Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

hort, m.

hort, m.
schatz. goth. huzd; alts. hord; ags. hord, engl. hoard; altnord. hodd; ahd. hort; überall neutrum, das männliche geschlecht zeigt sich erst, aber auch ohne schwanken, im mhd. hort. im worte liegt der begriff des bewachens, hütens, es ist mit lat. custos, custodia, curare für cusare aufs engste verwandt, vergl. Grimm mythol. 922. Es bezeichnet
1)
aufgehäufte kostbarkeiten, gesammelter schatz, vorzüglich mhd.:
daʒ (land) hieʒ Niblunge,   dâ er den grôʒen hort besaʒ.
Nib. 453, 4;
dô si den hort behielten   in Gunthêres lant
und sich diu küniginne   des alles underwant,
kamere unde türne   sîn wurden vol getragen.
1065, 1;
vielleicht auch später (wenn in der folgenden stelle nicht die bedeutung 4 schon anzunehmen ist):
uff myn libry ich mych verlan,
von büchern hab ich groszen hort.
Brant narrensch. 1, 5;
kaum aber noch hie und da in diesem sinne im 16. jahrh.: sie behalt das wort, ain ander den hort. S. Frank paradoxa 61; doch mundartlich im bairischen als hourt und heurt bis jetzt erhalten. Schm. 1, 1170 Fromm. in der neuern schriftsprache ist es wieder aufgefrischt worden (in dieser wie in der bedeutung 5, s. unten):
ihr seid der schätze würdigste custoden,
ihr kennt den weiten wohlverwahrten hort,
und wenn man gräbt, so seis auf euer wort.
Göthe 41, 68;
so birgt der weisheit süszen hort
in seiner brust der morsche greis.
Lenau neue ged. 98;
für deutsches recht, für deutsches wort,
für deutsche sitt und art,
für jeden heilgen deutschen hort,
hurrah! zur kriegesfahrt!
Freiligrath dichtungen 4, 67;
wo dein herz wohnt, da liegt dein hort. Simrock sprichw. 247.
2)
der oder die geliebte ward mit hort angeredet, wie sonst mit schatz:
ich puolt umb eine eins wol zwir,
die pot mir doch die süesten wort,
meint ie, ich wer ir höchster hort.
fastn. sp. 340, 26;
gib her dein hant, du edler hort!
ich pin mit dir hie und dort.
620, 8;
freu dich, libster hort.
fundgr. 1, 334, 5;
der knab erfrewet sich der wort,
er sprach mein allerhöchste hort,
mit weiszen armen er sie umbfieng!
Ambraser liederb. no. 155, 32;
hord von einem weib, ein auszerwälte schöne fraw, lectissima foemina. Maaler 231ᵃ; mein der allerliebst und höchst freünd, mein hord, mein trost und läben, animae meae pars. das.
3)
hort, etwas erlesenes, kostbares, im mhd. zu einem vorhergehenden genitiv begriffsteigernd gesetzt, vgl. gramm. 4, 725:
minne ist aller tugende ein hort.
Walther 14, 8;
ungezieret sint mîn wort;
doch hânt si kluoger sinnen hort.
Boner epilog 14;
darauf fuszt noch Murners
mit schriben treib er groszen hort
und kundt doch reden nit ein wort.
geuchm. X ij,
schrieb auserlesen, gewählt. vgl. auch unten hortreich.
4)
gewöhnlich aber ist im 15., 16. jahrhundert hort zu einer bezeichnung dessen wes man sich tröstet, worauf man sich verläszt oder stützt, abgeblaszt: der rächt hord under dem volk, flos delibatus populi Maaler 231ᵃ; L. Quintius Cincinatus der einzige hort. Rihel Livius 130;
die warheit ist nur unser hort.
Murner schelmenzunft 8ᵃ;
suͦchstu in gelt den hösten hort,
so glaybstu wenig Christi wort.
Schwarzenberg 145ᵃ.
in dieser bedeutung kannte und benutzte für die bibelübersetzung Luther das wort, bezogen auf gott: hort hab ich verdeudscht (ps. 62, 3), da auf ebreisch stehet zur, welches heiszt einen fels, denn hort heiszen wir, darauf wir uns verlassen, und uns sein trösten. 3, 297ᵃ; gott ist mein hort, auf den ich trawe. 2 Sam. 22, 3; es hat der gott Israel zu mir gesprochen, der hort Israel hat geredt. 23, 3; wo ist ein gott, on der herr? oder ein hort, on unser gott? ps. 18, 32; mein gott ist der hort meiner zuversicht. 94, 22; jauchzen dem hort unsers heils. 95, 1; danach gab Alberus hort mit petra, fortis, servator, und ward es auch sonst gebraucht, selbst zur zeit des 17. und bis ins 18. jahrh. hinein, wo es auszerhalb der bibelsprache veraltet war: das diser ware Messias ... der seelen hort und heiland sei. Mathes. Sar. 3ᵇ;
du heiliges licht, edler hort,
las uns leuchten des lebens wort.
Luther 8, 360ᵇ;
mein hort, mein trost, mein aufenthalt.
G. Wickram irr reitend bilger c 2, bl. 6;
sie suchten ihres herzens hort (Jesum).
P. Gerhard no. 29, 11;
indessen gib, dasz ich, o wahre seelenspeis,
mich von der faulen welt und ihrer lust abreisz,
und bald zu dir, mein hort, mit adlersflügeln schwinge.
A. Gryphius 1698 2, 424;
gott ist mein hort!
Gellert 2, 152;
herr unser hort,
lasz uns diesz wort!
153.
in schwungvoller rede wird hort selbst auf die weltliche geliebte gewendet:
o meiner sehlen süszer hort,
ich trag zu dir in meinem herzen
mehr lieb dan augenblick ein jahr.
Weckherlin 409;
der lieb wahrer hort und port.
587,
wenn hier nicht ein nachklang des gebrauchs 2 vorliegt.
5)
wie viele alte wörter, erfährt hort in dieser bedeutung (4) erneuerung in der 2. hälfte des 18. jahrh., indem es zugleich seiner ausschlieszlich religiösen verwendung enthoben und in dem allgemeinen sinne schutz, schirm, sowol auf personen wie selbst auf dinge bezogen wird:
Ajas der held, der gewaltige hort der Achaier.
Ilias 3, 229;
der für seine hausaltäre
kämpfend sank, ein schirm und hort.
Schiller siegesfest;
ich redete vom vergangnen, verlornen, und glaubte, die zweige sproszten schon wieder. oh! und sie finden, dasz sie neuerdings abgehauen, dasz neuerdings kein schatten und kein hort darunter ist. Göthe an frau v. Stein 1, 124 (von 1777);
entzwei und gebiete! tüchtig wort:
verein und leite! bessrer hort.
werke 2, 262.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1875), Bd. IV,II (1877), Sp. 1835, Z. 1.

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Zitationshilfe
„hort“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/hort>.

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