Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

horst, m.

horst, m.
strauchwerk; nest der raubvögel. dem alten oberdeutschen masc. und fem. hurst gegenüber, das manigfach im nhd. noch fortlebt (s. an alphabet. stelle), findet sich ein ebenso zwiegeschlechtiges meist mitteldeutsches und niederdeutsches, doch auch bis nach Augsburg (im sinne von gebüsch, wald Schmid 288) reichendes horst, schon früh in ortsnamen (Graff 4, 1042), das theils dialektisch und in der technischen sprache haftet, theils sich (in den bedeutungen 2 und 3) bürgerrecht in der gewählten sprache errungen hat.
1)
mit dem sp. 498 aufgeführten harst eng verwandt, entwickelt horst aus der allgemeinen vorstellung reiswerk, gestrüpp heraus mancherlei bedeutungen: niederl. horscht, horst, virgultum, sylva humiles tantum frutices proferens, frutetum, frutectum, senticetum Kilian; mitteldeutsch und niederdeutsch eine bewachsene anhöhe über niedrigerem sumpflande, vergl. Lübben in der Germania 8, 371; horst, ein im moorland liegender erhabener platz oder hügel, der auch in nassen jahren trocken bleibt. Jacobsson 2, 289ᵃ, vgl. Schambach 86ᵇ: host, eine bewachsene kleine erhöhung im sumpfe, vermöge welcher man denselben passieren kann, indem man von der einen auf die andere springt; horst colliculus, a quibusdam virgultum horst dicitur. Alberus BB 4ᵇ; collis ein horst Trochus J 2ᵇ, also bewachsene anhöhe im allgemeinen, wie im Reineke fuchs:
dat he alles gudes nicht hadde mêr,
dan alleine eine kleine worst
in eineme winter up einer horst.
v. 76, vgl. 258.
dann kleiner wald: horst, ein buschiger oder waldiger ort. Frisch 1, 469ᶜ; (wir gewahren) seitwärts in dem winkel einer thalschlucht ... einen hochwald alter eichen. obgleich zurückgedrängt beinahe zu einer bloszen baumgruppe oder wie der forstmann es benennet, zu einem horste u. s. w. Adolf Müller in der Didaskalia vom 5. august 1871; endlich auch ein bloszer büschel sumpfgras oder im wasser stehendes rohr. Frisch a. a. o.; nach Schambach auch büschel kartoffeln, vitsbohnen, erdbeeren, wismuth u. a.; sogar eine mit getreide bewachsene kleinere fläche. in allen diesen bedeutungen ist das wort der allgemeinen schriftsprache unbekannt geblieben.
2)
horst, das von reisern gebaute nest eines gröszeren raub- oder stoszvogels, scheint als jägerausdruck zufrühest nur in ostmitteldeutschen gegenden heimisch zu sein: horst ist ein terminus, so nur bei den raub- und stoszvögeln, dergleichen adler, habichte, falken u. s. f. gebraucht wird, und ein nest bedeutet. öcon. lex. (Leipzig 1731) 1082; bei Göchhausen sowol als masc., wie als fem.: (dasz der schuhu) einen ganzen haasen in seinen fängen heben, und in der luft zu seinem horst forttragen kan. notab. venat. (Weimar 1741, zuerst 1710) 144; seine horst hat er (der adler) in denen wäldern an einsamen und düstern örtern. 143; ihre (der neuntödter) horst und brut ist auf heckichten oder dornichten sträuchen. 152; sonderlich ist zu merken, dasz sie (die elstern) ihre nester oder horsten oben mit geniste zuwölben. 158; und ist seit der zweiten hälfte des vorigen jahrhunderts als masc. in der allgemeinen schriftsprache gebräuchlich: wenn der adler .. in gesellschaft eines weibchens um den gipfel, dem er seinen horst und seine jungen anvertrauet hat, grosze kreise in sanfter eintracht zieht. Göthe 16, 199; Flamin hatte eine grosze männliche gestalt, seine ineinander und zurückgedrängte schmale stirn war der horst des muths. J. Paul Hesp. 3, 154; stand er wie ein sturmvogel mit aufgeblättertem gefieder auf dem blühenden horst (einer hohen gartenterrasse). Tit. 1, 13;
und ward bei rings verhegtem königsforste
mir nie ein wild mit stattlichem geweih, ...
ein vogel kaum, mit hungrigem geschrei
hintaumelnd um die dürren klippenhorste.
Uhland ged. 430;
nur zuweilen kreischt verspätet ein vom horst verirrter geier.
Freiligrath dicht. 1, 153.
3)
übertragen auf eine hoch gelegene menschliche wohnung, namentlich eine ritterburg (vgl. felsennest):
was sitzet ihr daheim in euren horsten.
Rückert 125;
es ragt, umkrönt von thürmen, empor aus dunklem forst
ein steiler, luftger felsen, das ist der raubherrn horst.
Chamisso ged. 229.
4)
obersächsisch heiszt horst auch ein haufen sand oder erde, den besonders das wasser zusammengeführt hat. Adelung; bei den mannsfeldischen bergleuten ist es eine scharfe, unregelmäszige biegung eines flötzes nach oben oder unten, kleiner sattel oder kleine mulde. Veith bergwörterb. 276.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1875), Bd. IV,II (1877), Sp. 1833, Z. 62.

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Zitationshilfe
„horst“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/horst>.

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