Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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hott, hotta, hotte

hott, hotta, hotte,
zuruf an thiere, meist fuhrmannswort.
1)
im allgemein treibenden, scheuchenden sinne:
die nachtigal, die nachtigal,
die sasz auf einer stauden,
sie sang der braut den 'hott vom zaun!'
sie dacht sie selber zbrauten.
Uhland volksl. 42 (vogelhochzeit);
und dann rein ermunternder zuruf an zugvieh: wenn ein roller etwan ein pferd hat und spricht Heinzlin hotta, huͦsta Heinzlin, es kert sich nit daran. Keisersberg sünd. d. munds 35ᵈ; nun hotta Bläszle heijum, dasz man noch ferner kum. Fischart groszm. 61; hotta schimmele schelmele! Garg. 134;
nun, weils denn so ist, hott! mein gäulchen, grad nach haus!
Wieland 18, 136.
2)
häufiger zuruf nach rechts zu gehen; vielleicht hat sich dieser sinn aus dem vorigen nur herausgebildet weil bei dem zweigespann der zuruf hott an das hauptpferd, das rechts gehende sattelpferd am meisten gerichtet wurde: hott rechts, schwude, links, bei den fuhrleuten. Rüdiger neuester zuw. 2, 118; rufen sie hotta, so gehts wust. Garg. 213ᵇ; sind wort, so die ackerleute in brauch haben: fornen dran, ist hot fornen, auf die rechte hand. Philander 2, 304; die herren müssens einnehmen wie sie es ausgeben, rufen sie hott so gehts suder. Lehmann 87; wenn ich hotte schrie, lenkten sie wüste. Thümmel 5, 162;
da lenkt sich all mein leben, hott!
leicht, wie mein sattelpferd!
K. Schmidt im Leipziger musenalm. 1779, 252.
bei aufzählung von fuhrmannsrufen:
wer mit pferden reden wil,
darf den Amadis nicht viel;
hotte, stoh,
tschwuid und o!
wer es kan mit fusz, hand, mund,
kan der sprache meisten grund.
Logau 1, 125, 36 (die fuhrmannssprache);
als kehrreim in einem spottliede auf bauern:
die bauern von sanct Pölten,
darzu die ganze gmein,
wüste! hotta ho!
sie ritten auf ein hochzeit,
ir keiner blib daheim,
wüste! hotta ho ho!
Uhland volksl. 651.
3)
daher als adverb der richtung: wie ein wagen, so in der nacht feret, und nach gedunken gehen mus, oft nicht weis, wohin, und wenn er meinet, er wölle hothin faren, so ist er schwothin gefaren. Luther 6, 138ᵃ; das auf dem rechten wege nichts bleiben wil, es wil entweder hotte oder schwode hinaus, wie die kollern und tollern geule thun. 157ᵇ; ein ungleich paar ochsen, die ackern sollen, da einer hott, der ander har gehet, die werden nimmermehr keine starke forch machen. Creidius 1, 476; einer will hot, der ander wüst oder haar. Wurmsaam wurmland 38;
einer lauft hotte hin,
der ander zwutte nach seinem sin,
der dritt gradaus.
Eyering 2, 48;
hotta tibi dextram, sed dat tibi westa sinistram.
interim 543.
vgl. auch hotto und hotten.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1875), Bd. IV,II (1877), Sp. 1844, Z. 41.

hotte, f.

hotte, f.
1)
ein gefäsz auf dem rücken zu tragen; theils von holz, eine bütte: hotte, ein langes hölzernes gefäsz, eine butte so man auf dem rücken trägt Jacobsson 2, 289ᵇ; schwäbisch hotte butte Schmid 282; rheinisch hotte eine art bütte die an riemen auf dem rücken getragen wird Kehrein 202; theils von weidengeflecht, so in der Schweiz: hutte, ein derartiger rückenkorb, auch als masz für trockene früchte gebraucht. Stalder 2, 67. die winzer tragen in der hotte die trauben zur kelter, daher: item zum eilften mal fragt der schultes den schöffen, wie dick der gemein man .. soll und verpflichtig sei burgkwerk gen Hornbach in dem jahr zu thun? .. antwortt der schöffen, das der benant man soll solches in dem jahr thun dreimal mit der hauwen und mit der hotten. weisth. 5, 697 (rheinisch, von 1476), d. h. zu den zeiten wenn der wein behauen und wenn er gelesen wird.
2)
hotte, buttermilch oder quark, im östlichen Mitteldeutschland und niederdeutsch: serum secundarium hotte f. bottermilch Dief. 530ᶜ (aus Trochus); seruncula hotte das. (niederd. vocab. von 1420); battudo hott, hotte 70ᵃ; battudo, balducta hotte nov. gloss. 50ᵃ (aus niederdeutschen vocabularien); hotte, die geronnene und dann aufgewärmte milch, woraus käse gemacht wird. Schambach 86ᵇ; niederländisch hotte i. matten, lac coagulatum Kilian; in der zeitung Deutschland vom 10. sept. 1865 zeigt ein käsefabrikant aus Vogelsberg bei Weimar an: ich mache hierdurch bekannt, dasz ich gut aufgetretene und ausgepreszte käsehotten (käsematz) kaufe.
3)
in Niederhessen sind hotten, schwinghotten die wolligen flachsabfälle, welche sich bei dem schwingen des flachses bilden. Vilmar 176.
4)
hotte, in Bünden ein leitseil. Stalder 2, 57. Die bedeutungen 1-3 sind wol nichts anders als vereinzelungen der allgemeinen zu grunde liegenden vorstellung des schaukelns und schwingens, die in einer reihe von hierher gehörigen landschaftlichen wörtern deutlich zu tage tritt: in der bernischen kindersprache heiszt hottel die kutsche und die schaukel, hottern schütteln, rütteln auf und ab (Stalder 2, 57); schwäbisch hottern neben hotscheln und hotschen zittern (Schmid 282); kärntnisch hotteln herumschweifen, lüderlich sein (Lexer 144); im nassauischen heiszt hottern, wenn maulwürfe und grosze mäuse im fortkriechen fast auf der oberfläche das land durchwühlen (Kehrein 202), vergl. unten hotten; selbst auf schwankende gemütsbewegungen ist der begriff übertragen: hotterig unwillig, launisch Stalder 2, 523. speciell die bedeutung oben 2 berührt hessisches hotteln und (selten) hotten, den scheidungsprocess der milch bezeichnend, wenn sie zusammenläuft, d. h. käswasser und käsestoff sich scheiden. Vilmar 176; im göttingischen hötteln, zu hotte werden, gerinnen, sauer werden Schambach 86ᵇ; holländ. hotten coagulare, coalere, coalescere, concrescere Kilian. — hotte leitseil (oben 4) geht wol direct auf das hotten vorwärts treiben der fuhrmannssprache zurück.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1875), Bd. IV,II (1877), Sp. 1845, Z. 16.

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Zitationshilfe
„hotte“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/hotte>.

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