie den steinen und holz solchen namen, der doch denselbigen nicht gebürt. weish. 14, 21; aber da der könig im (dem David) feind ward ... da wolte ein jglicher dem könige hofiern, und das beste an Davids verderben thuen. Luther 3, 298ᵃ; ich bin ein schaf, und bleibe ein schaf, das ich .. mich so füren und leiten lasse, solchen junkern zu hofieren, und nicht viel mehr meinem sinn folge. 333ᵃ; das ich solche frewde im himel, und lust meines herrn solt hindern, und dir mit deinen teufeln in der helle ... hofieren? 395ᵃ; schelten die herrn, auf das sie den pöbel kützeln, und den bauwern hofiren. 5, 151ᵇ; gleich wie der grosze heilige phariseus Luce 18 für groszer trunkenheit eraus köket, und speiet uber den armen zölner, that im so herzlich sanft, das er gott hoffirt, und danket, das er allein frum, und ander leute böse waren. 355ᵇ; desgleichen lieset man in den legenden, das etliche stocknarren wolten den heiden hofirn in einem spiel, und der christen spotten mit der taufe. 6, 100ᵇ; beständig zum hofieren in bereitschaft stehn, wenn sie (die ausländer) nur das maul aufthun. Klopstock 12, 86 in bezug auf die Deutschen; vermeinen mit glatten worten mir zu hofiren. Musäus volksm. 469; wer hat ihr (der natur) die vollmacht gegeben, jenem dieses zu verleihen und mir vorzuenthalten? konnte ihr jemand darum hofieren, eh er entstund? oder sie beleidigen, eh er selbst wurde? Schiller räuber 1, 1;
dasz man ihm (dem papst) so hofieren thut,
das wird er nehmen wol in hut.
Opel u. Cohn 103, 63;
sie werden grausahm schreien
und gahr zu späht bereuen,
dasz sie dem satan so hoffiert.
Rist himl. lied. 5, 286.
auch schmeicheln in bezug auf die sinne: die schleckköche hofieren dem mund und appetit. Ryff spieg. der gesundh. bei Frisch 1, 460ᵃ; keine arzenei brauchen, die nicht dem geschmack hofiert. das.; und obscön:
das ich sein esel (vgl. th. 3, 1147 no. 6) han pein oren gnumen ..
noch kund ich im als wol nie hoffiern,
das er in freuden wolt erwachen
und wolt ainsz auf der geigen machen.
fastn. sp. 326, 18.
3)
namentlich auch um eine frau sich bemühen, um sie werben, ihr den hof machen: (Adam) hatte ein newe braut und einig fleisch und blut, dem wolt er hoffiren und gefallen, da regt sich das blut also daher, ei es wird nicht so grosze not haben, gott kan ich imerdar dienen, itzt mus ich meiner lieben Heva zu gefallen sein. Luther 4, 454ᵃ;
ich hab einer dirn lang gehoffiert,
die ist so schön gepersoniert,
das sie mir ganz ins herz ward kumen.
fastn. sp. 703, 15;
ein munich het
ein maidlein fein
von ganzen herzen hold,
das sein kein gnad doch haben wold
wie lang er im hoffiret.
meisterl. fol. 23, no. 251;
du bist ein weib. ihr haszt keinen der euch hofirt. Göthe 8, 129;
(hauptmann zu Leonoren). der pater euch ja hofiren thut?
13, 70.
4)
so durch künste und unterhaltung, der frau zu ehren bewerkstelligt; z. b. turnieren:
und aus der tannen machen wol
spiesz, die man zum stechen nutzen sol,
domit man stechen tut und turniren
und hubschen frauen mit hofieren.
fastn. sp. 556, 10;
wir wollen dafür stechen und turniern
und wollen der edeln künigin hofiern.
661, 26.
singen, ständchen bringen: seinem buͦlen mit gesang hofieren, ad limen amicae cantare Maaler 229ᵈ;
ich kan tenor, dritt stim, discant
so guot, als man sie nie fant,
da mit ich schönen frauen hofier.
fastn. sp. 362, 3;
wenn ich meinem puln sol hofiern und singen,
so wil es nimer als wol als vor clingen,
das macht, das öl hot mir verderbt di stim.
630, 25;
lasz mir sie an ein fenster ston,
in der nacht bei hellem mon,
so wil ich ir hoffieren schon.
Murner luth. narr 3951;
ihr singen und hofiren, schmachten, klagen.
Tieck 2, 111.
so namentlich von einer vollstimmigen nachtmusik.
so sie der göuchin duͦnt hofyeren
mit seitenspyel, mit pfifen, syngen.
Brant narrensch. 62, 15 ('von nachtes hofyeren');
mein tochter! mir doch sag,
wer heut die nacht auf der gassen
hat so hoffirn und singen lassen.
J. Ayrer 412ᵈ (2074, 14 Keller);
(niemand findet) studenten die nicht lieber vagieren, gassenhawieren und hoffieren dann studieren. Fischart groszm. 54;
so dunk ich mich ein stolze diern
und hor die knaben gern hofiern,
mit singen und mit seitenspil.
fastn. sp. 519, 25.
5)
so geht hofieren in den sinn musik machen, musicieren über: hingegen werden andere gar viel befunden, die in der harpfen, leiren, das ist, in hofiren gewaltige künstler sein. Schuppius 742; man mus dem teufel das creuz ins angesicht schlahen, und nicht viel pfeifen noch hofiren. Luther 6, 4ᵇ;
darzu kunt si harpfen und geigen
und ander seitenspil .....
auf dem mer hub sie an zhofieren,
iederman da wunder nam.
Uhland volksl. 787;
als er (Arion) am lieblichsten hofiert,
in seinen besten kleidern ziert,
nam er sein harpfen auf den rucken,
und thet sich oben abher bucken,
mit seinem spiel und süszen gsang
hinab ins wilde meer da sprang.
B. Waldis Esop 2, 30, 79.
von dem gewerbmäszigen musicieren, aufspielen: vier spielleut, die mit schalmeien lieblich hoffierten. Kirchhof wendunm. 424ᵃ;
wie wiltu den sachen thun
mit der tochter Fridel Milchschlunt
die dich stet (kostet) manches pfunt
mit hofiren auf der sackpfeifen?
fastn. sp. 513, 1;
Elisa, solt er prophetieren,
muͦszt im der spilman vor hofieren.
Ambr. Blaarer vermanung zum gesang str. 2;
ein geiger sagt herrlein weil ich euch hab hoffirt,
mir der versprochen lohn gebürt.
Ayrer fastn. sp. 100ᵃ (2840, 12 Keller).
so auch vom blasen eines spottliedes auf den eine belagerung aufhebenden feind:
'zig hin, zig hin mit deiner beut,
ich halt dich hat der schimpf gereut',
lies man dem feind hoffieren.
Hildebrand volksl. 245.
von der nachtigall die als musicant hingestellt wird:
(der pfau spricht zum Jupiter)
dargegen hast die nachtigal
von mir und andern vögeln all
mit einer hellen stimm geziert,
den leuten sie des nachts hofiert.
B. Waldis Esop 1, 66, 14.
6)
bildlich und mit humor wird von geschützen gesagt sie hofieren, spielen zum kampfe auf, der sonst auch einer hochzeit, einem fest verglichen wird:
sie huͦbend an zuͦ schieszen,
der pfalzgraf im (Franz von Sickingen) hofieren liesz.
Uhland volksl. 493;
also fieng man die hochzeit an (die einnahme von Doornick),
drei singerin (kanonen) die solten gan
dem brewtigam hofieren.
Hildebrand volksl. 93.
7)
hofieren wird weiter gewendet auf das hofgemäsze, der höheren gesellschaft angemessene verhalten im allgemeinen, wie es sich in unterhaltung, gang, kleidung u. ähnl. kund gibt:
(die frau spricht) das ich mich so hubschlich kan ziren
mit singen und tanzen und hofiren.
fastn. sp. 103, 24;
ironisch sagt Brant:
ettlich die duͦnt also hofieren,
das sie (bei tafel) das brot vast wol beschmieren,
mit schmutzgen (fettigen) henden, pfeffer bry,
do mit es wol gesalbet sy.
narrensch. 110ᵃ, 147.
speciell in bezug auf den aufwand im schmausen und putz; so niederländisch: hovêren, epulari, comessari, agitare convivia, splendide et laute vivere aulico more, neben hoven und hof houden. Kilian; vergl. in Vorarlberg hofierig, schmaus in dem von einem neuvermählten paare bezogenen hause. Fromm. 4, 321. hd. was sind aber die fürsten? sie sind nichts denn tyrannen, .. unser blut und schweis verthun sie mit hoffieren, mit unnützem pracht, mit huren und buben. Müntzer bei Luther 3, 129ᵃ; der dritte son von der andern frawen, isti mit tanzen, springen und hofieren umbgangen, hat sein datum auf gute tage, lust, und freude gesatzt. 4, 39ᵃ; euch schwärmern, die ihr alle tage hofiert, alle tage zu gaste seid, musz freilich ein solches leben tod dünken. Lessing 12, 247; daher prangen überhaupt: sie (die vernunft) wolt gern mit irem leiden, wie mit allen andern werken, hofieren. Müntzer bei Luther 5, 315ᵇ;
ich urtail ümb sein prankiern
und ümb sein groszs hofiern.
fastn. sp. 786, 11.
tanzen, vortanzen: hofieren, den tanz füren, praesultare Maaler 229ᵈ;
Egkereich, hebt mit leiren an!
wir wellen uns frischlich ziern
und gen einander hoffiern.
fastn. sp. 455, 20;
auch von thieren:
als nun die (abgerichteten) affen lang hofieren,
thet sich der geste freud vermehren,
warf er (ein gast) die nusz in die rappausz:
da war ir tanz und spielen ausz.
B. Waldis Esop 2, 22, 25;
da thät er (Hans Sachs) einen narren spüren (wahrnehmen),
mit bocks- und affensprüng hofiren.
Göthe 13, 129.
8)
transitives hofieren: also hofiert Ulenspiegel die braut mit dem jungen hengst, mit schonen sprüngen (er läszt der braut zu ehren den hengst galoppieren). Ulensp. s. 99 no. 67; in Baiern einen mit brandwein, bier u. s. w. hofieren, ihn tractieren. Schm. 1, 1061 Fromm.
9)
der euphemismus hofieren für cacare, seit dem 15. jahrh. nachweisbar, lehnt gewis an hof 2, sp. 1655, den offenen wirtschaftsraum an einem hause an, als die stätte wo auch der dünger aufbewahrt wird (vgl. auch oben hofgang): sie (die eltern) haben dir pappen ingestrichen, dein windlen usz geweschen, die du beschissen hast, geabenthürt, es heiszt ietz gehoffiert, du werest in deinem wuͦst verdorben. Keisersberg emeis O 3ᵈ; ao. 1361 .. ward kaiser Carl ein sohn geboren und zu sant Sebalt getauft worden, der soll in der tauf gehoffiret haben. Nürnb. chron. bei Schm. 1, 1062 Fromm.; fürwar hie were es zeit, das man solchen tapfren kriegshelten in die scheiden hofieret. Luther 1, 384ᵇ; dʒ ich mich zu tod hofiert, wie Arius. Alberus widder Witzeln M 6ᵇ; auf das heuslein hofieren gehn. Katziporus L 6ᵃ; dasz ... der röm. bienenkönig hab macht in seinen eignen honig zu hoffieren. Fischart bienk. 48ᵃ; ich red nicht in trächter, und hofier auch nicht in die sip (die siebe). groszm. 15; in der nacht ward er gar krank und hoffiert in das beth. Th. Plater 154; dann sie kontens machen wie der teufel, von welchem man zu sagen pflegt, dasz er zugleich laufe und (s. v.) hofire, und doch nichts am wege versaume. Simpl. 1, 167 Kurz; es ist ein böser vogel, der ihm selbst in sein nest hofieret. Schottel 1127ᵇ; wer sich in dem bart grasen lässet, dem hofiret man zuletzt gar auf das maul. Pistorius thes. par. 3, 9; wer in die stuben hofiert, und wer es hinausz trägt, hat gleichen dank. 10, 46, s. 1008; das kind, so in die stube hofiert, ist gemeiniglich das liebste. s. 1009; hab ichs dan schmecken künnen, dasz ihm die Leipziger in sein astrologisch-prophetisches perspectiv hofieren werdn. Schwabe tintenf. B 5ᵇ; mit dem kleinsten, so noch in die windel hofirt, liest er im Virgil. Platen 260. transitiv: gold hofiern. Simpl. 2 (1713) 504;
dasz er hin auf den mist ging hofirn.
fastn. sp. 222, 15;
wenn man mir in mein werkstadt scheiszt,
der dreck mit dem wasser hinfleuszt.
so man euch in die ewr hofiert, ...
bleibt drinn ligen derselbig dreck.
B. Waldis Esop 4, 38, 51;
der wolf (ein Spanier ist gemeint) in deiner kammer wird
zu einer sau, so da hoffiert,
in seinem bett es stinkt von schweisz.
Opel u. Cohn 404, 58;
allein, wer so viel friszt, der musz,
mit gunst! auch viel hofiren.
Bürger 27ᵇ;
die kinder hofiren in die stuben.
Göthe 13, 67.
bildlich, als zeichen von verachtung:
was die bischöff und cardinal
zu Trident decretiren:
das thun die ketzer allzumal
gar schimpflich eludiren,
ja, theils wolln gar hoffieren drein.
Soltau volksl. 465 (von 1622).
10)
das verbum ist, so weit es nicht dialectisch noch lebt (no. 8), der modernen sprache fremd geworden (wie denn schon Stieler 846 vor seinem gebrauche in der höhern schreibart abrät), höchstens in der bedeutung 9 noch allgemein verstanden. wo neuere schriftsteller es in andern bedeutungen brauchen, geschieht es in alterthümelnder sprechweise oder um ein altes wort wieder aufzufrischen. vielleicht ist es in der unter 7 mitgetheilten stelle aus Lessing eine mundartliche reminiscenz.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1874), Bd. IV,II (1877), Sp. 1681, Z. 53.

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Zitationshilfe
„hofieren“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/hofieren>.

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