Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

humor, m.

humor, m.
stimmung, laune.
1)
das wort ist seit dem 16. jahrh. aus der gelehrtensprache in das deutsche aufgenommen worden, zunächst im lateinischen gewande, mit dem plur. humores (belege s. unten) und mit der betonung húmor des singulars:
dann man an der kleidung
gar bald und leicht abnimmet,
wie herz, rede und zung
auch humor zsamen stimmet.
Opel u. Cohn 412, 3 (von 1628).
später nach der mode der zeit in wälscher form gebraucht, wie denn Böcklers kriegsschule (1668) s. 1023 unter den 'kriegswörtern' (d. i. unter den zierlichen worten der soldaten) auch humeur mit der erklärung natur aufführt, und Rädlein 556ᵇ kopf, sinn, meinung, humör gibt; von dieser im 17. jahrh. viel gebrauchten form sind wir seit dem 18. zur lateinischen zurückgekehrt, aber die romanische betonung humór ist uns davon geblieben.
2)
humor war in der natur- und heillehre des mittelalters auch auf die feuchtigkeit, den saft im innern des menschen bezogen: naturlich feuchtigkeit, humor naturalis voc. inc. theut. o 4ᵇ; und da mit der beschaffenheit dieses saftes die menschliche art als eng zusammenhängend gedacht ward, so nahm das wort diesen letzteren sinn an, man unterschied bekanntlich vier hauptarten des menschen in bezug auf das gemüt (vgl. unter kalt 3 und komplexion): complexion, die naturliche vermischung und temperatur der vier humoren. Henisch 611. daher erwuchs die bedeutung stimmung, gesinnung, laune, die bis in unsere zeit vielfach bezeugt ist: weil aber mergedachter monsieur Fontaine des graven von Essex humores bekant, hab ich mich bei ihme erkündiget (wie bei ihm zu verfahren sei). Breuning v. Buchenbach 69; trabete fürders in holländ. dienste, allwo ich zwar richtigere bezahlung, aber einen langweiligen krieg vor meinem humor fand; dann da wurden wir eingehalten wie die mönche und solten züchtiger leben als die nonnen. Simpl. 1, 436 Kurz; man hätte eine zeitlang an meinem melancholischen humor wohl gesehen, dasz ich halber desperat gewesen wäre. 2, 56; die zeiten verändern die humorn, sonderlich in amptleuten. Lehmann flor. pol. 1, 23; ein fromm weib thut ihrem manne nichts zuwider, sondern richtet sich in billichen dingen, so viel immer möglich, nach seinem humor. Creidius 2, 70; jeder bube kann seinem humor nachlaufen, jeder narr, jedes genie. Fr. Müller 2, 44; da siehst du nun, wie viel vernünftiger es ist, die gelegenheit zu benützen, als dem humor etwas nachzufragen, wie verwöhnte kinder. Felder sonderl. 1, 229.
3)
die ausläufer dieser bedeutung namentlich bei Göthe, wenn er das wort in festen formeln braucht, guter, bester, übler, schlimmer humor, anlehnend an das häufige französ. belle, bonne, mauvaise humeur (Littré 1, 2065ᵃ): wenn ich in dem eigensinne künftige standhaftigkeit und festigkeit des charakters, in dem muthwillen guten humor, und leichtigkeit, über die gefahren der welt hinzuschlüpfen, erblicke. 16, 41; es sei mehr eigensinn und übler humor, als eingeschränktheit des verstandes, der ihn sich mitzutheilen hinderte. 44; 'ich habe noch nie gehört, dasz man gegen die üble laune vom predigtstuhle gearbeitet hätte'. das müssen die stadtpfarrer thun, sagte er, die bauern haben keinen bösen humor. 46; ihren mann fanden sie gleichfalls, da sie zu tische kamen, bei sehr üblem humor, und er fing schon an, ihn über kleinigkeiten auszulassen. 18, 202; jedes versäumnis, jedes unglück muszte mit geld gebüszt werden, und man ward noch obenein ausgelacht. diesz gab mir den allerschlimmsten humor. 24, 233; ich fing mit dem besten humor meine hypothetische lebensgeschichte zu erzählen an. 277; drum wünschen wir, dasz er (Bürger) möge in guten humor gesetzt werden, (in der übersetzung des Homer) fortzufahren. im teutschen Merkur 1776 febr. s. 193; ebenso bei Wieland:
wofern er durst und guten humor
zu bringen schwört (wird er zu einem feste zugelassen).
Wieland 5, 11 (n. Amad. 12, 13).
4)
der neuere begriff des humors hat sich zuerst in England ausgebildet. wie er auf grund der ältern bedeutung der individuellen seelenstimmung erwuchs, zeigt Lessing 7, 414, wie er durch Swift und Sterne gepflegt und vorzugsweise auch auf geistesverwandtem deutschen boden, zunächst als litterarische erscheinung entwickelt ward, beschreibt die litteraturgeschichte. J. Paul definiert in diesem sinne den humor: der humor, als das umgekehrte erhabene, vernichtet nicht das einzelne, sondern das endliche durch den kontrast mit der idee. es giebt für ihn keine einzelne thorheit, keine thoren, sondern nur thorheit und eine tolle welt, er hebt — ungleich dem gemeinen spaszmacher mit seinen seitenhieben — keine einzelne narrheit heraus, sondern er erniedrigt das grosze, aber ungleich der parodie, um ihm das kleine, und erhöhet das kleine, aber ungleich der ironie, um ihm das grosze an die seite zu setzen und so beide zu vernichten, weil vor der unendlichkeit alles gleich ist und nichts. vorsch. d. ästh. 1, 166. humor wird der bloszen laune entgegengesetzt: in bloszen lyrischen ergieszungen, worin der geist sich selber beschauet, malet Leibgeber seinen welt-humor, der nie das einzelne meint und tadelt, was sein freund Siebenkäs viel mehr thut, welchem ich daher mehr laune als humor zuschreiben möchte. s. 168. — Lessing hatte das englische humour noch in dem alten sinne durch laune übersetzt: vor itzo will ich nur die erklärung mitnehmen, welche Dryden von dem was die Engländer humor nennen, giebt. ich erinnere zugleich, dasz ich humor, wo ich das wort übersetzen will, durch laune gebe, weil ich nicht glaube, dasz man ein bequemeres in der ganzen deutschen sprache finden wird. 4, 339, nahm aber diese übersetzung 7, 416 als falsch zurück, mit recht, wegen des damals mehr wie heute völlig verschiedenen begriffs, vergl. das weitere unter laune. Die heutige sprache braucht humor häufig nur in dem sinne einer scherzhaften stimmung und deren äuszerung: man sagt, redet mir humor; man findet sich mit humor in diese oder jene lage; bei längerem zusammensein der gesellschaft machte sich der humor geltend; man redet sogar von einem ausgelassenen, sprudelnden humor, mit beiwörtern die das gute deutsch bisher nur auf spasz oder witz bezogen hat.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1875), Bd. IV,II (1877), Sp. 1905, Z. 75.

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Zitationshilfe
„humor“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/humor>.

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