Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

hornisse, f.

hornisse, f.
vespa crabro, in manigfach wechselnden formen auftretend.
1)
dem ahd. und mhd. masc. hornuʒ, ags. hyrnet, entspricht auch noch nhd. hornusz, hurnusz, hürnusz: crabro hurnusz, hornuz, hornus Dief. 154ᶜ; der hurrnusz, crabro Maaler 233ᶜ; von hurnussen und bremen. Pinter pferdschatz 421;
die wesp, hürnusz und bihn.
Weckherlin 766.
2)
häufiger aber ist die form hornaus, hurnaus, der diphthong der zweiten silbe setzt voraus, dasz man früher auch hornûʒ gesprochen habe: crabro ein hurnausz Dasyp.; crabro hornausz, horsseln. Apherdiani Tyrocinium (1581) 151; crabro, hornausz, hörlitze. Golii onomast. (1582) 305; bair. der hurnausz. Schm. 1, 1165 Fromm.; schrecklich von den bremen, hurnausz, wefzen geplaget werden. Fischart groszm. 132; brumpt ein basz wie ein hurnausz inn eim stiffel. Garg. 227ᵃ; plur. hurnauszen: die hurnauszen hurrnen die bienen aus. 245ᵃ; den haben tausend hurnauszen mit einem schwarm herausz farende zuͦ todt gestochen. S. Frank chron. 298ᵃ; neben der vorher angegebenen form: hurnauszen reizen, in ein hurnussen näst stächen, das ist ein unrüwigen menschen reizen, crabrones irritare. Maaler 233ᶜ. in compositen: hurnausenstürmig und bramenschwirmig. Garg. 82ᵇ; damals .. pflegt das volk hurnauszen weisz, legionisch und belzenbubbisch, dürmisch und stürmisch zusammen zu kommen. 150ᵇ.
3)
auch umgelautet in letzter silbe, hornäus, hurnäus: crabro horneüsz Dief. 154ᶜ; die fliegen, weffzen und hurneyszen. Steinhöwel (1487) 53ᵇ; ist gut wider allerlei thier, so da stechen, als da sind die hurnäusz und dergleichen. Tabernaemontanus kräuterb. 847.
4)
mit schwächung des vocals der letzten silbe schon ahd. horniʒ, hurniʒ (Graff 4, 1039), auch mhd. horniʒ, harniʒ: scarabei, die sint rôt als die horniʒ, si sint aber klainer wan die websen. Megenberg 292, 36; si (die bienen, acc.) laidigent (schädigen) auch von nâtûr die websen und die harniʒ. 291, 35; crabro hurnisz, hurnis, hornisz Dief. a. a. o.; verbreitert hornüsch: von dem hornüsch und einer bynen. B. Waldis Esop 3, 85 überschr.; umgelautet hörnis: das in hart beiszet oder sticht, als ein hörnis oder wurm. Luther 3, 246ᵇ; so wil er aber ein anders haben, so kriegt er denn humeln für fliegen, und zu letzt hörnissen für humeln. 321ᵇ.
5)
auf dieser form beruht die heute allein schriftgemäsze hornisse, wobei das männliche geschlecht in das weibliche sich ändert, und die hauptbetonung wenigstens jetzt meist auf die zweite silbe gerückt ist (hornísse). wie früh beides statt hat, ist nicht zu sagen, die alte betonung hórnisse noch bei Schiller:
und unterwegs begegnet ihm ein schwarm
von hornissen, die fallen auf sein ross,
dasz es für marter todt zu boden sinkt.
Tell 4, 3.
der plur. hornissen, den Luther häufig braucht (vergl. auch oben 2 den plur. hurnauszen) scheint schon weiblichem hornisz, hornisse anzugehören: ich wil hornissen fur dir her senden. 2 Mos. 23, 28; da zu wird der herr dein gott hornissen unter sie senden, bis umbbracht werde, was uberig ist. 5 Mos. 7, 20; und sandte hornissen fur euch her. Jos. 24, 12; sandtest fur dir her deine vordraber, nemlich, dein heer, die hornissen, auf das sie die selbigen mit der weile umbbrechten. weish. Sal. 12, 7. die wörterbücher seit dem 17. jahrh. verzeichnen das wort nur noch als weiblich: die hurnis crabro Schottel 1339; die hörnis, hornüsz, crabro Stieler 776; die horneisz Frisch 1, 469ᵇ; die hornisz Adelung; die hornisse, crabro, oestrum Steinbach 1, 788; hornisz, ist ein fliegendes ungeziefer ... wenn ein mensch von einer hornisse gestochen ist, soll man etliche fliegen fangen und auf dem stich zerdrucken. öcon. lex. 1079; die wuth .. einer zur rache gereizten hornisse. Wieland 3, 126 (105). Sprichwörtlich hornissen im kopfe haben, böse sein; was stellet er manchmahl nicht mit allerlei künsten an, wann er recht aufgeräumet ist? ist ihm aber eine hornisse im kopf, mag sich einer hüten, wann das wetter einschläget. ped. schulf. 74. bergmännisch hornissen auslassen, unfug treiben. Veith bergwörterbuch 275; hornüssen auslassen, ist so viel, als wenn die bergjungen unfug treiben. bergwerkslex. 303ᵇ. s. unter 6.
6)
gekürzte form zu hornisz, hornisse ist hornse, hörnse, männlich oder weiblich: crabro hörnsen, hürmsen Dief. 154ᶜ; und dem (Midas) man sein hornsen auf der hornstadt hat ausgelassen (vergl. oben 5 und hornstatt), wie dieser brauch noch heutiges tags bei dem bergwerk geblieben und die gugeln von bergkappen an die kauen genagelt werden. Mathes. Sar. 13ᵇ; das verdrosz den abgott Apollo, der schuff seinem richter (Midas) zwei eselsohren, die truge er ein lange zeit unter seiner bergkhaub oder bergkap verborgen, bisz ihm sein diener den hornsen auszliesz und bracht sein thorheit in die gruben. 14ᵇ; aber gleichwol ist Salomon ein kluger und glückseliger bergman, ob er schon in fremde zechen eingefaren und seine weiber im den hornsen haben auszgelassen. 22ᵃ;
die biene, fliege, mück, und wespen, hörusen, hummeln.
Wiedemann Jul. 23;
noch jetzt rheinisch der hermes, hornisse, wespe. Kehrein 194. niederdeutsch entspricht, da das s dieses wortes auf früheres ʒ zurückgeht, hornte bei Frisch 1, 469ᵇ aus Chytraeus.
7)
verschiedene erweiterte formen: crabro hurnüssel, hurnessel, hornessel Dief. a. a. o.; fand er ungevarlich einen hurneiszel, das ist einen gar groszen weffzen. Steinhöwel (1487) 65ᵇ;
im kopf so stechen in die egeln,
die hurneuszl, die hundsmuckn und grillen.
H. Sachs 4, 3, 9ᵈ;
wenn der grosze hurneiszel nit
als ein mitler werd machen frid (zwischen mücken und ameisen).
mückenkr. 1, 609;
der groszen rosskäfer oder hürnisseln eine. Kirchhof wendunmut 256ᵇ;
zu dem hornüschel kam ein byn.
B. Waldis Esop 3, 85, 1;
wer kann der flamme befehlen, dasz sie nicht auch durch die gesegneten saaten wüthe, wenn sie das genist der hornissel zerstören soll? Schiller räub. 2, 3; rheinisch die hornessel; hornissel Kehrein 201.
8)
auch formen mit gutturalis in der zweiten silbe: crabro hornig, horning Dief. a. a. o.; horneche, hornech nov. gloss. 117ᵃ; noch niederdeutsch horneke, hornke hornisse Schamb. 86ᵃ; hork Schütze 2, 164. eine form hornigel (die sich zu hornig verhielte wie hornissel zu hornisz) wäre vorauszusetzen (vergl. hornigeln zu ende), kann aber nicht belegt werden, doch s. hornickel sp. 1826.
9)
endlich formen mit l statt n, manigfach wechselnd: crabro horlitz Dief. a. a. o.; von dem harliʒ. crabro haiʒt ain harliʒ oder ain harniʒ. Megenberg 300, 12; hörlitze Nemnich; hurlassen in Kärnthen Lexer 146. niederländisch ist horsel, crabro, tabanus, asilus, oestrum Kilian; vergl. auch deutsches horssel oben unter 2.
10)
hurneusel in folgendem: item wie man (dem doctor Luther) meldet, dasz etliche hurneusel grosze klöstergüter an sich gezogen und hofschranzen damit begnadet hätten. Schuppius 830 (aus Mathesius). ob hierbei die hornisse als bild für einen groszen bösewicht gebraucht ist, steht dahin. vgl. obenhornickel.
11)
man faszt hornisse gewöhnlich als ableitung zu horn (gramm. 2, 223), und denkt sich den namen zusammenhängend mit dem summenden tone beim fluge des thieres, den man für einen hornähnlichen nimmt (Wackernagel, voces var. anim. 71). aber wenn auch mhd. dieʒen vom horne wie von der hornisse gebraucht wird:
der hornuʒ sol dieʒen.
Iwein 209,
so ist doch, da als kern des wortes neben horn- auch horl- und hors- geht, wahrscheinlicher, dasz dasselbe ein lautmalendes und erst später zu horn in beziehung gebrachtes gebilde sei. so ist kymrisch chwyrnu schnarchen, schnarren lautmalend und chwyrnores hornisse aufs engste damit zusammenhängend.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1875), Bd. IV,II (1877), Sp. 1827, Z. 19.

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Zitationshilfe
„hornisse“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/hornisse>, abgerufen am 21.09.2020.

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