Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

hui, interj.

hui, interj.
1)
im allgemeinsten sinne etwas schnelles, plötzliches malend; gewöhnlich einsilbig kurz gesprochen, auch huj geschrieben (s. unten die stelle aus Rompler unter no. 2, und vergl. unter huien), selten zweisilbig gebraucht:
und hui! kömmt im vollen lauf
der wagen angerollt.
Overbeck ged. 107;
und hui! gehts im raschen trab.
ebenda.
Es steht
a)
zufrühest zu raschem handeln antreibend: hui age Alb. s 3ᵃ; hui agedum, hui dran! Hh 3ᵃ; huyauf, wolan dran, agitedum, huy auf, hebend euch darvon, streichend hinwäg, abite Maaler 233ᶜ; die könige haben sich mit dem schwert verderbet, und einer wird den andern geschlagen haben, hui Moab, mach dich nur zur ausbeute. 2 kön. 3, 23 (ebenso in der Zürcher bibel); hui verklagt in! Jer. 20, 10; hui, hui, flieht aus dem mitternacht lande. Sacharja 2, 6; hui Zion, die du wonest bei der tochter Babel, entrinne. v. 7; so warens auch nit ganz bücher vol lester wort, es war auch nit hui und trotz (trotz ist hier interjection), jagten auch nie kein ausz dem land. Ickelsamer klag etlicher brüder a 3ᵃ; hui hipenbub, stürz das vasz umb. Garg. 87ᵇ; hieher Cordele, hui auf, an mein grüne seiten. 92ᵃ; hui annen (= anhin), hui annen, lerma, lerma, ir hofleut. 96ᵃ;
so hui, schnell uf, ir lieben gsellen.
Rüff Adam u. Heva B 3ᵃ;
nun hui, gang naher, lüpf den stil.
trag. Joh. kij;
ei das essen wird aller kalt,
setzt euch ihr leutlein hui nur bald.
amantes amentes F 8.
als weidmännischer hetzruf: als einen jäger traumet, wie er in einem fruchtbaren aichwald ein wolgewaffnetes wildschwein antreffe, dessentwegen mitten im schlaf aufschreiet: hui sau! Abr. a S. Clara Judas d. erzschelm 1, 2. vgl. dazu auch hu 6 sp. 1848.
b)
den plötzlichen ausbruch einer freude begleitend: wenn die dromete fast klingt, spricht es (das ross) hui, und reucht den streit von ferne. Hiob 39, 25; aber das beste ist, das sie .. umb sonst gerhümet und hui gesungen haben. Luther 5, 51ᵇ; summa, wir wollen beten und hoffen, bis vollend ganz gut werde, und nicht für den hamen fischen, noch bei (dabei?) hui sprechen, ehe wir recht gründlich eins werden. br. 4, 220; es soll keiner hui sagen, ehe er ubern bach keme. Mathes. Sar. 16ᵃ; er sprech nicht hui, ehe er über den berg komme. Neander sprichw. 11; hui flaschentrager, wie hast so ein holdseligen rucken? Garg. 87ᵇ;
und dacht in seinem liebessinn:
hui, hui, ich bilde mir fast ein,
dasz die wird meine liebste sein.
Neumark lustwäldchen 121.
mit einem genitiv verbunden: hui der künftigen morgenröthe in der hand eines bessern erben. Claudius 1, 113.
c)
hui ermunternd: aber das sind mir die allerbesten gesellen, die sich für der schlacht ermanen und ermanen lassen, durch die löbliche andacht irer bulschaft, und lassen inen sagen, hui nu, denke ein jglicher an seinen liebsten bulen. Luther 3, 329ᵃ; hui nu, antwortet doch mir, ich darf hie nötiger unterricht. 360ᵇ; hui las hie antworten, sie mügen ja nicht leugnen, das hie gottes wort sei. 386ᵃ; hui nemet ein exempel ihr betrüglichen herzen, hui nempt ein exempel ihr getrewen herzen. engl. comöd. 1, Nn 3; hui kom geschwind. Cc 3ᵇ; da gedachte ich dann: hui, Simplici, lasz dich adeln! Simpl. 1, 300.
d)
hui, als einleitung zu einem widerspruch, als zeichen der nichtberücksichtigung von etwas vorher gebrachten: und kan ich bei meinen pirn wol merken, wann andere zeitig sein. hui geck! mögte mir einer antworten, wann du ein narr bist, meinest du darum, andere sein es auch? Simpl. 1, 316 Kurz; frau. sieh doch nur erst die prächtigen bücher an, die der herr major ins haus geschafft haben. deine tochter betet auch immer draus. Miller (pfeift) hui da! betet! du hast den witz davon. Schiller kab. u. liebe 1, 1;
hui, singt er, hui! wer macht aus wind,
wer sich aus regen was?
Bürger 4ᵃ.
e)
auch als zeichen einer überraschung: hui bistu der schelm der ... engl. com. 2, V 8ᵇ; hui! spricht so mein hühnchen? Fr. Müller 2, 114;
hui da! was wollt ihr nur? — verdammt!
zu mächtig sind mir die hallunken!
Freiligrath dichtungen 3, 66.
f)
sehr häufig leitet hui einen plötzlichen einfall, einen schnell auftauchenden gedanken ein: da sagte ich dann oft zu mir selber: hui, Simplici, meinest du auch wol, es geschehe dir unrecht, wann dir einer wieder wett spielte, was du zu Parisz begangen? Simpl. 1, 316 Kurz; hui! dacht ich da bei mir selbst, wie der herr Veit musz man es nicht machen. Engel phil. für die welt 16; hui! dacht ich da wieder, das ist doch drollig. das.;
hui,
der tempelherr ist drum (um die tochter).
Lessing 2, 328.
vielfach vor einem abhängigen satz mit dasz: hui dasz sich das blätgen umkehrt, ich werde fürste und du wirst narr. Chr. Weise erzn. 228; hui! dachte sie, das deine eltern durch ihr geld und gut sich unsterblich machen wollen. pol. stockf. 341; und musz er sich denn eben gleich bei mir anmelden lassen? hui dasz — — nein, herr Valer, damit kommen sie zu spät. Lessing 1, 225; Chrys. kaum? was willst du mit dem kaum sagen, schlingel? Anton. hui, dasz sie etwas schlimmers darunter verstehn, als ich. 230; hui! dasz Valer schon den vogel gefangen hat. 236; hui, dasz ihm mein bruder von Leandern etwas in den kopf gesetzt hat? 361; ich merke zwar bald, was es sein kann? hui! dasz sie die liebe quält. 2, 370; hui, dasz sie denken, feriam heisze: ich will tragen; weil sie sich erinnern von feram einmal ein gleiches gehört zu haben? 3, 409; wie weit bin ich? hui, dasz mir meine leser alles, was ich mir so mühsam erstritten habe, von selbst geschenkt hätten? 5, 381.
g)
hui, in der neuern sprache gewöhnlich, allgemein grosze geschwindigkeit malend: bei Frisch ist hui antrieb etwas geschwind zu thun, oder ein geschrei, dasz etwas zu geschwind geschieht. 1, 473ᶜ; hui bin ich aus dem bette in die küche. Göthe 7, 129; hui! wie beide auf die füsze fuhren, als vor ihren langsam sich öffnenden augen plötzlich der helle tag stand. J. Gotthelf Uli d. pächter s. 10;
und hui! wars unter ihr hinab
verschwunden und versunken.
Bürger 15ᵇ;
hui! auf der freiherr, hui! heraus,
bewehrte sich zum streite.
53ᵇ;
hui! will sie ihn beim wirbel packen;
hui! steht sein angesicht im nacken.
71ᵇ;
hui! ich über den zaun, und im flug durch dornen und disteln
renn ich die koppel entlang.
Voss 2, 76 (idyll. 5, 29).
h)
hui in der reimenden verbindung hui und pfui, einen plötzlich hervorbrechenden ekel bezeichnend:
buhlerisch gewogen
war sie manchem jungen schönen mann.
doch, so bald sie satt der lust gepflogen,
spie sie, hui und pfui! sein antlitz an.
hui und pfui! ward er zum ungeheuer,
dessen namen ihre zunge sprach.
Bürger 57ᵃ.
2)
hui ist, nachweislich seit dem 16. jahrh., auch als substantiv viel gebraucht, entweder in neutralem geschlecht: das der allmechtige gott nicht hat die welt auf ein hui geschaffen. Luther 4, 4ᵃ; oder auch in männlichem: der hui, momentum Steinbach 1, 790; etwas auf einen hui tuhn, subito facere Stieler 871; gewöhnlich aber begegnen nur die festen verbindungen im hui, in einem hui: in einem hui, das ist augenblick. Katziporus b 2ᵇ; wenn er die sonne aufgehen lesset, treibet er sie also, das sie von morgen an bis auf den abend leuft, so sie doch wol in einer stunde, vom morgen bis zum abend gehen künd, ja in einem hui, an beiden örten sein, er thuts aber nicht, sondern gibt raum und weil dazu. Luther 4, 8ᵇ; mit lauter vollen leuten, die inn einem hew mit dem kopf hindurch wöllen, wie das tholl vich. S. Frank laster d. trunkenh. h iij; im hui begundt der geharnischte zu fliehen. Kirchhof wendunmut 257ᵃ; dörfer, heuszer, zeune, fruchtbare bäume sindt im hui dahin, dasz niemandt ihre stätte finden kan. hinwider .. wirstu in einem hui so viel zelten, losamenter und hütten, auch feuwerstätte finden, als ob in einem augenblick ein grosze statt da worden wäre. milit. disc. 130; im hui und schleunig .. die knechte in eine schlachtordnung zu bringen. 152; der poet kan dich, wie Jupiter Europam, in einem hui über das wilde meer, ja bis in den himmel führen Butschky Patm. 270; bisz er eine hand voll (erde eines am eishaufens) ergriff, durch deren kraft und würkung er mir in einem hui verschwandt. Simpl. 4, 29 Kurz; gerieth er ans spiel, und ward des geldes im hui los. Wesenigk spielsieben (1702) s. 100; stellte ich mich neben eine der gröszten kanonen, die so eben nach der festung abgefeuert ward, und sprang im hui auf die kugel. Münchhausens reisen 52; hier und dort im hui, hieb und stosz zugleich. Fr. Müller 1, 365;
im hui viel tausend kugel kamen
daher geflogen wie die falken.
mückenkr. 3, 586;
in einem hui wird dir das glücke ganz geneiget.
Opitz 2, 225;
in einem huj hernach fällt ungewitter ein.
Rompler 77;
betrachte, wer ich bin:
im hui fahr ich dahin.
P. Gerhard 37, 6;
man zeucht in einem hui die schwerter aus den scheiden.
A. Gryphius 1698 1, 73;
wer schwere sachen lehrt und grosze bücher schreibet,
die man auf einmal nicht im hui durchlesen kan.
Wiedemann gefangenschaften, märz s. 14;
in einem hui verderben seine kinder.
Neumark lustwäldch. 4;
(damit ich) vermögend wär, im hui den reichsten bettler
in einen armen reichen zu verwandeln?
Lessing 2, 210;
regiert
nicht eine windsbraut oft und rührt
in einen garstgen brei die liebe welt zusammen,
setzt euch in einem hui das gröszte schlosz in flammen?
Wieland 10, 315 (307);
führt mich in einem hui dahin, zurück
in einem hui.
Schiller 16;
auch freier:
kennst du das wunderbare loos
der pflanze, die in ihrem schoos
zu viel empfindung nährt?
von einem finger angestört,
fährt sie, in blitzes hui, zusammen.
Kl. Schmidt poet. briefe 106.
hui auch personificiert: es sagen die spieler selbst, hui sei der spieler gott. wen rufen sie denn an? wer wird sie denn erhören? spielteufel (1564) D 6ᵇ. — im nassauischen heiszt der hui tausch in bausch und bogen. Kehrein 204; s. unten huien.
3)
hui, adjectiv, meist prädicativ in der formel hui sein, schnell überhin sein: dieser (artikel) ist wol ein wenig zu hui, aber doch nicht ganz falsch. Luther 2, 442ᵇ; darumb secht ihr, auch wie die zimmerleut die feinen hanen, also hui sind, wann sie über die blöcher springen. Garg. 127ᵃ; sei nicht hui das innerste deines gemüths zu offenbahren. pers. baumg. 7, 4: er ist hui in allen sachen, res suas celeriter expedit, ventis remisque properat. Stieler 871; er ist hui im reden, lingua celeri est, praecipitanter, inconsiderate loquitur. 872; der mensch ist von natur hui aufs böse, homo naturâ fertur in scelera. das.; du bist immer zu hui! Göthe 11, 17;
drauf sein die münch so hui und wacker.
B. Waldis d. päbstl. reich 2, 11.
auch in attributiver stellung: ein huier sinn, homo praeproperans, praecipitans res suas, praeceps, ein huier kopf, ingenium acre, felix, perspicax, acumen ingenii Stieler 871; nachdem aber die (allzu huie und geschwinde) execution wär vollzogen gewesen. curiöse grillen (Chemnitz 1728) s. 286;
(er) fast (faszt) sein huies pferd
im grimmen zwischen beide sporn.
mückenkr. 3, 394.
ferner als adverbium: der allzu hui gesandte (abgeschickte). zeitvertreiber (1668) s. 54; im nassauischen ich bin hui wieder da. Kehrein 204; redupliciert: grozse tiefe gräben durch die schanzbauwren nur huihui einebenen. Kirchhof mil. disc. 157.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1875), Bd. IV,II (1877), Sp. 1883, Z. 30.

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Zitationshilfe
„hui“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/hui>.

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